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25.11.2019

Beeinflussung politischer Meinung durch die IRA auf Twitter Ende 2017

Anlass

Es wird mittlerweile als gesichert angesehen, dass Russland insbesondere durch die „Internet Research Agency“ (IRA), eine russische Agentur, die im staatlichen Auftrag Manipulation und Meinungsmache im Internet betreiben soll, versucht hat, die US-Präsidentschaftswahlen 2016 zu beeinflussen. Inwiefern diese Kampagne Erfolg hatte, ist allerdings umstritten und schwer festzustellen. Eine neue Studie eines Teams um den englischen Soziologen Christopher Bail hat nun den Einfluss einer IRA-Kampagne auf die politische Einstellung von Amerikanern Ende 2017 analysiert. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass Interaktion mit IRA-Accounts keinen substanziellen Einfluss auf die politische Meinung von Republikanern und Demokraten oder deren Einstellungen gegenüber der jeweils anderen politischen Gruppe hatten. Die Studie ist im Journal „PNAS“ (siehe Primärquelle) erschienen.

Die Forscher haben eine Gruppe von 1239 Twitter-Nutzern untersucht, die sich als Republikaner oder Demokraten bezeichneten und Ende 2017 an zwei Umfragen zu ihren politischen Einstellungen teilnahmen. Bei diesen Nutzern glichen die Forscher ab, welche davon in dem Monat zwischen den beiden Umfragen mit Accounts interagierten, die laut einer von Twitter veröffentlichten Liste von der IRA betrieben wurden. Dabei zeigte sich auch, dass 19 Prozent der untersuchten Nutzer mit IRA-Accounts interagierten – weit mehr als die von Twitter angegebenen zwei Prozent für alle globalen Twitter-Nutzer Anfang 2018. Diese Interaktionen stellten aber nur 0,1 Prozent der Interaktionen der untersuchten Nutzer dar.

Die Autoren selbst erwähnen allerdings mehrere mögliche Einschränkungen der Studie. Sie betrachten nur den Zeitraum zwischen Mitte Oktober und Mitte November 2017, nicht die Zeit vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl. Weiter wurden nur Menschen analysiert, die sich mit Republikanern oder Demokraten identifizierten – keine, die unentschlossen waren und somit vielleicht leichter manipulierbar wären als Personen mit fester politischer Meinung. Allerdings fanden die Forscher nach der Interaktion mit IRA-Accounts auch keinen Unterschied bei den Meinungen von Menschen, die sich nur schwach mit einer Partei identifizierten gegenüber denen, die sich stark identifizierten. Trotzdem betonen die Autoren, die Studie könne wichtige Erkenntnisse zu diesem schwer zu erforschenden Thema liefern.

 

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Axel Bruns, Professor für Medien- und Kommunikationsforschung, Digital Media Research Centre, Queensland University of Technology, Australien
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  • Prof. Dr. Nicole Krämer, Leiterin des Fachgebiets Sozialpsychologie, Universität Duisburg-Essen
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  • Prof. Dr. Oliver Zöllner, Professor für Medienforschung und Digitale Ethik, Hochschule der Medien Stuttgart
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  • Prof. Dr. Katarina Bader, Professorin Online-Journalismus, Hochschule der Medien Stuttgart
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Statements

Prof. Dr. Axel Bruns

Professor für Medien- und Kommunikationsforschung, Digital Media Research Centre, Queensland University of Technology, Australien

„Dies ist eine nützliche Studie, weil sie uns dabei hilft, den Einfluss russischer Trollkampagnen auf normale Social-Media-Nutzer ein wenig besser einzuordnen. Die hier vorliegende eher vorsichtige Bewertung sollte uns davon abhalten, die wirklichen Auswirkungen der IRA-Aktivitäten überzubewerten.“

„Allerdings sind die schon von den Autoren aufgezeigten Einschränkungen ebenfalls von großer Wichtigkeit. Die Studie selbst untersucht nur eine sehr direkte Form von Beeinflussung, die nicht unbedingt den Zentralpunkt der IRA-Kampagnen darstellen muss: Statt, wie hier untersucht, die politische Verortung von Republikanern und Demokraten in den USA verändern zu wollen, reicht es ja schließlich aus der Sicht solcher Kampagnen schon, den aktuellen Zustand extremer Polarisierung aufrechtzuerhalten.“

