Hitzesommer 2026 im Rückblick: Hitzebedingte Sterblichkeit und Schutzmaßnahmen
2026 sind in Deutschland bisher über 16.000 Menschen hitzebedingt verstorben
historischer Höchststand an Hitzetoten
Experten und Expertinnen halten hohe Mortalitätsraten für realistisch und mahnen zu Schutzmaßnahmen
Die Hitze in diesem Sommer führte in Deutschland zu vielen Sterbefällen: nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind bis zur 34. Kalenderwoche 16.300 Menschen hitzebedingt verstorben [I]. Der Sommer 2026 ist einer der wärmsten seit Messbeginn. Durchschnittlich wurde in Deutschland ein Temperaturmittel von 19,6 Grad Celsius gemessen, was einer Abweichung von zwei Grad Celsius zur Vergleichsperiode 1991 bis 2020 entspricht. Die Temperaturen überstiegen an vielen Tagen die 30-Grad- oder sogar die 35-Grad-Marke. Nur der Sommer 2003 war nach vorläufigen Berechnungen des Deutschen Wetterdienstes mit einer durchschnittlichen Temperatur von 19,7 Grad Celsius wärmer [II].
Die Schätzungen des RKI zur hitzebedingten Mortalität beruhen auf den Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamts. Dieses verzeichnete in der extrem heißen Woche Ende Juni fast 24.500 Verstorbene insgesamt. Das entspricht einem Anstieg von 35 Prozent in den Sterbefallzahlen im Vergleich zum mittleren Wert der Jahre 2022 bis 2025. Auch in der darauffolgenden Woche meldete das Statistische Bundesamt ein um 27 Prozent erhöhtes Niveau.
Professur für Umweltmeteorologie, Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Einordnung der geschätzten hitzebedingten Sterbefälle
„Dass die Zahl der Hitzetoten im Laufe des Sommers immer wieder nach oben korrigiert wurde, klingt zunächst verwirrend, hat aber einen einfachen Grund: Hitze steht so gut wie nie als Todesursache auf dem Totenschein. Die Fachleute müssen deshalb im Nachhinein vergleichen, wie viele Menschen in einer Hitzephase tatsächlich gestorben sind und wie viele es in einem ‚normalen‘ Sommer gewesen wären – und die dafür nötigen Sterbedaten trudeln erst mit mehreren Wochen Verzögerung vollständig ein. Je mehr Daten nachträglich eintreffen, desto genauer, aber eben auch desto höher fallen die Schätzungen aus. Mit rund 16.300 geschätzten Hitzetoten [I] reiht sich der Sommer 2026 als bislang schwerster in die Statistik seit Beginn vergleichbarer Auswertungen ein – das ist ernst zu nehmen, aber kein Zeichen dafür, dass die Behörden ungenau arbeiten.“
Gründe für die erhöhte Mortalität
„Nicht allein die Spitzenwerte auf dem Thermometer waren entscheidend, sondern vor allem, wie lange die Hitze anhielt und dass es nachts kaum abkühlte. Der Körper braucht die Nachtstunden, um sich von der Belastung des Tages zu erholen. Bleibt es auch nachts zu warm – was in Städten durch aufgeheizte Gebäude und Straßen noch verstärkt wird –, summiert sich die Belastung über mehrere Tage hinweg auf [1]. Wie stark Hitze tatsächlich auf den Körper wirkt, lässt sich mit der reinen Lufttemperatur nur unzureichend beschreiben. Deshalb basieren auch die Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes nicht auf der Lufttemperatur, sondern auf der ‚Gefühlten Temperatur‘, die zusätzlich Luftfeuchte, Sonneneinstrahlung und Wind einbezieht und die Belastung dadurch oft deutlich dramatischer abbildet: Bei entsprechender Schwüle oder Windstille schlägt sie schon bei moderaten Lufttemperaturen Alarm [2] [3].“
Betroffene Gruppen
„Am stärksten betroffen waren erwartungsgemäß ältere und vorerkrankte Menschen, deren Körper Hitze schlechter ausgleichen kann; dass rund die Hälfte der Betroffenen 85 Jahre oder älter war, passt zu dem Muster, das man auch aus früheren Hitzesommern kennt [4].“
Lücken im Hitzeschutz und Akutmaßnahmen
