Nervenschäden bei Chemotherapie: Kann Psilocybin schützen?
psychoaktive Substanz Psilocybin zeigte in Mausstudie schützende Wirkung vor Nervenschädigungen durch Chemotherapie
diese unangenehmen Nervenschädigungen (Neuropathien) treten bei mehr als der Hälfte der Krebserkrankten mit Chemotherapien auf; derzeit gibt es kein Medikament, das vorbeugend genommen werden kann
Experten bestätigen die Relevanz der Ergebnisse und erläutern, wie die Übertragbarkeit nun in klinischen Studien getestet werden sollte
Die präventive Gabe von Psilocybin vor einer Chemotherapie könnte vor Schädigungen der Nervenzellen – so genannten Neuropathien – und damit einhergehenden Schmerzen und Taubheitsgefühlen schützen. Diesen potenziellen neuen Nutzen der psychoaktiven Substanz entdeckten Forschende aus Texas mithilfe von Experimenten in Mäusen und in menschlichem Gewebe. Sie zeigen damit, dass Psilocybin auch in Nervenzellen außerhalb des Gehirns wirkt und eröffnen damit einen potenziellen Therapieansatz für ein bisher nicht behandelbares Krankheitsbild. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Science“ veröffentlicht (siehe Primärquelle).
Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathien (CIPN) sind Schädigungen der Nervenzellen, die bei etwa 60 Prozent der Chemotherapien auftreten [I]. Die Folgen sind vor allem Schmerzen, Taubheit und Kribbelgefühle in Händen und Füßen, aber auch motorische Einschränkungen. Mit jedem weiteren Chemotherapie-Zyklus und mit der Höhe der Medikamenten-Dosis steigt das Risiko für CIPN. Diese Nervenschädigungen sind einer der Hauptgründe dafür, dass eine Chemotherapie verändert oder auch abgebrochen wird. Bislang gibt es keine Therapie, um CIPN präventiv zu verhindern oder abzumildern.
Leiter der Arbeitsgruppe Neuromuskuläre Erkrankungen an der Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck, Österreich
Relevanz der Studienergebnisse
„Sollten sich diese Ergebnisse bei Menschen bestätigen, wäre dies die erste erfolgreiche Prävention einer Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN). Nachdem CIPN immer häufiger werden und auch zu starken Behinderungen führen können, wäre dies ein großer Schritt in der Onkologie, weil es zusätzlich zu einer erfolgreichen Tumortherapie auch zu einer deutlichen Besserung der Lebensqualität kommen würde.“
„Neu und überraschend ist, dass Psilocybin nicht nur zentral, sondern direkt an peripheren sensorischen Nerven wirkt und dort über die Verteilung von Mitochondrien die lokale Energieversorgung stabilisiert. Damit wurde auch ein bislang unbekannter, neuer neuroprotektiver Mechanismus gegen CIPN entdeckt.“
„Bedeutsam ist, dass diese präventive Wirkung gegen die Entwicklung einer CIPN nicht die Antitumor-Wirkung der Chemotherapie oder immunologische Anpassungen beeinträchtigt.“
Wirkmechanismen von Psilocybin
„In der Psychiatrie wird vermutet, dass die Psilocybinwirkung primär über Neuroplastizität im Gehirn vermittelt wird. Die Wirkung gegen CIPN beruht hingegen vor allem auf peripheren Mechanismen an den Nerven mit Erhalt der Energieversorgung durch Mitochondrien, obwohl die Rezeptoren, an denen Psylocibin wirkt, dieselben sind.“
Psilocybin als Prophylaxe vor Neuropathien
„Die Arbeit ist ausdrücklich als Prophylaxe‑Studie konzipiert. Eine Wirksamkeit bei bereits bestehender CIPN wurde nicht systematisch geprüft. Einiges spricht jedoch gegen eine Wirksamkeit bei bereits bestehender CIPN: Wurde nach Tumorentfernung eine erneute Chemotherapie ohne Psilocybin-Gabe durchgeführt, entwickelte sich wiederum eine Neuropathie. Auch der Wirkmechanismus spricht gegen einen Effekt bei bestehender Nervenschädigung. Psilocybin scheint daher eine rein präventive Substanz zu sein.“
Übertragbarkeit der Ergebnisse
