UNEP-Overshoot-Report: Umgang mit Überschreitung der 1,5-Grad-Grenze und Wege zur Rückkehr
nur über einen Overshoot-Pfad lässt sich das 1,5-Grad-Ziel noch erreichen
aktuell befindet sich die Welt auf einem Pfad, der zu einem Temperaturanstieg von 2,6 Grad führen würde
befragte Forschende illustrieren Risiken eines Overshoots, beschreiben die Dimension der Herausforderung und warnen vor möglichen Missverständnissen
Das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens ist nur dann noch erreichbar, wenn die globale Durchschnittstemperatur nach einem zwischenzeitlichen Überschreiten dieses Limits wieder abgesenkt wird. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), der am 02.09.2026 erschienen ist (siehe Primärquelle). Darin wird ein Pfad „Overshoot, Peak, and Decline“ als die beste verbleibende Option identifiziert. Es müsse darum gehen, die Überschreitung so gering und die Rückkehr unter die 1,5-Grad-Marke so schnell wie möglich zu gestalten. Der Bericht erwartet selbst bei einem optimistischen Szenario, das die vollständige Umsetzung aller nationalen Klimapläne sowie Erreichung zusätzlicher Netto-Null-Ziele voraussetzt, einen Temperaturanstieg von1,8 Grad.
Um den fortschreitenden Klimawandel zu beschränken, müssten die Treibhausgasemissionen so schnell und so nachhaltig wie möglich verringert werden. Dennoch steigen sie weiterhin und erreichen nach der Corona-Pandemie Jahr für Jahr immer neue Höchstwerte [I]. Und das, obwohl sich die Staatengemeinschaft vor fast elf Jahren auf dem Klimagipfel in Paris auf einen ambitionierten Plan zur Minderung der Emissionen verständigt hat. Aktuell befindet sich die Welt auf einem Pfad, der zu 2,6-Grad Temperaturanstieg im Vergleich zur vorindustriellen Zeit führen würde [II]. Aktuell deutet vieles darauf hin, dass die 1,5-Grad-Grenze bereits in den kommenden Jahren dauerhaft überschritten wird. Um bis zum Ende des Jahrhunderts die Temperatur wieder unter dieses Niveau zu senken, wird es notwendig sein, CO2 wieder aus der Atmosphäre zu entfernen und zu speichern. Dies könnte etwa durch Wiederherstellung von Ökosystemen, Aufforstung, Bindung von Kohlenstoff in Böden oder technische Verfahren umgesetzt werden [III]. Aktuelle Prognosen sehen eine zunehmend wachsende Lücke zwischen notwendiger und tatsächlich realisierter CO2-Entnahme [IV] [V]. Allerdings könnte auch ein nur temporäres Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze zu nicht oder nur schwer beziehungsweise nur langfristig umkehrbaren Folgen im Klimasystem der Erde führen [VI][VII], mit kaum absehbaren Konsequenzen für Ökosysteme und menschliche Gesellschaften.
wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Klima-Attribution, Institut für Meteorologie, Fakultät für Physik und Erdsystemwissenschaften, Universität Leipzig
„Der Bericht liefert eine umfassende Zusammenfassung zu Overshoot-Szenarien, in dem alle wichtigen Fragen zum Thema und die dazugehörige Literatur vorgestellt werden. Die Frage der Umsetzbarkeit von Carbon Dioxide Removal (CDR), also der Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre, wird meiner Meinung nach nicht ausreichend und nicht ausreichend kritisch bearbeitet. Es wird darauf hingewiesen, dass es da erhebliche Herausforderungen gibt, aber es wird für die Leser:innen nicht ganz klar, welches Ausmaß diese Herausforderungen annehmen.“
Auf die Frage, warum beim Thema Overshoot mit der 1,5-Grad-Grenze argumentiert wird, wenn doch im Pariser Abkommen auch ‚well below 2°C‘ als Ziel vereinbart wurde:
„Mit ‚well below 2°C‘ ist gemeint, dass man mit großer Sicherheit die 2-Grad-Grenze nicht überschreitet. Technisch kommt es dem Ziel, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, recht nahe. Das Klimasystem ist komplex und aus jetziger Sicht lässt sich nicht genau sagen, welche Erwärmung ein vorgegebener Emissionspfad mit sich bringen würde. Daher lässt sich für vorgegebene Emissionen nur eine Wahrscheinlichkeit angeben, mit der eine bestimmte globale Erwärmung erreicht wird. Das bedeutet, dass Emissionen, die wahrscheinlich zu 1,5 Grad globaler Erwärmung führen, ziemlich sicher unter 2 Grad bleiben, und deswegen ist aus meiner Sicht das 1,5-Grad-Ziel dem ‚well below 2°C'-Ziel sehr ähnlich.“
Länge und Dauer möglicher Überschreitungen
„Ich verstehe den Kommentar von UN-Generalsekretär António Guterres zum Bericht – er wird zitiert mit ‚We must make the overshoot as small and short as possible‘ – mehr als einen Aufruf, so viel zu tun, wie nur möglich. Da die Minderung der CO2-Konzentration der Atmosphäre extrem aufwändig ist und bisher nicht klar ist, wie das in einem großen Maßstab umgesetzt werden kann, wird es für mich unglaubwürdig, Szenarien als Overshoot-Szenario zu bezeichnen, die einen Anstieg auf 2 Grad sehen. Wo man diese Grenze setzt, ist ein bisschen beliebig und viele kritisieren Overshoot-Szenarien zu Recht wegen der fragwürdigen Umsetzbarkeit. Für mich ist der Zeitpunkt, ab dem sich global die Treibhausgaskonzentration nicht mehr erhöht, das entscheidende Maß. Das muss so früh wie möglich erreicht werden. Ob und wie schnell die Treibhausgaskonzentration danach verringert werden kann, ist eine Frage, mit der wir uns mehr beschäftigen sollten, wenn das Problem der nach wie vor hohen fossilen Emissionen gelöst ist.“
Folgen eines Overshoot
„Der Bericht veranschaulicht die Gefahr eines Overshoots sehr gut in Abbildung 2.2: Bei den meisten Folgen und Kipppunkten im Klimasystem wissen wir nicht genau, wann sie eintreten und wie verheerend sie wären. Deswegen macht es auch hier Sinn, in Wahrscheinlichkeiten zu denken: Wenn die globale Mitteltemperatur lange über der 1,5-Grad-Marke ist, gibt es viele Jahre, in denen Teile des Klimasystems ‚kippen‘ könnten, und je wärmer es während dieser Zeit ist, desto wahrscheinlicher ist das. Demnach muss man sich für alle Arten von Kipppunkten fragen, wie wahrscheinlich es ist, dass sie während des Overshoots kippen. Darüber hinaus skalieren viele lokale Klimafolgen mit der globalen Mitteltemperatur und demnach sind die Klimafolgen während des Overshoots höher.“
„Es wurde auch gezeigt, dass die globale Mitteltemperatur nicht ausreicht, um das Klima zu beschreiben: Ein Klima mit 1,5 Grad globaler Mitteltemperatur in einem sich erwärmenden Klima sieht anders aus als 1,5 Grad in einem stabilen, sich schon lange nicht verändernden Klima und wieder anders als 1,5 Grad während der Abkühlung in einem Overshoot-Szenario. Insofern wird ein Overshoot immer – teils gravierende – Folgen mit sich bringen. Es wäre deutlich besser, wenn die fossilen Emissionen so schnell heruntergefahren würden, dass sich das Klima schon bei 1,5 Grad Erwärmung stabilisiert. Wie schlimm ein Overshoot ist, hängt aber sehr davon ab, wie hoch und lang er ist.“
Wie kann die Umsetzung gelingen?
