Meeresspiegelanstieg soll Ausbreitung gebietsfremder mariner Arten begünstigen
Ausbreitung gebietsfremder Arten soll Modellierungen zufolge durch den Meeresspiegelanstieg begünstigt werden
in der Nordsee und im Wattenmeer sind schon heute vergleichsweise viele eingeschleppte Arten zu finden; dies liegt insbesondere am intensiven Schifffahrtsverkehr in der Nordsee
Experten sehen die Schlussfolgerungen der Modellierungen kritisch; an der Nordseeküste gebe es schon heute viele eingeschleppte Arten, keine von diesen habe bislang eine heimische Art verdrängt
Viele Küstengebiete könnten infolge des Meeresspiegelanstiegs zu geeigneten Lebensräumen für gebietsfremde marine Arten wie beispielsweise die Chinesische Wollhandkrabben und die Pazifische Austern werden. Besonders betroffen sind demnach Küsten in den Mittleren Breiten, darunter auch die Nordsee. Zu diesen Ergebnissen kommen Forschende in einer Modellierungsstudie, die am 28.09.2026 im Fachjournal „Nature Ecology & Evolution“ veröffentlicht wurde (siehe Primärquelle).
Die Forschenden um den Hauptautor Zhixin Zhang vom Institut für Ozeanologie des Südchinesischen Meeres untersuchten in ihren Modellierungen wie sich 122 marine Arten infolge des steigenden Meeresspiegels neue Lebensräume erschließen könnten, in denen sie ursprünglich nicht vorkommen. Unter Annahme verschiedener SSP-Szenarien zur Emissionsentwicklung modellierten die Forschenden zunächst den globalen Meeresspiegelanstieg bis 2050 beziehungsweise 2100 und berechneten die dann überflutete Küstenflächen. In einem weiteren Schritt nutzten die Forschenden dann sogenannte Artenverbreitungsmodelle (species distribution models), um die potenzielle Verbreitung von 122 nicht heimischen Arten in diesen dort vorherzusagen. Dazu zählten Arten, die ihre Lebensräume in Gezeitenzonen und im Flachwasser haben, wie bestimmte Krabben- und Muschelarten. Darüber hinaus war ein weiteres Kriterium die Verfügbarkeit von Daten zu ihrer weltweiten Verbreitung. Dies schloss auch Regionen ein, in denen die Arten heute schon vorkommen, allerdings nicht heimisch sind, wie etwa die Pazifische Auster im Wattenmeer .
Leiter der Arbeitsgruppe Gemeinschafts- und Evolutionsbiologie, Wattenmeerstation Sylt, Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI)
Die Situation an der deutschen Nordseeküste
„Seit über tausend Jahren schützen wir uns an der Nordsee und im Wattenmeer durch Deiche vor Sturmfluten. Ob diese Strategie mit dem steigenden Meeresspiegel auch in den nächsten Jahrhunderten sinnvoll und bezahlbar ist, bleibt zu diskutieren. Fakt ist, dass das derzeit bestehende Bollwerk aus einer nahezu geschlossenen Deichlinie die Ausbreitung des Meeres an der deutschen Küste extrem einschränkt und somit auch die Ausbreitung eingeschleppter Meeresorganismen in Richtung Land momentan vor den Deichen enden wird.“
„Grundsätzlich haben wir an der deutschen Nordseeküste derzeit noch keinen Fall, bei dem eine eingeschleppte Art eine heimische verdrängt hat. Vielmehr ist es bisher mehr eine Addition von Arten. Das liegt daran, dass das Wattenmeer jung ist, viel Platz hat und auch viele Arten das Platzangebot gar nicht voll ausschöpfen. Dies gibt Raum und Möglichkeiten für neu einwandernde Arten, die auch wichtige ökologische Funktionen übernehmen können. So bieten beispielsweise eingeschleppte Muscheln heimischen Vögeln eine wichtige Nahrungsressource. Die Annahme, dass eingeschleppte Arten Invasoren mit ausschließlich negativen Effekten sind, kann somit hinterfragt werden. Mit jeder Einschleppung einer neuen Art besteht zwar ein ökologisches Risiko, das aber nicht zwingend negativ für die heimische Lebensgemeinschaft ausgeht.“
Methoden der Modellierungen
