Moderator [00:00:00] Schönen guten Tag, liebe Kolleginnen und Kollegen! Guten Tag, liebe Experten, ich freue mich, dass Sie alle da sind. Ja, mehrmals verschoben das Press Briefing, nun klappt es endlich doch dank der verschobenen Sperrfrist, der verlängerten Sperrfrist des IPCC für den Beitrag der Arbeitsgruppe III zum Sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats. Ich möchte jetzt auch keine lange Vorrede halten. Wir in der Journalistenblase sozusagen haben ja das ganze Wochenende drauf gewartet. Wann geht's denn dann los? Ganz kurz noch mal zum Kontext: Heute, 4. April 2022 um 17 Uhr erscheint der dritte Teil des Sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarates IPCC. Der dritte Teil, nach dem im Sommer und im Februar dieses Jahres Teil I und Teil II erschienen sind. Und dieser aktuelle Berichtszyklus wird dann im Herbst noch abgeschlossen mit dem Synthesereport. Der Beitrag der Arbeitsgruppe III beschäftigt sich mit der Minderung des Klimawandels und in 17 Kapiteln geht es um die Möglichkeiten, den Klimawandel zu begrenzen. Bewertet werden dabei relevante Optionen, den Klimawandel zu mildern, indem Treibhausgasemissionen entweder begrenzt oder verhindert werden oder indem ihre Konzentration in der Atmosphäre verringert wird. Berücksichtigt werden dabei wissenschaftliche, technologische, ökologische, ökonomische und soziale Aspekte, und es werden die bestehenden Möglichkeiten in allen möglichen Sektoren betrachtet. Ganz wichtig, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich habe gerade schon darauf hingewiesen: Bis 17 Uhr steht alles, was wir hier besprechen, alles, was Sie hier hören, noch unter Sperrfrist. Und vorher darf bitte nichts nach draußen. Aber ab 17 Uhr dann gerne damit an die Öffentlichkeit. Wir konnten vier Experten gewinnen, sich die Zeit für dieses Press Briefing zu nehmen, nach aufreibenden, bestimmt kräftezehrenden Wochen der Verhandlung. Ich freue mich, dass Sie da sind. Alle sind als Autoren in den Bericht integriert gewesen, involviert gewesen. Und danke, liebe Kolleginnen und Kollegen, für Ihr großes Interesse. Nutzen Sie die Gelegenheit, die Fragen an die Experten zu stellen, die Sie gerne loswerden möchten. Tun Sie das bitte hier unten in "F&A," bei Fragen und Antworten und wir werden uns dann im Teamwork darum kümmern. Ich stelle Ihnen jetzt die Experten in der Reihenfolge der aufsteigenden Kapitel des Mitwirkens vor und beginne deswegen mit Professor Dr. Jan Christoph Minx. Er ist Leiter der Forschungsgruppe Angewandte Nachhaltigkeitsforschung am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin. Und er ist koordinierender Leitautor in Kapitel 2, das die Überschrift trägt "Emissionstrends und -treiber". Herr Minx, schön, dass Sie da sind. Danke für Ihre Zeit. Die Überschrift des Kapitels heißt "Emissionstrends und -treiber". Als ich das gelesen habe, habe ich gedacht: Na ja, gut, wir kriegen jedes Jahr das Global Carbon Budget, den UNEP Emissions Gap Report und so weiter. Was können wir denn aus Ihrem Kapitel heraus jetzt noch zusätzlich lernen? Was hat Sie selbst überrascht und was sind aus Ihrer Sicht die Kernbotschaften des Kapitels, an dem Sie mitgewirkt haben?
Jan Christioph Minx [00:02:57] Erst mal guten Tag an alle. Die Kernbotschaft unseres Kapitels ist wahrscheinlich, dass wir das Zeitalter der fossilen Energieträger leider immer noch nicht hinter uns gelassen haben. Wir haben den 270 Jahre andauernden Megatrend des Emissionswachstums noch immer nicht hinter uns gelassen, und die Treibhausgasemissionen haben 2019 Rekordwerte erreicht. 59 Milliarden Tonnen, hauptsächlich durch das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas. Die Treibhausgasemissionen lagen im Jahr 2019 etwa zwölf Prozent über dem Niveau von 2010 und 54 Prozent über dem Niveau von 1990. Und wir zeigen in dem Kapitel eben auch, dass die Dekarbonisierung der Energie, die zentral ist, auf globaler Ebene viel zu langsam voranschreitet. In Zwei-Grad-Klimaschutz-Szenarien erfolgt die Dekarbonisierung der Energie etwa zehnmal schneller, als wir das zwischen 2010 und 2019 beobachtet haben, und etwa 25-mal schneller als in 1,5-Grad-Szenarien. Und wenn wir auch einfach mal die Emissionen, die CO2-Emissionen der letzten Dekade aufsummieren, dann sind die ungefähr so groß wie das verbleibende Carbon Budget, um die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Und das zeigt uns schon: Die kommende Dekade wird sehr entscheidend für den globalen Klimaschutz sein. Aber wir zeigen auch auf, dass es Anzeichen für Fortschritte gibt. Das Erste ist einmal, dass die Emissionen langsamer gewachsen sind als in der Dekade davor. Aber es gibt andere Anzeichen. Zum Beispiel haben wir eine wachsende Zahl von Ländern, die ihre Treibhausgasemissionen jetzt länger als zehn Jahre nachhaltig gesenkt haben. Und einige Länder haben die Treibhausgasemissionen seit ihrem Höchststand auch schon um ein Drittel oder mehr reduziert und einige über mehrere Jahre hinweg ungefähr – zumindest für eine Zeit lang – entlang von Raten, die in 2-Grad-Szenarien beobachtbar sind. Und einige Schlüsseltechnologien wie Batterien oder Wind oder Solar haben sich auch viel besser entwickelt, als selbst Experten das erwartet haben. Seit 2010 sind die Kosten für Solar- und Windenergie oder Batterien um bis zu 85 Prozent gesunken. Und im Jahr 2019 werden auch kohlenstoffarme und kohlenstofffreie Stromerzeugungs-Technologien 37 Prozent des weltweiten Stroms produzieren. Somit wird die nächste Dekade sehr wichtig sein, um zu entscheiden, ob das Glas halb voll oder halb leer war.
Moderator [00:05:45] Gut, danke Herr Minx, wir kommen sicherlich später noch auf einige dieser Punkte genauer zurück. Sie können das Mikro auch gerne offen lassen, wenn Sie möchten. Ich setze die Vorstellungsrunde fort mit Dr. Volker Krey. Er ist Leiter der Forschungsgruppe Integrated Assessment and Climate Change Research Group am Energy, Climate and Environment Program am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg in Österreich. Und er ist Leitautor in Kapitel 4 "Minderungs- und Entwicklungspfade in der nahen bis mittleren Zukunft". Herr Krey, schön, dass Sie da sind. Das Kapitel 2 von Herrn Minx heißt "Trends und Treiber", in Kapitel 3, also das, das zwischen ihren beiden Kapiteln liegt, da geht es um die langfristigen Minderungspfade und bei ihnen um die kurz- und mittelfristigen Pfade. Ich vermute mal, genau um die Frage: Was muss jetzt und schnell passieren, damit wir Mitte und Ende des Jahrhunderts dort sind, wo wir sein müssen, um ungefähr in der Nähe der Pariser Klimaziele zu sein? Liege ich damit richtig? Und was sind die zentralen Outcomes Ihres Kapitels?
Volker Krey [00:06:50] Ja, erst mal, danke für die Einladung und guten Tag auch an alle anderen Teilnehmer. Ich glaube, Sie liegen mit Ihrer Aussage sicher richtig. Und zwar haben wir uns insbesondere kurzfristige Politik oder Politikmaßnahmen, die bereits implementiert wurden von verschiedenen Ländern, angeschaut und inwieweit die eben einer Senkung der Emissionen zuträglich sind und darüber hinaus, welche Ambitionen, die in den Nationally Determined Contributions, den NDCs, die ja nahezu alle Länder an das Sekretariat der Klimakonvention übermittelt haben, inwieweit diese Ambitionen kurzfristig ausreichen, um das 1,5-Grad- und Zwei-Grad-Ziel zu erreichen bzw. um uns kurzfristig auf den richtigen Pfad zu bringen. Da finden wir, dass mit den gegenwärtigen Ambitionen, die in den NDCs artikuliert werden, das 1,5-Grad-Ziel wahrscheinlich überschritten wird und damit nicht mehr erreichbar ist. Und selbst das Zwei-Grad-Ziel, also das Erreichen des Zwei-Grad-Ziels, wird sehr herausfordernd werden und den Druck auf künftige Generationen stark erhöhen, das verlangen würde, dass man insbesondere nach 2030 Dekarbonisierungsraten erreicht pro Jahr, die jenseits jeglicher Präzedenzfälle auf globaler Ebene liegen. Dann müsste man zwischen 2030 und 2050 enorm rapide Senkungen des Kohlenstoffausstoßes erreichen, wenn man nicht bereits vor 2030 die Ziele nachschärfen kann. Dazu kommt, dass die Implementierung, das Erreichen dieser selbst gesteckten NDCs, die ja quasi in einem Bottom-up-Prozess durch die Länder artikuliert werden, dass die bislang implementierten Politikmaßnahmen noch nicht mal ausreichen, um die wirklich zu erreichen. Da müssten wirklich die konkreten Politikmaßnahmen deutlich nachgeschärft werden, um diese selbst gesteckten Ziele zu erreichen und dann natürlich noch mal mehr gemacht werden, um wirklich uns auf den Pfad zu zwei oder 1,5 Grad zu bringen. Wir haben allerdings auch gesehen, dass es jenseits dieser nationalen Maßnahmen Hoffnung gibt. Denn es gibt Maßnahmen nichtnationaler Akteure, also von Städten, von Ländern oder Provinzen oder auch Unternehmen, die zumindest zum Teil das Potenzial haben, diese Lücke zu schließen. Dabei möchte ich es erst mal belassen.
