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03.04.2020

Live-Umfrage zum Schutzverhalten der Bevölkerung vor SARS-CoV-2

Anlass

Das COSMO-Konsortium, in dem auch das Science Media Center als Partner mitwirkt, ermittelt seit fünf Wochen einmal wöchentlich in einer „Snap-Shot“-Online-Umfragewelle (siehe Primärquelle), wie etwa 1.000 Personen COVID-19 wahrnehmen. Was wissen die Bundesbürger über das SARS-CoV-2-Virus, wie schätzen sie individuelle Risiken einer Infektion ein, welche Schutzmaßnahmen sind bekannt, welche werden angewendet, welche befürwortet oder abgelehnt? Erstmals wurden in der fünften Erhebungswelle in dieser Woche auch Fragen und Einstellungen zu Masken und Kontakt-Tracing Apps in der Bevölkerung gestellt.

Wenn Sie über die Ergebnisse der fünften Umfragewelle des COSMO-Konsortiums berichten wollen: Alle Befunde sind hier zugänglich: https://cosmo.sciencemediacenter.de.

Einige Befunde aus der fünften Umfragewelle:

     

  • Immer noch gibt es eine Kluft zwischen Wissen und Handeln. Nach wie vor bleiben kranke Menschen selten Zuhause, bei COVID-19 Symptomen wird häufig keine Selbst-Quarantäne aufgesucht. Der Zusammenhang zwischen Wissen und Verhalten ist bei den Vorschriften größer als bei den freiwilligen Schutzmaßnahmen, aber besonders bei der Einschränkung nicht notwendiger Kontakte und Wege zu gering.

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  • Vereinzelt geben Personen an, dass sie Maßnahmen ergreifen (zum Beispiel nicht an privaten Feiern teilnehmen), diese aber keine vorgeschriebenen Maßnahmen sind. Diese Unterschiede könnten darauf hinweisen, dass noch klarer gemacht werden muss, welches die zentralen Verhaltensregeln sind. Einheitliche Regelungen und Sanktionen können dabei helfen.

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  • 39 Prozent (Vorwoche 36 Prozent) halten eine Erkrankung für gefährlich, ein knappes Drittel ist sich unsicher. Wer chronisch krank ist, denkt, dass Personen im Umfeld infiziert sind oder sein könnten, das Ausbruchsgeschehen nicht als Medienhype oder das Virus als nah wahrnimmt, negative Emotionen verspürt, sich häufig zum Thema informiert oder eine geringe Selbstwirksamkeitserwartung hat, nimmt sich als selbst anfälliger wahr. Wer mehr über effektive Schutzmaßnahmen weiß, fühlt sich weniger anfällig.

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  • Psychologische Auswirkungen: Personen der Altersgruppe 18 bis 29 Jahre empfinden häufiger Einsamkeit und Niedergeschlagenheit als die Älteren. In einem Singlehausalt lebende Personen berichten ebenfalls häufiger von Einsamkeit.

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  • Einen Wissenszuwachs gab es bei der Frage nach der Immunität nach durchgemachter Krankheit: 44 Prozent der Befragten gaben an, dass eine überstandene Krankheit Immunität verursacht, in der Vorwoche waren es nur 32 Prozent (keine Immunität: 46 Prozent, Vorwoche 56 Prozent; Rest: weiß nicht). Es fehlt also weiterhin Wissen über die sich nach Ansteckung entwickelnde Immunität.

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  • Einstellung zu möglichen Exit-Strategien: Aktuell wird darüber diskutiert, wie nach dem 19. April das Öffentliche Leben wieder aufgenommen werden kann. 52 Prozent sprechen sich dafür aus, die Maßnahmen auch nach dem 19. April nicht zu lockern. Auf weniger Zustimmung treffen Überlegungen, nach dem regionale Unterschiede in den Maßnahmen gemacht werden oder nur noch die Hochrisikogruppe der Senioren in häuslicher Quarantäne verbleiben sollen. Letztere Maßnahme trifft vor allem bei älteren Befragungsteilnehmenden auf wenig Zuspruch. Verstärktes Testen und häusliche Quarantäne von Personen, die mit Infizierten Kontakt hatten, wird stark zugestimmt.

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  • Maske tragen? 69 Prozent halten es für eine wirksame Schutzmaßnahme, in der Öffentlichkeit Masken zu tragen. 26 Prozent geben an, in der Öffentlichkeit Masken zu tragen. Einer verpflichtenden Regelung stimmen 45 Prozent zu. Die Bereitschaft, in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen ist vor allem bei Älteren hoch. Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass sie sich einen Schutz vor Ansteckung erhoffen. Hier gilt es klar zu kommunizieren: Eine Maske schützt vor allem vor der Übertragung auf andere, nicht vor eigener Ansteckung.  

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  • Einstellung zu Apps, die Übertragungsketten nachverfolgen? 60 Prozent sind eher bereit oder bereit, sich eine datenschutzkonforme App zu installieren; 14 Prozent würden sich eine solche App auf keinen Fall runterladen. 94 Prozent der Personen, die eine solche App nutzen würden, wären eher bereit oder bereit, ihre Kontaktdistanzhistorie mit dem Gesundheitsamt zu teilen. Die daraus folgende häusliche Quarantäne von Personen, die mit einem Infizierten Kontakt haben, ist sehr gut akzeptiert.

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  • Die WHO empfiehlt, viel zu testen, Kontaktketten zu identifizieren, Erkrankte zu isolieren und Kontaktpersonen in häusliche Quarantäne zu schicken. Die Befragung ergab eine gute erste Akzeptanz einer Tracing-App, die potenziell Infizierte schnell informiert. Auch verstärktem Testen und häuslicher Quarantäne von Personen, die mit Infizierten Kontakt hatten, wird stark zugestimmt. Es sollte erwogen werden, die App als Teil in eine Gesamtstrategie einzubinden.

