Hitzetote der vergangenen Hitzewelle
in der ersten Hälfte dieses Jahres sind nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts über 5000 Menschen in Deutschland hitzebedingt gestorben, davon über 4000 allein in der letzten Juniwoche
während der Hitzewelle wurde verstärkt über die Hitzetoten in Deutschland berichtet
Expertinnen: hitzebedingte Übersterblichkeit möglicherweise unterschätzt, weitere Kenngrößen wichtig; bei der Berichterstattung nicht nur auf reine Zahlen fokussieren, sondern auch andere Aspekte einbeziehen
Die Hitzewelle Ende Juni führte zu einer erhöhten Anzahl an Sterbefällen in Deutschland: 4310 Menschen sind schätzungsweise in der Kalenderwoche 26, also vom 22. Juni bis 28. Juni, aufgrund der Hitze gestorben. Das geht aus dem Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität des Robert Koch-Instituts (RKI) hervor, der im Sommer jeden Donnerstagmorgen veröffentlicht wird (siehe Primärquelle).
Ab einer Wochenmitteltemperatur – also den durchschnittlichen Tages- und Nachttemperaturwerten einer Woche – von etwa 20 Grad Celsius lässt sich typischerweise ein Effekt von Hitze auf die Mortalität beobachten. In Kalenderwoche 26 betrug diese Temperatur in Deutschland über 26 Grad Celsius, regional wurden tagsüber Rekordtemperaturen von teilweise über 41 Grad Celsius gemessen [I].
Stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie, Leiterin der Forschungsgruppe Umweltrisiken, Helmholtz Zentrum München – Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, München
Einordnung der Methodik und der Daten
„Wie in unserer Publikation am Beispiel des sehr heißen Sommers 2022 gezeigt, legen unsere Ergebnisse nahe, dass Studien auf wöchentlicher Datenbasis – wie vom Robert Koch-Institut durchgeführt – das volle Ausmaß der hitzeassoziierten Übersterblichkeit in Deutschland nicht erfassen [1]. Analysen auf Wochenbasis könnten die hitzeassoziierte Mortalität im Vergleich zu Tagesauswertungen zumindest in Einzeljahren deutlich unterschätzen. Wir führen zumindest einen Teil der Unterschätzung darauf zurück, dass die in diesen Studien genutzten Wochenmittel nur einen Teil der täglichen Temperatur-Mortalitäts-Zusammenhänge abbilden können. Dies hängt maßgeblich von der Variabilität der Tagesmitteltemperaturen im Vergleich zum wöchentlichen Mittel ab. Neben der zeitlichen Auflösung der Daten beeinflusst auch die Bestimmung eines Temperaturschwellenwertes die Berechnung der hitzeassoziierten Mortalität. In unserer Publikation konnten wir zeigen, dass in den vergangenen Jahren die Unterschätzung zwischen 35und 50 Prozent lag.“
Auf die Frage, inwiefern die Hitzetoten aus der betrachteten Woche „vorgezogene“ Todesfälle sind:
„Natürlich existiert der Effekt des ‚Mortality Displacements‘, da die Hitze teilweise zu vorgezogenen Todesfällen führt. Es versterben also Menschen, die normalerweise erst in den nächsten Wochen oder Monaten verstorben wären, zum Beispiel aufgrund hohen Alters oder chronischer Krankheit. Dieses Vorziehen führt dann dazu, dass eine gewisse Anzahl an zu erwartenden Todesfällen in den auf die Hitze folgenden Wochen ‚fehlt‘. Es konnte aber in vielen Studien gezeigt werden, dass dies bei Weitem nicht alle Sterbefälle betrifft, in manchen Studien trat sogar kaum oder gar kein ‚Mortality Displacement‘ auf. Bei den vom Robert Koch-Institut veröffentlichten Zahlen ist allerdings schon davon auszugehen, dass ‚Mortality Displacement‘ auftritt, da ein großer Teil der Todesfälle in der Altersgruppe über 85 Jahre auftrat.“
Hitzebedingte Sterbefälle im Vergleich zu kältebedingten Sterbefällen