„Überraschend ist, dass die Autoren der Studie das Ausbreitungspotenzial bereits etablierter eingeschleppter Arten in den jeweiligen Lebensräumen betrachten, aber Ausbreitungsmuster heimischer Arten und Interaktionen zwischen heimischen und den eingeschleppten Arten nicht in dem Maße berücksichtigt werden. An der deutschen Nordseeküste kommen viele heimischen Arten mit nah verwandten eingeschleppten Organismen sehr gut klar und nicht selten bleiben Konkurrenzen aus, obwohl diese aufgrund ähnlicher Lebensansprüche erwartet wurden. Somit kann es auch zu einer gemeinsamen Ausbreitung eingeschleppter und heimischer Arten kommen und von einer neuen biologischen Invasionsfront kann dann keine Rede sein.“
Nordseeküste als Schwerpunktregion
„An der Nordseeküste beobachten wir eine vergleichsweise große Anzahl eingeschleppter Arten, die sich erfolgreich etabliert haben. Dies liegt daran, dass die Nordsee eines der meistbefahrenen Meeresgebiete der Welt ist und mit dem Schiffstransport auch viele Arten aus fremden Ländern eingeschleppt werden, die im Ballastwasser oder angeheftet an den Schiffsrümpfen die langen Ozeanpassagen überleben. Wo viele eingeschleppte Arten leben, können auch viele dieser Organismen ihre räumliche Verbreitung ausdehnen, wenn sich der für sie günstige Lebensraum vergrößert. Somit ist es nicht überraschend, dass vor allem Gebiete in der Nähe zu Flussmündungen ein hohes Potenzial für die räumliche Ausdehnung neuer Arten haben. Zudem sind Flussmündungsgebiete auch oft die mit am meisten vom Menschen beeinflussten und degradierten Gebiete, was eine Etablierung nicht-heimischer opportunistischer Arten begünstigen kann.“
Steigende Wassertemperaturen begünstigen die Ausbreitung mehr als der Meeresspiegelanstieg
„Für die zunehmende Etablierung eingeschleppter Arten ist an der deutschen Küste derzeit nicht der steigende Meeresspiegel als Folge des Klimawandels hauptverantwortlich, sondern die steigenden Temperaturen. Viele eingeschleppte Arten stammen aus wärmeren Regionen und finden nun in Wattenmeer und Nordsee geeignete Lebensbedingungen vor. Wenn eine Anpassung an einen steigenden Meeresspiegel weiterhin ausschließlich durch starre Deiche erfolgt und diese dann irgendwann brechen, bestehen an der Nordseeküste andere Probleme als die Ausbreitung nicht-heimischer Arten. Somit gilt es hier alternative und innovative Ideen zu entwickeln, die eine Anpassung der Küstenmorphologie und ein Mitwachsen der Küste mit dem Meeresspiegel ermöglicht, so wie es das Wattenmeer in seinen naturbelassenen Gebieten seit vielen tausend Jahren erfolgreich macht.“
Postdoktorand, Funktionale Biodiversitätsveränderungen im Wattenmeer, Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität an der Universität Oldenburg
Eine „neue biologische Invasionsfront“?
„Die Formulierung des Titels ist stärker, als es die Studie tatsächlich belegt. Die Autoren haben lediglich nicht heimische Arten modelliert, die sich in dem Gebiet bereits etabliert haben. Die Autoren haben bewusst darauf verzichtet, wirklich neue Einführungen in diese Gebiete zu modellieren, was ein weitaus schwierigeres und unklareres Problem darstellt. Es handelt sich also weniger um die Entstehung einer ‚neuen Invasionsfront‘ als vielmehr um die Ausdehnung bestehender Verbreitungsgebiete nicht heimischer Arten auf neu verfügbare Flächen.“
„Ob diese Ausbreitung einheimischen Arten schadet, ist eine separate Frage, da dies von Konkurrenzen abhängt, auf die die Studie nicht eingeht. Unabhängig davon bleibt die Frage, ob und welche nicht heimischen Arten einheimische Arten verdrängen, da beispielsweise auch unklar ist, ob die Ausbreitung der Pazifischen Auster im Wattenmeer die Miesmuscheln verdrängt oder neben ihnen eine ergänzende Lebensraumstruktur schafft.“
Limitationen der Methodik