„Mit anderen Worten: Über den untersuchten Zeitraum ist die konsensvereitelnde Distanz zwischen den Anhängern der großen Parteien zwar vielleicht nicht sonderlich größer geworden – aber eben auch nicht kleiner. Solange dieser Zustand weiter besteht, lähmt diese ideologische Zerrüttung den Politikbetrieb in den USA und spielt damit den IRA-Trollen und ihren Auftraggebern in die Hände.“

„Zusätzlich ist es eine grundlegende Annahme der Forscher, dass es den Trollen darum geht, normale Nutzer von sozialen Medien zu beeinflussen. Diese Annahme muss hinterfragt werden: Gerade in einem eher elitären Medium wie Twitter mag es durchaus wichtiger sein, genuine amerikanische Journalisten, Politiker und Aktivisten zu beeinflussen, die dann erst ihrerseits auf die politischen Meinungen ihres Publikums einwirken. Diese mehrstufige Meinungsführerschaft ist der Forschung seit den 1940er Jahren als ‚two-step flow‘ bekannt.“

„Ob die Masse der mit den IRA-Accounts direkt interagierenden Normalnutzer ihre politische Ausrichtung verändert, ist in dem Fall eher nebensächlich: Wichtig wäre stattdessen, wie weit einflussreiche US-amerikanische Nutzer von den IRA-Inhalten beeinflusst werden, diese weiterleiten oder anderweitig in ihr Weltbild mitaufnehmen, und so indirekt weitere Normalnutzer beeinflussen, die ansonsten aber mit den IRA-Accounts selbst nicht in direkten Kontakt getreten sind.“

„Abschließend sollte sicherlich auch noch einmal auf den Untersuchungszeitraum (Oktober bis November 2017) hingewiesen werden: Zu dieser Zeit – ein Jahr nach der Präsidentschaftswahl – mag sich das Gros der IRA-Aktivitäten bereits auf andere Ziele konzentriert haben, zum Beispiel auf die Nachbereitung der Bundestagswahl im September 2017 oder auf andere europäische Politikthemen.“

Prof. Dr. Nicole Krämer

Leiterin des Fachgebiets Sozialpsychologie, Universität Duisburg-Essen

„Generell halte ich die Durchführung solcher Studien für sehr wichtig, da wir in der Tat mehr darüber wissen müssen, welches Beeinflussungspotenzial Social-Media-Kommunikation hat. Vor dem Hintergrund sozial- und medienpsychologischen Wissens habe ich in der Tat auch eher die Hypothese, dass die Effekte von Beeinflussungsversuchen – etwa auch im Cambridge Analytica Skandal – nicht so groß sein können, wie in der Öffentlichkeit angenommen – das heißt, durch Twitter- und Facebook-Kommunikation wird kein Demokrat plötzlich zum Trump Wähler. Dafür zeigen viele Studien viel zu deutlich, dass wir uns eher Berichterstattung suchen, die unserer Meinung entspricht (selective exposure) und selbst wenn wir mit anderslautenden Meinungen konfrontiert werden, dies in unserem Sinne interpretieren und selbstwertdienlich attribuieren (confirmation bias).“

Auf die Frage nach der Methodik der Studie:
„Im Prinzip ist das Vorgehen gut, besonders die Tatsache, dass wirklich auch Daten über die Einstellung einbezogen wurden. Allerdings finde ich die Ergebnisse an manchen (entscheidenden) Stellen zu übertrieben dargestellt. Man kann nicht schlussfolgern ‚These results suggest Americans may not be easily susceptible to online influence campaigns‘ (wie es in der ‚significance‘ Box steht).Ich sehe vor allem vier methodische Schwächen, die diesen sehr generellen Satz bezweifeln lassen.“

„a) Der Erhebungszeitraum der hauptsächlich präsentierten Studie war Oktober 2017 bis November 2017. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass innerhalb eines Monats eine Meinungsänderung zustande kommt. Wenn überhaupt leichte Anpassungen der Meinung vorgenommen werden, würde man diese eher über einen längeren Zeitraum erwarten.“

