Einfluss politischer Online-Werbung auf US-Wahl 2020
US-Wahlstudie 2020 findet keinen messbaren Effekt politischer Facebook- und Instagram-Werbung auf Wahlergebnis
die Wirkung politischer Kampagnen in sozialen Medien wird auch für deutsche Wahlkämpfe immer wieder diskutiert
Experten: methodisch gute Studie, sollte aber mit Vorsicht interpretiert werden: keine Effekte finden heißt nicht, dass es keine Effekte gibt
Wahlkampagnen auf Facebook und Instagram sollen keine oder nur minimale Auswirkungen auf die US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2020 gehabt haben. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forschungsteam in einer Studie, die in der Fachzeitschrift „Nature Human Behaviour“ erschienen ist (siehe Primärquelle).
Für die Studie rekrutierte das Forschungsteam rund 37.000 US-amerikanische Facebook- und 26.000 Instagramnutzende. Die Teilnehmenden wurden zufällig in Test- und Kontrollgruppen unterteilt. In den Testgruppen entfernten die Forschenden durch eine Kooperation mit Meta für sechs Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl 2020 politische Werbung aus den Facebook- und Instagram-Feeds bestimmter Nutzender (All Ad Removal). Für einige Facebooknutzende entfernten sie nur die politischen Anzeigen, die speziell an die Nutzenden adressiert waren (List-Targeted Ad Removal). Alle entfernten Anzeigen wurden durch andere Werbung ersetzt. So wollte das Forschungsteam den Einfluss politischer Werbung in sozialen Medien auf den Ausgang der anstehenden Wahl sowie auf die politische Einstellung der Teilnehmenden messen. Außerdem untersuchten sie, inwiefern sich die angezeigte Werbung für Menschen unterschied, die sich laut Selbstauskunft dem republikanischen oder dem demokratischen Lager zuordneten.
Akademischer Rat am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Universität Mannheim
Aussagekraft des Studienaufbaus
„Die Methodik der Studie ist meiner Einschätzung nach intern valide. Das heißt, das Forschungsdesign ist in sich schlüssig und erlaubt grundsätzlich die vorgenommenen kausalen Schlüsse.“
„Zudem sind die Studien-Autor:innen durch die Kooperation mit Meta in der Lage, ein sehr aufwändiges Design zu realisieren: Erstens sind sehr viele Nutzer:innen beteiligt. Zweitens findet ein Eingriff in die reale Plattformerfahrung statt, anstatt in eine simulierte Plattformumgebung. Das Design ist in der Form in früheren Studien zu politischer Social-Media-Werbung tatsächlich nicht zu finden. Die weitestgehenden Nullbefunde sind damit durchaus belastbar und glaubwürdig.“
Interpretation der Ergebnisse
„Daraus den Schluss zu ziehen, dass die Auswirkung von Social-Media-Plattformen auf Wahlen insgesamt marginal sei, wäre allerdings falsch. Denn die Studie vergleicht lediglich Facebook- und Instagram-Nutzer:innen, denen keine politische Werbung gezeigt wurde, mit anderen, denen diese Werbung gezeigt wurde. Das ist, als würde man die gesundheitlichen Effekte einer rein auf Hamburgern beruhenden Diät mit einer rein auf Cheeseburgern beruhenden Diät vergleichen. In der einen Gruppe fällt lediglich der Käse weg.“
„Die gemessene politische Polarisierung, das politische Wissen und der Zuspruch zu Trump sind in beiden Gruppen relativ gleich. Das heißt aber nicht, dass die Social-Media-Nutzung keine Effekte auf diese Variablen hat. Sondern es heißt lediglich, dass politische Werbung keinen messbaren zusätzlichen Effekt hat. Das aufgeheizte, von negativen Emotionen, Hassrede und Verschwörungsnarrativen geprägte Diskussionsklima auf Social Media ändert sich dadurch kaum.“
„Zudem muss man mit Blick auf die USA ja leider konstatieren, dass ein solches Diskursklima inzwischen auch außerhalb der Social-Media-Plattformen besteht. Es findet sich insbesondere auch in weiten Teilen der traditionellen Massenmedien. Dass das Weglassen politischer Werbung auf einem einzelnen Kanal wie Facebook oder Instagram hier nicht viel ändert, verwundert daher nicht.“
„Insofern würde ich die Ergebnisse als in sich konsistent und valide lesen. Sie sind aber dennoch potenziell irreführend, da sie eine Schlussfolgerung nahelegen, die auf dieser Basis so nicht haltbar ist: nämlich, dass politische Werbung auf Facebook und Instagram für den politischen Prozess harm- und wirkungslos ist.“
Unterschied zwischen den USA und Deutschland