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Journalistinnen und Journalisten können Menschen helfen, ihr Verhalten an die aktuelle Bedrohungslage anzupassen. Sinnvoll wäre es, darauf zu fokussieren, auf welche Weise ungewohnte Verhaltensweisen für den Selbstschutz und die räumliche Distanzierung motiviert, eingeübt und sicher angewandt werden können. Das SMC hat daher zusätzlich zur COSMO-Umfrage Forschende befragt, unter welchen Umständen Menschen tief verwurzelte Gewohnheiten ablegen können, wie jene, sich häufig ins Gesicht zu fassen, oder wie sich Resilienz auf das Risikobewusstsein jüngerer und älterer Menschen auswirkt.

Es geht letztlich um Selbstermächtigung, Teil einer sozialen und solidarischen Bewegung zu werden, die Schwache schützt und es ermöglicht, Menschlichkeit zu zeigen – zeitweise auch ohne direkten körperlichen Kontakt.

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Ralph Hertwig, Direktor Forschungsbereich Adaptive Rationalität, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin
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  • Prof. Dr. Matthias R. Hastall, Professor für Qualitative Forschungsmethoden und Strategische Kommunikation für Gesundheit, Inklusion und Teilhabe, Technische Universität Dortmund
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  • Prof. Dr. Kai Sassenberg, Leiter der Arbeitsgruppe Soziale Prozesse, Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM), Tübingen
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  • PD Dr. Hannah Früh, Lehr- und Forschungsrätin im Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, Universität Freiburg, Schweiz
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  • Prof. Dr. Sonia Lippke, Leiterin der Abteilung Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin, Jacobs-Universität Bremen
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  • Prof. Dr. Klaus Lieb, Direktor des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung, Mainz, und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Mainz
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  • Prof. Dr. Eva Baumann, Professorin für Kommunikationswissenschaft am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover
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Statements

Prof. Dr. Ralph Hertwig

Direktor Forschungsbereich Adaptive Rationalität, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin

„Es gibt eine Vielzahl von theoretischen Ansätzen, um gesundheitsrelevantes Verhalten zu ändern – das umschließt unter anderem lerntheoretische Zugänge (wie Fokus auf auslösende Bedingungen für ein bestimmtes Verhalten und darauf, wie man ein gewünschtes Verhalten verstärken kann); Zugänge, die sich auf unsere Motivation konzentrieren; Zugänge, die bei der äußeren Entscheidungsumwelt ansetzen (Nudging) oder Zugänge, die Kernkompetenzen stärken (Boosting; wie Handlungs- und Entscheidungskompetenzen, Risikomündigkeit).“

„Ein in der Literatur einflussreiches, integratives Verhaltensmodell benennt drei Komponenten – (1) Fähigkeiten, (2) Möglichkeiten und (3) Motivation – die eine Person braucht, um das gewünschte Verhalten an den Tag legen zu können. Fähigkeiten umschließen psychologische Fähigkeiten – Wissen und Fertigkeit, eine bestimmte Handlung auszuführen – und physische Fähigkeiten – zum Bespiel Stärke und Ausdauer. Möglichkeiten umschließen soziale Aspekte – zum Beispiel: Welche Normen es für das Verhalten gibt –, aber auch materielle – Braucht es Ressourcen, wie etwa Wasser, um sich die Hände zu waschen. Motivation beinhaltet sowohl bewusste Prozesse – wie Nachdenken, Analysieren, Informationssuche – als auch automatisierte Prozesse – Emotionen, Gewohnheiten, Routinen. Diese drei Komponenten interagieren. Eine Person kann motiviert sein, ein Verhalten zu zeigen; sie verfügt jedoch nicht über die dafür notwendigen Fähigkeiten oder aber die sozialen Normen ‚verbieten‘ das Verhalten. Oder man besitzt die notwendigen Fähigkeiten und andere würden das Verhalten auch begrüßen, aber es fehlt die Motivation, das entsprechende Verhalten zu zeigen.“

„Gleichzeitig gilt es zu beachten, dass eine bestimmte Einstellung nicht notwendigerweise zu entsprechendem Verhalten führt: Wir möchten die Umwelt schützen, fliegen aber immer wieder in den Urlaub. Wir möchten mehr Sport treiben, können uns aber am Sonntagmorgen nicht zum Joggen aufraffen. Diese Diskrepanz zwischen Einstellung und Verhalten wurden sehr häufig in der psychologischen Forschung beobachtet.“

„Alle zuvor diskutierten Aspekte sind relevante psychologische und externe Faktoren für Verhalten. Zusätzlich kommen bei der Ausbildung von Einstellungen noch viele andere Faktoren dazu, wie zum Beispiel politische Überzeugung, Werte, Religiosität, Alter, Geschlecht, Bildung, spezifische und konkrete Erfahrungen und so weiter.“

Auf die Frage, welche Kommunikationsstrategien es gibt, um schnelle Handlungsveränderungen in der Bevölkerung zu implementieren:
„Es gibt keine Wunderstrategien! Wenn wir die hätten, sähe die Welt heute in mancher Hinsicht anders aus. Aber es gibt sicher gute und schlechte Kommunikation. Gute Kommunikation bedeutet Informationen transparent und verständlich zu vermitteln – zum Beispiel: Häufigkeiten anstelle von Wahrscheinlichkeiten; evidenzbasierte Information anstelle von Gerüchten und Vermutungen; das Trennen von Meinung, Bewertung und Sachverhalt.“

