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31.12.2020

Britischer Vorschlag: Zweite COVID-19-Impfdosis verzögern, und Stand der Impfungen in Deutschland allgemein

Anlass

Die Regierung des Vereinigten Königreichs erteilte am 30.12.2020 nach einer Empfehlung der zuständigen Arzneimittelbehörde MHRA dem Vektor-Impfstoff gegen COVID-19 von Astrazeneca und der Universität Oxford eine Notfallzulassung. Großbritannien kann daher alsbald einen zweiten Impfstoff neben dem von Biontech und Pfizer verimpfen. Darüber hinaus empfahl der unabhängige Ausschuss für Impfstoffe (joint commission on vaccination and immunization – JCVI) für eine schnellere flächendeckende Impfung der Risikogruppen, zunächst möglichst vielen Menschen vorerst nur eine Impfdosis zu verabreichen. Die zweite Dosis könne dann innerhalb von zwölf anstatt nach zwei Wochen folgen (siehe Primärquelle).

Am 27. Dezember startete in Deutschland die Impfung gegen COVID-19. Innerhalb der ersten drei Tage wurden fast 80.000 Menschen mit der ersten Dosis des Impfstoffs von Biontech und Pfizer geimpft [I], der momentan der einzige in der EU zugelassene Impfstoff ist.

Das SMC hat Experten gefragt, inwiefern die britische Strategie einer verzögerten zweiten Impfstoffdosis auch auf Deutschland übertragbar wäre, um mit den knappen Impfdosen mehr Menschen impfen zu können und wie sich die Situation der Immunisierung generell hierzulande darstellt.

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin, Eberhard Karls Universität Tübingen
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  • Prof. em. Dr. Thomas Mertens, ehemaliger Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie, Universitätsklinikum Ulm, und Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO)
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  • Prof. Dr. Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung, Charité – Universitätsmedizin Berlin
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Statements

Prof. Dr. Peter Kremsner

Direktor des Instituts für Tropenmedizin, Eberhard Karls Universität Tübingen

„In Deutschland wird ja erst seit einigen Tagen geimpft. Es ist großartig, dass schon so viele Menschen geimpft wurden; das geht sonst langsamer. Ich würde mich auch schon gerne impfen lassen, aber wir haben zu wenig Impfstoff bekommen und bei uns im Klinikum werden nun erst einmal die Ärzte und Pflegekräfte in den COVID-19-Stationen geimpft. Der Andrang ist sehr groß, aber ich denke, dass es in ein bis zwei Wochen besser wird.“

Auf die Frage, wie die Strategie der britischen Regierung einzuschätzen sei, erst einmal möglichst viele Menschen mit einer ersten Dosis zu impfen:

„Wir sind an die Zulassungsvorgabe gebunden und die sieht vor, dass die zweite Dosis nach drei Wochen erfolgt. Grundsätzlich ist der britische Ansatz sehr sinnvoll. Wie bei anderen Impfungen kann man die zweite Dosis wahrscheinlich gut auch nach zwei bis drei Monaten geben, da schon die erste Dosis scheinbar eine hohe Wirksamkeit erzielt. Wenn der Effekt der ersten Impfung mit der Zeit nicht schnell abnimmt, dann könnte die zweite Impfung auch noch später stattfinden, zum Beispiel erst nach sechs Monaten. Das wissen wir noch nicht. Bei anderen Impfstoffen wird das auch so gemacht.“

Prof. em. Dr. Thomas Mertens

ehemaliger Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie, Universitätsklinikum Ulm, und Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO)

„Die Hochrisikogruppen für schwere Erkrankung, Krankenhausbehandlung und Tod müssen unbedingt so rasch wie möglich geimpft werden. Die Impfkampagne ist angelaufen und stellt eine enorme Kraftanstrengung für alle Beteiligten in unserem föderalen System dar. Die Zeit seit Beginn ist einfach zu kurz, um jetzt ein fundiertes Urteil zum Fortschritt abzugeben. Ich hoffe, dass sich die Impfstofflieferungen zuverlässig einspielen werden und dass weitere Impfstoffe zur Zulassung kommen. Eine solche sollte aber unbedingt weiter nach den bisherigen Kriterien erfolgen.“

Auf die Frage, wie die Strategie der britischen Regierung einzuschätzen ist, erst einmal möglichst viele Menschen mit einer ersten Dosis zu impfen:
„Grundsätzlich sollen zwei Impfungen erfolgen. Da der Abstand zwischen beiden Impfungen mit großer Wahrscheinlichkeit in weiten Grenzen variabel sein kann und der Schutz auch nach einer Impfung schon sehr gut ist, ist es durchaus überlegenswert bei Impfstoffmangel zunächst bevorzugt die erste Impfung zu verabreichen. Dies stellt allerdings eine zusätzliche Herausforderung bei der Planung der zweiten Impfung dar, die letztlich erfolgen muss.“

