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20.03.2020

Warten auf die COVID-19-Welle: Situation auf den Intensivstationen

Anlass

Viele deutsche Krankenhäuser haben begonnen, sich auf ein Worst-Case-Szenario vorzubereiten. Mit Blick auf die Situation in Italien und exponentiell steigenden Zahlen der bestätigten positiven Fälle in Deutschland wurden bereits in vielen Kliniken Gebäudeteile freigezogen und als Pandemie-Areale ausgewiesen. Notfallpläne für unterschiedliche mögliche Szenarien wurden entwickelt, die Anzahl der Intensivbetten und Beatmungsplätze aufgestockt, elektive Operationen heruntergefahren und dadurch beim Personal freie Kapazitäten geschaffen.

Inzwischen melden mehrere Intensivstationen, dass ein langsamer Zulauf von COVID-19-Patienten begonnen hat.

Auf diesem Hintergrund bemüht sich das SMC, in den kommenden Wochen regelmäßig einen aktuellen Situationsbericht von einigen deutschen Intensivstationen zu liefern:

Wie hat sich die Situation in den Krankenhäusern im Vergleich zur Vorwoche verändert? Wie viele Kapazitäten binden die COVID-19-Patienten aktuell auf den Intensivstationen? Wie krank sind die Patienten, die auf den Intensivstationen behandelt werden und wie optimistisch sind die Leiterinnen und Leiter der Stationen, dass die Situation in den kommenden Tagen beherrschbar bleibt?

 

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Reinhard Busse MPH, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen, TU Berlin
    und Co-Direktor des European Observatory on Health Systems and Policies
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  • Prof. Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing
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  • Prof. Dr. Hans-Georg Kräusslich, Abteilungsleiter Virologie am Zentrum für Infektiologie,  Universitätsklinikums Heidelberg und Dekan der Medizinischen Fakultät Heidelberg
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Statements

Prof. Dr. Reinhard Busse MPH

Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen, TU Berlin und Co-Direktor des European Observatory on Health Systems and Policies

„Wir wissen leider im Moment gar nicht, wie viele der in Deutschland positiv getesteten Patienten derzeit in Krankenhäusern auf Normal- oder Intensivstation behandelt werden. Andere Länder stellen diese Zahlen regelmäßig und zeitnah, zumeist für den gleichen Tag, zusammen und veröffentlichen sie. Diese Daten zeigen große Unterschiede: Auf dem derzeitigen Infektionsniveau von Deutschland (also knapp über 20 pro 100.000 Einwohner) lag die Zahl der auf Intensivstationen behandelten Patienten in Dänemark bei 3 Prozent, in der Lombardei hingegen bei 11 Prozent – auf Deutschland übertragen wären das im ersten Fall ‚nur‘ 500, im letzteren hingegen fast 2.000 Patienten. Wo das Niveau liegt und wie die Entwicklung verläuft, wäre aber wichtig zu wissen, um Vorausschätzungen anstellen zu können, wie lange es dauern wird, bis bei den Intensivbetten mit Beatmungsgerät eine kritische Kapazitätsgrenze erreicht sein wird. Wir brauchen also unbedingt Daten dazu.“

Prof. Dr. Clemens Wendtner

Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing

„Es ist noch nicht der Tsunami, der anrollt, nicht die große Welle. Wir bekommen aber jetzt kontinuierlich Patienten. Entscheidend ist auch die Verteilung der Patienten. Wir sehen gar nicht mehr die COVID-19-Patienten, die positiv getestet, aber ohne Symptome sind. Die sind in Bayern jetzt alle in häuslicher Quarantäne. Das ist mit dem Gesundheitsministerium so abgestimmt. Wir sehen im Krankenhaus nur noch Positive, die symptomatisch sind (die Krankheitssymptome haben, Anm. d. Red.). Das sind rund 15 bis 20 Prozent der positiv Getesteten. Und bei diesen Patienten ist es nach der Statistik aus China so, dass ein Drittel intensivpflichtig wird. Genau das sehen wir auch. Konkret im Tagesgeschehen heute Morgen waren 13 Patienten bei uns auf der infektiologischen Station und sechs Patienten auf Intensivstation. Das hatten wir bislang so noch nicht. Das sind Patienten, die zum Teil auch voll beatmet, also intubiert sind. In Bauchlagerung, wie wir das aus Italien auch aus den Fernsehbildern kennen. Das heißt: Es sind bereits kritisch Kranke dabei.“  