„Selbstverständlich kann man auch Emotionen und Emotionalität gezielt einsetzen, aber dies kann Konsequenzen haben, die den ursprünglichen Absichten nicht entsprechen. Außerdem erschöpft sich Emotionalität ziemlich schnell und führt dann nicht zu den beabsichtigten Verhaltensänderungen.“

„Man kann in der Kommunikation auch auf das Verhalten anderer verweisen – zum Beispiel: Die meisten Leute waschen sich jetzt regelmäßig mindestens 20 Sekunden die Hände. Solche wahren (!) Aussagen über das Verhalten anderer, sogenannte ‚deskriptive’ Normen, können bedeutsame verhaltenssteuernde Wirkungen haben.“

„In einer Situation, in der soziale Distanz empfohlen wird, werden mediale und digitale Welten noch wichtiger als sie es ohnehin schon sind. Um so bewusster müssen sich die Medien ihrer Verantwortung sein. Das heißt in meinen Augen unter anderem:

     

  • sachliche Information, die den Bürger aufklärt und ermündigt und nicht gängelt oder gar manipuliert;
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  • Informationsangebote, die auf unterschiedliche Nutzergruppen (Kinder versus Erwachsene) und Bildungsvoraussetzungen zugeschnitten sind;
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  • Information, die konsequent, transparent und verständlich die Unsicherheit im gegenwärtigen wissenschaftlichen Kenntnisstand widerspiegelt und keine falschen Sicherheiten vorgaukelt.“
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„Darüber hinaus sollte selbstverständlich auch über die Proportionalität der Berichterstattung nachgedacht werden. Die vielen anderen Probleme, mit denen die Welt zu kämpfen hat, sind durch das Coronavirus nicht verschwunden: globale Erwärmung, die Gefahr des Rechtsextremismus, digitaler Wandel der Lebens- und Arbeitswelt, Adipositas und so weiter. Interessant ist auch die Frage, wie sich diese und andere Probleme im Lichte der veränderten Verhaltens- und Kontextbedingungen darstellen. Um den Eindruck eines Medienhypes zu entgehen, sollten auch diese und andere wichtige Themen eine angemessen Medienpräsenz erfahren.“

Auf die Frage, welche Schlüsse aus den COSMO-Daten gezogen werden können:
„Erstmal sollte man sich vergegenwärtigen, dass wir es mit einem gigantischen Feldexperiment zu tun haben, in dem wir innerhalb kürzester Zeit versuchen, das Verhalten einer gesamten Gesellschaft in diversen Lebensbereichen (Mobilität, Arbeit, Freizeit) zu verändern. Dafür gibt es kaum eine historische Parallele. Und bei diesem Experimentieren mit uns selbst tauchen auch die Probleme auf – die Daten geben erste Hinweise –, die uns bereits aus psychologischer Forschung bekannt sind: Wie kommuniziert man verständlich Information und Handlungskompetenzen? Wie steigern wir prosoziales Verhalten – wobei Prosozialität hier paradoxerweise in sozialer Distanzierung besteht? Wie übersetzt man Wissen und Einstellung in tatsächliches Verhalten? Wie gewinnt und steigert man Vertrauen in einer Zeit, in der Vertrauen ein zunehmend knappes Gut zu werden scheint? Wie stärkt man das Verständnis für wissenschaftliche Evidenz? Wie fördert man mündige Bürger und Bürgerinnen, die sich der Verantwortung für sich selbst und andere bewusst sind und dementsprechend handeln – aber gleichzeitig massive Einschränkungen im Alltag mittragen.“

Prof. Dr. Matthias R. Hastall

Professor für Qualitative Forschungsmethoden und Strategische Kommunikation für Gesundheit, Inklusion und Teilhabe, Technische Universität Dortmund

Auf die Frage, welche Schlüsse aus den vorläufigen COSMO-Daten gezogen werden können:
„COVID-19 wird zunehmend als relevantes Gesundheitsrisiko wahrgenommen. Das Wissen um Schutzmaßnahmen ist bereits relativ hoch und die Mehrzahl der Menschen informiert sich bereits intensiv. Das sind insgesamt sehr gute Nachrichten, zumal zu erwarten ist, dass diese Werte angesichts der aktuell zunehmenden Verbreitung weiter steigen. Ich interpretiere die Daten so, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich bereits verantwortungsbewusst informiert, adäquat vorbereitet und die offiziellen Informationen ernst nimmt.“

„Die Daten bezüglich der ‚Hamsterkäufe‘ interpretiere ich etwas anders. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt unabhängig von Corona, einen Vorrat von Lebensmitteln und Getränke für zehn Tage anzulegen und hat dafür eine Checkliste bereitgestellt [1]. Wann wäre eine bessere Zeit, um das endlich einmal zu machen, als eine Pandemie mit der Aussicht, einige Wochen nur noch in Notfällen das Haus zu verlassen? Ich würde hier eine verantwortungsbewusste Vorsorge für sich, die eigene Familie und Bedürftige streng trennen von panik- oder gewinngetriebenen Masseneinkäufen. Nur letztere sind ein Problem und sollten als ‚Hamsterkäufe‘ bezeichnet werden.“

„Die Daten geben einen guten Einblick in die Wahrnehmung der aktuellen Situation durch die Bevölkerung. Das ist hilfreich, um zu erkennen, ob und gegebenenfalls bei welchen Bevölkerungsgruppen noch Informationsbedarf besteht oder welche Schutzmaßnahmen noch nicht ausreichend umgesetzt werden, wo also Unterstützungsbedarf besteht. Durch die längsschnittliche Anlage der Studie lassen sich auch Entwicklungen im Zeitverlauf gut verfolgen, was wichtig ist, um auf aktuelle Entwicklungen reagieren zu können.“

