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14.11.2019

Gesundheitliche Folgen des Klimawandels

Anlass

Klimaschutz umfasst alle Maßnahmen, den menschengemachten Klimawandel abzumildern, Klimaschutz heißt aber auch, die Gesellschaften vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. Im jährlich erscheinenden „Lancet Countdown zu Gesundheit und Klimawandel“ (siehe Primärquelle) ziehen auch in diesem Jahr 120 Experten und Wissenschaftler aus 35 Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und internationalen Universitäten Bilanz. Sie geben Antwort auf die Frage, wie der fortschreitende Klimawandel die menschliche Gesundheit beeinträchtigen wird, besonders auch die Gesundheit der kommenden Generation, also der Kinder, die erst heute geboren werden.

Die umfassende Analyse, die anhand von 41 Schlüsselindikatoren Fortschritte und Veränderungen verfolgt, zeigt auf, welche Maßnahmen erforderlich sind, die Ziele des Pariser Abkommens für die menschliche Gesundheit zu erreichen. Dürren und Hitzewellen werden Menschen zunehmend beeinträchtigen, vor allem in Europa und den Mittelmeerländern wegen ihrer Alterstruktur und hohen Verstädterung. Neue Pflanzenarten und veränderte Blütenzeiten lassen mehr Allergien erwarten. Gleichzeitig begünstigt der Klimawandel die Ausbreitung von potenziell gesundheitsgefährdenden Mikroorganismen in heimischen Gewässern. Auch werden uns, so der Bericht, zunehmend neue Infektionskrankheiten – etwa aus den Tropen – erreichen. Dieses Jahr wurden bereits die ersten Infektionen von West-Nil-Virus in Deutschland und von Zika-Virus in Frankreich registriert.

Wie ist Europa, wie sind die deutschsprachigen Länder auf diese Situation vorbereitet? Inwieweit reichen die Anpassungsstrategien an den Klimawandel und nationalen Aktionspläne? Der Gesundheitssektor selbst verursacht insgesamt 4,6 Prozent der globalen Emissionen: Wie kann das geändert werden? Die Autoren fordern, die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels auf der UN-Klimakonferenz (COP25) im nächsten Monat ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen.

 

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Martin Röösli, Leiter des Bereichs Umweltexposition und Gesundheit, Departement Epidemiologie und Public Health, Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH), Basel, Schweiz
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  • Dr. Florian Fischer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld
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  • PD Dr. Sebastian Ulbert, Leiter der Abteilung Immunologie, Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI), Leipzig
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  • Prof. Dr. Andreas Matzarakis, Professor am Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung, Deutscher Wetterdienst (DWD), Freiburg
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  • Prof. Dr. Henny Annette Grewe, Professorin am Fachbereich Pflege und Gesundheit, Hochschule Fulda
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  • Dr. Alina Herrmann, Guest Researcher am Heidelberger Institut für Global Health, Universität Heidelberg
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  • Prof. Dr. Torsten Zuberbier, Leiter Allergiefolgenforschung der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin
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Statements

Prof. Dr. Martin Röösli

Leiter des Bereichs Umweltexposition und Gesundheit, Departement Epidemiologie und Public Health, Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH), Basel, Schweiz

„Zuerst einmal ist es wichtig, die Ursache der zunehmenden Hitzewellen anzugehen. Wie im Lancet Countdown Paper beschrieben ist, bedeutet dies eine beschleunigte Verringerung der globalen Treibhausgasemissionen. Viele dieser Maßnahmen haben einen zusätzlichen Nutzen für die Gesundheit. So führt zum Beispiel die Promotion vom Langsamverkehr (Fußgänger und Fahrrad) zu weniger CO2 und Feinstaub sowie zu erhöhter körperlicher Aktivität der Bevölkerung.“

„Maßnahmen im Umgang mit Hitzewellen sind vielfältig und umfassen langfristige Maßnahmen wie zum Beispiel adäquate Siedlungsplanung und kurzfristige Maßnahmen wie zum Beispiel Hitzewarnungen mit Verhaltensempfehlungen (viel Trinken, leicht Essen, Anstrengungen vermeiden, Hitze fernhalten).“

„Das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut hat einen Ratgeber für Behörden verfasst mit 18 konkreten Maßnahmen [1].“