Moderator [00:09:54] Ja, vielen Dank. Wir kommen auch hier sicherlich auf Dinge noch zurück. Ich setze die Runde fort mit Professor Dr. Felix Creutzig. Er leitet die Arbeitsgruppe Landnutzung, Infrastruktur und Transport am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin. Und er ist koordinierender Leitautor im Kapitel 5 des aktuellen Sachstandsberichts Arbeitsgruppe III, das überschrieben ist mit "Nachfrage, Dienstleistungen und soziale Aspekte von Minderung". Herr Creutzig, ich freue mich auch, dass Sie da sind. Vielen Dank für Ihre Zeit. Soziale Aspekte der Minderung – das klingt umfassend, also sehr breit und obendrein sehr spannend. Es ging ja dabei auch um Dinge wie nachhaltigen Konsum, nachhaltige Produktion, kulturelle Normen, Verhaltensänderungen. In der Pressemitteilung wird sogar noch mal betont, wie wichtig diese Lebensstiländerungen sind. Was sind denn für Sie die wesentlichen Erkenntnisse Ihres Kapitels?
Felix Creutzig [00:10:48] Vielen Dank. Das Kapitel ist eines, das zum ersten Mal im IPCC-Report auftaucht, und entsprechend haben wir versucht, diese Landschaft von nachfrageseitigen Lösungen neu zu skizzieren oder überhaupt zu skizzieren. Vier Botschaften, die möchte ich gerne betonen: Erstens, und das entspricht der Abbildung SPM 6, nach der auch gerade gefragt wurde. Es gibt ein Mitigationspotenzial, ein Reduktionspotenzial von 40 bis 70 Prozent der Treibhausgasemissionen in den Endnutzungssektoren, also im Speziellen Ernährung, Mobilität und Gebäude, und das ist in 2050 gegenüber dem, was wir derzeit ungefähr an Politikmaßnahmen erwarten. Das ist ein relevantes Potenzial, und das klassifizieren wir in drei Dimensionen. Nämlich erstens die Verhaltensänderungen an sich, so die soziokulturellen Shifts, die da stattfinden. Zweitens Infrastrukturen, also Infrastrukturen, die relevant sind und drittens die Endnutzungstechnologien. Die drei relevanten Beispiele hier sind vor allen Dingen beim Verhalten die Möglichkeit, weniger Fleisch zu essen und mehr pflanzenbasierte Produkte zu essen, ein sehr relevantes Potenzial, was mich auch sehr überrascht hat. Infrastrukturen vor allem im Mobilitätsbereich, also hier die Möglichkeit, dass die Infrastrukturen bereitgestellt werden, wie zum Beispiel Fahrradwege, wie die Möglichkeiten, mit flexiblen Sammeltaxis durch die Gegend zu fahren, damit auch neue Mobilitätsmuster entstehen können. Und drittens die Technologieadaptation, vor allen Dingen auch im Gebäudebereich, also Wärmepumpen ist ein Beispiel. Aber es gibt natürlich viele mehr. Das hat auch Auswirkungen auf die Elektrifizierung. Das ist Panel C in SPM 6. Es gibt mehr Bedarf an Elektrifizierung, aber andererseits ist auch die Effizienz in nachfragebasierten Handlungsmustern sorgt auch für eine Reduktion der Elektrizitätsnachfrage. Zweitens, ein sofortiges Potenzial ist ungefähr in der Größenordnung von fünf Prozent der Emissionen in Endnutzungssektoren, also drei Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Das ist natürlich relevant, auch in Anbetracht dessen, was kurzfristig passieren kann. Drittens: Wir finden heraus, dass ein Fokus auf oder ein Narrativ im Sinne von "Mehr Konsum gleich mehr Wohlstand" empirisch nicht haltbar ist, sondern dass tatsächlich auch veränderte Konsummuster, die teilweise eben verringerten Energiebedarf bedeuten, tatsächlich auch mit einem besseren Wohlergehen in bestimmten Dimensionen einhergehen – und das ist ein stabiles und empirisch robustes Resultat. Und viertens: All diese Maßnahmen sind nicht allein auf den Konsumenten zurückzuführen, sondern bedürfen eigentlich alle Politikinstrumente, also zum Beispiel diese Infrastrukturen oder auch flexible Feedbacksysteme in Gebäuden, wo Informationen über Preismechanismen sofort zurückgespiegelt werden. So weit, dabei würde ich es zuerst belassen.
Moderator [00:13:47] Danke schön, Herr Creutzig. Dann mache ich unsere Runde jetzt komplett und stelle Ihnen Dr. Oliver Geden vor. Er ist Senior Fellow in der Abteilung EU/ Europa bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, dem Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit (SWP) in Berlin. Und er ist Leitautor in Kapitel 12, dessen Überschrift lautet "Sektorübergreifende Perspektiven". Herr Geden, danke für Ihre Zeit. Es gibt ja in dem IPCC-Bericht einzelne Kapitel zu Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Landnutzung, zu Städten und Siedlungen, Gebäuden, Transport, Industrie und so weiter. Ihr Kapitel soll jetzt das Ganze über die Grenzen zwischen den Sektoren hinaus betrachten. Was ist dabei rausgekommen, und wie groß sind die Herausforderungen der einzelnen Sektoren im Vergleich zueinander?
Oliver Geden [00:14:33] Ja, vielen Dank! Das Kapitel "Sektorenübergreifende Gesichtspunkte" ist insofern herausfordernd, als dass es nicht nur diese übergreifenden Gesichtspunkte betrachtet, die Figure SPM7 kommt auch aus diesem Kapitel, nach der eben gefragt wurde, wo die Mitigationspotenziale einzelner Optionen bewertet werden. In dem Kapitel tauchen aber auch Bereiche auf, die quer zu den traditionellen Sektoren liegen oder die vielleicht später mal Sektoren werden könnten, aber jetzt noch keine sind, wie Carbon Dioxide Removal, in Deutschland oft negative Emissionen genannt, oder das Food System ist ein zweiter Bereich, der dort eine große Rolle spielt. Wer mich kennt, weiß, dass ich in dem Bereich negative Emissionen, Carbon Dioxide Removal, sozusagen meine Spezialisierung habe. Dafür war ich auch in dem SPM-Prozess zuständig. Und ich denke, speziell dort ist die Innovation, dass sehr viel stärker als früher unterschieden wird: Wie viel Carbon Dioxide Removal oder CO2-Entnahme brauchen wir schon, um klimaneutral zu werden oder CO2-neutral? Ich glaube, es geht ein bisschen unter oder ist ein bisschen untergegangen bislang in der politischen Debatte, dass wir, um ein Netto-Null-Ziel zu erreichen oder wenn wir sagen, wir wollen ein Netto-Null-Ziel erreichen, eigentlich schon "ja" zur CO2-Entnahme gesagt haben, weil sonst wäre es kein Netto-Ziel oder kein Neutralitätsziel. Damit ist noch nicht gesagt, wie viel wir brauchen, aber dieser Zusammenhang, der wird sehr klar gemacht auch in der SPM. Es wird immer Restemissionen geben, die sollten möglichst niedrig sein und die müssen ausgeglichen werden. Und dann müssen sich Staaten überlegen: Mit welchen Methoden will ich das eigentlich angehen? Aufforstung machen wir ja schon. Aber es gibt auch neue, stärker technologieorientierte Methoden. Aber der IPCC würde nicht sagen: Die Länder müssen dieses oder jenes machen oder in einer bestimmten Menge. Und unser Kapitel ist so ein bisschen der Hub für Carbon Dioxide Removal und untersucht auch einige Technologien, aber eher hinsichtlich sozusagen ihrer technoökonomischen Potenziale. Es gibt das Thema Carbon Dioxide Removal, CO2-Entnahme auch prominent im Szenarien-Kapitel, in Kapitel 3, aber da dominiert eher die globale Optimierungsperspektive. Und weil im Chat schon danach gefragt wurde: Davon dann wirklich klar zu unterscheiden, sind nettonegative Emissionen. Also das, was sozusagen unterhalb der Nulllinie passiert, zum Beispiel wenn wir versuchen, global die Temperatur wieder abzusenken. Aber ich glaube, der Unterschied ist wichtig, weil nettonegative Emissionen, das mit einzukalkulieren, hat oftmals sozusagen den Geruch des Dubiosen. So bin ich selber auch in diese Debatte gekommen. Aber wir brauchen es schon, um auf Netto-Null zu kommen. Und im Grunde genommen kann man sagen, Deutschland hat dazu schon "ja" gesagt, die EU auch. Die Frage ist nur, welcher Umfang, und was genau wollen wir machen in dem Bereich? Dankeschön.