„Menschen sind vielschichtig und das Umsetzen von Verhaltensänderungen ist ein komplexer Prozess. Das spiegelt sich in einer Vielzahl an Ansätzen wider, die in der gesundheitspsychologischen Forschung hierzu aufgestellt wurden. In Übereinstimmung mit Studienansätzen wie beispielsweise dem Transtheoretischen Modell [2] oder dem Precaution Adoption Process Model [3] kann davon ausgegangen werden, dass Verhaltensänderungen nicht plötzlich aus dem Nichts erfolgen, sondern dass Menschen dabei typischerweise bestimmte Phasen durchlaufen. Auf eine Phase der Nichtwahrnehmung eines Risikos können Phasen folgen, in denen sich damit etwas mehr beschäftigt wird, in denen das Risiko als persönlich relevant erkannt wird und eine Absicht zum Schutz ausgebildet wird. Um Schutzverhalten tatsächlich auszuführen oder aufrecht zu erhalten, bedarf es jedoch weiterer Informationen und Impulse. Überhaupt besteht in jeder Phase ein ganz spezifischer Informationsbedarf und der Prozess kann jederzeit abbrechen. Ansätze wie das Extended Parallel Process Model [4] sprechen dafür, dass es insbesondere auf vier Faktoren ankommt: die wahrgenommene Schwere der Bedrohung, die Wahrnehmung, persönlich davon betroffen zu sein, die Verfügbarkeit effektiver Schutzmaßnahmen und die wahrgenommene Fähigkeit, diese leicht umzusetzen. Die beiden letztgenannten Aspekte sind dabei am wichtigsten: Ohne das Gefühl, dass effektive Schutzmaßnahmen zur Verfügung stehen und auch wirklich leicht umgesetzt werden können, sind Angst und Verdrängung zu erwarten, aber kein effektives Schutzverhalten.“

„Am wichtigsten ist es daher, dass Menschen eine Bedrohung als persönlich relevant erkannt haben und das Gefühl haben, dass hierfür effektive und leicht umsetzbare Schutzmechanismen zur Verfügung stehen. Darüber hinaus werden Menschen von vielen weiteren Aspekten beeinflusst: Rollenvorbilder, gesellschaftliche Ansichten bezüglich ‚gutem‘ oder ‚richtigem‘ Verhalten, Belohnung oder Bestrafung für bestimmte Verhaltensweisen, ihrem Umfeld und so weiter. Idealerweise ist die gesamte Umgebung so gestaltet, dass das gewünschte Verhalten erleichtert wird – zum Beispiel viele Möglichkeiten zum Händewaschen, bei denen ein Aufkleber das korrekte Vorgehen illustriert. Um Reaktanz und Abwehr zu vermeiden, sollte eher motiviert werden als auf Furchtappelle oder einen absoluten Befehlston zu setzen.“

„Es gibt stets tausende Möglichkeiten, eine Botschaft zu ‚verpacken‘: Welche konkreten Informationen werden in welcher Reihenfolge und in welcher Aufmachung gegeben? Welche Impulse für Gedanken, Gefühle oder Verhaltensreaktionen sind enthalten? Appelliert man an den Verstand, an das Ego oder an die Emotionen? In der Gesundheitskommunikation sind sachliche Informationen genauso üblich wie soziale oder emotionale Appelle, da es darauf ankommt, was die jeweilige Zielgruppe überzeugend findet. Gesundheitsbotschaften können geschickt in Geschichten verpackt sein (Storytelling) oder als direkte Aufrufe kommuniziert werden; es können die Risiken bestimmter Verhaltensweisen genauso betont werden wie die positiven Folgen des Schutzverhaltens. In Übereinstimmung mit Empfehlungen der WHO [5][6] sollten Informationen leicht verständlich und aktuell über verschiedene Kanäle verbreitet werden, um durch Transparenz und Konsistenz Vertrauen aufzubauen. Leicht durchführbare Schutzmaßnahmen sollten stets genannt und am besten einfach visualisiert werden. Lokale Ansprechpartner, an die sich betroffene oder besorgte Personen wenden können, sollten stets genannt werden. Über ein Monitoring sollte erfasst werden, welche Unsicherheiten und welche Fehlwahrnehmungen in der Bevölkerung bestehen, damit diese möglichst schnell adressiert werden können. Auch Unsicherheiten müssen klar und verständlich kommuniziert werden. Es sollten zu keiner Zeit Zweifel daran bestehen, welche Schutzmaßnahmen effektiv und angemessen sind, aus welchen Quellen vertrauenswürdige Informationen bezogen werden können und welche konkreten Unterstützungsangebote oder Ansprechpartner es gibt. Immer anzuraten ist ein wertschätzender Ton, der das große Bemühen der vielen, vom Risiko betroffenen Personen anerkennt, selbst in schwierigen Zeiten das Richtige zu tun.“

„Medien spielen eine extrem wichtige Rolle als Informationslieferant. Ihre Inhalte starten und prägen auch stark persönliche Gespräche. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen in frühen Phasen einer Krankheitswelle Bedrohungen noch verleugnen oder verdrängen. Die Medien sind daran nicht ganz unschuldig, da bei vielen Medien im harten Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser eine gewisse Aufgeregtheit, Übertreibung oder Sensationalismus selbst bei banalen Themen zum Tagesgeschäft gehört. Daher kann es etwas dauern, bis Menschen bemerken, dass die Sorge diesmal gerechtfertigt sein könnte.“

