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09.08.2021

Stimmen zum WG-I-Report des IPCC-Berichtes

Anlass

Am 09.08.2021 ist der erste Teil des 6. Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC erschienen. Der Beitrag der Arbeitsgruppe I beschreibt die physikalischen Grundlagen des Klimawandels und beschäftigt sich unter anderem mit Treibhausgasen und Aerosolen in der Atmosphäre, Temperaturänderungen in der Luft, auf dem Land und im Meer, dem Wasserkreislauf und sich ändernden Niederschlagsmustern, extremen Wetterverhältnissen, Gletschern und Eisschilden, Ozeanen und dem Meeresspiegel, der Klimasensitivität sowie der Biogeochemie und dem Kohlenstoffkreislauf. Der Bericht stellt fest, dass eine Begrenzung der Erwärmung auf knapp 1,5 oder 2 Grad nicht möglich ist, wenn die Treibhausgasemissionen nicht schnell, umfassend und nachhaltig verringert werden. Er macht deutlich, dass alle Regionen auf der Erde zukünftig vermehrt Klimaveränderungen erleben werden. Er zeigt aber auch auf, dass die positiven Auswirkungen verringerter Treibhausgasemissionen bereits 20 Jahre später spürbar werden könnten. Zum ersten Mal spielen auch detaillierte Untersuchungen des regionalen Klimawandels und dessen Folgen eine wichtige Rolle. So veröffentlicht der Weltklimarat mit dem 6. Sachstandsbericht auch einen interaktiven Atlas, der diese Auswirkungen darstellt.

Sieben Jahre nach dem zuletzt veröffentlichten Sachstandsbericht beginnt damit die Publikation des aktuellen IPCC-Berichts. Die Sachstandsberichte des IPCC sollen über die neuesten Erkenntnisse zu allen Aspekten des Klimawandels informieren und als Grundlage für politische Entscheidungen und internationale Klimaverhandlungen dienen. Insgesamt gehören vier Publikationen zum 6. Sachstandbericht: Die Beiträge der Arbeitsgruppe II (‚Impacts, Adaptation and Vulnerability‘), der Arbeitsgruppe III (‚Mitigation of Climate Change‘) sowie des Synthesereports sind für Februar, März und September 2022 geplant.“

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Dirk Notz, Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN), Universität Hamburg, Leiter der Forschungsgruppe Meereis im Erdsystem, Max-Planck-Institut für Meteorologie und Leitautor in Kapitel 9 „Ozean, Kryosphäre und Veränderung des Meeresspiegels“
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  • Prof. Dr. Gabriele Hegerl, Professorin für Climate System Science, Forschungsgruppe, Atmospheric Chemistry and Climate of the Anthropocene, School of Geosciences, University of Edinburgh und Review Editorin in Kapitel 1 „Framing, Kontext, Methoden"
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  • Dr. Friederike Otto, Geschäftsführende Direktorin des Environmental Change Institute (ECI), und Associate Professor, Climate Research Programme, University of Oxford und Leitautorin in Kapitel 11 „Wetter- und Klimaextremereignisse in einem sich ändernden Klima“
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  • Prof. Dr. Fortunat Joos, Leiter der Arbeitsgruppe Erdsystem-Modellierung: Biogeochemische Kreisläufe, Abteilung Klima und Umweltphysik (KUP), Physikalisches Institut und Oeschger Zentrum für Klimaforschung, Universität Bern
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  • Prof. Dr. Daniela Domeisen, Assistenzprofessorin am Institut für Atmosphäre und Klima, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), Zürich
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  • Prof. Dr. Johannes Orphal, Leiter des Bereichs Natürliche und gebaute Umwelt, Zentrum für Klima und Umwelt, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Eggenstein-Leopoldshafen
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  • Prof. Dr. Thomas Leisner, Leiter des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), und Professor am Institut für Umweltphysik, Universität Heidelberg
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  • Dr. Helge Goessling, Leiter der Arbeitsgruppe Nahtlose Meereisvorhersage, Sektion Klimadynamk, Fachbereich Klimawissenschaften, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven
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  • Prof. Dr. Astrid Kiendler-Scharr, Direktorin IEK-8: Troposhäre, Forschungszentrum Jülich GmbH (FZJ), Jülich
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  • Prof. Dr. Mojib Latif, Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR)
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  • Dr. Carl-Friedrich Schleussner, Forschungsgruppenleiter, Geographisches Institut, Humboldt-Universität zu Berlin, und Head of Climate Science and Impacts and a Scientific Advisor, Climate Analytics
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  • Prof. Dr. Julia Pongratz, Inhaberin des Lehrstuhls für Physische Geographie und Landnutzungssysteme, Department für Geographie, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)
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  • Dr. Ingo Sasgen, Wissenschaftler in der Sektion Glaziologie im Fachbereich Geowissenschaften, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven
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  • Dr. Marcel Nicolaus, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Sektion Meereisphysik, Fachbereich Klimawissenschaften, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven
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  • Dr. Karsten Haustein, Wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Schwerpunkten Extremwetter-Attribution und Verständnis des Klimasystems, Climate Service Center Germany – Helmholtz-Zentrum Hereon
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  • Prof. Dr. Detlef Stammer, Professür für Fernerkundung & Assimilation, Institut für Meereskunde und Direktor Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN), Universität Hamburg
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  • Prof. Dr. Christoph Schneider, Professor für Klimageographie und Geschäftsführender Direktor des Geographischen Instituts, Humboldt-Universität zu Berlin
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  • Dr. Judith Hauck, Stellvertretende Leiterin der Sektion Marine Biogeowissenschaften und Helmholtz-Nachwuchsgruppenleiterin, Fachbereich Biowissenschaften, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven, und Leiterin der Helmholtz-Nachwuchsgruppe Marine Carbon and Ecosystem Feedbacks in the Earth System (MarESys)
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  • Prof. Dr. Daniela Jacob, Direktorin, Climate Service Center Germany (GERIOCS) – Helmholtz-Zentrum Geesthacht, Hamburg
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  • Dr. Gian-Kasper Plattner, Leitender Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Leiter des Forschungsprogramms, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), Birmensdorf, Schweiz und Leitautor in Kapitel 1 „Framing, Kontext, Methoden"
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Statements

Prof. Dr. Dirk Notz

Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN), Universität Hamburg, Leiter der Forschungsgruppe Meereis im Erdsystem, Max-Planck-Institut für Meteorologie und Leitautor in Kapitel 9 „Ozean, Kryosphäre und Veränderung des Meeresspiegels“

„Die Polarregionen als Frühwarnsystem unseres Planeten schlagen eindeutig Alarm: Schon vor 2050 werden wir in der Arktis aller Voraussicht nach zum ersten Mal einen Sommer erleben, in dem das Nordpolarmeer weitestgehend frei von Meereis sein wird – und zwar in allen untersuchten Zukunftsszenarien. Auch das Abschmelzen der großen Eisschilde in Grönland und der Antarktis hat im letzten Jahrzehnt stark zugenommen, und wird den Meeresspiegel auf viele Jahrhunderte hin weiter ansteigen lassen. Der Anstieg des Meeresspiegels wird umso niedriger ausfallen und umso langsamer verlaufen, und das Nordpolarmeer wird umso seltener sein Packeis im Sommer verlieren, je weniger Treibhausgase wir in die Atmosphäre freisetzen.“

„Der neue Bericht kommuniziert sehr klar, dass wir vor unangenehmen Überraschungen nicht gefeit sind. So können Instabilitäten des Antarktischen Eisschildes nicht vollkommen ausgeschlossen werden, die den Meeresspiegel im Laufe dieses Jahrhunderts um einen Meter mehr ansteigen ließen als die Prozesse, die in den meisten bisherigen Berechnungen berücksichtigt sind. Solche Ereignisse, die zwar mit extrem geringer Wahrscheinlichkeit eintreten werden, aber sehr hohe Auswirkungen haben können, werden im neuen Bericht explizit diskutiert.“

