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Datensätze aus der Wissenschaft

ALLBUS - Allgemeine Bevölkerungsumfrage für die Sozialwissenschaften

Was ist die Allgemeine Bevölkerungsumfrage für die Sozialwissenschaften (ALLBUS)?


Die Allgemeine Bevölkerungsumfrage für die Sozialwissenschaften - kurz: ALLBUS - wurde 1980 nach dem Vorbild des US-amerikanischen General Social Survey (GSS) ins Leben gerufen. Ziel war es, einerseits, sozialwissenschaftliche Forschung und Lehre mit qualitativ hochwertigen Daten zu versorgen. Das war deshalb wichtig, weil sich Teilbereiche der Sozialwissenschaften in den 1970er und 1980er Jahren von einer klassischen Buchwissenschaft zu einer empirischen Disziplin hin entwickelt haben. Andererseits wurde ein Instrument benötigt, langfristig den sozialen Wandel in Deutschland zu untersuchen. Alle zwei Jahre wird deshalb eine umfangreiche Datenerhebung durchgeführt. Im Jahr 1991 gab es eine Zusatzbefragung zur deutschen Wiedervereinigung. Seitdem werden auch die neuen Bundesländer von den Daten abgedeckt. Anders als thematisch fokussierte Spezialumfragen wie zum Beispiel das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) oder das Nationale Bildungspanel (NEPS) sollen möglichst viele Themen abgedeckt werden. Die einzelnen Befragungen enthalten deshalb jeweils ein bis zwei Schwerpunktmodule. Für viele soziale Merkmale lassen sich mit den ALLBUS Daten daher Trendanalysen über einen Zeitraum von z.T. fast 40 Jahren durchführen auch wenn nicht alle Merkmale zu jedem Erhebungszeitpunkt verfügbar sind.

Um den Einstieg mit den Daten zu vereinfachen, haben wir eine Beispielauswertung in R anhand der Frage zur Demokratiezufriedenheit in Ost- und Westdeutschland durchgeführt. Der zugehörige R-Code kann hier heruntergeladen werden.

 

Beispiele für mögliche Auswertungen


Zum Beispiel zeigen die Daten, dass seit den 1980er Jahren Kontakten zu Ausländern in Ost- und Westdeutschland erheblich zugenommen haben. Der Trend ist in beiden Landesteilen gleich - wenn auch in den neuen Bundesländern auf einem niedrigeren Niveau (Abb. 1).

 

 

 

Auch der Wertewandel lässt sich mit den ALLBUS Daten hervorragend untersuchen. In den 1970er Jahren formulierte der US-amerikanische Politikwissenschaftler die Hypothese, dass mit zunehmendem Wohlstand in modernen Gesellschaften eine Entwicklung von materialistischen Werten, die vor allem auf Autorität, Glauben und Gehorsam beruhen, zu post-materialistischen Werden, die Freiheit, Autonomie und Toleranz betonen, stattfindet. Abbildung 2 zeigt eine Abnahme des Anteils der Materialisten seit 1980 in Westdeutschland bzw. seit 1991 in Ostdeutschland. Gleichzeitig nimmt der Anteil der Postmaterialisten etwas zu. Auffällig ist, dass die Trends in Ost- und West trotz der Niveauunterschiede fast identisch sind. Die Niveauunterschiede zwischen Ost und West könnten sich aus dem Wohlstandsgefälle heraus erklären lassen.

 

Inspiration für Fragestellungen, die sich mit den ALLBUS-Daten beantworten lassen, kann auch die ALLBUS-Bibliographie liefern. Sie dokumentiert alle bekannten Arbeiten mit ALLBUS-Daten, die in Büchern oder Fachzeitschriften veröffentlicht sind oder als "graue Literatur" (Arbeitsberichte, Diplom- oder Magisterarbeiten usw.) vorliegen. Neben den bibliographischen Angaben enthält die ALLBUS-Bibliographie Abstracts der dokumentierten Arbeiten. Die Abstracts sind unter besonderer Berücksichtigung der Teile erstellt worden, für die ALLBUS-Daten verwendet wurden.

Welche Themenschwerpunkte gab es in der jüngeren Vergangenheit? 