„Klimaschutz wird von Regierungen aktuell nicht ansatzweise ernst genug genommen und demnach sieht es gerade nicht danach aus, dass 2050 die Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre sinken werden. Andererseits passieren manche Veränderungen – wie zum Beispiel der Ausbau von Photovoltaik und Batteriespeichern – in manchen Regionen schneller, als vor einigen Jahren angenommen wurde. Man kann auch nicht vorhersagen, was sich gesellschaftlich und politisch in den kommenden Jahren verändert, und deshalb will ich nicht ausschließen, dass große und radikale Veränderungen die Minderung der Treibhausgasemissionen dermaßen beschleunigen können, dass wir das Netto-Null-Emissionsziel bald erreichen könnten.“
„Wie auch in dem Bericht erklärt wird: Die Minderung der fossilen Emissionen ist der wichtigste Schritt für die Ermöglichung eines Overshoot-Szenarios, weil CDR-Optionen so viel ineffizienter sind als das Verhindern von Emissionen. Für mich ist deswegen das Netto-Null-Emissionsziel deutlich wichtiger als die Frage, wie viel CDR möglich ist: Wenn wir Netto-Null-Emissionen erreichen, gibt es die Chance auf eine Stabilisierung des Klimas, was eine langfristige Anpassung erst ermöglichen würde. Das würde dann auch den Raum öffnen, sich mehr auf die CDR-Anstrengungen zu konzentrieren. Jetzt an CDR-Optionen zu forschen und, falls das nicht mit erheblichen Eingriffen in Ökosysteme einhergeht, zu experimentieren, kann trotzdem sinnvoll sein, um sinnvolle und nachhaltige CDR-Optionen zu entwickeln. Die Priorität muss aber ganz klar auf der Verringerung von fossilen Emissionen liegen.“
Mögliche Missverständnisse in der Overshoot-Debatte
„Es gibt ein gewisses Risiko, dass die Kommunikation über Overshoot-Szenarien dazu führt, dass sich die Vorstellung verfestigt, dass eine signifikante Abkühlung des Klimas möglich und umsetzbar ist. Das liegt auch daran, dass Emissionsszenarien immer wieder als eine Art Projektion missverstanden werden: Mit den Emissionsszenarien wird nicht versucht, eine wahrscheinliche Zukunft vorherzusagen. Es geht darum zu überprüfen, wie das Klimasystem auf vorgegebene Emissionen – und andere menschliche Aktivitäten – reagieren würde. Insofern sind Overshoot-Szenarien aus meiner Sicht wissenschaftlich spannend, da wir recht wenig darüber wissen, was passieren kann, wenn das Klima aus einer Erwärmungs- in eine Abkühlungsphase übergeht. Zudem finde ich es spannend, Szenarien zu haben, die den vereinbarten Zielen des Pariser Abkommens entsprechen, um zeigen zu können, welche Klimafolgen vermeidbar sind. Dafür könnte man aber auch Szenarien verwenden, die ab dem Jahr 2015 Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt hätten (das Jahr, in dem das Pariser Abkommen beschlossen wurde; Anm. d. Red.). Ein solches Szenario hätte auch den Vorteil, dass es sich schon in den zurückliegenden zehn Jahren von den beobachtenden Emissionen unterscheiden würde. Damit wäre klar, was der Sinn des Szenarios wäre und dass es sich nicht um eine wahrscheinliche Zukunftsprojektion handelt.“
Leiter des Forschungsclusters Klimapolitik, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Berlin
Auf die Frage, warum beim Thema Overshoot mit der 1,5-Grad-Grenze argumentiert wird, wenn doch im Pariser Abkommen auch ‚well below 2°C‘ als Ziel vereinbart wurde:
„Der Bericht fokussiert aus drei Gründen auf 1,5 Grad. Das ist die Marke, die die Welt in den nächsten Jahren dauerhaft überschreiten wird. Es ist die untere Grenze des Pariser-Langfrist-Temperaturziels – ‚deutlich unter 2 Grad, möglichst 1,5 Grad‘ – und deshalb ist die bislang gängige Interpretation, das ein Überschießen nicht höher als ‚deutlich unter 2 Grad‘ gehen sollte – ohne dass die Klimadiplomaten jemals geklärt hätten, was genau mit ‚deutlich unter 2‘ gemeint ist. Es gibt Länder, allen voran China, die das Overshoot-Konzept auch auf 2 Grad anwenden wollen. Im IPCC ist das in der Vergangenheit auch so gemacht worden, im Fünften Sachstandsbericht, der 2013/2014 veröffentlicht wurde.“
„Das Overshoot-Konzept ist für Klimawissenschaften und IPCC nichts Neues. Fast alle 1,5-Grad-Pfade im Sechsten Sachstandsbericht des IPCC waren Overshoot-Pfade, die erstmal bis auf 1,6 Grad hinauf gingen, und bis 2100 wieder auf 1,5 Grad sanken. Im Synthesebericht des Sechsten Sachstandsberichtes gibt es dazu einen eigenen Abschnitt in der Zusammenfassung für Entscheidungsträger [1]. Ähnlich ist es im UNEP Emissions Gap Report [2]. Aber erst jetzt hat sich die UN dazu entschlossen, das auch deutlich zu kommunizieren, allen voran der scheidende Generalsekretär Guterres. Inzwischen geht man davon aus – so steht es auch im neuen Report –, dass mit einem Temperaturanstieg von mindestens 1,7 oder 1,8 Grad zu rechnen ist, bevor die Temperatur wieder sinken könnte.“
„Der UN-Generalsekretär greift mit ‚We must make the overshoot as small and short as possible‘ eine Formulierung aus dem Abschlussdokument des Klimagipfels COP30 in Belem auf, die zwar ein wenig vage, aber dennoch wichtig ist. Wenn man keine Begrenzung einführt, ab der das 1,5-Grad-Ziel als ‚verfehlt‘ gilt, dann kreiert man sehr viel Flexibilität für die internationale Klimapolitik. Ich habe darauf vor fast zehn Jahren schon mit dem Kollegen Andreas Löschel in einem Artikel im Fachjournal ‚Nature Geoscience‘ hingewiesen [3]. Das gängige Verständnis ist derzeit, dass die Welt bis 2100 wieder bei 1,5 Grad sein muss. Aber diese Jahreszahl wurde nie bei einer COP beschlossen, steht auch nicht im Pariser Abkommen – dort steht auch nichts von ‚zwischenzeitlichem Überschreiten von 1,5 Grad‘. Sie hat sich einfach so ergeben, weil klimaökonomische Modelle bis 2100 rechnen. Es besteht die Gefahr, dass aus der Jahreszahl 2100 irgendwann stillschweigend ein 2150 wird.“
Wie kann die Umsetzung gelingen?
„Um eine Temperaturabsenkung um 0,1 Grad zu erreichen, muss man im Laufe des Jahrhunderts 220 Milliarden Tonnen CO2 netto aus der Atmosphäre entnehmen – also brutto nach dem Erreichen von Netto-Null-Emissionen mehr entnehmen als man auch bis Ende des Jahrhunderts brutto noch ausstößt. Wenn man die oben genannten 1,7 bis 1,8 Grad zur Grundlage nimmt, dann wären das 550 Gigatonnen auf dem Weg zurück zu 1,5 Grad. Wenn die Welt in 2050 bei Netto-Null-CO2 wäre, dann wären es für die verbleibenden 50 Jahre bis zum Ende des Jahrhunderts also 11 Gigatonnen pro Jahr. Derzeit liegen wir bei 42 Gigatonnen Netto-Emissionen pro Jahr, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts müssten wir bei jährlich minus 11 Gigatonnen liegen, also in sehr großen Umfängen CO 2 aus der Atmosphäre entfernen, nicht nur mit Aufforstung, sondern auch mit Methoden wie Direct Air Capture und anschließender Speicherung, oder Pflanzenkohle oder der beschleunigten Verwitterung von Gestein. Das ist aus heutiger Sicht schwer vorstellbar. Dann wird entweder das Enddatum 2100 unter Druck geraten, oder aber es könnte eine Debatte um drastischere Maßnahmen zur Temperaturabsenkung gehen, etwa die Manipulation der Sonneneinstrahlung durch das Einbringen von Aerosolen in die Atmosphäre (‚solares Geoengineering‘). Auch dazu wird bereits geforscht.“