„Die beobachteten oder für die nächsten Jahrzehnte prognostizierten Veränderungen im Erdsystem, sind in mancherlei Hinsicht über die gesamte Menschheitsgeschichte hinweg einmalig: Die mittlere Temperatur des letzten Jahrzehnts ist vergleichbar mit der Temperatur der Erde vor 125.000 Jahren, der Gehalt an Kohlendioxid ist so hoch wie seit mindestens zwei Millionen Jahren nicht, und auch die Ozeanversauerung ist schon jetzt ungewöhnlich im Vergleich zu den letzten zwei Millionen Jahren. Viele Veränderungen im Erdsystem, die wir Menschen in den letzten Jahrzehnten angestoßen haben, sind auf Jahrhunderte oder Jahrtausende hin nur noch zu verlangsamen, aber nicht mehr zu stoppen, wie zum Beispiel das teilweise Abschmelzen der großen Eisschilde und der Anstieg des Meeresspiegels.“

Prof. Dr. Gabriele Hegerl

Professorin für Climate System Science, Forschungsgruppe, Atmospheric Chemistry and Climate of the Anthropocene, School of Geosciences, University of Edinburgh und Review Editorin in Kapitel 1 „Framing, Kontext, Methoden"

„Dieser Bericht wurde per Videokonferenz über zwei Wochen diskutiert und angenommen. Das allein ist eine hervorragende Leistung der Länderdelegationen und Wissenschaftler.“

„Der Bericht verfestigt viele Punkte und verringert Unsicherheiten. Wichtig ist dabei die Abschätzung des verbleibenden Kohlenstoff-Budgets und der Notwendigkeit, auf Netto-Null-Emissionen zu kommen, um die Klimaänderung zu beschränken. Hilfreich ist auch, dass die Klimasensitivität nun mit geringeren Unsicherheiten abgeschätzt werden kann, das war durch die Nutzung mehrerer Beweislinien gleichzeitig möglich.“

„Eine wichtige Neuerung ist der verstärkte Fokus auf Klimarisiken und Extremereignisse, ein Bereich, in dem die Wissenschaft schnelle Fortschritte macht. Es bestätigt eindrucksvoll, in welchem Ausmaß wir bereits Veränderungen bei extremen Wetter- und Klimaverhältnissen erleben, von Hitzewellen über starke Regenfälle bis hin zu Dürren, auch in Deutschland, und im Westen der USA. Oft sind solche Ereignisse von mehreren Faktoren beeinflusst, zum Beispiel Hitze mit Dürre und Feuergefahr – auch das wird in diesem Bericht betont, mit beobachteten Änderungen in der Häufigkeit und Stärke von Ereignissen, und der Erwartung, dass solche Ereignisse mit fortschreitender Erwärmung immer häufiger werden.“

„Der Bericht schätzt auch erstmals ab, wie lange es dauert, bis die Folgen der Klimapolitik sichtbar werden. Es wird nun auch hervorgehoben, dass ernsthafte Anstrengungen zur Eindämmung des Klimawandels in etwa 20 Jahren zu einem anderen Klima führen würden, als in einer Welt, in der wir die globale Erwärmung nicht begrenzen. Heute geborene Kinder werden also als Erwachsene unterschiedliche Welten erleben, je nachdem, ob wir den Klimawandel begrenzen oder nicht.“

Dr. Friederike Otto

Geschäftsführende Direktorin des Environmental Change Institute (ECI), und Associate Professor, Climate Research Programme, University of Oxford und Leitautorin in Kapitel 11 „Wetter- und Klimaextremereignisse in einem sich ändernden Klima“

„Der Report der Arbeitsgruppe I zum 6. Sachstandsbericht des IPCC hat zum ersten Mal seit dem Spezialbericht 2012 ein ganzes Kapitel zu Extremereignissen. Wir haben zum ersten Mal Evidenz, dass Extremereignisse sich überall auf der Welt verändert haben und dass der Klimawandel in vielen Fällen eine Ursache dieser Veränderungen ist – und bei Hitzewellen die dominante Ursache.“

„Es gibt immer noch viel weniger wissenschaftliche Publikationen zu Klimaveränderungen im globalen Süden, insbesondere für die Veränderungen, die schon eingetreten sind. Die grauen Hexagons in Abbildung SPM3 zeigen dies deutlich, diese Lücken werden hoffentlich weniger.“

„Insbesondere Hitzeextreme werden in allen Regionen der Welt deutlich zunehmen. Das Gleiche gilt für sogenannte verknüpfte Extreme, also zum Beispiel gleichzeitig auftretende Hitze und Dürre. Das sind natürlich erst einmal schlechte Nachrichten. Was dieser Report aber auch deutlich macht, ist, dass die meisten Extreme sich linear mit der Erwärmung verändern. Und auch, dass eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 und auch 2 Grad die Wahrscheinlichkeit deutlich reduziert, Kippunkte zu erreichen, auch wenn die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden kann.“

Prof. Dr. Fortunat Joos

Leiter der Arbeitsgruppe Erdsystem-Modellierung: Biogeochemische Kreisläufe, Abteilung Klima und Umweltphysik (KUP), Physikalisches Institut und Oeschger Zentrum für Klimaforschung, Universität Bern

„Der Report ist ein Meilenstein der Klimawissenschaften, der die immer extremeren Wetterereignisse und Klimaveränderungen in Wasser und Eis, an Land und in der Luft akribisch genau und mit umfassenden Beobachtungen dokumentiert.“

„Ursache der globalen Klimaerhitzung und von zusätzlichen Hitzewellen, Dürren, Feuer, Starkniederschlägen, und Überschwemmungen sind die außer Rand und Band geratenen, mensch-verursachten CO2-Emissionen aus der Verbrennung von Kohle, Erdöl, und Gas. Wir sind zusammen mit der fossilen Energiewirtschaft gerade dabei, das Klimasystem in wenigen Jahrzehnten weit über den natürlichen Bereich der vergangenen Millionen Jahre hinaus zu katapultieren.“

„Bereits vor über 40 Jahren haben die Berner Klimaphysiker Siegenthaler und Oeschger in der Zeitschrift ,Science‘ gezeigt, dass die CO2-Emissionen rasch auf null sinken müssen, um eine gefährliche Klimaerwärmung zu vermeiden. Jede zusätzliche Tonne CO2, die wir emittieren, heizt das Klimasystem weiter an. Der neue Report und 40 Jahre Forschung belegen und zementieren diese Erkenntnis auf eindrückliche Weise. Ohne eine rasche und tiefgreifende Reduktion der CO2-Emissionen wird die globale Erwärmung bald die Zwei-Grad-Marke übertreffen, mit Folgen für uns und unsere Kinder und Enkel.“

„Eine Reduktion der Verbrennung von Diesel, Benzin, Erdöl, Erdgas und Kohle würde nicht nur den Ausstoß von CO2, sondern auch die für unsere Gesundheit schädliche Verschmutzung der Luft durch Ozon, Stickoxide, Ruß und anderer kleiner Partikel vermindern. Lokale und regionale Maßnahmen zur CO2-Reduktion helfen also auch, die Luftverschmutzung vor Ort zu vermindern. Die mit COVID-19 verbundenen wirtschaftlichen Einschränkungen haben tatsächlich kurzfristig zu einer besseren Luftqualität und zu einer temporären Reduktion der globalen CO2-Emissionen von wenigen Prozent geführt. Das Wachstum in der atmosphärischen CO2-Konzentration hat sich jedoch im Jahr 2020 unvermindert fortgesetzt.“

„Ozeane und Wälder leisten einen gewaltigen Service für uns, indem sie etwas mehr als die Hälfte unserer CO2-Emissionen aufnehmen. Diese Serviceleistung wird sich unter fortgesetzten Emissionen vermindern. Ein größerer Anteil unserer CO2-Emissionen bleibt in der Atmosphäre. Diese Erkenntnis ist robust und ergibt sich aus der Säure-Base Chemie von CO2 im Wasser und einer Sättigung des Aufnahmevermögens von Wäldern und Böden.“

