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01.07.2019

Künftige fossile Kraftwerke bedrohen 1,5-Grad-Ziel

Anlass

Wenn das Pariser Abkommen zum Klimaschutz, die globale Erwärmung bis 2050 auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, erfolgreich sein soll, dann könnte es sehr eng werden – so stellt es eine neue Studie einer chinesisch-US-amerikanischen Gruppe von Forschern fest. Sie nutzten Datensätze über alle bestehenden, geplanten, genehmigten und im Bau befindlichen Kraftwerke für fossile Brennstoffe ab Ende 2018 und rechneten so die zukünftigen CO2-Emissionen hoch. Ergebnis der Bilanz: Wenn all die weltweit geplanten Kraftwerke so gebaut werden, dann ist die Menge der entstehenden CO2-Emissionen größer als die für das Paris-Ziel maximal erlaubte Menge.

Damit, so die Autoren, könne das 1,5-Grad-Celsius-Ziel nur noch durch negative Emissionsstechnologien, also CO2-Abscheidung und -Speicherung (carbon dioxide capture and storage CCS) erreicht werden, oder durch ein globales Verbot aller neuen CO2-emittierenden Anlagen. Viele der bereits angedachten Kraftwerke auf Basis fossiler Brennstoffe müssten dann in ihrer Laufzeit verkürzt werden.

Diese Bilanz erschien als Research Letter im Fachjournal Nature (Primärquelle).

 

Übersicht

  • Prof. Dr. Frank Jotzo, Forschungsdirektor der Crawford School of Public Policy und Direktor Centre for Climate Economics and Policy, Australian National University, Canberra, Australien
  • Matthias Honegger, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe Climate Engineering in Science, Society and Politics, Institute for Advanced Sustainability Studies e.V. (IASS), Potsdam und Copernicus Institute, Universität Utrecht, Niederlande
  • Lambert Schneider, Forschungskoordinator für internationale Klimapolitik, Abteilung Energie und Klimaschutz, Öko-Institut Berlin
  • Prof. Dr. Sabine Fuss, Leiterin der Arbeitsgruppe Nachhaltiges Ressourcenmanagement und globaler Wandel, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change gGmbH (MCC), Berlin
  • Prof. Dr. Niklas Höhne, Leiter und Geschäftsführer, New Climate Institute, Köln und Professor für Klimaschutz, Wageningen Universität, Niederlande

Statements

Prof. Dr. Frank Jotzo

Forschungsdirektor der Crawford School of Public Policy und Direktor Centre for Climate Economics and Policy, Australian National University, Canberra, Australien

„Neue Kohlekraftwerke wären mit 1,5 Grad Emissionspfaden nur vereinbar, wenn sie schon nach relativ kurzer Laufzeit stillgelegt würden, oder in Zukunft durch negative Emissionen voll kompensiert werden. Beide Optionen wären teuer und werden wohl nur bedingt umgesetzt werden.“

„Eine Begrenzung auf 1,5 Grad bräuchte ein weltweit extrem starkes Durchgreifen bei den Emissionen, und dies erscheint höchst unwahrscheinlich. Eine Begrenzung auf 2 Grad ist das realistischere Ziel. Allerdings können neu gebaute Kohlekraftwerke auch im 2-Grad-Fall nicht für ein halbes Jahrhundert ohne CCS laufen.“

„Glücklicherweise wendet sich das Blatt für geplante Neuinvestitionen. Erneuerbare Energien gewinnen rasch an Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu neu zu bauenden Kohlekraftwerken. Die Industriestaaten täten gut daran, den Ausbau der Erneuerbaren in Entwicklungsländern im großen Stil zu unterstützen.“

Matthias Honegger

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe Climate Engineering in Science, Society and Politics, Institute for Advanced Sustainability Studies e.V. (IASS), Potsdam und Copernicus Institute, Universität Utrecht, Niederlande

„Die Physik ist klar und deutlich: Eine Stabilisierung des Klimasystems geschieht erst dann, wenn die CO2-Emissionen auf Netto Null gebracht werden. Um die Stabilisierung unterhalb von 1,5 Grad zu erreichen, muss dies innerhalb von weniger als 15 Jahren erreicht werden. Das bedeutet in erster Linie ganz eindeutig, dass die verhältnismäßig einfach zu dekarbonisierenden Bereiche komplett auf Null-Emissionstechnologien transformiert werden müssen. Auch die Ökonomie ist deutlich: Der Stromsektor ist erfreulicherweise der Bereich, in dem sofortiges Handeln nicht nur physikalisch, sondern auch finanziell notwendig ist: Ein sofortiger Investitionsstop in Kohlekraftwerke zugunsten von CO2-neutraler Stromproduktion ist für Investoren zwingend: Wie der Artikel darlegt, müssen sich Investitionen in Kraftwerke über viele Jahrzehnte rentieren, Anlagen, die vor ihrer regulären Investitions-Lebensdauer dekommissioniert werden, bewirken massive wirtschaftliche Schäden. Dies wäre im Fall neuer Kohlekraftwerke eindeutig der Fall.“

