Zum Hauptinhalt springen
05.11.2020

Emissionen aus Nahrungsmittelproduktion allein reichen, um 1,5°-Ziel zu gefährden

Anlass

Bei der Produktion von Nahrungsmitteln werden global so viele Treibhausgase ausgestoßen, dass allein diese Emissionen ausreichen würden, um das 1,5-Grad-Klimaziel zu verfehlen. Selbst dann, wenn alle anderen menschengemachten Emissionen klimawirksamer Gase schnell und vollständig verringert würden. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, die im Fachjournal „Science“ veröffentlicht wurde (siehe Primärquelle).

Im Pariser Klimavertrag wird das Ziel formuliert, die mittlere globale Erwärmung durch den Klimawandel auf 1,5 Grad beziehungsweise auf „deutlich unter 2 Grad“ im Vergleich zu vorindustriellen Werten zu beschränken. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen innerhalb weniger Jahre massiv verringert und bis zur Mitte des Jahrhundert Netto-Null-Emissionen erreicht werden. Im Jahr 2019 wurden global noch 36,7 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre ausgestoßen – mehr als in jedem anderen Jahr zuvor [I]. Im 1,5-Grad-Sonderbericht des Weltklimarats IPCC wird das noch verbleibende Treibhaus-Budget mit insgesamt 420 beziehungsweise 1170 Gigatonnen CO2 beziffert, um mit einer Wahrscheinlichkeit von 67 Prozent das 1,5- beziehungsweise das 2-Grad-Ziel zu erreichen [II][III]. Bei der Produktion von Nahrungsmitteln fallen neben CO2 vor allem auch Emissionen von Methan (CH4) und Lachgas (N2O) durch die Viehhaltung und den Einsatz von Düngemitteln an.

Die Autoren der aktuellen Studie haben nun untersucht, wie sich die Emissionen aus der Produktion von Nahrungsmitteln in den nächsten Jahren entwickeln, wenn die Entwicklungen der vergangenen Jahre fortgeschrieben werden. Sie berücksichtigen dabei unter anderem das Wachstum der Weltbevölkerung, die Entwicklungen der Ernteerträge, die veränderte Landnutzung durch mehr Ackerflächen, die Verluste durch Lebensmittelverschwendung und auch, wie sich die Ernährungsgewohnheiten der Menschen verändern. Sie überprüfen dann fünf verschiedene Strategien und berechnen, wie sich die Emissionen am effektivsten reduzieren ließen. Die größten Potenziale identifizieren sie dabei in einem Umstieg auf vor allem pflanzenbasierte und gesündere Ernährung mit moderatem Konsum tierischer Produkte wie Milch, Fleisch und Eiern. Aber auch in einer Steigerung der Produktionseffizienz sehen sie die Chance, Emissionen einzusparen, die vor allem durch eine veränderte Bewirtschaftung erreicht werden könnte – also etwa durch genaueren und bedarfsgerechteren Einsatz von Düngern oder auch durch Zusätze im Futter von Wiederkäuern.

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Matin Qaim, Professor für Welternährungswirtschaft und Rurale Entwicklung, Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung, Georg-August-Universität Göttingen
  •  

  • Dr. Florian Schierhorn, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Strukturwandel, Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO), Halle (Saale)
  •  

  • Dr. Clemens Scheer, Senior Researcher, Institute of Meteorology and Climate ResearchAtmospheric Environmental Research (IMK-IFU), Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
  •  

  • Margarethe Scheffler, Leitende Wissenschaftlerin im Bereich Energie & Klimaschutz, Öko-Institut e.V., Berlin
    und Kirsten Wiegmann, Leitende Wissenschaftlerin im Bereich Energie & Klimaschutz, Öko-Institut e.V., Darmstadt
  •  

  • Prof. Dr. Klaus Butterbach-Bahl, Leiter der Abteilung Bio-Geo-Chemische Prozesse, Institut für Meteorologie und Klimaforschung – Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU), Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
  •  

  • Nils Rettenmaier, Themenleiter im Bereich Biomasse und Ernährung, Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu)
  •  

  • Susanne Köppen, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Themenbereich Biomasse und Ernährung, Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu)
  •  

  • Prof. Dr. Helmut Haberl, außerordentlicher Professor am Institut für Soziale Ökologie, Department für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), Wien, Österreich
  •  

  • Frederike Balzer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Landwirtschaft, Umweltbundesamt (UBA), Dessau-Roßlau
    und Anne Klatt, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Grundsatzfragen, Nachhaltigkeitsstrategien und -szenarien, Ressourcenschonung, Umweltbundesamt (UBA), Dessau-Roßlau
  •  

  • Dr. Adrian Müller, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Departement für Sozioökonomie, Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Frick, Schweiz
  •  

  • Dr. Joeri Rogelj, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprogramm Energie, Internationales Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA), Laxenburg, Österreich
  •  

  • Dr. Benjamin Leon Bodirsky, Leitender Wissenschaftler in der Arbeitsgruppe Landnutzung und Resilienz, Department Klimaresilienz, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Potsdam
  •  

Statements

Prof. Dr. Matin Qaim

Professor für Welternährungswirtschaft und Rurale Entwicklung, Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung, Georg-August-Universität Göttingen

„Die Studie von Clark et al. verwendet solide Daten und liefert plausible Ergebnisse. Dynamische Aspekte – wie steigender Lebensmittelbedarf der wachsenden Weltbevölkerung – werden in den Simulationen korrekt berücksichtigt. Dass Landwirtschaft und Ernährung erheblich mit zum Klimawandel beitragen, ist durchaus bekannt. Aber die Studie verdeutlicht nochmals sehr eindringlich, dass umfassende Veränderungen nötig sind, und zwar rasch, um überhaupt noch eine Chance zu haben, die Pariser Klimaziele zu erreichen.“

„Sehr deutlich wird auch, dass einzelne Maßnahmen – wie zum Beispiel weniger Fleisch essen oder Lebensmittelverschwendung reduzieren – zwar wichtig sind, aber allein nicht ausreichen. Nur durch gleichzeitige Veränderungen sowohl im Konsum als auch in der Produktion können die Klimaziele erreicht werden.“

„Was in der Studie zwar kurz erwähnt, aber nicht weiter ausgeführt wird ist, dass für klimafreundlichere Produktion vor allem auch neue Technologien – wie Gentechnik und Genomeditierung – wichtig sind, die hohe und stabile Erträge mit weniger chemischen Inputs ermöglichen. Ohne solche Technologien müsste die wachsende Nachfrage durch weitere Ausdehnung der Landwirtschaft in Wälder und Naturräume gedeckt werden, was zu hohen zusätzlichen Treibhausgas-Emissionen führen würde. Das bedeutet im Klartext, dass der Ökolandbau mit seinen niedrigeren Erträgen sicher nicht als Patentrezept für den Klimaschutz gelten kann.“

„Die EU-Agrarpolitik bietet leider nicht die richtigen Antworten auf die großen globalen Herausforderungen. Daran kann auch die jüngst beschlossene GAP-Reform nichts ändern. Die Autoren der Studie behalten einen gewissen Optimismus, den ich prinzipiell wichtig finde, denn Pessimismus auszustrahlen hieße auch ein Stück weit Resignation. Aber es muss schon klar sein, dass die Klimaziele nicht ohne gravierende politische und gesellschaftliche Transformationen erreichbar sind. Und diese Transformationen zeichnen sich leider noch nicht ausreichend ab. Es wird höchste Zeit.“

Dr. Florian Schierhorn

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Strukturwandel, Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO), Halle (Saale)

„Das Neue und Interessante an der aktuellen Studie ist, dass hier die Rolle der Landwirtschaft bei der Erreichung der Klimaziele klar herausgestellt wird. Größtenteils steht die Studie auf solidem Fundament und alle wichtigen Emissionen sind berücksichtigt, aber es gibt einige methodische Schwächen.“

„Die Schätzung des zukünftigen Lebensmittelbedarfs ist ohne Zweifel State of the Art, was mich nicht überrascht, weil wichtige Schlüsselakteure auf diesem Forschungsterrain Autoren der Studie sind – vor allem Tilman und Clark. Für die Berechnung des zukünftigen Flächenbedarfs der Landwirtschaft haben die Autoren die historische Ertragsentwicklung für die Zukunft fortgeschrieben, obwohl die Erträge vieler wichtiger Agrarplayer – China, Australien, USA und EU – seit einigen Jahren stagnieren [1] und daher kaum noch Ertragszuwächse wie in der Vergangenheit erwartet werden können – auch aufgrund des negativen Effekts des Klimawandels [2][3]. Entwickeln sich die zukünftigen Erträge geringer als in der aktuellen Arbeit prognostiziert wird, ist der Flächenbedarf für die Erzeugung der Nahrungsmittel größer.“

