Vor Beginn der Fußball-WM: Sind nachhaltige Großveranstaltungen möglich?
Fußball-Weltmeisterschaft verursacht große Mengen Treibhausgasemissionen
Großveranstaltungen heute oft schon mit offiziellen Nachhaltigkeitsplänen, die in der Umsetzung weit hinter Notwendigem zurückbleiben
Experten: Großveranstaltungen werden immer einen Fußabdruck hinterlassen, aktuell vor allem durch Trend zu immer größeren Events und Emissionen durch Reiseverkehr des Publikums
Am 11.06.2026 beginnt die 23. Fußball-Weltmeisterschaft der Männer, die zum ersten Mal in drei Ländern ausgerichtet wird. Bei sportlichen Großveranstaltungen wie Welt- und Europameisterschaften oder auch Olympischen Spielen stehen die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz bisher meist im Hintergrund. Doch diese Events verursachen enorme CO2-Emissionen und verbrauchen auch in Zeiten knapper werdender Ressourcen große Mengen Energie, Wasser und Material. Daher stellt sich zunehmend die Frage, inwiefern es möglich ist, auch bei derartigen Sportveranstaltungen, die allein der Unterhaltung dienen, Klimaschutz und Nachhaltigkeit so zu berücksichtigen, dass es nicht bei bloßen Absichtserklärungen bleibt.
An dem nun beginnenden Turnier in Kanada, Mexiko und den USA nehmen mit 48 Ländern so viele Teams teil, wie bei noch keiner anderen Fußball-WM. Dabei werden diese Turniere immer größer – bis 1978 nahmen maximal 16 Mannschaften teil, zuletzt 32 Teams in Katar 2022. Gespielt wird in drei verschiedenen Zeitzonen, die Wege zwischen den Spielorten sind lang, die Quartiere der Mannschaften oft weit entfernt. So ist die deutsche Nationalmannschaft in der Kleinstadt Winston-Salem im Bundesstaat North Carolina untergebracht. Für ihre drei Spiele in der Vorrunde muss sie zwischen 750 und fast 1600 Kilometern zu den Stadien in Houston, Toronto und New York reisen. Für das Team Österreichs sind es zwischen 750 und 2600 Kilometer, für die Auswahl der Schweiz bis zu 550 Kilometer. Die Spiele der nächsten Weltmeisterschaft im Jahr 2030 finden dann sogar auf drei Kontinenten statt, mit Austragungsorten in Uruguay, Marokko und Spanien.
Professor (FH) für Sportmanagement und Sportsoziologie, Leiter des Instituts für Sport und nachhaltige Entwicklung, Fachhochschule Kufstein Tirol, University of Applied Sciences
„Untersuchungen zeigen, dass die Mobilität – die unter die sogenannten Scope-3-Emissionen fällt (alle indirekten Treibhausgasemissionen, die entlang der Wertschöpfungskette eines Unternehmens entstehen, aber nicht direkt vom Unternehmen selbst kontrolliert werden; Anm. d. Red.) – der Hauptverursacher von Emissionen im Zusammenhang mit diesen Sportveranstaltungen ist, wobei jedoch auch der Bau und die Instandhaltung von Großanlagen keineswegs außer Acht gelassen werden sollten. Letztendlich sind wir noch weit davon entfernt, über zuverlässige, flächendeckende und umweltfreundliche Reisemöglichkeiten zu verfügen. Für Länder wie Curaçao, Kap Verde oder Usbekistan ist es unrealistisch, mit dem Zug nach Nordamerika zu reisen, und solche umweltfreundlichen Reiseangebote sind noch in weiter Ferne.“
Veranstaltungen mit immer mehr teilnehmenden Ländern
„Der Umfang – also die Anzahl der teilnehmenden Länder – ist ein Faktor, der einfach nicht ignoriert werden kann, da die meisten Großveranstaltungen hinsichtlich der Anzahl der Sportarten, der Teilnehmer und der Austragungsorte erheblich gewachsen sind. Ich würde jedoch argumentieren, dass es nicht nur um den Umfang einzelner Veranstaltungen geht, sondern auch um die Vielfalt neuerer Veranstaltungen. Die Erweiterung der Weltmeisterschaft ist bemerkenswert, und die Diskussionen über eine weitere Ausweitung sind auffällig.“
„Wir beobachten jedoch eine starke Zunahme der Anzahl von Veranstaltungen innerhalb der einzelnen Sportarten. Die Klub-Weltmeisterschaft hat eine völlig neue Form angenommen, die UEFA hat die Conference League ins Leben gerufen, und es gibt zahlreiche relativ neue Multisportveranstaltungen wie die Olympischen Jugendspiele, die European Games oder die African Beach Games. Wenn wir anerkennen, dass mobilitätsbedingte Emissionen die größte Emissionsquelle darstellen, wir aber dennoch ständig neue Formate und Austragungsorte für Wettkämpfe und damit für Reisen schaffen, können Nachhaltigkeitsmaßnahmen unmöglich Schritt halten.“
Bewusstsein unter den Sportlerinnen und Sportlern
„Und letztendlich verdeutlicht dies die Blase, in der die Sportler leben. Sie bewegen sich in einer Welt, in der Wettkämpfe als unverzichtbar für ihre Entwicklung angesehen werden und der Erfolg im Wettkampf oft direkt mit finanziellen Anreizen verbunden ist. Daher wird der Erfolg in diesen Wettkämpfen über alle anderen Überlegungen gestellt – bis zu dem Punkt, an dem die potenziellen Unannehmlichkeiten einer kurzen Zugfahrt als nebensächlich abgetan werden, da sie letztendlich einen Wettbewerbsnachteil darstellen könnten. Selbst Nachhaltigkeitsmanager in Olympischen Komitees, die wir im Rahmen eines Forschungsprojekts befragt haben [1], stellen Wettbewerbsprioritäten oft (implizit) über Nachhaltigkeitsaspekte. In vielen Fällen klingt Nachhaltigkeit zwar gut, sollte aber nicht auf Kosten des Wettbewerbserfolgs gehen.“
„Zusammenfassend lässt sich sagen: Letztendlich haben Umfang und Vielfalt der Veranstaltungen in den vergangenen 15 bis 20 Jahren dramatisch zugenommen. Diese Veranstaltungen bringen zahlreiche ökologische Herausforderungen mit sich, nicht zuletzt in Form erhöhter mobilitätsbedingter Emissionen. Auch wenn bei einigen Veranstaltungen sinnvolle Maßnahmen zur Gewährleistung der Nachhaltigkeit in anderen Bereichen ergriffen werden, ist der Reiseverkehr der dominierende Emissionsverursacher. Und viele Großveranstaltungen sind in anderer Hinsicht sozial störend, beispielsweise durch die Vertreibung der lokalen Bevölkerung – zum Beispiel in Brasilien – oder durch neue Sicherheits- und Überwachungsvorschriften, wie zum Beispiel in Paris. Gesellschaftlich gesehen glaube ich, dass wir diese Nachteile oft akzeptieren, weil die Überzeugung besteht, dass diese Veranstaltungen Dinge wie sportliche Betätigung, gemeinsame Werte oder wirtschaftliche Entwicklung fördern können. Doch Forschungsergebnisse zeigen regelmäßig, dass die Ergebnisse in diesen Fragen bestenfalls gemischt sind. Untersuchungen zeigen ganz klar, dass Mega-Sportveranstaltungen die sportliche Aktivität der Bevölkerung nicht nachhaltig steigert. Sobald die Bevölkerung beginnt, sich mit der ganzen Realität dieser Veranstaltungen auseinanderzusetzen, kann es zu einer sehr aktiven Neubewertung ihres Nutzens und ihrer Notwendigkeit kommen – wie wir es bei den Anti-Olympia-Bewegungen in Boston oder Hamburg sehen.“
