Moderator [00:00:00] Herzlich willkommen, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Herzlich willkommen, liebe Expertinnen und Experten! Ich freue mich, dass Sie unserer Einladung zu dem Press Briefing mit der Überschrift "Wie ist es um die Biodiversität in Deutschland bestellt?" anlässlich der Veröffentlichung des "Faktenchecks Artenvielfalt" in der kommenden Woche gefolgt sind. Ganz wichtig: Dieses Press Briefing läuft unter Embargo, also unterliegt noch einer Sperrfrist. Deswegen bitte bis zum Ende dieser Sperrfrist fleißig recherchieren, aber nichts dazu publizieren. Und nach Absprache mit den Autorinnen und Autoren konnten wir die Sperrfrist auch noch ein bisschen nach vorne kitzeln, denn in der Einladung stand drin 1. 10. , 4:00 Uhr nachts und wir wissen, dass das für viele von Ihnen draußen ein bisschen schwierig ist mit Print und Online. Deswegen fällt die Sperrfrist jetzt bereits am Montag, 30. 09., 18:00 Uhr. Sie kriegen von uns im Nachgang auch noch mal eine Mail, in der wir Ihnen das noch einmal schriftlich geben. Trotzdem sind wir fast eine Woche vorneweg und wir haben diesmal richtig viel, viel Vorlauf, viel mehr als sonst. Aber das nicht ganz ohne Hintergedanken. Denn der Faktencheck Artenvielfalt ist ein richtig umfangreicher Bericht mit ganz vielen Kapiteln. Und es ist unmöglich, dass wir die in diesem Briefing alle durchgaloppieren können. Und deswegen ist es für Sie ja vielleicht auch gerade mit verschiedenen geografischen Verortungen interessant, dann noch weiter zu recherchieren und auch konkret zu gucken, was in Ihrer Region vielleicht interessant sein könnte. Wir schicken Ihnen am Ende auch noch eine Email und verraten, wie Sie da an weitere Informationen kommen können. 145 Autorinnen und Autoren aus insgesamt 78 Institutionen haben die Köpfe zusammengesteckt und rausgekommen sind über 1100 Seiten eines Berichts. Allein die Zusammenfassung hat 100 Seiten. Vielleicht hatten Sie ja auch schon ein bisschen Zeit, reinzugucken, wir hatten Ihnen das ja geschickt. Ich will keine lange Vorrede halten, denn Sie wissen aus der Einladung, worum es geht, sonst wären Sie vermutlich nicht hier. Und dann haben Sie aber vermutlich auch schon gesehen: 38 Kernaussagen wurden destilliert. Das heißt aber auch, in dieser Stunde hier haben wir nicht Zeit, über alle zu sprechen, aber ich bin gespannt, was Ihre Fragen sind. Und ich bin auch ernsthaft gespannt, was Sie uns liebe Expertinnen und Experten über diesen Bericht vorstellen können. Denn 2019 ist das Global Assessment des Weltbiodiveristätsrates IPBES erschienen , eben wie der Name schon sagt, mit der globalen Perspektive. Es gab seitdem auch immer mal wieder Studien, die einzelne Artengruppen oder einzelne Lebensräume für kleinere Gebiete als die "ganze Welt" untersucht haben, aber eben nicht so ausschließlich und umfassend für Deutschland. Deswegen bin ich total gespannt und ich freue mich, dass Sie alle da sind. Liebe Kolleginnen und liebe Kollegen, hier soll es vor allem um Ihre Fragen gehen. Nutzen Sie das aus! Schreiben Sie Ihre Fragen unten in Fragen und Antworten oder in den Chat, ich sehe das jetzt nicht so genau. Wir werden dann versuchen, das in Teamwork zu beantworten. Bei fast 60 Teilnehmenden werden wir wahrscheinlich nicht alle Fragen beantworten können, schreiben Sie es ins F&A-Tool. Ich stelle Ihnen jetzt kurz die Expertinnen und Experten vor und danach wird Herr Wirth einen kurzen Vortrag halten, um uns eine erste Idee zu geben, was denn in der kommende Woche publiziert wird. Beginnen möchte ich mit Alexandra-Maria Klein. Sie ist Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und koordinierende Leitautorin des Kapitels "Agrar und Offenland" sowie Leitautorin des Kapitels "Indirekte Treiber". Ich setze fort mit Marion Mehring, Leiterin des Forschungsfelds Biodiversität und Gesellschaft am Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main und im aktuellen Bericht Leitautorin des Kapitels "Transformationspotenziale". Helge Bruelheide ist Professor für Geobotanik am Institut für Biologie an der Martin-Luther- Universität in Halle/Wittenberg. Er ist einer der Gründungsdirektoren des Deutschen Zentrums für Integrative Biodiversitätsforschung iDiv und Co-Vorsitzender des "Faktencheck Artenvielfalt". Und die Runde komplett mache ich mit Christian Wirth, Leiter der Arbeitsgruppe Spezielle Botanik und funktionelle Biodiversität an der Universität Leipzig, Direktor des Botanischen Gartens Leipzig, ebenfalls einer der Gründungsdirektoren des iDiv und der Vorsitzende des aktuellen Berichts. Mein Name ist Silvio Wenzel. Ich bin Redakteur für Klima und Umweltthemen beim Science Media Center. Noch mal ganz kurz: Embargo bis Montag, 30. 09. 18:00 Uhr. Herr Wirth, the stage ist yours und ich freue mich, wenn Sie uns einen ersten Einblick verschaffen.