Moderator [00:17:45] Vielen Dank erst mal für die Antworten auf die ersten Fragen. Wir fangen gleich an mit den Fragen der Kolleginnen und Kollegen, aber eine sei mir noch kurz gestattet. Bei Herrn Minx klang es durch, bei Herrn Krey klang es nicht nur durch, sondern war sehr deutlich. Und ich hatte an mehreren Stellen bei dem, was ich bisher lesen konnte, das Gefühl: Im Grunde ist dieser Bericht so ein bisschen der Abgesang auf das 1,5-Grad-Ziel, und das Zwei-Grad-Ziel ist auch hochgradig gefährdet. Das klang ja beim Arbeitsgruppenbericht I noch ein bisschen anders. Da klang es ein bisschen so: Ja, jetzt wird es Zeit, um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen. Können Sie mir da kurz beim Verständnis helfen? Gerne, Herr Geden.
Oliver Geden [00:18:26] Ich glaube, man muss zwei Dinge unterscheiden. Das eine, was schon im Arbeitsgruppen-I-Bericht gesagt wurde – mit einer Deutlichkeit, die dann in der Politik nicht wirklich aufgegriffen wurde: Selbst bei den optimistischsten Szenarien was Emissionsminderung angeht, ist es wahrscheinlich, dass die 1,5-Grad-Schwelle überschritten wird in den 2030er-Jahren. Politisch wird das Ziel aber oft definiert als Ziel, das im Laufe des Jahrhunderts zu erreichen ist. Das heißt, man könnte es auch zunächst überschließen und dann wieder versuchen, da hinzukommen. Das ist natürlich trotzdem, ich sag mal, sehr weit weg, sich das vorzustellen, wenn die globalen Emissionen nicht sinken, sondern im Moment sogar noch leicht steigen, schon mit einzukalkulieren, dass wir irgendwann global nicht auf Null, Netto-Null CO2 sind, sondern nettonegativ und diese Kurve dann drehen. Aber die Szenarien, die globalen Szenarien, kalkulieren das mit ein, weil sie eben darauf ausgerichtet sind, unter anderem zu überprüfen, wie ginge es denn überhaupt noch? Und Herr Krey kann dazu sehr viel mehr sagen als ich. Insofern ist das auch kein Abgesang auf die Erreichbarkeit des 1,5-Grad-Ziels. Aber ja, man kann schon seit Arbeitsgruppe I mit einer gewissen Grundskepsis darauf gucken, ob wir es schaffen, da immer drunterzubleiben unter dieser Schwelle.
Moderator [00:19:52] Herr Krey, jetzt hat Herr Geden quasi den Ball für sie angelupft, möchten Sie den schießen?
Volker Krey [00:19:58] Ja, das war wirklich eine gute Vorlage. Lassen Sie mich zwei Dinge dazu klarstellen: Das eine ist, die Aussagen, die ich getätigt habe, sind quasi konditional auf die gegenwärtigen Ambitionen, wie sie artikuliert sind. Und die Hoffnung ist natürlich, dass im politischen Prozess die Ambitionen auch kurzfristig bis 2030 noch mal deutlich nachgeschärft werden, um dann eben das 1,5-Grad-Ziel wieder stärker in den Blick zu bekommen. Und selbst wenn 1,5 Grad nicht erreicht würde, auch die Herausforderungen zur Erreichung des Zwei-Grad-Ziels machbarer zu machen. Dazu ist dann auch noch wichtig, und das hat Herr Geden ja gerade angesprochen, eben diese Frage des sogenannten – jetzt fehlt mir das deutsche Wort dazu – des Temperature Overshoots. Das heißt, insbesondere bei 1,5 Grad ist es quasi so, dass die gesamte Szenarien-Literatur davon ausgeht, dass es eben eine kurzfristige Überschreitung gibt. Die Frage ist dann: Wie hoch wird die sein? Und je größer diese temporäre Überschreitung dann sein würde, desto mehr müsste man wieder Kohlenstoff aus der Atmosphäre wirklich abscheiden und geologisch dann speichern, um diesen Trend zum Teil rückgängig zu machen. Es gibt in der Szenarien-Literatur, welche das 1,5-Grad-Ziel Ende des Jahrhunderts noch erreichen, auch kompatibel mit den gegenwärtig artikulierten Ambitionen in den NDCs, die dann aber wiederum eine massive Anwendung von Carbon Dioxide Removal voraussetzen würden. Also die zwei Punkte sind wichtig. Wir sind noch nicht in 2030, aber es würde wirklich ein sofortiges und sehr signifikantes Gegensteuern bedeuten, um die Wahrscheinlichkeit des 1,5-Grad-Ziels eben nicht sehr stark zu überschreiten temporär, um das noch als Möglichkeit im Blick zu halten.
Moderator [00:22:16] Herr Minx, Sie hatten sich auch noch gemeldet, und dann würden wir mit den Fragen der Kolleginnen und Kollegen einsteigen.
Jan Christioph Minx [00:22:21] Genau. Nur ganz kurz: Ich glaube, es ist wirklich ein bisschen so: Es ist die entscheidende Dekade insofern, dass wir nicht noch mal so eine Dekade hinlegen können, wie wir sie hingelegt haben. Also, ich glaube jetzt noch mal über 400 Gigatonnen CO2-Äquivalente, das würde ich schon als fatal bezeichnen in Bezug auf die Erreichbarkeit des 1,5-Grad-Ziels. Aber: Ich glaube, da haben wir noch nicht so sehr darauf fokussiert, auf die positiven Nachrichten des Berichtes. Es gibt noch 1,5-Grad-Pfade, wie Herr Krey ja eben gesagt hat. Aber dafür müssen wir einiges tun. Und da gibt es eine andere gute Nachricht, und ich glaube, ich weiß gar nicht, welche Abbildung es ist, zu Kosten und Potenzialen. Da sehen Sie, dass die Emissionen gegenüber 2019, also gegenüber den 59 Gigatonnen, die ich genannt habe, halbiert werden können mit Optionen, die weniger als 100 Dollar pro Tonne CO2 kosten, und die Hälfte davon kostet weniger als 20 Dollar. Also, das sind schon Sachen, die auch Hoffnung geben. Und ich glaube, wenn wir beherzt in diese Richtung losmarschieren, dann ist auf jeden Fall da noch Musik drin, würde ich sagen.
Moderator [00:23:44] Okay, Dankeschön. Jetzt steige ich mal ein mit den Fragen und die Frage wird Sie vermutlich nicht überraschen, dass uns als Journalist:innen das interessiert. Die Kollegin fragt: Um welche Formulierung wurde bei den SPM denn jetzt so lange gerungen, dass sich das so verschoben hat? Gerne, Herr Minx.
Jan Christioph Minx [00:24:03] Ja, ich glaube, erst mal muss man da ein bisschen den Prozess klären. Also, wir haben die Summary for Policy Makers besprochen, die Ihnen vorliegt, und da machen die Wissenschaftler dann einen Textentwurf und der wird dann zur Abstimmung gegeben. Und das bedeutet ja, dass alle Länder dem dann, jedem einzelnen Satz, zustimmen müssen. Da ist jetzt erst mal ganz wichtig, dass Sie eines wissen: Der Bericht, der darunterliegt, ist geschlossen. Das heißt, wenn jetzt in der SPM steht "Der Baum ist grün" und in dem unterliegenden Report steht "Der Baum ist rot", dann können Entscheidungsträger nicht den Satz reinbringen "Der Baum ist rot". So, also das erst mal. Grundsätzlich ist es so, dass dann immer die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen das letzte Wort haben, aber eine gewisse Offenheit haben, auch die Concerns von Regierungen aufzunehmen. Und da geht es ja dann tatsächlich einfach nur um die Balance in der Sprache. Aber, wie gesagt, die Wissenschaft hat das letzte Wort und das ist, glaube ich, ganz wichtig. Da können ja vielleicht die anderen Kollegen noch was zu sagen: Um welche Formulierungen wurde gerungen? Es wurde ganz breit gerungen, weil einfach die Interessenslage von Ländern sehr unterschiedlich ist. Ich würde sagen, das hat sich über alle Sektoren gestreut und es hat sich von den Szenarien bis zu den historischen Emissionen abgespielt. Und von daher gab es jetzt nicht das eine Thema, das das verzögert hat, sondern es war einfach ein Dialog, der sehr lange gebraucht hat. Und wir waren am Ende sehr froh, alle, sowohl die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger als auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, da durchgegangen zu sein.
Moderator [00:26:07] Herr Geden, Sie hatten sich gemeldet.