„Umso wichtiger ist es, dass Medien möglichst sachlich und konsistent auf die Gefahr, geltende Regelungen und wichtige Schutzmöglichkeiten hinweisen. So kann die Verleugnung und Verdrängung Schritt für Schritt überwunden werden. Umgekehrt kann eine Non-Stopp-Beschallung mit neuen Erkrankten- und Todeszahlen auch zermürben oder Ängste hervorrufen, selbst bei Personen, die sich und ihr Umfeld bereits bestmöglich schützen. Daher ist es wichtig und gut, dass Medien auch viele Angebote zur Ablenkung, Erholung und für positive Gedanken und Empfindungen bereitstellen.“

Prof. Dr. Kai Sassenberg

Leiter der Arbeitsgruppe Soziale Prozesse, Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM), Tübingen

„Ein wichtiger Befund der COSMO-Erhebung ist, dass das Wissen um wirksame Schutzmaßnahmen nicht unbedingt dazu führt, dass sie ergriffen werden (Abschnitt 10.2). Dies ist eine wichtige Erkenntnis, weil Menschen über Medien zwar Wissen vermittelt werden kann – was derzeit auch umfassend geschieht. Wirksam wird dieses Wissen aber nur, wenn es zu einer Verhaltensänderung kommt.“

„Das Wissen über die Wirksamkeit eines Verhaltens – also der Einstellung gegenüber einem Verhalten – führt oft nicht dazu, dass das Verhalten auch gezeigt wird. Selbst die Absicht, das Verhalten zu zeigen, führt nicht immer dazu, dass es wirklich gezeigt wird. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn Gewohnheiten die eigenen Handlungen leiten. Wenn beispielsweise nach dem Nachhausekommen üblicherweise als erste Handlung die Post geöffnet wird, oder der E-Mail-Eingang, wird auch die kurz vorher gebildete Absicht, die Hände an dieser Stelle zu waschen, unwirksam bleiben. Gewohnheiten sind schwer zu verändern, weil sie unbewusst das Verhalten leiten.“

„Wenn Menschen wirklich das Ziel haben, Schutzmaßnahmen umzusetzen, können ihnen Vorsätze dabei helfen. Vorsätze sind einfache Handlungspläne in der Form ‚Wenn ich nach Hause komme, dann gehe ich als erstes ins Bad und wasche die Hände‘. Auch wenn Vorsätze sehr einfach erscheinen, haben sie sich in unterschiedlichen Bereichen als sehr wirksam erwiesen. Wichtig ist, dass die Situation, in der das Verhalten gezeigt werden soll, genau definiert wird und dass eine konkrete Handlung festgelegt wird.“

„Das Abstandhalten beispielswiese widerspricht den Grundbedürfnissen des Menschen als soziales Wesen. Gleichzeitig glauben Menschen nicht, dass sie von ihren Freunden und guten Bekannten infiziert werden –‚Das Negative kommt nicht aus unserer Nähe, sondern vor allem von den anderen‘.“

„Wenn es gelingt, in der (journalistischen) Kommunikation Emotionen durch Mitgefühl zu wecken, kann dies helfen, grundsätzliche Einstellungs- und Verhaltensänderungen herbeizuführen. So kann durch personalisierte Berichte mit Stimmen von Betroffenen, bei denen Schutzmaßnahmen geholfen hätten, nicht nur Mitgefühl ausgelöst werden, sondern auch die Bereitschaft gefördert werden, das eigene Verhalten zu verändern. Wird zum Beispiel aus der Perspektive eines Infizierten berichtet, dass er/sie sich durch zu nahen Kontakt angesteckt hat und welche Leiden dadurch ausgelöst wurden, steigert dies die Bereitschaft zur Vermeidung von Kontakten mehr, als wenn die Wirkung des Vermeidens von Kontakt nur abstrakt erklärt wird.“

„In der Umfrage ist die Akzeptanz einiger Maßnahmen, die in anderen Ländern umgesetzt werden, sehr geringe – beispielsweise das Haus nur aus dringenden Gründen verlassen, Abschnitt 9. Ist dies ein Hinweis darauf, dass sich diese Maßnahmen in Deutschland nicht durchsetzen lassen? Vor der Umsetzung einer einschränkenden Maßnahme ist deren Akzeptanz häufig geringer als nachdem dieselbe Maßnahme umgesetzt wurde. Dies wird beispielsweise an der Akzeptanz der Rauchverbote deutlich.“

„Vor der Umsetzung einer Maßnahme werden die Einschränkungen mit der aktuellen, besseren Situation verglichen und deshalb negativ bewertet. Sind die Einschränkungen implementiert, werden sie als neue Realität akzeptiert und die Situation vor der Einschränkung spielt für die Bewertung eine deutlich geringere Rolle. Wichtig ist in diesem Zusammenhang ein konsistentes Vorgehen – zum Beispiel zwischen Bundesländern oder Staaten –, weil die Entscheidung dann als alternativlos erscheint.“

PD Dr. Hannah Früh

Lehr- und Forschungsrätin im Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, Universität Freiburg, Schweiz

„Die Frage, wie Menschen am besten neue Verhaltensweisen erlernen, kann man mit verschiedenen theoretischen Ansätzen beantworten. Gut belegte Beispiele sind etwa die sozialkognitive Theorie von Albert Bandura oder auch die Theory of Planned Behavior von Martin Fishbein und Icek Ajzen. Bandura zufolge erhöht sich durch das Präsentieren von Verhaltensmodellen die Wahrscheinlichkeit dafür, dass dieses Verhalten nachgeahmt wird. Darüber hinaus spielen aber auch beispielsweise Selbstwirksamkeitserwartungen eine Rolle, das heißt, die subjektiven Überzeugungen von Menschen, ein bestimmtes Verhalten auch ausüben zu können. Ein wichtiger Faktor, den man beispielsweise aus der Theory of Planned Behavior ableiten kann, ist die Rolle von wahrgenommenen sozialen Normen.“