Christian Wirth [00:04:36] Herzlich willkommen. Direkt in medias res. Für Deutschland haben wir eine ganze Reihe von Fragen: Wie ändert sich die biologische Vielfalt? Was hat das für Konsequenzen für die Ökosysteme, das heißt, damit auch für uns? Warum ändert sich die biologische Vielfalt vor Ort? Was sind die ökonomischen, gesellschaftlichen Triebkräfte dahinter? Was können wir tun, um eine Trendwende zu erreichen und wie stellen wir sicher, dass auch tatsächlich etwas für die Biodiversität passiert? Diese Fragen stellen wir an fünf große Lebensräume: Agrar- und Offenland, Wald, Binnengewässer und Auen, Küsten und Küstengewässer und urbane Räume und als Querschnittsthema auch die Bodenbiodiversität. Gehen wir direkt in die Ergebnisse rein: Status und Trends der Biodiversität. Es gibt nicht eine Maßzahl für Biodiversität, sondern sehr viele verschiedene. Wir haben drei ausgewählt. Das ist einmal die Änderung der wertvollen Lebensräume, dann Änderungen in den Gefährdungstrends von Arten und das ist neu, das haben wir erarbeitet, Änderungen in der biologischen Vielfalt von Artengemeinschaften, Biodiversitätstrends. Fangen wir mit den Lebensräumen an. 60 Prozent der wertvollen FFH-Lebensräume haben einen unzureichenden oder schlechten Erhaltungszustand. Der Trend der Lebensräume ist negativ. 40 Prozent der Biotop-Typen der Roten Liste haben eine negative Entwicklung. Das sind hier die roten Balken, vor allen Dingen Binnengewässer und Agrar- und Offenland. Gefährdungsstatus: Ein Drittel der Arten sind bestandsgefährdet, das heißt, entweder stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Diese Abbildung muss ich Ihnen erklären. Sie haben als Zeilen die unterschiedlichen Artengruppen und als Spalten haben Sie die Lebensräume. Rote Pfeile bedeuten einen Trend in der Gefährdungssituation, der negativ ist. Blaue Pfeile bedeuten positiv und grau bedeutet neutral. Was Sie hier ganz klar sehen können: Es gibt mehr rote Pfeile nach unten als blaue Pfeile nach oben. Alle Artengruppen im Agrar- und Offenland haben negative Rote-Liste-Trends. Es gibt ebenfalls positive Trends, vor allen Dingen Säuger und Vögel im Wald und in und um Gewässer haben positive Trends, aber in denselben Lebensräumen haben diejenigen Artengruppen, die artenreich sind, negative Trends. Über die urbanen Räume wissen wir eigentlich fast gar nichts. Das habe ich hier noch mal zusammengefasst, sie bekommen das ja dann auch schriftlich. Wie sieht es jetzt aus mit den Biodiversitätstrends, verarmen unsere Ökosysteme? Dazu haben wir mit sehr viel Mühe über 15.000 Zeitreihen aus Deutschland für alle wichtigen Artengruppen zusammengesammelt und auch für die Lebensräume. Wieder: Blau ist ein positiver Trend nach oben, rot ein negativer Trend nach unten und grau wären neutrale Trends. Die nächste Abbildung werde ich Ihnen nicht im Detail erklären, aber Sie können vielleicht wahrnehmen, das sie ähnlich wie die andere Tabelle ist, die ich Ihnen gerade gezeigt habe und dass die Muster durchaus ähnlich sind. Mehr rot als blau und im Agrar- und Offenland und auch bei den artenreichen Gruppen vor allen Dingen negative Trends. Die Positivtrends bleiben bestehen. Das habe ich hier auch noch mal dargelegt. Der wichtige Punkt an der Stelle ist, dass wir jetzt zum ersten Mal zeigen, dass die Trends in den Lebensräumen und dass die Trends in den Gefährdungskategorien sich tatsächlich durchpausen auf die Arten-Gemeinschaften. Wir sehen also die ersten Signale davon, dass die Arten-Gemeinschaften in Deutschland weniger artenreich werden. Wichtig ist dabei zu wissen, dass diese Daten fast alle aus dem Ehrenamt kommen. Das bedeutet auch, dass wir ein klares Defizit benennen müssen, nämlich, dass es für eine unserer wichtigsten Ressourcen, die biologische Vielfalt, kein repräsentatives behördliches Langzeitmonitoring gibt. Es gibt ein paar Ausnahmen, aber das ist der generelle Trend. Jetzt die Frage: Woran liegt es, was liegt hinter den Trends? Es ist natürlich vielfältig. Was sie hier links sehen, ist die Synopse für unser Kapitel Wald. Da haben wir von unseren Kapitelgruppen für die verschiedenen Lebensräume abgefragt: Sagt uns die wichtigsten Treiber für die biologische Vielfalt. [Hier bricht die Internetleitung von Christian Wirth zusammen.]
Moderator [00:10:39] Ich weiß nicht, wann sich die Internetleitung wieder erholt. Wir warten mal ganz kurz. Vielleicht kann ich eine Frage schon mal vorweg schießen, Frau Klein, die Folie haben wir schon gesehen. Sie waren ja koordiniere Leitautorin in dem Kapitel Agrar- und Offenland und wir haben da gerade gesehen bei den Gefährdungstrends, dass alle Trends nach unten zeigen, für alle Arten, also für alle Tiere, für alle Pflanzen. Da frage ich mich jetzt, war Ihnen das klar, dass die Situation so ist, wie sie ist und ist das nicht ganz schrecklich frustrierend, wenn man gar keinen Lichtblick bei seiner Analyse in die Finger bekommt oder verbirgt sich unter den roten Pfeilen vielleicht doch etwas, das Ihnen Mut gemacht hat?
Alexandra-Maria Klein [00:11:26] Ehrlich gesagt, wenn man das so in der Vorstellung jetzt noch mal sieht, finde ich das ganz schön frustrierend, das ist richtig. Ich habe ja die Auswertung selber nicht gemacht, da war der Helge Bruelheide sehr beteiligt. Man kriegt diese Zahlen vorgelegt und wir haben das jetzt gesehen im Biodiversitätstrend, da sind die Wirbellosen geprägt durch die Feldvögel, da wissen wir schon lange, dass die zurückgehen und sich auch noch nicht erholt haben. Dann haben wir die Insekten. Das ist sehr geprägt von den Daten, die wir haben. Da sind die Schmetterlinge. Schauen Sie doch mal raus, dann sehen wir vor allen die Kohlweißlinge, was sehen wir denn da noch großartig anderes und das hat sich auch nicht erholt. Bei den Pflanzen ist es anders. Bei den Pflanzen ist es so, dass wir einen Rückgang haben, aber auch wieder eine Zunahme. Zunahme in den Neophyten, Rücknahme in der Ackerbegleitflora. Wenn man da mal reinschaut, was für Arten das sind, wir haben jetzt hier zwei Botaniker, ich frage mich, ob Helge die überhaupt alle noch so richtig mal gesehen hat. Da sind viele Sachen dabei, die sehen wir kaum noch. So Namen wie Ackerschwarzkümmel, das kenne ich noch sehr gut. Aber dann Rundblättriges Hasenohr, Acker-Haftdolde , ich hab da heute noch mal reingeschaut. Deutsches Filzkraut, das war einmal richtig viel überall da und wir sehen das alles überhaupt gar nicht mehr. Dafür haben wir dann auch durch Maßnahmen wahrscheinlich schon wieder Arten, die reinkommen. Die gehören aber hier nicht hin, auch wenn sie vielleicht die biologische Vielfalt auf einer höheren Ebene fördern können, aber das wissen wir jetzt noch gar nicht. Also ehrlich gesagt, ja, ich war eher schockiert als erfreut.