Oliver Geden [00:26:09] Es gibt bei diesem Prozess ja auch Beobachter und Beobachterinnen. Es fällt immer so ein bisschen runter, aber ich weise darauf hin: Im Laufe der Woche wird das sogenannte Earth Negotiation Bulletin erscheinen, wo Sie das sogar nachvollziehen könnten. Diese Dokumente gibt es schon für das WG 2 Plenary und das WG 1 Plenary. Da sehen Sie viele Diskussionen schon abgebildet, zum Teil auch auf einem hohen methodologischen Niveau. Die Regierungen können ja nur auf Basis des zugrunde liegenden Reports erfolgreich argumentieren. Manchmal argumentieren sie auch ohne Bezug auf den Report, aber wir entscheiden als Autorinnen und Autoren: Ist es konsistent? Nicht nur mit dem wissenschaftlichen Stand allgemein, sondern mit dem Report. Insofern ist das bisweilen anstrengend und kann lange dauern und Interventionen gibt es von allen Seiten. Ich lese jetzt erste Berichte im Guardian, welche Länder da besonders problematisch waren. Aber es sind nicht nur diejenigen, die als klimapolitisch problematisch gelten, sondern auch die ambitionierten Länder versuchen, ein bestimmtes Framing manchmal reinzubringen. Es hat natürlich viel mit nationalen Interessen oder damit zu tun, wie national Klimapolitik gemacht wird. Es haben eigentlich alle Regierungen Interesse, sagen zu können: Guck mal, der IPCC hat festgestellt, was wir machen, ist ganz besonders gut. Das ist eine Neigung, die Regierungsdelegationen haben. Manchmal dauert es länger, manchmal dauert es weniger lang, manchmal hat es auch mit der Textlänge zu tun, mit der man in den Prozess rein geht. Je länger dieser Text ist, diese Summary, desto länger wird auch gerungen. Wenn man mit fünf Seiten Summary einsteigen würde, wäre man vermutlich wesentlich schneller fertig gewesen. Aber das schafft man dann halt auch nicht. Das schaffen Wissenschaftler auch nicht.
Moderator [00:28:04] Hat der Krieg in der Ukraine die Beratungen in irgendeiner Form beeinflusst?
Oliver Geden [00:28:09] Nach meinem Eindruck überhaupt gar nicht. Ich kann es natürlich nicht vergleichen mit anderen Approval Plenarys, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass es den Prozess beeinflusst hat.
Jan Christioph Minx [00:28:24] Die einzige Beobachtung, die ich gemacht habe, ist, dass sich tatsächlich die ukrainische Delegation mehr eingebracht hat als vorher, aber ich weiß nicht, ob das damit zusammenhängt, wahrscheinlich nicht. Das ändert sich auch immer von Sitzungsrunde zu Sitzungsrunde.
Moderator [00:28:50] Herr Creutzig, ein Kollege bezieht sich auf die Eingangsstatement und fragt: Sie sagen, dass die Effizienz vieler Maßnahmen steigt, sich dadurch der Strombedarf dann wieder reduziert. Jetzt fragt er: Was ist aber mit dem Rebound-Effekt? Die Effizienz steigt, die Nachfrage steigt stärker als die Effizienz.
Felix Creutzig [00:29:08] Den Rebound-Effekt gibt es, der ist allerdings teilweise geringer als vorher vermutet. Das Wichtige ist hier, die zusammenhängenden Maßnahmen, die es gilt zu adressieren. Wenn wir zum Beispiel nicht nur über bessere Technologien reden, sondern auch über Infrastrukturen - ich rede jetzt zum Beispiel über Stadtplanung, die aktive Mobilität ermöglicht - dann kommen wir ja schon aus dem Rebound-Effekt raus. Da gibt es natürlich weitergehende Rebound-Effekte: Wer in der Innenstadt lebt und ohne Auto lebt, dann auch mehr fliegt. Dann geht es darum, diese anderen Sektoren auch zu adressieren. Das zentrale Instrument, um da habhaft zu werden, ist der CO2-Preis, der auch einen Gesamt-Skalierungseffekt nach unten hat, also eine zentrale Möglichkeit. Gerne möchte ich auch noch auf eine andere Frage eingehen, es wurden verschiedene gestellt, aber eine würde ich gerne noch beantworten. Und zwar spezifisch zu der Figure auch , die grauen Balken, das ist die supply-side options, also die Produktionsseitigen, da geht es um die Energieerzeugung im Elektrizitätssektor vor allen Dingen. Und da spielt das zusammen, was Herr Minx am Anfang sagte: Die sinkenden Preise bei den Erneuerbaren, da ist das Potential in diesen grauen Balken, dass sehr viel dort passiert. Und im Zusammenspiel von reduzierter Energienachfrage und stark steigenden Erneuerbaren kann viel passieren. Eine spezifische Frage war zum Fleischkonsum, das ist ziemlich interessant. Das sind die induzierten Effekte von weniger Fleischkonsum und das geht dann zu weniger Methanproduktion im Viehbestand, die reduzierten Emissionen durch weniger produziertes Tierfutter, was einer enorme Landfläche weltweit bedarf und jetzt auch gerade aktuell ist in Bezug auf Umstellungspotenzial auf Nahrungsmittel. Und schließlich auch um vermiedene Abwaldung. Das ist ein zentraler Punkt. Die Implikationseffekte des Nahrungsmittelsektors sind sehr groß.
Moderator [00:31:22] Danke schön. Herr Krey, bei der nächsten Frage gucke ich so ein bisschen auf Sie. Die Kollegin fragt: Wenn wir mit kurzfristigen Überschreitungen rechnen müssen, gibt es dann infolgedessen schon Schäden, die nicht mehr revidierbar sind, zum Beispiel naturbasierte Lösungen, die nicht mehr funktionieren und mit denen wir gerade rechnen, dass wir sie nutzen werden.
Volker Krey [00:31:46] Ja, das ist eine gute Frage. Fällt von der Expertise her eigentlich eher in den Bereich der Arbeitsgruppe I und II. Es ist aber natürlich so, dass eine temporäre Überschreitung des 1,5-Grad-Ziels größeren Stress auf zum Beispiel Ökosysteme ausübt, dadurch, dass kurz- bis mittelfristig die Temperatur bestimmte Schwellen überschreitet und dann auf Seiten der Ökosysteme zum Beispiel nochmal Anpassungsdruck passiert, wenn man wieder runtergeht mit der Temperatur. Das ist sicherlich so. Dann gibt es noch die ganze Diskussion um die sogenannten Tipping Points, also die Kipppunkte, von bestimmten Teilen des Klimasystems und all das. Es ist wird durch ein großes, temporäres Überschreiten des 1,5-Grad-Zieles nicht gerade positiv gefördert. Aber wie gesagt, diese Teile sind aus meiner Sicht eher in der Arbeitsgruppe I und II angesiedelt.
Moderator [00:33:00] Herr Geden, Sie wollten ergänzen.
Oliver Geden [00:33:02] Tatsächlich spielt das in der SPM von Arbeitsgruppe II schon eine Rolle und auch im Report selbst. Es wird auch um Synthesebericht eine größere Rolle spielen, wo die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen I, II und III zusammengebracht werden. Es ist im Arbeitsgruppe-III-Bericht da reflektiert, wo es dann auch um die CO2-Speicherfähigkeit natürlicher Senken geht oder auch Carbon Dioxide Removal-Methoden, also wie Aufforstung oder Soil Carbon Sequestration oder anderen, die zumindest unter steigenden Temperaturen anfällig werden. Man muss aber auch sagen, dass die Forschung zu vorübergehenden Overshoot-Phasen eigentlich erst am Anfang steht. Man klarer sagen was passiert, wenn man dauerhaft überschreitet, aber was möglicherweise irreversibel ist, wenn man 30 Jahre bis auf [1,6] Grad geht und danach wieder auf 1,5 [Grad], da ist die Forschung einfach noch nicht so weit. Ich würde vermuten, dass das in AR7 ein großes Thema werden könnte.
Moderator [00:34:09] Frage eines Kollegen: Gibt es Facetten des Berichts, bei dem Sie zu optimistischeren Schlussfolgerungen kommen, als es beim Fünften Sachstandsbericht Arbeitsgruppe III war und wenn ja, welche sind das?
Felix Creutzig [00:34:25] Ich kann da was zu sagen. Die Kostenreduktionen bei vielen Technologien ist ganz zentral, sie sind sehr schnell gegangen, erneuerbare Batterien, aber auch andere Technologien, die vor allem granular sind. Das bringt viel, das ist optimistisch, weil das bedeutet, dass wir jetzt nicht mehr in einer Welt leben, wo die ökonomischen Kosten sehr groß sind. Aber es ist sehr wichtig, dass wir trotzdem noch über finanzielle Liquidität sprechen. Finanziert werden muss das alles und das sind oft Front up-Kosten. Aber wie gesagt, ökonomische Systeme werden darunter nicht leiden. Und der zweite zentrale Aspekt ist, dass dieses Nachfrageseite-Potential jetzt durchdekliniert ist und auch da mit der Einsicht, das ist auch machbar. Und das bedeutet nicht, dass wir jetzt in die Steinzeit zurückfallen, sondern im Gegenteil. Wir können in Systemen leben, wo wir eine bessere Lebensqualität haben. Das sind zwei positive Nachrichten.
Moderator [00:35:32] Herr Geden, Sie hatten es in ihrem Eingangsstatement auch schon angerissen, aber hier sind ein paar Fragen zur Frage der negativen Emissionen und zu CDR-Techniken gekommen. Ich möchte sie zusammenfassen, vielleicht können Sie kurz darauf eingehen. Was sind die vielversprechendsten Maßnahmen für CO2-Removals, die helfen könnten, Restemissionen abzubauen? Welches Verhältnis, und gerne konkret in Zahlen, besteht zwischen dem Ausstieg aus den fossilen Energieträgern und dem Potenzial von CDR? Welchen Anteil könnte dabei die Nutzung der Kernkraft tragen? Angesichts der immer noch steigenden Treibhausgas-Emissionen: Welche Rolle werden Ihrer Meinung nach bis Mitte des Jahrhunderts die negativen Emissionen spielen?
