Niedrigwasser – ein extremes Jahr von der Quelle bis zur Mündung
das hydrologische Jahr 2025/26 endet am 31. Oktober; Daten des Niedrigwasserinformationssystems NIWIS zeigen, dass die Abflüsse in neun ausgewerteten Flussgebieten Deutschlands über Monate sehr oder extrem niedrig waren, deutlich häufiger als in den Vorjahren
Böden, Grundwasser und Flüsse gehen mit großen Defiziten in den Winter, in dem sich die Wasserspeicher normalerweise wieder auffüllen
laut Fachleuten setzt das Jahr vielerorts neue Negativmaßstäbe; besonders gravierend seien die Folgen an begradigten Flüssen; entscheidend sei die Anpassung an eine jahreszeitlich stärker schwankende Wasserverfügbarkeit
Die Niedrigwassersituation an vielen mitteleuropäischen Flüssen hält weiterhin an. Laut einem aktuellen Situationsbericht der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) reichten die Niederschläge der vergangenen Berichtsperiode (16. bis 22.10.26) nicht aus, um die Niedrigwassersituation an den Flüssen Mitteleuropas zu verbessern. Tendenziell sind die Wasserreserven im Boden und in vielen Gewässern in Mitteleuropa Ende Oktober am geringsten. Ab November füllen sich die Speicher in der Regel wieder auf, vor allem, weil im Winterhalbjahr deutlich weniger Wasser verdunstet. Seen und Flüsse mit alpinem Einzugsgebiet wie der Bodensee erreichen ihre Tiefststände dagegen meist erst im Spätwinter, und tiefere Grundwasserleiter reagieren mit Verzögerung (siehe Hintergrundinformationen).
Daten des im Juli 2026 vorgestellten Niedrigwasserinformationssystems (NIWIS) zeigen, dass das bisherige hydrologische Jahr 2025/26 in neun großen Flussgebieten Deutschlands von Niedrigwasser geprägt war (ausgewertet: November 2025 bis September 2026). Bereits im Januar wurde im Mittel der neun Flussgebiete rund ein Fünftel der Abflüsse – also der Wassermengen, die pro Sekunde einen Flussquerschnitt passieren – als ‚sehr niedrig‘ oder ‚extrem niedrig‘ eingestuft. Ab April lag der Anteil dieser beiden Klassen durchgehend über 20 Prozent, im August und September 2026 stieg er auf rund 35 Prozent (siehe Abbildung 1).
Professor für Hydrologie und Klima, Universität Zürich
Die Lage in der Schweiz: Trocken, aber ausreichend Wasser vorhanden
„Auch in der Schweiz war 2026 außergewöhnlich niederschlagsarm, aber die Schweiz ist trotzdem immer noch ein Land mit guter Wasserverfügbarkeit. Die verschwindenden Gletscher sind ein deutliches alarmierendes Zeichen für den Klimawandel, aber das führt nicht zu einer generellen Trockenheit in der Schweiz, auch wenn der Ausgleich zwischen Jahren geringer werden wird. Für den Abfluss weit wichtiger sind die winterlichen Schneemengen. Aufgrund geringeren und früher im Jahr schmelzenden Schneereserven steigt die Wahrscheinlichkeit von geringem Abfluss im Sommer.“
Änderung nur durch langen, starken Regen zu erwarten
„Aktuell ist es in fast der ganzen Schweiz trocken bis extrem trocken , wobei die anhaltende Trockenheit in den Medien weniger wahrgenommen wird als die Hitzeperiode im Sommer. Wichtig ist auch, dass einzelne kleine Niederschlagsereignisse nicht zur wirklichen Erholung ausreichen werden. Es braucht jetzt schon länger anhaltende und ergiebige Niederschlagsmengen, um das Defizit wieder auszugleichen.“
Referat Wasserhaushalt, Vorhersagen und Prognosen, Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG), Koblenz
Das hydrologische Jahr in Deutschland setzt neue Negativmaßstäbe