Moderator [00:13:01] Und kein Mutmacher unter den roten Pfeilen irgendwo, den wir so nicht sehen in der Gesamtbilanz.
Alexandra-Maria Klein [00:13:07] Man sieht bei den Pflanzen, da geht es ja in der Artenzahl nicht runter, sondern da setzen sich die neuen Arten durch und da ist dann die Frage für die Zukunft: Was bedeutet das? Und das ist durchaus etwas, was wir noch nicht beantworten können.
Moderator [00:13:22] Okay, noch mal ganz kurz bevor ich mit der nächsten Frage weitermache, liebe Journalistinnen und Journalisten: Bisher ist eine Frage, zumindest bei mir angekommen. Das heißt, Sie sind noch zurückhaltend oder schüchtern, brauchen Sie nicht sein, denn es soll hier um Ihre Fragen gehen. Also Feuer frei! Hauen Sie die da rein und je mehr Fragen, desto besser. Machen Sie mir die Auswahl schwierig von dem, was ich dort rein moderieren darf. Frau Mehring, eine Frage an Sie. Wenn wir mal weg gucken von den konkreten Lebensräumen, nach denen das aufgeteilt war, was Herr Wirth in seinem Vortrag eben gesagt hat, gibt es zwei übergeordnete Kapitel oder zwei unabhängige Kapitel, die sich nicht auf den Lebensraum konkret beziehen. Nämlich einmal eines zu den indirekten Treibern und dann das, bei dem Sie als Leitautorin mitgewirkt haben, die Transformationspotenziale zum Erhalt der biologischen Vielfalt. Darin geht es um die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse, die es brauchen wird. Da habe ich erst mal gedacht, warum steht da nur Erhalt in der Kapitelüberschrift und nicht Wiederherstellung, was wir sonst immer bei die Biodiversität quasi wie siamesische Zwillinge nennen? Und dann natürlich die zentrale Frage: Was muss ich wohin, wie schnell transformieren?
Marion Mehring [00:14:32] Vielleicht zu Ihrer ersten Frage zu dem Erhalt. Wir sehen in unserem Transformationskapitel, aber eigentlich auch für den Faktencheck allgemein, dass die Wiederherstellung eine von vielen unterschiedlichen Notwendigkeiten für den Schutz der biologischen Vielfalt ist. Wir sehen ja, dass es durchaus, jetzt auf Deutschland bezogen, vielleicht in einzelnen Regionen, in einzelnen Habitaten unterschiedliche Dynamiken geben kann, auch wenn das Bild insgesamt nicht sehr positiv ist, wie Christian Wirth es schon vorgestellt hat. Und das bedeutet, dass vielleicht in einigen Regionen die Wiederherstellung der Artenvielfalt ein ausgewiesenes Ziel ist, in anderen Regionen ist es vielleicht auch die Wiederansiedlung von bestimmten Arten und in anderen Bereichen ist es dann vielleicht auch eine Unterschutzstellung und damit vor allem die Schutzbemühungen zum Schutz der biologischen Vielfalt. Und das war der Grund sowohl für uns im Kapitel als auch für den gesamten "Faktencheck Artenvielfalt", es eben zum Schutz der biologischen Vielfalt zu sehen und Wiederherstellung ist ein Teil davon.
Moderator [00:15:44] Geht es vor allem um Handlungsempfehlungen für Sie und mich oder vor allem um die politischen Leitplanken oder um beides?
Marion Mehring [00:15:53] In unserem Kapitel zu den Transformationspotenzialen, aber auch im Kapitel zu den indirekten Treibern unterscheiden wir drei Ebenen. Das ist einerseits die Politik, die Wirtschaft, aber auch die Gesellschaft. Unsere Empfehlungen, die wir ableiten aus den sehr umfangreichen Untersuchungen, die wir gemacht haben, richten sich an diese drei unterschiedlichen Akteure. Ich kann mal mit den gesellschaftlichen Akteuren beginnen und würde dann an Helge Bruelheide für Politik und falls Christian Wirth wiederkommt dann an ihn für die wirtschaftlichen Akteure übergeben. Für die Gesellschaft können wir sagen, dass wir in unseren Arbeiten gesehen haben: Es lohnt sich, sich zu engagieren zum Schutz der biologischen Vielfalt. Jedes Engagement, sei es im eigenen Garten, den Garten ein bisschen naturnäher umzugestalten, auch einfach mal etwas sein lassen, vielleicht im Garten, ein bisschen mehr Wildnis zuzulassen, kann sich durchaus lohnen. Es ist so, dass die Gartenfläche in Deutschland in etwa auch der Fläche der Naturschutzgebiete gleichkommt. Das heißt, es kann durchaus einen großen Beitrag leisten. Was wir auch gesehen haben in den Fallbeispielen, die wir untersucht haben, wir haben uns ja Wandlungsprozesse angeschaut, die bereits schon eine positive Wirkung gezeigt haben auf biologische Vielfalt und haben daraus dann Potenziale abgeleitet für zukünftige Transformationsprozesse: Es hat sich auch gezeigt, dass wir ein sehr großes Potenzial darin sehen, auch über die eigene Akteursgruppe, über die eigene Gruppe hinaus zu denken, wirklich auch neue Kooperationen, neue Akteure proaktiv anzugehen. Das bedeutet, sich zum Beispiel nicht nur in einem Naturschutzverein zu engagieren, sondern zum Beispiel auch an Sozialverbände zu denken oder auch an Sportvereine. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht, weil man dadurch noch mal ganz andere Zielgruppen erreicht, die vielleicht erst mal noch nicht so viel Kontakt oder auch Bewusstsein für das Thema biologische Vielfalt haben. Die Frage, die dahinter steht, ist eben auch: Wie können wir erreichen, indem man sich engagiert für biologische Vielfalt, gesellschaftliche Teilhabe in der Gesellschaft weiter zu fördern. Das als kurzes Blitzlicht für die Gesellschaft und dann würde ich erst mal weitergeben an Helge Bruelheide, was wir für die politischen Akteure sehen.