„Noch kritischer sehe ich die Ansätze, die zur Berechnung der Emissionen infolge von Landnutzungsveränderungen verwendet wurden. Sehr pragmatisch haben die Autoren die Emissionen durch den räumlichen Bezug von Ackerland-Expansion (der letzten Dekade) und Kohlenstoffmenge in Vegetation und Boden berechnet. Die gemachten Annahmen sind extrem einfach – pauschal 40 Prozent SOC-Verlust für die oberen 30 Zentimeter (SOC: soil organic carbon; in der organischen Bodensubstanz gespeicherter Kohlenstoff; Anm. d. Red.) – und es wird offensichtlich nicht differenziert, welche Flächen – zum Beispiel Wald oder Grasland – zu Ackerland umgebrochen wurden. Es wurden hier leider keine prozessbasierten Vegetationsmodelle verwendet, mit denen die CO2-Emissionen – und Kohlenstoff-Sequestration (Aufnahme und Speicherung atmosphärischen Kohlenstoffs durch Pflanzen) für Brachen – räumlich und zeitlich hochauflösend simuliert werden. Aus meiner Sicht sind sowohl der errechnete Emissionswert (333 Tonnen CO2 pro Hektar) als auch der Kohlenstoff-Sequestrationswert für Brachland (211 Tonnen CO2 pro Hektar) mit großen Unsicherheiten behaftet, wobei diese Unsicherheiten in der Studie nicht aufgegriffen werden; die Studie verzichtet generell auf Angaben zur Unsicherheit der Ergebnisse, was mich verwundert.“

„Alle Ertragsszenarien sind optimistisch bis unrealistisch. Es ist eher unrealistisch, dass sich die langjährigen Ertragstrends in der Zukunft fortsetzen. Die Erträge in vielen wichtigen Agrar-Nationen steigen kaum noch, auch wenn selbst dort die Ertragspotenziale noch nicht zu 100 Prozent erreicht sind. Generell wollen Landwirte ihre monetären Gewinne und nicht die Erträge optimieren; finanziell lohnt sich eine Ertragssteigerung ab etwa 80 Prozent des Ertragspotenzials kaum noch [4]. Zudem werden die klimatischen Bedingungen in den meisten Getreideanbaugebieten deutlich schlechter sein als heute. Es ist zwar möglich, dass neue Technologien wie CRISPR/Cas die Ertragspotenziale anheben und die negativen Klimaauswirkungen kompensieren [5], aber ich sehe für das in der Studie gemachte optimistische Szenario keine plausible Grundlage.“

„Alle seriösen Studien [6] zeigen, dass der Milch- und Fleischkonsum mit steigendem Einkommen zunimmt. Daher gleicht es nahezu einem Naturgesetz, dass der Verbrauch tierischer Produkte in Ländern, in denen die Einkommen und die Bevölkerung stark steigen, deutlich zunehmen wird. Es erscheint mir realistischer, dass die Menschen in den Industriestaaten mittelfristig ihren Milch- und Fleischkonsum deutlich reduzieren werden. Jedenfalls ist die Bereitschaft dazu in einigen Ländern wie Deutschland offensichtlich bereits da [7].“

„In der Studie geht es sicherlich weniger darum, ob die untersuchten Szenarien wirklich realistisch sind. Es soll vielmehr gezeigt werden, mit welchen Ansätzen in der Landwirtschaft und im Nahrungsmittelsektor effektiv Klimaschutz erzielt werden kann. Hier bestätigt die Studie vorherige Arbeiten darin, dass pflanzenbasierte Ernährungsweisen zu den wirksamsten Klimaschutz-Ansätzen gehören, auch wenn der globale Wechsel dahin eher unrealistisch ist.“

Auf die Frage, inwiefern eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen in der Landwirtschaft einfacher oder schwieriger zu erreichen ist als in anderen Sektoren:
Hier müsste ich weit ausholen. In Kürze: Es gibt effektive Wege hin zu einer Landwirtschaft mit deutlich geringeren Emissionen als heute. ‚Einfach‘ ist es jedoch offensichtlich nicht, den globalen Konsum tierischer Produkte und die Lebensmittelverschwendung zu verringern. Auch schreitet die Entwaldung der Regenwälder rasch voran, obwohl ein Stopp starke positive Effekte für das Klima hätte. Ein für das Klimasystem wirksamer Effekt wäre bereits erzielt, wenn die Menschen in der Breite vom Verzehr von Wiederkäuern – bei der Haltung von Kühen entsteht viel Methan und CO2 durch Entwaldung – zu Schweinefleisch oder besser Geflügel wechseln würden.“

„Auch auf der Produktionsebene besteht Potenzial zum Klimaschutz [8], allerdings müssen die Potenziale realistisch betrachtet werden. In den vergangenen Jahren wurden viele Studien veröffentlicht, die zeigen, dass die globalen Agrarböden zwar Kohlenstoff aufnehmen können, dass aber die Erwartungen daran häufig überzogen waren [9]. Auch wenn die Hoffnungen groß waren und noch sind: Die biologische Landwirtschaft wird das Problem der hohen Treibhausgas-Emissionen nicht strukturell allein lösen können. Hochentwickelte und damit sehr effiziente konventionelle Ackerbau- und Tiersysteme verursachen fast immer die geringsten Mengen Treibhausgase pro Produkteinheit – zum Beispiel bei Weizen, Milch und Fleisch –, auch wenn andere wichtige Kriterien wie Biodiversität und Tierwohl deutlich dafür sprechen, weg von diesen intensiven Systemen zu kommen. Das Thema ist also äußerst komplex und hier muss weitsichtig und mit Blick auf verschiedene Zielkonflikte differenziert abgewogen werden.“

„Insgesamt nehme ich die Studie nicht als zu optimistisch wahr. Die Hauptmessage für mich ist, dass allein der Agrar- und Nahrungsmittelsektor verhindern wird, dass die Klimaziele erreicht werden, wenn es so weitergeht wie heute. Nur strukturelle Veränderungen können die Emissionen soweit senken, dass die Klimaziele eingehalten werden können.“

Auf die Frage, wie die jüngsten Beschlüsse zur Gemeinsamen Agrarpolitik der EU vor dem Hintergrund der aktuellen Studie zu bewerten sind:
„Die hochintensiven Acker- und Viehsysteme wie in der EU erzeugen relativ geringe Treibhausgas-Emissionen pro Produkt, auch wenn die katastrophalen Auswirkungen auf Biodiversität und Tierwohl offenkundig und strukturelle Veränderungen daher notwendig sind. Strengere sogenannte Ökoregeln würden unter den heutigen Rahmenbedingungen – etwa dem extrem hohen Fleischkonsum – die in der EU verursachten Treibhausgas-Emissionen eher nicht verringern und die Probleme sogar nach außerhalb der EU verlagern. Eigentlich müsste die EU dafür sorgen, dass der Konsum tierischer Produkte deutlich gesenkt wird, denn der Viehsektor verursacht einen Großteil der Emissionen aus der Landwirtschaft in Europa und außerhalb Europas – der Sojaexport verursacht Entwaldung in Südamerika. Mit einer deutlichen Ausweitung nachhaltig (zum Beispiel biologisch) aber unproduktiverer Flächen in der EU müssten noch größere Mengen Tierfutter (Soja) für die riesigen Tierbestände in der EU importiert werden. Meines Wissens stand eine Verringerung des Fleischkonsums in der EU nicht ernsthaft zur Debatte. Maßnahmen für einen effizienten Klimaschutz in der Landwirtschaft hat die EU bislang nicht auf ihrer Agenda.“

Dr. Clemens Scheer

Senior Researcher, Institute of Meteorology and Climate ResearchAtmospheric Environmental Research (IMK-IFU), Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

„Die aktuelle Arbeit ist eine überaus interessante Studie, die sehr schön zeigt, wie wichtig es ist, dass sowohl die globale landwirtschaftliche Produktion als auch das Konsumverhalten des Einzelnen klima- beziehungsweise umweltfreundlicher werden. Um Treibhausgas-Emissionen aus der Landwirtschaft abzuschätzen, verwendet die Studie ein sogenanntes Life Cycle Assessment, bei dem die Emissionen von landwirtschaftlichen Produkten während des gesamten Lebensweges analysiert werden – vom Feld über die Verarbeitung, den Vertrieb bis hin zum Konsumenten. Dies ist ein gängiger Standard und die Ergebnisse bestätigen Erkenntnisse von früheren Studien. Aber die Studie veranschaulicht sehr eindrücklich den Einfluss der Landwirtschaft auf den Klimawandel und zeigt zum ersten Mal, dass allein Treibhausgas-Emissionen aus der Landwirtschaft ein Scheitern der vereinbarten Klimaschutzziele bewirken könnten.“