„Mit dem Ende des Abflussjahres 2025/2026 muss an vielen Pegeln der ‚NNQ‘– der niedrigste jemals beobachtete Abfluss – neu definiert werden. Der Abfluss ist im Unterschied zum Wasserstand die Größe, die zur Einordnung über lange Zeiträume verwendet werden kann, da morphologische Änderungen der Flusssohle oder auch Änderungen der Höhenbezugssysteme herausgerechnet sind. Bereits ab Ende Februar bewegten sich die Abflüsse deutlich am unteren Rand dessen, was wir in den 30 Jahren davor zu der Jahreszeit beobachtet haben.“
„Der Minimalabfluss des Jahres 2026 betrug an mehreren Rheinpegeln nur 50 Prozent des vieljährigen Mittelwertes (MNQ) der Periode 1991 bis 2020. Die Dauer des Ereignisses, gemessen an der Unterschreitung bestimmter niedriger Schwellenwerte, ist noch nicht abschließend zu bewerten, da die Niedrigwassersituation noch andauert. Derzeit sieht es so aus, dass der Abfluss am schifffahrtsrelevanten Pegel Kaub am Mittelrhein den niedrigen Schwellenwert von 774 Kubikmeter pro Sekunde kurz vor dem hydrologischen Jahreswechsel überschreiten wird . Dann hätte die Schwellenwertunterschreibung an diesem Pegel mit gut 100 Tagen ähnlich lange gedauert wie im extremen Niedrigwasserjahr 2018.“
„Historisch waren Niedrigwasser am Rhein übrigens oft auch Winterereignisse, bedingt durch strenge Kälte, Eis und Schnee. Dass wir heute nur noch hitze- und trockenheitsbedingte Sommerniedrigwasser erleben, passt in das Bild, das wir unter den Rahmenbedingungen des fortscheitenden Klimawandels projiziert haben.“
Was das Winterhalbjahr bringen müsste
„Im nun beginnenden hydrologischen Winter füllen sich die natürlichen und künstlichen Speicher im hydrologischen System normalerweise wieder auf. Auch wenn sich die Niedrigwasserphase in ihrer extremen Ausprägung laut Vorhersagen nun vorerst dem Ende neigt, bleibt abzuwarten, wann diese Auffüllung im Winter 2026/2027 einsetzt und wie vollständig sie stattfindet.“
„Klar ist, dass sich die natürlichen Speicher in den sehr niederschlagsarmen vergangenen Monaten stark entleert haben und überdurchschnittlich lange und großflächige Niederschläge sogenannter Landregen erforderlich sind. Der vorausgegangene Winter war in dieser Hinsicht unterdurchschnittlich, was eine Vorbedingung für das Niedrigwasserjahr 2026 war.“
„In den vergangenen 30 Tagen fehlten im für Deutschland hydrologisch relevanten Teil Mitteleuropas etwa 37 Prozent der üblichen Niederschläge, in weiten Teilen des Rhein- und Donaueinzugsgebietes waren es um die 50 Prozent.“
Saisonale Gegensätze verstärken sich
„Die erneuerbaren Wasserressourcen waren in der jüngeren Vergangenheit in vielen Jahren unterdurchschnittlich und haben auch im langjährigen Mittel abgenommen; im Vergleich der Perioden 1996 bis 2025 und 1991 bis 2020 um knapp drei Prozent. Hydrologische Projektionen zeigen auch unter Annahme von Hochemissionsszenarien, dass wir in Zukunft ganzjährig und großflächig noch recht viel Wasser in Deutschland haben werden, sich saisonale Gegensätze jedoch verstärken.“
„Ausgeprägtere Dürren und Niedrigwasserphasen im Sommerhalbjahr werden durch höhere Niederschläge und Abflüsse im Winterhalbjahr im Jahresmittel teilweise kompensiert. Damit würde sich nicht unbedingt ein Wassermengenproblem einstellen, sondern ein Verteilproblem zwischen Regionen und zwischen den Jahreszeiten.“
Ein breiter Maßnahmenkatalog steht zur Verfügung
