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29.06.2020

Was bringen Ziele für nachhaltige Entwicklung?

Anlass

Anfang 2016 haben die UN ihre Millennium-Ziele durch 17 Ziele für Nachhaltige Entwicklung ersetzt. Diese „Sustainable Development Goals“ (SDGs) sind politische Zielsetzungen für eine nachhaltige Entwicklung auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene. Bis zum Jahr 2030 sind alle Staaten der Erde somit Zielen verpflichtet, zu denen unter anderem Ernährungssicherheit, Zugang zu sauberem Wasser, nachhaltige Stadtentwicklung, Schutz mariner und terrestrischer Ökosysteme und nachhaltiger Konsum gehören. Diese SDGs sind jedoch womöglich nicht geeignet, Schaden für die Umwelt zu verhindern und die Biodiversität zu schützen. Zu diesem Schluss kommt ein Autorenteam um Yiwen Zeng, deren Studie am Montag den 29.06. in „Nature Sustainability” veröffentlicht wurde (siehe Primärquelle).

Die Autorinnen und Autoren haben die Performance von Ländern bei Indikatoren der Sustainable Development Goals, die mit Umwelt zu tun haben, mit anderen, unabhängigen Maßstäben verglichen. Dabei stellten sie fest, dass eine gute Performance bei den zu den SDGs gehörigen Indikatoren weniger mit einer guten Performance bei umweltbezogenen unabhängigen Scores korreliert, und mehr mit einer guten Performance bei sozioökonomischen Scores. Sie kommen zu dem Schluss, dass die SDGs eher sozioökonomische Aspekte messen und weniger den Umweltaspekt. Sie befürchten daher, dass SDGs als Ablenkung oder Rechtfertigung missbraucht werden könnten, wenn Länder bei guter Performance in den SDG-relevanten Faktoren darüber hinwegtäuschen, dass sie sich trotzdem umweltschädigend verhalten.

Die Autorinnen und Autoren haben das Abschneiden mehrerer Nationen untersucht und ermittelt, wie diese bei Indikatoren, die mit Umwelt zu tun haben, abschneiden und mit 11 Kriterien verglichen, die sie als anerkannt und unabhängig bezeichnen. Der Vergleich zeigte: Länder, die bei den SDG-Indikatoren gut abschnitten, zeigen bei den anderen Kriterien Stärken in der sozio-ökonomischen Entwicklung, jedoch keine besonders guten Werte bezogen auf Umwelt-Kriterien.

Die Forscher ziehen aus diesem Ergebnis den Schluss, dass die Nachhaltigkeitsziele der UN eher sozio-ökonomische Aspekte messen und weniger Umweltaspekte. SDGs könnten daher als Ablenkung oder Rechtfertigung missbraucht werden, um darüber hinwegzutäuschen, dass Nationen mit guten SDG-Werten trotzdem umweltschädigend handeln.

Die Wissenschaftler regen an, die nachhaltigen Entwicklungsziele zu überarbeiten. Es seien mehr Daten notwendig, um besser beurteilen zu können, welche Faktoren wirklich für mehr Umweltschutz sorgen. Auf dieser Basis könne man die SDGs so überarbeiten, dass sie ihren angedachten Zweck in Bezug auf Schutz der Biodiversität und Umwelt besser gewährleisten.

 

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Helmut Haberl, außerordentlicher Professor am Institut für Soziale Ökologie, Department für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), Wien, Österreich
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  • Privatdozent Dr. Jens Jetzkowitz, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Museum und Gesellschaft, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung (MfN), Berlin
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  • Dr. Robert Lepenies, Wissenschaftler, Themenbereich Umwelt und Gesellschaft, Department Umweltpolitik, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH (UFZ), Leipzig und Member of the Global Young Academy (GYA)
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Statements

Prof. Dr. Helmut Haberl

außerordentlicher Professor am Institut für Soziale Ökologie, Department für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), Wien, Österreich

