Emissionen seit dem Pariser Klimaabkommen 2015 haben Hitzewellen in Europa intensiviert
KI-Attribution legt nahe, dass die Hitzewelle im Juni 2025 mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Emissionen seit 2015 verstärkt wurde
trotz Pariser Klimaabkommen steigen die weltweiten menschengemachten CO2-Emissionen Jahr für Jahr an
Experten halten KI-Ansatz für innovativ; die festgestellte Intensivierung der Hitzewellen in Europa nur durch die Emissionen der vergangenen zehn Jahre sei ein alarmierendes Zeichen
Offenbar haben die seit dem UN-Klimaabkommen von Paris im Jahr 2015 freigesetzten Kohlendioxid-Emissionen (CO2) Hitzewellen in Europa nachweislich verstärkt. Beispielsweise die regionalen Durchschnittstemperaturen der Hitzewelle im Juni 2025 in West- und Südeuropa: Durch die kumulierten CO2-Emissionen seit 2015 seien diese im Median um 0,34 Grad wärmer gewesen als es ohne von Menschen verursachte Emissionen der Fall gewesen wäre. Die Ergebnisse der Studie wurden am 22.09.2026 im Fachjournal Geophysical Research Letters veröffentlicht (siehe Primärquelle).
Um den Einfluss der CO2-Emissionen auf Hitzewellen in Europa zu untersuchen, nutzten Jared Trok von der Universität Stanford und weitere Forschende aus den Vereinigten Staaten und Neuseeland einen neuen Ansatz der Attribution. Laut der Autorinnen und Autoren stoßen traditionelle Anätze der Attributionsforschung nämlich an Grenzen, wenn es darum geht, Veränderungen von Extremwetterereignissen kausal auf vergleichsweise geringe Teilmengen der menschengemachen CO2-Emissionen zurückzuführen. Sie trainierten deshalb ein generatives Machine-Learning-Modell – ein sogenanntes Diffusionsmodell – mit Wettersimulation von zehn globalen Klimamodellen. Die Trainingsdaten umfassten den Zeitraum 1850 bis 2100 unter verschiedenen Zukunftsszenarien (SSP2-4.5, SSP3-7.0 und SSP5-8.5). Das Modell erlernte so, wie sich die Lufttemperatur in Europa in Abhängigkeit von unterschiedlichen Emissionsniveaus und Wetterbedingungen wie dem Luftdruck und der Bodenfeuchte veränderte.
wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Atmosphärische Strahlung, Institut für Meteorologie, Universität Leipzig
Einzug von generativer KI in die Attribution von Extremereignissen
„Im Prinzip ist die Anwendung von künstlicher Intelligenz (KI) nur eine Weiterentwicklung bereits vorhandener Regressionstechniken (statistische Methode, um Zusammenhänge zwischen Variablen zu beschreiben; Anm. d. Red.). Bisher wurde oft mit sogenannten Analogmethoden gearbeitet, die Zirkulationsmuster anhand räumlicher Korrelation erkannt haben. Mit Hilfe der hier genutzten KI-Methoden können die beobachteten Zirkulationsmuster, die zu extremen Hitzeperioden geführt haben, besser mittels vorhandener globaler Klimamodelle repliziert werden. Dadurch wird der Stichprobenumfang deutlich größer, wodurch das Problem der Unsicherheit von Attributionsanalysen über kurze Zeiträume – hier 2016 bis 2025 – minimiert wird.“
Wo dennoch Unsicherheiten bestehen
„Wie von den Autor:innen erwähnt, sind Unsicherheiten nach wie vor vorhanden. Beispielsweise bei der Wirkung von Aerosolemissionen in den Klimamodellen, die eine kühlende Wirkung auf das Klima haben. Die Ergebnisse fallen dadurch vermutlich noch konservativ aus. Ein weiterer Aspekt, der hier nicht weiter besprochen wird, sind mögliche Änderungen der Zirkulation durch die Erwärmung selbst. Die hier verwendete Methode macht dazu keine Aussagen, während es durchaus Indizien dafür gibt, dass zumindest in Europa die Zirkulationsanomalien, die zu extremer Hitze geführt haben, heute stärker ausfallen als ohne menschengemachte Treibhausgasemissionen.“