„Insgesamt schätzte eine Studie aus 2023 für die Studienperiode 2000 bis 2019 über 854 städtische Gebiete Europas hinweg die jährliche Übersterblichkeit durch Hitze und Kälte: 130.228 Todesfälle (95-Prozent-Konfidenzintervall: 115.893 bis 143.929), waren auf Kälte, und 13.589 Todesfällen (95-Prozent-Konfidenzintervall: 11.530 bis 15.475), auf Hitze zurückzuführen [2]. Dies entspricht altersstandardisierten Sterberaten von 83 (95-Prozent-Konfidenzintervall: 74 bis 92) beziehungsweise 9 (95-Prozent-Konfidenzintervall: 7 bis10) Todesfällen pro 100.000 Personenjahre. Man sieht daran, dass in Europa zumindest bisher noch die Kälte zu mehr Todesfällen führt als die Hitze. Dies ändert sich allerdings mit der globalen Erwärmung. In einer weiteren Publikation konnten die Forschenden in zukünftigen Projektionen bis zum Jahr 2099 zeigen, dass diese Erwärmung zwar zu einer Abnahme der kältebezogenen Todesfälle und natürlich zu einer Zunahme der hitzebedingten Todesfälle führt. Allerdings steigt das Netto der Todesfälle – also die Aufrechnung der Zunahme gegen die Abnahme – bei jedem Zukunftsszenario, egal wie positiv, und auch mit Einbeziehung einer gewissen Adaptation der Bevölkerung an höhere Temperaturen, in jedem Fall an [3]. Das bedeutet: Die Zunahme der hitzeassoziierten Todesfälle überwiegt in jedem Szenario gegenüber der Abnahme der kältebedingten Todesfälle.“
Hitzebedingte Morbidität
„Hitzebedingte Morbidität, erfasst anhand von Notfallbehandlungen und Krankenhausaufnahmen, wurde beispielsweise für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegserkrankungen und Diabetes in einigen Studien beschrieben. Während der Zusammenhang zwischen der Außentemperatur und der Sterblichkeit als robust gilt, sind die Auswirkungen der Temperatur auf die kardiopulmonale Morbidität geringer ausgeprägt und variabler. Darüber hinaus wurde der Einfluss von Hitze auf die Morbidität bislang vergleichsweise selten untersucht. Ein Projekt, das zum Beispiel auch Krankenhauseinweisungen aufgrund von hohen Temperaturen untersucht hat, ist das von der EU geförderte Projekt EXHAUSTION. Es gibt einige Studien zum Auftreten von Herzinfarkten und Schlaganfällen in Bezug auf Hitzeexposition, und vor allem auch in Bezug auf eine nächtliche Hitzebelastung [4] [5]. Solche Untersuchungen sind notwendig, um die Anpassung an den Klimawandel für Patientinnen und Patienten durch präventive und therapeutische Maßnahmen zu verbessern.“
Berichterstattung über Hitzetote
„Insgesamt habe ich die Berichterstattung über die Hitzewelle als erfreulich differenziert wahrgenommen. Viele Journalistinnen und Journalisten haben sich nicht nur auf die Zahl der Hitzetoten konzentriert, sondern auch nach den zugrunde liegenden physiologischen Mechanismen gefragt. Das halte ich für wichtig, denn mein Ziel ist vor allem, Bewusstsein für die gesundheitlichen Auswirkungen von Hitze zu schaffen – nicht, Angst zu erzeugen. Hitze ist ein relevanter Gesundheitsrisikofaktor, insbesondere für ältere Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen, Schwangere, aber auch für Beschäftigte im Freien. Wenn wir verstehen, wie Hitze den Körper belastet und warum bestimmte Personen besonders gefährdet sind, können wir gezielter vorbeugen.“
„Journalistinnen und Journalisten können einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie Hitzetote nicht nur als Zahl berichten, sondern die gesundheitlichen Zusammenhänge verständlich erklären und gleichzeitig praktische Handlungsempfehlungen vermitteln. Dazu gehören beispielsweise ausreichendes Trinken, die Anpassung körperlicher Aktivitäten an die Tageszeit, die Kühlung von Innenräumen oder die besondere Aufmerksamkeit für vulnerable Personen im eigenen Umfeld. Wichtig erscheint mir außerdem, Hitzetote nicht als unvermeidbares Schicksal darzustellen. Ein erheblicher Teil der hitzebedingten Erkrankungen und Todesfälle ist potenziell vermeidbar. Gute Berichterstattung kann daher nicht nur informieren, sondern auch dazu beitragen, Menschen konkret zu schützen.“
Anm. d. Red.: Weitere Informationen zu diesen Aspekten im SMC-Angebot „Gesundheitliche Auswirkungen von Hitze“ [V] .