„b) Untersucht wurden Nutzer*innen, die Twitter häufig nutzen (mindestens dreimal die Woche). Es wird nicht berichtet, ob darunter auch professionelle Accounts waren (zum Beispiel professionelle Blogger, (Lokal)-Politiker*innen oder ähnliches). Bei diesen würde man natürlich eine geringere Beeinflussbarkeit annehmen als bei der Gesamtbevölkerung.“

„c) Es ist völlig unklar und wird nicht berichtet, was genau die IRA-Accounts denn verbreiten. Je nachdem, was dort inhaltlich verbreitet wird, würde man natürlich keinen Einfluss auf die gewählten abhängigen Maße erwarten.“

„d) Die gewählten abhängigen Maße betreffen vor allem die Frage, wie positiv/negativ der politische Gegner eingeschätzt wird und wie stark polarisiert die eigene Einstellung ist, etwas weniger, wie die eigene politische Einstellung ausgeprägt ist.“

Auf die Frage, wie unerwartet die Befunde der Studie sind:
„Wie eingangs geschrieben, gibt es eine lange Tradition an Forschung im Bereich selective exposure/confirmation bias, die zeigt, dass Meinungsänderung auf Basis von Medienbotschaften nicht leichtgängig ist.“

„Es ist aber nicht so als hätten Botschaften gar keinen Einfluss. Wir sehen zum Beispiel in unserer eigenen Forschung, dass schon Kommentare von anderen Nutzer*innen unter (politischen) Artikeln einen Einfluss auf die Meinung, die im Artikel vertreten wird, haben können.“

Auf die Frage nach dem bisherigen Konsens der Forschung zur Wirkung von IRA-Kampagnen und wie diese Studie davon abweicht:
„Es wird mehr Forschung benötigt, ich kann keinen Konsens zur bisherigen Forschung erkennen, dafür gibt es zu wenig (auch zum verwandten Bereich des microtargeting).“

„Die Befunde widersprechen der verbreiteten Sicht der Öffentlichkeit, die davon auszugehen scheint, dass man Personen auf Basis von Social-Media-Kommunikation beliebig in ihrer Meinung drehen kann. Da dies in der Tat nicht Stand der Forschung ist, ist zu begrüßen, dass dies auch in diesem Artikel gezeigt wird. Allerdings (siehe oben) lässt sich auch nicht ableiten, dass keine Beeinflussung stattfindet, dafür sind zu viele methodische Lücken vorhanden.“

Prof. Dr. Oliver Zöllner

Professor für Medienforschung und Digitale Ethik, Hochschule der Medien Stuttgart

„Ich bevorzuge statt der US-amerikanischen Abkürzung IRA die russische Bezeichnung ‚Agentstvo Internet-Issledovanija‘ (AII).“

„Die AII ist als propagandistische Trollfarm zu identifizieren. Ihre Verbindung zur russischen Regierung ist vielfach dokumentiert worden. Die Arbeit der AII ist wohl Teil einer russischen Disruptions- oder Destabilisierungskampagne gegen den Westen, den deutsche Sicherheitskreise seit etwa 2013 registrieren.“

„Die Studie an sich ist seriös durchgeführt und dokumentiert worden. Problematisch ist – wie so oft in US-amerikanischer Forschung – die Remuneration der Probanden, aber das ist eben eine genuin amerikanische Tradition. Das größte Manko der Studie ist sicher ihre ‚Verzwergung‘, indem sie die Stichprobe und den Kontext der Fragestellungen so verengt, dass sich am Ende quasi keine aussagekräftigen Befunde (Effekte) mehr erkennen lassen. Das erinnert an ein Fußballspiel, bei dem so lange Tore geschossen, aber nicht gewertet werden, bis es am Ende wieder 0:0 steht. Aber immerhin: Selbst das dokumentieren die Autoren sehr sauber, wollen also auch keine vielleicht allzu einfachen Vermutungen und Unterstellungen wiederholen. Mehr Forschung unter anderen Bedingungen und mit anderen Stichproben wird nun nötig sein.“