„Die Themen des Lancet Countdown Papers (Gesundheitsauswirkungen, Mitigation und Ko-Benefit, Adaption, Vulnerabilität und Resilienz) werden an einem internationalen Symposium am 5. und 6. Dezember in Basel diskutiert. Kris Murray, einer der Ko-Autoren des Lancet Countdown Papers, wird auch einen Vortrag am Symposium geben [2].“

Dr. Florian Fischer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld

„Der Lancet Countdown 2019 stellt eine ausgezeichnete Zusammenstellung des aktuellen Wissensstandes über den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Gesundheit dar. Die darin enthaltenen Indikatoren berücksichtigen die Public Health-Perspektive und machen somit deutlich, dass Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen erforderlich sind, um direkte als auch indirekte negative Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit zu vermeiden oder zumindest reduzieren zu können.“

„Der Bericht – welcher die Perspektiven verschiedener wissenschaftlicher Fachdisziplinen berücksichtigt – zeigt eindrücklich auf, dass die Gesundheit von heute geborenen Kindern in jeder weiteren Lebensphase durch den Klimawandel beeinflusst werden wird. Klimawandel wirkt nicht nur direkt auf Gesundheit und Krankheit (zum Beispiel durch die Zunahme von Infektionskrankheiten und Allergien), sondern auch und vor allem auf indirekte Faktoren mit Auswirkungen auf die Gesundheit von einzelnen Personen, Bevölkerungsgruppen oder der gesamten Bevölkerung. Dies gilt zum Beispiel im Hinblick auf durch Klimawandel hervorgerufene Migration, Mangelernährung, Armut, (gesellschaftliche und politische) Konflikte sowie die psychische Gesundheit. Davon sind alle Altersgruppen und alle Länder weltweit betroffen. Maßnahmen gegen den Klimawandel sind daher zwar auf regionaler und nationaler Ebene umzusetzen – es bedarf aber gemeinsamer, überstaatlich organisierter Anstrengungen, um den negativen Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit zu begegnen. Einen zentralen Baustein hierfür stellt die Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel dar, welche entsprechende Optionen auch nach dem Handlungsfeld der menschlichen Gesundheit differenziert darstellt. Es geht aber nicht nur um Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel, sondern insbesondere auch um Klimaschutz (Mitigation).“

„Der Bericht zeigt auf, dass direkte gesundheitsbezogene Aspekte bislang lediglich einen kleinen Anteil an allen Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel einnehmen (fünf Prozent der Ausgaben in den Jahren 2017/18). Dies ist umso erstaunlicher, als dass gesundheitsbezogene Aspekte immer auch gesamtgesellschaftliche und wirtschaftliche Implikationen besitzen (zum Beispiel durch die Verringerung von Arbeitsfähigkeit oder den Anstieg an direkten Kosten der Krankenversorgung). Deshalb kann der Lancet Countdown vielleicht dazu dienen, Klimaschutz immer auch als Gesundheitsschutz zu verstehen und somit die Implementierung von Maßnahmen des Klimaschutzes und der Klimaanpassung zu fördern. Entsprechende Maßnahmen sind auf politischer sowie gesellschaftlicher Ebene konsequent umzusetzen, denn Klimawandel betrifft alles und jeden – von unserer heutigen Situation bis hin zu den nachfolgenden Generationen.“

PD Dr. Sebastian Ulbert

Leiter der Abteilung Immunologie, Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI), Leipzig

Auf die Frage, wie sich Krankenhäuser und das Personal darauf vorbereiten, dass uns durch den Klimawandel zunehmend neue Infektionskrankheiten erreichen, die zum Beispiel durch Mücken übertragen werden:
„Es gibt bei den meisten dieser Krankheiten keine Therapie und keine Impfstoffe. Die Krankenhäuser und ÄrztInnen allgemein müssen diese Infektionen ‚auf dem Schirm‘ haben. So blieben dieses Jahr zum Beispiel die meisten West-Nil-Virus-Infektionen unerkannt, weil bei Grippe-ähnlichen Symptomen niemand an diesen Erreger dachte. Es bedarf daher spezifischer Fortbildungen und exakter, schneller Testsysteme. So können die Infektionen auch von anderen Krankheiten abgegrenzt werden.“

Auf die Frage, welche Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden müssten und worüber die Bevölkerung aufgeklärt werden sollte:
„Die einzige Möglichkeit der Prävention ist momentan der Schutz vor Insektenstichen, also Vorsorge durch Mückennetze, Repellents oder ähnliches.“