„Es gibt viele Maßnahmen, Wasser zu managen. Natürliche und künstliche Speicher sind eine geeignete Methode hierzu. Die Frage, welche Maßnahmenkonstellation am geeignetsten ist, wird derzeit intensiv bearbeitet. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) beteiligt sich daran intensiv, in dem sie beispielsweise Maßnahmen im Kontext des ‚Aktionsplans Niedrigwasser Rhein‘, aber auch Maßnahmen zur Verbesserung des Landschaftswasserhaushalts – Stichwort ‚Schwammlandschaft‘ quantitativ greifbar macht. Wichtig ist es dabei, neben lokalen Wirkungen auch Wirkungen des fortschreitenden Klimawandels und überregionale Wirkungen auf die großen Flusssysteme zu bewerten. Wie beim Hochwasserrisikomanagement, haben auch viele Maßnahme des Niedrigwasserrisikomanagements Auswirkungen auf die Unterlieger am Fluss.“
Leiter der Forschungsgruppe Fließgewässerrevitalisierung, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Berlin
Die gravierendsten Folgen zeigen sich in begradigten Flüssen
„Die Jahre 2025/2026 waren wohl die abflussärmsten seit Beginn der Pegelaufzeichnungen. Tatsächlich sind niedrige Wasserstände jedoch nicht nur die Folge von verringertem Abfluss. In vielen Fließgewässern hat sich der Abfluss weit weniger verändert, als es die Pegelstände vermuten lassen. Niedrige Pegelstände sind auch eine Folge menschengemachter Veränderungen der Gewässerstruktur: Seit dem 19. Jahrhundert wurden viele deutsche Flüsse begradigt, verkürzt, befestigt und als Wasserstraßen ausgebaut. Dadurch verloren die Flüsse durchschnittlich 20 Prozent ihrer Fließwege und das Wasser fließt schneller ab. Befestigte Ufer verhindern zudem, dass sich die Flüsse seitlich ausbreiten können. Stattdessen tieft sich ihre Sohle um mehrere Meter ein. Das trägt bei Niedrigwasser dazu bei, dass auch angrenzende Landschaften stärker entwässert werden. Außerdem verringert sich die Wassertiefe in überbreiten Fahrrinnen bei geringen Durchflüssen überproportional. Aus diesen Gründen zeigen sich die gravierendsten Folgen von niedrigen Abflüssen in begradigten Ausbauabschnitten – unabhängig von ihrer Lage im Flusssystem. Daneben sind Oberläufe und Nebengewässer von Austrocknung bedroht, da sie infolge der Eintiefung der Gewässer bei niedrigen Durchflüssen vom Hauptstrom abgetrennt werden.“
Niedrigwasser beeinflusst die ökologische Funktionsfähigkeit
„Niedrigwasser hat vielfältige Auswirkungen auf die Lebewesen im Fluss. Besonders kritisch für viele Lebewesen ist die Kombination aus Niedrigwasser und hohen Temperaturen. Flacheres Wasser erwärmt sich schneller, sodass kälteliebende Arten komplett verschwinden können. Zudem kann warmes Wasser weniger Sauerstoff aufnehmen, während Fische und andere Lebewesen bei steigenden Temperaturen zugleich mehr Sauerstoff benötigen.“
„Niedrigwasser ist deshalb nicht nur eine Frage des Wasserstands. Es kann die gesamte ökologische Funktionsfähigkeit eines Flusses beeinträchtigen. Die wirksamste Maßnahme zum Schutz von Flussökosystemen und ihrer Artenvielfalt ist die Revitalisierung der natürlichen Fließgewässerdynamik. Niedrigwasser können wir also nicht einfach wegplanen oder wegbaggern. Wir müssen unsere Landschaften und die Nutzung der Flüsse so verändern, dass ihre wichtigen Funktionen auch bei weniger und unregelmäßiger verfügbarem Wasser erhalten bleiben. Eine klimaangepasste Verkehrspolitik bedeutet beispielsweise, die Infrastruktur und die Schifffahrt stärker auf die natürlichen Wasserverhältnisse auszurichten. Dazu gehören beispielsweise kleinere Schiffe mit geringerem Tiefgang. Staustufen sind keine Lösung, da sie die Flusslandschaft zerstören, die Verdunstung fördern und das Dürreproblem weiter stromab verlagern.“