Professor für Tourismus, School of Business and Economics, Linnaeus University, Kalmar, Schweden , Schweden
„Großveranstaltungen, auch in Form von Kongressen, Festivals oder Konzerten, sind schwer nachhaltig zu organisieren. Die Anreise erfolgt bei vielen Teilnehmern internationaler Veranstaltungen mit dem Flugzeug, hier entstehen sehr wesentliche Emissionen pro Person. Bei nationalen Events ist häufig das Auto das Transportmittel der Wahl – hier ist es die Menge der Besucher, die zu hohen Emissionen beiträgt. Nachhaltig gestalten kann man das angebotene Essen, indem man vegetarische Alternativen anbietet und Überproduktion vermeidet. Die FIFA ist sicherlich ein Sonderfall besonders nicht-nachhaltiger Events, weil besonders viel Flugverkehr entsteht, auch mit Privatflugzeugen.“
Entwicklungen der vergangenen Jahre
„Ich sehe keine wesentliche Tendenz zu mehr Nachhaltigkeit, auch wenn einzelne Städte wie zum Beispiel Berlin da schon sehr viel in Bewegung gesetzt haben. Das Problem bleibt die Anreise – da sehe ich auch wenig konkrete Lösungsmöglichkeiten. Wir erinnern uns an von etlichen Fans verpasste Spiele in Deutschland während der Europameisterschaft 2024, weil Besucher mit der Deutschen Bahn angereist waren.“
Bewusstsein unter den Zuschauerinnen und Zuschauern
„Wir befinden uns momentan in einer passiven Klimabetrachtung. Das Thema hat Relevanz verloren, weil andere Fragen dominieren. Gleichzeitig wird wieder stärker gefordert, nicht den Einzelnen, sondern ‚das System‘ zu ändern. Das funktioniert aber zum Beispiel im Flugverkehr nicht ohne politische Steuerung – die es aber nicht gibt. Die soziale Norm ist also aktuell ‚Ich bin nicht verantwortlich für die Konsequenzen meines Handelns, die Klimafrage muss von anderen gelöst werden‘. Diese ‚anderen‘ gibt es aber nicht – und es ist bezeichnend, dass die vormalige Bundesregierung abtreten musste, als sie handeln wollte.“
Großveranstaltungen als Impulsgeber für nachhaltige Entwicklungen?
„Es gibt Beispiele von Städten, die versucht haben, Großveranstaltungen ‚nachhaltig‘ zu organisieren. Das wurde zum Teil auch breit kommuniziert. Die Frage ist, ob das aber nicht den Effekt hat, dass kritische Perspektiven verschwinden. Es scheint sich ja alles in die richtige Richtung zu bewegen, daher muss ich mich nicht weiter kümmern und kann machen, was ich will. Es bleibt aber dabei, dass die Summe unserer Handlungen der Klimaproblematik zugrunde liegt.“
Senior Researcher im Bereich Bereich Ressourcen & Mobilität, Öko-Institut, Darmstadt
„Grundsätzlich gilt, jedes Megaevent wie eine Fußball-Weltmeisterschaft verursacht große Mengen an Emissionen, so wie sich auch beim Spiel eines Amateurvereins oder unseren privaten Aktivitäten Umweltauswirkungen nicht ganz vermeiden lassen. Wenn wir also auf solche Events und Aktivitäten nicht verzichten wollen, müssen wir uns mit deren Auswirkungen befassen.“
„Bei Sportgroßveranstaltungen trägt der Verkehr zu 80 Prozent oder mehr der gesamten Treibhausgasemissionen bei. Dies hauptsächlich verursacht durch die Zuschauerverkehre – abhängig zum Beispiel von der Größe, ob nationales oder internationales Event. Der Verkehr ist also das große Sorgenkind – wie auch bei unseren bundesdeutschen Klimaschutzbemühungen. Das Gute ist: Mit einem umweltfreundlichen Verkehrskonzept können wir den Ausstoß dieser Treibhausgasemissionen verringern. Wichtige Maßnahmen sind Kombitickets für Eintritt und kostenlose Nutzung des ÖPNV – sollte heute Standard sein –, sowie der Einsatz von Sonderzügen, damit man auch abends nach dem Spiel noch nach Hause kommt. Attraktive Bahntickets – auch für den grenzüberschreitenden Bahnverkehr – oder im besten Fall sogar kostenlose Zugtickets wie bei der Fußball-Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz sind sinnvolle Beispiele. Nachhaltigkeit ist aber mehr als Klimaschutz. Das Webportal ‚Nachhaltige Sport[groß]veranstaltungen‘ ist mit seinen 17 Handlungsfeldern die zentrale Anlaufstelle für nachhaltige Sport(groß)veranstaltungen. Dort finden alle Veranstalter die passenden Nachhaltigkeitsthemen für ihre Sportveranstaltung.“
Entwicklungen der vergangenen Jahre
„Die Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland war ein Beispiel, wie mit einer guten Spielplanung mehr für den Klimaschutz getan werden kann. Gerade im Vergleich zur aktuellen Fußball-Weltmeisterschaft 2026 wird das deutlich. Bei der EURO 2024 waren die Spiele in der Gruppenphase regional geclustert, das bedeutete kurze Wege und weniger Flüge und damit weniger CO2-Emissionen. Bei der WM 2026 sehen wir das Gegenteil: Das deutsche Team beispielsweise muss in der Vorrunde von Houston im Süden der USA nach Toronto in Kanada reisen, also weite Strecken und hohe CO2-Emissionen.“
Bewusstsein unter den Sportlerinnen und Sportlern
„Eine nachhaltige Sportgroßveranstaltung verfolgt zwei Aspekte. Erstens geht es ganz konkret darum, den Ausstoß der durch das Event verursachten Treibhausgasemissionen so weit wie möglich zu verringern. Zweitens soll ein solches Event andere für Nachhaltigkeit sensibilisieren und zum Mitmachen motivieren. Hier kommen wir zur Vorbildfunktion unserer Sportidole und der Handball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland, die dafür ein gutes Beispiel war. In Partnerschaft mit der Deutschen Bahn wurde vereinbart, dass in den nächsten Jahren alle deutschen Handballnationalteams mit der Bahn zu ihren Spielen reisen sollten – ein Zeichen für umweltfreundliche Mobilität.“
Großveranstaltungen als Impulsgeber für nachhaltige Entwicklungen?