„Menschen könnten zum Beispiel dazu aufgefordert werden, Mücken-Brutplätze in ihren Gärten zu verhindern, etwa stehendes Wasser in Regentonnen oder Blumenkästen oder ähnliches, so wie das in anderen Endemiegebieten der Welt geschieht. Es muss aber auch kommuniziert werden, dass dies wahrscheinlich nicht sehr effektiv ist, da es ja fast überall auch stehende/ruhige Gewässer gibt.“

Prof. Dr. Andreas Matzarakis

Professor am Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung, Deutscher Wetterdienst (DWD), Freiburg

„Bei den Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit geht es um direkte und indirekte Auswirkungen. Direkte Auswirkungen sind vor allem Hitze, über die wir gut Bescheid wissen und über gezielte Indikatoren quantifizieren können und mittlerweile gezielte Maßnahmen (Hitzeaktionspläne) bestehen. Bei den Infektionskrankheiten handelt es sich überwiegend um indirekte Auswirkungen, die nicht so einfach quantifiziert werden können und auf die man sich momentan noch nicht gezielt vorbereiten kann. Das Gesundheitssystem kann sich vorbreiten durch Aufklärung und die entsprechenden Ausbildungen. In Deutschland existieren akute Warnsysteme und genügend Aufklärungsmaterial bei den bekannten Auswirkungen. Für die Infektionskrankheiten ist noch Luft nach oben.“

Auf die Frage, inwiefern es durch veränderte Blütezeiten und neue, eingewanderte Arten zu mehr Allergien kommen wird:
„Die Blütezeiten werden durch die Erhöhung der Lufttemperatur, durch verlängerte Vegetationsperioden und durch die eingewanderten Arten mehr und länger präsent sein als jetzt. Hier sind Frühwarnsysteme erforderlich.“

„Mehrere Hitzewellen in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland haben gezeigt, dass Hitze ein Faktor bei der Erhöhung der Mortalität und Veränderungen in der Morbidität ist. Der Gesundheits- und Arbeitssektor kann auf vorhandene Maßnahmen, wie das Hitzewarnsystem zurückgreifen sowie auf Hitzeaktionspläne, die Informationen und Maßnahmen für die akute Situation sowie langfristige Vorschläge und Maßnahmen (Stadtplanung) beinhalten. Hitze geht jeden an und alle sind betroffen, am meisten allerdings die vulnerablen Personen und Risikogruppen. Es sollte nicht nur über die Auswirkungen aufgeklärt werden, sondern viel mehr über die Verhaltensmaßnahmen bei Hitze.“

„In Deutschland werden im Rahmen der Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel der Bundesregierung (DAS) und der Vulnerabilitätsanalyse ebenfalls Indikatoren entwickelt, um besser gegen die Auswirkungen des Klimawandels gewappnet zu sein.“

Prof. Dr. Henny Annette Grewe

Professorin am Fachbereich Pflege und Gesundheit, Hochschule Fulda

„Eine flächendeckende Anpassung des deutschen Gesundheitssystems an die Folgen häufiger auftretender und intensiverer Hitzebelastung ist bislang nicht erfolgt. Nach wie vor fehlt es an politischen Schritten, die gesetzlichen Grundlagen für Klimaanpassungsmaßnahmen im Gesundheitsbereich zu schaffen. Damit fehlt der Rahmen für die Finanzierung von Leistungen zur Prävention hitzebedingter Gesundheitsschäden und für den Gesundheitsschutz während Hitzewellen.“

„Immerhin gibt es mittlerweile aber Daten für Deutschland, die die gesundheitliche Dimension der Hitzeereignisse der vergangenen Jahre verdeutlichen: In Hessen starben im Zeitraum 2005 bis 2018 an jedem Hitzetag durchschnittlich 18 Menschen zusätzlich [3]. Deutschlandweit ließ sich im Zeitraum 2001 bis 2015 in den Jahren 2003, 2006, 2010, 2013 und 2015 eine deutliche Übersterblichkeit während heißer Tage nachweisen – insgesamt waren es fast 27.000 zusätzliche Sterbefälle [4].“

„Über hitzebedingte Krankheitsfälle wissen wir unter anderem aufgrund der Schwierigkeiten des Datenzugangs sehr viel weniger. Es ist jedoch anzunehmen, dass heiße Tage auch in Deutschland mit einer Erhöhung des Notfallaufkommens einhergehen, so wie es in Ländern mit guten Surveillance-Systemen wie Frankreich [5] oder England [6] seit längerem nachgewiesen ist.“

„Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) hat im Jahr 2017 Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit herausgegeben. Diese Handlungsempfehlungen orientieren sich an den Vorschlägen der WHO und richten sich vor allem an die Länder. Es bleibt zu hoffen, dass nicht nur die Bundesländer diese Empfehlungen zur Kenntnis nehmen und umsetzen, sondern auch Kommunen, die ja die eigentliche operative Ebene darstellen, Initiativen zur Etablierung von Hitzeaktionsplänen starten.“

„Arbeitgeber stehen in der Verantwortung, Gesundheitsgefährdungen durch Hitze am Arbeitsplatz zu vermeiden. Für den Innenbereich gelten die ‚Verordnung über Arbeitsstätten‘ sowie die ‚Technische Regel Raumtemperatur‘ (ASR A3.5), die eine Innenraumtemperatur von 35 Grad als Maximaltemperatur für die Benutzbarkeit von Arbeitsräumen ausweist und bereits für niedrigere Raumtemperaturen Maßnahmen zur Gefährdungsreduzierung vorschlägt.“

„Im Außenbereich ist es viel schwieriger oder gegebenenfalls unmöglich, für erträgliche Arbeitsbedingungen an Hitzetagen zu sorgen. Flexibilisierung der Arbeitszeit, luftige Kleidung bis hin zu Kühlkleidung, hinreichende Pausen in kühler Umgebung, die Verschattung des Arbeitsbereiches und ein ausreichendes Flüssigkeitsangebot sind empfohlene Maßnahmen der gesetzlichen Unfallversicherungsträger (zum Beispiel von der Berufsgenossenschaft Bau).“

Dr. Alina Herrmann

Guest Researcher am Heidelberger Institut für Global Health, Universität Heidelberg

„Lancet ist eines der renommiertesten medizinischen Fachmagazine weltweit. Mit der seit 2017 monatlich erscheinenden Zeitschriftenreihe ‚The Lancet Planetary Health‘ und der Arbeit der Lancet Kommission zu Gesundheit und Klimawandel, deren Arbeit nun in der Wissenschaftlichen Initiative des Lancet Countdown fortgesetzt wird, unterstützt der Lancet hochrangige wissenschaftliche Arbeit zu der Interaktion von natürlichen Systemen (etwa Ökosystemen, Klima) und menschlicher Gesundheit. Besonders bekannt sind die beiden Hauptaussagen der Lancet Kommission zu Gesundheit und Klimawandel, dass der Klimawandel die stärkste Bedrohung für die globale Gesundheit im 21. Jahrhundert ist und gleichzeitig die größte Chance für die globale Gesundheit in diesem Jahrhundert darstellen kann. Diese Aussagen beziehen sich darauf, dass veränderte klimatische Bedingungen einerseits die Gesundheit direkt (zum Beispiel durch extreme Hitze) oder indirekt (zum Beispiel durch Ernteausfälle, Migration) bedrohen. Andererseits entstehen durch Klimaschutz und -anpassung Chancen für die Gesundheit, beispielsweise durch die Reduktion von Luftverschmutzung durch erneuerbare Energien, den Umstieg von passiven auf aktive Mobilitätsformen oder die Einführung nachhaltiger und gesünderer Ernährungsweisen. Die Initiative des Lancet Countdown versucht nun mit einem Netzwerk aus weltweit tätigen Klima- und Gesundheitswissenschaftlern in jährlichen Berichten nachzuverfolgen, wie der Klimawandel und die Maßnahmen der Klimawandelanpassung- und vermeidung sich auf die Gesundheit global auswirken.“