„Die Erde gleicht einem Tanker mit einem sehr großen Bremsweg. Die von uns eingeleiteten Entwicklungen werden sich teilweise über Jahrzehnte und Jahrhunderte fortsetzen. Vor allem Veränderungen im Ozean – also Erwärmung, Versauerung und Abnahme des Sauerstoffs – und der Abbau der Eisschilder sind auf menschlichen Zeitskalen irreversibel. Die große Trägheit des Klimasystems mahnt zur Vorsicht und zu einem raschen Ausstieg aus den CO2-Emissionen.“

„Es ist illusorisch, darauf zu hoffen, dass die Wirkung fortgesetzter CO2-Emissionen in der Zukunft durch technologischen Fortschritt in der Speicherung von atmosphärischem CO2 rasch rückgängig gemacht werden kann. Die Erwärmung und viele weitere Veränderungen können im besten Fall verlangsamt und nur über sehr große Zeiträume wieder verkleinert werden.“

„Der neue Report verdeutlicht, dass der Meeresspiegel fünf bis zehn Meter höher war in der vorletzten Warmzeit. Damals war die globale Oberflächentemperatur rund ein Grad (0,5 bis 1,5 Grad) höher als vor Beginn der Industrialisierung und damit war es ähnlich warm wie heute. Damit wird sich in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten das Schmelzen der Gletscher und Eisschilder weiter fortsetzen und ein weiter steigender Meeresspiegel Millionen von Menschen und ihre Infrastruktur bedrohen.“

„Das Auftauen von Permafrostböden, also Böden, die ganzjährig gefroren sind, geht weiter. Die obersten drei Meter Permafrost in der Arktis werden komplett auftauen, falls die globale Erwärmung zwei bis vier Grad erreicht. Dies wird, wie man bereits beobachtet, Auswirkungen auf Gebäude und Infrastruktur haben. Die gute Nachricht ist, dass keine katastrophalen Emissionen von CO2 und Methan aus auftauenden Permafrostböden erwartet werden. Die Befürchtungen, dass auftauender Permafrost einen Kipppunkt im Klimasystem auslöst, also zu einer extrem beschleunigten Erwärmung führt, scheinen unbegründet. Rekonstruktionen von Methan und CO2 und Modellresultate stützten diese Hypothese nicht. Die Emissionen von CO2 und Methan aus Permafrostböden bleiben im Vergleich zu den menschgemachten Emissionen relativ klein. Damit haben wir es in der Hand, durch eine konsequente Reduktion der Emissionen von CO2 und anderer Treibhausgase, die Erwärmung zu verlangsamen und längerfristig zu stoppen.“

Prof. Dr. Daniela Domeisen

Assistenzprofessorin am Institut für Atmosphäre und Klima, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), Zürich

„Meine eigene Forschung beschäftigt sich mit der Vorhersage von Extremwetterereignissen auf Zeitskalen von Wochen bis Monaten. Im Vergleich zum letzten IPCC-Report haben wir unser Verständnis von Extremereignissen und deren Zusammenhang mit dem Klimawandel stark verbessert. Es ist unterdessen absolut klar, dass die allermeisten Extreme, wie zum Beispiel Hitzewellen und Starkniederschläge, mit dem Klimawandel häufiger und stärker werden. Das gibt uns auch auf Zeitskalen von Wochen bis Monaten die traurige Gewissheit, dass wir uns lokal — und sogar in Regionen, in denen bis vor Kurzem niemand mit solchen Extremen gerechnet hat — gezielt auf Extremereignisse vorbereiten müssen.“

„Die für mich überzeugendste Aussage, dass der Klimawandel menschgemacht ist, ist immer noch die Tatsache, dass wir die Beobachtungen ohne Berücksichtigung des menschlichen Einflusses einfach nicht reproduzieren können. Daher ist dies auch die erste Abbildung in der ‚Summary for Policymakers‘. Diese Abbildung war bereits in früheren IPCC-Berichten enthalten, und sie wird mit jedem Bericht deutlicher. Man muss sich das vor Augen führen: Wir haben Modelle, die alle wichtigen (und auch die weniger wichtigen) Faktoren berücksichtigen, die das Klima beeinflussen könnten, aber wir können die Beobachtungen nur nachvollziehen, wenn wir den Einfluss des Menschen einbeziehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein wichtiger Faktor vergessen worden ist, ist – um mich der IPCC-Sprache zu bedienen – extrem unwahrscheinlich.“

„Eine Frage, die mir oft begegnet, wenn ich Vorträge zum Klimawandel halte, ist die Frage nach dem Unterschied zwischen Wetter- und Klimamodellen. Oft ist klar, dass Wettermodelle auf Gleichungen für die Atmosphäre beruhen, welche mit leistungsstarken Computern simuliert werden. Für Klimamodelle ist dieses Verständnis oft nicht da. Dabei funktionieren Wetter- und Klimamodelle nach demselben Prinzip: Wir kennen die Zusammenhänge im Klimasystem, die durch mathematische Gleichungen beschrieben sind, und benutzen diese, um vorauszusehen, wie die Zukunft wird. Die Wettermodelle sind optimiert für Zeitskalen von mehreren Tagen, während Klimamodelle auf Jahre bis Jahrzehnte ausgelegt sind.“

„Eigentlich können wir dankbar sein, dass das Klima vergleichsweise langsam auf unsere Einflussnahme reagiert, und dass Jahrzehnte unserer Emissionen bis jetzt ‚nur‘ zu etwa einem Grad Erwärmung geführt haben. Andererseits ist es erschreckend, welche Zerstörungskraft ein einzelnes Grad Erwärmung hat, wenn wir uns anschauen, was der Klimawandel bereits heute auf der Erde anrichtet. Allerdings hätten wir wohl viel früher reagiert, wenn sich das Klima schneller verändert hätte, und wenn es direkt uns alle betroffen hätte. So aber müssen wir – auch wenn wir nicht ständig individuell vom Klimawandel betroffen sind (aber es wird so weit kommen, wenn wir nicht entsprechend handeln) – uns einen globalen Überblick verschaffen und dementsprechend im globalen Interesse handeln, statt nur kurzfristig an uns selbst zu denken.“

Prof. Dr. Johannes Orphal

Leiter des Bereichs Natürliche und gebaute Umwelt, Zentrum für Klima und Umwelt, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Eggenstein-Leopoldshafen

„Ich finde es zunächst sehr wichtig, dass wir absolut sicher (Teil A) schon mittendrin im Klimawandel sind (+1 Grad) und es viele Auswirkungen davon gibt, die noch Jahrhunderte bis Jahrtausende – zum Beispiel für die Ozeane – andauern werden. Beeindruckend finde ich besonders die neuen Szenarios (SSP) mit den großen CMIP6-Modellrechnungen und die neue Bestimmung der Klimasensitivität (Teil B). Hitzewellen, Dürren und auch Extremniederschläge werden stark zunehmen. Ein düsteres Szenario. Es geht sogar hoch auf +5 Grad in 2100 (SSP5-8.5), das ist enorm. Verglichen zum Fünften Sachstandsbericht AR5 ist das alles noch viel dramatischer.“

Auf die Frage, in welchen Bereichen es noch an Evidenz mangelt, um gesicherte Aussagen zu treffen oder Unsicherheiten so weit wie möglich zu reduzieren?
„Es gibt immer viele regionale Aspekte, die man nicht so klar sieht, aber darum geht es hier gar nicht. Der Einfluss des Solarzyklus ist definitiv nicht groß, das muss man nochmal betonen. Der Einfluss von menschengemachten Aerosolen ist nicht völlig verstanden, aber das ist keine große Unsicherheit für die globalen Szenarien. Ich finde die Möglichkeit einer Verringerung der nordatlantischen Zirkulation (Golfstrom) wirklich sehr beunruhigend. Und die Verschiebung der Sturmbahnen in unseren Breiten ist auch noch nicht klar – sowas ist für uns in Europa natürlich besonders relevant.“