Der Schwerpunkt der aktuellen Erhebung 2018 auf politischen Einstellungen und politischem Verhalten. Der Fragebogen enthält Fragen zur politischen Partizipation, politischem Medienkonsum, Fragen zur Wahlabsicht, Einstellungen zur Demokratie und zu zahlreichen politischen Sachthemen (Einwanderung, Homoehe, Umweltschutz etc.), Vertrauen zu Institutionen und Fragen zum sozialen Engagement. So zeigen sich zum Beispiel auch 2018 noch charakteristische Unterschiede in der Demokratiezufriedenheit zwischen Ost- und Westdeutschland. Allerdings sind die Einstellungsunterschiede in den jüngeren Kohorten etwas geringer.

 

Das Modul enthält auch die klassischen Fragen zum politischen Wissen der Bundesbürger. In der Literatur wurde hier schon oft ein Unterschied zwischen Frauen und Männern festgestellt. Auch in den 2018er Daten zeigt sich, dass Frauen eher der Ansicht sind, wenig über Politik zu wissen als Männer (Abb. 4).

 

Neu ist im Politikschwerpunkt, dass auch aktuelle Fragen zu populistischen Einstellungen in das Frageprogramm aufgenommen wurden. Populismus wird, wie in der Literatur üblich - in drei Dimensionen erfragt: Anti-Elitismus, Anti-Pluralismus und der Forderung nach direkter Volksherrschaft. Die Populismus-Fragen eigenen sich relativ gut das politische Klima abzubilden. Zum Beispiel stimmen über 30 Prozent der Westdeutschen und über 45 der Ostdeutschen der Aussage zu, dass die Politiker nur die Interessen der Reichen und Mächtigen vertreten. Die Skepsis der Ostdeutschen gegenüber den Politikern ist also etwas stärker ausgeprägt.

 

Die Erhebung im Jahr 2016 hatte den sehr aktuellen Schwerpunkt Einstellungen zu ethnischen und religiösen Minderheiten. Eine Innovation in 2016 waren Fragen nach Emotionen gegenüber verschiedenen Zuwanderungsgruppen. Die Abbildung zeigt, dass die Emotionen überwiegend positiv sind, wobei nur die Asylbewerber den Deutschen "Leid tun". Aber Asylbewerber sind eben auch die Gruppe, die den Deutschen im Vergleich eher Angst macht. Sympathisch sind den Deutschen von den vier im Fragebogen enthaltenen Gruppen, nur die Italiener.

 

Vergangene Schwerpunkte waren 2014 Einstellungen zu sozialer Ungleichheit und Gesundheitsverhalten sowie 2012 Religion und Wertorientierungen. Eine Übersicht über die Themenschwerpunkte findet sich auch auf der Webseite des ALLBUS.

 

Jeder Querschnitt enthält ein umfangreiches Modul mit Angaben zur Demographie. Dies umfasst Informationen zur Bildung, Beruf, Partnerschaft und Familie. Alle Merkmale lassen sich deshalb nach demographischen Merkmalen getrennt ausweisen (Männer vs. Frauen; Hochgebildete vs. weniger gebildete etc.). Dabei muss aber beachtet werden, dass sehr feingliedrige Unterteilungen schnell zu sehr kleinen Gruppengrößen führen.

Methodensteckbrief

  • Grundgesamtheit: Deutsche Wohnbevölkerung ab 18 Jahre in Privathaushalten (bis 1991: nur deutsche Staatsbürger).
  • Stichprobengröße: ca. 3500 Personen pro Querschnitt. Es handelt sich nicht um eine Wiederholungsbefragung derselben Personen (Panel), sondern um eine jeweils neue Stichprobe. Die neuen Bundesländer sind in der Stichprobe überrepräsentiert, um einen Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland zu ermöglichen (à siehe auch Gewichtung).
  • Erhebungsmethode: Persönlich-mündliche Befragung
  • Erhebungszeitraum: März 2018 bis September 2018 (aktuellste Erhebung)

Darf ich als Journalist die Daten nutzen?