„Generell sind Ertragssteigerungen nicht nur für den Klimaschutz, sondern auch für die globale Nahrungsmittelsicherheit sowie für die Erhaltung der Artenvielfalt ein absolutes Muss. Würde die landwirtschaftliche Produktivität konstant auf heutigem Niveau bleiben, könnte eine wachsende Weltbevölkerung nur ernährt werden, wenn die landwirtschaftlichen Nutzflächen weiter ausgeweitet würden. Die Folgen wären ein weiteres Artensterben und gesteigerte Treibhausgas-Emissionen durch die Freisetzung von CO2, das in Pflanzen und im Boden gebunden ist. Um die Ertragssteigerungen zu erreichen, müssen zunächst sogenannte Ertragslücken – regionale Ernteunterschiede – geschlossen und der Einsatz von Wasser und Nähstoffen optimiert werden. Dazu benötigen wir angewandte digitale Lösungen, etwa um Pflanzenschutzmittel und Dünger gezielt nur dort einzusetzen, wo wirklich Bedarf besteht, sowie innovative Methoden in der Pflanzenzüchtung und Biotechnologie.“

„Die Studie zeigt aber auch ganz klar, dass wir als Konsumenten einen Beitrag zum Klimaschutz leisten müssen und der Fleischkonsum in den Industrienationen reduziert werden muss. Diese Verantwortung liegt hier aber sicher nicht allein beim Verbraucher. Hier muss auch die Politik Leitlinien vorgeben.“

Auf die Frage, inwiefern eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen in der Landwirtschaft einfacher oder schwieriger zu erreichen ist als in anderen Sektoren:
„Die Landwirtschaft kann nicht direkt emissionsfrei sein, aber Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen sind dringend erforderlich. Die Studie zeigt sehr eindrücklich, welchen Effekt verschiedene Maßnahmen auf globaler Ebene haben können. Dies erfordert aber eine international abgestimmte Agrar- und Handelspolitik. Auch um sicherzustellen, dass Emissionen nicht einfach in andere Länder verlagert werden. Des Weiteren brauchen wir mehr Offenheit für neue Technologien und höhere Investitionen in Entwicklung und Forschung.“

Auf die Frage, wie die jüngsten Beschlüsse zur Gemeinsamen Agrarpolitik der EU vor dem Hintergrund der aktuellen Studie zu bewerten sind:
„Wenn die EU wie vorgesehen ihre Treibhausgas-Emissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent senken will, müssen auch die Emissionen aus dem Agrarsektor deutlich sinken. Hier kann die EU durch die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) großen Einfluss nehmen. Es gibt aber erhebliche Zweifel ob mit den angekündigten GAP-Maßnahmen eine größere Treibhausgas-Reduktion erreicht wird. Um einen effizienten Klimaschutz zu gewährleisten, sollten pauschale Flächenprämien durch Zahlungen für klimawirksame Umweltauflagen, sogenannte Eco-Schemes, ersetzt werden.“

Margarethe Scheffler

Leitende Wissenschaftlerin im Bereich Energie & Klimaschutz, Öko-Institut e.V., Berlin

Kirsten Wiegmann

Leitende Wissenschaftlerin im Bereich Energie & Klimaschutz, Öko-Institut e.V., Darmstadt

Auf die Frage, inwiefern eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen in der Landwirtschaft einfacher oder schwieriger zu erreichen ist als in anderen Sektoren:
„Die Landwirtschaft lässt sich nicht vollständig dekarbonisieren, da durch die biologischen Prozesse in der Tierhaltung und bei der Bewirtschaftung der Böden immer Rest-Emissionen verbleiben. Reine technische Minderungsoptionen stehen nur für einen geringen Anteil der Emissionen aus der Landwirtschaft zur Verfügung – zum Beispiel die Güllevergärung –, während wir für einen Großteil – wie zum Beispiel die Methan-Emissionen aus der Verdauung der Wiederkäuer – keine adäquaten Vermeidungsoptionen haben.“

„Die Höhe der landwirtschaftlichen Rest-Emissionen hängt damit stark von der Höhe der Tierbestände und damit von unserer Ernährung ab. Bei der zweiten großen Emissionsquelle, den Lachgas-Emissionen aus Böden, sind zwar gegenüber heute viele Effizienzsteigerungen möglich, aber auch hier gilt, dass Düngung am Ende immer mit Emissionen verbunden sein wird. Weitreichende Minderungen können hier auch zu einem Produktionsrückgang führen.“

„Durch das hohe CO2-Bindungspotenzial der landwirtschaftlichen Böden kann die Landwirtschaft aber einen eigenen Beitrag leisten, um die verbleibenden Rest-Emissionen zu reduzieren. Ein wichtiger Schlüssel ist hier das Grünland, insbesondere Weiden, aber auch die Schaffung mehrjähriger Kulturen, Hecken und ökologischer Vorrangflächen. Und ganz wichtig ist der Schutz bestehender Kohlenstoff-Körper. Da sind vor allem die kohlenstoffreichen Moorböden unter landwirtschaftlicher Nutzung zu nennen, die zum Erhalt des Kohlenstoffs wiedervernässt werden müssen, womit deren heutige Nutzung stark verändert und eingeschränkt wird.“

„Klimaschutz benötigt also vor allem Flächen. Ohne eine Reduktion der Tierbestände bei gleichzeitiger Konsumänderung bestehen aber keine weiteren Potenziale für die Ausweitung von Senken im LULUCF (Land Use Land Use Change) Sektor.“

„Zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels müssen wir auch im Landwirtschafts- und Ernährungsbereich alle verfügbaren Optionen zur Reduktion der Emissionen umsetzen. Im Gegensatz zu anderen Sektoren – zum Beispiel dem Energiesektor – in denen die Diskussion schon lange läuft und entsprechende Instrumente für die Umsetzung zur Verfügung stehen, hängen wir im Landwirtschafts- und Ernährungssektor weit zurück und die Umsetzung muss damit wesentlich schneller erfolgen. Erschwert wird die Angelegenheit dadurch, dass die Landwirtschaft auf vielen auch kleinen Einzelbetrieben erfolgt. Und die Landwirtschaft ist pro Arbeitsplatz eine sehr kapitalintensive Branche. Das heißt, es müssen alle erreicht und mitgenommen werden.“

„Die Veränderungen betreffen ganz klar auch die Verbraucherseite. Für einen Erfolg in der Sache müssen Agrarwende und Ernährungswende gemeinsam erfolgen. Optimismus ist angebracht, da das Problem erkannt ist und klar ist, was getan werden muss. Das Gelingen haben wir auch selbst in der Hand, da wir mit unserem Ernährungsverhalten mitbestimmen, was und wie die Landwirtschaft produziert. Darüber hinaus gilt es, schnelle und wirksame Instrumente zu entwickeln und bestehende Instrumente – wie zum Beispiel die Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) – zu nutzen.“

Auf die Frage, wie die jüngsten Beschlüsse zur Gemeinsamen Agrarpolitik der EU vor dem Hintergrund der aktuellen Studie zu bewerten sind:
„Die Beschlüsse zur GAP bleiben in Bezug auf den Klimaschutz in der Landwirtschaft weit hinter den Erwartungen und den Möglichkeiten zurück und weit hinter dem angekündigten Vorhaben, 40 Prozent der Agrar-Zahlungen in Zusammenhang mit dem Klimaschutz zu bringen. Damit scheitert die Politik dabei, das wichtigste Instrument für die europäische Landwirtschaft für die Zukunft umzubauen. Die GAP enthält für die nächsten Jahre keine verpflichtenden Anreize, um die Klimaziele für das Jahr 2030 aus der EU Effort Sharing Decision (diese steckt nationale Emissionsminderungsziele,mit denen die Treibhausgas-Emissionen in der EU reduziert werden sollen [IV]; Anm. d. Red.) und aus dem nationalen Klimagesetz zu erfüllen. Inwiefern über eine ambitionierte Ausgestaltung der nationalen Strategiepläne im Rahmen der GAP doch noch ein Beitrag geleistet werden kann, bleibt abzuwarten."