„Jede Tonne CO2, die wir in die Luft emittieren, zählt – siehe Bild SPM10. Damit sind wir doch hoffentlich völlig weg von dem üblichen ‚Wenn wir unseren Ausstoß reduzieren, ändert das doch sowieso nichts‘-Verdrängungsgerede. Wie alle tragen dazu bei, und jede eingesparte Tonne hilft den Klimawandel zu begrenzen – das ist in dem Bericht sehr gut dargestellt. Eine globale Erwärmung von ‚nur‘ 1,5 Grad wäre definitiv weniger schlimm als 2 Grad, auch das wird sehr gut gezeigt. Also Schluss mit dem ‚Weiter so, wir können doch eh nix tun‘ – das ist einfach falsch!“

Prof. Dr. Thomas Leisner

Leiter des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), und Professor am Institut für Umweltphysik, Universität Heidelberg

„Die Klimatrends treten nunmehr nicht nur im globalen Mittel, sondern auch regional aufgelöst klar zutage. Neben den Temperaturtrends sind nun auch Trends für Niederschlag und einige Extremereignisse regional quantifiziert.“

„Die Klimasensitivität – also die Erwärmung im neuen Gleichgewicht nach einer Verdopplung der CO2-Konzentration – ist nun wesentlich genauer bekannt. Im Fünften Sachstandsbericht war hier noch ein Bereich von 1,5 bis 4,5 Grad angegeben, jetzt ist das auf den Bereich zwischen 2,5 und 4 Grad eingeschränkt. Aerosole und ihr Einfluss auf Wolken bleibt weiterhin die größte Unsicherheit bei der Klimavorhersage. Zunehmend wird anstelle der CO2-Konzentration das Budget des zu einem Zeitpunkt gesamt emittierten CO2 betrachtet. Hier findet man unabhängig von der Emissionsgeschwindigkeit einen linearen Zusammenhang zur Erwärmung zu diesem Zeitpunkt.“

„Methan und anderen flüchtigen Kohlenwasserstoffen wird eine höhere Bedeutung für das Klima beigemessen. Bei einer Reduzierung wird auch ein Gewinn für die Luftqualität (Ozonbildung) gesehen.“

„Negativen Emissionen – insbesondere CDR (Carbon Dioxide Removal), also die technische CO2-Entnahme aus der Atmosphäre – wird eine hohe Bedeutung für den zukünftigen Klimaschutz zugesprochen. Mögliche Zielkonflikte mit Nahrungsmittelsicherheit und Biodiversität werden angesprochen. Ich finde den Optimismus bezüglich dieser Optionen riskant.“

Dr. Helge Goessling

Leiter der Arbeitsgruppe Nahtlose Meereisvorhersage, Sektion Klimadynamk, Fachbereich Klimawissenschaften, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven

„Die Veröffentlichung des 5. Sachstandsberichts vor acht Jahren fiel in eine Zeit, zu der die vermeintliche ‚Erwärmungspause‘ der vorangegangenen 15 Jahre viel diskutiert wurde und Angriffsfläche für Zweifel am menschgemachten Klimawandel bot. Die weitere Klimaentwicklung der letzten Jahre hat jedoch glasklar gezeigt, was wissenschaftlich schon damals als äußerst wahrscheinlich galt: Die Erwärmungspause war lediglich eine leichte Verlangsamung aufgrund von Zufallsschwankungen. Der Klimawandel schreitet ungebremst voran.“

„Die wohl fundamentalste Neuerung ist die deutliche Eingrenzung der wahrscheinlichen Klimasensitivität – wieviel Erwärmung also mit einer Verdopplung der CO2-Konzentration einhergeht – von vorher 1,5 bis 4,5 Grad auf nun 2,5 bis 4,0 Grad. Insbesondere die Reduktion des oberen Grenzwerts mag zunächst überraschen angesichts der Tatsache, dass mehrere der zugrundeliegenden neuen Klimamodelle eine deutlich höhere Klimasensitivität aufweisen, auch im Vergleich zu den Modellen des vorherigen Sachstandsberichts. Die Autoren des neuen Berichts haben jedoch diesmal andere Evidenz stärker einbezogen, vor allem die beobachtete Entwicklung des Klimas der letzten Jahrzehnte. Eine deutlich stärkere oder deutlich schwächere Klimasensitivität ist schlicht nicht mehr mit dem bis heute beobachteten Verlauf der Erwärmung vereinbar. Die Tragweite dieser Eingrenzung wird ersichtlich, wenn wir uns vor Augen führen, dass die im 5. Sachstandsbericht genannte Spannbreite der Klimasensitivität fast unverändert bereits in vorherigen Sachstandsberichten bis hin zum Charney-Bericht von 1979 veranschlagt wurde.“

„Der neue Sachstandsbericht geht deutlich mehr ins Detail bei der Analyse von Extremwetterereignissen und wie sich diese im Zuge des Klimawandels ändern. Man kommt nicht umher, festzustellen, dass die verheerenden Extremwetterereignisse der jüngsten Wochen, Monate und Jahre im östlichen Mittelmeerraum, in Deutschland, im Westen Kanadas und in Australien den beobachteten und simulierten Mustern des Klimawandels recht genau folgen.“

„Der neue Bericht stellt im Vergleich zum 5. Sachstandsbericht klarer fest, dass sehr starke Meeresspiegelanstiege von weit über einem Meter bis Ende dieses Jahrhunderts zwar weiterhin als unwahrscheinlich gelten, jedoch nicht ausgeschlossen werden können. Auch ist der fortschreitende und beschleunigte Massenverlust des grönländischen Eisschilds in den vergangenen Jahren sehr deutlich geworden. Bisherige Änderungen in der Antarktis sind hingegen weiterhin unklar. Was die Zukunft angeht, bleibt für beide Eisschilde die große Unbekannte, ob und wann die Eismassen noch instabiler werden könnten und so den Meeresspiegelanstieg deutlich beschleunigen könnten.“

„Auch die Frage, warum eine Abnahme der antarktischen Meereis-Ausdehnung bislang weitestgehend ausgeblieben ist, bleibt noch unbeantwortet. Aktuell wird an einigen Erklärungsansätzen geforscht, daher kann ich mir gut vorstellen, dass der nächste Sachstandsbericht hier neue Erkenntnisse bringen könnte.“

Auf die Frage, inwiefern in der öffentlichen Diskussion wichtige Punkte nicht ausreichend oder mit falscher Priorisierung debattiert werden:
„Die Medien sind darauf angewiesen, über neue Erkenntnisse zu berichten und das Neue daran besonders hervorzuheben. Das gilt übrigens auch für die wissenschaftlichen Publikationen, die den Medienberichten meist zugrunde liegen, wenngleich die Neuerungen darin zumeist sachlicher eingeordnet werden. Durch die mediale Betonung des Neuen kann leicht der Eindruck entstehen, dass unser Wissen über den Klimawandel jährlich oder gar monatlich revolutionär vorangebracht wird und vielleicht sogar einer gewissen Wankelmütigkeit unterliegt. Tatsächlich hat sich das Fundament und Gerüst unseres physikalischen Verständnisses des Klimawandels jedoch als ausgesprochen fest erwiesen. Der neueste Sachstandsbericht ist ein hervorragender Anlass, die Festigkeit unserer Wissensgrundlage herauszustellen.“

Prof. Dr. Astrid Kiendler-Scharr

Direktorin IEK-8: Troposhäre, Forschungszentrum Jülich GmbH (FZJ), Jülich

„Viele kurzlebige klimawirksame Stoffe sind gleichzeitig Luftschadstoffe. Vielfach werden die kurzlebigen klimawirksamen Stoffe gemeinsam mit CO2 emittiert. Die Summe der wärmenden kurzlebigen klimawirksamen Stoffe – also Methan, Vorläufersubstanzen für Ozon, Ruß, und halogenierte Gase – hat bisher in gleicher Größenordnung zur Erwärmung beigetragen wie CO2. Während CO2 über viele Jahrhunderte in der Atmosphäre verweilt, werden die kurzlebigen Stoffe im Zeitraum von Wochen bis Jahrzehnten aus der Atmosphäre entfernt. Unter den kurzlebigen klimawirksamen Stoffen ist insbesondere die Einschränkung von Methan-Emissionen sowohl für den Klimaschutz als auch zur Verbesserung der Luftqualität von Bedeutung. Stringente Reduktionen dieser kurzlebigen klimawirksamen Stoffe können bis zum Ende des Jahrhunderts eine Erwärmung um 0,8 Grad vermeiden.“