„Wir sehen aktuell nicht nur ältere Patienten mit symptomatischer COVID-19-Erkrankung. Zum Teil sind die Patienten Anfang dreißig und ohne Vorerkrankungen. Da gibt es auch leider keinen Unterschied in der Verteilung zwischen Normal –und Intensivstation. Daher sollten auch jüngere Menschen gewarnt werden und sich an die bekannten Regeln der Hygiene und sozialen Abschottung halten.“

„Wir sind jetzt in Wartestellung. Wir haben Pandemiezonen definiert. Nicht nur in bei uns in München Schwabing, sondern in all unseren vier bis fünf Standorte – je nachdem, ob Sie die Dermatologie noch dazuzählen. In jedem Haus gibt es Pandemieareale, die frei gezogen wurden, und wo wir Kapazitäten verfügbar halten. Das gilt auch für Intensivstationen. Unsere Intensivstation ist zur COVID-19-Intensivstation im internistischen Bereich umfunktioniert worden. Wir sind also vorbereitet - und warten. Das haben uns die Italiener auch berichtet, dass es Tage gab, wo sie warteten und dann sind sie quasi überrollt worden. Aber ich glaube, dass wir besser vorbereitet sind. Materiell und personell haben wir mehr Vorhaltungen in Deutschland als in Italien.“ 

Wenn wir jetzt und heute fragen würden: Wie viele COVID-19-Patienten können wir auf Intensivstation versorgen? Dann wären das allein in unserer sogenannten „München-Klinik“ mit vier Standorten 120 Patienten. Aber wir können das auf 250 aufstocken. Das ist die Vorbereitung, die jetzt gerade getroffen wird. Das ist möglich, und das ist natürlich schon eine ordentliche Zahl. Zudem sind wir nicht allein in München. München ist sehr gut klinisch aufgestellt. Großhadern hat auch um die hundert Intensivplätze. Rechts-der-Isar nicht ganz so viel, aber da gibt es die konfessionellen Versorger: Barmherzige Brüder, Dritter Orden und andere. In großen Zentren wie München schaffen wir in der Summe schon viel.“​

„Es ist eine neue Erfahrung, dass wir Kliniken jetzt in ganz engem Austausch stehen. Es gibt fast täglich Meetings der Münchner Kliniken, bei denen wir uns abstimmen: Wie viele Betten auf der Normalstation, wie viele Intermediate-Care-Betten, wie viele Intensiv-Betten sind wo verfügbar? Und das würden wir im Ernstfall so abgleichen, dass ein Intensivbett der anderen Kliniken genutzt wird, wenn wir selbst keines mehr hätten oder umgekehrt. Da hat sich in der Krisenzeit Solidarität entwickelt. Es ist zu hoffen, dass das auch in die Zeit nach der Krise ein Stück weit mitgenommen wird.“

„Zurzeit wird COVID-19 in Schwabing fokussiert und konzentriert. Die Fälle kommen im Moment nur zu uns. Wir haben in München ein Overflow-System etabliert. Die Verdachtsfälle kommen natürlich auch an den anderen Standorten an. Sie werden dort abgestrichen und getestet – und wenn sie negativ sind, gehen sie nach Hause. Wenn sie positiv sind und keine oder wenig Symptome zeigen, gehen sie auch in die Quarantäne nach Hause. Sollten sie sich aber symptomatisch entwickeln, dann werden sie von den anderen Standorten uns nach Schwabing zuverlegt. Das ist so eine Art Triage, die wir machen. Es wird der Fall kommen, wenn sehr viele Patienten auf einmal kommen, dass wir das nicht alles hier auffangen können. Aber wir sind ja ein Konzern, und dann werden die anderen Standorte das mitstemmen. Da sind natürlich auch schon Stationen und Intensiv-Kapazitäten definiert.“

Auf die Frage, ob es bereits Ausfälle durch positiv getestetes Personal gibt:
„Nur sehr vereinzelt, was auch derzeit noch gut kompensiert werden kann. Aber ganz vereinzelt gab es das schon. Wenn Mitarbeiter positiv getestet werden, heißt das natürlich, sie werden nach Hause geschickt. Wenn Mitarbeiter lediglich Kontakt hatten zu einem Kollegen, der positiv getestet wurde - das kommt ja im Krankenhaus durchaus vor – werden sie im Betrieb gehalten und regelmäßig getestet. Früher haben wir das täglich gemacht, jetzt haben wir drei tägliche Abstriche. Und erst wenn so ein Abstrich positiv wird, dann würden wir die betroffene Person nach Hause schicken.“ 