Oliver Geden [00:36:16] Ja, vielen Dank! Zur Frage der Verhältnisse der einzelnen Ansätze. Ich glaube, die Stärke des Reports ist zunächst mal, zu zeigen, dass es da viel Flexibilität gibt, vor allen Dingen für einzelne Länder, die ja jeweils für sich entscheiden werden, was sie machen. Insbesondere die Szenarien-Kapitel zeigen mögliche Variationen, wie man es angehen könnte und die sektoralen Kapitel, was in einzelnen Sektoren möglich ist. Die klare Message muss immer sein, das klassische Emissionsreduktionen Vorrang haben. Es geht nicht darum, einfach so weiterzumachen und dann ein zweites System mit Carbon Dioxide Removal aufzubauen. Wie dann aber die Zahlenverhältnisse genau sind, da kommen bei Modellierungen unterschiedliche Verhältnisse heraus. Was sind die unvermeidbaren Restemissionen unter welchen Annahmen und welche Volumina haben die? Landwirtschaftliche Emissionen spielen eine große Rolle, Methan und Lachgas, aber je nachdem, was sie beim Thema Fleischkonsum, Fleischproduktion annehmen, verändert sich das natürlich. Die klare Aussage ist: Emissionsreduktionen müssen im Vordergrund stehen und Länder werden das für sich entscheiden. Deutschland wird eine Langfrist-Strategie auflegen, bei der das Zahlenverhältnis dann auch benannt werden muss und auf EU-Ebene kommt das auch irgendwann. Was die Frage angeht, wie vielversprechend sind einzelne Optionen: Wenn man von heute drauf guckt, wir machen ja schon Carbon Dioxide Removal durch Aufforstung. Biologische Methoden haben erstmal den Vorteil, dass sie ja schon da sind, verfügbar sind, sie könnten hochskaliert werden und auch zu relativ geringen Kosten. Da ist eher die Frage: Haben wir das Land dafür? Das würde sich in jedem Staat noch anders stellen. Und wie gehen wir mit der Anfälligkeit der natürlichen Kohlenstoff-Speicher um? Das ist auch eine Frage, die in der SPM dann angeschnitten wird, aber auch schon in WG I war, aber hier auch noch mal in WG III aufkommt. Am anderen Ende des Spektrums habe ich Ansätze mit einer längeren Speicherdauer. Wenn ich zum Beispiel das CO2 geologisch speichere, also jetzt nicht mit klassischem CCS, aber wenn ich CCS mit Direct Air Capture verbinde oder mit Bioenergie, da sind die Kosten aber sehr viel höher und niemand kann heute sagen, bei welcher Hochskalierung von Direct Air Capture wir welche Kostenbandbreiten in den 20er, 30er Jahren sehen könnten. Das kann so laufen wie bei Solar, Photovoltaik und Wind, aber das hängt davon ab, wer jetzt die Upfront Investments tätigen würde in den nächsten zehn Jahren. Dabei ist wichtig zu unterscheiden, Direct Air Capture an sich ist noch kein Carbon Dioxide Removal. Es kommt drauf an, was mit dem CO2 passiert. Wenn ich da einen synthetischen Treibstoff draus mache, ist das CO2 zwei Wochen später wieder in der Luft, dann ist bestenfalls Netto-Null, wenn der Energieinput vorne CO2 neutral war. Ich muss es dann irgendwie unter die Erde bringen, damit ich Netto-Negative-Emissionen habe. Wie das dann später in der zweiten Jahrhunderthälfte aussieht, ist jetzt erst mal nicht so wichtig. Wenn wir es sowieso brauchen, um auf Netto-Null zu kommen, werden alle Länder, die das ernsthaft versuchen, ihre Erfahrungen damit machen und es müssen auch nicht mit allen Technologien die Erfahrungen hier in jedem Land gemacht werden. Es kann auch sein, dass die USA das Land sein wird, dass Direct Air Capture und dann hoffentlich zusammen mit Carbon Storage hochskaliert und den Preis runterkauft, wissen wir jetzt nicht, aber wir machen eine Bewertung: Wo stehen diese Ansätze jetzt, in welche Richtung könnte es gehen? Das Wichtige ist: Wir müssen damit einfach mehr Erfahrung sammeln, ohne den Eindruck zu erwecken, wenn wir das machen können, dann können wir ansonsten weitermachen wie bisher.
Moderator [00:40:20] Danke schön, ein Kollege fragt: Im vergangenen Bericht wurden die Aufwendungen für Klimaschutz ins Verhältnis zum weltweiten Bruttoinlandsprodukt, dem sogenannten GDP, gesetzt. Gibt es im neuen Bericht Abschätzungen, wie viel das 1,5 Grad, wie viel das 2 Grad und wie viel Nichtstun kosten würde?
Felix Creutzig [00:40:48] Ich habe jetzt gerade eine Erinnerung aus der SPM, es ist nicht genau diese Aussage, aber das ist die Beobachtung, dass in vielen Ländern, wo die Emissionen sich absenken, gleichzeitig ein Wirtschaftswachstum beobachtet wurde, die Kompatibilität von sehr starken Klimaschutz mit gesamtwirtschaftlichen Effekten. Aber das ist nicht Ihre Frage, sondern geht nur ein bisschen in die Richtung.
Moderator [00:41:15] Die Frage ist ja eher, wieviel kostet es, viel Geld in den konsequenten Klimaschutz zu investieren und auf der anderen Seite nichts zu tun.
Oliver Geden [00:41:26] Ich habe die Antwort nicht, aber wir haben alle geguckt wie in der Prüfung "Oh, diese Frage, irgendwo steht das". Und ich kann mich an der Diskussion darüber erinnern, aber ich glaube, wir waren nicht in den entsprechenden Abschnitten. Aber wenn, dann würde ich sagen, kann Herr Krey das beantworten.
Volker Krey [00:41:43] Ich musste mich auch erst mal orientieren. Es war tatsächlich so, dass um diese Zahlen eine wirklich große Debatte abgelaufen ist. Ich muss zugeben, dass ich nicht direkt involviert war, sonst hätte ich jetzt nicht nachschauen müssen. Ganz wichtig dazu ist: Diese Zahlen existieren, die Mitigationskosten werden ins Verhältnis für verschiedene Klimaziele, ins Verhältnis zur globalen Wertschöpfung gesetzt. Und das wäre dann auch vergleichbar mit dem Fünften Sachstandsbericht. Es ist insbesondere wichtig zu verstehen, dass es sich hier um sehr partielle Abschätzungen handelt, die von einer großen Unsicherheitsbandbreite umgeben werden. Diese Kosten müssen immer ins Verhältnis gesetzt werden mit dem Nutzen. Nämlich dem Nutzen, das Auswirkungen von Klimawandel vermieden werden und diese Zahlen stehen jetzt hier nicht konsistent mit drin. Das ist hierbei eine ganz große Gefahr. Diese ökonomischen Abschätzungen berücksichtigen nicht den wichtigen Nebennutzen, der in Abbildung 8 qualitativ bewertet wird, von Klimaschutzmaßnahmen auf viele andere Sektoren wie Wasser, wie Energie, wie Hunger und so weiter, er wird nicht konsistent mit in diesen Kostenabschätzungen bewertet. Es geht hier um Zahlen im einstelligen prozentualen Bereich, wenn man sich das 1,5-Grad-Ziel anschaut. Aber wie gesagt, es sind sehr partielle Abschätzungen, die zunächst mal nur berücksichtigen, dass zusätzliche Investitionen getätigt werden müssen, aber den Primär- und Sekundärnutzen dieser Maßnahmen nicht widerspiegeln.
Moderator [00:44:17] Herr Minx, bei der nächsten Frage könnte ich mir vorstellen, dass die sich an sie richtet: Wie gefährlich ist die jüngste Renaissance der Kohle?
Jan Christioph Minx [00:44:27] Dazu haben wir tatsächlich in B2.7 ein ganz interessantes Assessment gemacht. Wir haben uns angeguckt, welche fossilen Infrastrukturen haben wir, wie viel CO2 werden die ausstoßen, wenn man die jetzt genauso weiter betreibt, wie man es in der Vergangenheit gemacht hat? Ein Kraftwerk lebt ungefähr 40 Jahre, wenn man ein Kohlekraftwerk erst nach 40 Jahren abschaltet, ein Gaskraftwerk bei Gebäudeinfrastrukturen, bei Industrieinfrastrukturen. Und da haben wir gezeigt, dass, wenn man also die auf fossilen Energieträgern basierten Infrastrukturen so weiter betreibt wie heute, dann hat man schon CO2-Emissionen, zukünftige CO2-Emissionen, die ungefähr so groß sind wie die Klimaschutzpfade Restemissionen haben für das 1,5-Grad-Ziel. Und wenn man dann auch noch die geplanten Infrastrukturen im Stromsektor dazu nimmt, dann ist das ungefähr so groß wie beim 2-Grad-Ziel. Dann haben wir einen sehr interessanten Vergleich gemacht von diesen Zahlen mit anderen Zahlen aus den Emissionspfaden und haben die sektoral verglichen und dann zeigt sich sehr stark, dass die Unterschiede vor allen Dingen im Stromsektor liegen. Wenn man sich Szenarien anguckt, muss man besonders schnell beim Stromsektor aus den Fossilen raus. Wir haben sehr deutlich gemacht, dass wir gerade im Stromsektor die auf fossilen Energieträgern betriebenen Infrastrukturen, also Kohlekraftwerke, Gaskraftwerke und so weiter, nicht mehr so lange betreiben dürfen und nicht so stark auslasten dürfen und vor allem, und das ist glaube ich ein ganz wichtiges Finding hier, dass wir keine neuen Kohlekraftwerke mehr bauen sollten, höchstens wenn man CCS dran setzt, wenn wir nicht die Pariser Klimaziele verfehlen wollen. Ich glaube, dass ist eine wichtige Aussage im Bericht. Also, die kurze Antwort auf die Frage, ist die Kohle-Renaissance gefährlich: Ja, insofern, dass wir auf jeden Fall aus der Kohle schnell raus müssen und der IPCC ganz klar sagt, dass insbesondere der Bau von neuen Kohlekraftwerken, wenn Renaissance den Bau neuer Kohlekraftwerke meint, die Pariser Klimaziele gefährdet.