Saisonale Unterschiede in der Wasserverfügbarkeit
„Niedrigwasservorsorge und natürlicher Hochwasserschutz sind dabei übrigens zwei Seiten derselben Medaille. Laut Klimaprognosen ändert sich die Niederschlagsmenge insgesamt kaum, allerdings fällt künftig mehr Niederschlag in den Wintermonaten, während die Sommermonate trockener werden. Deshalb muss Wasser aus den niederschlagsreichen Monaten länger in der Landschaft gespeichert werden, anstatt es so schnell wie möglich abfließen zu lassen, wie es beim technischen Hochwasserschutz geschieht. Dafür braucht es mehr Raum für Flüsse und ihre Auen. Und einen besseren Schutz oberflächennaher Grundwasservorkommen.“
Anpassungsmaßnahmen wirken unterschiedlich schnell
„Die Grundwasserneubildung findet im gesamten Einzugsgebiet statt. Dabei spielen die heute noch überflutbaren Flächen eine eher untergeordnete Rolle. Eine vergleichsweise rasch wirkende Maßnahme zum Wasserrückhalt in der Landschaft ist das saisonale Schließen von Drainagen in den Wintermonaten (Oktober bis März). Moorwiedervernässung, Auenrenaturierung und Waldumbau tragen ebenfalls zum Wasserrückhalt bei, entfalten ihre Wirkung aber deutlich später. Für die Niedrigwasservorsorge gilt das gleiche wie für den Hochwasserschutz: Sie muss in den Oberläufen beginnen. Sind diese bereits begradigt und befestigt, setzen sich die Probleme der beschleunigten Abflüsse und der anhaltenden Trockenheit auf die Unterlieger fort.“
Alexander von Humboldt Professor für hydrologische Systeme, Universität Potsdam
Zum hydrologischen Jahr 2025/26 in Deutschland
„Abflussvolumen wiesen dieses Jahr in vielen europäischen Flüssen den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten auf. Der Klimawandel verringert die für einige Flüsse wie den Rhein wichtigen Schnee- und Gletscherspeicher, die sonst im Frühjahr/Sommer abschmelzen. Ein trockener Winter führte dazu, dass sich das Grundwasser nicht erholt hat, und damit auch weniger zum Abfluss beiträgt. Dazu kommt ein trockenes Frühjahr und sehr hohe Verdunstungsverluste im Sommer mit Rekordtemperaturen in Teilen Europas.“
Unterschied zu früheren Extremjahren
„Durch den steigenden Einfluss des Klimawandels verlieren wir die natürlichen Schnee- und Gletscherspeicher in Gebirgsregionen. Diese Speicher machen für viele Flüsse einen wichtigen Teil des Abflussvolumens aus. Schmelzwasser von Schnee und Gletschern fehlt dann im Frühjahr und Sommer in diesen Flüssen. Überlagert sich dieses Problem mit trocknem Winter und Frühling, und mit hoher Verdunstung im Hitzesommer, dann haben wir einen ‚perfekten Sturm‘, oder vielmehr eine ‚perfekte Dürre‘.“
Probleme von der Quelle bis zur Mündung
„Hydrologie ist in der Regel regional unterschiedlich. Das macht sie so interessant, bedeutet aber auch, dass wir Flusssysteme unterschiedlich betrachten müssen. Daher ist zum Beispiel die Schneeschmelze nicht für alle Flüsse von gleicher Bedeutung.“
„Hydrologische Folgen von Niedrigwasser ändern sich entlang des Flusslaufes. Im Oberlauf leidet oft die Ökologie an zu warmen und sauerstoffarmen Flüssen, da es dort wichtige Zufluchtsorte für Fische und andere Lebewesen gibt. Im Unterlauf, mit größeren Abflussvolumen, leidet dann die Gesellschaft durch geringes Transportvermögen für die Schifffahrt oder verminderte Wasserentnahme für die Kühlung von Kraftwerken.“