Offiziell nicht, weil es den Nutzungsbedingungen widerspricht. Die Nutzungsbedingungen werden derzeit jedoch überarbeitet und sollen in Zukunft auch eine journalistische Nutzung zulassen. Wir empfehlen die Verwendung der ALLBUScompact Datensätze, die als Public Use Files konzipiert sind, weil sie datenschutzrechtlich unbedenklich sind.

Wo finde ich die ALLBUS Daten und wie kann ich die Daten nutzen?

Übersichtsinformationen zum ALLBUS finden sich auf der Webseite. Unter dem Reiter Downloads findet man Links zu den verschiedenen Datenangeboten. Unter dem Reiter Inhalte & Suche gibt es verschiedene Recherchemöglichkeiten. Im (leider etwas veralteten) Portal ZACAT kann man die Daten auch online auswerten.

  • Der Download der Daten erfolgt aus dem GESIS Datenbestandskatalog. Dafür ist eine Registrierung mit Email-Adresse notwendig. Die Daten stehen dann im SPSS oder Stata Format kostenfrei zum Download zur Verfügung (csv-Dateien stellen wir auf Anfrage bereit).
  • Zitieren von Daten: Am einfachsten ist, Sie zitieren einfach den Digital Object Identifyer (DOI), der als Variable im Datensatz enthalten ist. Die DOI löst auf den Katalogeintrag der Daten im Datenkatalog auf. Hier findet das interessierte Publikum alle wesentlichen Informationen zu den Daten (und auch die Daten selbst!).
  • Vorgaben zur Gewichtung der Daten beachten!

    In einigen Fällen müssen die Daten der ALLBUS Erhebungen gewichtet werden. Der Grund dafür liegt im Stichprobenverfahren.

    Fall 1: Überproportionaler Anteil von Ostdeutschen in der Stichprobe
    Um den Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland zu ermöglichen, werden seit 1991 in Ostdeutschland mehr Teilnehmer für den ALLBUS befragt, als dies proportional zur Bevölkerungsanzahl notwendig wäre. Wenn eine statistische Kennzahl (z.B. Prozentanteil, Mittelwert) für Gesamtdeutschland berechnet wird, dann gehen mehr Ostdeutsche in die Berechnung ein und der Wert ist dadurch verzerrt. Deshalb müssen die Fälle gewichtet werden. Das entsprechende Gewicht findet sich in den Daten. Die Variable heißt ab 2016 immer wghtpew. Wenn Sie Ost- und Westdeutschland vergleichen (also Prozentanteile oder Mittelwerte für beide Gruppen getrennt berechnen) brauchen Sie das Ost-West-Gewicht nicht zu verwenden.

    Fall 2: Zeitreihen
    Bis in die 1990er Jahre wurde der ALLBUS auf Basis einer Haushaltsstichprobe durchgeführt. Das hat zur Folge, dass Bürger in großen Haushalten eine geringere Auswahlwahrscheinlichkeit haben, als Personen in kleineren Haushalten. In den 1990er Jahren wurde das Stichprobenverfahren auf Personenstichproben umgestellt. Will man Mittelwerte über Zeit vergleichen, muss gewichtet werden, um die Unterschiede im Auswahlrahmen zu korrigieren. In den allermeisten Fällen werden Personenmerkmale (z.B. politische Meinungen, Verhaltensweisen) berichtet. Dann muss für eine Zeitreihe, die in die 1990er und darüber hinaus reicht, ein Personentransformationsgewicht verwendet werden. Werden Haushaltsmerkmale geschätzt (z.B. das Haushaltseinkommen), wird ein Haushaltstransformationsgewicht verwendet. Beide Gewichte sind im Datensatz enthalten.

    Details zur Gewichtung können den Variable Reports zu den jeweiligen Datensätzen entnommen werden, die ein Kapitel zur Gewichtung enthalten.

Was macht die Qualität der ALLBUS Daten aus?

  • Das Stichprobenverfahren

    Wenn Wissenschaftler Daten auswerten, wollen sie die Ergebnisse in der Regel auf bestimmte Populationen verallgemeinern. Oft wird dabei von der Repräsentativität der Daten gesprochen. Gemeint ist damit in der Regel, dass Bestimmte Merkmale in der Stichprobe (z.B. Bildungsabschlüsse, Konfessionszugehörigkeit) mit den Angaben aus der amtlichen Statistik übereinstimmen.