Weitere wichtige Punkte
„Hitze ist ein unsichtbarer Gesundheitsrisikofaktor. Anders als bei Hochwasser oder Stürmen sieht man die gesundheitlichen Folgen von Hitze oft nicht unmittelbar. Gerade deshalb ist verständliche Berichterstattung wichtig. Außerdem ist neben der Mortalität die Morbidität eine ebenso wichtige Kenngröße: Neben Todesfällen sollte auch über hitzebedingte Erkrankungen, Krankenhauseinweisungen und die Belastung des Gesundheitssystems – und die damit verbundenen Kosten, die zumindest teilweise vermieden werden könnten – berichtet werden. Sensationalismus sollte dabei vermieden werden: Die Nennung hoher Todeszahlen allein hilft wenig, wenn sie nicht eingeordnet werden. Entscheidend ist die Frage, wer gefährdet ist und wie man sich schützen kann. Außerdem kann es hilfreich sein, die Resilienzperspektive einzunehmen: Berichterstattung sollte nicht nur Risiken beschreiben, sondern auch Lösungen und erfolgreiche Anpassungsmaßnahmen sichtbar machen. Hier sollte neben Verhaltensprävention des Einzelnen auch über Verhältnisprävention durch die Kommunen gesprochen werden. Eine solche Berichterstattung wirkt für mich oft konstruktiver als die ausschließliche Fokussierung auf die Zahl der Todesfälle.“
Ramón y Cajal Research Fellow, Department of Conservation Biology and Global Change, Institut des Spanischen Nationalen Forschungsrats (CSIC), Doñana Biological Station, Sevilla, Spanien
Einordnung der Methodik
„Die vom RKI jetzt vorgelegte Schätzung beruht auf robusten statistischen Methoden, ist aber insgesamt als eher konservativ einzustufen. Zumindest wenn es darum geht, die gesamte Wirkung der extremen Hitze der letzten Juniwoche in Deutschland auf die Mortalität abzuschätzen. Zum einen ist bekannt, dass Berechnungen auf Basis von wöchentlichen Daten, wie sie das RKI nutzt, die hitzebedingte Sterblichkeit im Vergleich zu Berechnungen basierend auf täglichen Daten systematisch unterschätzen [6]. Zum anderen ist wissenschaftlich gut untersucht, dass sich die Wirkung der Hitze auf das Sterbegeschehen mit Verzögerungen von bis zu einigen Tagen oder sogar Wochen manifestiert. Es ist zu erwarten, dass das extrem heiße Wochenende vom 27. und 28. Juni auch die Sterbefallzahlen in der darauffolgenden Woche in die Höhe getrieben hat. Das wird jedoch erst im nachfolgenden Wochenbericht des RKI gespiegelt sein, wenn die entsprechenden Sterbefallzahlen vorliegen.“
Auf die Frage, inwiefern die Hitzetoten aus der betrachteten Woche „vorgezogene“ Todesfälle sind:
„Das vom RKI genutzte Modell berücksichtigt Verschiebungen in der Sterbedynamik in einem Zeitraum von bis zu drei Wochen. Vorgezogene Sterbefälle auf dieser Zeitskala sind also eingerechnet – zumindest sobald die Schätzungen für die kommenden Wochen vorliegen.“
„Nach den Schätzungen des RKIs traten in der extreme Hitzewoche von Ende Juni über 250 hitzebedingte Todesfälle in der Altersgruppe unter 65 Jahren auf. Es ist nicht auszuschließen, dass in diesen Fällen akute durch die extreme Hitze begünstigte Erkrankungsgeschehen wie Herzinfarkte und Schlaganfälle im Prinzip gesunden Menschen viele Jahre Lebenserwartung geraubt haben.“
Einordnung der Mortalitätsdaten
„Die Zahlen zur hitzebedingten Mortalität des RKIs sind erschreckend hoch. Demnach sind in der Woche vom 22. bis 28. Juni, in der auch der Allzeithitzerekord Deutschlands mit gemessenen 41,7 Grad Celsius gebrochen wurde, konservativ geschätzt über 4300 Menschen vorzeitig durch die Hitzeeinwirkung verstorben. Das sind innerhalb einer einzigen Woche bedeutend mehr hitzebedingte Sterbefälle als normalerweise während eines gesamten Sommers auftreten.“
„Dieser Ausreißer nach oben deckt sich auch mit der Einschätzung des Statistischen Bundesamtes, das von einer Übersterblichkeit von 30 Prozent beziehungsweise etwa 5500 zusätzlichen Todesfällen in der Extremhitzewoche im Vergleich zu den üblichen wöchentlichen Sterbefallzahlen zu dieser Zeit des Jahres ausgehen. Anstatt etwa 18.000 Menschen wie sonst üblich in dieser Kalenderwoche verstarben etwa 23.500 Menschen. Letztere sind Sterbefallzahlen in Bereichen, die üblicherweise im Winter auftreten, wenn das Sterbefallgeschehen von Infektionskrankheiten beeinflusst ist.“