„Ein Sportgroßereignis kann Impulse für eine nachhaltige Entwicklung setzen. Mit Green Goal, dem Umweltkonzept der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, wurde seinerzeit erstmals im Fußball der Mechanismus der Klimakompensation angewandt. Die nicht vermeidbaren, durch die WM verursachten Treibhausgasemissionen in Deutschland, wurden durch hochwertige Klimaschutzprojekte an anderer Stelle ausgeglichen. Bei der Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland folgte wieder ein Meilenstein: der Klimaschutzfonds des Sports. Heute geht es darum, dass wir beim Klimaschutz zu Hause in Deutschland unsere Hausaufgaben erledigen und endlich ins Handeln kommen. Amateurvereine in Deutschland konnten sich bei der EURO 2024 um die Gelder aus dem Klimaschutzfonds bewerben und damit Klimaschutzmaßnahmen umsetzen, wie zum Beispiel Photovoltaikanlangen oder LED-Beleuchtung in ihren Vereinen.“
„Eine Sportgroßveranstaltung ist ohne viele tausende Freiwillige gar nicht möglich. Dieses Ehrenamt durch die Volunteers zahlt auch in den organisierten Sport ein. Unsere Sportvereine leben von und mit dem Ehrenamt, genauso wie das Ehrenamt eine wichtige Stütze unserer Gesellschaft darstellt. In dem Sinne, dass Sportevents das Ehrenamt befördern, leisten solche Sportgroßveranstaltungen einen wichtigen Beitrag zu den sozialen Aspekten der Nachhaltigkeit.“
Leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektkoordinator des Projekts Sports for the Planet?, Institut für Geographie und Nachhaltigkeit, Université de Lausanne
„Großsportveranstaltungen können nachhaltiger organisiert werden, doch die vorliegenden Erkenntnisse deuten darauf hin, dass dies unmöglich wird, sobald Veranstaltungen an Umfang, geografischer Ausdehnung, Infrastrukturbedarf und Anforderungen an internationale Reisen zunehmen. In unserer begutachteten Bewertung der Nicht-Nachhaltigkeit der Olympischen Spiele haben wir festgestellt, dass die allgemeine Nachhaltigkeit der Olympischen Spiele im Laufe der Zeit abgenommen hat, trotz der zunehmenden Bedeutung von Nachhaltigkeitsstrategien und -berichterstattung. Im strengsten ökologischen Sinne ist die nachhaltigste Veranstaltung diejenige, die gar nicht stattfindet, wie die abgesagte World University Games 2021 in Luzern verdeutlicht. Die praktischere Frage ist jedoch, wie die Umweltauswirkungen von Veranstaltungen, die tatsächlich stattfinden, so weit wie möglich verringert werden können.“
„Das zentrale Problem ist nicht nur die Kommerzialisierung an sich, sondern die Art und Weise, wie wirtschaftliches Wachstum – und der damit einhergehende ständige Drang nach mehr – oft zu größeren Turnierformaten, mehr Austragungsorten, mehr Fernverkehr und einer höheren organisatorischen Komplexität führt. Dies führt zu einem Spannungsverhältnis zwischen Nachhaltigkeitszielen und dem vorherrschenden Veranstaltungsmodell, insbesondere wenn das Wachstum in Bezug auf den Umfang nicht mit verbindlichen Obergrenzen für Emissionen, für den Bau von Veranstaltungsstätten und für den Reiseaufwand einhergeht. Es ist auch wichtig zu beachten, dass beispielsweise das IOC die ‚Carbon-Positivity‘-Klausel (vertragliche Klausel, die festlegt, dass eine Partei Maßnahmen ergreifen muss, um klimaneutral zu handeln oder Emissionen weiter zu mindern; Anm. d. Red.) aus dem Vertrag mit der Gastgeberstadt für die Olympischen Sommerspiele 2032 in Brisbane gestrichen und nicht durch ein klar vergleichbares konkretes Ziel ersetzt hat.“
„Ein glaubwürdigeres Gleichgewicht zwischen Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Tragfähigkeit würde erfordern, dass die organisierenden Gremien und Gastgeber über relative Effizienzsteigerungen hinausgehen und absolute ökologische Grenzen festlegen. Dazu gehören klare CO₂-Budgets, eine stärkere Nutzung bestehender Infrastruktur, kompakte Austragungsorte sowie Verkehrspläne, die der Schiene und anderen emissionsarmen Verkehrsträgern Vorrang einräumen, sofern diese realistisch verfügbar sind [2]. Solche Maßnahmen würden den sozialen, kulturellen oder wirtschaftlichen Wert großer Sportveranstaltungen nicht eliminieren. Sie würden jedoch eine explizitere Diskussion über die Abwägungen zwischen Expansion, Erzielung von Einnahmen, Fanbindung, Tourismus und ökologischer Verantwortung erfordern. Wir sollten uns vor Augen halten, dass keine der Mega- oder Großveranstaltungen mit der Deckung der grundlegenden Bedürfnisse der Menschheit in Zusammenhang steht.“
Emissionen aus dem Reiseverkehr
„Der Verkehr ist in der Regel einer der größten Verursacher des CO₂-Fußabdrucks großer Sportveranstaltungen, insbesondere wenn internationale Zuschauer, Mannschaften, Medienvertreter und Offizielle über weite Strecken anreisen. Je nach Veranstaltungsformat, geografischer Lage des Austragungsortes, Berechnungsmethode und Einbeziehung internationaler Reisen kann der Verkehr zwischen 30 Prozent und 85 Prozent des gesamten CO₂-Fußabdrucks ausmachen. In vielen Fällen sind die reisebedingten Emissionen dadurch wesentlich höher als die durch den Stadionbetrieb oder den lokalen Energieverbrauch verursachten Emissionen. Der Verkehr kann jedoch nicht nur als eine Frage des individuellen Verhaltens betrachtet werden. Der räumliche Fußabdruck der Veranstaltung hat einen starken Einfluss auf die verfügbaren Verkehrsmittel. Wenn sich ein Turnier über ein sehr großes Gebiet erstreckt und keine nachhaltige Verkehrsinfrastruktur vorhanden ist, lassen sich Flugreisen kaum vermeiden.“