„Kohlekraft mit CCS ist preislich wohl nicht mehr konkurrenzfähig mit sauberen Energiequellen, außerdem hat die Kohlekraft keinen Platz in der Energiezukunft. Insofern sollten bestehende Kohlekraftwerke durch eine rasche Steigerung der Stromproduktionskapazität durch CO2-freie Energiequellen obsolet gemacht werden. Da, wo ausgleichende Gaskraftwerke erneuerbare Stromnetze in den nächsten Jahren ermöglichen, werden diese wohl nur so selten genutzt, dass sich die Investition in CCS da nicht lohnt. In anderen Bereichen ist CCS jedoch unabdingbar: Es gibt viele Industriezweige, welche unvermeidbare CO2-Emissionen mit sich bringen. Dies ist insbesondere der Fall bei der Zementherstellung, der Herstellung verschiedener Bau-, Verpackungs- und anderer Stoffe in Produkten, die in unserem Alltag nicht mehr wegzudenken sind (wie zum Beispiel Hygieneprodukte, Klebstoffe und so weiter). Diese könnten jedoch durch CO2-Abscheidung und geologische Speicherung zum Beispiel auch in Gesteine vor der Niederländischen oder Norwegischen Küste dekarbonisiert werden. Dass dies für die Stabilisierung des Klimasystems (eine komplette Eliminierung der globalen CO2-Emissionen auf Netto-Null) wohl notwendig ist, hat der Weltklimarat schon vor vielen Jahren mit großer Deutlichkeit festgehalten. Es geht dabei nicht um ein Entweder-Oder verschiedener Technologien und Handlungsweisen, sondern um ein ergänzendes Miteinander. Dass wir auf dem Weg zu Netto-Null-Emissionen alle robusten Ansätze mobilisieren müssen, zeigt uns nicht zuletzt die immense Lücke zwischen dem 1,5-Grad-Pfad und den heute geplanten nationalen Reduktionsbeiträgen: Die heutigen Beiträge aller Staaten müssten zur Erreichung der 1,5-Grad-Stabilisierung verfünffacht werden.“

„Wir können uns nicht um den Braunkohle-Ausstieg drücken. Die Stabilisierung des Klimasystems erfordert die komplette Eliminierung der globalen CO2-Emissionen auf Netto-Null. Die Physik lässt hier nicht mit sich verhandeln. Außerdem: Welchem Beispiel sollten andere mitten in ihrer Entwicklung begriffene Staaten folgen, wenn ein hochentwickeltes Land wie Deutschland nicht vorangeht? Daneben ist eine Förderung zur Beschleunigung der Dekarbonisierung in anderen Ländern jedoch auch sehr sinnvoll. Nicht nur können in solchen in raschem Wachstum begriffenen Ländern dadurch schädliche Luftverschmutzung mit massivsten Gesundheitsschäden sowie CO2-Emissionen eingedämmt werden, sondern es bietet sich möglicherweise auch eine Gelegenheit in der Zusammenarbeit deutsche Technologie und deutsches Know-How zur Anwendung zu bringen. Außerdem haben viele noch weniger entwickelte Länder Klimaziele, welche auf internationale Unterstützung angewiesen sind. Diese Länder würden sonst einem umwelt- und gesundheitsschädlichen Entwicklungspfad folgen.“

Lambert Schneider

Forschungskoordinator für internationale Klimapolitik, Abteilung Energie und Klimaschutz, Öko-Institut Berlin

„Die Schlussfolgerungen sind plausibel und alarmierend. Sie machen deutlich, wie unvereinbar der Neubau und unverminderte Weiterbetrieb von Kohlekraftwerken mit den Klimazielen des Pariser Übereinkommens sind. Leider werden Kohlekraftwerke von einigen Ländern immer noch massiv subventioniert. Anstelle von solchen Subventionen brauchen wir eine effektive Bepreisung des CO2-Ausstoßes. Die Studie zeigt auch, dass China eine Schlüsselrolle zukommt. Im kommenden Jahr will China ein nationales Emissionshandelssystem einführen. Für die zukünftige Entwicklung in China könnte es entscheidend sein, ob dieses System effektiv ausgestaltet wird und zu ausreichend hohen CO2-Preisen führt.“

„Wir sollten am besten überhaupt keine neuen Kohlekraftwerke mehr bauen. Die CCS-Technik kann eine Rolle spielen, aber sie wird auch gebraucht werden, um durch den Einsatz von Biomasse CO2 wieder aus der Atmosphäre zu holen. Zudem gibt es Alternativen: Erneuerbare Energien werden immer günstiger, wir haben ein riesiges Potenzial für Energieeinsparungen und Gaskraftwerke können eine Übergangsrolle spielen.“