Moderator [00:47:53] Ich binde jetzt mal zwei Fragen zusammen, die einmal die Politik und einmal das Handlungspotenzial des einzelnen Bürgers, der Bürgerin anfragen. Das erste ist: Wo sehen Sie für die Politik am ehesten das Potenzial, um in Deutschland klimaschonendes Konsumverhalten auch mit Hinblick auf Wohnen zu fördern? Und das zweite: Was würden Sie sagen, wenn ein Bürger, eine Bürgerin Sie fragt: Was kann ich denn tun und bringt es überhaupt was? Herr Creutzig, Sie nickten schon und ich habe da auch tatsächlich an sie gedacht.
Felix Creutzig [00:48:20] Dazu, was der Einzelne tun kann, sagt der Bericht relativ klar, dass das immer kontextuell wichtig ist. Wir brauchen einfach Politikinstrumente. Natürlich kann der Einzelne bestimmte Sachen tun und das ist auch wichtig, dass es Beispiele gibt. Aber wir brauchen die Rahmenbedingungen. Also es gibt – ich habe die Beispiele genannt – intelligente Stromzähler, wir müssen Wärmepumpen massiv in den Markt drücken. Es gibt tatsächlich auch Rahmenbedingungen im Mobilitätsbereich. Dazu gehört ein autofreier Sonntag zum Beispiel mal oder ein Tempolimit. Das ist tatsächlich effektiv, das ist nicht nur eine ideologische Debatte, sondern wirklich ein relevantes Instrument. Das summiert sich. Das sind alles nicht die allergrößten Punkte, aber diese Maßnahmen summieren sich. Und das bedeutet im Wesentlichen: Ja, wir können etwas tun. Aber wir brauchen vor allem die politischen Rahmenbedingungen dafür und am Ende auch die Infrastrukturen, also Sicherheit im Verkehr. Ganz großes Thema, was indirekt sehr relevant ist für den Klimaschutz. Genauso auch im Konsumverhalten beim Fleisch. Also das ist einfach nicht eine Sache des Individuums, sondern es muss Angebote geben. Es braucht einfach viel bessere und lecker schmeckende vegane Gerichte in den Restaurants. Dann Priming-Effekte: Diese Gerichte sollten zuerst dargestellt werden. Es braucht finanzielle Instrumente, also Stickstoffüberschussbesteuerung zum Beispiel oder die Möglichkeit, auch auf der EU-Ebene den landwirtschaftlichen Sektor mehr auf Nahrungsmittelproduktion und nicht auf Tier[futter]mittel-Produktion auszurichten. Also einen Rahmen von Bedingungen, die sich auf den Konsum auswirken, die aber nicht besonders von den Einzelnen ausgehen. Das heißt aber nicht, dass der Einzelne nichts tun kann. Es gibt noch andere Rollen. Also wir sind ja nicht nur Konsumenten, sondern auch soziale Rollenvorbilder zum Beispiel. Die Wohlhabenderen sind auch Investoren zum Beispiel. Dann sind wir hochprofessionell, also wir sind im Beruf tätig, zum Beispiel Stadtplaner*innen, Transportplaner, Architektinnen. Diese Berufe, die sind ja enorm einflussreich in Bezug auf das, was Standardsetzung angeht. Diese Ebenen sind also sehr relevant und natürlich auch als Bürgerinnen, also tatsächlich als politische Partizipative, die auch politische Prozesse mit anstoßen. Das Wichtige vielleicht, dieses kurzfristige Potenzial stand noch im Raum. Klimaschonendes Konsumverhalten in Wohnungen: Dazu gehört eben vor allen Dingen Informationsfeedback und auch in Medien besprochene Instrumente wie Thermostatregulierung, die in Italien zum Beispiel auch gesetzlich vorgegeben sind, und andere Maßnahmen, die ich schon erwähnt habe.
Moderator [00:51:03] Ich greife jetzt mal kurz ein bisschen vor, denn Herr Minx hat noch einen Folgetermin. Das Science Media Centre in London macht auch ein Briefing und Herr Minx ist auch dort als Experte zu Gast. Die anderen drei hatte ich richtig verstanden, dass wir vielleicht noch ein, zwei Fragen anschließen können, wenn Herr Minx sich gleich verabschiedet. Aber Herr Minx ich würde Ihnen gern die Abschlussfrage stellen und ich greife da die Frage auf, die mir ein Kollege gestern schon geschrieben hat, weil ich die so schön finde. Stellen Sie sich vor, Sie bestimmen heute und morgen die Schlagzeilen in allen großen deutschen Medien zu den Ereignissen des Beitrags der Arbeitsgruppe III. Was wären Ihre Top-Schlagzeilen und was sind aus Ihrer Sicht die relevantesten Ergebnisse? Also neu und überraschend und gerne auch wenig allgemein.
Jan Christioph Minx [00:51:54] Es gibt Lichtblicke im Klimaschutz und das sind die besprochenen Entwicklungen in den Technologien. Und das zeigt uns, dass wenn wir etwas tun mit Entschiedenheit, dass wir dann Dynamiken auslösen, die vielleicht größer sind, als wir sie vorher eingeschätzt hätten. Insgesamt die Wichtigkeit des Berichtes: Da würde ich sagen, der Bericht zeigt klarer denn je, dass wir das fossile Zeitalter beenden müssen und das Ruder in der nächsten Dekade herumreißen müssen im Klimaschutz. Weil sich sonst das Fenster für das 1,5-Grad-Ziel schließt. Aber wir können das schaffen. Die Optionen sind da und es bedarf jetzt der entsprechenden politischen Weichenstellungen.
Moderator [00:52:52] Und kann man diese Aussage "Wir müssen die Emissionen schnell rapide reduzieren" auch noch konkreter machen im Sinne von – Herr Creutzig hat es ein paar Mal angesprochen – Fleischkonsum, also Massentierhaltung reduzieren, anders fliegen, anders fahren, anders heizen?
Jan Christioph Minx [00:53:08] Also ich sage das jetzt mal ganz provokant: Wenn wir die 50 Prozent schaffen, die ich schon genannt habe, verglichen mit dem 2019-Niveau, also alle die Optionen ziehen, die weniger als 100 Dollar kosten, dann waren wir erfolgreich.
Moderator [00:53:23] Okay, gut, Herr Minx, dann vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Wir verabschieden uns dann hier von Ihnen. Ich hoffe, liebe KollegInnen, für Sie ist das auch in Ordnung und wir anderen vier bleiben noch ein bisschen hier und sprechen noch ein paar Fragen weiter. Vielen, vielen Dank. Danke, dass Sie sich noch ein bisschen mehr Zeit nehmen, denn Sie haben ja auch gesehen, da sind einige Fragen reingekommen. Ein Kollege schreibt: Es gibt ja auch ein Kapitel zum Finanzsektor. Welche Regeln können diese finanziellen Vorgaben zu Treibhausgas-Minderung spielen? Und ich meine in der Kürze der Zeit gelesen zu haben, dass die Finanzflüsse um den Faktor 3 bis 6 zu niedrig sind, als sie sein müssten, um dort einen substanziellen Einfluss zu haben auf die Dekarbonisierung. Können Sie dazu was sagen?
Oliver Geden [00:54:15] Herr Krey hat zuerst gezuckt. Ja, sie müssen sich das vorstellen: Herr Krey wird auch die Antwort geben, aber zum Prozess, also in den Medien. Und Sie könnten jetzt auch nicht jede Frage beantworten, die sich darauf bezieht, was Kollegen in einem anderen Ressort geschrieben haben letzte Woche. Sie werden vielleicht sogar überrascht, was in Ihrer eigenen Zeitung über Themen gesagt wurde, mit denen Sie sich rudimentär auskennen. Und so geht uns das auch. Wir sind ja jetzt hier noch drei, eben waren wir vier von fast 300 Autorinnen und Autoren, die den ganzen Bericht geschrieben haben. Ich weiß gar nicht, welche Seitenzahl der haben wird. Und dann auch diese SPM ist natürlich voluminös und diese Verhandlungsstränge laufen ja parallel. Das heißt, manches haben wir dann mitbekommen und wissen, wo das ungefähr steht. Aber da wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch immer sozusagen hundertprozentig richtig liegen wollen, klar, ein bisschen bluffen können wir auch, aber wir wollen ja richtig liegen, zucken wir da erst mal und sagen "Hm, was sage ich da jetzt?" Aber Herr Krey hat zuerst gezuckt und deshalb muss er jetzt auch ran.