„Die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 veranschaulicht dieses Problem deutlich. Unabhängige wissenschaftliche Prognosen deuten darauf hin, dass das erweiterte Turnierformat mit 104 Spielen in Kanada, Mexiko und den Vereinigten Staaten bis zu 9 Millionen Tonnen Kohlendioxidäquivalenten (CO2eq) verursachen könnte. Aufgrund der großen Entfernungen zwischen den Austragungsorten wird erwartet, dass der Flugverkehr für Mannschaften, Medienvertreter, Offizielle und Fans einer der Hauptverursacher dieses CO2-Fußabdrucks sein wird. Katar 2022 bietet ein anderes, aber ebenso wichtiges Beispiel. Selbst in einem geografisch kompakten Austragungsgebiet wurden laut dem offiziellen Treibhausgasbilanzbericht der FIFA 51,7 Prozent der insgesamt 3,63 Millionen Tonnen CO2eq auf Reisen zurückgeführt.“
Emissionen aus anderen Quellen
„Der Schienenverkehr kann Emissionen erheblich reduzieren, wenn die geografischen Verhältnisse kompakt sind und zuverlässige Schienennetze vorhanden sind, stellt jedoch für sich genommen keine vollständige Lösung dar. Weitere wichtige Emissionsquellen sind der Bau und Betrieb der Veranstaltungsorte, temporäre Infrastruktur, Energieverbrauch, Logistik, Unterbringung, Rundfunk- und Fernsehübertragungen sowie die Abfallentsorgung. Diese Kategorien werden nicht immer einheitlich oder transparent über alle Veranstaltungen hinweg erfasst, was Vergleiche erschwert. Angesichts der Einnahmen der FIFA oder des IOC ist diese Situation wahrscheinlich nicht auf einen Mangel an finanziellen Mitteln zurückzuführen, sondern auf eine fehlende Prioritätensetzung.“
„Ein wichtiger Punkt ist die Berücksichtigung der Emissionen von Stadien und Infrastruktur. Je nach verwendeter Bilanzierungsmethode können die CO₂-Kosten neuer dauerhafter Veranstaltungsorte in der offiziellen Berichterstattung deutlich geringer ausfallen als bei einer vollständigen Lebenszyklusanalyse. Veranstaltungen, die mehrere neue Stadien erfordern – wie beispielsweise in Russland 2018, als neun neue Stadien für das Turnier gebaut wurden und die in diesen Bauvorhaben enthaltenen CO₂-Emissionen nicht in die zentrale CO₂-Bilanzierung einflossen –, weisen eine ganz andere ökologische Ausgangsbasis auf als Veranstaltungen, die weitgehend auf bestehende Spielstätten zurückgreifen. Das Turnier in Deutschland 2006 hingegen benötigte nur ein neues Stadion. Aus diesem Grund sind Infrastrukturentscheidungen, die während der Bewerbungs- und Planungsphase getroffen werden, von zentraler Bedeutung für die Nachhaltigkeitsergebnisse. Denken Sie nun an die FIFA-Weltmeisterschaft 2034, die mit Saudi-Arabien von dem Land ausgerichtet wird, das mehr als 70 Prozent der Wettkampfstätten neu errichten wird.”
„Wirksame Maßnahmen müssten daher sowohl die Mobilität als auch die Infrastruktur berücksichtigen. Dazu gehören die ausdrückliche Priorisierung bestehender Veranstaltungsorte, die Begrenzung neuer dauerhafter Bauten, die Forderung nach einer transparenten CO₂-Bilanz über den gesamten Lebenszyklus, die Gestaltung kompakter Veranstaltungsorte sowie die Gewährleistung, dass die Spielpläne mit CO₂-armen Reisemöglichkeiten vereinbar sind. Wenn Daten fehlen oder uneinheitlich gemeldet werden, liegt das Problem nicht nur in der Umweltbilanz selbst, sondern auch in der mangelnden Transparenz, die eine fundierte öffentliche Bewertung verhindert.“
Entwicklungen der vergangenen Jahre
„In den zurückliegenden Jahrzehnten hat das Thema Nachhaltigkeit in der Sprache, der Planung und der Berichterstattung großer Sportveranstaltungen deutlich an Bedeutung gewonnen. Nachhaltigkeitsstrategien, Nachnutzungskonzepte, CO₂-Bilanzen und Umweltinitiativen sind mittlerweile fester Bestandteil der Veranstaltungsorganisation. Die vorliegenden empirischen Erkenntnisse deuten jedoch darauf hin, dass diese Bemühungen nicht immer Schritt gehalten haben mit dem zunehmenden Umfang und der wachsenden Komplexität der Veranstaltungen.“
„Eine unserer Arbeiten [V] zeigt, dass sich die Nachhaltigkeitsbilanz der Olympischen Spiele im Laufe der Zeit verschlechtert hat. In unserem historischen Benchmarking dieser Veranstaltungen haben wir für die Olympischen Spiele eine CO2-Bilanz-Basislinie von durchschnittlich 3,03 Millionen Tonnen CO2eq pro Veranstaltung ermittelt. Im Vergleich dazu haben vergangene FIFA-Männer-Weltmeisterschaften eine historische Basislinie zwischen 1,65 Millionen Tonnen CO2eq (Deutschland 2006) und 3,63 Millionen Tonnen CO2eq (Katar 2022) ergeben. Während die historischen absoluten Gesamtwerte der FIFA aufgrund kompakterer regionaler Austragungsmodelle in der Vergangenheit gelegentlich unter dem olympischen Referenzwert lagen oder einfach aufgrund methodischer Entscheidungen viel höhere Emissionen zu niedrig angegeben wurden – Letzteres ist wahrscheinlicher –, weisen Fußballturniere durchweg eine deutlich höhere CO2-Intensität pro Athlet und pro ausgegebener eine Million US-Dollar auf. Die Einführung freiwilliger Nachhaltigkeitspläne und Umweltmanagementmaßnahmen war nicht ausreichend, um die Auswirkungen der zunehmenden Veranstaltungsgröße auszugleichen.“