„Medien erfüllen bei der Risikokommunikation mehrere Funktionen, und Berichterstattung kann verschiedene Effekte nach sich ziehen. Über Medien werden Menschen beispielsweise oft erst auf ein Risiko aufmerksam, ohne dass bislang ein Schaden entstanden ist. Oder uns werden durch Medien in einem plötzlichen Krisenfall wichtige Informationen von Gesundheitsexperten und -behörden bereitgestellt. Gleichzeitig kann Medienberichterstattung auch den Blick der Bevölkerung auf ein einziges Thema lenken, wodurch viele andere wichtige Themen für die Dauer einer Krise ausgeblendet werden. Wichtig ist, dass Medien keinesfalls dramatisieren, weil dies zusätzlich Ängste bei den Menschen hervorruft. In akuten Krisen ist es wichtig, dass Journalistinnen und Journalisten sich zu einem risikorelevanten Thema an wissenschaftlichen Befunden orientieren und die Einschätzungen von Experten und Verantwortlichen korrekt berichten. Eine besonders relevante Funktion neben der Vermittlung von risikobezogenen Fakten ist das journalistische Übersetzen und Erklären von Informationen in eine allgemeinverständliche Sprache.“

Prof. Dr. Sonia Lippke

Leiterin der Abteilung Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin, Jacobs-Universität Bremen

„Aus gesundheitspsychologischer Sicht möchte ich Sie auf meine Kollegen aufmerksam machen, die die wichtigen Strategien zur Änderung von übertragungsbedingten Verhaltensweisen zusammengefasst haben [7]. Dies ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was wir persönlich und die Gesundheitspsychologie der öffentlichen Gesundheit in kritischen Zeiten bieten können.“

„Aus eigenen Studien können wir sagen, dass die reine Information über Risiken nur dann wirksam ist, wenn noch keine Absicht zur Verhaltensänderungen gesetzt wurde. Wenn die Absicht da ist, dann bringt weitere Risikoinformation wenig. Es kommt dann mehr darauf an, Strategien zu vermitteln, wie das Verhalten sinnvoll in den Alltag integriert werden kann.“

„Am besten und schnell lernen Menschen, wie sie sich in einer Viruspandemie richtig die Hände waschen, zum Beispiel durch die wirklich guten Poster des RKI oder der WHO.“

„Soziale Kontakte sollten aus meiner Sicht nicht vermindert werden, sondern die Art, wie sich Menschen treffen, also von Kontakten in Person hin zu lieber nur telefonieren oder Unterricht online. Wenn doch Kontakte in Person notwendig sind, zum Beispiel mit Verkäufern, dann mit ausreichend körperlichem Abstand. Ich finde gute Beispiele haben die Niederländer gegeben [8].“

Auf die Frage, welche psychologischen und externen Faktoren bekannt sind, die eine Auswirkung auf Einstellungs-/Verhaltensänderungen haben können:
„Neben den reinen rationalen Faktoren wie Information auch Emotionen, insbesondere Angst aber eben auch positive Emotionen wie Freude. Wenn also nur ‚kalte‘ Informationen gegeben werden wie ‚nicht auf den Spielplatz gehen‘, dann kann das zu Reaktanz führen, einfach weil keine Alternativen gesehen werden. Besser wäre es, auch zu informieren, dass man stattdessen lieber im heimischen Garten ohne andere Kinder oder im Wohnzimmer spielen soll und dass dann die Nachbarskinder auch gehört werden oder man lustige Filme dreht und die anschließend austauscht.“

„Angst in einem gewissen Maße ist generell nicht schlecht. Denn sie kann uns mobilisieren, sodass wir uns schützen und Maßnahmen ergreifen, die allen Menschen helfen, gesund zu bleiben und das Ansteckungsrisiko zu verringern. Das Wichtigste dabei ist aber, das Gefühl der Kontrollierbarkeit und die Zuversicht zu behalten. Konkretes Verhalten ist wichtig zu kennen und zu wissen, wie man es auch dann ausüben kann, wenn es schwierig ist. Beim persönlichen Schutz vor einer Ansteckung ist das zum Beispiel Handhygiene, mindestens zwei Meter Abstand zu anderen Menschen einhalten oder dass man sich selbst nicht ins Gesicht fasst. Dann kann Angst helfen, dass man aufmerksamer ist und sich entsprechend verhält, um sich und andere nicht in Gefahr zu bringen. Diese Angst ist zunächst einmal gut und wichtig, sie hat eine Funktion und sollte ernst genommen werden. Aber: Sie sollte aber nicht zu groß werden. In den Kliniken, mit denen wir derzeit zusammenarbeiten, hat sich bereits in den ersten Tagen, in denen Corona ein Thema wurde, noch einmal eine deutlich positive Veränderung hin zu noch besserer Handhygiene gezeigt. Im Gesundheitswesen sind die Beschäftigten also absolut bereit, Maßnahmen zu ergreifen und einzuhalten – die Wahrnehmung eines Risikos führt zu einer höheren Absicht und die Plakate und Informationen wiederum zu einem besseren Verhalten.“

„Wir untersuchen die Faktoren im Zusammenhang mit Handhygiene in einer aktuellen Studie, bei der wir auch ein paar Fragen zu Corona eingebaut haben. Wer daran teilnehmen mag oder einfach mal erleben will, wie die Forschung abläuft, ist herzlich eingeladen: für alle Bürger und Bürgerinnenfür Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen.“

