Zum Hauptinhalt springen
30.08.2019

Wie lässt sich der Windkraftausbau wieder beschleunigen?

Anlass

Seit dem Frühjahr 2019 kreisen Berichte über den erlahmenden Windenergie-Ausbau, nachdem die Fachagentur Windenergie an Land die Ausbauzahlen für das erste Halbjahr 2019 veröffentlichte: 81 Anlagen mit einer Leistung von 271 MW gingen ans Netz. 1997 lag das letzte Mal die neu installierte Leistung in einem Halbjahr unter 300 MW, damals wurden nur 216 MW Windenergieleistung angeschlossen (seinerzeit allerdings verteilt auf 360 neue Windräder). Gleichzeitig sinkt die Teilnahme an den Ausschreibungen der Bundesnetzagentur für die Installation neuer Windkraftanlagen, obwohl deutlich mehr Genehmigungen für Windanlagen vorhanden sind: So lagen für die 8. Ausschreibungsrunde im Februar 2019 zum Beispiel Genehmigungen für Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 1.840 MW vor. Für die Ausschreibung hätten 700 MW eingereicht werden können, tatsächlich eingereicht wurden jedoch nur 499 MW, genehmigt nur 476 MW. Dieses Verhältnis lässt sich für die jüngeren Ausschreibungen derzeit nicht mehr ermitteln, da die Bundesnetzagentur das Leistungsvolumen von Windanlagen mit Genehmigungen nicht mehr veröffentlicht. Die Fachagentur Windenergie an Land schätzt, dass für Mai Genehmigungen im Umfang von 1.780 MW (Tabelle 1) vorlagen. Der Trend, weniger Windenergieleistung bei den Ausschreibungen der Bundesnetzagentur einzureichen, als ausgeschrieben sind, hält seit August 2018 an; seitdem ist es durchgängig nicht mehr gelungen, genug Anbieter für die ausgeschriebene Windenergieleistung zu erhalten. Im August 2019 gingen für weniger als ein Drittel Angebote ein. Selbst bestehende Anlagen werden oft noch beklagt: In einer Umfrage in der Branche ermittelte die Fachagentur die Zahl und Gründe für die Klagen wie auch Gründe für nicht genehmigte Windenergieprojekte.Für Donnerstag, den 5. September hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier Vertreter der Länder und der Windenergiebranche nach Berlin eingeladen, um über den schleppenden Ausbau der Windenergie zu sprechen. Wir haben das zum Anlass genommen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu fragen, wie der Windkraftausbau wieder an Fahrt gewinnen könnte.

 

Übersicht

  • Prof. Dr. Claudia Kemfert, Abteilungsleiterin der Abteilung "Energie, Verkehr und Umwelt", Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin
  • Prof. Dr. Karsten Lemmer, Vorstand Energie und Verkehr, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR), Braunschweig
  • Eva Hauser, Stellvertretende wissenschaftliche Leiterin, Institut für Zukunftsenergiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (IZES), Saarbrücken
  • Prof. Dr. Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
  • Prof. Dr. Roland Dittmeyer, Institutsleiter, Institut für Mikroverfahrenstechnik, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Eggenstein-Leopoldshafen

Statements

Prof. Dr. Claudia Kemfert

Abteilungsleiterin der Abteilung "Energie, Verkehr und Umwelt", Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin

„Das Problem liegt in den – politisch gewollten – massiv verschlechterten Rahmenbedingungen für den Ausbau der Windenergie: Die Änderung der Förderung auf Ausschreibungen, die ungenügende Menge an ausgeschriebenen Kapazitäten, die Abstandsregeln in NRW und Bayern, die restringierte Zuschlagserteilung und zunehmende Bürokratie führen zu einem Erliegen des Windenergieausbaus.“

„Die derzeitigen Ausschreibungsmengen sind viel zu niedrig, zu statisch und zu wenig auf die Optimierung und Systemdienlichkeit ausgerichtet, zudem werden zu wenig Innovationen einbezogen. Es werden lastnahe und auf Flexibilität ausgerichtete Kapazitäten sowie Speicher benötigt.“

„Und es liegt an unnötigen Abstandsregelungen für Windanlagen wie in Bayern oder NRW. Die erneuerbaren Energien müssen weiter wachsen, am besten lastnah und dort, wo es dem System am meisten nützt. Es bedarf dezentraler Netze samt intelligenter Steuerung, um die Energiewende so kosteneffizient wie möglich zu machen. Zum Gelingen der Energiewende sind aber ebenso lastnahe Stromerzeugungsanlagen wichtig, die Energie bedarfsgerecht und versorgungssicher herstellen.“

„Um die Probleme zu lösen, sollten die Menge ausgeschriebener Kapazitäten mindestens verdoppelt werden, da mit dem Kohleausstieg ein deutlich schnellerer Zubau von erneuerbaren Energien notwendig sein wird. Die Ausschreibungen sollten vor allem auf mehr Systemdienlichkeit ausgerichtet werden, zudem sollten Kombi-Lösungen mit Speichern einbezogen werden.“