Prof. Dr. Mojib Latif

Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR)

„Aus meiner Sicht ist es inzwischen sehr wahrscheinlich geworden, dass die Welt das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens schon um das Jahr 2040 gerissen haben wird. Selbst das 2-Grad-Ziel wird nur noch mit sehr tiefgreifenden weltweiten Maßnahmen zu erreichen sein, die derzeit nicht in Sicht sind.“

„Im Wesentlichen bestätigt der Bericht die Aussagen der vorangehenden Berichte. Das zeigt, dass die Wissenschaft schon vor 30 Jahren die wesentlichen Entwicklungen korrekt vorhergesagt hat.“

„Wenn man alle Aussagen des Berichts zusammennimmt, würde ich sie wie folgt interpretieren: Die Menschheit ist dabei, den klimatischen Wohlfühlbereich zu verlassen, den sie über die letzten Jahrtausende genießen durfte.“

Dr. Carl-Friedrich Schleussner

Forschungsgruppenleiter, Geographisches Institut, Humboldt-Universität zu Berlin, und Head of Climate Science and Impacts and a Scientific Advisor, Climate Analytics

„Der Sachstandsbericht liefert einen beeindruckenden Überblick über den Stand der Erkenntnisse der physikalischen Klimaforschung. Aus der Menge des zusammengetragenen Stands der Forschung ragen einige Aspekte besonders heraus.“

„Der Report bestätigt die Erkenntnisse des 1,5-Grad-Sonderberichtes in umfänglicher Art und Weise. Mit jedem Zehntelgrad Erwärmung nehmen die Klimafolgen zu und eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad kann die schlimmsten Klimafolgen verhindern. Der Report analysiert dazu auch ein Szenario, dass das 1,5-Grad-Ziel in Reichweite hält. Das analysierte CO2-Budget ist ebenfalls mit dem des 1,5-Grad-Berichts vergleichbar. Grundvoraussetzung, um das 1,5-Grad-Ziel in Reichweite zu halten, sind dabei umfassende Emissionsreduktionen in der nächsten Dekade.“

„Bezüglich des Verständnisses der zu erwartenden Veränderungen im Klimasystem sind wesentliche Durchbrüche erzielt worden. So wurden die Unsicherheiten bezüglich der sogenannten Klimaantwort signifikant reduziert. Extreme Erwärmungsszenarien in beide Richtungen können damit ausgeschlossen werden und die Vorhersagen werden deutlich präziser. Gleichzeitig wird mit neuer und umfassender Forschung die Bedeutung des Erreichens von Netto-Null-Emissionen zur Begrenzung der Erderwärmung weiter zementiert. In einem 1,5-Grad-Szenario muss dies bis Mitte des Jahrhunderts global erreicht werden.“

„Die Einordnung der aufgrund der Treibhausgasemissionen beobachteten Veränderungen in allen Teilen des Klimasystems nimmt der Report in großer Deutlichkeit vor. Der langzeitliche, menschengemachte Temperaturanstieg lag dem Report nach bereits im letzten Jahrzehnt vermutlich höher, als die Temperaturen über mehrhundertjährige Perioden seit etwa 125.000 Jahren. Ab jetzt begibt sich die Menschheit also auf zunehmend unbekanntes klimatisches Terrain. Die Extremwetter dieses Sommers geben einen Vorgeschmack darauf, was das zu bedeuten hat."

„Der IPCC-Report läutet die Alarmglocken bezüglich der Risiken des Überschreitens kritischer Kipppunkte des Klimasystems. Mit zunehmender Erwärmung nehmen diese Risiken substanziell zu. Ein extremes Szenario, in dem aufgrund ungebremster Erwärmung und des Überschreitens von Kipppunkten der Eisschilde der Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts um zwei Meter steigen könnte – bis 2150 sogar um fünf Meter –, kann daher nicht ausgeschlossen werden. Auf einem 1,5-Grad-Pfad würde der Meeresspiegelanstieg auf ungefähr einen halben Meter oder weniger bis 2100 begrenzt werden und auf der Zeitskala von Jahrtausenden der Anstieg um bis zu drei Meter niedriger ausfallen als unter zwei Grad Erwärmung.“

„Auch wenn die größten Unterschiede in den zu erwartenden Klimarisiken auf lange Sicht zu erwarten sind, zeigt der Bericht deutlich die unmittelbaren Vorteile von stringentem Klimaschutz auf. Positive Effekte auf atmosphärische Konzentrationen in Treibhausgasen und Luftverschmutzung würden sich in wenigen Jahre einstellen, und die menschengemachte Erderwärmung bereits in den nächsten 20 Jahren entscheidend verlangsamt werden.“

Prof. Dr. Julia Pongratz

Inhaberin des Lehrstuhls für Physische Geographie und Landnutzungssysteme, Department für Geographie, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)

„Wichtig sind die neuesten Zahlen zu den menschgemachten Treibhausgasemissionen und wo sie verbleiben. Diese Zahlen haben sich im Vergleich zum letzten Bericht, der ja mehr als sieben Jahre zurückliegt, bereits wieder substanziell verändert. Der aktuelle Bericht fast zusammen, dass anthropogene Emissionen von CO2, Lachgas und Methan aus fossilen Quellen, Land- und Forstwirtschaft alle in den letzten Jahren (vor der Pandemie) die höchsten Werte in der Menschheitsgeschichte erreicht haben.“

„Auch zur Stärke der natürlichen Senken für CO2, also die Aufnahme von CO2 in der terrestrischen Vegetation, den Böden und im Ozean, gibt es Neues. Diese Flüsse variieren natürlicher Weise stark von Jahr zu Jahr in Abhängigkeit. Die längere Beobachtungszeit des neuesten Sachstandsbericht hat schon allein deshalb eine deutlich bessere Ausgangsbasis für robuste Aussagen als seine Vorläufer. Die Prozesse, die den CO2-Austausch zwischen der Atmosphäre, Land und Ozean steuern, sind viele und hochkomplex, mit nicht-linearen Rückkopplungen. Verschiedene Aspekte des Klimawandels beeinflussen Einzelprozesse in unterschiedlicher Weise – die Fotosyntheseleistung etwa steigt oft mit höheren CO2-Konzentrationen, aber häufigere Dürren beeinträchtigen den Kohlenstoffspeicher im Wald. Die Modelle beinhalten inzwischen viel mehr dieser Prozesse in realistischer Weise und haben sich im Vergleich gegen die Beobachtungsdaten bewährt. Insofern sind Aussagen des neuen Berichts beunruhigend, dass sich der Anteil der anthropogenen CO2-Emissionen, den Land und Ozean aufnehmen, im Lauf des 21. Jahrhundert mit hoher Konfidenz verringert. Sie unterstreichen, wie dringend die Reduktion von Treibhausgasemissionen ist.“

„Bezüglich der Klimamodellergebnisse kann eine Erfolgsstory erzählt werden: Wie in den letzten Sachstandsberichten auch basieren viele der Ergebnisse – insbesondere die Projektionen für die Zukunft – auf Ergebnissen aus sogenannten Erdsystemmodellen. Die wurden aber über die letzten Jahrzehnte hinweg immer komplexer und für immer mehr Fragestellungen verwendet. Um dem große Themenumfang Rechnung zu tragen, wurde deshalb dieses Mal die breite Community der Forscher aufgerufen, sich selbst um ganz konkrete Themenfelder herum zu organisieren. Und dies funktionierte erstaunlich gut. Die Forscher schlossen sich international zusammen und schlugen vor, welche Simulationen und Analysen von den vielen Dutzend Klimazentren weltweit durchgeführt werden sollten. 23 solcher Modellvergleichsstudien gibt es, darunter zum Beispiel C4MIP, das Rückkopplungen zwischen Klima und Kohlenstoffkreislauf untersucht. Dass gut die Hälfte der an C4MIP teilnehmenden Modelle nun berücksichtigt, dass Nährstoffverfügbarkeit die CO2-Aufnahme der Vegetation limitieren kann, wird im IPCC-Bericht als großer Fortschritt bezeichnet. Diese Modelle weisen allerdings im Schnitt einen 25 bis 30 Prozent geringeren Zuwachs des Kohlenstoffspeichers in der terrestrischen Vegetation und den Böden in Reaktion auf das erhöhte CO2 der Atmosphäre auf als die Art von Modellen, die früheren Sachstandsberichten zugrunde lagen.“