Mögliche Missverständnisse in der Overshoot-Debatte
„Das Overshoot-Konzept könnte in Politik und Gesellschaft als Signal missverstanden werden, dass wir erstmal so weiter machen können, und dass kommende Generation die Temperaturkurve dann schon wieder zurückbiegen können. Das wäre grob fahrlässig. Auch im Overshoot-Konzept muss man Netto-Null-Emissionen erreichen, weil nur dann der Temperaturanstieg gestoppt werden kann. Und auf dem derzeitigen globalen Emissionsniveau von 42 Gigatonnen handeln wir uns alle fünf Jahre zusätzliche 0,1 Grad Erwärmung ein. Die Zeit drängt also. Je niedriger der Höchststand der globalen Mitteltemperatur ausfällt, desto weniger Klimawandelfolgen. 1,7 bis 1,8 Grad sind schlechter als 1,5 Grad, aber besser als 2 oder 2,5 Grad.“
„Was das anschließende Zurückbiegen der Temperaturkurve angeht, sollten wir erst einmal nicht zu optimistisch sein. Wir brauchen CO2-Entnahme auch zum Erreichen von Netto-Null, zum Ausgleich von Restemissionen. Auf dem Weg zu Netto-Null werden wir in diesem Bereich viel lernen, vielleicht auch, wie wir das in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts massiv ausbauen können. Verlassen sollten wir uns darauf aber nicht.“
„Deutschland und die EU haben die Overshoot-Debatte in gewisser Weise in ihren Zielbeschlüssen schon vorweggenommen. Wenn die globalen Emissionen netto negativ werden sollen, um die Temperaturkurve wieder abzusenken, dann werden die Industrieländer dabei vorangehen müssen. Aus diesem Grund steht sowohl im deutschen als auch im europäischen Klimagesetz, dass die Emissionen nach 2050 nicht bei Netto-Null stehen bleiben, sondern netto negativ werden sollen. Der nächste Schritt in Deutschland ist der Beschluss einer ‚Langfriststrategie Negativemissionen‘ durch das Bundeskabinett.“
Leiterin der Arbeitsgruppe Nachhaltiges Kohlenstoffmanagement, Leiterin der Forschungsabteilung Klimaökonomie und Politik - MCC Berlin, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Berlin, und Professorin für Nachhaltiges Ressourcenmanagement und Globaler Wandel, Humboldt-Universität Berlin
„Der neue UNEP-Report zeigt anhand des derzeitigen Wissensstands noch mal sehr eindrücklich auf, warum ein sogenannter Overshoot, das heißt, ein Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze, nicht auf die leichte Schulter genommen werden kann. Ein Overshoot und eine spätere Rückkehr unter dieses Limit führen nicht einfach wieder zum gleichen Zustand wie zuvor, zurück in eine Welt, die das Temperaturniveau nie überschritten hat. Manche Veränderungen können sich mit sinkender globaler Temperatur zumindest teilweise zurückbilden, andere reagieren erst nach Jahrhunderten, und einige Schäden sind auf menschlichen Zeitskalen praktisch oder tatsächlich unumkehrbar.“
Folgen eines Overshoot
„Neben dem sehr eindeutigen Beispiel des Meeresspiegelanstiegs sind auch das Aussterben von Arten, das Überschreiten von Kipppunkten und die Verluste sensibler Ökosysteme als problematisch einzustufen – wenn auch die konkreten Einschätzungen weiterhin mit Unsicherheiten behaftet sind, beispielsweise genaue Schwellenwerte und Dynamiken von Kippelementen oder die genaue Reaktion von Ökosystemen auf Erwärmung und Abkühlung. Ebenso kritisch sind auch sozioökonomische Auswirkungen, wenn beispielsweise Lebensgrundlagen dauerhaft zerstört werden. Dies alles stellt natürlich eine große Herausforderung dar: Insbesondere braucht es für das Minimieren eines Overshoots nicht nur immense Anstrengungen beim Herunterfahren der Treibhausgasemissionen, sondern es muss auch CO2 wieder aus der Atmosphäre herausgeholt werden. Angesichts der vom ebenfalls im Report zitierten ‚State of Carbon Dioxide Removal Report‘ [IV] identifizierten Lücke zwischen tatsächlicher CO2-Entnahme und dem, was in Szenarien mit geringem Overshoot benötigt würde, besteht hier erheblicher Handlungsbedarf.“
wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Klima und Nachhaltigkeit in nationalen und internationalen Prozessen, Research Institute for Sustainability (RIFS), Potsdam
„Der Report ist interessant, weil er – beziehungsweise hier die Vereinten Nationen – offiziell anerkennt, dass wir das 1,5-Grad-Ziel nicht einhalten. Er gibt die bis heute dominierende ‚graue‘ Kommunikationsweise ‚Wir können es – irgendwie – noch schaffen… ‘, auf. Auch wenn diese Erkenntnis der Wissenschaft natürlich seit Langem bewusst war, gab es meiner Meinung hierzu bisher wenig Ehrlichkeit und Mut, das einzugestehen.“
„Der Report ist interessant in seiner Direktheit und seiner Klarheit, dass er das 1,5-Grad-Limit als ‚das‘ Ziel nimmt – und nicht die Bandbreite ‚well below 2°C‘. Er argumentiert ‚there are no good outcomes above 1.5°C.‘ Das ist nicht neu, aber ungewöhnlich eindeutig formuliert.“
„Der Report ist zudem interessant, weil er versucht den Umgang mit einer ‚Post-1,5-Grad-Welt‘ konkret zu machen. Genau das brauchen wir jetzt. Das Überschreiten von einzelnen Jahren von 1,5 Grad hat Menschen bereits gezeigt, wie unrealistisch es ist, dass wir es schaffen, die Erderwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen.“
„Im Prinzip sagt der Report: wenn wir auch nur halbwegs in einer ähnlichen Welt leben wollen, wie wir sie heute kennen, geht das nur mit ganz enormem technologischem Aufwand und mit einer – höchst riskanten, unsicheren – Wette auf die Zukunft. Die Wette, dass man nach dem Überschreiten von 1,5 Grad die Temperatur auch wieder absenken kann.“
„Zentral finde ich die Kommunikation, die sagt: Jedes Zehntel, Hundertstel Grad, dass der Overshoot kleiner bleibt, ist wichtig.“
„Für ein Alltagsverständnis müsste der Report aber noch konkreter sein, vor allem zu Fragen wie etwa: Was heißt das denn das nun wirklich und vor allem, ist ein Zurückkehren vom Overshoot denn überhaupt realistisch? Der Report bestätigt vor allem, was wir bereits wussten.“
Folgen eines Overshoot
„Es sind die sozialen und politischen Bedarfe, die einen Overshoot begleiten, die wir noch zu wenig verstehen. Der Report macht hier einen ersten Versuch. Es bedarf nicht nur mehr politischer Maßnahmen, sondern neuer, flexiblere Formen der Regulierung der Governance.“
„Overshoot-Politik muss vor allem mit Unsicherheiten umgehen können. Wir brauchen Mechanismen und Instrumente, die flexibel und kreativ genug sind, um auf die vielen Pfadabhängigkeiten, neue technologischen Entwicklungen, vor allem aber auf soziale Hürden eingehen zu können. Wir bräuchten noch viel mehr Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung zwischen den Ländern und unter den Menschen. Solche Politik haben wir im Moment aber kaum. Das bereitet mir große Sorge bezüglich des Gelingens des Projekts ‚Overshoot‘. Nicht, dass es nicht genug Technologien gibt, sondern dass wir keine Governance, keine Politik, haben, die mit den neuen Bedingungen wirklich umgehen kann.“
Wie kann die Umsetzung gelingen?