„In Italien ist es so, dass Mitarbeiter, die positiv sind und wenig Symptome oder gar keine Symptome haben, dass die zum Teil noch im Einsatz sind. Das hängt dann irgendwann davon ab, was Sie an Personal-Kapazitäten haben. Diesen Fall haben wir jetzt natürlich noch nicht hier, weil wir noch gut ausgestattet sind, aber da will ich nichts ausschließen.“ 

Auf die Anmerkung, dass nun leider in den sozialen Medien die ersten Stimmen zu hören seien, es komme ja offenbar gar nicht so schlimm: 
Diesen Leuten muss man wirklich sagen, dass es leider noch anders kommen wird. Davon geht jeder aus, der sich mit dem Thema beschäftigt – egal ob Virologen, Infektiologen oder auch Politiker, die sich auch inzwischen in die Materie gut eingearbeitet haben. Die Projektionen sind recht klar. Es gibt eine interessante Studie von Neil Ferguson aus Großbritannien [1]. Wenn man das liest – das ist zunächst nur für Großbritannien und die USA simuliert – dann muss man sich den Vorwurf gefallen lassen, dass man schon Zigtausende Menschenleben riskiert hat. Würde man keinerlei Maßnahmen treffen, um das Virus einzudämmen, würde das nach der Studie für die USA heißen: 2,2 Millionen Tote. In Großbritannien: 510.000 Tote. Wir freuen uns, dass es bislang hier anders gekommen ist, aber wir müssen das Worst-Case-Szenario vorbereiten. Und das tut jeder vernünftig Denkende auch.“

Prof. Dr. Hans-Georg Kräusslich

Abteilungsleiter Virologie am Zentrum für Infektiologie,  Universitätsklinikums Heidelberg und Dekan der Medizinischen Fakultät Heidelberg

Wir sehen die erwartete langsame Zunahme von Patienten, die auf die Normalstation beziehunsgweise ITS aufgenommen werden. Dies entspricht der vorher beobachteten Zunahme an Neuinfektionen in der Region. Aktuell ist nur ein sehr geringer Teil der ITS-Kapazität durch COVID-19 Patienten belegt.“

„Die weit überwiegende Mehrzahl der bei uns bisher diagnostizierten Personen haben einen milden Verlauf in häuslicher Quarantäne. Der Anteil älterer Patienten und solcher mit Vorerkrankungen in der Gesamtgruppe unserer Patienten ist insgesamt klein, während die stationären Patienten ein Durchschnittsalter von etwa 60 Jahren haben und wie erwartet deutlich häufiger Vorerkrankungen aufweisen.“

„Wir machen eine tägliche Prognose der möglichen Zunahme stationärer Patienten und gegebenenfalls beatmungspflichtiger Patienten auf der Grundlage der Anzahl bei uns diagnostizierter Fälle und der internationalen Zahlen zum schweren und kritischen Verlauf. Dies würde eine deutliche Zunahme in den nächsten zwei Wochen erwarten lassen, die aber im Rahmen der Kapazität des Klinikums lösbar wäre. Wie es danach weitergeht, hängt nach unserer Einschätzung von der Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen zur Infektionsprävention ab und kann aktuell nicht sicher vorhergesagt werden.“

 Auf die Frage, wie groß der Anteil der COVID-19-Patienten ist, die auf der Intensivstation behandelt werden müssen?
„Aktuell scheinen uns die absoluten Zahlen der bei uns stationär beziehunsgweise auf ITS aufgenommenen Patienten noch zu gering, um daraus tragfähige Schlüsse über das Verhältnis zu ziehen.“

Auf die Frage, ob es bereits Ausfälle beim Personal aufgrund von SARS-CoV-2-Infektion gibt: 
„Wir haben einzelne Fälle von Personalausfällen auf Grund von SARS-CoV-2 Infektionen, die aber bisher keine Einschränkungen des Betriebs bedingen.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine Angaben erhalten.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Ferguson NM et al. (2020): Impact of non-pharmaceutical interventions (NPIs) to reduce COVID- 19 mortality and healthcare demand.