Helge Bruelheide [00:18:35] Kann ich gerne machen, danke Marion. Wir haben uns ja die Frage gestellt, ob wir schon die politischen Instrumente haben, wirklich auch eine Änderung in diesem doch sehr traurigen Trend der Biodiversität herbeizuführen. Und grundsätzlich muss man sagen, wir haben in Deutschland und auch auf der europäischen Ebene im Grunde alle Instrumente, die wir brauchen. Es gibt die gemeinsame Agrarpolitik, es gibt die Wasserrahmenrichtlinie, es gibt die FFH-Richtlinie, es gibt die Vogelschutzrichtlinie, es gibt die Meeresstrategie-Richtlinie. Es mangelt nicht an Instrumenten, die auch jedes für sich sehr positive Wirkung entfaltet haben und noch weitere entfalten können. Nur sind diese Instrumente nicht unbedingt gut aufeinander abgestimmt. Das war eine unserer Schlussfolgerungen. Wir haben teilweise einen Konflikt, dass das eine Instrument nicht die Belange des anderen bedenkt und natürlich geht es auch immer darum, dass dann doch andere politische Entscheidungen im Vordergrund stehen und diese Instrumente in den Hintergrund gelangen. Aber grundsätzlich haben wir ein Instrumentarium, was es möglich machen sollte, auch eine Trendwende herbeizuführen.
Moderator [00:19:46] Ja gerne, Frau Klein.
Alexandra-Maria Klein [00:19:49] Vielleicht kann ich noch mal kurz ergänzen aus der Gesellschaft von dir, Marion, weil wir da Fallbeispiele alle zusammen entwickelt haben. Wir haben da das Fallbeispiel, was wahrscheinlich viele kennen von der Pro Biene wie es in den verschiedenen Bundesländern hieß und haben bei den Ministerien zum Beispiel nach den Blühflächen gefragt. Nach 2017 als die Krefeld-Studie erschienen ist, die wir als Initiator gesehen haben, haben wir die doppelte Menge an Blühflächen in der Agrarlandschaft in Baden-Württemberg, was eine ganze Menge ist. Also man sieht, solche kleinen Sachen bringen was. Ob das jetzt was bringt für die Biodiversität in der Fläche, das wissen wir noch nicht. Wir wissen aber, dass diese Blühflächen erst mal die Biodiversität auf der Fläche und der näheren Umgebung fördert und dass diese Tiere, die dort sind, auch resilienter sind zum Beispiel gegen den Klimawandel, also wärmere Temperaturen oder auch Pestizideinsätze.
Marion Mehring [00:20:52] Kann ich noch ein paar Worte zu der Wirtschaft sagen, weil das auch ein sehr wichtiger Akteur ist, den wir identifiziert haben im Rahmen unserer Arbeit, also Wirtschaft und Unternehmen. Da sehen wir ein sehr großes Potenzial für die Zukunft. Das spiegelt sich auch wieder in den aktuellen Debatten innerhalb der CBD, also des Übereinkommens zum Schutz der biologischen Vielfalt und auch innerhalb von IPBES werden auch Unternehmen und Wirtschaft für Zukunft als eine der großen Hebel gesehen. Und im Rahmen der EU gibt es jetzt ja seit Sommer diesen Jahres die neue Verpflichtung für große Unternehmen, dass sie auch ihren Fußabdruck auf biologische Vielfalt monitoren müssen. Das ist erst mal nur ein Monitoring. Die Indikatoren und die Instrumente dazu müssen zum Teil auch noch entwickelt werden. Aber wenn wir es schaffen, Unternehmen dafür zu gewinnen, auch eine Strahlkraft {zu entwickeln] und Leuchttürme auch für positive Beispiele für den Schutz der biologischen Vielfalt zu sein, dann liegt da auch ein großes Potenzial.
Moderator [00:21:54] Und zu diesem ganzen Themenkomplex ist direkt auch eine Frage einer Journalistin reingekommen. Sie fragte: Gibt es Beispiele für politische Instrumente, die sich gegenseitig widersprechen?
Helge Bruelheide [00:22:09] Da würde ich jetzt sehr ins Detail gehen müssen. Aber beispielsweise ist das bei der Abgrenzung von Wasserrahmenrichtlinie mit der FFH-Richtlinie so. Da gibt es ganz andere Nomenklaturen, es ist manchmal nicht ganz klar, was unter was fällt. Also beispielsweise werden alle kleinen Gewässer gar nicht von der Wasserrahmenrichtlinie abgedeckt, die großen schon, FFH gilt aber für beide. Das sind so Dinge, wo es echt schwierig ist, dann die entsprechenden Zuständigkeiten zu klären. Unter den Richtlinien, die ich eben genannt hatte, wäre ja eigentlich nur eine, die wirklich auch gegen andere verstoßen würde, die gemeinsame Agrarpolitik. Wenn man tatsächlich dort auch Förderungen macht, die wenig sinnvoll waren für beispielsweise den Flächen-Naturschutz. Das ist vielleicht der Hauptkonflikt, den ich hier nennen würde.
Moderator [00:23:18] Aber vielleicht ist das, gerade weil Sie sagten, Sie müssten Sie ins Detail gehen, dass Sie auch eine Möglichkeit über diesen Kontakt, den wir im Nachhinein noch mal E-Mail schicken, dort auch für die Kolleginnen und Kollegen, die das interessiert, dann auch noch mal ins Detail zu gehen in den nun verbleibenden Tagen. Herr Wirth, schön, dass Sie wieder da sind und nennen Sie mich Sherlock, aber das ist ein anderer Hintergrund, oder? Und das heißt, Sie sind rumgesaust. Ich würde vorschlagen, wir fangen jetzt nicht noch mal mit dem Vortrag an, weil wir jetzt einfach schon weiter vorangekommen sind. Das würde vielleicht ein bisschen die Dynamik aufbrechen. Aber das ist toll, dass ich Sie als Vorsitzenden dieses Faktenchecks jetzt wieder da habe, denn dann würde ich auch gerne noch eine Frage an Sie jetzt abschießen. Auch wenn Sie nicht durchgekommen sind, aber das, was wir, glaube ich, auch schon so mitschneiden konnten aus Ihrem Vortrag ist, es klingt für mich so wie das Lied, was wir ganz oft hören, wenn wir über das Thema Biodiversität sprechen. Der Refrain ist dann immer so ein bisschen: Trotz mancher Lichtblicke und einiger positiven Entwicklungen ist die Situation insgesamt angespannt und die Trends sind alles andere als ermutigend. Haben Sie denn das Gefühl, dass die wesentlichen Player verstanden haben, wie die Situation ist und was es jetzt braucht, um die Biodiversität in Deutschland zu erhalten, wiederherzustellen oder ist das immer noch ein Ziel, hinter dem sich alle gar nicht so versammeln können oder das einfach unter ferner liefen irgendwo nur bedacht wird?