„Ich halte die Hoffnungen, die auf CDR gesetzt werden für unrealistisch.“
„Der Report ist klar darüber, dass CDR nur ein kleiner Teil der Lösung ist, weil weder natürliche Senken noch technologische so schnell und stark hochgefahren werden können, als um mehr als ein paar Zehntel Grad Veränderung zu schaffen.“
„Ich glaube dieser Punkt ist aber in der Politik noch nicht angekommen. Wir haben das schon mit so vielen Technologien gesehen in den vergangenen Jahren, zum Beispiel bei den synthetischen Kraftstoffen oder Wasserstoff. Die werden politisch gehypt, weil sie uns ein ‚Weiter so‘ versprechen. Aber die meisten Einschätzungen zur Machbarkeit basieren dann auf der technischen Machbarkeit, aber nicht auf der politischen und sozialen. Die politische Realität in Deutschland und der Welt spricht nicht dafür, dass wir alle Möglichkeiten ausschöpfen werden.“
„Im Report fehlt mir noch stärker eine Äußerung zu der Realität, auf die wir gerade zusteuern: Eine noch ungerechtere Welt. Overshoot heißt auch die Realität, in der irreversible Schäden in Kauf genommen werden, die arme Länder und Menschen am Härtesten treffen. ‚Zurückdrehen auf 1,5 Grad‘ heißt für viele Menschen nicht ‚Leben wie vorher‘. Anstatt mehr Unterstützung geht die Politik in vielen Ländern wie Deutschland aber gerade in die entgegengesetzte Richtung. Es werden weniger Gelder für Entwicklungs- und Klimafinanzierung bereitgestellt.“
„Carl-Friedrich Schleussner (einer der beiden Hauptautoren, Anm. d. Red.) war der Betreuer meiner Doktorarbeit und somit eine wichtige Person für meine Bildung. Seit 2024 arbeite ich aber nicht mehr mit ihm zusammen. Auch mit Joeri Rogelj (einer der beiden Hauptautoren, Anm. d. Red.) habe ich schon zusammen gearbeitet.“
„Ich sehe keine Interessenkonflikte, sollte aber vielleicht erwähnen, dass ich Reviewer dieses Reports war.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Primärquelle
United Nations Environment Programme (2026). Limiting Overshoot: Navigating exceedance of 1.5°C and pathways towards return.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] IPCC (2023): Climate Change 2023: Synthesis Report. Summary for Policymakers.
[2] United Nations Environment Programme (2025): Emissions Gap Report 2025: Off Target - Continued Collective inaction puts Global Temperature Goal at Risk. United Nations Environment Programme. DOI: 10.59117/20.500.11822/48854.
[3] Geden O et al. (2017): Define limits for temperature overshoot targets. Nature Geoscience. DOI: 10.1038/s41561-017-0026-z.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Science Media Center (2025): Global Carbon Budget 2025. Press Briefing. Stand: 13.11.2025.
[II] Climate Action Tracker: CAT Thermometer. Climate Action Tracker.
[III] Science Media Center (2018): Das Kohlendioxid muss raus. Fact Sheet. Stand: 21.12.2018.
[IV] Edwards MR et al. (2026): The State of Carbon Dioxide Removal 3rd Edition 2026. Webseite des Projektes. DOI: 10.17605/OSF.
dazu: Science Media Center (2026): Globale Bestandsaufnahme zur CO2-Entnahme aus der Atmosphäre – Aktualisierung des State of CDR Reports. Press Briefing. Stand: 02.06.2026.
[V] Carbon Brief (2026): Q&A: Does the world need 'carbon capture and storage' to reach net-zero? Carbon Brief.
[VI] Schleussner CF et al. (2024): Overconfidence in climate overshoot. Nature. DOI: 10.1038/s41586-024-08020-9.
[VII] Pfleiderer P et al. (2024): Limited reversal of regional climate signals in overshoot scenarios. Environmental Research: Climate. DOI: 10.1088/2752-5295/ad1c45.
Dr. Peter Pfleiderer
wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Klima-Attribution, Institut für Meteorologie, Fakultät für Physik und Erdsystemwissenschaften, Universität Leipzig
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Carl-Friedrich Schleussner (einer der beiden Hauptautoren, Anm. d. Red.) war der Betreuer meiner Doktorarbeit und somit eine wichtige Person für meine Bildung. Seit 2024 arbeite ich aber nicht mehr mit ihm zusammen. Auch mit Joeri Rogelj (einer der beiden Hauptautoren, Anm. d. Red.) habe ich schon zusammen gearbeitet.“
Dr. Oliver Geden
Leiter des Forschungsclusters Klimapolitik, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Berlin
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich sehe keine Interessenkonflikte, sollte aber vielleicht erwähnen, dass ich Reviewer dieses Reports war.“
Prof. Dr. Sabine Fuss
Leiterin der Arbeitsgruppe Nachhaltiges Kohlenstoffmanagement, Leiterin der Forschungsabteilung Klimaökonomie und Politik - MCC Berlin, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Berlin, und Professorin für Nachhaltiges Ressourcenmanagement und Globaler Wandel, Humboldt-Universität Berlin
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
Dr. Charlotte Unger
wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Klima und Nachhaltigkeit in nationalen und internationalen Prozessen, Research Institute for Sustainability (RIFS), Potsdam