„Die Ergebnisse sind vielversprechend, auch wenn es noch ein weiter Weg ist, bis sich eine Wirksamkeit im Menschen herausstellen wird. Da die Substanz an Menschen schon verwendet wurde, kann man sie rasch am Menschen testen. Unklar ist allerdings die Dosierung, denn die an Mäusen verwendete Dosierung lässt sich nicht einfach auf Menschen übertragen.“
Translation und klinische Prüfung
„Zur Messung neuropathischer Schmerzen und auch zur Objektivierung von Nervenschäden stehen etablierte und validierte Methoden zur Verfügung, sodass eine aussagekräftige klinische Studie gut geplant werden kann. Nachdem es keine präventiven Medikamente gibt, wäre eine Placebo-kontrollierte prospektive, randomisierte, doppelblinde Studie denkbar und machbar.“
Leiter der Arbeitsgruppe 'Experimental Pain Research', Universitätsmedizin Mannheim
Relevanz der Studienergebnisse
„Relevanz der Studienergebnisse„Dieser Artikel zeigt überzeugend, dass die präventive Gabe von Psilocybin im Mausmodell vor der Entwicklung einer Neuropathie durch bestimmte Chemotherapeutika auch bei wiederholten Zyklen schützt. Die Autoren konnten den verbesserten Transport von Mitochondrien entlang der Nervenfasern als Mechanismus belegen, wobei die Aktivierung des Serotonin-5HT2A-Rezeptors essenziell ist. Dagegen wurde die spontane Aktivität von peripheren Nervenzellen durch das Psilocybin nicht reduziert, was gegen eine Wirkung auf spontane neuropathische Schmerzen spricht.“
Übertragbarkeit der Ergebnisse
„Bei der postulierten Wirkung auf die zentrale Überempfindlichkeit setzen die Autoren mit EEG-Ableitungen einen sehr unspezifischen Parameter für Schmerz ein. Auch die Wegziehschwellen auf mechanische Reize können bei Mäusen nur schwer zwischen schmerzhaften und durch die Neuropathie verzerrten Empfindungen unterscheiden. Insofern bleibt unklar, inwieweit die Verbesserung der Neuropathie auch eine Abschwächung von neuropathischen Schmerzen erwarten lässt.“
Psilocybin als Prophylaxe vor Neuropathien
„Insgesamt sind diese Ergebnisse als klinisch sehr bedeutsam einzustufen, da sie Hoffnungen auf eine Prävention von Neuropathie durch Chemotherapeutika wecken, leider aber nicht auf eine Behandlung bereits eingetretener Neuropathie.“
Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Psychopharmakologie, Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim
Relevanz der Studienergebnisse
„Das Überraschende dieser neuen Studie ist, dass Psilocybin bei Mäusen nicht nur Schmerzen verringerte, sondern die Entstehung von Nervenschäden durch eine Chemotherapie verhindern konnte. Bereits zwei Behandlungen vor der Chemotherapie reichten aus. Die Schutzwirkung zeigte sich bei mehreren Chemotherapie-Medikamenten und über wiederholte Behandlungszyklen hinweg. Psilocybin half den Nervenzellen offenbar dabei, ihre Energieversorgung aufrechtzuerhalten und ihre langen Nervenfortsätze vor Schäden zu schützen. Bei Mäusen mit Tumoren schwächte Psilocybin die Wirkung der Chemotherapie gegen den Krebs nicht ab, wobei dies beim Menschen noch bestätigt werden muss. Sollte sich die Wirkung übertragen lassen, könnten Patienten seltener unter Schmerzen, Taubheitsgefühlen und Kribbeln leiden und müssten ihre Chemotherapie möglicherweise seltener wegen solcher Nebenwirkungen reduzieren oder abbrechen.“
Wirkung von Psilocybin
„Nach heutigem Forschungsstand geht man davon aus, dass Psilocybin bei psychischen Erkrankungen vor allem im Gehirn wirkt: Es kann festgefahrene Aktivitätsmuster lockern und die Bildung neuer Verbindungen zwischen Nervenzellen fördern. Erste Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass möglicherweise auch Veränderungen der Darm-Hirn-Achse, zu der das Mikrobiom gehört, sowie des Energiehaushalts im Gehirn beteiligt sein könnten; wie wichtig diese Mechanismen tatsächlich sind, ist bislang noch unklar.“