„Die große Kluft zwischen politischen Zielsetzungen – der Green New Deal als ‚Man on the moon‘-Projekt – und dem fehlenden Mut zur Verankerung in der Realpolitik, können wir uns mit Blick auf die Zeit nicht mehr leisten: Die anstehende GAP-Reform gestaltet den Zeitraum bis 2027. Die GAP muss ein wirksames Instrument sein, um die Ziele der Farm-to-Fork-Strategy (derTeil des Green Deals, der ein gesundes und umweltfreundliches Lebensmittelsystem zum Ziel hat; Anm. d. Red.) und des Green New Deals umzusetzen. Als wesentliche Bausteine gehören dazu die Flächenbindung in der Tierhaltung und die Schließung von Nährstoffkreisläufen. Mit Umsetzung der aktuellen Vorschläge bleibt der Astronaut allerdings am Boden und der Mond ein unerreichbares Ziel.“

Prof. Dr. Klaus Butterbach-Bahl

Leiter der Abteilung Bio-Geo-Chemische Prozesse, Institut für Meteorologie und Klimaforschung – Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU), Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

„Die durchgeführte Datenanalyse und die Projektionen entsprechen dem Stand des Wissens und sind sehr detailreich dargestellt. Die Annahmen sind solide und realitätsnah. Die verwendeten Faktoren für Emissionen aus landwirtschaftlichen Systemen sind transparent wiedergegeben und bauen auf umfangreichen, früheren Studien auf.“

„Das interessante an dieser Studie ist, dass uns nur wenige Jahre bleiben, die globale durchschnittliche Ernährungsweise zu ändern, damit die im Pariser Abkommen genannten Ziele zur Eindämmung der globalen Erwärmung tatsächlich erreicht werden können. Dies trifft insbesondere auf die entwickelten Ökonomien – einschließlich China – zu, wobei man gleichzeitig nur hoffen kann, dass die sich entwickelnden Ökonomien sich nicht mit zunehmendem Wohlstand auf die gleichen Ernährungsweisen mit zu hohem Konsum tierischer Produkte einlassen. Die hierbei zugrunde gelegten Annahmen zu Ertragssteigerungen sind optimistisch, da hierbei zum Teil die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf Ernteerträge nicht ausreichend berücksichtigt sind – zum Beispiel durch ausgedehnte Dürreperioden und Zunahme von Extremniederschlägen. Diese Effekte sehen wir aber zum Teil in unseren Klimazonen, wie etwa die Auswirkungen der Trockenjahre 2018 und 2019 auf die Ernteerträge.“

„Für viele Entwicklungsländer gilt allerdings nach wie vor, dass große Teile der Bevölkerung eine Unterversorgung mit tierischen Produkten haben, die zum Teil Mangelernährung zur Folge hat. Das heißt aber auch, dass Reduktionen und Umstellung der Ernährung und der Nahrungsmittelsysteme eine Aufgabe der entwickelten Ökonomien ist, und wir eben auch die Verpflichtung haben, die Länder des globalen Südens dabei zu unterstützen, nicht dieselben Fehler zu machen, die uns unterlaufen sind.“

Auf die Frage, inwiefern eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen in der Landwirtschaft einfacher oder schwieriger zu erreichen ist als in anderen Sektoren:
„Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft sind hauptsächlich diffus (Boden-/Tieremissionen) und die Reduktion dieser Treibhausgasemissionen erfordert das Zusammenwirken der Gesamtgesellschaft und nicht nur der Nahrungsmittelproduzenten. Wir bestimmen mit unserem Verhalten und Nahrungsmittelkonsum in hohem Maße, wie viele Treibhausgase aus der Landwirtschaft freigesetzt werden. Zum Beispiel kann durch den Einsatz von Nitrifikationshemmern (Substanzen, die dafür sorgen, dass Stickstoff aus Düngern langsamer abgebaut und so die Stickstoff-Effizienz erhöht wird; Anm. d. Red.) die Freisetzung von Lachgas aus Böden um bis zu 50 Prozent reduziert werden. Da der Einsatz von Düngemitteln mit Nitrifikationshemmern aber um etwa 10 bis 20 Prozent teurer ist als im Vergleich zum Einsatz konventioneller Dünger, unterbleibt dies. Auch bei tierischen Produkten gibt es Möglichkeiten, die Gesamtemissionen zu reduzieren. Auch hier ist oft der Preis für das Produkt der entscheidende Hemmschuh. Vielleicht würde eine Kennzeichnung von Lebensmitteln hinsichtlich ihrer Umwelt-(Klima)freundlichkeit helfen, das Verbraucherverhalten zu steuern.“

„Dass die landwirtschaftliche Produktion nur schwer klimaneutral wird, ist leider auch klar, obwohl es auch hier Möglichkeiten gibt, wie zum Beispiel die Agrarforstwirtschaft (Produktionssystem, das Elemente des Ackerbaus und der Forstwirtschaft kombiniert; Anm. d. Red.). Aber dass die Emissionen tatsächlich entlang der aufgezeigten generellen Änderungen des Nahrungsmittel-Konsumverhaltens und unter Reduktion von Nahrungsmittel-Verschwendung tatsächlich erreicht werden können, halte ich für sehr glaubhaft und notwendig. Interessanterweise, wobei ich diesen Aspekt unterstütze, wird dabei auch von Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion ausgegangen und damit einer Reduktion des Landnutzungswandels.“

Auf die Frage, wie die jüngsten Beschlüsse zur Gemeinsamen Agrarpolitik der EU vor dem Hintergrund der aktuellen Studie zu bewerten sind:
„Ich denke, dass die EU durchaus auf einem richtigen Weg ist. Ob dies aber allein über Umweltauflagen geht, bezweifle ich. Wenn die Flächenproduktion in Europa zurückgeht und wir unsere Ernährungsgewohnheiten nicht ändern, dann werden Nahrungsmittel von außerhalb der EU eingeführt. Das ist heute schon zum großen Teil so. Das heißt, die EU wird grün und der globale Süden entwickelt sich im schlimmsten Fall zu einer Agrarwüste. Kein schönes Szenario… Wir müssen eben auch hier beim Verbraucher ansetzen und Nahrungsmittel eventuell entsprechend ihrem Umweltfußabdruck besteuern. Wobei man vermeiden muss, die ärmeren Bevölkerungsschichten über das Maß zu strapazieren. Eine interessante Regelungsaufgabe…“

Nils Rettenmaier

Themenleiter im Bereich Biomasse und Ernährung, Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu)

„Die Methodik der Studie ist konsistent und dem Thema angemessen. Es werden sämtliche relevanten Treibhausgas-Emissionen des globalen Ernährungssystems berücksichtigt, wobei die Berücksichtigung der Emissionen aus Landnutzungsänderungen sowie die adäquate Einbindung der Methan-Emissionen besonders hervorzuheben sind und wichtige neue Erkenntnisse liefern. Auch die Verwendung aktueller Ökobilanzdaten für Lebensmittel, woran auch das ifeu forscht, ist zu begrüßen. Da Emissionen aus Transport, Verarbeitung, Verpackung und Vertrieb der Lebensmittel nicht berücksichtigt sind, werden die tatsächlichen Emissionen tendenziell eher unterschätzt.“

„In der Literatur finden sich zahlreiche wissenschaftliche Studien, die die Auswirkung von Ernährungssystemen auf den Klimawandel thematisieren. Die aktuelle Studie geht darüber hinaus, indem sie – neben einer Ernährungsumstellung in Richtung pflanzlicher Produkte – auch auf die Bedeutung technischer Maßnahmen – zum Beispiel eine Effizienzsteigerung bei der Lebensmittelbereitstellung sowie eine Ertragssteigerung – sowie der Abfallreduktion eingeht. Die Gegenüberstellung der kumulierten ernährungsbedingten Emissionen und verschiedener zulässiger Emissions-Gesamtbudgets, die zum Erreichen der Pariser Klimaziele über alle Sektoren hinweg nicht überschritten werden dürfen, veranschaulicht die jeweilige Bedeutung der Einzelstrategien.“

„Die in der Studie betrachteten Szenarien sind ambitioniert, insbesondere was die unterstellten Ertragssteigerungen betrifft. Zwar deckelt die Studie die erreichbaren Erträge bei den derzeitigen potenziellen Maximalerträgen, jedoch könnte dieses Ertragsniveau angesichts der Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft schwer erreichbar sein. Zu nennen sind hier insbesondere der Verlust fruchtbarer Böden durch Erosion und Versteppung sowie die zunehmende Wasserknappheit. Die Studie zeigt jedoch auch deutlich, dass gerade die Ertragssteigerung diejenige Maßnahme mit den geringsten Einsparpotenzialen ist. Demgegenüber ist eine Ernährungsumstellung auf pflanzliche Produkte unerlässlich, da hier die größten Einsparpotenziale bestehen. Hier gibt es zwar in den Industrieländern Entwicklungen in die richtige Richtung, wie beispielsweise der jüngste BMEL-Ernährungsreport zeigt, wonach sich 55 Prozent als Flexitarier bezeichnen [10]. Jedoch würde eine solche, rein auf Freiwilligkeit beruhende Veränderung zu langsam vorangehen und sollte von ordnungspolitischen Maßnahmen flankiert werden. Die Bedeutung des Faktors Zeit wird von den Autoren der Studie ja eindrücklich beleuchtet.“