„Die Messung des Fortschritts in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung ist eine schwierige und komplexe Herausforderung. Der vorliegende kurze Artikel vergleicht die international vereinbarten SDG-Indikatoren mit anderen Indikatoren und stellt eine beträchtliche Diskrepanz fest. Die AutorInnen fokussieren dabei vor allem auf die zweifellos wichtige Frage der Erhaltung der Biodiversität und befürchten, dass die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) eine Nebelgranate (‚smokescreen‘) seien, welche die fortschreitende Naturzerstörung übertünchen sollten.“

„Die Ergebnisse halte ich insofern für relevant, weil die Festlegung der SDG-Indikatoren auf einem Konsensprozess zwischen Wissenschaft und Praxissystemen – Politik, Administration und weitere – beruht, der aufwendig und langsam ist. Da besteht immer die Gefahr, dass entscheidende Aspekte ausgeblendet werden, weil sie mächtigen Interessen zuwiderlaufen. Die Studie gibt einen Hinweis, dass das auch auf die SDG-Indikatoren zutrifft. Dies erscheint mir als relevanter genereller Input in die Diskussion für die Implementierung der SDGs.“

„Mich haben die Ergebnisse aber nicht wirklich überrascht. In der Indikatorenforschung ist lange bekannt, dass die Auswahl von Indikatoren in einem Indikatorensystem einen starken, oft bestimmenden Einfluss auf dessen Gesamtaussage hat – was hier bestätigt wird.“

„Problematisch erscheint mir der Ansatz, über viele Länder und Indikatoren hinweg vereinfachte, hoch aggregierte Aussagen zu treffen. Dabei werden verschiedene Ebenen – sozioökonomische Entwicklung, Zustand beziehungsweise Druck auf Biodiversität – pauschal in Beziehung gesetzt, was ich nicht überzeugend gelöst finde. Ich persönlich würde eine spezifischere, stärker eingegrenzte Analyse interessanter finden, die stärker auf die Wirkmechanismen des Biodiversitätsverlusts und die Aussagekraft einzelner Indikatoren abzielen würde. Dies würde allerdings erheblich aufwendigere Methoden erfordern.“

„Die Bedeutung der SDGs besteht darin, dass sie auf höchster politischer Ebene offiziell anerkannt wurden und damit bis tief hinein in Politik und Administration Handlungsbedarf auslösen. Zweifellos gibt es einen Tradeoff zwischen politischer Akzeptanz – tendenziell die Verwässerung von Kriterien in eine Richtung, die Staaten glauben, erfüllen zu können – und Schärfe der Analyse. Die vorliegende Studie zeigt das in Ansätzen auf. Eine Verbesserung der SDG-Indikatoren ist wichtig, an dieser Stelle stimme ich den AutorInnen zu. Aber dafür liefert diese Studie recht wenig konkrete Anleitungen. Dies bräuchte konkrete Analysen von Indikatoren, die spezifische Aspekte vom Zustand der beziehungsweise dem Druck auf Biodiversität abbilden können. Damit könnten bessere Indikatoren abgeleitet werden, deren Implementierung das Indikatorensystem insgesamt verbessern würde.“

Privatdozent Dr. Jens Jetzkowitz

wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Museum und Gesellschaft, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung (MfN), Berlin

„Die Studie ist ein wichtiger Beitrag, der einer seit einiger Zeit gehegten Befürchtung von Biodiversitäts- und Nachhaltigkeitsforscher*innen Substanz verleiht: dass in der internationalen wie nationalen Politik höchst selektiv Ziele für nachhaltige Entwicklungen (SDGs) angestrebt werden. Funktionieren können die SDGs nur, wenn die Erhaltung der Biosphäre als Grundlage für alle sozioökonomischen Ziele in der Politik Priorität erhält.“