„Ein Grundproblem liegt weniger am Warnsystem selbst als an dessen Umsetzung vor Ort: Der Deutsche Wetterdienst warnt bereits frühzeitig auf Basis der ‚Gefühlten Temperatur‘ vor Hitzeperioden, doch diese Warnungen führen nicht automatisch zu konkreten Schutzmaßnahmen – etwa in Pflegeeinrichtungen, Kitas oder bei alleinlebenden älteren Menschen. Kurzfristig helfen vor allem einfache Dinge: Liegt eine Warnung vor, sollten Wohnungen und vor allem Pflegeeinrichtungen nachts konsequent gelüftet und gekühlt, tagsüber verschattet und kühle öffentliche Orte angeboten werden, an die sich besonders ältere Menschen zurückziehen können. Langfristig führt kein Weg an mehr Grün und Schatten in den Städten sowie weniger versiegelten Flächen vorbei, denn das sind die wirksamsten Mittel gegen die nächtliche Überwärmung, die für die Gesundheit besonders kritisch ist [5] [6].“
Leiter des Bereichs Umweltexposition und Gesundheit, Departement Epidemiologie und Public Health, Schweizerisches Tropen- und Public-Health-Institut Basel (Swiss TPH), Schweiz , Schweiz
Einordnung der geschätzten hitzebedingten Sterbefälle
„Der Sommer 2026 war meteorologisch außergewöhnlich. Die geschätzte Anzahl hitzebedingter Todesfälle war so hoch wie noch nie, auch höher als 2003. Abschätzungen sind mit Unsicherheiten behaftet. Unterschätzungen sind aus verschiedenen Gründen zu erwarten. Erstens wegen der wöchentlichen Auflösungen der Sterblichkeitsdaten. Kurze intensive Perioden werden dann nicht adäquat in der Expositions-Wirkungsbeziehung berücksichtigt.“
Auf die Frage, welchen Einfluss die Wahl der Referenztemperatur von 20 Grad Celsius hat:
„Die Referenztemperatur von 20 Grad Celsius wurde gesetzt und nicht empirisch geschätzt. Würde ein tieferer Wert angenommen, wäre entsprechend die Anzahl geschätzter hitzebedingter Todesfälle höher. In der Schweiz wurde aus den Daten der vergangenen Jahre eine optimale Tagesmitteltemperatur von circa 18 Grad Celsius geschätzt. Weitere Unsicherheiten in beide Richtungen ergeben sich aus der Vorläufigkeit der Daten, der groben räumlichen Auflösung der Temperaturdaten und der Korrektur für Saisonalität und Langzeittrends. Statistische Unsicherheiten sind mit dem Konfidenzintervall abgebildet.“
Betroffene Gruppen
„Zu erwarten ist, dass Personen, welche weniger privilegiert sind, besonders betroffen sind. Sie leben häufiger in weniger gut isolierten Wohnungen oder gehen einer Arbeit draußen nach. Frauen reagieren tendenziell aus physiologischen Gründen empfindlicher als Männer auf die Hitze. Besonders betroffen sind auch Schwangere und Säuglinge. Bei Erwachsenen nimmt das Risiko, an Hitze zu sterben, mit dem Alter kontinuierlich zu. Vorerkrankte haben ein zusätzlich erhöhtes Risiko. Hitze kann auch mit Medikamenten interagieren, wie Diuretika, Blutdrucksenker, Antipsychotika, Antidepressiva und Betablocker (Diuretika sind entwässernde Medikamente, Betablocker werden zur Senkung des Blutdrucks verwendet; Anm. d. Red.). Besonders davon betroffen sind Personen, welche mehrere Medikamente einnehmen. Auch Personen mit Demenz oder kognitiven Einschränkungen sind besonders von Hitze betroffen.“
Anzahl der vorgezogenen Todesfälle
„Wie viele der hitzebedingten Todesfälle vorverschoben sind, lässt sich schwer abschätzen. Gewisse Indizien wird man im Herbst erhalten, falls man dann dort eine Untersterblichkeit beobachten würde. Das ist noch zu früh. Auch wenn möglicherweise ein substanzieller Anteil der hitzebedingten Todesfälle nur noch eine kurze Lebenserwartung hat, besteht wissenschaftlicher Konsens, dass ein Teil der Verstorbenen noch lange hätte leben können und einfach zum Zeitpunkt der Hitzewelle in einem fragilen Zustand war.“
Einordnung der hohen hitzebedingten Mortalität dieses Jahr