Susanne Köppen

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Themenbereich Biomasse und Ernährung, Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu)

Auf die Frage, inwiefern eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen in der Landwirtschaft einfacher oder schwieriger zu erreichen ist als in anderen Sektoren:
„In der Klimadebatte nimmt die Landwirtschaft im Vergleich zu anderen Sektoren eine Sonderrolle ein. Da in natürliche Prozesse eingegriffen werden muss, werden selbst mit sehr ambitionierten Klimaschutzmaßnahmen die Emissionen nie auf null sinken. Zudem ist die Landwirtschaft nicht nur ein relevanter Treiber des Klimawandels, sondern wird auch von dessen Folgen in überdurchschnittlichem Maße betroffen sein. Nichtsdestotrotz existieren zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse, durch welche Maßnahmen die Treibhausgas-Emissionen aus der Landwirtschaft minimiert werden können – sowohl auf eine kosteneffiziente Weise als auch ohne die Ziele der Ernährungssicherheit zu gefährden sowie in Synergie mit dem Ziel der Anpassung an den Klimawandel. Die Hauptstellschrauben, an all denen gleichzeitig gedreht werden muss, kommen auch in der aktuellen Studie klar zur Sprache. Dies erfordert eine riesige globale Kraftanstrengung, aber immerhin zeigen die Ergebnisse der Studie, dass die Klimaziele eingehalten werden könnten. Voraussetzung hierfür ist nämlich auch, dass die Emissionen in sämtlichen anderen Sektoren auf null heruntergefahren werden.“

„In der Realität bleiben die globalen Bemühungen, die landwirtschaftlichen Treibhausgas-Emissionen zu senken, bisher hinter dem Notwendigen zurück. Zwar betonen die meisten Vertragsstaaten des Pariser Abkommens die große Relevanz des Landwirtschaft, insgesamt genügen die national quantifizierten Ziele des Sektors jedoch nicht, das Gesamt-Klimaziel zu erreichen. Dies deutet auf zahlreiche Hemmnisse hin, die allerdings von verschiedenen sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Einflüssen geprägt sind.“

Auf die Frage, wie die jüngsten Beschlüsse zur Gemeinsamen Agrarpolitik der EU vor dem Hintergrund der aktuellen Studie zu bewerten sind:
Angesichts der herausragenden Rolle der Landwirtschaft für den Klimaschutz sind die GAP-Beschlüsse als unzureichend einzuordnen. So wird lediglich ein kleiner Teil der Finanzierung an die Umsetzung von Umweltmaßnahmen gekoppelt, von dem wiederum nur ein kleiner Teil dem Klimaschutz zugerechnet wird. Des Weiteren zielen die hier beschlossenen Maßnahmen lediglich auf die technischen Klimaschutzmaßnahmen in der Landwirtschaft ab, also lediglich eine der fünf in der Studie behandelten Strategien. Diese Strategie wird selbst bei 100-prozentiger Umsetzung nicht zum Erreichen der Klimaziele ausreichen, wie die aktuelle Studie eindrücklich zeigt. Der Klimaschutz in der Landwirtschaft muss also ambitionierter werden, insbesondere was die Bewirtschaftung von Moorböden oder das Ausmaß der Stickstoffdüngung betrifft. Doch das allein wird nicht ausreichen und muss deshalb mit anderen Maßnahmen gekoppelt werden, die beispielsweise auf eine Änderung von Ernährungsgewohnheiten oder eine Reduktion von Lebensmittelabfällen abzielen.“

Prof. Dr. Helmut Haberl

außerordentlicher Professor am Institut für Soziale Ökologie, Department für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), Wien, Österreich

„Das globale Ernährungssystem ist für die Erreichung der Pariser Klimaziele zentral, das zeigt die Studie klar. Die Pariser Klimaziele erfordern eine sehr rasche Reduktion der Treibhausgas-Emissionen auf Netto Null oder darunter. Wenig erstaunlich, dass das nur möglich ist, wenn alle Sektoren beitragen, daher auch das Ernährungssystem mit fast einem Drittel der Emissionen. Neu ist der Nachweis, dass allein die Emissionen aus dem Ernährungssystem ausreichen können, die Pariser Klimaziele zu verfehlen, selbst wenn in einem Gedankenexperiment alle anderen Sektoren als praktisch instantan emissionsfrei angenommen werden. Die Methan- und Lachgas-Emissionen werden in dieser Studie explizit in die Berechnung der Emissions-Budgets einbezogen. Auch das ist neu – meist bezieht sich das Emissionsbudget nur auf CO2, was aber Annahmen über die anderen Treibhausgase erfordert, wodurch diese aus dem Blick geraten. Die Methode – im Wesentlichen eine Lebenszyklus-Analyse kombiniert mit einigen anderen simplen Prognosetools – ist meines Erachtens durchaus geeignet, die getroffenen Aussagen zu untermauern, auch wenn man über einige Annahmen diskutieren könnte. Das würde jedoch nach meiner Einschätzung höchstens Details ändern, nicht das große Bild.“

„Aus naturwissenschaftlich-technischer Sicht wären die in der Studie betrachteten Treibhausgas-Einsparungen nach meiner Einschätzung durchaus erreichbar. Unsere eigenen Arbeiten kommen zu ähnlichen Schlussfolgerungen [11]. Die zentrale Frage ist aus meiner Sicht, ob es gelingt, die entsprechenden Änderungen in den Praktiken des täglichen Lebens – etwa in der Ernährung, aber auch in den landwirtschaftlichen Praktiken – umzusetzen. Ich würde dabei vor allem darauf fokussieren, dass eine klimafreundliche Ernährung überwiegend auch gesünder ist. Gesundheitsförderung und Klimaschutz könnten im Bereich der Ernährung sehr gut an einem Strang ziehen. Starke Gegenkräfte kommen allerdings aus den Bereichen Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie, die bei einer Verminderung der ‚tierischen Veredlung‘ – die zu riesigen Umwandlungsverlusten auf dem Weg von der Primärbiomasse zum Lebensmittel am Teller führen – Einbußen hinnehmen müssten.“

„Die Ernährung ist gesellschaftlich-kulturell hoch aufgeladen, ihre Bedeutung geht über die Zufuhr einer ausreichenden Menge und Qualität an Nahrungsenergie weit hinaus. Daher ist man bei allen Versuchen, in diesem Bereich ‚von außen‘ Änderungen herbeizuführen, schnell in hoch emotionalisierten Debatten. Diese können von Interessengruppen, die sich davon etwas versprechen, leicht durch gezielte Emotionalisierung in sehr konfliktträchtige Situationen gebracht werden. Ähnliches gilt für die Frage der Landwirtschaft, die durch ihre Praktiken die Kulturlandschaften prägt. Auch diese sind – siehe Tourismus – kulturell und emotionell aufgeladen und potenziell konfliktträchtig. Am ehesten erscheint mir daher erfolgversprechend, Gesundheitsargumente in den Vordergrund zu stellen. Statt Verboten und Einschränkungen erscheint mir eine ‚Verführung zum guten Leben‘ durch Schaffung entsprechender Möglichkeitsstrukturen erfolgversprechender, etwa in Betriebs- oder Schulkantinen, durch Vorbildwirkung des öffentlichen Sektors und Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen im Gastgewerbe und dergleichen.“

Frederike Balzer

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Landwirtschaft, Umweltbundesamt (UBA), Dessau-Roßlau

Anne Klatt

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Grundsatzfragen, Nachhaltigkeitsstrategien und -szenarien, Ressourcenschonung, Umweltbundesamt (UBA), Dessau-Roßlau

„Das zentrale Ergebnis dieser Studie, wonach es wahrscheinlich essenziell ist, die Treibhausgase des globalen Ernährungssystems zu reduzieren, um die Pariser Klimaziele zu erreichen, fügt sich sehr gut in die uns vorliegenden Erkenntnisse ein. Diverse Studien kamen zu dem Schluss, dass die Treibhausgas-Emissionen des globalen Ernährungssystems mit rund 25 bis 30 Prozent einen beachtlichen Anteil an den Gesamtemissionen haben und zudem deutlich ansteigen werden, wenn sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen. Auch der Befund, dass dies die Einhaltung der Klimaziele deutlich erschwert oder sogar unmöglich werden lassen könnte, stimmt mit den Ergebnissen anderer wissenschaftlicher Modellierungen überein [12, 13].“