Warum die Emissionen der vergangenen zehn Jahre einen großen Effekt darstellen
„Eine Änderung um 0,34 Grad Celsius mag tatsächlich gering klingen, entspricht aber grob dem generellen Erwärmungstrend in Europa, der seit 1980 bei knapp 0,4 Grad pro Dekade liegt und damit etwa doppelt so hoch ausfällt wie im globalen Mittel. Nehmen wir an, dass der Wert konservativ ist. Dann könnte man auch sagen, dass alle zwei Jahre die Temperatur einer Hitzewelle um 0,1 Grad steigt. Das sorgt einerseits für weitere Austrocknung der Böden im Sommer, mit Folgen für Vegetation und Biodiversität, und andererseits für weiter steigende Innenraumtemperaturen, was bei fehlender Anpassung und mangelhaftem Notfallmanagement das Risiko für Hitzetote stark anhebt.“
„Dazu kommen die ökonomischen Schäden durch Hitze und andere Unwetter, die die Vermeidungskosten insbesondere mittel- und langfristig weit übersteigen. Jede Extra-Tonne Kohlenstoff die von uns emittiert wird, hat direkte lineare Auswirkungen auf die Erwärmung. Daher kann man nicht oft genug die Dringlichkeit der Dekarbonisierung betonen. Gerade die Häufung von Hitze und Dürren seit 2018 zeigt, wie die fortschreitenden globalen Emissionen die Anzahl der Einzelereignisse bereits drastisch erhöht haben.“
Ohne das Pariser-Abkommen würden Hitzewellen heute schon noch heißer sein
„Die Anzahl der Hitzewellen wird weiter zunehmen. Positiv gesprochen könnte man argumentieren, dass Paris zumindest dazu beigetragen hat, dass die Emissionen seit 2015 nicht noch stärker gestiegen sind. Bei allem Versagen soll somit die Wirksamkeit solcher Abkommen nicht negiert oder kleingeredet werden. Auch wenn die Vermeidungserfolge schwer zu quantifizieren sind, es kann davon ausgegangen werden, dass Hitzewellen bereits heute noch heißer hätten ausfallen können. Genau das muss die Botschaft sein. Wir retten Menschenleben, geben den Ökosystemen bessere Chancen auf Anpassung und erhöhen die Chancen auf Erhaltung der Artenvielfalt.“
Klimapolitische Einordnung
„Attributionsstudien wie diese – oder eine Nature-Veröffentlichung aus dem Jahr 2025 [1] – erlauben uns, die Emissionen einzelner Unternehmen oder Staaten direkt mit erlebten Extremwetterereignissen zu verknüpfen. Es zeigt, dass unser Handeln direkte Auswirkungen hat, was die Ambitionen der Nationalstaaten erhöhen sollte, die gesteckten Ziele schnellstmöglich zu erreichen. Selbstredend erfordert das Entscheider:innen, die mit Sachverstand ihre Zukunftsverantwortung wahrnehmen.“
„Leider ist von Regierungen, die von Lobbyisten und wissenschaftsskeptischen Individuen geführt werden, wenig in diese Richtung zu erwarten. Umso wichtiger ist es, dass es eine mutige und starke Opposition gibt, die es versteht, die eigenen Themen identitätsstiftend im öffentlichen Diskurs zu verankern – inklusive notwendiger systemkritischer Argumente. Diesbezüglich ist Deutschland leider alles andere als zukunftstauglich aufgestellt, weswegen die Zivilgesellschaft gefragt ist, Menschlichkeit und Solidarität wieder ins Zentrum der Debatte zu rücken, was Klimagerechtigkeit implizit einschließt.“
Leiter des Departments Compound Environmental Risks, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Leipzig, und Professor für Data Analytics in Hydro Sciences, TU Dresden
Einzug von generativer KI in die Attribution von Extremereignissen
„Der Ansatz ist sehr innovativ und erlaubt eine viel schnellere Antwort auf unterschiedliche Arten von Attributionsfragen. Er wurde ausführlich evaluiert und scheint robust zu sein. Durch seine starke Konditionierung kann man Auswirkungen von selbst relativ kleinen Emissionsänderungen – wie die kumulativen Emissionen seit 2015 – auf die Temperaturverteilung untersuchen.“