„Im Sommer 2026 sind mehr Leute wegen Hitze verstorben als im Sommer 2003. Man beobachtet zwar in den vergangenen Jahren eine gewisse Adaptation an die Hitze. Das zeigt zum Beispiel eine Analyse des Robert-Koch-Instituts (Seite 7, oder auch eine Schweizer Analyse hitzebedingter Todesfälle von 2025 (Seite 29, Abbildung A1). Die Zahlen vom Sommer 2026 deuten nun aber darauf hin, dass diese Anpassung bei extremen Hitzewellen wahrscheinlich nicht so gut ist wie bei moderat heißem Sommerwetter. Das wird man im Nachgang von diesem Sommer noch vertieft anschauen müssen.“
Leiter des Fachgebiets Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung, Umweltbundesamt (UBA), Dessau-Roßlau
Ermittlung der hitzebedingten Mortalität
„Den Berechnungen der hitzebedingten Sterblichkeit liegen Sterbefalldaten des Statistischen Bundesamtes zugrunde. Diese werden durch ein vom RKI angewendetes statistisches Verfahren mit Wetterdaten rechnerisch kombiniert, um zusätzliche Todesfälle in der Folge von Hitzeereignissen auszuweisen. Natürlich kann man nicht wissen, woran diese Menschen, die zusätzlich verstarben, tatsächlich gestorben sind, denn das geben diese statistischen Daten nicht her. Aber man kann drei wichtige Dinge erkennen: Erstens, dass es sehr deutlich eine zeitliche Korrelation gibt, die sich auch in den vielen mittlerweile analysierten Zeitverläufen der Vorjahre immer wieder zeigte. Zweitens kann man auch sehen, dass je heißer es war, desto mehr Menschen sind verstorben. Und drittens weiß man auch, dass 2026 deutlich mehr alte Menschen über 75 Jahren bei Hitze verstorben sind als Jüngere unter 65 Jahren, wobei bei der jüngsten Altersgruppe der Berechnungen die Männer fast doppelt so häufig betroffen waren.“
Anteil der Verstorbenen mit Vorerkrankungen
„Man kann also auf diese Weise nicht feststellen, wie häufig welche Komplikation welcher Erkrankung zum Tode führte. Aber es ist vernünftig anzunehmen und auch empirisch bekannt, dass eine beeinträchtigte gesundheitliche Konstitution in Kombination mit dem Eintreten zusätzlicher hitzebedingter Komplikationen das Risiko zu versterben erhöht. Ein Beispiel: Eine bestehende Herzinsuffizienz dekompensiert bei Vasodilatation (Ausdehnung der Blutgefäße; Anm. d. Red.) durch Hitzebelastung. Das ist auch der Grund, warum in den Folgewochen keine Untersterblichkeit beobachtet wurde, es sich also nicht um einen reinen Harvesting-Effekt (Vorverlagerung des Todeszeitpunkts; Anm. d. Red.) handelt.“
„Trotzdem wäre es sehr hilfreich zu wissen, welche Erkrankungen bei welchen Verstorbenen tatsächlich vorlagen und welche Komplikationen durch Hitze dann vermutlich todesursächlich waren. Wenn solche Daten vorlägen, könnten genauere Maßnahmen des Hitzeschutzes erarbeitet werden und Anwendung finden. Gerade für die Prävention eines frühen Versterbens in Hitzeepisoden wäre dies wichtig.“
„Grundsätzlich steigt das Risiko während Hitzeperioden, zu versterben, mit jeder zusätzlichen Erkrankung an. Zu bedenken sind gerade auch die Risiken der neurologischen Beeinträchtigungen und Erkrankungen des Alters: In Kombination eines schlecht angepassten Verhaltens – zum Beispiel zu geringe Flüssigkeitsaufnahme oder unangepasste Exposition – mit dem Vorliegen körperlicher Grunderkrankungen können so schnell lebensbedrohliche Zustände entstehen.“
Weitere Schutzmaßnahmen
„Nahezu alle heute noch lebenden Menschen und zukünftige Generationen werden spätestens im Alter zu den besonders gefährdeten Risikogruppen gehören. Die wichtigste Maßnahme ist daher, die fortschreitende Klimaerwärmung zu begrenzen, denn Hitzeschutzmaßnahmen sind zwar hilfreich und können sicherlich optimiert werden. Sie können aber dauerhaft keinen umfassenden Schutz bieten, wenn die Hitzeextremsituationen immer weiter zunehmen werden. Die Umsetzung des Hitzeschutzes ist facettenreich, komplex und kostenintensiv. In Deutschland sind die Zuständigkeiten auf Bund, Länder und Kommunen verteilt, vieles übernehmen Verbände, Vereine, Krankenkassen oder Berufskammern; die Zuständigkeiten sind nicht klar geregelt. Benötigt wird hier tatsächlich eine gesetzliche Vorgabe, die erforderliche Maßnahmen auf eine solide rechtliche Grundlage stellt und für alle verlässlich regelt.“
Stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie, Leiterin der Forschungsgruppe Umweltrisiken, Helmholtz Zentrum München – Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, München
Einordnung der geschätzten hitzebedingten Sterbefälle
„Aus meiner Sicht sind die Schätzungen des RKI eher konservativ zu sehen, sie stellen also eher die untere Grenze der hitzeassoziierten Todesfälle dar.“
Auf die Frage, welchen Einfluss die Wahl der Referenztemperatur von 20 Grad Celsius hat:
„Besonders relevant ist die Nutzung der Wochenmitteltemperatur von 20 Grad Celsius als Schwellenwert für die Veröffentlichung des Wochenmonitorings. Das ist primär ein operatives Kriterium und kein biologisches. Menschen sterben nicht erst oberhalb einer Wochenmitteltemperatur von 20 Grad Celsius an Hitze. Bereits darunter können bei älteren Menschen, Pflegebedürftigen, Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Menschen mit Nierenerkrankungen oder Demenz erhöhte Risiken bestehen.“
„Hinzu kommt, dass Wochenmittelwerte Extremereignisse teilweise ‚glätten‘. Eine Woche mit zwei bis drei Tagen nahe 40 Grad Celsius und vier moderateren Tagen kann dieselbe Wochenmitteltemperatur aufweisen wie eine deutlich weniger belastende Wetterlage. Deshalb dürften insbesondere sehr kurze, extreme Hitzeepisoden in konservativen Modellen eher unterschätzt werden.“
Anteil der Verstorbenen mit Vorerkrankungen und derer, die unmittelbar an Hitzeeinwirkung verstorben sind
„Der Anteil unmittelbarer Hitzetodesfälle ist überraschend klein. Das RKI selbst betont ausdrücklich, dass nur ein kleiner Teil der hitzebedingten Sterblichkeit durch direkten Hitzschlag entsteht. In den meisten Fällen verstärkt Hitze bestehende Erkrankungen und beschleunigt dadurch den Tod. Die internationale Literatur geht typischerweise davon aus, dass direkte Hitzschlag-Todesfälle nur wenige Prozent der hitzebedingten Gesamtmortalität ausmachen und weit über 90 Prozent der zusätzlichen Todesfälle über Herz-Kreislauf-, Atemwegs-, Nieren- oder Stoffwechselerkrankungen vermittelt werden.“
Auf die Frage, ob sich dieses Verhältnis bei extremen Hitzewellen verschiebt:
„Ich würde sagen ‚wahrscheinlich ja‘. Bei moderaten Hitzewellen dominiert die Dekompensation von Vorerkrankungen. Bei außergewöhnlichen Ereignissen, wie Ende Juni 2026 mit Temperaturen um oder über 40 Grad Celsius, steigt vermutlich der Anteil direkter hitzebedingter Organversagen, Hitzschläge und akuter Kreislaufzusammenbrüche. Dennoch bleibt auch dann die Mehrheit der Todesfälle indirekt vermittelt.“
Zeitliche Verzögerung
„Die Forschung und die Erfahrung zeigt unterschiedliche Zeitmuster: Bei einem Hitzschlag kann es eine zeitliche Verzögerung von ein paar Stunden bis zu einem Tag geben. Herz-Kreislauf-Ereignisse treten meist null bis drei Tage, respiratorische Erkrankungen häufig nach einem bis fünf Tage auf. Bei älteren, multimorbiden Personen werden Folgen oft schon innerhalb von 24 bis 72 Stunden sichtbar. Bei jüngeren Personen mit chronischen Erkrankungen kann es teils zu längeren Verzögerungen kommen. Das erklärt, warum die Mortalität häufig noch einige Tage nach dem Temperaturmaximum erhöht bleibt.“
Gründe für die erhöhte Mortalität
„Nach bisherigem Kenntnisstand kamen aus meiner Sicht mehrere ungünstige Faktoren zusammen. Zum einen die extreme Intensität: Die Juniwelle 2026 erreichte in Teilen Deutschlands Temperaturen nahe 40 Grad Celsius. Solche Werte lagen bisher außerhalb des Bereichs, aus dem die meisten historischen RKI-Daten stammen. Zum anderen die mehrtägige Belastung: Die Sterblichkeit steigt nicht nur mit der Tageshöchsttemperatur, sondern auch mit der kumulativen Belastungsdauer. Drittens die fehlende nächtliche Abkühlung: Aus physiologischer Sicht ist dies vermutlich einer der wichtigsten Faktoren. Bleiben die Nachttemperaturen hoch, kann der Körper keine ausreichende thermische Erholung erreichen. Schlafstörungen, Dehydrierung, Kreislaufbelastung und oxidativer Stress summieren sich von Tag zu Tag.“