„Für Deutschland hat die RESCUE-Studie des Umweltbundesamtes [14] aufgezeigt, dass auch hier die Landwirtschaft als Emissionsquelle perspektivisch an Relevanz für die Einhaltung der Klimaziele gewinnt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Studien nahelegen, dass das Themenfeld Ernährung-Landwirtschaft wesentlich stärker als bisher in die Klimapolitik einbezogen werden muss.“

„Die aktuelle Studie zeigt Optionen auf, wie das globale Ernährungssystem einen enormen Beitrag zur Abmilderung der Klimakrise leisten könnte. Zu welchem Grad diese realisierbar sind, hängt von einer ambitionierten politischen Umsetzung ab. Die Zeit dafür ist unseres Erachtens günstig, da die Klimakrise ernster denn je genommen wird.“

„Allerdings sollten Wechselwirkungen beachtet werden. Die Erreichung kalorisch adäquater, pflanzenbasierter Ernährungsweisen, wie die von der EAT Lancet-Kommission vorgeschlagene Planetary Health Diet, hat in den reichen Ländern wie Deutschland äußerst positive Wirkungen und kann, wie der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem gerade veröffentlichten Gutachten [15] betont, dabei helfen, den Druck auf Landökosysteme zu verringern. Im Gegensatz dazu sehen wir die Potenziale für umweltverträgliche Ertragssteigerungen mit den bekannten Mitteln in diesen Ländern als weitgehend ausgeschöpft an. In diesem Zusammenhang sinnvoll ist unseres Erachtens die Erkundung von Möglichkeiten zur umweltförderlichen Steigerung von Flächenerträgen durch agrarökologische Praktiken und Agroforst-Systeme.“

Auf die Frage, inwiefern eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen in der Landwirtschaft einfacher oder schwieriger zu erreichen ist als in anderen Sektoren:
„Landwirtschaftliche Praktiken sind zunächst mit der Freisetzung von unvermeidlichen Emissionen verbunden. Im Landwirtschaftssektor selbst sind insbesondere Methan, das beim Verdauungsprozess der Wiederkäuer entsteht, sowie Lachgas, das durch die Düngung und die Bearbeitung landwirtschaftlicher Böden freigesetzt wird, relevant. Technische Minderungsmaßnahmen sind hier nur begrenzt möglich. Ihr Minderungspotenzial liegt laut einer UBA-Studie aus dem Jahr 2014 [16] bei etwa 20 bis 25 Prozent. Die Minderung von Treibhausgasen in der Landwirtschaft ist im Vergleich zu anderen Sektoren – wie beispielsweise der Energiewirtschaft oder dem Verkehr – daher schwieriger und erfordert neben technischen Maßnahmen insbesondere eine Veränderung der Ernährungsgewohnheiten und -umgebungen. Einen großen Anteil haben außerdem global betrachtet Emissionen, die durch landwirtschaftlich bedingte Landnutzungsänderungen verursacht werden. Dazu gehören die Rodung der Wälder, das Trockenlegen von Mooren, Grünlandumbruch und so weiter. Hier besteht gleichzeitig ein erhebliches Senkenpotenzial.“

„Die Möglichkeiten aufzuzeigen und zu quantifizieren ist ein notwendiger erster Schritt für die Bewusstseinsbildung und als Grundlage für politisches Handeln. Wichtig ist aus Sicht des Umweltbundesamtes, wirkungsvolle Maßnahmen und Instrumente zur Reduktion der Emissionen aus der Landwirtschaft und dem Konsum gleichermaßen zu entwickeln und wirksam zu implementieren.“

Auf die Frage, wie die jüngsten Beschlüsse zur Gemeinsamen Agrarpolitik der EU vor dem Hintergrund der aktuellen Studie zu bewerten sind:
„Die europäischen Landwirtschaftssubventionen, über die derzeit verhandelt wird, könnten eine enorme Steuerungswirkung für den Klimaschutz in der Landwirtschaft entfalten. Die bisherigen GAP-Beschlüsse lassen leider nicht erwarten, dass die Landwirtschaft maßgeblich zum Klimaschutz beitragen wird. Das bisherige Landwirtschaftssystem mit pauschalen Flächenprämien bleibt im Kern bestehen. Auch die Festlegung, dass 40 Prozent der GAP-Mittel dem Klimaschutz dienen sollen, führt voraussichtlich in der Praxis nicht zu zusätzlichen Klimaschutzmaßnahmen. Eine klare Zieldefinition beziehungsweise eine Verankerung der Pariser Klimaziele in der GAP sind nicht vorgesehen. Es kommt nun darauf an, ob die Mitgliedsstaaten bei der nationalen Ausgestaltung und Umsetzung der GAP-Beschlüsse zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen beschließen.“

„Auch die insgesamt zukunftsweisende Farm-to-Fork-Strategie der EU-Kommission setzt in Bezug auf den Klimaschutz keine ambitionierten Zielmarken.“

„Neben Maßnahmen zur Reduzierung der Stickstoffüberschüsse ist die Reduzierung der Tierbestände aus Sicht des Umweltbundesamtes besonders wichtig. Das muss mit einem deutlichen Rückgang des Konsums tierischer Produkte einhergehen. Auch der Schutz beziehungsweise die Wiederherstellung kohlenstoffreicher Böden – insbesondere Moore und Grünland – reduziert klimaschädliche Emissionen maßgeblich. Dafür müssen Maßnahmen und Instrumente entwickelt, über die GAP finanziert und in den Mitgliedstaaten ambitioniert und konsequent umgesetzt werden."

Dr. Adrian Müller

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Departement für Sozioökonomie, Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Frick, Schweiz

„Die Resultate der aktuellen Studie stehen nicht im Widerspruch zu bereits bestehendem Wissen und die Größenordnungen der Emissionen in den verschiedenen Szenarien entsprechen dem, was man erwarten würde. Die Studie liefert eine Quantifizierung der Emissionen des Ernährungssystems und verschiedener Klimaschutzstrategien im Kontext des totalen Emissionsbudgets, das wir noch haben, um das 2-Grad- beziehungsweise 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Dies ist eine hilfreiche Kontextualisierung der Emissionen aus dem Ernährungssystem.“

„Die Methodik ist gut und im Methodenteil nachvollziehbar beschrieben. Eine Kritik ist, dass mit Nahrungsmittel-Mengen und Emissionswerten pro Mengeneinheit gerechnet wird, und nicht mit einem umfassenden Ernährungssystem-Ansatz, der die Massen- und Nährstoffflüsse im Detail nachzeichnet. So wird zum Beispiel der Tiersektor über Food-Conversion-Rates und nicht über Tierzahlen mit einer Alters-/Herdenstruktur abgebildet und die Emissionen aus Hofdünger werden sehr grob mit globalen Annahmen in Lachgas und Methan eingeteilt. Dies führt zu Ungenauigkeiten, aber ich denke nicht, dass eine solche genauere Modellierung die aggregierten Schlussfolgerungen ändern würde.“

„Diese Schlussfolgerungen besagen vor allem, dass wir auch im Ernährungssystem betreffend Klimaschutz aktiv werden müssen und dass es nicht reicht, nur bei den fossilen Energien anzusetzen. Außerdem spielen die Größe des Ernährungssystems und somit Abfälle und die Diät – insbesondere der Anteil tierischer Produkte – eine zentrale Rolle, mehr als eine größere Effizienz, also weniger Emissionen pro Einheit Produkt.“

„Eine genauere systemische Modellierung würde aber noch zusätzliche Optionen aufzuzeigen erlauben, ohne weitere Emissionen in dem System zu produzieren. Zum Beispiel wenn man die Möglichkeiten, Tiere mit Nebenprodukten der Nahrungsmittelproduktion zu füttern oder die Rückführung der noch verbleibenden Abfälle berücksichtigt.“

„Es sind alle relevanten Emissionen berücksichtigt. Da mit Life Cycle Assessment-Werten – also mit produktbezogenen Fußabdrücken – gerechnet wurde, kann kein Wechselspiel zwischen dem Pflanzenbau und dem Tiersektor und allfälligen komplexeren Reduktionsdynamiken betrachtet werden – etwa die Rolle der totalen Hofdüngermengen in einer Region in Relation zum Pflanzenbedarf und so weiter. Dies zu berücksichtigen würde aber wohl nicht die generelle Stoßrichtung der Schlussfolgerungen tangieren. Es ist auch gut, dass die Methan-Emissionen mit dem für kurzlebigere Treibhausgase angemesseneren Treibhauspotenzial GWP* statt nur dem Treibhauspotential GWP (über 100 Jahre; Anm. d. Red.) berechnet wurden.“