„Im Allgemeinen weisen nicht heimische Arten, wie auch von den Autoren gezeigt, spezifische biologische Merkmale auf, die es ihnen ermöglichen, neue Gebiete leicht zu besiedeln. In diesem Sinne sind die Ergebnisse, da sie eine Vielzahl von Gruppen abdecken, durchaus verallgemeinerbar. Diese Verallgemeinerbarkeit erstreckt sich jedoch nicht auf heimische Arten. Die Autoren argumentieren, dass die von ihnen gewählte Methode, bei der sie neu überflutete Gitterzellen der Artverbreitungsmodelle eine Eignung zuweisen, wenn benachbarte Gitterzellen als geeignet eingestuft werden, stichhaltig ist, da der vorgegebene Zeitrahmen von 50 bis 100 Jahren für die Besiedlung durch nicht heimische Arten realistisch sein sollte; dies würde jedoch auch für heimische Arten gelten, was sie nicht berücksichtigen. Wo sich also nicht heimische Arten wahrscheinlich auf neu überflutete Gebiete ausbreiten, wird dies auch bei heimischen Arten der Fall sein. Die Frage bleibt jedoch: Wer kommt zuerst? Dies könnte Einfluss darauf haben, wie sich die ökologischen Bedingungen weiterentwickeln.“
Warum die Mittleren Breiten besonders betroffen sein könnten
„Es ist nicht überraschend, dass Regionen in den Mittleren Breiten, insbesondere entlang der Nordseeküste und in den Mündungsgebieten großer Flüsse, von der Ausbreitung nicht heimischer Arten infolge des Meeresspiegelanstiegs betroffen sind. Dies entspricht tatsächlich den Grundlagen der Küstengeomorphologie. Die Nordseeküste weist, wie andere tief liegende Mündungsgebiete auch, ein sehr flaches Gefälle auf und verfügt nicht über die natürlichen Puffer, die steilere Küstenabschnitte anderswo vor dem Meeresspiegelanstieg schützen. Genau diese Kombination aus sanftem Gefälle und dichtem Lebensraum in den Flussmündungen ist der Grund, warum diese Gebiete sowohl als erste überflutet werden als auch – gemäß der Erkenntnis der Studie, dass die Nähe zu Flussmündungen ein starker Prädiktor für die Besiedlung durch nicht heimische Arten ist – nicht heimische Meeresarten anziehen, die ins Landesinnere vordringen. Die Konzentration des Risikos in Flussmündungen der Mittleren Breiten ist also weniger eine überraschende Entdeckung als vielmehr eine logische Konsequenz davon, wo sich nicht heimische Arten bereits etabliert haben und wie Küsten wie die Nordseeküste geformt sind.“
Bestimmte nicht heimische Arten können auch als Ökosystemingenieure wirken
„Der Anstieg des Meeresspiegels selbst ist hier das weitaus größere Problem, da er zum vollständigen Verlust bestehender Ökosysteme führen würde, darunter möglicherweise auch große Teile des Wattenmeers. Was in der Studie fehlt, ist die abschwächende Rolle, die einige dieser nicht heimischen Arten spielen können. Schlickgras und Pazifische Austern beispielsweise bieten durch ihre physische Struktur Küstenschutz und tragen dazu bei, dass sich Sedimente auf den umliegenden Sandbänken ansammeln, was dem Land helfen kann, mit dem steigenden Wasserstand Schritt zu halten. Die im Modell verwendeten Prognosen zum Meeresspiegelanstieg berücksichtigen diese Art biologischer Rückkopplungseffekte nicht. Die Autoren weisen darauf hin, dass ihr Szenario den tatsächlichen Meeresspiegelanstieg möglicherweise unterschätzt, biologische Prozesse wie diese könnten ihn jedoch teilweise ausgleichen. So oder so bleibt das Modell eine Annäherung an eine komplexere Realität.“
Professor für Geomorphologie und Küstendynamik, Universität Bremen
„Der Artikel präsentiert Ergebnisse einer interessanten Studie zum Einfluss des globalen Meeresspiegelanstiegs auf die Ausbreitung invasiver, mariner Arten. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere Küstenregionen in mittleren Breiten und in der Nähe von Ästuaren durch meeresspiegel-induzierte Einführung invasiver Arten betroffen sind. Dies ist interessant, jedoch nicht sehr überraschend da Ästuare oft Hotspots der kommerziellen Schifffahrt sind, die die Ausbreitung invasiver Arten unabhängig vom Meeresspiegelanstieg stark begünstigen.“
Limitationen der Studie
„Eine der wichtigen Einschränkungen dieser Studie ist die Tatsache, dass nur die landwärtige, zusätzliche Ausbreitung invasiver Arten betrachtet wird, ein möglicher Habitatsverlust durch den steigenden Meeresspiegel jedoch nicht berücksichtigt wird. Solche Habitatsverluste sind besonders in Küstenregionen, wo der klimabedingte Meeresspiegelanstieg sowie anthropogene Eingriffe ins Küstensystem die Strömungs- und Sedimentdynamik so verändern, dass Küstenökosysteme durch den Meeresspiegelanstieg erodiert oder ertränkt werden. Solche Veränderung beobachten wir besonders häufig in stark anthropogen überprägten Ästuaren und Küstenregionen.“
