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05.07.2016

Abschlussbericht der Endlagerkommission

Anlass

Am 5. Juli 2016 hat die Endlagerkommission ihren Abschlussbericht an Bundestagspräsidenten Norbert Lammert übergeben und damit ihre über zweijährige Arbeit beendet. Die Empfehlungen in diesem Bericht bilden nun die Grundlage für die Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Müll in Deutschland.

 

Übersicht

  • Dr. Jörg Mönig, Leiter des Bereichs Endlagerforschung bei der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit GRS, Braunschweig
  • Prof. Dr. Klaus-Jürgen Röhlig, Institut für Endlagerforschung, TU Clausthal, Clausthal-Zellerfeld
  • Prof. Dr. Horst Geckeis, Leiter des Institutes für Nukleare Entsorgung INE, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Eggenstein-Leopoldshafen
  • Dr. Vinzenz Brendler, Abteilungsleiter Grenzflächenprozesse, Institut für Ressourcenökologie, Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, Dresden
  • Prof. Dr. Dirk Bosbach, Leiter Institut für Nukleare Entsorgung, Forschungszentrum Jülich, Jülich

Dr. Jörg Mönig

Leiter des Bereichs Endlagerforschung bei der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit GRS, Braunschweig

„Die Kriterien, die die Kommission formuliert hat, bieten aus meiner Sicht eine gute Grundlage für die ersten Schritte in einem Standortauswahlverfahren. Klar ist aber, und das sagt ja auch der Bericht an verschiedenen Stellen, dass zu einer ganzen Reihe von Fragen noch geforscht werden muss. Es ist zum Beispiel noch offen, wie man bei einem Standort die Ergebnisse zu den einzelnen Kriterien zu einer Gesamtaussage über seine Eignung zusammenfasst. Das mündet dann auch in die Frage, wie man schrittweise aus mehreren Standorten in möglicherweise unterschiedlichen Wirtsgesteinen den mit der bestmöglichen Sicherheit auswählt. Dafür haben wir zwar erste methodische Ansätze entwickelt, da liegt aber noch einiges an Arbeit vor uns.“

„Dass kein Wirtsgestein und kein Standort von vornherein ausgeschlossen worden ist, halte ich aus wissenschaftlicher Sicht für richtig und in Bezug auf ein ergebnisoffenes Verfahren für eine notwendige methodische Voraussetzung. Und ich halte es für wichtig, dass es nach einer Prüfung denkbarer Alternativen jetzt einen breiten Konsens dafür gibt, dass die radioaktiven Abfälle in tiefen geologischen Schichten endgelagert werden sollen.“

„Die Gesteinsformationen in Salz, Ton und Granit, die aus heutiger Sicht für ein Endlager in Frage kommen könnten, sind alle deutlich älter als 100 Millionen Jahre. Ihre Entstehung ist gut verstanden und wir wissen auch, dass sie sich nur sehr langsam verändern. Deshalb lässt sich deren Stabilität gut auch über einen so langen Zeitraum prognostizieren – anders als menschliches Verhalten oder gesellschaftliche Entwicklungen, da scheitert man schon an einigen Jahrzehnten. Hinzu kommt, dass schwieriger zu prognostizierende Auswirkungen von Eiszeiten oder Meeresüberflutungen nicht bis in die Tiefen wirken, die für eine Endlagerung vorgesehen sind.“

„Mit dem heutigen Wissensstand erscheint es machbar, ein Endlager so zu konzipieren, dass man die Abfälle während des Betriebs noch rückholen oder für einige Zeit nach dem Verschluss bergen kann. Allerdings sind dafür noch vielfältige Forschungs- und Entwicklungsarbeiten nötig. Vor allem aber muss man sich darüber im Klaren sein, dass man ab einem bestimmten Punkt Gefahr läuft, die für die langfristige Sicherheit maßgeblichen Eigenschaften zu verschlechtern. Das sollte aus meiner Sicht in jedem Fall vermieden werden.“

Prof. Dr. Klaus-Jürgen Röhlig

Institut für Endlagerforschung, TU Clausthal, Clausthal-Zellerfeld

„Endlagerung ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem und war in der Vergangenheit Gegenstand erbitterter politischer Auseinandersetzungen. Mit der ungewöhnlichen Zusammensetzung der Kommission aus Politikern, Wissenschaftlern und Vertretern gesellschaftlicher Gruppen wurde diesem Umstand entsprochen – damit war und ist die Hoffnung auf Befriedung und einen konstruktiven gesellschaftlichen Prozess verbunden. Dass ein solcher Ansatz jedoch nicht nur Vorteile hat, zeigt sich im Bericht, besonders in den Sondervoten: Uns liegt eine Mischung aus wissenschaftlichem Konsens und politischem Kompromiss vor. Es geht weniger um fehlende Anforderungen oder Kriterien, sondern eher darum, dass nicht alle Kriterien für alle Wirtsgesteine sinnvoll sind und an manchen Stellen die Konsistenz fehlt. Es wird eine Herausforderung für alle Verfahrensbeteiligten sein, die sich dadurch ergebenden Schwierigkeiten zu bewältigen.“