„Ein Highlight ist sicherlich der differenzierte Blick auf Möglichkeiten, der Atmosphäre aktiv CO2 zu entziehen. Die Forschung der letzten Jahre hatte Nebeneffekte von Maßnahmen wie Aufforstung oder Veränderung der Ozeanchemie aufgedeckt, die dem Nutzen der Maßnahmen zuwiderlaufen, teils aber auch die Effizienz der Maßnahmen verstärken können. Es wird klar, dass es keine Wunderwaffe ohne Risiken gibt, keine echte Alternative zur Emissionsreduktion. Wie immer fasst der IPCC hier den Sachstand zusammen. Was der Sachstand aber noch nicht liefert, ist eine umfassende Bewertung der Potenziale und Nebeneffekte, die einen konkreten Vergleich der verschiedenen Maßnahmen ermöglichen würde. Im Hinblick darauf, dass Maßnahmen zur CO2-Entnahme in vielen nationalen Klimaschutzgesetzen bereits verankert sind, ist dies noch eine echte Lücke, die die Wissenschaft als Nächstes angehen muss. In Deutschland hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung bereits Forschungsprogramme gestartet, die diese Lücke schließen sollen.“

Dr. Ingo Sasgen

Wissenschaftler in der Sektion Glaziologie im Fachbereich Geowissenschaften, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven

„Ich gebe meine Einschätzung vor dem Hintergrund meiner Kernexpertise Eismassenänderung und Meeresspiegelanstieg, sowie arktische Erwärmung.“

„Der gegenwärtige Bericht konsolidiert früher Projektionen zum globalen Meeresspiegelanstieg; zum Beispiel 70 Zentimeter bis 2100 unter SSP2-4.5. In der Gesamtschau sind besonders drei Aspekte interessant.“

„Erstens: Die Abhängigkeit des Meeresspiegelanstiegs vom sozioökonomischen Entwicklungspfad. Im Zusammenhang mit der Überschreitung von Kipppunkten für den irreversiblen Rückgang der Eischilde wird oft kommuniziert, dass diese Meeresspiegelbeiträge stattfinden werden, egal ob die Erderwärmung begrenzt wird oder nicht. Das ist nur teilweise richtig. Der Meeresspiegelanstieg setzt sich zusammen aus dem Anteil der thermischen Ausdehnung und dem Massenzutrag durch Eisrückgang. Die Wärmeausdehnung ist proportional zur Temperaturerhöhung, was bedeutet, dass wir einsparte Erwärmung als geringeren Meeresspiegelanstieg zurückbekommen. Ähnliches gilt für Schmelzverluste: Steigt die Erwärmung weiter an, werden die jährlichen Verluste der Gletscher und in Grönland immer größer, der Meeresspiegelanstieg beschleunigt sich. Auch ohne überschreiten eines Kipppunktes. Außerdem sind die Kippunkte zwar vom Prozess her einigermaßen gut bekannt, aber die Schwellenwerte nicht gut quantifizierbar. Damit sinkt bei geringerer Erwärmung das Überschreiten der Kipppunkte. Das ist sichtbar in SPM.8b.“

„Zweitens: der Meeresspiegelanstieg geht über das Jahr 2100 hinaus. Die meisten Projektionen sind auf den Zeitraum bis 2100 beschränkt (genauere Antriebsdaten, geringere Unsicherheiten, geringere Rechenkosten). Die Erwärmung heute zieht allerdings einen Eisrückgang nach sich, der lange nachwirken wird. Selbst bei einer Stabilisierung der Temperatur wird es eine lange Zeit dauern, bis zum Beispiel der grönländische Eisschild ein neues Gleichgewicht finden wird. Und möglicherweise Tausende von Jahren, bis ein kompletter Rückgang erfolgt ist. Der neue Bericht präsentiert Daten für das Jahr 2300 mit der Erkenntnis: Für längere Zeiträume (Jahrhunderte) machen die SPP-Pfade, die wir heute beschreiten, den entscheidenden Unterschied, ob Küstenschutz realistisch ist oder nicht (0,5 bis 3 Meter bei SSP1-2.6 oder 2 bis 7 Meter bei SSP5-8.5).“

„Und drittens: Der große Einfluss für den sehr unwahrscheinlichen Eisschildkollaps in der Antarktis kann nicht ausgeschlossen werden. Im Bericht werden diese sogenannten Low-likelyhood, high-impact-Szenarien nicht in die Ensembleanalyse integriert, sondern explizit ausgewiesen. Hintergrund ist, dass Beobachtungen und das Prozessverständnis für den Antarktischen Eisschild nicht ausreichen, um robuste Projektionen zu liefern. Die Modellierung des Prozesses für den schnellen Zerfall durch Kollaps der Schelfeisgebiete durch Schmelzwasser an ihrer Oberfläche (Hydrofracturing) oder mechanische Instabilität (Cliff failure) ist umstritten. Gleichzeitig zeigen die Beobachtungen das Ausdünnen der Schelfeisgebiete und ihren Zusammenbruch zum Beispiel entlang der Antarktischen Halbinsel. Außerdem legen Daten und Modellierungen nahe, dass der Westantarktische Eisschild einen Kipppunkt überschritten hat, der einen unumkehrbaren Zerfall (Tausende Jahre!) nach sich zieht. Im Klimabericht führt das zu der Aussage ,Sea level rise greater than 15 m [in 2300] cannot be ruled out with high emissions’. Also wieder einmal ein Statement, dass unwahrscheinliche Entwicklungen einen überproportional großen Einfluss haben können.“

„Große Unsicherheiten liegen nach wie vor in regionalen Projektionen, aber auch in der Zuordnung von lokalen Veränderungen zum menschengemachten Klimawandel. Das liegt in der Natur der Sache, da ein regionaler Fokus im Gegensatz zu global gemittelten Indikatoren mehr Variabilität und eine größere Anzahl von Einflussfaktoren mit sich bringt. Das soll nicht heißen, dass zum Beispiel die Dürrehäufigkeit der letzten 20 Jahre in Deutschland nicht zugeordnet werden kann. Aber für Planungen müssen noch genauere regionale Projektionen entwickelt und durchgeführt werden. Und das über Fachdisziplinen hinweg, um sich verstärkende Extremereignisse (compound events) zu berücksichtigen. Auch die Quantifizierung natürlicher Variabilität ist wichtig, da sie die klimabedingten Trends überlagern (Statement C.1).“

„Große Wissenslücken bestehen auch in dem Einfluss der Arktis auf das Wettergeschehen auf der Nordhemisphäre und der Veränderungen von Extremen. Der Bericht zeigt (SPM.8b), dass für die mittleren bis starken Emissionsszenarien die Arktis am Ende des Sommers nahezu frei von Meereis sein wird. Die Konsequenzen für das Arktische Klimasystem und die Ökologie sind meiner Meinung nach nicht gut untersucht. Kippunkte und Rückkopplungen für die Eisschilde sind auch ungenügend bekannt. Ziel muss es sein, die Kurve für den extremen Rückgang der Antarktis entweder ins Ensemble zu integrieren oder auszuschließen.“

Auf die Frage, inwiefern in der öffentlichen Diskussion wichtige Punkte nicht ausreichend oder mit falscher Priorisierung debattiert werden:
„Viele der dargestellten Veränderungen – Hitze, Starkregen, Dürre, Gletscherrückgang – wurden in Deutschland inzwischen persönlich erfahren und in den Medien diskutiert. Einzelne Ereignisse – wie Hitzerekorde in Sibirien, Rekordverluste in Grönland – werden auch immer wieder besprochen. Aber dass ähnliche Phänomene, vielleicht auch schwächer, Menschen auf der ganzen Welt erfahren, wird oft nicht in den Zusammenhang gebracht, da die Extreme oft nicht zeitgleich stattfinden. Abbildung SPM.3 und SPM.9 zeigen aber deutlich, dass keine Region nicht vom Klimawandel betroffen ist. Deshalb würde ich mir wünschen, dass öfter eine globale Perspektive auf die regionalen Extreme eingenommen wird und menschliche Erfahrungen zwischen den Regionen miteinander in Verbindung gebracht werden.“