Entwicklung in den Grundwasserkörpern
„Grundwasser und Oberflächenwasser bilden ein gekoppeltes System. Es ist daher nicht überraschend, dass auch unser Grundwasser im Minus ist. Fast zwei Drittel aller Messstellen zeigten im Spätsommer 2026 einen sehr niedrigen Wert an. Ein trockenerer Winter hatte zu geringer Grundwasserneubildung geführt.“
Warum ein feuchter Winter nicht allerorts hilfreich ist
„Ein feuchter Winter würde den Grundwasserspeichern helfen. Diese können oft überraschend schnell reagieren. Allerdings würde ein feuchter und warmer Winter wieder wenig Schnee bringen, und damit wenig Schneeschmelze im nächsten Frühjahr und Sommer.“
„Der Abfluss des Rheins kommt zu über einem Drittel aus der Schneeschmelze und zu einem wesentlich geringeren Teil aus der Gletscherschmelze. Der Schneespeicher ist daher essenziell, und Gletscherspeicher spielen besonders in Trockenjahren eine wichtige Rolle. Beides wird durch den menschengemachten Klimawandel zerstört. Wir können diesen Verlust nicht durch tiefere Fahrrinnen im Unterlauf des Rheins ausgleichen, sondern nur ein wenig abmindern. Klimaschutz ist die kritische Maßnahme.“
Wann mit einer Normalisierung zu rechnen ist
„Im Moment schauen wir alle gebannt auf die Entwicklung des El Niño, dem Klimaphänomen im tropischen Pazifik. Es könnte bei uns zu einem sehr warmen Winter beitragen. Also wieder wenig Schnee der das Wasser für uns speichert.“
Anpassungsmaßnahmen wirken unterschiedlich schnell
„Naturbasierte Lösungen sollten ein Teil der Strategie sein, aber wir müssen uns genau anschauen wie viel sie je nach Standort zum Wasserhaushalt beitragen können. Metastudien in Großbritannien haben zum Beispiel gezeigt, dass solchen Maßnahmen bei Hochwasserextremen nur Relevanz für kleine und mittlere Hochwasser haben. Auch für Niedrigwasser gibt es hier kein Allheilmittel. So führt zum Beispiel die – sehr sinnvolle – Moorwiedervernässung zu höheren Verdunstungsverlusten. Man muss bei solchen Maßnahmen aber auch ihren positiven Einfluss auf Biodiversität und andere relevante Aspekte für Natur und Gesellschaft berücksichtigen.“
„Bei Bewaldungsmaßnahmen kann der wirkliche Einfluss erst nach längerer Zeit zur Geltung kommen.“
Auf die Frage, inwiefern sich Hoch- und Niedrigwasservorsorge ergänzen und wo sie in Konflikt stehen:
„Lassen Sie mich diese sehr wichtige Frage etwas breiter beantworten. Wasser ist ein kompliziertes Problem. Wenn wir versuchen, es in kleine Teilprobleme aufzuteilen, um diese einzeln zu lösen, mit der Hoffnung, dass am Ende eine funktionierende Gesamtlösung rauskommt, dann wird dies nicht funktionieren. Wir müssen Hoch- und Niedrigwasser, Oberflächen- und Grundwasser, Wasserquantität und -qualität zusammendenken. Sonst können zwei gute Einzellösungen sich negativ beeinflussen. Wir haben in Deutschland die Breite in der Wasserforschung, um diese Problematik interdisziplinär anzugehen.“
„Wir brauchen also Gesamtkonzepte und keine Einzellösungen. Wenn Hoch- und Niedrigwasservorsorge von Beginn an zusammen gedacht wird, dann kann sie sich ergänzen und liegt nicht im Konflikt. Gleichzeitig geht es hier auch um Klimawandel als Hauptproblem.“
Zielkonflikte zwischen Ober- und Unteranliegern
„Die Vielfalt der Nutzung eines Fließgewässers entlang seines Laufs bietet die Möglichkeit für eine gesamtheitliche Betrachtung seines Wertes für Natur und Gesellschaft. Jedes Gewässer hat eine bestimmte Menge an Dienstleistungen, die es bereitstellen kann. Habitat für Fische und andere Lebewesen im Oberlauf, Transportkapazität für Schiffe und Kühlwasser für Kraftwerke in Mittel- und Unterlauf und so weiter. Wir als Gesellschaft müssen diskutieren, wie wir diese Leistungen des Gewässers nutzen wollen.“