„Um die Ziele des Pariser Abkommens noch zu erreichen, brauchen wir eine Kehrtwende in allen Ländern. Wir müssen deshalb sowohl in Deutschland massiv Emissionen reduzieren als auch weniger entwickelte Länder dabei unterstützen. Es ist ein wichtiges Signal, dass immer mehr Länder nun einen Ausstieg aus der Kohle beschließen.“

Prof. Dr. Sabine Fuss

Leiterin der Arbeitsgruppe Nachhaltiges Ressourcenmanagement und globaler Wandel, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change gGmbH (MCC), Berlin

„Die Wissenschaftler – vor allem Dr. Davies – haben zu diesem Thema schon häufiger hochrangig publiziert und ihre Methoden sind anerkannt. Sie machen auch die Sensitivität der Ergebnisse abhängig von den Unsicherheiten ihrer Annahmen in Form der möglichen Spannbreite der Resultate transparent. Selbst das untere Ende des Spektrums (263 Gigatonnen CO2) rechtfertigt aber die Hauptaussage, dass hiermit das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels gefährdet wird. Um dies mit 66 Prozent Wahrscheinlichkeit zu erreichen, schätzte der IPCC Sonderbericht zu 1,5 Grad globaler Erwärmung das ausstehende CO2-Budget auf 420 Gigatonnen CO2. Das war 2018 – dem Jahr, in dem weitere 42 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre entlassen wurden.“

„Wenn das 1,5-Grad-Ziel noch erreicht werden soll, dann muss Mitte des Jahrhunderts bereits CO2-Neutralität erreicht werden. Das heißt, dass wir dann jede Tonne CO2, die in die Atmosphäre entlassen wird, auch wieder herausholen müssen. CCS ist eine Möglichkeit, die Emissionen von Kohlekraftwerken gering zu halten, wichtiger aber kann es in anderer Verbindung auch für CO2 Entnahmen genutzt werden, und es ist auch eine wichtige Klimaschutzoption für die Industrie, die sich auch rapide dekarbonisieren muss. Sinnvoller ist es also, keine weiteren Kohlekraftwerke zu bauen, wenn wir uns das 1,5-Grad-Ziel setzen.“

„Es ist nichts gegen Förderungen von Emissionsreduktionen in Indien oder Vietnam einzuwenden, aber weitere Verzögerungen beim deutschen Kohleausstieg wären weder klimapolitisch noch wirtschaftlich sinnvoll.“

Prof. Dr. Niklas Höhne

Leiter und Geschäftsführer des New Climate Institute, Köln und Professor für Klimaschutz, Wageningen Universität, Niederlande

„Der Artikel bestätigt, dass uns die Zeit davonrennt. Da der Klimaschutz in den letzten zehn Jahren zu langsam vorangekommen ist, müsste jetzt kräftig nachgeholt werden. Für eine CO2-freie Welt 2050 dürfte ab heute nur noch in CO2-freie Technologien investiert werden, das heißt in Null-Energie-Häuser, in CO2-freie Fahrzeuge und nicht in Kohle- oder Gaskraftwerke. Das meiste, was heute gebaut wird, läuft auch noch 2050.“

„Deutschland spielt im globalen Klimaschutz eine besondere Rolle. Nur wenn Deutschland der Kohleausstieg gelingt, können auch andere Länder davon überzeugt werden, dasselbe zu tun. Zusätzlich bringt Deutschland als Vorreiter Technologien voran, wie günstigen Strom aus Sonne und Wind, die dann von anderen genutzt werden können. Es ist also gar keine Frage, dass wir uns um deutsche Treibhausgasemissionen zuerst kümmern müssen, weil das erst Veränderungen in anderen Ländern ermöglicht.“

„Eine Welt ohne Kohle, Öl und Gas ist möglich. Immer mehr Länder, Bundesstaaten, Städte und Unternehmen setzen sich solche Ziele. Prominente Beispiele sind Kopenhagen (2030), Norwegen (2030), Finnland (2035), Kalifornien (2045), Großbritannien (2050).“

„China und Indien haben Planungen für zukünftige Kohlekraftwerke massiv zurückgefahren, weil sie sich nicht mehr rechnen. Indien kommt vielleicht ohne Neuplanungen aus, China legte aber jüngst wieder zu. Die großen Energieversorger von Indonesien und Südafrika sind kurz vor der Insolvenz, weil sich selbst in diesen Ländern mit großen Kohlevorkommen Kohlekraftwerke nicht mehr rentieren. Diese Entwicklungen sind nur möglich, weil in Deutschland die erneuerbaren Energien gefördert wurden.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Frank Jotzo: „Ich habe keine Interessenkonflikte.“

Lambert Schneider: „Ich habe bei diesem Thema keinen Interessenskonflikt.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Tong D et al. (2019): Committed emissions from existing energy infrastructure jeopardize 1.5 °C climate target. Nature. DOI: 10.1038/s41586-019-1364-3. 

Weitere Recherchequellen

Science Media Center Germany (2018): Das Kohlendioxid muss raus. Fact Sheet zum Thema CO2-Entnahmetechniken, CCS. Stand: 21.12.2018.