„Es deutet sich in der Literatur durchaus ein Unterschied zwischen Zwei-Parteien-Systemen wie den USA und Mehr-Parteien-Systemen wie Deutschland an. In Mehr-Parteien-Systemen ist die Überlappung des Wählerpotenzials zwischen Parteien größer. Es ist also wahrscheinlicher, dass die AfD erfolgreich bisherige FDP- oder CDU/CSU-Wähler:innen mit ihrer Werbung überzeugen kann, als dass Republikaner in den USA Demokraten-Wähler:innen überzeugen.“
Zielpersonen politischer Werbung
„Die bisherige Forschung zeigt, dass politische Akteure Social-Media-Werbung intensiv dazu nutzen, eigene Anhänger:innen zu mobilisieren. Und sie zeigt, dass diese Werbung dafür besser geeignet ist als dafür, die Überzeugung gänzlich neuer Wähler:innen zu verändern. Letzteres ist einfach wesentlich unwahrscheinlicher.“
„Dennoch zeigt auch die vorliegende Studie, dass Parteien nicht nur ihre bereits vollkommen überzeugte Klientel adressieren. Sie adressieren auch Personen, die in ihrer politischen Ausrichtung der Partei leicht zugeneigt, aber noch nicht vollends überzeugt sind. Es ist also nicht so, dass nur die völlig überzeugten Wähler:innen adressiert würden.“
Strategien ausländischer Akteure
„Was die potenzielle Einmischung Dritter – zum Beispiel ausländischer Akteure – angeht, so denke ich nicht, dass sich deren Targeting-Strategien groß von denen der Parteien unterscheiden würden: Wenn man erreichen möchte, dass eine bestimmte Partei oder ein bestimmter Kandidat gewählt wird, ist es einfach effektiver, die Wähler:innen anzusprechen, die diesem politischen Akteur bereits zumindest leicht zugeneigt sind.“
Bedeutung der Kooperation mit dem Meta-Konzern
„Es ist schon überzufällig oft so, dass Studien unter Beteiligung von Meta in jüngerer Zeit ergeben, dass Social-Media-Plattformen quasi keine Auswirkungen auf politische Meinungsbildung haben.“
„Das Forschungsvorgehen ist dabei stets das gleiche: Ein bestimmtes Merkmal der Plattform wird für einen gewissen Zeitraum ausgeschaltet. Hier ist es politische Werbung, in anderen Studien der Algorithmus. Dann werden die Einstellungen der Nutzer:innen oder ihr Posting-Verhalten mit einer Kontrollgruppe verglichen. Bei dieser ist die entsprechende Funktion an geblieben. Dies führt dann oft zu geringen oder keinen Effekten. Das lässt sich aber erklären: Die grundsätzliche Plattformerfahrung verändert sich für die Nutzer:innen durch die Anpassung eines einzigen Merkmals kaum.“
„In der Frühphase des Erfolgs von Facebook fanden sich durchaus mehr Studien unter Beteiligung des Unternehmens, die starke Social-Media-Effekte ergaben. Das hat teilweise zu heftigen öffentlichen Kontroversen geführt, die nicht immer zum Vorteil des Unternehmens waren. Insofern lässt sich zumindest argumentieren, dass die Studienergebnisse mit Unternehmensbeteiligung die im Unternehmen zum jeweiligen Zeitpunkt für opportun gehaltenen Muster repräsentieren. Dies würde ich jedoch nicht zum Anlass nehmen, einen direkten Eingriff von Meta in den Ablauf des Forschungsprozesses oder die Daten der Studie zu vermuten. Zu welchen Ergebnissen die Studien jeweils gelangen, hängt vielmehr mit den zu Grunde liegenden Designentscheidungen zusammen.“
Leiter der Nachwuchsforschungsgruppe Computational Social Science, Fachbereich Synergy of Systems, Center for Interdisciplinary Digital Sciences, Technische Universität Dresden
Bedeutung der Kooperation mit dem Meta-Konzern
„Die Studie hat durch ihre Zusammenarbeit mit Meta exklusiven Zugang zu Daten und experimentellen Manipulationen. Sie verfügt damit auch über eine große Stichprobe, was sie aus dieser Perspektive durchaus aussagekräftig macht. Andererseits hat dieses Setup auch Nachteile. Ein Nachteil ist beispielsweise die Klassifizierung politischer Werbung durch Meta. Der Konzern versäumt zum Beispiel in der Europäischen Union (EU) trotz seiner Richtlinien wiederholt, politische Werbung zu klassifizieren. Weitere Nachteile sind die Rekrutierung und Randomisierung der Teilnehmenden durch Meta oder die Interessenkonflikte einiger AutorInnen.“
„Die Zusammenarbeit mit Meta hat Vor- und Nachteile. Ich halte es aber für alles andere als ideal für unabhängige Forschung, solche Studien in dieser Konstellation durchzuführen. Gerade, weil sie auch das Geschäftsmodell der Plattform betreffen. Das Problem zeigt sich, wenn wichtige Elemente von der Plattform selbst vorgenommen werden. Dazu zählt etwa die Einstufung von Werbung als politisch. Die paradoxen Ergebnisse dieser Studie veranschaulichen das Problem zusätzlich.“