Betroffene Gruppen
„Die Altersstruktur in den RKI-Daten ist hier sehr eindeutig: Unter den über 85-Jährigen kam es zu 8200 Todesfällen. In der Gruppe der 75- bis 84-Jährigen sind 4040 Menschen und in der Gruppe der 65- bis 74-Jährigen sind rund 2550 Menschen verstorben. 1520 weitere Verstorbene waren unter 65 Jahren.“
Anzahl der vorgezogenen Todesfälle
„Der ‚Harvesting-Effekt‘ – oder schöner ausgedrückt der ‚Mortality Displacement Effekt‘ – beschreibt, dass eine Hitzewelle vor allem sehr vulnerable Personen einige Tage oder Wochen früher sterben lässt, sodass anschließend eine Phase mit geringerer Mortalität folgt. Für 2026 scheint dieser Effekt die Größenordnung nicht ausreichend erklären zu können. Wenn bis jetzt 16.300 zusätzliche Todesfälle auftraten, wäre normalerweise eine deutliche Untersterblichkeit zu erwarten gewesen. Das bisherige Ausbleiben einer starken Kompensation spricht dafür, dass viele Verstorbene keine unmittelbar Sterbenden waren und ein relevanter Teil noch Monate bis Jahre hätte leben können.“
Verlorene Lebensjahre
„Für 2026 gibt es meines Wissens noch keine belastbare Schätzung für verlorene Lebensjahre. Internationale Studien finden jedoch regelmäßig, dass hitzebedingte Todesfälle keineswegs nur wenige Tage vorgezogen werden. Häufig ergeben sich durchschnittliche Verluste von mehreren Lebensjahren pro Todesfall, selbst wenn überwiegend ältere Menschen betroffen sind.“
Lücken im Hitzeschutz
„Die größten Defizite liegen nach wie vor aus meiner Sicht bei alleinlebenden Hochbetagten, Pflegebedürftigen zuhause, Menschen mit Demenz, sozial isolierten Personen, Wohnungslosen, Menschen mit geringen Deutschkenntnissen und Personen ohne Zugang zu klimatisierten Räumen. Diese Risikogruppen werden allerdings in Hitzeaktionsplänen regelmäßig genannt.“
Akutmaßnahmen
„Sinnvolle Akutmaßnahmen sind die aktive telefonische oder persönliche Kontaktaufnahme bei Warnstufen, verpflichtende Hitzeschutzpläne in Pflegeeinrichtungen, sowie die Anpassung hitzesensibler Medikation. Außerdem die Einrichtung lokaler Kühlzentren (‚Cooling Centers‘), eine bessere Trinkwasserversorgung im öffentlichen Raum – zum Beispiel durch ‚Trinkstationen‘ – und die gezielte mehrsprachige Warnkommunikation.“
Schnellere Sterbefallerfassung
„Derzeit liegen die für Mortalitätsanalysen notwendigen Daten oft mit erheblicher Verzögerung vor. Das RKI-Wochenmonitoring arbeitet bereits mit Schnellmeldungen, aber eine vollständig digitale Todesbescheinigung könnte die Reaktionszeit nochmals deutlich verkürzen.“
Einordnung der hohen hitzebedingten Mortalität dieses Jahr
„Die RKI-Abbildung 5 im Epidemiologischen Bulletin 19/2025 zeigt, dass sich die Temperatur-Mortalitäts-Beziehung über die Jahrzehnte verändert hat. Die Bevölkerung scheint gegenüber moderater Hitze heute weniger empfindlich zu sein als noch in den 1990er Jahren. Gründe sind wahrscheinlich eine bessere medizinische Versorgung, die bessere Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, eine höhere Aufmerksamkeit bezüglich des Hitzerisikos, mehr Hitzewarnungen und bessere Wohn- und Arbeitsbedingungen. Der Körper kann sich insgesamt an höhere Temperaturen gewöhnen. Der Sommer 2026 zeigt jedoch offenbar eine wichtige Grenze dieser Anpassung: Die Anfälligkeit gegenüber moderater Hitze ist gesunken, gegenüber extremer Hitze aber nicht ausreichend. Anders formuliert: Gegen 28 bis 32 Grad Celsius hat die Gesellschaft teilweise gelernt, sich zu schützen beziehungsweise sich daran anzupassen, aber gegen mehrtägige Episoden mit Temperaturen nahe 40 Grad Celsius und tropischen Nächten besteht weiterhin eine erhebliche Anfälligkeit. Genau deshalb kann trotz langfristiger Anpassung eine einzelne außergewöhnliche Hitzewelle dennoch zu Rekordwerten der Mortalität führen.“