Christian Wirth [00:24:36] Herr Wenzel, das ist eine sehr interessante Frage. Bei der Beantwortung dieser Frage ist es ganz wichtig zu wissen, wer ist eigentlich ein wesentlicher Player. Wenn wir auf die größere Politik schauen, national, international, möchte ich mal sagen, können wir uns gar nicht so sehr beklagen. Wir haben eine Wasserrahmenrichtlinie, wir haben die FFH-Richtlinie, was eigentlich gute Instrumente sind. Wir haben das Global Biodiversity Framework, wir haben alle möglichen Absichtserklärungen, nationale Strategie etcpp. Wir haben ein großartiges Projekt, ANK nennt es sich, Aktion für natürlichen Klimaschutz. Das ist auch jetzt bei den letzten Runden der Haushaltskonsolidierung gar nicht so sehr geschröpft worden. Es passiert tatsächlich auf der politischen Ebene ganz erstaunlich viel und ich muss auch sagen, ich bin ja Pate bei der Strategie der Bundesregierung zum Thema Biodiversität, eine von den sechs Missionen hat Biodiversität im Titel. Mehr kann man eigentlich fast gar nicht verlangen und ich sehe auch, dass es dort sektorübergreifende Zusammenarbeit gibt. Erstmals sprechen die Ministerien miteinander zur Beantwortung dieser Fragen. Auf der anderen Seite muss man aber natürlich auch konstatieren, dass es mittlerweile oder ganz prinzipiell auch noch einiges an Gegenwind gibt. Jetzt hatten wir gerade die Novelle des Forstgesetzes, da gab es 1500 Eingaben von Waldbesitzern, von Lobbygruppen etc., die dazu geführt haben, dass dieses Gesetz ziemlich stark abgeschwächt worden ist. Gestern haben wir gehört, dass das Volksbegehren in der Schweiz für mehr Biodiversität ziemlich klar abgelehnt worden ist. Wir müssen dort in der Tat noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten und für diejenigen, die dann vor Ort das in der Fläche umsetzen, Waldbesitzer, Landwirtinnen und Landwirte, muss sich das auch tatsächlich rechnen und dafür muss noch einiges passieren. Die gute Nachricht ist: Mittlerweile stellen wir fest, dass sowohl aus Waldseite und auch aus landwirtschaftlicher Seite um Hilfe gebeten wird für das Problem der Klimakrise, Trockenheiten, Überflutungen etc. Das heißt, wenn wir dort helfen, müssten wir eigentlich verlangen, dass die Landnutzung in einer Art und Weise geschieht, dass sie klimaresistent und -resilient ist. Ohne Biodiversität ist das nicht zu haben. Auf diese Art und Weise wird die Bedeutung der Biodiversität noch mal gestärkt, aber da liegt noch einiges an Arbeit vor uns.
Moderator [00:27:37] Okay, vielen Dank dafür. Wir haben jetzt inzwischen eine ganze Reihe interessanter Fragen bekommen von den Kolleginnen und Kollegen und da möchte ich jetzt gerne mich einfach reinstürzen und viele der Fragen in die Runde stellen. Fühlen Sie sich dann frei, die zu beantworten, vielleicht adressiere ich auch die eine oder andere. Erst mal eine Frage zur Autorität des Berichtes. Der Kollege schreibt, der Bericht ist ähnlich aufgezogen wie ein IPCC Sachstandsberichte. Es gibt AutorInnen in den Teams, es gibt eine Begutachtung, es gibt hier nennt es sich Zusammenfassung für Entscheidungsträger. Die IPCC-Berichte beziehen ihre Autorität daraus, dass die Regierung die Summary für policy makers mitverhandeln. Woraus entsteht ihre?
Helge Bruelheide [00:28:26] Grundsätzlich haben wir uns sehr an den IPBES-Bericht angelehnt und wir haben auch im Grunde so ein Zwischending gemacht zwischen dem IPBES und dem IPCC-Bericht, dem Bericht des Klimaweltrats. Das lag unter anderem daran, dass einer der vier Herausgeber unter uns Josef Settele ist, der auch am IBPES-Report mitgearbeitet hat und mitarbeitet. Das heißt, wir haben die gleichen Mechanismen. Wir fragen unsere Kollegen, die jetzt Mitautoren sind, aber auch die zahlreiche Gutachter gestellt haben, die Vertreter aus Behörden wurden involviert, NGOs, andere Stakeholder. Es wurde versucht, das auf eine möglichst breite Basis zu stellen, auch Vertreter selbst von Gruppen, wo man sagen würde, die sind nicht unbedingt an Biodiversität interessiert, wie die Landwirtschaftsgesellschaft, die Vertreter der Landwirte [wurden berücksichtigt]. Das hat sehr gut geklappt, das hat auch einen sehr guten internen Diskussionsprozess gegeben. Was man auch sagen muss, ist, dass die Summary keine präskriptive Summary ist. Es ist nicht so, dass wir irgendeine Politik vorschreiben, sondern was wir hier machen, sind wirklich fachliche Empfehlungen. Die Politik muss sie jetzt umsetzen oder halt auch nicht umsetzen, das ist nicht unsere Entscheidung. Deswegen glaube ich, musste auch die Summary nicht noch mal mit der Politik verhandelt werden.