Auf die Frage, wie sich Krankenhäuser und das Personal darauf vorbereiten, dass uns durch den Klimawandel zunehmend neue Infektionskrankheiten erreichen, die zum Beispiel durch Mücken übertragen werden:
„Aktuell ist das Risiko einer Etablierung neuer, durch Mücken übertragener Infektionserkrankungen in Deutschland gering. Jedoch hat es in den vergangenen Jahren in Europa schon punktuelle Ausbrüche von tropischen Infektionserkrankungen, die Dengue- oder Chikungunyafieber gegeben. Dies hat multifaktorielle Ursachen. Einerseits ermöglicht es der Klimawandel tropischen Mückenarten, wie der Tigermücke, auch in Deutschland zu überwintern und sich hier zu etablieren, wie schon entlang des oberen Rheingrabens geschehen. Hierzu tragen aber auch andere Ursachen bei, wie die Globalisierung des Warenverkehrs und die Zunahme des weltweiten Reisens. Wenn nun also eine mit Denguefieber infizierte Person nach Deutschland einreist und hier von einer Tigermücke gestochen wird, kann die Erkrankung auch in Deutschland übertragen werden und zu einem Ausbruch führen. Hierbei ist nun die Vorbereitung der Gesundheitssysteme essenziell. Durch unsere insgesamt gut ausgestatteten Gesundheitssysteme ist eine schnelle Eindämmung eines Erkrankungsausbruchs wahrscheinlich (da infizierte Personen schnell behandelt werden und dadurch nicht mehr als Erregerreservoir zur Verfügung stehen). Allerdings muss das Gesundheitspersonal entsprechend geschult werden. Denn bisher gab vor allem der vorherige Aufenthalt in einem tropischen Land den entscheidenden Hinweis darauf, dass eine tropische Erkrankung vorliegen kann. Heute muss Gesundheitspersonal, zum Beispiel bei unklaren Fieberschüben, daran denken, dass die geringe Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit tropischen Erkrankungen auch ohne entsprechende Reiseanamnese besteht.“

Auf die Frage, inwiefern es durch veränderte Blütezeiten und neue, eingewanderte Arten zu mehr Allergien kommen kann:
„Auch hier ist der Klimawandel einer von mehreren Faktoren, die zu einer Mehrbelastung der Bevölkerung mit Allergien beitragen. Ein bekanntes Beispiel für eine nicht heimische Art, die sich in Deutschland etabliert hat und als Allergen wirksam ist, ist die Beifuß Ambrosie. Sie ist aller Wahrscheinlichkeit nach als Samen in Vogelfutter nach Deutschland eingeführt worden und kann sich nun bei zunehmend warmen Temperaturen gut etablieren. Unbestritten ist auch die Verlängerung der Pollensaison durch wärmere und kürzere Winter. Zudem ist es so, dass Pollen, die sich mit Feinstaub verbinden, tiefer in die Lunge eindringen und dadurch aggressiver wirksam sind. Hier könnte eine Verminderung des Autoverkehrs also nicht nur zum Klimaschutz, sondern auch zum Gesundheitsschutz für Allergiker und andere empfindliche Gruppen, wie Kleinkinder und Lungenkranke, beitragen.“

„Eine neue Studie in Deutschland hat gezeigt, dass wir in den Hitzesommern 2003, 2006 und 2015 in Deutschland zwischen 6000 und 7000 hitzebedingte Todesfälle zu verzeichnen hatten. Das ist ähnlich viel wie in Grippewellen. Deutschlandweite Auswertungen zu dem Rekordsommer 2018 liegen bisher noch nicht vor. Auch die Krankheitslast nimmt in Hitzewellen zu sowie die Arbeitsproduktivität ab. Es gibt in Deutschland seit 2017 offizielle Empfehlungen, Hitzeaktionspläne auf kommunaler oder Landesebene zu etablieren, die auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation von 2008 aufbauen. Bisher fehlt deren Umsetzung jedoch vielerorts. Solche Hitzeaktionspläne sollen Maßnahmen zum Hitzeschutz im Gesundheits-, Sozial- und Bausektor koordinieren. Dies können langfristige Maßnahmen sein, wie die Freihaltung von Grünflächen und Frischluftschneisen in der Stadt, mittelfristige Maßnahmen wie die Bereitstellung von öffentlich zugänglichen, klimatisierten Räumen (‚cooling shelters‘) aber auch kurzfristige Maßnahmen wie die Absage öffentlicher Sportevents in Hitzewellen. Arbeitgeber sind nach Arbeitsstättenverordnung dazu angehalten bei einer Überschreitung der Temperatur von 26 Grad in Arbeits- und Sozialräumen geeignete Kühlmaßnahmen zu ergreifen, Getränke bereit zu stellen und/oder Mitarbeitern Gleitzeit zu gewähren. Im Gesundheitssektor ist es wichtig, dass medizinisches Personal ausreichend zu Hitzefolgen und Hitzeanpassung geschult wird und beispielweise in Pflegeheimen Pläne für den Gesundheitsschutz in Hitzewellen existieren. In der oft dünn besetzten Sommerferienzeit sollte auch genug Personal für die Versorgung besonders gefährdeter älterer und kranker Patienten zur Verfügung stehen. Auch Angehörige von älteren Menschen und Pflegebedürftigen sollten täglichen Kontakt mir den Risikopersonen suchen und sie bei der Kühlhaltung der Wohnräume und aktiven Abkühlung, zum Beispiel durch kühles Abduschen oder Wasserspray (Verdunstungskälte), unterstützen.“