„Das bedeutet nicht, dass alle Nachhaltigkeitsinitiativen sinnlos sind. Viele Maßnahmen können positive Auswirkungen haben, wie eine Abfallreduzierung, bessere Energieeffizienz, Planung des öffentlichen Nahverkehrs oder die Nutzung temporärer Veranstaltungsorte. Das Problem ist, dass solche Maßnahmen durch die Zunahme des absoluten Umfangs der Veranstaltung, insbesondere in Bezug auf Reisen, Bauarbeiten und die Komplexität des Betriebs, aufgewogen werden können.“
„Diese strukturelle Ausweitung hat dazu geführt, dass heutige Großveranstaltungen vollständig von einem wissenschaftlich vertretbaren Minderungspfad abgekommen sind. Um die 1,5-Grad-Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen, müssen laut unseren Forschungsrahmen die Emissionen der Olympischen Spiele bis 2030 um 48 Prozent, bis 2040 um 70 Prozent und bis 2050 um 84 Prozent gegenüber den historischen Ausgangswerten gesenkt werden. Bezogen auf den historischen Durchschnittswert des IOC von 3,03 Millionen Tonnen CO2eq schreibt ein mit dem Pariser Abkommen im Einklang stehendes Emissionsbudget eine absolute Obergrenze von 1,57 Millionen Tonnen bis 2030, 0,91 Millionen Tonnen bis 2040 und eine strenge Obergrenze von 0,48 Millionen Tonnen CO2eq bis 2050 vor.“
„Anstatt diesem notwendigen Abwärtstrend zu folgen, bewegt sich die Veranstaltungsplanung der FIFA deutlich in die entgegengesetzte Richtung. Durch die Erweiterung der Weltmeisterschaft 2026 auf 48 Mannschaften und 104 Spiele auf einem ganzen Kontinent werden die Emissionen des Turniers voraussichtlich 9 Millionen Tonnen CO2eq betragen. Dies stellt eine abrupte, vom Kurs abweichende Eskalation dar, die den historischen olympischen Referenzwert verdreifacht, den bisherigen Höchstwert der Weltmeisterschaft mehr als verdoppelt und die erforderliche, an das Pariser Abkommen angepasste Sportgrenze für 2050 um fast das Zwanzigfache überschreitet.“
„An dieser Stelle wird die Unterscheidung zwischen relativer und absoluter Nachhaltigkeit wichtig. Eine Veranstaltung kann pro Zuschauer, pro Sportler oder pro Spiel effizienter werden, während ihre Gesamtumweltbelastung dennoch zunimmt. Aus klimatischer Sicht ist das absolute Emissionsvolumen entscheidend. Aus diesem Grund sollte in der Nachhaltigkeitsberichterstattung deutlich gemacht werden, ob die Verbesserungen die Gesamtbelastung verringern oder lediglich die relativen Leistungsindikatoren verbessern.“
Bewusstsein unter den Sportlerinnen und Sportlern
„Das Bewusstsein für Klima- und Nachhaltigkeitsfragen scheint bei Sportlern, Teams, Veranstaltern und einigen Sportinstitutionen zu wachsen. Das individuelle Bewusstsein allein reicht jedoch nicht aus, um die wichtigsten ökologischen Herausforderungen von Sportgroßveranstaltungen zu bewältigen. Die Teilnehmer sind in der Regel an Zeitpläne, die Zuweisung von Veranstaltungsorten und Reiseanforderungen gebunden, die von den Veranstaltern und den Dachverbänden festgelegt werden.“
„Das bedeutet, dass die Verantwortung nicht in erster Linie den einzelnen Sportlern, Mannschaften oder Zuschauern auferlegt werden sollte. Ihre Entscheidungen werden durch die Struktur der Veranstaltung bestimmt. Wenn die Veranstaltungsorte weit voneinander entfernt, die Zeitpläne eng und CO₂-arme Verkehrsmittel nicht praktikabel sind, wird CO₂-intensive Mobilität zum festen Bestandteil des Veranstaltungsmodells.“
„Die Dekarbonisierung des gesamten Verkehrs- und Energiesektors wird zwar helfen, dürfte aber für sich allein genommen kaum ausreichen, insbesondere kurz- und mittelfristig. Es sind auch direktere Maßnahmen auf Veranstaltungsebene erforderlich. Dazu könnten Reiseregeln für Mannschaften und Offizielle, eine Terminplanung, die Bahnreisen für kürzere Strecken ermöglicht, Auswahlkriterien für Austragungsorte, die kompakte geografische Lagen begünstigen, sowie Ticketverkaufsstrategien gehören, die nach Möglichkeit den Besuch vor Ort und aus der Region fördern [2]. Insgesamt sollte die Sportwelt ihren Ansatz zur Ausrichtung von Veranstaltungen radikal überdenken. Anzeichen dafür sind auf der Ebene von Mega-Events jedoch nicht zu erkennen.“
Bewusstsein unter den Zuschauerinnen und Zuschauern
„Zuschauer können ihren Beitrag leisten, allerdings nur im Rahmen der ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Wenn eine Gastgeberregion barrierefreie öffentliche Verkehrsmittel, ein integriertes Ticketingsystem und eine kompakte Veranstaltungsplanung bietet, ist es wahrscheinlicher, dass die Zuschauer CO₂-ärmere Verkehrsmittel nutzen. Fehlen diese Voraussetzungen, wird die Eigenverantwortung zu einem schwachen Ersatz für institutionelle Planung.“
Großveranstaltungen als Impulsgeber für nachhaltige Entwicklungen?