Moderator [00:29:58] Frau Klein, da sind ganz viele Fragen, die ich Ihrem Kapitel zuschreiben würde. Ich versuche sie mal zusammenzubinden. Was sind die Ursachen für den Rückgang der Artenvielfalt in Agrar- und Offenlandschaft, welche Rolle spielt dabei die Landwirtschaft und welche Folgen hat der Rückgang von Insekten und Feldvögeln für uns Menschen?
Alexandra-Maria Klein [00:30:21] Ich versuch's mal abzuarbeiten. Also erst mal, woran liegt der Rückgang. Was wir immer wieder sehen an den Daten, die wir gefunden haben und das waren im Agrar- und Offenland recht viele: Es ist immer noch die Strukturvielfalt, die uns fehlt, die ist sehr stark zurückgegangen und wir schaffen es überhaupt noch gar nicht, sie wiederherzustellen. Das sind wir noch gar nicht so richtig daran, das zu erarbeiten. Und das andere ist die Verschmutzung. Da zählen natürlich die Pestizide rein, Pflanzenschutzmittel insgesamt. Da sehen wir sogar eine Verbesserung, es werden nicht mehr ganz so viele Pestizide aufgebracht, also die vielen verschiedenen Mittel werden mehr, aber die Mengen werden jetzt erst mal weniger. Aber trotzdem sehen wir nicht, dass die Toxizität zurückgeht, sondern die geht eher leicht noch nach oben. Und wenn wir toxischere Stoffe haben, auch wenn wir weniger davon ausbringen, ist das natürlich schlecht. Also das ist auch etwas, was als zweites da ganz groß mit der Strukturvielfalt rauskommt. Das sind eigentlich die Haupttreiber. Der Klimawandel ist auch dabei, Erwärmung, Erderwärmung, aber er ist immer noch sehr klein dabei. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir die Daten erst jetzt bekommen, weil er erst anfängt, aber trotzdem ist er momentan als kleine Kugel im Bericht in der Agrarlandschaft zu sehen. Was bedeutet das, wenn wir die Insekten nicht wieder zurückbekommen? Wir sehen es in manchen Studien, dass Nischen offen bleiben, dass manche Pflanzen - das ist mein Bereich, ich arbeite mit Bienen - nicht bestäubt werden. Ich habe zwei Hummelarten, die ich ständig in der Agrarlandschaft sehe, aber kaum andere. Die ganzen langrüsselingen Hummeln, die sind alle zurückgegangen. Da haben wir die Mooshummel, die Obsthummel, die ich noch nie hier bei uns in der Landschaft gesehen habe, die Deichhummeln. Es sind einfach ganz viele Arten, die fehlen und die spezifische Pflanzen aber dann halt auch wieder bestäuben. Also das ist schon ein Problem und ich will nicht die Landwirtschaft alleine dafür verantwortlich machen, weil wir Verbraucher fordern auch gewisse Lebensmittel ein, die sie produzieren. Aber natürlich ist da der große Treiber dahinter.
Moderator [00:32:35] Ja, Herr Wirth.
Christian Wirth [00:32:36] Vielleicht nur ganz kurz, weil ich das nicht vorstellen konnte. Wir haben in unserem Bericht auch eine Metaanalyse gemacht mit knapp 400 Studien explizit für Deutschland, wo wir den Zusammenhang zwischen biologischer Vielfalt und Ökosystemleistung untersucht haben für verschiedenste Ökosystemleistungen: Kohlenstoffsequestrierung, Klimastabilität, kulturelle Leistungen. Das ist hoch signifikant positiv. Wir können wirklich auch für Deutschland zeigen, dass biologische Vielfalt einen systemischen Wert hat.
Moderator [00:33:09] Die Frage der Kollegin finde ich sehr interessant. Warum weiß man über urbane Räume, die doch geradezu als neue Biodiversitätshotspots gelten, fast nichts. Und sie setzt es in Anführungsstriche, weil sie sich auf Ihren Vortrag bezieht, Herr Wirth. Frau Mehring, jetzt haben Sie genickt. Ich weiß nicht ... Ja, Herr Bruelheide.
Helge Bruelheide [00:33:27] Ich nehme die Frage, weil ich tatsächlich mit dafür verantwortlich war, die gesamten Zeitreihen zusammenzutragen. Was wir haben an Zeitreihen, sind opportunistische Daten. Das sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mal vor 50 Jahren Dauerflächen angelegt haben oder Fallenserien aufgestellt haben. Und die befinden sich in der Regel nicht in Städten. Das liegt meistens wohl auch daran, dass solche Sachen dann dort gestört werden. Also wenn Sie, sage ich mal, eine Barber-Falle irgendwo in einem Park aufstellen, dann müssen sie ganz andere Dinge berücksichtigen, da spielen Kinder und so weiter, als wenn sie die irgendwo im Wald verstecken. Also das ist einer der Gründe, das sind opportunistische Daten. Uns fehlt einfach das systematische Monitoring dafür. Das ist wahrscheinlich der Hauptgrund, warum unsere Daten über die urbanen Räume auf der Ebene der Ökosysteme selbst sehr gering sind. Aber natürlich wissen wir sehr viel über die gesamte Diversität in den Städten. Das ist durchaus bekannt. Viele Städte haben Floren oder auch Checklisten für Tierarten. Was potenziell dort vorkommt, ist bekannt. Wir wissen aber nicht, wie es sich verändert hat. Da fehlt uns das konkrete Monitoring. Das ist der Grund, warum gerade bei den urbanen Zeitreihen sehr wenig gemacht wird. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lieber irgendwo im Wald, im Grünland oder in den Alpen rumlaufen als in den Städten, in denen sie sowieso arbeiten.
Moderator [00:34:59] Frau Klein, Sie hatten sich auch gemeldet.
Alexandra-Maria Klein [00:35:00] Ja, vielleicht kurz zum Ergänzen. Also wir wissen bei den Wirbeltieren in der Stadt, dazu haben wir Daten, da gibt es negative Trends. Das ist das einzige, was wir da sagen können. Und die Grünflächen insgesamt haben abgenommen, obwohl man da wieder genauer gucken muss, in welcher Stadt, in welchem Stadtbereich. Manchmal haben sie auch zugenommen. Aber insgesamt haben sie abgenommen. Worüber wir nichts wissen, sind diese Sukzessionsbrachen, zum Beispiel Industriebrachen, die wir für sehr wichtig halten, oder diese Gründächer, die Bepflanzung der Dächer, dazu haben wir noch keine Daten. Und das wäre ganz wichtig, die demnächst zu bekommen.