„Zudem sollten mehr Vorrangflächen ausgewiesen werden, die nah an ohnehin existierenden Infrastrukturen liegen und nicht in Konflikt mit Natur/Umweltschutz und Bürgerinteressen liegen. So ließen sich die vielen Klagen und damit zeitlichen Verzögerungen der Verfahren besser vermeiden.“

„Kommunen und Bürger sollten an Projekten stärker finanziell beteiligt werden können, dafür sollte eine bundeseinheitliche Regelung getroffen werden, damit die kluge Initiative aus Mecklenburg-Vorpommern auch in anderen Bundesländern umgesetzt werden kann – wie es Brandenburg plant.“

„Wichtiger als das Netzausbaubeschleunigungsgesetz wäre ein Windenenergieausbaubeschleunigungsgesetz. In diesem Zusammenhang sollte die Bürokratie abgebaut werden und die Verfahren verschlankt und erleichtert werden. Und man sollte systemdienliche Ausschreibungen auch für Netze einführen, ähnlich wie es jüngst die Monopolkommission vorgeschlagen hat.“

„Müssten sich auch die Netzbetreiber einem Wettbewerb um günstigste Lösungen stellen, würden die Kosten sicherlich sinken können, und wir könnten einen optimierten und auf Systemdienlichkeit ausgerichteten Netzbedarf steuern und umsetzen.“

Prof. Dr. Karsten Lemmer

Vorstand Energie und Verkehr, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR), Köln

„Windenergie bildet zusammen mit Photovoltaik die wichtigste Säule der Stromerzeugung für ein weltweit klimaneutrales Energiesystem. Trotzdem ist der Ausbau der Windenergie in Deutschland nahezu zum Erliegen gekommen. Die Ursachen liegen im Wesentlichen in den sich verändernden Marktbedingungen sowie zunehmender Kritik und damit sinkender Akzeptanz der Windenergie. Dies führt dazu, dass Windenenergieanlagen häufig deutlich verzögert oder nur teilweise umgesetzt werden können.“

„Politische Randbedingungen haben einen großen Einfluss auf die Marktentwicklung erneuerbarer Energien, Veränderungen wirken sich entsprechend auf die Stabilität des Marktes aus. Durch den Wechsel auf ein ausschreibungsbasiertes Fördersystem im EEG 2017 sowie die damit einhergehende Ausbaudeckelung sind in Summe weniger Neubauprojekte vorgesehen, wodurch sich Schwierigkeiten bei der Umsetzung einzelner Projekte stärker auf den Gesamtzubau der Windenergie auswirken. Dadurch fallen Hemmnisse wie lange Genehmigungsprozesse oder bundesweite Unterschiede in den Verfahren sowie Klagen gegen Windprojekte deutlicher ins Gewicht, als dies unter einem Einspeisevergütungssystem der Fall war. Eine weitere Folge dieser Unsicherheiten bei der Umsetzung ist das finanzielle Risiko, welches daraus für die Betreiber folgt. Durch die zeitliche Begrenzung der Umsetzung einmal vergebener Zuschläge und der Folgen bei einer Nichtumsetzung liegt die Vermutung nahe, dass diese Hemmnisse die Investitionsbereitschaft senken. Diese Aspekte sind bei der Weiterentwicklung der politischen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen.“

„Eine zentrale Rolle spielt auch die abnehmende Akzeptanz des weiteren Ausbaus von Windenergie. Die meisten Kritikpunkte sind nicht neu, sie haben aber das Potenzial, bei zunehmender Marktdurchdringung der Windenergie eine stärkere Resonanz zu erzeugen. Zur Steigerung der Akzeptanz sind daher neue Regelungen erforderlich, beispielsweise für den Umgang mit Schallemissionen und dem Einsatz von Technologien für den (präventiven) Schallschutz, für eine transparente und belastbare Bewertung von Eignungsflächen sowie den Einfluss von Windparks auf das regionale Klima. Eine ressortübergreifende Forschungsinitiative zur Akzeptanz für erneuerbare Energien und die Energiewende, die neben technischen Aspekten auch soziale, medizinische, ökologische, ökonomische und rechtliche Fragen beleuchtet, kann die Akzeptanz steigern und damit den weiteren notwendigen Ausbau der Windenergie voranbringen.“

Eva Hauser

Stellvertretende wissenschaftliche Leiterin, Institut für Zukunftsenergiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (IZES), Saarbrücken

„Windkraft hat weiterhin eine höchst wichtige Bedeutung beim Ausbau der Erneuerbaren Energien und dem Schutz unseres Planeten. Daher müssen die Bedingungen für den Ausbau der Windenergie in vielen Punkten verbessert werden: Die Akzeptanz der Windenergie und der Energiewende als solches darf nicht als gesichert gelten; die Vorteile der Windenergie und der Umgang mit möglichen Zielkonflikten müssen offen thematisiert werden.“