Auf die Frage, inwiefern die betrachteten Szenarien realistisch umsetzbar sind:
„Das ist die große Frage. Es geht bei solchen Studien aber weniger darum, politisch oder gesellschaftlich realistisch umsetzbare Szenarien zu diskutieren, als zukünftige Möglichkeiten aufzuzeigen und dadurch zu illustrieren, wieviel – oder wie wenig – unternommen werden muss, um die Reduktionsziele zu erreichen. Es zeigt sich, dass sehr viel geschehen muss – was davon wie realistisch ist, ist dann eine andere Frage. Aber diese Wissensbasis ist wichtig, um in der politischen Diskussion die Dringlichkeit starker Maßnahmen zu illustrieren und auch grob zu zeigen, welche Maßnahmen eher mehr, welche eher weniger bringen. So ist es zum Beispiel viel effektiver, den Anteil tierischer Produkte in der Ernährung zu reduzieren, als die Erträge extrem hochzuschrauben.“

Auf die Frage, inwiefern es möglich ist, die in der Studie zu Grunde gelegten Ertragssteigerungen von 50 Prozent im Vergleich zu aktuell maximalen Erträgen tatsächlich zu erreichen:

„Das scheint mir fraglich – insbesondere vor dem Hintergrund der Auswirkungen des Klimawandels, der bei den zentralen Kulturen wie Mais, Weizen, Reis und Soja eher zu reduzierten Erträgen beziehungsweise weniger hohen Steigerungen als die hier angenommenen führen dürfte.“

Auf die Frage, inwiefern es möglich scheint, dass viele Menschen ihre Ernährung auf weniger emissions-intensive Nahrungsmittel umstellen und in Schwellen- und Entwicklungsländern dieser Ernährungsstil nicht übernommen wird:
„Dies ist die zentrale Frage. Gegeben das Wissen, das wir haben – und da steuert die Studie nichts Gegenteiliges bei – ist es unabdingbar, dass wir uns in diese Richtung bewegen. Die Wissenschaft – also auch diese Studie – liefert da zuerst mal eine Beurteilung der Dringlichkeit der Lage. Die Umsetzung ist dann eine ganz andere Sache, die aber eine solche Studie auch nicht liefern muss.“

Auf die Frage, inwiefern eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen in der Landwirtschaft einfacher oder schwieriger zu erreichen ist als in anderen Sektoren:
„Die Emissionen der Landwirtschaft basieren zum größten Teil auf natürlichen Prozessen, die viel schwieriger zu beeinflussen sind als eine industrielle Produktion oder ein Kraftwerk. Es gibt auch keine Substitute, die diese Prozesse vermeiden wie im Energiebereich – also erneuerbare Energie statt fossile Brennstoffe. Jede Landwirtschaft braucht Stickstoffdünger und jede Stickstoffdüngung führt zu Lachgas-Emissionen; jegliche Tierhaltung führt zu Methan-Emissionen.“

„Deshalb ist es auch so wichtig, bei der Größe des Ernährungssystems anzusetzen und nicht nur bei der Effizienz: weniger tierische Produkte – weniger Tiere – weniger Emissionen; weniger Abfall – also weniger notwendige Produktion – weniger Emissionen; weniger Nährstoffüberschüsse – also weniger Stickstoffdünger – weniger Emissionen.“

„Der Optimismus, der in der aktuellen Studie durchklingt, ist insofern angebracht, als dass wir auf biophysikalischer/agronomischer Ebene eigentlich alles Wissen zur Hand haben, wie wir handeln müssen und dass wir wissen, dass es Kombinationen von Maßnahmen gibt, die es noch erlauben, das Ziel zu erreichen. Der Optimismus ist vielleicht weniger angebracht, wenn es darum geht, abzuschätzen, ob wir denn diese Maßnahmen auf gesellschaftlicher Ebene innerhalb nützlicher Frist und in gegebener Stärke umzusetzen beginnen.“

Auf die Frage, wie die jüngsten Beschlüsse zur Gemeinsamen Agrarpolitik der EU vor dem Hintergrund der aktuellen Studie zu bewerten sind:
Die Politik muss viel stärker in die Richtung der effektivsten Maßnahmen der Studie wirken – das werden auch diese GAP-Beschlüsse noch nicht erreichen.Sie dürften nicht ausreichend sein. Es bräuchte einen klaren Fokus auf eine umfassende Ernährungspolitik anstelle einer Landwirtschaftspolitik – denn die konsumseitigen Maßnahmen sind zentral, um die Emissionsreduktionsziele zu erreichen.“

Dr. Joeri Rogelj

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprogramm Energie, Internationales Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA), Laxenburg, Österreich

„Die aktuelle Studie geht ausführlicher auf das ein, was der 1,5-Grad-Sonderbericht des Weltklimarats IPCC über die globale Erwärmung bereits 2018 hervorgehoben hat: Um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, muss ein steiler Rückgang der globalen CO2-Emissionen auf Netto Null bis Mitte des Jahrhunderts mit einer tiefgreifenden Reduzierung der Nicht-CO2-Treibhausgase wie Methan und Lachgas einhergehen. Die neuen Erkenntnisse, die diese Studie liefert, sind somit die Quantifizierung der Frage, wie verschiedene Maßnahmen die Emissionen im Zusammenhang mit der Nahrungsmittelproduktion reduzieren können.“

Auf die Frage, inwiefern betrachteten Szenarien realistisch umsetzbar sind:
„Das ist keine wissenschaftliche, sondern eine gesellschaftliche Frage, die auf einem Werturteil beruht. Technisch und verhaltensmäßig kann die Wissenschaft die Schritte bestimmen, die zu einer starken Verringerung der lebensmittelbedingten Emissionen führen können. Die Wissenschaft zeigt, dass es möglich ist, während die Gesellschaft jetzt entscheiden muss, wie realistisch sie es machen möchte. Wenn wir die Art und Weise, wie wir Lebensmittel produzieren und konsumieren, nicht ändern, werden wir keine der hier vorgestellten Reduktionen erreichen.“

Auf die Frage, inwiefern eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen in der Landwirtschaft einfacher oder schwieriger zu erreichen ist als in anderen Sektoren:
„Der Agrarsektor bietet sowohl Herausforderungen als auch große Chancen. Die Herausforderungen liegen darin, dass wir derzeit nicht für alle mit Lebensmitteln verbundenen Treibhausgas-Emissionen Möglichkeiten haben, sie vollständig zu eliminieren. Da aber Veränderungen in der landwirtschaftlichen Praxis recht schnell umgesetzt werden können und sich auch positiv auf die Kohlenstoffmenge auswirken, die von den landwirtschaftlich genutzten Böden aufgenommen wird, gibt es gleichzeitig auch klare Chancen.“

Dr. Benjamin Leon Bodirsky

Leitender Wissenschaftler in der Arbeitsgruppe Landnutzung und Resilienz, Department Klimaresilienz, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Potsdam

„Die Studie bestätigt die Ergebnisse bestehender Studien in diesem Bereich, die zum Beispiel im Fünften Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC und insbesondere im 1,5-Grad-Report zusammengefasst wurden. Es ist offensichtlich: Ambitionierte Klimaziele lassen sich nicht erreichen, wenn ganze Sektoren aus der Vermeidung ausgelassen werden. Dies ist insbesondere bei so emissionsintensiven Sektoren wie der Landwirtschaft und der Landnutzung der Fall, die zusammen für mehr Emissionen verantwortlich sind als beispielsweise der Verkehrssektor.“

Auf die Frage, inwiefern es möglich ist, die in der Studie zu Grunde gelegten Ertragssteigerungen von 50 Prozent im Vergleich zu aktuell maximalen Erträgen tatsächlich zu erreichen:

„Angesichts der massiven Ertragssteigerungen in der Vergangenheit ist eine weitere Steigerung der Erträge um 50 Prozent in den nächsten 30 Jahren durchaus plausibel und scheint sogar eher wie eine Trendfortsetzung. Viele Weltregionen bleiben aktuell noch weit hinter den möglichen Ertragspotenzialen zurück, aber auch in den bereits ertragreichsten Regionen wie den USA konnten die Erträge in der Vergangenheit noch weiter gesteigert werden. Die Frage ist jedoch nicht nur, ob mehr Nahrung produziert werden kann, sondern ob dies auch nachhaltig geschehen kann. Wir stehen vor der doppelten Herausforderung, gleichzeitig Erträge zu steigern und weniger Dünger und Pestizide zu verwenden. Hier liegt die eigentliche Krux.“

