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26.11.2019

Ketamin verringert Verlangen nach Alkohol

Anlass

Eine einmalige Dosis des Wirkstoffes Ketamin hilft Menschen, die viel Alkohol trinken offenbar dabei, ihren Konsum zu reduzieren. Das könnte Alkoholabhängige unterstützen, ihre Sucht zu bekämpfen. Britische Wissenschaftler aus London untersuchten diese Wirkung in einer experimentellen Studie, die sie in „Nature Communications” veröffentlicht haben (siehe Primärquelle).

Menschen werden drogenabhängig, weil die positive Erfahrung des Rausches das Belohnungssystem des Gehirns stimuliert. Bei mehrfacher Erfahrung manifestiert sich das Gefühl eines Rausches als eine Erinnerung im Gedächtnis und ein starker Wunsch entsteht, erneut die Droge zu konsumieren. Jedes Mal, wenn jegliche Erinnerung im Gedächtnis abgerufen wird, durchläuft das Gehirn einen aktiven Prozess – die Rekonsolidierung. Die Erinnerung ist während dieses Prozesses veränderbar und wird jedes Mal neu abgespeichert. Eben diese Abspeicherung des guten Gefühls der Sucht kann der Wirkstoff Ketamin offenbar verhindern. Er blockiert einen wichtigen Rezeptor im Gehirn, der eine Rolle bei der Rekonsolidierung von Erinnerungen spielt.

In die Studie zur Wirkung von Ketamin schlossen die Wissenschaftler 90 Personen ein, die offiziell keine Alkoholabhängigkeit diagnostiziert hatten, aber pro Woche mehr als 40 (Männer) beziehungsweise 30 Units (Frauen) Alkohol trinken, vorzüglich Bier. Zehn Units sind umgerechnet 2,5 Liter Bier (3,8-prozentig) [I]. Der Testgruppe wurden Bilder von Bier vorgelegt, die die Erinnerung an den Konsum reaktivierten. Sie erhielten aber im Anschluss nicht die zu erwartende Belohnung, sondern eine intravenöse Infusion Ketamin. Die Teilnehmer berichteten in den folgenden zehn Tagen, dass ihr Drang, Bier zu trinken, stark gesunken sei. Dieser Effekt hielt über eine neunmonatige Nachbeobachtungszeit an.

Ketamin wird klinisch häufig als Beruhigungs- oder Schmerzmittel eingesetzt. Allerdings wird der Wirkstoff auch als Partydroge verwendet, der sich bei mehrfacher hochdosierter Anwendung negativ auf die Gedächtnisleistung auswirkt und zu Depressionen führen kann.

 

Statement

Prof. Dr. Ben Becker

Professor am Clinical Hospital of the Chengdu Brain Science Institute, Key Laboratory for Neuroinformation, University of Electronic Science and Technology, Chengdu, China

„Lern- und Gedächtnisprozesse spielen bei der Entwicklung der Sucht und eines Rückfalls eine sehr wichtige Rolle. Tiermodelle und eine zunehmende Anzahl von Bildgebungsstudien an Menschen ergaben konsistente Hinweise darauf, dass wiederholter und langfristiger Drogenkonsum zur Ausbildung starker Belohnungs-induzierter Gedächtnisspuren führt. Dieses ‚Suchtgedächtnis‘ befördert automatische und zwanghafte Verhaltensweisen, welche willentlich und therapeutisch kaum zu beeinflussen sind. Aus der allgemeinen Gedächtnisforschung wissen wir, dass (1) diese Gedächtnisspuren nach Reaktivierung, das heißt beispielsweise Erinnern, erneut im Gedächtnis konsolidiert werden, (2) die Gedächtnisspuren zu diesem Zeitpunkt leichter modifiziert werden können, und (3) bestimmte Botenstoffe im Hirn (Neurotransmitter) eine wichtige Rolle bei der Rekonsolidierung spielen. Dieser Mechanismus wurde bereits seit längerem als mögliches Behandlungstarget diskutiert, um das Suchtgedächtnis zu beeinflussen. Die elegante Studie von Das und Kollegen konnte nun erstmalig zeigen, dass dieser Mechanismus in der Tat mittels Ketamin beeinflussbar ist. Die Befunde eröffnen demnach völlig neue Behandlungsmöglichkeiten für Sucht und stellen zudem wichtige neurobiologische Angriffspunkte für die Entwicklung neuer Medikamente zur Behandlung der Sucht dar.“