Auf die Frage, welche Kommunikationsstrategien es gibt, um schnelle Handlungsveränderungen in der Bevölkerung zu implementieren:
„Klare Ansprachen, die authentisch wirken mit Handlungsanweisungen und dem Appell an die Selbstverantwortung aller. Auf Grundlage unserer Evidenzen halte ich Angela Merkels Ansprache an die Nation für ein gutes Beispiel. Aber dann eben auch Poster und Internetseiten, Newsmeldungen und Presseberichterstattungen, die die wichtigen Botschaften ;kommunizieren, ohne zu dramatisieren.“

„In den Krankenhäusern gibt es zusätzlich zu vielen Postern auch immer noch persönliche Ansprechpartner, die erklären, warum bestimmte Maßnahmen eingehalten werden sollen – wenn man weiß, wofür man sich einschränkt und dass diese Maßnahmen dem Gesundheitssystem helfen können, ist man eher bereit, sich daran auch zu halten.“

Prof. Dr. Klaus Lieb

Direktor des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung, Mainz, und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Mainz

„Trotz der Krise schätzen die befragten Personen ihre Fähigkeit, sich durch die Krise nicht unterkriegen lassen und die notwendigen Wege zu finden, um weiterzumachen, als mittelgradig bis hoch ein. Interessant ist insbesondere, dass sich Menschen älter als 60 Jahre als resilienter, also widerstandsfähiger gegenüber Stress, einschätzen. Dies könnte dahingehend interpretiert werden, dass ältere Menschen auf mehr Bewältigungserfahrungen in der Vergangenheit zurückgreifen können und sich daher auch in der gegenwärtigen Situation als besser gewappnet einschätzen. Die Korrelation einer höheren Resilienz , insbesondere bei älteren Menschen, mit der Einstellung, gegenüber einer Infektion weniger anfällig zu sein und sich leichter schützen zu können, könnte darauf hinweisen, dass diese Personen notwendige Schutzmaßnahmen weniger ernst nehmen und daher auf die Notwendigkeit, Schutzmaßnahmen einzuhalten, insbesondere bei alten Menschen verstärkt hingewiesen werden müsste.“

„In der aktuellen Lage lässt sich sehr gut nachzeichnen, dass die Menschen durch ihr Informationshandeln Unsicherheitsmanagement betreiben. Der Informationsbedarf in der Bevölkerung ist hoch, entsprechend ist es gut, dass intensiv und umfassend informiert wird. Am liebsten hätten wir allerdings eindeutige, einfachere und sichere Aussagen, die unsere Informationslücken füllen, Widersprüche auflösen, Vergangenes verstehbar machen und Künftiges antizipieren helfen. Das ist mehr als verständlich, passt aber leider nicht zur Realität. So stehen auch die Journalist*innen vor der Herausforderung, mit Vielfalt und wissenschaftlicher Unsicherheit zu leben und umzugehen und ihrer Rolle als unabhängige und kritische Beobachter gerecht zu werden. Der Journalistik-Professor Klaus Meier hat dies kürzlich in einem Zeitungsinterview auf den Punkt gebracht: ‚Follow the science‘, aber: ‚don’t blindly follow a single scientist‘.“

Prof. Dr. Eva Baumann

Professorin für Kommunikationswissenschaft am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

„Ob in den Massenmedien, in sozialen Netzwerkmedien oder im persönlichen Gespräch – Corona ist Thema Nummer 1. Fehlinformationen und Falschmeldungen mischen sich unter evidenzbasierte Informationen und werden zum Teil genutzt, um Unsicherheiten und Ängste zu schüren. Wer also die Menschen in der aktuellen Lage zu einem bestimmten Verhalten motivieren will, wird – wenn es nicht gelingt, ganz oben auf der medialen Agenda zu landen –, bereits daran scheitern, dass diejenigen, die man erreichen will, gar nicht verlässlich erreicht werden.“

„Wenn diese Hürde genommen ist und man eine nachhaltige Verhaltensänderung erwirken will, wird dies nur über Verständnis und Akzeptanz der Botschaften sowie Vertrauen in die Inhalte und Quellen funktionieren. Die Menschen müssen also der Meinung sein, dass das empfohlene Verhalten sinnvoll und nützlich ist – für sie selbst, aber eben auch für andere. Die Botschaften sollten außerdem möglichst zu dem passen, was die Menschen in ihrem sonstigen sozialen und medialen Umfeld wahrnehmen. Denn wir treffen unsere Entscheidungen nicht im luftleeren Raum. Wir orientieren uns an anderen, also daran, wie sich relevante Bezugspersonen verhalten, welche Erwartungen und Einstellungen unserer Peers oder anderer Autoritätspersonen wir wahrnehmen und wie wichtig uns diese sind. Auch richten wir unser Verhalten daran aus, was honoriert oder sanktioniert wird und welche Risiken mit welchem Verhalten eingehen. Hinzu kommt, dass man sich selbst in der Lage sehen muss, das empfohlene Verhalten auch zu praktizieren und daran glaubt, dass es zum gewünschten Ziel führt. Diese Überzeugungen müssen so stark sein, dass man bereit ist, hierfür auch einen – im Fall sozialer Distanz und massiver Einschränkungen der individuellen Freiheit sehr hohen – Preis zu zahlen. Wenn die Abwägung, wie strikt man sich die Empfehlungen oder Anweisungen hält, eher rational erfolgt, wird dies wahrscheinlicher sein, wenn der erwartete Nutzen höher ist als die empfundenen Kosten. Bei einer eher heuristischen Informationsverarbeitung werden dagegen eher emotional ansprechende Botschaften eine Wirkung entfalten.“