Prof. Dr. Torsten Zuberbier

Leiter Allergiefolgenforschung der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin

„Der Lancet Artikel zu den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels ist grundsätzlich im höchsten Maße begrüßenswert und behandelt eine große Vielzahl von Aspekten ausgesprochen fundiert. Lediglich aus dem Blickwinkel der Allergologie ist der Artikel jedoch eine komplette Enttäuschung! Allergien sind die häufigste chronische Erkrankung und haben einen hohen negativen Effekt auch auf die Leistungsfähigkeit in Schule und Beruf. Insbesondere durch den Umstand, dass sie gerade unter der jüngeren erwachsenen Bevölkerung in vielen Industrieländern inzwischen Prävalenzraten von 40 Prozent überschreiten, ist auch dies besonders in der gesundheitspolitischen Diskussion zu berücksichtigen. Leider wird die Bedeutung von Allergien oft noch auch von den Betroffenen selbst bagatellisiert, obwohl Studien zum Beispiel zeigen, dass ein Kind mit unbehandelten Heuschnupfen in der Schule eine Chance hat von 40 Prozent, mindestens um eine Schulnote während des Pollenfluges abzufallen.“

„Berücksichtigt man die Häufigkeit der Pollenallergie und den Umstand, dass durch den Klimawandel sich Pollenflug verstärkt und Blütezeit verlängert haben, sowie dass allergene Pflanzenarten wie Ambrosia sich hierdurch weiter ausbreiten in Europa, ist es unverständlich, dass der Artikel dieses wichtige Thema komplett ignoriert. Hier ist leider eine Chance vertan worden und gerade bei einem so renommierten Journal sollte dies zum Anlass genommen werden, das Thema Klimawandel und Allergie in einer weiteren Ausgabe im Detail zu bearbeiten, denn hier kann noch viel Primärprävention betrieben werden, etwa durch Pflanzungspläne in den Städten und Aufklärungsarbeit.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Martin Röösli: „Keine Interessenskonflikte.“

Dr. Florian Fischer: „Es besteht kein Interessenkonflikt, ich war jedoch an einer der in dem Lancet Countdown 2019 zitierten Studien (Global Burden of Disease Studie) beteiligt.“

Prof. Dr. Henny Annette Grewe: „Interessenkonflikte habe ich keine.“

Alle anderen: Keine angegeben.

Primärquelle

Watts N et al. (2019): The 2019 Report of The Lancet Countdown on Health and Climate Change. DOI: 10.1016/S0140-6736(19)32596-6

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Ragetti M et al. (2017): Hitzewelle-Massnahmen-Toolbox: ein Massnahmenkatalog für den Umgang mit Hitzewellen für Behörden im Bereich Gesundheit.

[2] Swiss TPH Symposium. Climate Change and Health.

[3] Siebert H et al. (2019): Monitoring hitzebedingter Sterblichkeit in Hessen. Bundesgesundheitsbl 62: 580-588.

[4] An der Heiden M et al. (2019): Schätzung hitzebedingter Todesfälle in Deutschland zwischen 2001 und 2015. Bundesgesundheitsbl 62: 571–579.

[5] Josseran L et al. (2010): Assessment of a syndromic surveillance system based on morbidity data: Results from the Oscour Network during a heat wave. PLoS One 5:e11984. DOI: 10.1371/journal.pone.0011984.

[6] Smith S et al. (2016): Estimating the burden of heat illness in England during the 2013 summer heatwave using syndromic surveillance. J Epidemiol Community Health 70:459–465. DOI: 10.1136/jech-2015-206079.

Weitere Recherchequellen

Science Media Center Germany (2018): Hitzestress fürs Hospital: Wie das Gesundheitswesen auf Hitzewellen vorbereitet ist. Fact Sheet. Stand: 06.08.2018.