Weitere relevante Parameter
„Die hitzebedingte Mortalität ist nur die Spitze des Eisberges. Es wäre wünschenswert zum Beispiel auch hitzebedingte Krankenhauseinweisungen, das Aufsuchen von Notfallaufnahmen, oder Rettungsdiensteinsätze nach einem extremen Hitzeereignis zeitnah abschätzen zu können. Aber aufgrund der komplizierten Datenerhebung kann diese Analyse erst mit einer Verzögerung von Monaten oder manchmal Jahren erfolgen – zumindest, wenn es um Abschätzungen für Gesamtdeutschland geht. Aber auch die anekdotische Evidenz von überlasteten Rettungsdiensten und überfüllten Notaufnahmen während eines extremen Hitzeereignisses ist ein wichtiges Element der Berichterstattung.“
Berichterstattung während Hitzewellen
„Meiner Einschätzung nach gibt es immer noch eine Tendenz dazu, Hitzeereignisse zu verharmlosen. Man will den Menschen die Sommerlaune nicht verderben. Mein wichtigster Tipp ist, das Bildmaterial dem Bericht über die ernsthaften Hitzerisiken anzupassen. Anstatt Menschen zu zeigen, welche sich fröhlich am See abkühlen oder in einem schattigen Biergarten sitzen, sollte man die Realität der Menschen illustrieren, welche keine oder kaum Abkühlungsmöglichkeiten finden und/oder welche zu den besonders vulnerablen Gruppen gehören. Und selbstverständlich sollte der menschengemachte Klimawandel immer erwähnt werden. Denn ohne einen Verzicht auf die fossilen Energien werden Temperaturen von über 40 Grad Celsius bald auch in Deutschland zur unangenehmen Normalität werden, an die wir bisher sehr schlecht angepasst sind.“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Primärquelle
Robert Koch-Institut (09.07.2026): Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Huber V et al. (2024): Heat-Related Mortality in the Extreme Summer of 2022. Deutsches Ärzteblatt. DOI: 10.3238/arztebl.m2023.0254.
[2] Masselot P et al. (2023): Excess mortality attributed to heat and cold: a health impact assessment study in 854 cities in Europe. The Lancet Planetary Health. DOI: 10.1016/S2542-5196(23)00023-2.
[3] Masselot P et al. (2025): Estimating future heat-related and cold-related mortality under climate change, demographic and adaptation scenarios in 854 European cities. Nature Medicine. DOI: 10.1038/s41591-024-03452-2.
[4] Chen K et al. (2019): Temporal variations in the triggering of myocardial infarction by air temperature in Augsburg, Germany, 1987–2014. European Heart Journal. DOI: 10.1093/eurheartj/ehz116.
[5] Cheng H et al. (2024): Nocturnal heat exposure and stroke risk. European Heart Journal. DOI: 10.1093/eurheartj/ehae277.
[6] Ballester J et al. (2024): The effect of temporal data aggregation to assess the impact of changing temperatures in Europe: an epidemiological modelling study. The Lancet Regional Health. DOI: 10.1016/j.lanepe.2023.100779.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Deutscher Wetterdienst (29.06.2026): Deutschlandwetter Juni 2026. Pressemitteilung des Deutschen Wetterdienstes.
[II] Statistisches Bundesamt (07.07.2026): Auswertung der unterjährigen Sterbefallzahlen seit 2020.
[III] Robert Koch-Institut (07.05.2025): Hitzebedingte Mortalität in Deutschland 2023 und 2024. Epidemiologisches Bulletin 19/2025.
[IV] Robert Koch-Institut (02.10.2025): Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität KW 38.
[V] Science Media Center (2026): Gesundheitliche Auswirkungen von Hitze. Statements. Stand: 15.06.2026.
Dr. Alexandra Schneider
Stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie, Leiterin der Forschungsgruppe Umweltrisiken, Helmholtz Zentrum München – Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, München
Dr. Veronika Huber
Ramón y Cajal Research Fellow, Department of Conservation Biology and Global Change, Institut des Spanischen Nationalen Forschungsrats (CSIC), Doñana Biological Station, Sevilla, Spanien
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“