Volker Krey [00:55:25] Das vorabzuschicken war, glaube ich, sehr nützlich. Es ist tatsächlich für uns auch eine Herausforderung. Und es sind jetzt nicht so viele Stunden vergangen, seitdem die gesamte Zusammenfassung der Entscheidungsträger jetzt wirklich als konsolidiertes Dokument existiert. Es ist tatsächlich so, dass es eben eine massive Hochskalierung von Investitionen und dementsprechend auch Finanzierung bedarf in den nächsten zehn Jahren und das ist sicherlich eine kontroversielle Debatte, der Faktor drei bis sechs wurde genannt. Ich glaube, es ist natürlich auf der anderen Seite auch wichtig zu berücksichtigen, dass eben die Entwicklungen aus der jüngeren Vergangenheit und beispielsweise eben Technologie wurde ausgiebig genannt und auch die Granularität der Technologien, die da jetzt beitragen können, was wiederum eine Hochskalierung leichter macht. Das ist eine wichtige Randbedingungen dazu. Ich glaube, ein ganz wichtiges Signal ist, dass Klimafinanzierung und grüne Investments mehr zu einem Mainstream-Produkt auch geworden sind in der jüngeren Vergangenheit. Und dann gibt es natürlich noch mal die ganze Debatte um Finanzierung, die von Industrieländern für Entwicklungsländer zur Verfügung gestellt wird. Das ist ein hoch kontroversielles Thema, wo es ja Zusagen von Seiten der Industrieländer gab bis 2020, die allerdings nicht vollkommen erfüllt wurden. Und das ist auch sicherlich ein Thema gewesen, das in der Verabschiedung des Berichts eine wichtige Rolle gespielt hat und es kontroversiell diskutiert wurde. Aber wie gesagt, wir stecken, glaube ich, alle nicht so tief drin jetzt in der Debatte, dass wir da jetzt im Detail antworten können. Also zumindest geht es mir so. Aber es ist eine signifikante Hochskalierung der Finanzierung notwendig. Mit positiven Signalen in der jüngeren Vergangenheit.
Moderator [00:57:46] Eine Kollegin fragt: Im Bericht stünde, dass der Sektor Land keine verzögerten Emissionsreduzierungen in anderen Sektoren kompensieren kann. Sie fragt jetzt: Was bedeutet das für Unternehmen, die sich bisher über Kompensation klimaneutral rechnen?
Oliver Geden [00:58:04] Ja, die Formulierung betrifft natürlich im Wesentlichen dann auch Carbon Dioxide Removal. Ich glaube, das ist so ein Warnschild, das aufgestellt wurde in dieser Message – ich glaube, es ist C9 zum Landnutzungssektor. Dass es da viele Potenziale gibt, aber dass diese Potenziale nicht dazu genutzt werden sollten, ansonsten so weiterzumachen wie bisher und sich darauf zu verlassen, dass irgendwo auf der Welt, irgendwo anders auf der Welt durch das Wachstum zum Beispiel von Bäumen, das schon wieder irgendwie ausgeglichen wird. Es geht darum: Ja, wir brauchen auch CO2-Entnahme aus der Atmosphäre, aber es können eben auch biologische Methoden sein, die wir auch kennen. Aber es kann nicht darum gehen, so weiterzumachen wie bisher und dann einfach mehr Removal zu machen. Die Emissionen müssen genuin reduziert werden. Es geht natürlich auch gerade im Landsektor darum, weitere Emissionen zu vermeiden, die sich zum Beispiel aus Entwaldung, aus Deforestation ergeben. Aber Sie können das als schon nicht mehr implizite Kritik daran lesen, welche Praxis es gibt, dass plötzlich alle, nicht alle, aber sehr viele Unternehmen quasi bis übermorgen klimaneutral sein wollen oder CO2-neutral, aber nicht in erster Linie daran denken, ihre eigenen Emissionen zu reduzieren.
Moderator [00:59:30] Gibt es denn Konflikte zwischen bestimmten Minderungs-Maßnahmen und nachhaltigen Entwicklungen und den Nachhaltigkeitszielen? Und wenn ja, bei welchen muss man besonders vorsichtig sein, um diese Konflikte nicht unnötig eskalieren zu lassen? Und welche dieser Konflikte lassen sich möglicherweise relativ einfach lösen?
Felix Creutzig [00:59:51] Also umgekehrt gesagt, die meisten Mitigations-Maßnahmen sind eigentlich kompatibel mit den Nachhaltigkeitszielen, also das ist ja erstmal eine positive Nachricht. Es gibt natürlich ein paar Sachen, wo es eher in Konflikt geht. Also wenn wir jetzt zum Beispiel den [Elektrizitäts?]-Sektor mit Kohle und Gas mit CCS belasten, dann haben wir dann immer noch die Luftverschmutzung-Probleme, die ja sehr eklatant sind und viele Millionen Tote jedes Jahr weltweit kosten, also eine sehr große Dimension. Das heißt, hier gibt es auf jeden Fall eine Differenzierung.
Moderator [01:00:35] Ich stell noch als letzte Frage, die ich hier noch aufgreife, eine Frage einer Kollegin, von der ich, glaube, wir haben sie am Anfang schon mal gestriffen. Sie sagt: In dem Bericht heißt es, dass alle Sektoren das Potenzial bieten, Emissionen einzusparen. Welche Sektoren sind besonders vielversprechend?
Felix Creutzig [01:00:54] Wir müssen ja in allen ganz runter. Deswegen ist die Frage so ein bisschen... bei manchen geht es vielleicht ein bisschen schneller und wir haben gehört (im) Elektrizität-Sektor, da gibt es viele Möglichkeiten, jetzt ziemlich schnell voranzugehen und es ist auch notwendig. Und andere sind schwieriger. Vielleicht einen der schwierigsten ist der Luftverkehr, wo Batterie-Flugzeuge höchstens für Kurzstrecken vorhanden sind und wir vielleicht mit Syn-Fuels oder E-Fuels in 2050 zurande kommen. Wir können auch jetzt schon durch Quotenregelungen welche reinbringen, aber wir haben dann die Nicht-CO2-Emissionen immer noch nicht erschlagen. Also hier haben wir Probleme. Man kann das auch so sehen: Der Mobilitäts-, der Transport-Bereich hat die wenigsten Reduktion nachzuweisen. Das zeigt sich derzeit am schwierigsten. Aber es gibt auch wirklich Potenziale, hier voranzugehen. Da müssen wir jetzt nicht denken, dass es so weitergeht.
Moderator [01:01:44] Ja, Herr Krey, Sie hat sich glaube ich, auch noch gemeldet, oder? Ich bin mir nicht sicher. Machen Sie erst mal, Herr Geden, dann kann Herr Krey noch überlegen, ob er noch was sagen möchte.
Oliver Geden [01:01:52] Man kann das unter anderem in der Figure SPM5 sehen, wie jetzt in verschiedenen Pfaden das Verhältnis sich darstellt, was möglicherweise auch zum Zeitpunkt von Netto Null noch überhalb der Null-Linie bleibt und was auf Null ist oder unter Null ist. Ich glaube, die SPM5 bezieht sich aber nur auf CO2, jedenfalls da, wo es um die einzelnen Sektoren geht. Aber auch da gibt es immer verschiedene Varianten. Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass es dann heißt – und das werden wir auch erleben –, dass Sektoren sagen: Die Wissenschaft hat festgestellt, unsere Emissionen sind sozusagen die Rest-Emissionen. Ich glaube, das werden wir im Landwirtschaft-Sektor erleben. Man kann sich aus heutiger Sicht jedenfalls nicht technologisch vorstellen, bei gleichbleibenden Beständen zum Beispiel in der Tierhaltung, dass man mit dem Methanproblem anders umgehen kann. Das ist dann möglicherweise eher eine politisch induzierte Lebenstilfrage. Aber das finde ich wirklich toll an Herrn Creutzigs Kapitel, das mal klar wird, das muss politisch induziert und begleitet werden, weil es nicht darum gehen kann, Individuen dafür verantwortlich zu machen, einfach anders zu kommunizieren. Was wiederum nicht bedeutet, dass es keine individuelle Verantwortung gäbe. Aber das muss dann schon zusammengehen. Aber der Energiesektor und da insbesondere Strom, da sind sehr große Potenziale. Aber wir leben ja auch in der deutschen Debatte, bei der jetzt die komplizierteren Sektoren, wie die Industrie, sehr stark über das Wasserstoff-Thema in das Blickfeld geraten. Aber die vergessenen Sektoren bislang sind Transport, Landwirtschaft und innerhalb des Energiebereichs sicherlich der Wärme-Sektor. Das Problem erleben wir ja jetzt bei der Frage "Gasimporte aus Russland" und der Frage, welchen Gasverbrauch haben wir eigentlich und wie schwierig wird es sein, das anders zu regulieren? Weil im Stromsektor kann ich mit wenigen Maßnahmen sozusagen große Scheiben rausschneiden und in anderen Sektoren habe ich mit sehr vielen Akteuren zu tun. Ich habe mit ihnen entweder als Wählerinnen und Wähler zu tun – wie beim Wärme-Sektor, wenn ich Renovierungsvorgaben mache, betreffen sie uns alle im Alltag, beim Transport kann das ähnlich sein. Im Landnutzung-Sektor habe ich weltweit auch nicht die "one size fits all"-Logik. Darauf weist C9 auch sehr deutlich hin. Das heißt, das ist dann komplizierter oder Länder müssen ihre eigenen Lösungen finden. Und die sektoralen Kapitel, aber auch die Szenarien-Kapitel zeigen auf, was möglich ist. Ich glaube, dass gerade die sektoralen Kapitel und auch das Kapitel von Herrn Creutzig – was im Grunde auch ein sektorales Kapitel ist, obwohl es über einzelne Sektoren hinausgeht – bietet weltweit einen Fundus, um zu sehen, was funktioniert anderswo, woran wir als Regierung in Land X noch gar nicht gedacht haben. Was können wir auch von anderen lernen? Welche Potenziale sind da drin? Insbesondere bei der Industrie, glaube ich, hat sich der der Blick darauf, was geht und was nicht geht, doch deutlich gedreht in den letzten Jahren. Und da kann ich noch einmal auf Herrn Minx zurückgehen: wir haben viele Möglichkeiten, aber sie müssen dann eben auch von Regierungen in einzelnen Ländern genutzt werden, um jetzt wenigstens schnell die Emissionen runterzubekommen und dann mittel- bis langfristig diese Null-Linie auch anpeilen zu können.