„Das Forscher*innen-Team hat eine kreative und sachgerechte Analyse vorgelegt, um diese Befürchtung zu prüfen. Dass ein effektives Arten-Monitoring zu einer verlässlicheren Analyse von Biodiversitätsveränderungen beitragen kann, ist aus der Biodiversitätsforschung schon lang an die politischen Entscheider herangetragen worden – leider ohne den gewünschten Erfolg. Dass global wie regional (in Europa) effektive Maßnahmen zum Schutz der Biosphäre nicht getroffen werden, liegt allerdings nicht an fehlenden Daten. Sogar Maßnahmen hierfür sind im IPBES Global Assessment (IPBES – Weltbiodiversitätsrat; Anm. d. Red) und durch den special report des IPCC (Weltklimarat; Anm. d. Red.) zum 1,5-Grad-Ziel evaluiert worden; von der Politik werden diese aber offensichtlich ignoriert.“

Dr. Robert Lepenies

Wissenschaftler, Themenbereich Umwelt und Gesellschaft, Department Umweltpolitik, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH (UFZ), Leipzig und Member of the Global Young Academy (GYA)

„Die Relevanz der Studie ist gegeben, denn die Relevanz des Themas ist hoch.“

„Im Juli 2020 wird das HLPF, das Hochrangige Politische Forum für Nachhaltige Entwicklung (High-level Political Forum on Sustainable Development) der Vereinten Nationen (VN) erstmals rein virtuell tagen. Es ist das zentrale Organ der VN für nachhaltige Entwicklung, in dem sich die VN-Mitgliedsstaaten über die Umsetzung der Agenda 2030 austauschen.“

„Vermutlich wird es auch in diesem Jahr weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit stattfinden. Es ist erstaunlich, dass dieses Forum – wie auch andere wichtige Aspekte der politischen Einbettung der SDGs – im Artikel keine Erwähnung finden. Der Artikel bezieht sich ausschließlich auf SDG-Indikatoren, die seit fünf Jahren in einem zähen Aushandlungsprozess der internationalen statistischen Community diskutiert werden – deren politische Bedeutung und Wirkmacht allerdings noch ungeklärt ist. Der Artikel reflektiert nicht genügend, welche Akteure diesen SDG-Indikatoren eigentlich eine größere Bedeutung zuweisen.“

„Es besteht insofern Hoffnung auf eine umfassendere Umsetzung der SDGs, als dass das diesjährige HLPF viel mehr vom ebenfalls im Artikel nicht erwähnten Global Sustainable Development Report (GSDR) [1] beeinflusst ist, in dem – ähnlich wie bei anderen wissenschaftlichen Assessments beispielsweise den IPCC- und IPBES-Berichten – von einer breiten wissenschaftlichen Community aufgezeigt wird, welche Nachhaltigkeitstransformationen in verschiedenen Feldern notwendig sind, um die SDGs zu erreichen. Im politischen und wissenschaftlichen Mittelpunkt stehen also eher die 2015 politisch vereinbarten Nachhaltigkeitsziele und -targets, und weniger das davon getrennt zu betrachtende globale Indikatorensystem.“

„Die Studie erscheint zu einem guten Zeitpunkt, auch wenn sie wichtige politische Prozesse und Akteure unerwähnt lässt, die letztendlich für die Umsetzung der SDGs entscheidend sind. Dieses Fehlen einer Governance-Perspektive zeigt sich dann auch im Vorschlag der AutorInnen, dass es zuvorderst bessere Indikatoren und Monitoringsysteme bräuchte, um den globalen Herausforderungen nach 2030 gerecht zu werden.“

„Die Kernaussage der Studie, dass eine gute Performance bei SDG-Indikatoren mit einer guten Performance bei sozioökonomischen ‚Scores‘ korreliert, ist nicht sehr verwunderlich, wenn man die Konstruktion von SDG-Indikatoren näher betrachtet. Diese nutzen in ihrem Design häufig Parameter, die sich auf das Bruttoinlandsprodukt und ökonomische Kennzahlen beziehen und die dadurch bereits in ihrer Konstruktion durch eine wachstumsorientierte, ökonomische Sichtweise vorgeprägt sind. Die Studie leistet in ihrer systematischen Auswertung der SDG-Indikatoren jedoch einen guten Beitrag dazu, die untergeordnete Bedeutung von Umwelt- und Naturschutzzielen in der internationalen SDG-Politik und Statistik darzustellen, die allerdings andernorts detaillierter erklärt werden [2] [3].“