Leiter der Arbeitsgruppe Biodiversität und Biogeochemie von Flusslandschaften und Leiter des Instituts für Hydrobiologie und Gewässermanagement, Department für Ökosystemmanagement, Klima und Biodiversität, Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), Wien, Österreich
Niedrigwasser beeinflusst die ökologische Funktionsfähigkeit
„Lang andauernde Niedrigwasserphasen, wie sie derzeit in Mitteleuropa herrschen, führen in stark regulierten Gewässern zu einer massiven Reduktion der Lebensräume entlang der Flussufer und in angrenzenden Augebieten. Die hohen Temperaturen in diesem Sommer führen außerdem dazu, dass sich Gewässer aufgrund des geringen Abflusses stärker erwärmen. Das bedeutet für temperatur-sensitive Organismen zusätzlich deutlich kritischere Situationen. Trockenheit und extreme Niederwasserphasen bei hohen Temperaturen haben daher eine deutlich verstärkende Wirkung. Sie sind ein zusätzlicher stark wirkender Stressor in Fließgewässern, die bereits durch Barrieren, verbaute Ufer und andere Stressoren belastet sind. Zum Beispiel sind Fische bei deutlich verengten und reduzierten Abflussquerschnitten, wie sie bei Niedrigwasser herrschen, auch anderen Stressoren stärker ausgesetzt.“
„Weitere Staustufen führen zu keiner ökologischen Verbesserung, denn durch diese Maßnahmen werden weder der Sedimenttransport noch die Infiltration ins Grundwasser verbessert.“
Anpassungsmaßnahmen wirken unterschiedlich schnell
„Naturbasierte Rückhaltemaßnahmen, eine verbesserte Anbindung an Auen und eine Erhöhung der Infiltration ins Grundwasser, um die Grundwasserneubildung zu verbessern, können den Landschaftswasserhaushalt nachhaltig resilienter gegenüber Extremereignissen machen. Das Ausmaß der Maßnahmen in der Fläche bestimmt die gesamthafte positive Wirkung und ermöglicht es, mehrere Problemstellungen gemeinsam anzugehen. Diese Maßnahmen haben unterschiedliche Zeithorizonte, um eine positive Wirkung zu erzielen. Während Moorvernässungen deutlich längere Zeithorizonte von mehreren Jahrzehnten haben, wirken naturbasierte Wasserrückhaltemaßnahmen in der Flusslandschaft bereits mit dem ersten stärkeren Niederschlag beziehungsweise der ersten höheren Wasserführung und können die Grundwasserneubildung so verbessern. Insgesamt sind aber ein mehrjähriger Planungs- und Umsetzungshorizont sowie Änderungen in der Flächennutzung erforderlich, um das Potenzial effektiv auszuschöpfen.“
„Diese Maßnahmen sind vor allem in Perioden hoher Wasserführung und reichlicher Niederschläge entscheidend, um mehr Wasser im Einzugsgebiet und in der Flusslandschaft zu halten. Im Unterschied zum technischen Hochwasserschutz, der Wasser schneller ableiten soll, führen Rückhaltemaßnahmen zu einer verbesserten Wasseraufnahme in der Landschaft; dadurch verbessert sich die Grundwasserverfügbarkeit während Trockenperioden. Durch diese Maßnahmen wird nicht der Niederwasserabfluss, sondern der Grundwasserstand erhöht. Damit werden zusätzliche Wasserentnahmen aus Flüssen reduziert, was die Wasserführung bei langanhaltendem Niederwasser entlastet. Dies erfordert eine Planung auf Einzugsgebietsebene, die den Landschaftswasserhaushalt an extreme hydrologische Phasen anpasst.“
Alle: Keine Angaben erhalten.