„Die derzeit begonnene Diskussion über ‚Sonderrechte‘ für Geimpfte halte ich aktuell für vollständig überflüssig und nutzlos. Die Diskussion um eine Impfbescheinigung ist geradezu absurd. Es gehört zur normalen Aufgabe jedes impfenden Arztes jede erfolgte Impfung in einem Impfpass zu dokumentieren.“

„Über sogenannte Privilegien für Geimpfte muss man meines Erachtens eine gesellschaftliche Diskussion führen. Ich persönlich glaube, dass ‚Privilegien‘ bei privaten Vereinbarungen denkbar wären, wenn der Impfstoff für alle zur Verfügung steht. Ich halte es für wichtig, dass man in diesem Zusammenhang den Begriff ‚Impfpflicht‘ nicht verwenden kann. Privilegien sollte es meines Erachtens nicht geben für Dinge, die die ‚Daseinsvorsorge‘ betreffen. Der Gesetzgeber sollte sich möglichst nicht in private (vertragliche) Vereinbarungen einmischen. Nicht nur die ‚Herdenimmunität‘, sondern auch der Schutz des Einzelnen spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle. Die Forderung geimpft zu sein, wäre doch bei Veranstaltungen ‚Fürsorge‘ für die Gesundheit aller Teilnehmer und würde auch die Öffentlichkeit nicht beeinträchtigen, wenn sich alle außerhalb der Veranstaltung an die Regeln zur Infektionsvermeidung halten.“

„Die wichtige Frage, ob ein Geimpfter infizierbar bleibt und gegebenenfalls Virusüberträger sein kann, ist weiterhin nicht geklärt. Ich persönlich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass ein Geimpfter absolut nicht infizierbar ist. Einzelne Reinfektionen nach natürlicher Infektion sind auch bereits dokumentiert. Es ist plausibel anzunehmen (!), dass eine Virusausscheidung – wenn sie stattfindet – zeitlich und mengenmäßig deutlich geringer sein wird als nach Infektion eines Nicht-Geimpften. Ich glaube (!) somit nicht an ein ‚alles oder nichts‘, sondern an deutliche quantitative Unterschiede. Ob eine Virusausscheidung durch einen Geimpften epidemiologisch noch relevant ist, ist derzeit nicht bekannt. Es ist aber sehr plausibel anzunehmen, dass Immunität der Population – ‚Herdenimmunität‘, ‚Impfquoten‘ – letztlich die Dynamik der Virusübertragung beeinflussen wird. Das Erreichen eines solchen Zustandes wird einen gewissen Zeitraum – vielleicht Monate – dauern und hängt von den bekannten Faktoren ab – Impfdosen, Impfzentren, Impfbeteiligung, Schutz vor Infektion.“

„Momentaufnahmen zur Impfbereitschaft halte ich für prognostisch wenig hilfreich und relevant, da sich die Impfbereitschaft ändern voraussichtlich wird.“

Prof. Dr. Leif-Erik Sander

Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung, Charité – Universitätsmedizin Berlin

„Die Impfkampagne kommt den Umständen entsprechend gut voran und die Logistik wurde gut vorbereitet. Angesichts der aktuellen Impfstoffknappheit und der sehr hohen Infektions- und Hospitalisierungszahlen, halte ich allerdings eine Strategie, bei der möglichst viele Menschen frühzeitig geimpft werden für effektiver, also ohne Impfstoffdosen für die zweite Impfung zurückzuhalten. Die Inkaufnahme eines eventuell verlängerten Intervalls bis zur zweiten Impfung ist zumindest für die mRNA-Impfstoffe – von Biontech/Pfizer und Moderna – aus meiner Sicht unbedenklich, da die Impfungen in den Studien schon etwa zehn Tage nach der ersten Injektion einen sehr hohen Schutz gegen COVID-19 zeigten. Die Boosterimpfung kann meiner Meinung nach problemlos etwas verzögert gegeben werden, ohne dass wesentliche Abstriche bei der Wirksamkeit zu erwarten sind. Damit könnten wir schneller impfen und wertvolle Zeit im Kampf gegen COVID-19 gewinnen. Dies ist sicher nur eine vorrübergehende Strategie und es sollte dennoch darauf geachtet werden, dass alle Geimpften im Verlauf eine zweite Impfung erhalten, um einen langfristigen Schutz zu gewährleisten.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. em. Dr. Thomas Mertens: „Ich habe keine Interessenkonflikte.

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Department of Health and Social Care (30.12.2020): Oxford University/AstraZeneca vaccine authorised by UK medicines regulator. Pressemitteilung der britischen Regierung.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Robert Koch-Institut: Digitales Impfquotenmonitoring zur COVID-19-Impfung.

Weitere Recherchequellen

Science Media Center (2020): Aktueller Stand zu Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 und Ausblick. Press Briefing. Stand: 18.12.2020.

Science Media Center (2020): 70 Prozent Effektivität des Vektor-Impfstoffs von AstraZeneca und Universität Oxford. Rapid Reaction. Stand: 23.11.2020.