„Eine One-size-fits-all-Kommunikationsstrategie gibt es in diesem Fall wie auch in allen anderen Themen nicht, denn die Menschen ticken zum Glück unterschiedlich. Es wird also stets von der individuellen Disposition und vom persönlichen sozialen Kontext, von der aktuellen Lebenslage, den Problem- und Risikowahrnehmungen, von den eigenen Einstellungen und Überzeugungen, vom Gefühlszustand, aber auch von Persönlichkeitsstrukturen abhängen, auf welchen Überzeugungsversuch welche Menschen wie reagieren. Wer sich gerade mit eigenen Existenzängsten trägt, braucht andere Informationen als jemand, der sich in weitgehender Sicherheit wiegt. Wer die Bedrohung unterschätzt, der könnte zum Beispiel durch Furchtappelle aufgerüttelt werden und die für eine Verhaltensänderung nötige Risikowahrnehmung entwickeln. Wer aber ohnehin sehr ängstlich und besorgt ist, der wird potenziell beängstigende Botschaften abzuwehren versuchen oder hierauf gar panisch reagieren. Es ist also kompliziert und herausfordernd, aber es ist naiv anzunehmen, die Menschen würden gleichförmig auf Informationen reagieren – erst recht nicht, wenn sie im Krisenmodus sind.“

„Die COSMO-Daten sind eine sehr gute Chance, diese hochgradig dynamischen Entwicklung nachzuvollziehen und einen Überblick über die empirische Bedeutung einzelner verhaltensrelevanter Faktoren zu behalten. Auch können sie helfen, die subjektiven, quasi-statistischen Wahrnehmungen aus dem eigenen sozialen Kontext oder das in verschiedenen Medien vorherrschende Bild zu erklären oder auch zu relativieren. Hilfreich wäre es daher, die Befragungsdaten mit weiteren Verlaufsdaten, wie den epidemiologischen Statistiken oder auch einem Medienmonitoring, zu vergleichen.“

„Ganz konkret zeigen die Daten beispielsweise auf, dass die Besorgnis in der Bevölkerung stärker ansteigt als die Risikowahrnehmung. Auch führen sie uns die Diskrepanz von Wissen und Verhalten vor Augen, die zwar theoretisch seit langem bekannt und gut erforscht ist, aber in der Praxis immer wieder außer Acht gelassen wird – vielleicht auch, weil es sich als Expert*in und Kommunikator*in schlicht anders wünschen. Ein hohes Wissen über Risiken und Schutzmöglichkeiten geht also nicht unbedingt mit dem entsprechenden Schutzverhalten einher. Folglich werden auch rein auf Informationsvermittlung ausgerichtete Kommunikationsstrategien, wenn sie eine Verhaltensänderung hervorrufen wollen, nicht verlässlich zum Ziel führen.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Klaus Lieb: „Interessenkonflikte bestehen keine. Ich nehme seit 2008 keinerlei Honorare der pharmazeutischen Industrie an. Ich habe den Verein MEZIS e.V. 2007 mitgegründet und leite an der Bundesärztekammer einen Fachausschuss für Transparenz und Unabhängigkeit. Ich arbeite wissenschaftlich zum Thema Interessenkonflikte in der Medizin.“
Prof. Lieb ist außerdem am COSMO-Projekt beteiligt; er gab Input zum Fragenkatalog für die vierte Welle; Anm. d. Red..

Prof. Dr. Kai Sassenberg: „Interessenkonflikte liegen nicht vor – ich bin weder an der Studie beteiligt, noch habe ich andere Interessen im Zusammenhang mit meinen Aussagen.“

PD Dr. Hannah Früh: „Interessenskonflikte bestehen meines Erachtens nicht, da ich nicht in die angesprochene Studie involviert bin (und sich die Daten auch nicht auf die Schweiz beziehen).“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

„COSMO: COVID-19 Snapshot Monitoring“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von Universität Erfurt (UE), Robert Koch-Institut (RKI), Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID), Science Media Center (SMC), Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und Yale Institute for Global Health (YIGH). Finanziert durch UE, ZPID und RKI.
Das Studienprotokoll steht mittlerweile als nicht wissenschaftliche begutachtete Preprint-Publikation zur Verfügung und wird international von der WHO ausgerollt.

Literaturstellen, die von Experten zitiert wurden

[1] Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: Essen und Trinken bevorraten.

[2] Prochaska JO et al. (1997): The Transtheoretical Model of Health Behaviour Change. Am J Health Promotion; 12 (1): 38-4.

[3] Weinstein ND (1988): The precaution adoption process. Health Psychology; 7 (4), 355-386. DOI: 10.1037/0278-6133.7.4.355.

[4] Witte K (1992): Putting the fear back into fear appeals: The extended parallel process model. Communication Monographs; 59: 4, 329-349, DOI: 10.1080/03637759209376276.

[5] WHO (2017): Communicating risk in public health emergencies.

[6] WHO (2005): Outbreak communication guidelines.

[7] Michie S et al. (2020): Slowing down the covid-19 outbreak: changing behaviour by understanding it. The BMJ opinion.

[8] Niederländische Regierung (16.03.2020): Coronavirus: what does it mean to ‘keep your distance’?

Weitere Recherchequellen

Sandmann PM et al. (11.03.2020): Strange COVID-19 Bedfellows: Gnawing Anxiety and Under-Reaction. The Peter Sandmann Risk Communications Website.

Hopf H et al. (2020): Fake science and the knowledge crisis: ignorance can be fatal. R. Soc. open sci. 6: 190161. DOI: 10.1098/rsos.190161.