„Bei der Vorbeugung von Nervenschäden durch eine Chemotherapie scheint Psilocybin zusätzlich direkt auf die empfindlichen Nerven in Armen, Beinen, Händen und Füßen zu wirken. Dort aktiviert es eine Andockstelle für den Botenstoff Serotonin und sorgt dafür, dass Mitochondrien – die ‚Kraftwerke‘ der Zellen – besser zu den besonders gefährdeten Nervenenden transportiert werden. Zugleich stabilisierte es im Mausmodell bestimmte Gehirnaktivitäten, die durch chronische Schmerzen verändert werden können.“
„Da ein verwandter Wirkstoff ohne halluzinogene Wirkung die Mäuse ebenfalls schützte, ist das psychedelische Erleben für diese Schutzwirkung wahrscheinlich nicht erforderlich.“
Auf die Frage, ob Psilocybin bei bereits bestehender Neuropathien helfen könnte:
„Das wurde in dieser Studie nicht direkt untersucht, denn Psilocybin wurde immer vor der Chemotherapie gegeben. Nach einer einzelnen vorbeugenden Dosis traten zunächst weiterhin Beschwerden auf, verschwanden aber früher als bei unbehandelten Mäusen. Das könnte darauf hindeuten, dass Psilocybin möglicherweise auch die Erholung der Nerven unterstützt, ist aber noch kein Beweis für eine heilende Wirkung. Wurde eine spätere Chemotherapie ohne erneute Psilocybin-Behandlung durchgeführt, entstanden wieder Nervenschäden. Ob Psilocybin bereits bestehende Beschwerden lindern kann, muss deshalb in einer eigenen klinischen Studie geprüft werden.“
Übertragbarkeit der Ergebnisse
„Die Ergebnisse sind vielversprechend, können aber nicht unmittelbar vom Mausmodell auf Krebspatienten übertragen werden. Dafür spricht zwar, dass die Wirkung bei mehreren Chemotherapie-Medikamenten beobachtet und der zugrunde liegende Mechanismus auch an menschlichen Nervenzellen und menschlichem Nervengewebe im Labor bestätigt wurde; die bei Mäusen verwendeten Tests bilden Schmerzen, Taubheitsgefühle und Einschränkungen im Alltag jedoch nur teilweise ab.“
Translation und klinische Prüfung
„Psilocybin wird bereits in klinischen Studien eingesetzt, unter anderem bei Depressionen und bei psychisch belasteten Krebspatienten, sodass erste Erfahrungen mit geeigneten Dosierungen sowie den erwünschten und unerwünschten Wirkungen beim Menschen vorliegen. Diese Erfahrungen sind eine wichtige Grundlage, beantworten aber noch nicht, welche Dosis zusammen mit einer Chemotherapie sicher und wirksam ist oder ob eine wiederholte Gabe vor mehreren Chemotherapiezyklen besondere Risiken mit sich bringt. Deshalb sollte Psilocybin auch für diesen Anwendungsbereich nach den üblichen drei Phasen der klinischen Prüfung untersucht werden.“
„Ich habe ich keine.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
„Nein, ich habe keine Interessenkonflikte.“
Primärquelle
Heles M et al. (2026): Psilocybin prevents chemotherapy- induced peripheral neuropathy through mitochondrial trafficking preservation. Science. DOI: 10.1126/science.aec6116.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Yan H et al. (2026): Incidence and influencing factors of chemotherapy-induced peripheral neuropathy in cancer patients: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Neurology. DOI: 10.3389/fneur.2026.1672180.
[II] Science Media Center (2026): Episode-Studie: Sicherheit und Wirksamkeit von Psilocybin bei Depression. Statements. Stand: 18.03.2026.
Prof. Dr. Wolfgang Löschel
Leiter der Arbeitsgruppe Neuromuskuläre Erkrankungen an der Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck, Österreich
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe ich keine.“
Prof. Dr. Martin Schmelz
Leiter der Arbeitsgruppe 'Experimental Pain Research', Universitätsmedizin Mannheim
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
Dr. Marcus Meinhardt
Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Psychopharmakologie, Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Nein, ich habe keine Interessenkonflikte.“