„Es war nach dem Standortauswahlgesetz nicht Aufgabe oder Ziel der Kommissionsarbeit, Standorte auszuschließen, Suchräume einzuengen oder ähnliches – es ging vielmehr um die Formulierung von Kriterien und das Aufzeigen eines Weges zur Standortauswahl. Auch die Berücksichtigung aller drei Wirtsgesteine ist eine explizite Forderung des Gesetzes. Der Fortschritt liegt also nicht im wissenschaftlichen Bereich, sondern darin, dass für den weiteren Standortauswahlprozess eine möglichst breite gesellschaftliche Basis geschaffen wird. Das Ausschließen, Einengen und Auswählen wird in den nächsten Jahrzehnten die Aufgabe der Verfahrensbeteiligten sein.“

„Für Geologen ist das (eine Million Jahre, die der radioaktive Müll im Endlager mindestens von der Biosphäre abgeschirmt sein soll, Anm. d. Red.) ein recht kurzer Zeitraum, über den sich geologische Entwicklungen durchaus gut prognostizieren lassen. Endlagerstandorte sollten im geologischen Sinne „langweilig“, also möglichst geringen Änderungen in der Zukunft unterworfen sein. Darauf zielt auch eine Reihe der von der Kommission vorgeschlagenen Kriterien ab. Endlagersysteme bestehen neben den geologischen auch aus auf die Geologie abgestimmten technischen Komponenten – Behältern, Verschlussbauwerken und vielem mehr. Es geht also nicht nur um eine geologische Prognose, es gilt auch, anhand von Laborexperimenten, Feldversuchen, Naturbeobachtungen und Computersimulationen einzuschätzen, wie sich zum Beispiel die Wärmeproduktion der Abfälle, das Auffahren des Endlagerbergwerks oder das Einbringen artfremder Materialien auswirkt.“

Prof. Dr. Horst Geckeis

Leiter des Institutes für Nukleare Entsorgung INE,  Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Eggenstein-Leopoldshafen

„Der Bericht der Kommission stellt einen wichtigen Meilenstein dar, mit dem der Prozess der Standortauswahl für ein Endlager in Deutschland nun endlich in Fahrt kommen kann. Nach der langen Zeit des Stillstands bei der Lösung des Problems der nuklearen Entsorgung ist dieser Schritt von unschätzbarem Wert. Dass dieser Bericht fast einvernehmlich von allen gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Vertretern in der Kommission verabschiedet wurde, verleiht ihm besonderes Gewicht.“

„Aus wissenschaftlicher Sicht wurden keine neuen Erkenntnisse erarbeitet, was nicht zu erwarten und auch nicht die Aufgabe der Kommission war. Die Einschätzung, dass nur bei einem Endlagerbergwerk in einer stabilen geologischen Formation derart langfristige Prognosen zur Isolation der Abfälle von der Biosphäre möglich sind, hat nach wie vor Bestand. Keine andere Option erlaubt einigermaßen zuverlässige Aussagen über ‚geologische Zeiträume’ hinweg. Inwiefern die Option der Rückholbarkeit der Abfälle hier ein Mehr an Sicherheit bietet, muss weiter diskutiert werden. Eine verlängerte Offenhaltung von Endlagerbereichen kann auch zu Sicherheitslücken führen, die im Einzelnen zu betrachten und zu bewerten wären.“

„Ein kriteriengestütztes Standortauswahlverfahren ist aus wissenschaftlicher Sicht mit dem nun vorliegenden Katalog möglich. Angesichts der unterschiedlichen Eigenschaften der betrachteten Wirtsgesteine wird eine vergleichende sicherheitstechnische Bewertung dennoch eine große Herausforderung darstellen. Zum Beispiel lässt die Empfehlung der Kommission, die Temperatur in einem Endlager auf 100 Grad Celsius zu begrenzen, die nachweislich positive Wirkung höherer Temperaturen auf den Verschluss von Einlagerungsbereichen in einem Endlager im Steinsalz außer Acht. Für andere Wirtsgesteine ist die Temperaturbegrenzung dagegen durchaus sinnvoll. Der Bericht lässt weitgehend offen, wie unterschiedliche Endlagerkonzepte bestehend aus Behälter, Versatzmaterial, die auf ein bestimmtes Wirtsgestein zugeschnitten sein müssen, in die Sicherheitsbewertung einfließen.“

Dr. Vinzenz Brendler

Abteilungsleiter Grenzflächenprozesse, Institut für Ressourcenökologie, Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, Dresden

„Der nun endlich vorliegende Kriterienkatalog deckt aus heutiger Sicht alle wissenschaftlichen Aspekte ab. Hier zahlt sich die Möglichkeit aus, dass sich auch externe Wissenschaftler auf vielfältigen Wegen (Online, Konferenzen, Workshops) an der Kommissionsarbeit beteiligen konnten. Zudem lässt er die Freiheit, im Suchprozess, der sich über lange Zeiträume erstrecken wird, neu verfügbar werdende Erkenntnisse mit einfließen zu lassen, gegebenenfalls über Rücksprünge im Verfahren.“