Wo dennoch Unsicherheiten bestehen
„Eine Unsicherheit scheint mir, dass Europa sich im Moment schneller erwärmt als von den Klimamodellen simuliert. Das beeinflusst eventuell auch das KI-Modell, das ja nur auf Klimamodelldaten trainiert wurde. Allerdings haben wir auch noch nicht vollends verstanden, woher diese Diskrepanz kommt.“
Warum die Emissionen der vergangenen zehn Jahre einen großen Effekt darstellen
„Eine Änderung um 0,34 Grad Celsius, verursacht durch die Emissionen von nur zehn Jahren, ist schon ein sehr großer Effekt. Wir emittieren Treibhausgase ja schon seit über 150 Jahren. Da Klimaschäden in vielen Bereichen oft exponentiell zunehmen, wenn bestimmte Schwellenwerte überschritten werden, können die aufsummierten Schäden von so einer Temperaturänderung in ganz Europa immens sein. Man sollte die geschätzte Temperaturänderung aber eher als den durchschnittlich zu erwartenden Effekt von dieser Menge an Emissionen auf Ereignisse wie die Hitzewelle 2025 interpretieren, anstatt als direkten kausalen Effekt auf ein Einzelereignis.“
Prognose zu zukünftigen Hitzewellen in Europa
„Wenn die Emissionen ähnlich hoch bleiben, werden wir alle zehn Jahre eine ähnlich starke Erwärmung solcher Hitzewellen sehen, mit den damit einhergehenden Schäden.“
Ohne das Pariser-Abkommen würden Hitzewellen heute schon noch heißer sein
„Da Emissionen bisher immer angestiegen sind und die globale Temperatur einigermaßen linear von den kumulativen Emissionen abhängt, fallen die vergangenen Jahre besonders stark ins Gewicht, da wir da die höchsten Emissionen hatten. Ohne das Pariser Abkommen wären die Emissionen wahrscheinlich noch höher ausgefallen.“
„Die Methodik der Studie erlaubt eine viel genauerer Zuordnung von Änderungen in Extremereignissen zu einzelnen Emittenten, zum Beispiel Ländern oder großen Unternehmen. Das könnte in Gerichtsverfahren zu Klimaschäden eine entscheidende Rolle spielen. Es lässt sich außerdem recht schnell eine Reihe von fiktiven Szenarien durchspielen, etwa um Effekte von verschiedenen Emissionspfaden auf zukünftige Extreme zu untersuchen.“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
Primärquelle
Trok JT et al. (2026): Global emissions since the Paris Agreement have intensified Europe's recent heatwaves. Geophysical Research Letters. DOI: 10.1029/2026GL125079.
Weiterführende Recherchequellen
Science Media Center (2026): Die Kosten des Klimawandels. Press Briefing. Stand: 26.08.2026.
Science Media Center (2026): Was kostet der Klimawandel? Data & Facts. Stand: 26.08.2026.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Quilcaille Y et al. (2025): Systematic attribution of heatwaves to the emissions of carbon majors. Nature. DOI: 10.1038/s41586-025-09450-9.
Dazu auch: Science Media Center (2025): Attributionsanalyse zu Hitzewellen und dem Beitrag großer Treibhausgasemittenten. Statements. Stand: 10.09.2025.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Friedlingstein P et al. (2026): Global Carbon Budget 2025. Earth System Science Data. DOI: 10.5194/essd-18-3211-2026.
Dazu auch: Science Media Center (2026): Global Carbon Budget 2025. Press Briefing. Stand: 13.11.2026.
Dr. Karsten Haustein
wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Atmosphärische Strahlung, Institut für Meteorologie, Universität Leipzig
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Jakob Zscheischler
Leiter des Departments Compound Environmental Risks, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Leipzig, und Professor für Data Analytics in Hydro Sciences, TU Dresden
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“