    Für die Anwendung von Verfahren der schließenden Statistik ist jedoch wichtiger, wie die Stichprobe gezogen wurde. Um die "Signifikanz" von Zusammenhängen zu prüfen, braucht es eine Zufallsstichprobe.

    Die ALLBUS Stichprobe beruht auf einer zweistufigen Auswahl. Zunächst wird - geschichtet proportional zur Bevölkerungsgröße - eine Zufallsauswahl von Gemeinden aus jedem Bundesland gezogen. Die insgesamt ca. 150 Gemeinden werden gebeten, eine Zufallsauswahl von Personen aus den Melderegistern zu ziehen, die dann für die ALLBUS Befragung kontaktiert werden.

  • Das Erhebungsverfahren

    Die Zielpersonen von ALLBUS werden persönlich-mündlich befragt. Das bedeutet die Interviewer des Feldinstitutes vereinbaren einen Termin mit den Zielpersonen und führen die Befragung computerunterstützt bei einem persönlichen Treffen durch. Diese Form der Befragung bietet - trotz wachsender Bedeutung von Online-Befragungen - noch immer die höchste Datenqualität (schon deshalb, weil noch immer ein Teil der Bevölkerung off-line ist und Wahrscheinlichkeitsstichproben für ein online-sample zu ziehen auch sehr aufwendig ist).

  • Die Qualitätssicherung

    Es gibt im Erhebungsprozess viele Fehlerquellen. Manchmal werden die Interviews nicht ordnungsgemäß durchgeführt, manchmal schleichen sich Fehler in der Datenbearbeitung ein. Deshalb werden die Daten intensiv qualitätsgesichert. Interviews werden auf Hinweise für (Teil-)Fälschungen hin untersucht, die Filterführung des Fragebogens wird überprüft.

  • Dokumentation der Daten

    ALLBUS Daten werden sehr detailliert dokumentiert. Der Datensatz enthält aussagekräftige Label für Variablen und die Werte der Variablen. Neben einer vollständigen Fragebogendokumentation ist auch ein Variable Report erhältlich. Hier werden alle notwendigen Besonderheiten zu den Fragen berichtet und die (gewichteten) Auszählungen berichtet. Die Einleitung erläutert die wichtigsten Informationen zur Gewichtung und andere technische Informationen. Der Variable Report ist also ein schneller Einstieg in die Daten und deren Analyse. Details zu Inhalten und Methoden der Befragung finden sich im Methodenbericht auf der Webseite zum Download (leider dauert es immer etwas, bis die Berichte verfügbar sind).

Was sind derzeit die größten Herausforderungen für ALLBUS und die Umfrageforschung?

Leider wird es immer schwerer, die zufällig ausgewählten Zielpersonen für eine Beteiligung an der Befragung zu gewinnen. Die Ausschöpfungsquoten liegen aktuell etwa bei 35 Prozent (d.h. nur eine von drei kontaktierten Personen nimmt auch an der Befragung teil). Und das, obwohl wir den Aufwand für die Überzeugung der Befragten erheblich gesteigert haben. Die Gründe für die sinkende Teilnahmebereitschaft sind vielfältig. Möglicherweise ist die Befragung mit 60 Minuten einfach zu lang. Maßnahmen gegen sinkende Beteiligung sind für die Umfrageforschung insgesamt eine große Herausforderung.

Eine Folge der sinkenden Teilnahmebereitschaft ist auch, dass die Zusammensetzung der Stichprobe immer stärker von der Zusammensetzung der bundesdeutschen Wohnbevölkerung abweicht. Vor allem die weniger gebildeten Personen sind in der Stichprobe weniger häufig vertreten, als dies aufgrund von Daten aus dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes vermutet werden würde

Kontakt

Bei Fragen zu den Daten hilft Ihnen das Forschungsdatenzentrum ALLBUS bei GESIS gerne weiter. Ihr Ansprechpartner ist Pascal Siegers (pascal.siegers@gesis.org, Tel. 0221 47694 419).

Kurzfristige Auswertungen "auf Bestellung" sind in der Regel nicht möglich. Dafür ist das ALLBUS Team personell zu schwach aufgestellt.