„Große Sportveranstaltungen könnten potenziell den Klimaschutz unterstützen, indem sie eine CO₂-arme Planung vorleben, Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr vorantreiben, die Wiederverwendung bestehender Infrastruktur zur Selbstverständlichkeit machen und die Umweltberichterstattung für ein großes globales Publikum sichtbarer machen. Dieses Potenzial hängt jedoch davon ab, ob die Nachhaltigkeitsmaßnahmen substanziell, messbar und transparent sind und ob Organisationen, die ein Monopol auf bestimmte Sportarten haben, wie beispielsweise die FIFA, ihren ausbeuterischen Ansatz infolge des Drucks durch die Öffentlichkeit, Regierungen und Medien ändern werden. Andernfalls wird ihr Ansatz derselbe bleiben, wie wir ihn bisher gesehen haben: Ihre Logik ist auf Wachstum ausgerichtet und nicht auf Verantwortung für den Planeten.“
„Es gibt positive Maßnahmen, die einen Unterschied machen können, wie beispielsweise die Nutzung bestehender Veranstaltungsorte, die Verringerung von dauerhaften Bauten, die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs, die Vermeidung von Abfall, der Einsatz erneuerbarer Energien und die Anwendung einer glaubwürdigen CO₂-Bilanzierung. Das Problem ist, dass diese Maßnahmen manchmal ohne ausreichende Informationen über den Gesamt-CO₂-Fußabdruck der Veranstaltung präsentiert werden. In solchen Fällen erhalten öffentlichkeitswirksame Initiativen wie wiederverwendbare Becher oder Solarpaneele möglicherweise mehr öffentliche Aufmerksamkeit als größere Emissionskategorien wie internationale Reisen oder der Bau von Veranstaltungsorten.“
„Damit Großveranstaltungen einen sinnvollen Beitrag zum Klimaschutz leisten können, müssen sie anhand absoluter Minderungspfade bewertet werden und nicht nur anhand interner Effizienzziele oder ausgewählter Beispiele für bewährte Praktiken. In unserem Forschungsrahmen erfordert ein glaubwürdiges Nachhaltigkeitsmodell transparente Daten, vergleichbare Indikatoren und verbindliche Grenzwerte für die wichtigsten Einflussfaktoren. Um mit dem 1,5-Grad-Pfad des Pariser Abkommens in Einklang zu stehen, müssten Sportgroßveranstaltungen im Rahmen verbindlicher, absoluter Reduktionsziele durchgeführt werden: eine Senkung um 48 Prozent bis 2030 und um 70 Prozent bis 2040. Sind solche Daten nicht verfügbar, unvollständig oder schwer vergleichbar, sollte dies als eigenständiges Transparenzproblem betrachtet werden.”
Professorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Veranstaltungsmanagement, Hochschule Osnabrück
„Wenn viele Menschen aufeinandertreffen, hat dies automatisch Auswirkungen auf die Umwelt. Der größte Umweltfaktor bei Großveranstaltungen ist die Mobilität: An- und Abreisen verursachen einen erheblichen Teil der Emissionen. Daneben spielen aber auch der Bau und Betrieb von Sportstätten oder (temporärer) Infrastruktur und der damit verbundene Energie-, Material- und Wasserverbrauch, das erhöhte Abfallaufkommen sowie Belastungen für Natur und Biodiversität – zum Beispiel durch Lärm, Licht- und Luftverschmutzung, sowie Eingriffe in Schutzgebiete – eine wichtige Rolle.“
„Eine komplett nachhaltige Gestaltung ist bei Großveranstaltungen kaum möglich, sehr wohl aber eine nachhaltigere Gestaltung. Dazu zählen die Nutzung bestehender Sportstätten, langfristige Nutzungskonzepte beim Neubau von Sportstätten und Infrastruktur, die räumliche Konzentration der Austragungsorte, die Nutzung erneuerbarer Energien, die Förderung des ÖPNV und viele mehr. Bei der Fußball-WM 2026 werden beispielsweise zwar bestehende Stadien genutzt, gleichzeitig führen drei Gastgeberländer und die Erweiterung auf 48 Teams zu mehr Spielen, Reisen und Ressourcenverbrauch.“
„Zu den positiven Effekten von Großveranstaltungen zählen unter anderem zusätzliche Einnahmen aus Ticketverkäufen, Sponsoring und Medienrechten, die Förderung des Tourismus und des gesellschaftlichen Zusammenhalts, Ausbau der Infrastruktur sowie mögliche langfristige Imagegewinne. Dem stehen die ökologischen Belastungen sowie soziale und wirtschaftliche Risiken gegenüber, darunter steigende Mieten, Herausforderungen bei Menschen- und Arbeitsrechten, höhere Sicherheitskosten und zusätzliche Belastungen öffentlicher Haushalte.“
Entwicklungen der vergangenen Jahre
„Das Thema ‚Nachhaltigkeit bei Großveranstaltungen‘ hat sich etwa seit den frühen 1990er Jahren von einem kleineren Randthema zu einem festen Bestandteil der Planung von Sportgroßveranstaltungen entwickelt. Gleichzeitig sind diese Veranstaltungen selbst seither stark gewachsen, sodass Fortschritte durch mehr Teilnehmende, höhere Mobilität, größere Distanzen und steigende Infrastruktur- und Sicherheitsanforderungen teilweise wieder aufgehoben werden. Die zentrale Herausforderung liegt daher im Spannungsfeld zwischen Wachstum, Kommerzialisierung und Nachhaltigkeit. Zwar verfügen große Sportverbände –zum Beispiel FIFA, IOC, FIA – über Nachhaltigkeitsziele und -strategien, doch deren Glaubwürdigkeit und Transparenz von Zahlen und Maßnahmen wird von Wissenschaftler:innen regelmäßig hinterfragt – etwa in Bezug auf korrekte Emissionsmessungen oder den Einsatz fragwürdiger CO₂-Zertifikate.“
„Aus meiner Sicht hängt die Zukunft nachhaltiger Großveranstaltungen weniger von weiteren Nachhaltigkeitsstrategien ab, sondern eher von einer glaubwürdigen Rechenschaftspflicht, Transparenz und einer unabhängigen Überprüfung der tatsächlichen Wirkungen.“
Bewusstsein unter den Sportlerinnen und Sportlern
„Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit ist im Sport heute deutlich stärker ausgeprägt, allerdings müssen Nachhaltigkeitsziele oftmals immer noch hinter sportlichen und wirtschaftlichen Anforderungen zurückstehen. Gerade im Leistungssport spielen Aspekte wie Leistungsoptimierung, Regeneration, Zeitmanagement und Planungssicherheit eine zentrale Rolle, was in der Praxis oftmals eher für Charterflüge als für Bahnverbindungen spricht. Die Dekarbonisierung des Energie- und Verkehrssektors sowie technische Innovationen können die Umweltbelastung von Sportgroßveranstaltungen erheblich verringern, aber sie werden die Herausforderungen allein nicht lösen.“
„Gleichzeitig werden die Veranstaltungen immer größer, internationaler und komplexer, zum Beispiel durch mehr Teilnehmende, mehr Spiele und größere räumliche Distanzen. Dadurch wird ein Teil der Nachhaltigkeitsfortschritte wieder aufgehoben. Der größte Teil der Emissionen entsteht meist nicht durch die Teams selbst, sondern durch die An- und Abreise der Zuschauer:innen. Daher liegt der größte Hebel bei strukturellen Maßnahmen, wie einer kompakteren Turniergestaltung, kurzen Reisewegen und einer klimafreundlichen Mobilität der Zuschauer:innen. Langfristig wird nicht nur die nachhaltigere Organisation von Großveranstaltungen entscheidend sein, sondern auch die Frage, welche Formate unter den Bedingungen des Klimawandels überhaupt noch gesellschaftlich und ökologisch vertretbar und möglich sind. Damit beschäftigen wir uns auch in unserem Forschungsprojekt zum Thema Klimaanpassung bei Veranstaltungen.“
Großveranstaltungen als Impulsgeber für nachhaltige Entwicklungen?