Bewertung der Methodik
„Darüber hinaus haben Studien, die versuchen, die Wirkung von etwas – zum Beispiel politischer Werbung – durch die Entfernung desselben abzuschätzen, einen grundsätzlichen Nachteil: Sie müssen von einer umgekehrten, symmetrischen Wirkung ausgehen. Um die tatsächliche Wirkung einer Wahlkampagne auf Facebook abzuschätzen, müssten Daten über längere Zeiträume, vom Beginn der Kampagne an und über verbundene Gruppen von UserInnen hinweg gemessen werden. Dies ist eine Praxis, die wahrscheinlich auch zur Bewertung kommerzieller Werbekampagnen eingesetzt wird.“
Interpretation der Ergebnisse
„Soweit ich mit der Literatur vertraut bin, sind die Ergebnisse hinsichtlich der geringen Auswirkungen von Werbung nicht überraschend. Solche geringen Auswirkungen können sich dann im Laufe der Zeit kollektiv summieren.“
„Auffällig an dieser Studie ist die Betonung der Insignifikanz der Ergebnisse. Gleichzeitig werden jedoch die pro Werbekosten gewonnenen Stimmen analysiert und hervorgehoben. Diese werden wiederum als sehr hoch eingeschätzt. Das erscheint mir etwas paradox und spiegelt möglicherweise auch die paradoxe Rolle wider, die Meta zu spielen versucht: Einerseits gebe es keine politischen Auswirkungen, andererseits sei die Plattform jedoch hochwirksam für Werbetreibende.“
Erklärung der Ergebnisse
„Folgendes ist über die internen Personalisierungsalgorithmen von Meta bekannt: Sie sorgen dafür, dass Werbung einfacher und kostengünstiger an ein Publikum geliefert wird, das diese vermutlich sowieso gerne sieht. So sollen die UserInnen nicht verschreckt werden.“
„Darüber hinaus wurde die Studie in einer fortgeschrittenen Phase des Wahlkampfs und der polarisierten Politik in den USA durchgeführt. Festgefahrene Lager sind somit keine Überraschung. Auch hier stellt sich Meta als passiver Anbieter dar, was aber nicht mit den Berechnungen der gewonnenen Stimmen durch Werbung zusammenpasst. Wären Daten aus der Anfangsphase des Wahlkampfes und aus anderen Ländern mit einem weniger starren Zweiparteiensystem verfügbar gewesen, hätte man mehr Variation und aussagekräftigere Ergebnisse erwarten können.“
Datenverfügbarkeit zu sozialen Medien
„Bei groß angelegten Datenanalysen und Experimenten sind Forschende nach wie vor fast vollständig von den Plattformen abhängig. Die Zusammenarbeit mit den Plattformbetreibern hat sich seit dem Zeitpunkt der vorliegenden Studie zusätzlich verschlechtert. Feldversuche und Beobachtungsstudien können in vielen Fällen nur extern durchgeführt werden. Dazu zählen etwa Sock-Puppet-Studien, Scraping oder Selbstauskünfte. Jedoch laufen diese Studien nicht in vergleichbarem Umfang oder mit vergleichbaren Eingriffen in die Funktionsweise der Plattformen ab.“
„Wenn die Durchsetzung funktioniert, wird der Digital Services Act (DSA) eine regulierte Verbesserung bringen. Dies wird er insbesondere im Hinblick auf den Datenzugang, aber wahrscheinlich weniger im Hinblick auf Kooperationen und Experimente tun.“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
„Ich habe keinen Interessenkonflikt.“
Primärquelle
Gentzkow M et al. (2026): The effects of political advertising on Facebook and Instagram before the 2020 US election. Nature Human Behaviour. DOI: 10.1038/s41562-025-02328-w.
Weiterführende Recherchequellen
Science Media Center (2026): Beeinflusst der X-Feed politische Meinungen? Statements. Stand: 18.02.2026.
Science Media Center (2025): Wirkung sozialer Medien im Wahlkampf. Press Briefing. Stand: 08.01.2025.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Science Media Center (2023): Soziale Medien: Wie wirken Newsfeed-Algorithmen auf User? Statements. Stand: 27.07.2023.
Dr. Philipp Müller
Akademischer Rat am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Universität Mannheim
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Dr. Philipp Lorenz-Spreen
Leiter der Nachwuchsforschungsgruppe Computational Social Science, Fachbereich Synergy of Systems, Center for Interdisciplinary Digital Sciences, Technische Universität Dresden
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keinen Interessenkonflikt.“