Moderator [01:05:25] Herr Krey, ich bin mir unsicher, ob es noch was sagen wollten. Das waren jetzt lange Ausführungen. Wollen sie diese noch ergänzen?
Volker Krey [01:05:29] Ja, eigentlich nur ein einziger Punkt. Es war wirklich schon sehr, sehr umfassend. Man muss sich natürlich auch bewusst sein, dass es immer gilt, die System-Perspektive zu halten – also die Verknüpfung der verschiedenen Sektoren. Eine Maßnahme in einem Sektor kann zur Vermeidung in einem anderen Sektor führen. Gerade mit der Industrie wurde ein schwieriger Sektor angesprochen. Die Nutzung von Industriegütern durch den Endverbraucher hat natürlich auch ein großes Potenzial, Industrie-Emissionen zu vermeiden. Zum Beispiel hat halt jeder das eigene Auto vor der Tür stehen oder teilen sich mehrere Haushalte, also im Carsharing, Zugriff auf ein Auto? Das reduziert dann mal den Stallbedarf um den Faktor 5, wenn fünf Haushalte ein Auto teilen würden. Das wäre natürlich ein riesiger Hebel als im Vergleich dazu die gleiche Menge Stahl jetzt nur mit mehr Treibhausgas-effizienteren Technologien zu erzeugen. Also das ist halt auch zu berücksichtigen.
Moderator [01:06:38] Gut, dann komme ich jetzt zu der Schlussrunde, die Sie ja gerade bei Herrn Minx schon miterlebt haben. Also kleines Gedankenspiel: Sie können sozusagen bestimmen, welches die Schlagzeilen sind, die für Sie die Top-Botschaften sind, die aus diesem Bericht sozusagen in die Medienwelt gehen. Was sind für Sie die relevantesten, vielleicht auch die neuesten und überraschendsten Ergebnisse des Reports? Und ich würde gerne in der gleichen Reihenfolge wie vorhin weitermachen. Deswegen Herr Krey, Sie als erstes.
Volker Krey [01:07:09] Jetzt kommt das Scheuklappen-Problem natürlich wieder zur Anwendung. Das heißt, habe ich tatsächlich den gesamten Bericht schon verdaut? Die Antwort ist wahrscheinlich: Nein. Aus meiner Sicht, wir haben anfangs tatsächlich so angefangen, dass die Nachrichten eher in die negative Richtung gehen, aber ich glaube, in der Gesamtschau ist wirklich herauszuarbeiten, dass die letzten fünf bis zehn Jahre seit dem vorhergehenden Sachstandsbericht auch Anlass zur Hoffnung geben. Dass es eben in bestimmten Sektoren, in bestimmten Bereichen wirklich Bewegung gegeben hat. Das ist nicht per se auf globaler Ebene. Aber dass es viele Leuchttürme quasi gibt, die man sich angucken kann und wo es wirklich wichtig ist. Da ist sicherlich das Kapitel von Herrn Creutzig als neues Kapitel, hat eine neue Blickrichtung oder einen neuen Blick auf die Problematik ermöglicht. Es ist glaube ich eine wichtige Nachricht. Es gibt viele Beispiele, die dann auf Systemebene hochskaliert werden müssen und nicht jeder muss die gleiche Maßnahme implementieren, um das Ziel zu erreichen. Ich glaube, im Kern sehen wir wirklich positive Entwicklungen, aber es wird viel politischen und gesellschaftlichen Willen brauchen, um das durchzusetzen. Ja, es wird uns alle auch betreffen in unserem täglichen Handeln.
Felix Creutzig [01:08:53] Ja, ich mache auch die Scheuklappen-Antwort. Stichwort Lebensstil-Änderungen. Wie gesagt, die bedürfen immer politischer Begleitung. Aber was die am Ende auch bedeuten, ist tatsächlich Veränderung. Wir leben gerade in Zeiten von sehr vielen Veränderungen. Und die Botschaft hier ist: Wir können dies auch aktiv gestalten und wir brauchen da nicht zu viel Angst zu haben, sondern können die auch positiv gestalten. Das heißt, es gibt die konkrete Möglichkeit, viel energieeffizienter zu leben, aber gleichzeitig auch ein gutes Leben zu führen. Und davor brauchen wir keine Angst zu haben.
Moderator [01:09:30] Herr Geden, keine Angst vor Scheuklappen-Antworten, denn es geht ja um Ihre drei wichtigsten Aussagen oder Überschriften.
Oliver Geden [01:09:37] Ja, ich möchte auch gar nicht die Scheuklappen-Antwort geben, im Sinne von: Ich bin Experte für eine bestimmte Technologie und dann neigt man dazu, die jetzt besonders in den Vordergrund zu stellen. Aber genau das finde ich problematisch. Carbon Dioxide Removal ist nötig, für Netto Null. Wir müssen uns darum kümmern, aber auf dem Weg zur Netto Null ist es nicht das Wesentliche, sondern Emissionsreduktionen sind das Wesentliche. Und der zweite Punkt: Wir haben viele Möglichkeiten. Und ich glaube auch, dass die Welt, dass einzelne Länder, aber irgendwann auch die Welt es schon schaffen kann, auf Netto Null CO2-Emissionen und vielleicht auch Netto Null Treibhausgasemissionen zu kommen, was schwieriger ist. Und das wird darüber entscheiden, wie stark die Temperatur steigt. Wir müssen weg von dieser Idee: 1,5 [Grad ]oder gar nicht oder 1,5 [Grad ]und dann ist alles egal. Wenn die CO2-Emissionen global auf Null sind, hört der Temperaturanstieg auf. Das heißt, da müssen wir hin. Das heißt, diese Linie ist eigentlich die entscheidende. Und dann werden wir sehen, was dabei rauskommt, wie sich das Klimasystem einpendelt oder ob wir es dann, wenn wir sowieso schon auf Netto Null sind, Netto Null CO2, uns auch vorstellen können, unter die Null-Linie zu kommen. Darauf sollten wir jetzt nicht verlassen, im Sinne von Overshoot und das kriegen wir beziehungsweise die kommenden Generationen in den Griff. Und weil wir es noch gar nicht erwähnt haben und da bitte ich wirklich die Journalisten und Journalistinnen, die im Call sind, sich vielleicht auch noch mal an Herrn Krey, an mich, aber auch an Herrn Kriegler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der heute nicht da ist, zu wenden. Es gibt neue Netto Null-Zahlen und ich glaube, da gibt es viel Erklärungsbedarf, weil deutlicher abgebildet wird: Was ist Netto Null ist CO2 und was ist Netto Null Treibhausgase. Und ich fürchte, das wird für ein bisschen Irritation sorgen. Da wird es viel Erklärungsbedarf geben. Wenden Sie sich gerne an uns.
Moderator [01:11:30] Das ist doch eine Einladung, die man möglicherweise auch gerne annimmt. Damit kommen wir zum Ende unseres Press Briefings. Liebe Kolleginnen und Kollegen, danke, dass Sie trotz der Hängepartie jetzt sich die Zeit genommen haben, um hier dabei zu sein. Video und Transkript finden Sie so schnell wie möglich auf unserer Website. Das Video wird sicherlich zum Ablauf der Sperrfrist klappen, das überarbeitete Transkript nicht. Wenn Sie aber auch mit der maschinellen Variante, die zum Teil wirklich kreative Wortgebilde drin hat, einverstanden wären, können wir Sie Ihnen die auch gerne schicken. Schicken Sie eine E-Mail an redaktion@sciencemediacenter.de, wenn Sie das haben möchten. Genauso, wenn Sie einen Audiomitschnitt dieser Veranstaltung benötigen. Herr Krey, Herr Creutzig, Herr Geden, ich danke Ihnen sehr für diese Zeit. Für die Einblicke, für die Offenheit für unsere Fragen und für die Expertise, die Sie eingebracht haben. Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen: Viel Spaß bei der Berichterstattung und gutes Gelingen. Bis zum nächsten Mal.