„Großveranstaltungen können dazu beitragen, Klimaschutz und Nachhaltigkeit voranzutreiben, da sie aufgrund ihrer hohen Sichtbarkeit, ihres politischen Gewichts und ihrer finanziellen Ressourcen als ‚Testfelder‘ für neue Konzepte und Technologien dienen können. Besonders wirksam sind dabei Maßnahmen mit langfristiger Wirkung, wie zum Beispiel Investitionen in den öffentlichen Verkehr, die Nutzung bestehender Infrastruktur, nachhaltige Beschaffung oder die Einführung verbindlicher Umweltstandards. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr des Greenwashings, wenn vor allem symbolische Maßnahmen wie Mehrwegbecher oder Recyclingkampagnen kommuniziert werden, während die größten Emissionsquellen – insbesondere die An- und Abreise von Zuschauer:innen – weitgehend unangetastet bleiben.“
„Der tatsächliche Beitrag von Großveranstaltungen zur Nachhaltigkeit hängt daher weniger von symbolischen Einzelmaßnahmen ab als davon, ob zentrale Belastungsfaktoren wie Mobilität, Energieverbrauch und Infrastrukturentwicklung nachhaltig gestaltet werden. Ebenso wichtig ist, dass die tatsächlichen Wirkungen der Maßnahmen transparent und unabhängig überprüfbar sind und die Kommunikation über Erfolge und Grenzen glaubwürdig erfolgt.“
Associate Professor für Sportmanagement, Forschungsgruppe Körperliche Aktivität, Sport und Gesundheit, Institut für Bewegungswissenschaften, Katholische Universität Leuven, Belgien
„Die Grundproblematik klingt in der Frage, ob es grundsätzlich überhaupt möglich ist, mehrwöchige Großveranstaltungen nachhaltig zu gestalten, bereits an: Große Veranstaltungen, die von einer großen Anzahl Menschen vor Ort und weltweit medial verfolgt werden sollen, haben ökologischen, soziale und ökonomische Auswirkungen. Dies gilt umso mehr, da Sportgroßveranstaltungen immer an einem anderen Ort stattfinden, was entsprechende logistische und strukturelle Veränderungen mit sich bringt. Letztendlich ist die Nachhaltigkeit von Sportgroßveranstaltungen – was im Grunde für fast alle menschlichen Entscheidungen gilt –, eine Frage von Prioritäten. Diese spielen nämlich zum Beispiel bei der Beantwortung folgender Fragen eine zentrale Rolle: Wie viele Mannschaften oder Athleten sollen teilnehmen? Wie weit voneinander entfernt liegen die Wettkampfstätten und wie soll der Transport dorthin erfolgen? Wie viele neue Wettkampfstätten müssen extra für die Veranstaltung gebaut oder umfassend umgebaut werden? Wie viele Zuschauer sollen vor Ort mit dabei sein können? Woher sollen die Zuschauer kommen (dürfen)?“
„Zur Verdeutlichung: Nehmen wir an, es werden keine oder nur sehr wenige Zuschauer vor Ort zugelassen und diese müssen in der Region wohnen und mit öffentlichem Nahverkehr beziehungsweise zu Fuß oder mit dem Fahrrad anreisen. Das würde bedeuten, dass der durch Zuschauerlogistik entstehende Kohlendioxidausstoß ein ganz anderer wäre als bei der aktuell üblichen regionalen Herkunft und Anzahl von Stadionbesuchern von Sportgroßveranstaltungen.“
„Der gleichen gedanklichen Logik folgend könnten nur sehr wenige oder gar keine Medienvertreter zugelassen und nur zentral produzierte Medieninhalte zur Verfügung gestellt werden. Das würde massiv die Reisetätigkeit und benötigte Energie für die Medienproduktion verringern. Allerdings würde den Sportinteressierten in der ganzen Welt dadurch eine umfassende und – idealerweise – unabhängige Berichterstattung entgehen. Sehr viel relevanter wäre aus Sicht der Rechteinhaber IOC und FIFA, dass die durch Medienrechte eingenommen Erlöse sich massiv verringern dürften. Und diese betrugen zum Beispiel für das IOC in der Periode von 2021 bis 2024 etwa 55 Prozent seiner gesamten Einnahmen. Verringern sich diese Einnahmen wesentlich, dann müssen auch die Investitionen in Sportentwicklung, soziale Projekte und so weiter, die das IOC laufend tätigt, massiv zurückgefahren werden. Letztendlich ist es also eine Frage der Prioritätensetzung.“
Entwicklungen der vergangenen Jahre
„Meiner Wahrnehmung nach wird Nachhaltigkeit – und hiermit meine ich nicht nur die ökologische – als wesentlicher Entwicklungsaspekt gesehen. Aber man sieht aktuell ja nicht nur im Sport, dass Nachhaltigkeitsaspekte nicht (immer) primär priorisiert werden. Nachhaltigkeit wird meines Erachtens oftmals gefordert und auch angestrebt, aber immer vor dem Hintergrund vieler Nebenbedingungen, die gegebenenfalls höher priorisiert werden. Wie mein Beispiel oben zu zeigen versucht, könnte etwa die Reiseaktivität sehr schnell sehr stark verringert werden. Das würde aber bedeuten, dass Sportgroßveranstaltungen als Hort der Begegnung von Zuschauern und auch Freiwilligen aus aller Welt massiv an Wert verlieren würden.“
Bewusstsein unter den Sportlerinnen und Sportlern
„Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist – anders als oft in der Vergangenheit – mit einem Linienflieger in die USA geflogen. Das ist – so wird zumindest argumentiert – ein Beitrag zur Nachhaltigkeit. Und was andere An- und Abreisen betrifft, ist immer die Frage, wie gut verlässlich und belastend sie sind. Wenn zum Beispiel Athleten ein Ziel erreichen können, für das sie fast ihr gesamtes bisher Leben trainiert haben – das sind für die meisten die Teilnahme an solchen Veranstaltungen –, dann will man möglichst wenig dem Zufall überlassen, um idealerweise seine beste Leistung bringen zu können. Ist es also realistisch anzunehmen, dass Athleten ihre Transportmittel und Unterkünfte primär nach Nachhaltigkeitsgesichtspunkten wählen? Vermutlich nicht. Letztendlich wollen sie bei einem Wettkampf auf allerhöchstem Niveau erfolgreich sein.“
„Zu hinterfragen, wie viele Menschen – die es sich leisten können – bereit sind, auf den Flug in den Urlaub oder die Autofahrt dorthin zu verzichten und stattdessen längere Strecken mit der Bahn zurückzulegen, kontextualisiert diese Überlegungen auch noch etwas. Letztendlich sind wir also wieder bei der Fragen nach den Prioritäten.“
Großveranstaltungen als Impulsgeber für nachhaltige Entwicklungen?