„Wir sind insofern weiter (als vor der Arbeit der Endlager-Kommission, Anm. d. Red.), als für alle Wirtsgesteine weitestgehend einheitliche Kriterien entwickelt wurden, welche zudem nun klarer formuliert und begründet sind.“

„Aus Sicht eines Naturwissenschaftlers sind (geo)chemische Stabilitäten und geologische Entwicklungen im Rahmen von einer Million Jahre vergleichsweise gut verstanden. Weniger gut verstanden ist das Verhalten von technischen und geotechnischen Barrieren, daher soll letztendlich die Schutzfunktion vorrangig durch das Wirtsgestein bereitgestellt werden. Noch weit schwieriger stellen sich Fragen nach sozialen und sozioökonomischen Entwicklungen, hier ist ein wesentlich stärkeres spekulatives Element vorhanden.“

„Die Sinnhaftigkeit einer Rückholbarkeit ist durch rein politische Rahmenbedingungen gegeben und kann sich innerhalb weniger Jahre erneut ändern. Wissenschaftlich-technisch ist die Rückholbarkeit machbar, die Kosten wachsen dadurch aber deutlich.“

„Dieses Verbot (des Exportes von radioaktivem Müll, Anm. d. Red.) ist unter ethischen Aspekten für Deutschland die einzig akzeptable Variante. Aber auch sicherheitstechnisch sind hier die Standards höher als in der überwiegenden Mehrzahl der anderen Staaten, welche als ‚Importeure’ in Frage kämen.“

Prof. Dr. Dirk Bosbach

Leiter Institut für Nukleare Entsorgung, Forschungszentrum Jülich, Jülich

„Der Bericht der Kommission fasst eine Reihe von Kriterien für die Standortauswahl zusammen. Insgesamt scheint mir der Kriterienkatalog aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll zu sein. Allerdings ist nach meiner Meinung die Parametrisierung zu starr und zu stark vereinfacht. Dennoch – wenn es gelingt, diesen Kriterienkatalog im Konsens zu vereinbaren, wäre ein großer Schritt getan.“

„Es war nicht die Aufgabe der Kommission, Gesteinsarten und Standorte auszuwählen oder auszuschließen. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass man sich auf die geologische Tiefenlagerung festgelegt hat. Mit dem nun ausgearbeiteten Verfahren wird es allerdings sehr lange dauern, bis alle hochradioaktiven Abfälle in Deutschland in ein Endlager eingebracht werden. Bei den Diskussionen in der Kommission wurden bei verschiedenen Gelegenheiten Zeiträume für den Verschluss des Endlagers bis in das 22. Jahrhundert besprochen. Mit dieser Vorgehensweise werden wir unseren Kindern eine schwere Hypothek hinterlassen – man sollte versuchen, die Endlagerung in Deutschland früher abzuschließen.“

„Geologen sind durchaus damit vertraut, Aussagen zur Entwicklung der Geosphäre über derartige Zeiträume abzuleiten. Wichtig dabei ist es, einen Standort auszuwählen, für den eine stabile geologische Gesamtsituation vorliegt – dies wird durch den Kriterienkatalog gewährleistet. Jedes Endlagerkonzept sieht ein redundantes Multibarrierensystem vor. Insbesondere die passive Sicherheit der geologischen Barriere ist für die Langzeitsicherheit wesentlich. In diesem Zusammenhang spielt das wissenschaftliche Verständnis der in einem Endlager ablaufenden physikalisch-chemischen Prozesse eine entscheidende Rolle. Dazu hat es in den vergangenen zwei Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gegeben, die auch bei den erfolgreichen Genehmigungsverfahren für Endlager in Finnland und Schweden eingeflossen sind.“

„Man unterscheidet zwischen Rückholbarkeit (während der Betriebsphase des Endlagers) und Bergbarkeit (nach dem Verschluss des Endlagers). Beide Aspekte scheinen mir bei der Diskussion mit der Öffentlichkeit sehr wichtig zu sein – und werden daher auch im Bericht der Kommission behandelt. Aus technisch-wissenschaftlicher Sicht muss sichergestellt sein, dass die Langzeitsicherheit des Endlagers nicht negativ durch diese Option beeinträchtigt wird.“

„Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jedes Land national eine Lösung für die Entsorgung und Endlagerung radioaktiver Abfälle erarbeiten muss. Für bestimmte Abfälle, zum Beispiel die ausgedienten Brennelemente aus Forschungsreaktoren, sollte deren direkte Endlagerung überdacht werden. Forschungsreaktoren werden bislang mit hochangereichertem Uran betrieben. Im Hinblick auf die Langzeitsicherheit des Endlagers ergeben sich daraus bestimmte Risiken (Kritikalitätssicherheit (Langzeitsicherheit gegen unzulässiges Entstehen kritischer oder überkritischer Anordnungen oder Zustände in abgebrannten Brennelementen, Anm. d. Red.)).“

Mögliche Interessenkonflikte

Alle: Keine angegeben.

Primärquelle

Abschlussbericht der Endlagerkommission