Anders als das Kalenderjahr umfasst das hydrologische Jahr in Deutschland den Zeitraum vom 1. November des Vorjahres bis zum 31. Oktober. Es ist unterteilt in das Winterhalbjahr (November bis April) und das Sommerhalbjahr (Mai bis Oktober). Dies hat einen praktischen Grund: Schnee, der im Spätherbst und Winter fällt, schmilzt oft erst im Frühjahr und fließt dann über die Flüsse ab. In der Schweiz hat das hydrologische Jahr einen abweichenden Bezugszeitraum. Hier wird der Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 30. September erfasst, um den früheren Schneefall in den Hochalpen entsprechend zu berücksichtigen .
Weiterführende Recherchequellen
Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG): Niedrigwasser-Update 2026. Webseite. Stand: 21.09.2026.
Übersicht über alle Situationsberichte seit Juni 2026.
DAS Basisdienst Klima und Wasser (2026): Was wir über das Extremwetter in Deutschland wissen - Stand der Wissenschaft zu Extremwetterereignissen im Klimawandel in Deutschland, Ausgabe 2026. Stand: 25.09.2026.
Das Faktenpapier wurde im Rahmen des Extremwetterkongresses 2026 in Hamburg vorgestellt.
Klimaportal Wasserwirtschaft und Schifffahrt (2026). Webseite. Stand: 22.10.2026 .
Die dort dargestellten Abflussprojektionen werden gerade aktualisiert. Die neuen Daten werden in der 45. Woche bei der DWD-Klimatagung vorgestellt und gehen in der darauf folgenden Woche online (Anm. Herr Dr. Nilson).
Science Media Center (2026): Niedrige Wasserstände: Herausforderungen für Schifffahrt und Wirtschaft. Statements. Stand: 15.07.2026.
Science Media Center (2026): Hitzewellen und Ökosysteme in Flüssen und Seen. Statements. Stand: 10.07.2026.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[] Schweizerische Eidgenossenschaft (2026): Nationale Trockenheitsplattform. Webseite. Stand: 21.09.2026.
[] Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) (2026): Hydrologische 6-Wochen-Vorhersage Pegel Kaub. Stand: 22.10.2026.
[] Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) (2026): Wahrscheinlichkeitsbasierte 14-Tage-Vorhersage Pegel Kaub. Stand: 22.10.2026.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[] Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) (2026): Niedrigwasser hält sich trotz Niederschlägen. Niedrigwasser-Berichtsperiode 16. bis 22.10.2026. Stand: 22.10.2026.
[] Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) (2026): Niedrigwasserklassifizierung des Abflusses der Oberflächengewässer mit dynamischen Grenzwerten. Stand: 29.06.2026.
[] Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ): Dürremonitor Deutschland. Webseite. Stand: 21.10.2026.
[] Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ): Winter 2025/26: Langjährig trockener als normal, mit nassem Ende nach sehr trockenem Start. Webseite. Stand: 11.03.2026.
[] Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ): Sommer 2026 mit extremer Dürre im Süden. Webseite. Stand: 07.09.2026.
[] Helmholtz-Zentrum für Geoforschung (GFZ): Wasserstress in Deutschland und Europa bleibt hoch. Webseite. Stand: 03.09.2026.
[] Huss M et al. (2026): Annual mass balance of Swiss glaciers in 2025/2026. DOI: 10.18752/annualrep_2026.
[] Climate Service Center Germany (GERCIS) (2013): Hydrologisches Jahr. Webseite. Stand: 28.10.2013.
[] Bundesamt für Umwelt (BAFU) (2026): Hydrologisches Jahrbuch der Schweiz 2025. Stand: 18.09.2026.
Prof. Dr. Jan Seibert
Professor für Hydrologie und Klima, Universität Zürich
Dr. Enno Nilson
Referat Wasserhaushalt, Vorhersagen und Prognosen, Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG), Koblenz
Dr. Christian Wolter
Leiter der Forschungsgruppe Fließgewässerrevitalisierung, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Berlin
Prof. Dr. Thorsten Wagener
Alexander von Humboldt Professor für hydrologische Systeme, Universität Potsdam
Prof. Dr. Thomas Hein
Leiter der Arbeitsgruppe Biodiversität und Biogeochemie von Flusslandschaften und Leiter des Instituts für Hydrobiologie und Gewässermanagement, Department für Ökosystemmanagement, Klima und Biodiversität, Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), Wien, Österreich