„Mir sind aus meiner Sicht keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Statement bekannt.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
„Es bestehen auf Arbeitsebene gute Kontakte zum RKI und auch zu den Personen, welche die Mortalitätszahlen errechnen. Mein Fachgebiet hat für das Umweltbundesamt als Auftraggeber in der Vergangenheit eine Studie des RKI zur ‚Weiterentwicklung und Harmonisierung des Indikators zur hitzebedingten Übersterblichkeit in Deutschland‘ fachlich begleitet. Interessenkonflikte bestehen meiner Auffassung nach deshalb aber nicht.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
Weiterführende Recherchequellen
Science Media Center (2026): Gesundheitliche Auswirkungen von Hitze. Statements. Stand: 15.06.2026.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Matzarakis A (2026): Responding to Heat: Why We Are Not Powerless. Atmosphere. DOI: 10.3390/atmos17030267.
[2] Deutscher Wetterdienst: Gefühlte Temperatur.
[3] Matzarakis A et al. (1999): Applications of a universal thermal index: physiological equivalent temperature. International Journal of Biometeorology. DOI: 10.1007/s004840050119.
[4] an der Heiden M et al. (2020): Heat-Related Mortality: An Analysis of the Impact of Heatwaves in Germany Between 1992 and 2017. Deutsches Ärzteblatt International. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0603.
[5] Bundesministerium für Gesundheit (2025): Roadmap zur Weiterentwicklung des „Hitzeschutzplans für Gesundheit“ des BMG.
[6] Matzarakis A et al. (2025): Toward the Next-Generation of Heat-Health Warning Systems and Action Plans. Atmosphere. DOI: 10.3390/atmos16080938.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Robert Koch-Institut (03.09.2026): Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität.
[II] Deutscher Wetterdienst (31.08.2026): Deutschlandwetter im Sommer 2026.
[III] Science Media Center (2026): Hitzetote der vergangenen Hitzewelle. Statements. Stand: 09.07.2026.
[IV] Ballester J et al. (2026): Extreme event attribution for heat-related mortality due to anthropogenic climate change across Europe. Nature Health. DOI: 10.1038/s44360-026-00193-z.
Prof. Dr. Andreas Matzarakis
Professur für Umweltmeteorologie, Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Mir sind aus meiner Sicht keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Statement bekannt.“
Prof. Dr. Martin Röösli
Leiter des Bereichs Umweltexposition und Gesundheit, Departement Epidemiologie und Public Health, Schweizerisches Tropen- und Public-Health-Institut Basel (Swiss TPH), Schweiz , Schweiz
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
Dr. Wolfgang Straff
Leiter des Fachgebiets Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung, Umweltbundesamt (UBA), Dessau-Roßlau
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen auf Arbeitsebene gute Kontakte zum RKI und auch zu den Personen, welche die Mortalitätszahlen errechnen. Mein Fachgebiet hat für das Umweltbundesamt als Auftraggeber in der Vergangenheit eine Studie des RKI zur ‚Weiterentwicklung und Harmonisierung des Indikators zur hitzebedingten Übersterblichkeit in Deutschland‘ fachlich begleitet. Interessenkonflikte bestehen meiner Auffassung nach deshalb aber nicht.“
Dr. Alexandra Schneider
Stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie, Leiterin der Forschungsgruppe Umweltrisiken, Helmholtz Zentrum München – Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, München
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“