„Die Studie konnte erstmalig einen deutlichen Effekt auf den selbstberichteten Alkoholkonsum der Studienteilnehmer zeigen. Im Rahmen der Untersuchung einer nicht-süchtigen Probandengruppe mit starkem Alkoholkonsum ist diese Variable sicher geeignet, allerdings könnte es in Studien mit Suchtpatienten zu einer Verzerrung der Ergebnisse führen. Beispielsweise wurde in vorangegangenen Studien eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen Konsums bei Patienten berichtet. In der Studie von Das und Kollegen konnte dieser Effekt teilweise durch den Einschluss weiterer Kontrollgruppen kontrolliert werden. Im Rahmen zukünftiger Studien ist es daher sicher sinnvoll, weitere Parameter, wie beispielsweise biologische Marker des Konsums, zu erheben.“

„Im Rahmen initialer Behandlungsevaluationsstudien bietet die Arbeit mit Risikogruppen, welche noch nicht die volle Diagnose erfüllen, eine Reihe von wichtigen Vorteilen. Beispielsweise zeigen sich bei der Alkoholsucht häufig weitere komorbide (zusätzliches Krankheitsbild; Anm. d. Red.) Diagnosen wie Angst oder Depression, welche die Untersuchung eines eindeutigen Suchtmechanismus erschweren würden. Aus Tier- und einigen Humanstudien wissen wir allerdings, dass es beim Übergang zur Sucht auch zu grundlegenden Veränderungen der beteiligten Gedächtnisprozesse kommt, welchen zwanghaften Konsum – eine Kernsymptomatik der Suchtdiagnose – begünstigen. Der Erfolg der neuen Behandlungsmethode in Suchtpopulationen muss daher in folgenden Studien weiter evaluiert werden. Die von den Autoren beeinflussten Mechanismen spielen über verschiedene Süchte hinweg – einschließlich Spielsucht – eine bedeutende Rolle und eröffnen somit neue Behandlungsmethoden über die Alkoholsucht hinweg.“

„Im Rahmen der hohen Prävalenz des Alkoholmissbrauchs und der mäßigen Erfolge der Behandlung der Alkoholsucht mit den bisher etablierten Behandlungsansätzen werden neue Behandlungsansätze dringend benötigt. Obschon Ketamin per se ein Suchtpotenzial besitzt, ist das Suchtpotenzial im Rahmen der einmaligen Gabe im Rahmen einer therapeutischen Sitzung als sehr gering zu bewerten. Dies zeigt sich auch in der Studie von Das und Kollegen, welche die Teilnehmer über mehrere Monate beobachtete. Im Kern besteht die Eleganz der Studie darin, Gedächtnismechanismen, welche bei der Sucht eine zentrale Rolle spielen, durch eine einmalige Gabe von Ketamin langfristig zu beeinflussen. Dies ist im Vergleich zu anderen pharmakologischen Behandlungsmethoden – beispielsweise der täglichen Gabe anderen Medikamente mit teils erheblichen Nebenwirkungen über einen Zeitraum von Monaten – revolutionär.“

„Ähnliche Dosen von Ketamin wurden wiederholt in wissenschaftlichen Experimenten verwendet und ein positiver Effekt auf Depression wurde in einer steigenden Anzahl von Studien belegt. In diesen Studien sowie auch in unseren eigenen Studien bei Gesunden wurden keine langfristigen unerwünschten Nebeneffekte, beispielsweise im Bereich Gedächtnis, beobachtet. Auf der anderen Seite wurde in den vergangenen Jahren ein Anstieg im Gebrauch von Ketamin als Partydroge beobachtet – bei starkem oder auch langfristigem Konsum in diesem Kontext können negative Folgen sicher nicht ausgeschlossen werden.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Keine angegeben.

Primärquelle

Das RK et al. (2019): Ketamine can reduce harmful drinking by pharmacologically rewriting drinking memories. Nature Communications. DOI: 10.1038/s41467-019-13162-w.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] National Health Service (NHS) (2018): Alcohol units.