Dr. Marcel Nicolaus

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Sektion Meereisphysik, Fachbereich Klimawissenschaften, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven

„Es wird klar formuliert, dass der Mensch beziehungsweise unser Lebenswandel den größten Teil der globalen Erwärmung und des Klimawandels zu verantworten hat. Dies gilt für alle Bereiche, die Atmosphäre, das Land, die Kryosphäre und die Ozeane. Die Unsicherheiten sind wesentlich geringer als in vorherigen Berichten und entsprechend wird die Sprache wesentlich deutlicher. Der viel diskutierte Schwellwert von plus 1,5 Grad der mittleren globalen Erwärmung wird schon in wenigen Jahrzehnten – und damit sicherlich schneller als von vielen zuvor erwartet – erreicht. Der Rückgang des arktischen Meereises spielt hier eine besonders offensichtliche Rolle und der Verlust der sommerlichen Eisbedeckung des arktischen Ozeans im Laufe dieses Jahrhunderts ist sehr wahrscheinlich.“

„Für das antarktische Meereis kann derzeit keine zuverlässige Prognose über langfristige Entwicklungen gegeben werden. Hier zeigt sich, dass intensive Forschung notwendig ist, um auch diese Komponente in der Wechselwirkung mit dem Ozean und der Atmosphäre in der Antarktis in kommenden Berichten sicherer beschreiben zu können.“

„Der Bericht kann im Wesentlichen nur großskalige oder globale Mittelwerte beschreiben. Die regionale und saisonale Variabilität wird jedoch eine kritische Rolle spielen, zum Beispiel in Bezug auf Extremwetter und Extremwerte. In diesem Bereich muss genau hingeschaut werden. Die Erwärmung der Polarregionen zum Beispiel ist dem globalen Mittel weit voraus und daher von besonderer Bedeutung und als weiteres Warnsignal zu verstehen.“

Auf die Frage, inwiefern in der öffentlichen Diskussion wichtige Punkte nicht ausreichend oder mit falscher Priorisierung debattiert werden:

„Aus meiner Sicht ist es notwendig, dass die Darstellung des Berichts als Apell zu Veränderungen und zum Mitmachen verstanden wird und nicht als ‚Es ist eh zu spät‘ betrachtet wird. Auch wenn globale Ziele wie das 1,5-Grad-Ziel verpasst werden, muss es unser Ziel sein, dem Klimawandel durch unser alltägliches Handeln entgegenzuwirken. Hierbei muss die Gesellschaft durch Anreize und Angebote mitgenommen und nicht durch Regeln und Verbote abgeschreckt werden.“

Dr. Karsten Haustein

Wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Schwerpunkten Extremwetter-Attribution und Verständnis des Klimasystems, Climate Service Center Germany  – Helmholtz-Zentrum Hereon

„Die Globaltemperaturen der vergangenen Dekade (2011-2020) sind mit plus 1,1 Grad im Vergleich zu etwa 1850 bereits recht nahe an dem im Pariser Klimavertrag als sicheres Limit vereinbarten Ziel von 1,5 Grad. Wir wissen heute mit sehr hoher Sicherheit, dass diese Erwärmung vollständig durch unsere Treibhausgasemissionen verursacht ist. Das heißt, wir können ausschließen, dass natürliche Klimaschwankungen einen Beitrag geleistet haben. Die gegenwärtige Erwärmungsrate entspricht mit etwa 0,2 Grad pro Dekade sowohl den Erwartungen der Klimamodelle als auch unserem Verständnis der Sensitivität des Klimasystems hinsichtlich erhöhter Treibhausgasemissionen. Der neue Report streicht außerdem heraus, dass die Landflächen sich bereits um 1,6 Grad im Schnitt erwärmt haben, was deutlich über dem Anstieg der Ozeantemperaturen liegt (0,9 Grad). Insbesondere dieser Aspekt ist ein unzweifelhafter Fingerabdruck des menschengemachten Klimawandels und mithin eine starke Erinnerung, dass die Änderungen dort am stärksten zu spüren sind, wo wir Menschen leben.“

„Bezüglich der Globaltemperaturen sind die blinden Flecken des vergangenen Reports – wie beispielsweise der Grad der Erwärmung der Polargebiete – mittlerweile verschwunden. Dies ist ein Grund dafür, dass die Erwärmungsrate im Vergleich zum vorangegangenen Report etwas höher ausfällt. Gleichzeitig ist damit die Unsicherheit erheblich reduziert worden, was es uns ermöglicht hat, entsprechend klarere Aussagen zum menschengemachten Anteil der Erwärmung zu machen. Die gesamte Erwärmung ist anthropogen.“

„Was jetzt nötig ist, ist die Vermittlung der Tatsache, dass es von wissenschaftlicher Seite keinerlei Zweifel mehr am Ausmaß und der Ursache der Erwärmung gibt. Ebenso wissen wir genau, welche zusätzliche Erwärmung zu erwarten ist, sollten sich die Treibhausgasemissionen weiter nach oben bewegen. Dabei ist insbesondere die Erkenntnis, dass Null-Emissionen die Erwärmung quasi auf dem gegenwärtigen Level stoppen würden, von entscheidender Bedeutung, da es eben einzig und allein an unseren kollektiven Entscheidungen liegt, wieviel mehr Erderwärmung wir zulassen, verbunden mit allen systemischen Risiken, die im Report ebenfalls ausführlich dargelegt sind.“

Prof. Dr. Detlef Stammer

Professür für Fernerkundung & Assimilation, Institut für Meereskunde und Direktor Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN), Universität Hamburg

„Der Bericht ist im Wesentlichen eine Bestätigung bisheriger Erkenntnisse, bietet aber Verfeinerungen und zusätzliche Informationen, zum Beispiel bezüglich der bisherigen Änderungen des Klimas und dessen Auswirkungen – auch regional – ebenso was Projektionen anbelangt. Weiterführend ist insbesondere die Debatte zukünftiger Emissionen und deren Klimawirkungen in Form von Temperaturerhöhungen. Neu ist hier auch die Debatte von erforderlichen Emissionsreduktionen beziehungsweise negativen Emissionen um Zieltemperaturen – wie das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Das Thema CDR (Carbon Dioxide Removal, Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre; Anm. d. Red.) war in dieser Breite und Offenheit bisher noch nicht diskutiert worden. Es handelt sich hier nicht um einen Sonderbericht, sondern um den 6. Sachstandsbericht.“

Prof. Dr. Christoph Schneider

Professor für Klimageographie und Geschäftsführender Direktor des Geographischen Instituts, Humboldt-Universität zu Berlin

„Die Aussagen vorangegangener IPCC-Berichte werden konsolidiert und präzisiert, teilweise auch grafisch besser umgesetzt. An der Kernbotschaft ändert sich aber seit mindestens 20 Jahren nichts Grundlegendes mehr.“

Auf die Frage, in welchen Bereichen es noch an Evidenz mangelt, um gesicherte Aussagen zu treffen oder Unsicherheiten so weit wie möglich zu reduzieren?