Auf die Frage, inwiefern es möglich scheint, dass viele Menschen ihre Ernährung auf weniger emissions-intensive Nahrungsmittel umstellen und in Schwellen- und Entwicklungsländern dieser Ernährungsstil nicht übernommen wird:
„Eine nachhaltige Ernährungstransformation muss mehreren Zielen gerecht werden: Gesunde Ernährung, geringe Umweltfolgen, Inklusion aller Bevölkerungsgruppen – und natürlich Genuss. So eine Transformation benötigt drei Dinge: Wir brauchen eine Ernährungsumgebung, in der es Leuten leichtfällt, sich für gesunde und umweltfreundliche Ernährung zu entscheiden; wir müssen den Sinn und den Nutzen einer Umstellung kommunizieren und wir müssen den Menschen die Mittel und Fähigkeiten geben, die Veränderung zu beginnen. Konkret sind das zum Beispiel Kantinen in Schulen und Unternehmen, die gesunde, nachhaltige Nahrung anbieten, Aufklärung von Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen über die Gesundheitsvorzüge einer Umstellung und kostenlose Kochkurse für Azubis und Studienanfänger*innen, in denen sie unter anderem auch lernen, wie Nahrungsmittel länger gelagert werden können, um weniger vermeidbare Essensabfälle zu produzieren. Viele Schwellenländer haben die Ernährungsumstellung hin zu tierischen und hochverarbeiteten Produkten bereits vollzogen und kämpfen ebenfalls mit Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht und Diabetes. Die Maßnahmen gelten also nicht nur für Hocheinkommensländer.“

Auf die Frage, inwiefern eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen in der Landwirtschaft einfacher oder schwieriger zu erreichen ist als in anderen Sektoren:
„Die Landwirtschaft verursacht diffuse Emissionen, die über große Flächen und über das ganze Jahr verteilt sind und nur schwer gemessen werden können. Das macht eine Regulierung viel schwieriger als bei einem Kraftwerk oder Auto, wo man basierend auf dem Kraftstoffverbrauch sehr leicht die entstehenden Emissionen beziffern kann. Man kann ja nicht überall auf dem Feld Messstationen aufbauen, um zu messen, wieviel Emissionen ein Landwirt verursacht.“

„Dennoch haben wir die Landwirtschaft zu lange aus der Regulierung ausgespart. Es gibt durchaus Instrumente mit denen man mit begrenztem Aufwand die diffusen Emissionen abschätzen und regulieren kann. Die Stickstoffüberschussabgabe ist hier wohl die wichtigste Maßnahme. In Deutschland muss jede Landwirt*in bereits Bilanz führen, wieviel Stickstoff ein Hof in Form von Dünger, Leguminosen und Futtermitteln erreicht und wieviel Stickstoff ihn in Form der Ernte oder der tierischen Produkte wieder verlässt. Und es ist immer mehr Stickstoff, der in den Hof einfließt, als Stickstoff, der den Hof verlässt. Die Differenz ist nämlich als Wasserschadstoff Nitrat, als Treibhausgas Lachgas und als Luftschadstoff Ammoniak in die Umwelt gegangen. Für diese Differenz, den Stickstoffüberschuss, gibt es aktuell Obergrenzen – noch besser wäre jedoch eine Abgabe für jedes Kilogramm überschüssigen Stickstoff, sodass auch Landwirte unterhalb der Grenze einen Anreiz haben noch effizienter mit ihrem Dünger umzugehen. Das klingt jetzt nach einer Maßnahme, die nur in Europa umgesetzt werden kann – und in der Tat sind wir hier im internationalen Vergleich recht fortschrittlich. Aber Indien und China haben bereits heute viel größere Probleme mit Stickstoff als wir. Tendenz steigend, sodass auch dort Maßnahmen diskutiert werden.“

Auf die Frage, wie die jüngsten Beschlüsse zur Gemeinsamen Agrarpolitik der EU vor dem Hintergrund der aktuellen Studie zu bewerten sind:
„Die GAP scheint nicht reformierbar [17] und die aktuellen Beschlüsse sind in keiner Weise mit den ambitionierten Klima- und Umweltzielen der EU in Einklang zu bringen. Die GAP ist in erster Linie eine vom Steuerzahler finanzierte Subvention für Landbesitzer, von der finanzielle Anleger und Großgrundbesitzer mehr profitieren als kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe. Die Subventionierung von Blühstreifen soll hiervon nur ablenken.“

„Weiterhin hätte die Bundesregierung bei der Implementierung der GAP schon länger den Spielraum, die Auszahlung der europäischen Mittel umweltfreundlicher zu gestalten. Sie nutzt diesen Spielraum jedoch nicht. Der Umweltschutz kann nicht auf die nächste GAP-Reform in sieben Jahren warten. Wenn die Europäische Agrarpolitik nicht reformierbar ist, dann muss auf nationaler Ebene gearbeitet werden, zum Beispiel über die Einführung einer Stickstoffüberschussabgabe.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Matin Qaim: Keine Interessenkonflikte.

Prof. Dr. Helmut Haberl: Keiner bekannt.

Dr. Adrian Müller: Ich habe keine Interessenkonflikte.

Dr. Joeri Rogelj: Keine.

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Clark MA et al. (2020): Global food system emissions could preclude achieving the 1.5° and 2°C climate change targets. Science. Vol 370 (6517), 705-708. DOI: 10.1126/science.aba7357.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Grassini P et al. (2013): Distinguishing between yield advances and yield plateaus in historical crop production trends. Nature Communications; 4 (2918). DOI: 10.1038/ncomms3918.

[2] Ray DK et al. (2019): Climate change has likely already affected global food production. PLoS ONE 14(5): e0217148. DOI: 10.1371/journal.pone.0217148

[3] Hochman Z et al. (2017): Climate trends account for stalled wheat yields in Australia since 1990. Global Change Biology. DOI: 10.1111/gcb.13604.

[4] Lobell DB et al. (2009): Crop Yield Gaps: Their Importance, Magnitudes, and Causes. Annual Review of Environment and Resources; 34: 179-204. DOI: 10.1146/annurev.environ.041008.093740.

[5] Shi J et al. (2017): ARGOS8 variants generated by CRISPR-Cas9 improvemaize grain yield under field drought stress conditions. Plant Biotechnology Journal; 15: 207–216. DOI: 10.1111/pbi.12603.

[6] zum Beispiel: Gouel C et al. (2018): Nutrition Transition and the Structure of Global Food Demand. American Journal of Agricultural Economics; 101 (2): 383–403. DOI: 10.1093/ajae/aay030.

[7] Bryant C et al. (2020): European Markets for Cultured Meat: A Comparison of Germany and France. Foods; 9. DOI: 10.3390/foods9091152.

[8] Schiehorn F et al. (2020). Klimaschutz und Klimaanpassung in den BMEL-Schwerpunktländern. Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL).

[9] Godde CM et al. (2020): Soil carbon sequestration in grazing systems: managing expectations. Climatic Change; 161: 385–391. DOI: 10.1007/s10584-020-02673-x.

[10] Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2020): Deutschland, wie es isst - Der BMEL-Ernährungsreport 2020.

[11] zum Beispiel Theurl MC et al. (2020): Food systems in a zero-deforestation world: Dietary change is more important than intensification for climate targets in 2050. Sci Total Environ. ;735:139353. DOI: 10.1016/j.scitotenv.2020.139353.

[12] Searchinger T et al. (2018): Creating a sustainable food future. World Resource Institute.

[13] Bajželj B et al. (2014): Importance of food-demand management for climate mitigation. Nature Climate Change; 4: 924–929. DOI: 10.1038/nclimate2353.

[14] Umweltbundesamt (2019): Wege in eine ressourcenschonende Treibhausgasneutralität: RESCUE-Studie.

[15] Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) (2020): Landwende im Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration.

[16] Umweltbundesamt (2014): Treibhausgasneutrales Deutschland im Jahr 2050.

[17] Pe’er G. et al. (2019): A greener path for the EU Common Agricultural Policy. Science 365 (6452): 449–451. DOI: 10.1126/science.aax3146.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] SMC (2019): Die CO2-Emissionen steigen auch 2019 weiterhin an. Research in Context.

[II] IPCC (2018): Special Report: Global Warming of 1.5°C. S. 108, Tabelle 2.2

[III] Webseite des MCC Berlin: The Carbon clock is ticking.

[IV] Europäische Kommission (o.J.): Effort sharing: Member States' emission targets.

Weitere Recherchequellen

Springmann M et al. (2018): Options for keeping the food system within environmental limits. Nature 562, 519-525. DOI: 0.1038/s41586-018-0594-0.