Moderator [00:35:37] Frau Mehring, jetzt versuche ich mal, bevor Sie nicken können, eine Frage an Sie zu adressieren. Ich hoffe, dass ich damit nicht ganz daneben liege. Denn ein Kollege hat auf den kurzen Vortrag von Herrn Wirth vorhin gesagt: Wie kann man denn den Gegenwind reduzieren und die Menschen vom Wert der Biodiversität überzeugen?
Marion Mehring [00:35:53] Ja, darauf antworte ich sehr gerne. Also, da gibt es zwei Ansätze, die ich nennen möchte. Das eine ist, wir konnten in unseren Arbeiten im Transformationskapitel zeigen, dass nicht alleine nur ökonomische Ausgleichsmaßnahmen oder ökonomische Anreize positive Wirkungen haben, sondern zum Beispiel auch eine stärkere Beteiligung von entsprechenden Personen an Prozessen zur Umsetzung von Biodiversitätsschutz. Also das Runterbrechen -- die nationale Biodiversitätsstrategie zum Beispiel wurde ja vorhin auch schon genannt -- das Runterbrechen der Maßnahmen und Instrumente, die dort vorgeschlagen werden, auf die lokale Ebene und dann auch noch mal ein gemeinsames Aushandeln mit den entsprechenden Akteuren vor Ort ist einfach ein sehr wichtiger Punkt. Unsere Arbeiten haben auch gezeigt, es braucht Kümmerer vor Ort. Und es braucht auch ein Sich-Aneignen des Themas und auch ein Aneignen der vorgeschlagenen Maßnahmen. Und ein zweiter Punkt, den ich nennen möchte, ist, dass es sehr wichtig ist, wenn man über "die Gruppe" - die Gruppe der Landwirtschaft, die Gruppe der Forstwirtschaft oder die städtischen Akteure oder die ländlichen Akteure - spricht, sich immer bewusst zu machen, dass das keine homogenen Gruppen sind. Sondern das sind sehr heterogene Gruppen. Und die Motive und Barrieren, warum sich jemand für biologische Vielfalt interessiert und einsetzt und warum andere das wiederum nicht tun, die können ganz unterschiedlicher Art sein. Die können eine emotionale Ebene haben, die können schon auch eine ökonomische Ebene haben. Sie können aber auch eine soziale Ebene haben, weil vielleicht der eine Landwirt nicht möchte, dass er schlecht vor seinem Nachbarn dasteht und als "der Öko" nicht in eine bestimmte Ecke gestellt werden möchte, obwohl er vielleicht eigentlich gerne etwas tun möchte. Und ich glaube, da gilt es, in der Forschung noch viel mehr den Fokus darauf zu legen, die Heterogenität in diesen Gruppen besser zu verstehen und damit eben auch die Motive und Barrieren, damit man die Leute jeweils da, wo sie stehen, auch besser abholen und mitnehmen kann.
Moderator [00:38:28] Aber das heißt ja, Kommunikation ist der Schlüssel sozusagen. Und ich frag mich dann, was hat sich denn aus Ihrer Wahrnehmung in den vergangenen Jahren verändert in der Kommunikation rund um das Thema? Man sagt immer, der Klimawandel, der wird viel kommuniziert, auch in den Medien, auch in den Schulen. Beim Thema Biodiversität ist das immer ein bisschen schwieriger. Und ich erinnere mich, Frau Klein, dass Sie eine Studie veröffentlicht haben in PLOS Sustainability and Transformation mit dem Who is Who der Biodiversitätsforschung, wo Sie auch gesagt haben, okay, welche Player brauchen wir denn, um die Kommunikation tatsächlich zu stärken, zu verbessern? Hat sich da schon was getan, wenn wir uns vielleicht die letzte Dekade angucken?
Marion Mehring [00:39:10] Also, ich kann gern was dazu sagen. Die letzte UN-Dekade war ja zum Beispiel auch "Bildung für nachhaltige Entwicklung". Da war das ja auch ein ganz spezieller Fokus. Und es wurden auch sehr viele unterschiedliche neue Formate, zum Beispiel Beteiligungsformate, etabliert. Wir sehen auch, dass zum Beispiel im Rahmen der Naturbewusstseinsstudie -- das ist eine Bevölkerungsbefragung für Deutschland, die alle zwei Jahre regelmäßig durchgeführt wird -- der Indikator für Wissen und Bewusstsein bezogen auf biologische Vielfalt steigt. Das heißt, die Bildungsmaßnahmen oder auch die Kommunikationsmaßnahmen zeigen durchaus eine positive Wirkung auf der Bewusstseinsebene bezogen auf biologische Vielfalt. Aber das übersetzt sich noch nicht unbedingt ins Handeln. Und da sehen wir eigentlich eine große Lücke. Und da fehlt es auch an dem, was wir Handlungswissen nennen. Wie kann ein Wandel eigentlich gestaltet werden? Wie kann der aussehen? Was kann jeder und jede Einzelne tun? Und da kann, glaube ich, auch Kommunikation und auch zum Beispiel Bildung für nachhaltige Entwicklung in Zukunft noch eine viel größere Rolle spielen, auch mit unterschiedlichen Beteiligungsformaten. Und wenn Christian alle Folien hätte zeigen können, dann wäre auf der letzten Folie ja zum Beispiel auch der Punkt gekommen zu den Reallaboren und ähnlichem. Ich weiß nicht, ob du dazu noch ein bisschen was sagen möchtest.
Christian Wirth [00:40:46] Ja, vielleicht ganz kurz. Ich denke, Biodiversität ist auf jeden Fall positiv konnotiert und das Bewusstsein hat zugenommen. Aber es ist noch zu sehr, ich nenne es mal, in der Naturschutzecke. Also das Bewusstsein dafür, dass Biodiversität ein Lebenserhaltungssystem ist, dass nur mit Biodiversität Klimastabilität erreicht werden kann, dass nur mit der Biodiversität auch ohne Zugabe von allzu viel Dünger, Pflanzenschutzmitteln und Energie Erträge erwirtschaftet werden können, das hat sich in der Gesellschaft noch nicht durchgepaust, ist aber sehr wichtig dafür, um auch wirklich zu verstehen, warum wir uns darum kümmern müssen. Ich sage immer, wenn wir die erste große Biodiversitätskrisen-Leugnerschaft bekommen, dann haben wir es geschafft.