„Selbstverständlich ist es schwierig, eindeutige Kausalbeziehungen zwischen den SDGs und deren gesellschaftlichen, politischen und Umweltwirkungen herzustellen – gleichzeitig wird Ähnliches in der Umweltforschung versucht [4] [5]. Die SDGs sind in jedem Fall die einzige global sichtbare, integrierte Nachhaltigkeitsagenda, die wir haben.“

„Wichtig ist vor allem, inwieweit die SDGs von den VN-Mitgliedsländern national und regional umgesetzt werden. In Deutschland geschieht dies durch die ebenfalls wenig bekannte deutsche Nachhaltigkeitsstrategie [6], die in einem wissenschaftlichen Konsultationsprozess (der WPN2030) als zaghaft, unterambitioniert und politisch unsichtbar beschrieben wird [7] .“

„Gleichzeitig gibt es gerade beim Aufbau des globalen Monitorings von SDG-Indikatoren positive Entwicklungen, von denen wir auch in der Umweltforschung profitieren, und die einen besseren, regional aufgelösten Einblick über Nachhaltigkeitsherausforderungen weltweit gibt. Anders als bei den MDGs (Millennium Development Goals, Vorgänger der SDGs; Anm. d. Red.) ist nun auch die Einbindung politischer Akteure vor Ort viel größer als früher.“

„Hier muss man die SDGs – also die zwischenstaatlich beschlossenen Nachhaltigkeitsziele von 2015 – und den Indikatorenrahmen – der von der internationalen statistischen Gemeinschaft diskutiert wird – trennen. Der vorliegende Artikel von Zeng et al. vermischt diese Prozesse und kann dadurch auch keine adäquaten Politikempfehlungen geben. Eine Anpassung der SDG-Indikatoren, die ja global auch noch nicht fertig beschlossen sind, wäre an dieser Stelle wohl nicht sinnvoll – auch weil die aktuelle Debatte hier schon weiter ist. Der Global Sustainable Development Report steht für eine Perspektive, die – ganz im Sinne der AutorInnen – eine Umsetzung der SDGs für mehr Umwelt-, Klima- und Biodiversitätsschutz einfordert, Verknüpfungen zwischen den Zielen herausstellt und auf Synergien und Trade-offs hinweist.“

„Die AutorInnen, hauptsächlich ExpertInnen auf dem Gebiet der Biodiversitäts- und Naturschutzforschung, verweisen auf die Ergebnisse des globalen IPBES-Reports (2019). In der Tat sollte stärker diskutiert werden, wie die Ergebnisse dieses Berichts in die Umsetzungsdebatte der SDGs einfließen können, und welche Rolle Politik, Wissenschaft und Medien dabei spielen können.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Helmut Haberl: „Kein Conflict of Interest, ich kenne die AutorInnen nicht.“

Privatdozent Dr. Jens Jetzkowitz: „Ein Interessenkonflikt liegt bei mir nicht vor.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Zeng Y et al. (2020): Environmental destruction not avoided with the Sustainable Development Goals. Nature Sustainability. DOI: 10.1038/s41893-020-0555-0.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Website: Sustainable Development Goals Knowledge Platform der Vereinten Nationen.

[2] Fukuda-Parr S et al. (2019): Knowledge and Politics in Setting and Measuring the SDG's: Introduction to Special Issue. Global Policy; 10 S1: 5-15. DOI: 10.1111/1758-5899.12604.

[3] Lepenies P et al. (2017): Globale politische Ziele. Bestandsaufnahme und Ausblick des Post-2015 Prozesses. S.1-10.

[4] Website: PEER – Partnership for European Environmental Research.

[5] Website: Global Goals – Research for Sustainability.

[6] Die Bundesregierung: Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie.

[7] Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030: Bitte wenden! Wissen(schaft) für eine nachhaltige Entwicklung Deutschlands. Eine kritische Reflexion der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030anlässlich der Fortschreibung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie.

Weitere Recherchequellen

Science Media Center (2019): Globales Assessment des Weltbiodiversitätsrates. Research in Context. Stand: 06.05.2019.