„Es gibt durchaus Bestrebungen, Sportgroßveranstaltungen nachhaltiger zu machen. So wird zum Beispiel oftmals der Transport mit dem ÖPNV gefordert oder gefördert. Allerdings sind solche Bestrebungen auch nicht immer zielführend. Um ein Beispiel zu nennen: Als ich bei einer solchen Veranstaltung Wettkämpfe besucht habe, wurde Wasser in Pappbechern – und nicht in Plastikflaschen – verkauft. Das scheint auf den ersten Blick löblich. Allerdings habe ich gesehen, dass die Becher aus Einweg-Plastikflaschen befüllt wurden. Letztendlich wurde hier also mehr Müll produziert und nicht weniger, da man die Pappbecher vermutlich besser weggelassen hätte. Am besten wäre es gewesen, wenn Zuschauer Wasser in eigenen Behältern hätten mitbringen können oder Behälter vor Ort mit Trinkwasser hätten auffüllen können. Das wiederum brächte aber eine Reihe von Folgeproblemen logistischer und anderer Art mit sich und hätte natürlich wesentliche wirtschaftliche Auswirkungen, da deutlich geringere Einnahmen resultieren würden.“
„Aber grundsätzlich ist es natürlich möglich, Sportgroßveranstaltungen zu nutzen, um den Klimaschutz voranzutreiben. Das ist auch etwas, das zum Beispiel von der UN und der EU gefordert wird. Wie ich oben aber versucht habe auszuführen, würden wirklich nachhaltige Sportgroßveranstaltungen sehr anders aussehen als die heute üblichen. Und es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein Konzept für eine solche Veranstaltung insgesamt für die relevanten Stakeholder attraktiv genug wäre, um überhaupt vorgeschlagen und dann auch in einem kompetitiven Bewerbungsprozess um die Austragung ausgewählt zu werden.“
„Es besteht kein Interessenkonflikt.“
„Ich habe keine wirtschaftlichen, politischen oder persönlichen Interessenkonflikte anzugeben. Meine Antworten basieren auf wissenschaftlichen Untersuchungen, die im Rahmen des Projekts ‚Sports for the Planet?‘ sowie früherer Forschungsaktivitäten an der Universität Lausanne durchgeführt und vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziert wurden.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Weiterführende Recherchequellen
Ulloa-Hernandez M et al. (2022): Sport Events and Sustainability: A Systematic Review (1964-2020). Apunts Educación Física y Deportes. DOI: 10-5672/apunts.2010983.es.(202373).153.09.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Moustakas L et al. (2926): Assessing the implementation of the Sports for Climate Action Framework in National Olympic Committees. International Journal of Sport Policy and Politics. DOI: 10.1080/19406940.2026.2662217.
[2] Gogishvili D et al. (2026): Past Carbon Emissions and Future Targets for the Olympic Games. The Geographical Journal. DOI: 10.1111/geoj.70068.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] FIFA (2021): FIFA-Klimastrategie. Mitteilung auf der Webseite des Verbandes.
[II] FIFA (2022): Sustainability strategy – FIFA World Cup Qatar 2022. Webseite der FIFA.
[III] Landgericht Berlin II: Bundesverband Verbraucherzentralen vs FIFA.
[IV] Parkinson S et al. (2025): FIFA’s Climate Blind Spot. Studie der Scientist for Global Responsibility.
[V] Müller M et al. (2021): An evaluation of the sustainability of the Olympic Games. Nature Sustainability. DOI: 10.1038/s41893-021-00696-5.
[VI] Nachhaltige Sportveranstaltungen: Handlungsfelder. Webseite des wissenschaftlichen Projektes.
Prof. Dr. Louis Moustakas
Professor (FH) für Sportmanagement und Sportsoziologie, Leiter des Instituts für Sport und nachhaltige Entwicklung, Fachhochschule Kufstein Tirol, University of Applied Sciences
Prof. Dr. Stefan Gössling
Professor für Tourismus, School of Business and Economics, Linnaeus University, Kalmar, Schweden , Schweden
Dr. Hartmut Stahl
Senior Researcher im Bereich Bereich Ressourcen & Mobilität, Öko-Institut, Darmstadt
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es besteht kein Interessenkonflikt.“
David Gogishvili, Ph.D.
Leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektkoordinator des Projekts Sports for the Planet?, Institut für Geographie und Nachhaltigkeit, Université de Lausanne
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine wirtschaftlichen, politischen oder persönlichen Interessenkonflikte anzugeben. Meine Antworten basieren auf wissenschaftlichen Untersuchungen, die im Rahmen des Projekts ‚Sports for the Planet?‘ sowie früherer Forschungsaktivitäten an der Universität Lausanne durchgeführt und vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziert wurden.“
Prof. Dr. Kim Werner
Professorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Veranstaltungsmanagement, Hochschule Osnabrück
Prof. Dr. Thomas Könecke
Associate Professor für Sportmanagement, Forschungsgruppe Körperliche Aktivität, Sport und Gesundheit, Institut für Bewegungswissenschaften, Katholische Universität Leuven, Belgien