„Dabei muss die Bedeutung der Windenergie im Zusammenspiel aller klimaschonenden Energieträger stets hervorgehoben werden: Natur- und Artenschutz sind wichtig, benötigen aber ein intaktes Klima als Grundvoraussetzung. Weiterhin müssen bestehende administrative bzw. genehmigungsrechtliche Hürden (Flugsicherung. Militärische Vorbehalte, etc.) überdacht werden, um keine zusätzlichen Hürden für den Ausbau der Windenergie zu schaffen. Auch für das notwendige Repowering alter Anlagen sind vereinfachte Regeln – unter Konsultation der Menschen vor Ort – notwendig. Dies kann dazu beitragen, den Genehmigungsstau der Windkraftanlagen zu verringern.“

„Da allerdings schon viele genehmigte Anlagen trotzdem nicht in die Auktionen der Bundesnetzagentur eingebracht werden, muss das Ausschreibungssystem überdacht werden. Dieses bringt aktuell weder finanziell noch für den EE-Ausbau Vorteile. Nach wie vor wären Ausnahmen vom Ausschreibungszwang für kleine Windparks bis sechs Anlagen hilfreich – sie stellen das Gros des bundesdeutschen Anlagenbestandes dar.“

Prof. Dr. Volker Quaschning

Professor für Regenerative Energiesysteme, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin

„Bereits vor zwei Jahren haben wir den Einbruch des Windkraftausbaus prognostiziert. Es war also eine Katastrophe mit Ansage, die entweder fahrlässig oder absichtlich herbeigeführt wurde. Ursachen sind die geänderten Förderbedingungen durch Ausschreibungen, viel zu hohe Abstandsregelungen in einzelnen Bundesländern und enorme Hürden im Genehmigungsprozess und Widerstände vor Ort. Das Einhalten sämtlicher Klimaschutzziele können wir damit momentan vergessen.“

„Es muss ein ganzes Maßnahmenpaket erfolgen. Einige der Maßnahmen wären: Ausnahme von Bürgerwindparks von der Ausschreibepflicht, Abschaffung der Abstandsregeln in den jeweiligen Bundesländern, akzeptanzfördernde Maßnahmen wie bessere finanzielle Teilhabe der betroffenen Gemeinden und deutliche Vereinfachungen beim Genehmigungsverfahren. Außerdem müssen die Ausschreibemengen und der Zielkorridor im EEG auf die Erfordernisse des Klimaschutzes angehoben werden.“

Prof. Dr. Roland Dittmeyer

Institutsleiter, Institut für Mikroverfahrenstechnik, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Eggenstein-Leopoldshafen

„Der wichtigste Grund für den schleppenden Ausbau der Windenergie in Deutschland ist nach meinem Eindruck der nicht gegebene Konsens über die in Deutschland zukünftig nötige Menge an erneuerbarem Strom. Um das Ziel zu erreichen, die deutschen Nettoemissionen von Treibhausgasen, allen voran CO2, bis spätestens 2050 auf null zu bringen, bedarf es sehr großer Mengen an CO2-freiem Strom, von dem ein erheblicher Teil aus Gründen der Versorgungssicherheit und zur Sektorkopplung über Power-to-X-Technologien chemisch gespeichert werden muss.“

„Da Deutschland mit gutem Grund den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen hat und die Potenziale von Bioenergie, Wasserkraft und Geothermie weltweit begrenzt sind, müssen die Solarenergie und die Windenergie einen großen Teil der CO2-freien Stromerzeugung beisteuern. Diskutabel ist, welcher Anteil des benötigten Stromes in Deutschland selbst erzeugt und chemisch gespeichert werden muss, da es anderswo auf der Welt (und auch in Europa) Standorte mit höherem Potenzial für erneuerbare Energien gibt und dort hergestellter Strom oder chemische Energieträger nach Deutschland importiert werden könnten. Zu beachten ist, dass Deutschland nicht das einzige Land sein wird, das CO2-freie erneuerbare Energieträger importieren möchte.“

„Die vordringliche Aufgabe liegt für mich darin, den gesellschaftlichen Konsens über die Notwendigkeit der Transformation des Energiesystems in Deutschland hin zu einer nachhaltigen erneuerbaren Basis herzustellen.Wir am KIT unterstützen diese Transformation durch Forschung und Entwicklung sowie Innovation im Bereich dezentraler Power-to-X-Technologien. Diese können helfen, Hemmnisse beim weiteren Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung durch Windenergie und Photovoltaik in Deutschland zu beseitigen.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine angegeben.

Weitere Recherchequellen

Strom-Forschung.de: Experten fordern mehr Forschung und Information zu Akzeptanzfragen bei Windenergieanlagen.

Teske S et al. (2019): Achieving the Paris Climate Agreement Goals.