„Die Kapazität von Küstenökosystemen, sich an den Meeresspiegelanstieg anzupassen hängt maßgeblich mit der Interaktion der lokalen Flora und Fauna (invasiv oder nicht) zusammen, wobei besonders eine dichte Vegetationsbedeckung die Anpassungsfähigkeit von Küstenökosystemen erhöhen kann. Ein möglicher Verlust dieser Ökosysteme könnte die beschriebene landwärtige Verbreitung invasiver Arten durch den Meeresspiegelanstieg verlangsamen, ein Umstand, dem man sich bei der Betrachtung der vorliegenden Studie bewusst sein sollte.“
„Ich habe mit der Studie keine Interessenkonflikte.“
„Ich habe keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit der Kommentierung der vorliegenden Studie.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Der Weltklimarat IPCC geht je nach Emissionsszenario davon aus, dass der globale Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 im Vergleich zum Zeitraum 1995 bis 2014 um mehrere Dezimeter, in Extremfällen sogar um bis zu einem Meter ansteigen könnte . Im Jahr 2024 stieg der globale Meeresspiegel um 0,59 Zentimeter im Vergleich zum Vorjahr ; seit 1880 beläuft sich der Anstieg insgesamt auf rund 21 bis 24 Zentimeter [VI]. Neben der thermischen Ausdehnung des Meerwassers infolge der globalen Erwärmung [] spielen auch höhere Schmelzwasserzuflüsse aus Inlandsvereisungen und Gletschern eine Rolle beim Anstieg des globalen Meeresspiegels .
Primärquelle
Zhang Z et al. (2026): Global sea-level rise will create a new biological invasion front. Nature Ecology & Evolution. DOI: 10.1038/s41559-026-03181-4.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[] Büttger H et al (2022): Wadden Sea Quality Status Report: Alien species. DOI: 10.5281/zenodo.15195863.
[] Riahi K et al. (2017): The Shared Socioeconomic Pathways and their energy, land use, and greenhouse gas emissions implications: An overview. Global Environmental Change. DOI: 10.1016/j.gloenvcha.2016.05.009.
Ergänzend hierzu auch: Science Media Center (2026): Szenarien mit sehr hohen Emissionen in Klimamodellen nicht mehr berücksichtigt. Statements. Stand: 20.05.2026.
[] IPCC (2023): Climate Change 2023: Synthesis Report. Contribution of Working Groups I, II and III to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. DOI: 10.59327/IPCC/AR6-9789291691647.
Dazu auch: Science Media Center (2023): Veröffentlichung des Syntheseberichts des Sechsten Sachstandsbericht des IPCC. Press Briefing. Stand: 20.03.2023.
[] Hamlington BD et al. (2025): Sea level rise in 2024. Nature Reviews Earth & Environment. DOI: 10.1038/s43017-025-00667-w.
[] Lindsey R (2025): Climate change: Global Sea Level. National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA). Website. Stand: 25.06.2025.
[] European Environment Agency (EEA) (2025): Global and European sea level rise. Website. Stand: 25.11.2025.
[] Widlansky MJ et al. (2020): Increase in sea level variability with ocean warming associated with the nonlinear thermal expansion of seawater. Nature Communications Earth & Environment. DOI: 10.1038/s43247-020-0008-8.
[] World Glacier Monitoring Service (WGMS) (2025): Contribution to sea-level rise. How much are glaciers contributing to sea-level rise? Website. Stand: 25.03.2025.
Dr. Christian Buschbaum
Leiter der Arbeitsgruppe Gemeinschafts- und Evolutionsbiologie, Wattenmeerstation Sylt, Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI)
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe mit der Studie keine Interessenkonflikte.“
Dr. Kasper Meijer
Postdoktorand, Funktionale Biodiversitätsveränderungen im Wattenmeer, Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität an der Universität Oldenburg
Prof. Dr. Mark Schürch
Professor für Geomorphologie und Küstendynamik, Universität Bremen
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keinen Interessenkonflikt im Zusammenhang mit der Kommentierung der vorliegenden Studie.“