Prof. Dr. Katarina Bader

Professorin Online-Journalismus, Hochschule der Medien Stuttgart

Zur Einordnung und Vorgeschichte:
„Parallel zu den politischen Untersuchungen über russische Versuche der Wahlkampfbeeinflussung in den Präsidentschaftswahlen von 2016 wurden im Jahr 2018 mehrere Studien veröffentlicht, die die Aktivitäten der russischen IRA (Internet Research Agency) untersuchen [1, 2]. Die bisherigen Studien über die Aktivitäten der IRA beschreiben zweierlei: Die Strategie der IRA und die Reichweite der durch die IRA generierten und verbreiteten Social-Media-Inhalte.“

„Die Ergebnisse dieser Vorgängerstudien legen nahe, dass die IRA auf eine Polarisierung der US-Gesellschaft abzielt und versucht, Misstrauen zu säen – einerseits gegen Medien und staatliche Institutionen, andererseits aber auch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Zugleich wurde in diesen Studien gezeigt, dass allein zwischen 2015 und 2017 10 Millionen Nutzer in den USA die Posts der IRA gelikt, geteilt oder kommentiert haben.“

„Aus dieser Strategiebeschreibung und beeindruckend hohen Zahlen zur Reichweite direkte Schlüsse über die Wirkung der Strategie der IRA zu ziehen, ist jedoch voreilig: Die Studien legen den Versuch einer Beeinflussung der öffentlichen Meinung nahe, dass dieser Versuch jedoch erfolgreich war, kann auf dieser Datenbasis und mit diesen wissenschaftlichen Methoden nicht nachgewiesen werden, was auch alle seriösen Studien so bekennen.“

„Die vorgelegte Studie von Bail et al. untersucht, ob der Kontakt mit IRA-Posts die politische Einstellung von Twitter-Usern verändert hat, und kommt zu dem Schluss, dass dies nicht der Fall ist.“

„Zu bemängeln ist allerdings, dass die beiden Messzeitpunkte der Studie (Oktober 2017 und November 2017) sehr eng beieinanderliegen: Eine Veränderung politischer Einstellungen in einem so kurzen Zeitraum ist insgesamt unwahrscheinlich. Zudem zielen die Strategien, die in anderen Studien über die IRA-Aktivitäten beschrieben wurden, auf eine langfristige Veränderung des politischen Klimas ab. Es wäre also erforderlich, weit größere Zeiträume zu untersuchen.“

„In der vorliegenden Studie ist dies immerhin in Hinblick auf ein einzelnes Umfrage-Item, nämlich die ideologische Selbstpositionierung geschehen. Hier wurde ein Zeitraum von Februar 2016 bis April 2018 untersucht und ebenfalls kein Effekt der IRA-Posts festgestellt (Bail et al. 2019: Seite 4). Auch dieser Zeitraum ist aber zur Untersuchung der vorliegenden Forschungsfrage noch recht knapp bemessen.“

„Hinzu kommt, dass die Studie einen Zeitraum untersucht, in dem die Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft zahlreichen Einschätzungen zufolge bereits stark fortgeschritten war.“

„Fazit: Bail et al. sensibilisieren zu Recht dafür, dass aus Strategiebeschreibungen und Reichweitezahlen keine voreiligen Schlüsse über die tatsächliche Wirkung gezogen werden können. Aus der nun vorgelegten Studie jedoch abzuleiten, dass die Aktivitäten der IRA keine Wirkung auf das politische Klima in den USA hatten, wäre jedoch ebenfalls voreilig.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Nicole Krämer: „Ich habe keinen Interessenkonflikt. Meine Forschung befasst sich mit ähnlichen Themen, die gewählte Methodik haben wir aber nicht angewandt.“

Prof. Dr. Katarina Bader: „Forschung über Desinformation im deutschsprachigen Internet im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts DORIAN, gefördert vom BMBF – hier besteht meines Erachtens keinerlei Interessenskonflikt, weil sich die Studien mit einer anderen Region befassen.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Bail C et al. (2019): Assessing the Russian Internet Research Agency’s impact on the political attitudes and behaviors of American Twitter users in late 2017. PNAS. DOI: 10.1073/pnas.1906420116. 

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Howard PN et al. (2018): The IRA, Social Media and Political Polarization in the United States, 2012-2018. Working Paper 2018.2, Project on Computational Propaganda, Oxford. 

[2] Linvill DL et al. (2019): Troll factories: The internet research agency and statesponsored agenda building. Working paper, Clemson University, Clemson, SC.