Bezüglich der wissenschaftlichen Fakten, die es als Grundlage für beherztes politisches Handeln benötigt werden zur schnellstmöglichen Erreichung von Klimaneutralität, kann ich in dem Bericht keine ‚blinden Flecken‘ ausmachen.“

Auf die Frage, inwiefern in der öffentlichen Diskussion wichtige Punkte nicht ausreichend oder mit falscher Priorisierung debattiert werden:

„Einige wichtige Aussagen werden im neuen Bericht graphisch sehr gut – und besser als bisher – dargestellt. Zum Beispiel die Anteile einzelner Klimafaktoren, wie etwa die Treibhausgasemissionen, Aerosole oder die Schwankungen der Sonneneinstrahlung, und dies sowohl für die historische Periode als auch bei den Klimaprojektionen für den verbleibenden Teil des 21. Jahrhunderts.“

„Besonders wichtig und auch erschreckend, ist die graphische Darstellung des Meeresspiegelanstiegs von möglicherweise mehreren Metern bis zum Jahre 2300. Solche Perspektiven über das Jahr 2100 hinaus werden für meinen Geschmack im Bericht immer noch sehr zurückhaltend präsentiert, obwohl die Auswirkungen heutigen Handelns solche weit in die Zukunft reichenden Konsequenzen haben können.“

Dr. Judith Hauck

Stellvertretende Leiterin der Sektion Marine Biogeowissenschaften und Helmholtz-Nachwuchsgruppenleiterin, Fachbereich Biowissenschaften, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven, und Leiterin der Helmholtz-Nachwuchsgruppe Marine Carbon and Ecosystem Feedbacks in the Earth System (MarESys)

„Ich möchte vor allem einen Punkt unterstreichen: Stärker als in den vorherigen Berichten wird nicht nur die ‚Veränderung bis 2100‘ hervorgehoben, sondern auch welche Veränderungen wir im kürzeren Zeitraum 2020 bis 2040 zu erwarten haben. Hier wird sehr gut erklärt, dass eine Abnahme der CO2-Emissionen erst zu einer Stabilisierung der atmosphärischen CO2-Konzentration führt, wenn wir ‚null Emissionen‘ erreicht haben. Und dass eine Verlangsamung der Erwärmung nach Emissionsreduktion nicht sofort, sondern innerhalb von etwa zehn Jahren nachzuweisen wäre. Das illustriert welchen Weitblick wir als Gesellschaft bei anstehenden Entscheidungen in den nächsten zehn Jahren brauchen: Erfolge von Emissionsreduktion werden wir wahrscheinlich erst mit Zeitverzögerung sehen oder messen können. Und dennoch sind rasch verringerte Emissionen so entscheidend für das langfristige Ausmaß der Folgen der Klimaveränderungen – insbesondere über 2040 hinaus. Das illustriert der neue IPCC- Bericht anschaulich.“

Prof. Dr. Daniela Jacob

Direktorin, Climate Service Center Germany (GERIOCS) – Helmholtz-Zentrum Geesthacht, Hamburg

„Im Bericht der Arbeitsgruppe I finden sich viele sehr wichtige Aussagen. Ganz entscheidend ist dabei vor allem: Jede Tonne CO2, die wir ausstoßen, trägt durch den fast linearen Zusammenhang direkt zur Erwärmung bei. Das zeigt ganz deutlich: Wir müssen das SSP1-1.9 umsetzen!“ 

„Genauso wichtig: Es gibt sehr viele Regionen, in denen sich mehrere extreme Bedingungen gleichzeitig verschärfen und überall auf der Welt gibt es diese Veränderungen in den Klimafolgentreibern. Dies stellt besondere Herausforderungen an die Planung von Anpassungsmaßnahmen, insbesondere entlang der Küsten, in Städten und für verschiedene Sektoren wie Landwirtschaft und Gesundheit dar. Beobachtungen zeigen, dass alle bewohnten Regionen der Welt schon heute vom Klimawandel betroffen sind: unterschiedlich stark und nachweisbar auf menschlichen Einfluss zurückzuführen.“ 

„Dann finde ich noch Figur 6 sehr wichtig: Jedes halbe Grad zählt! Wir haben es in der Hand, die schlimmsten Katastrophen zu vermeiden!“ 

„Abschließend kann ich feststellen, dass der vorgestellte Beitrag der Arbeitsgruppe I die Ergebnisse des 1,5-Grad-Sonderberichts bestätigt und fachlich untermauert. Regionale Änderungen sind noch besser verstanden und die allermeisten Auswirkungen lassen sich auf menschliche Aktivitäten zurückführen.“ 

„Die Beobachtungen der letzten Jahre zeigen, dass die letzten vier Dekaden deutlich wärmer waren als je Dekaden zuvor, und dass die letzten beiden Dekaden im Mittel schon etwa 0,99 Grad wärmer waren als das Temperaturmittel vor der Industrialisierung (1850-1900).“ 

„Die Zunahme von extremen Wetterereignissen in den letzten Jahren zusammen mit den Berechnungen bis 2100 zeigt, auf welche Zukunft wir zusteuern: extreme Hitzewellen, Dürren, Starkregen, Sturmfluten…“ 

„Der Bericht zeigt aber auch deutlich, dass schnelles Handeln und Umsteuern in eine CO2-freie Lebensweise die schlimmsten Folgen verhindern kann. Es wird Zeit!“

Dr. Gian-Kasper Plattner

Leitender Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Leiter des Forschungsprogramms, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), Birmensdorf, Schweiz und Leitautor in Kapitel 1 „Framing, Kontext, Methoden"

„Die Wissenschaft hat geliefert. Nun ist es an der Politik und der Gesellschaft, daraus die notwendigen Schlüsse zu ziehen und entsprechende Maßnahmen zu treffen. Der Bericht bestätigt, was wir schon seit Jahrzehnten wissen: Die Welt erwärmt sich und der Mensch trägt die Verantwortung dafür. Die jüngsten Veränderungen des Klimas sind weit verbreitet, schnell und intensivieren sich. Sie sind so stark wie seit Tausenden von Jahren nicht mehr."  
 
„Der Bericht zeigt deutlich, dass sich der Klimawandel bereits auf alle Regionen der Erde auswirkt, und zwar auf vielfältige Weise. Die Veränderungen, die wir erleben, werden mit der weiteren Erwärmung zunehmen. Einige Veränderungen im Klimasystem lassen sich nicht mehr rückgängig machen. Einige dieser Veränderungen könnten jedoch durch eine Begrenzung der Erwärmung verlangsamt und andere gestoppt werden."  
 
„Der Bericht verdeutlicht einmal mehr: Ohne eine sofortige, rasche und umfassende Verringerung der Treibhausgasemissionen wird eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad oder auch zwei Grad nicht zu erreichen sein. Dies würde nicht nur die Folgen des Klimawandels verringern, sondern auch die Luftqualität verbessern."  
 
„Auch bei sofortiger, rascher und umfassender Verringerung der Treibhausgasemissionen werden die Veränderungen insbesondere in der Kryosphäre – das heißt Gletscher, Schnee, Permafrost, Meereis und große Eisschilde in Grönland und der Antarktis – und im Ozean lange weitergehen, aufgrund der Trägheit dieser Systeme. Diese reagieren nur langsam auf die fortschreitende Erwärmung der Erde. Die vergangenen, heutigen und zukünftigen Emissionen werden folglich das Klimasystem über Jahrhunderte beeinflussen und unsere Umwelt verändern.“ 

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Dirk Notz: „Als Mitautor des Berichts ist das Statment keine unabhängige Rückmeldung."

Prof. Dr. Fortunat Joos: „Keine direkten Interessenkonflikte. Ich war Vizevorsitzender (Vice-Chair) der Arbeitsgruppe I in der dritten IPCC-Assessment-Periode. Ebenso war ich Autor für den 2., 3. und 4. umfassenden IPCC-Bericht und in verschiedenen Technical Papers und Special Reports als Autor oder Review Editor involviert.“

Dr. Helge Goessling: „Es liegen meinerseits keinerlei Interessenkonflikte vor. Zur Information, falls von Interesse: Ich war einer der zahlreichen Expert:innen, die im Frühling/Sommer 2020 Teile des second-order draft des Berichts begutachtet haben.“

Prof. Dr. Julia Pongratz: „Ich bin beitragende Autorin zum Kapitels 5: Global Carbon and other Biogeochemical Cycles and Feedbacks."

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

IPCC (20121): Climate Change 2021: The Physical Science Basis. Contribution of Working Group I to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Summary for Policymakers.

Weitere Recherchequellen

Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle (2021): Vereinbarungen für die Übersetzung englischer Fachbegriffe aus den Klimawissenschaften ins Deutsche. IPCC. August 2021.