Moderator [00:41:40] Frau Klein, Sie hatten sich auch gemeldet. Mit Blick auf die Uhr und die vielen Fragen, die wir haben, würde ich sagen, sagen Sie gerne noch, was Sie sagen würden ... Nein? Ist okay?
Alexandra-Maria Klein [00:41:47] Ist okay. Ich hätte sonst noch was aus dem Agrarbereich. Muss aber nicht sein.
Moderator [00:41:52] Bei dem Thema haben wir alle so unsere Wahrnehmungen. Das ist total interessant, das übereinander zu legen. Aber leider sind wir ja limitiert hier auch in der Zeit. Ich weiß nicht genau, an wen ich die Frage stellen kann. Ich beginne mit dem Zitat: Die gute Nachricht, dass es im Wald und an Binnengewässern positive Trends gibt, zum Beispiel bei Vögeln und Säugern, wie ist das zu erklären? Gibt es dort mittlerweile mehr Naturschutz, mehr Wildnis?
Christian Wirth [00:42:16] Also, ich kann mal was für den Wald probieren. Es ist schon länger so, dass es eine Abkehr von der Monokulturwirtschaft gibt. In der letzten Dekade der Bundeswaldinventur hat man beispielsweise festgestellt, dass es einen Zuwachs gab von 18 Prozent Totholz. Da war man jetzt so ungefähr bei den 20 Kubikmetern pro Hektar Anfang der 2010er-Jahre angekommen. Und für eine gute Biodiversität braucht man so zwischen 20 und 50 Kubikmetern im Wald. Das hat sich also tatsächlich zum Guten hin verbessert. Und man kann davon ausgehen, dass die Vögel, die natürlich dann Insekten fressen, die dort in dem Totholz wohnen, dass das schon seine ersten positiven Wirkungen zeitigt. Auch der Anteil von Mischwäldern ist in dem Zeitraum bereits leicht gestiegen. Und wenn wir die nächste Dekade noch dazu nehmen würden, da warten wir jetzt auf die Ergebnisse der neuen Bundeswaldinventur, dann würden wir sehen, dass wir noch sehr viel mehr Totholz haben. 40 Prozent der Organismen in einem Wald sind auf die eine oder andere Weise vom Totholz abhängig. Also das könnte einer der Gründe sein für das Ökosystem Wald. In den Gewässern gibt es andere Bedingungen.
Helge Bruelheide [00:43:37] Ich könnte mit den Gewässern weitermachen. Bei den Gewässern liegt es daran, dass unsere Fließgewässer vor allem sauberer geworden sind. Es hat sehr positive Trends gegeben. Wir haben sehr viele Wirbellose, die in den Gewässern zugenommen haben, beispielsweise Libellenarten. Bei unseren Libellenarten haben wir generell einen positiven Trend. Aber es sind vor allem die Fließgewässerarten, die davon profitiert haben. Auch die Vögel haben davon profitiert. Das heißt also, es zeigt schon, dass die Gewässerreinhaltung tatsächlich viel bewirkt hat. Und es hat sich auch durchgepaust. Selbst auf die Nährstoffeinträge in Ostsee und Nordsee, die da durch die Fließgewässer reinkommen, haben wir dann rückläufige Verschmutzung im Moment. Leider auf einem sehr hohen Niveau stagniert das jetzt gerade. Das heißt also, wir würden noch ein hohes Potenzial sehen, dass sich die Gewässerqualität noch weiter verbessert. Aber das sieht man in ganz Europa, dass es im Moment in den letzten Jahren nicht weiter bergauf geht. Also da ist noch Potenzial drin. Und zu den Küsten würde ich noch hinzufügen, dass es dort zum Beispiel den Säugetieren gut geht. Das kann man auch sehr schnell festmachen. Wir haben nur drei Säugetierarten in der Nordsee: Schweinswal, Seehund und Kegelrobbe. Das liegt an einem ganz strikten Schutz dieser Tierarten. Die Kegelrobbe war fast ausgerottet. Heute haben wir weit über 2000 Exemplare davon in der Nordsee. Das zeigt auch, dass ein ganz konsequenter Artenschutz sehr, sehr hilfreich sein kann.
Christian Wirth [00:45:13] Um das noch mal ganz kurz abzurunden. Naturschutzforschung wird ja schon eine Weile gemacht, und wir kennen sehr viele Tricks und Kniffe, um Biodiversität wirklich zu fördern. Diese Beispiele zeigen, wenn man mal was tut, dann passiert auch was. Also wir haben es in der Hand. Wir können es zum Besseren wenden. Die Umsetzung ist ein Problem. Wenn Sie die Wasserrahmenrichtlinie nehmen. Wir hätten ja eigentlich schon bis 2021 alle Gewässer in einen guten ökologischen Zustand verfrachtet haben sollen. Dann ist das verlängert worden bis 2027. Und die Prognose ist, dass wir wahrscheinlich bloß 18 Prozent der Gewässer in diesen Zustand bekommen. Das heißt mit anderen Worten, Strafzahlungen aus der EU stehen an. Und das bedeutet auch, die Ideen haben wir, das Knowledge haben wir, aber an der Umsetzung hapert es, am Geld, an der Zeit, am Willen.
Moderator [00:46:01] Ich hatte es in der Vorbesprechung ja auch schon gesagt, dass Journalistinnen und Journalisten gerne immer konkrete Beispiele hören. Herr Bruelheide, Sie haben jetzt gerade schon drei Säugetierarten in den Meeren genannt. Aber eine Kollegin fragt trotzdem noch: Bisher ist es sehr schwierig, das Thema Biodiversität oder Artenvielfalt so aufzubereiten, dass viele Menschen damit erreicht werden. Haben Sie vielleicht ganz konkrete Beispiele für Schlüsselarten, an denen man in der journalistischen Berichterstattung ansetzen könnte, um die Relevanz herauszustellen?
Helge Bruelheide [00:46:33] Unter Schlüsselarten verstehen wir als Ökologen solche Arten, die wirklich einen ganz erheblichen Effekt auf Ökosystemwirkungen haben. In den Fließgewässern würde einem sofort der Biber einfallen, der tatsächlich auch Gewässerstrukturen verändern kann. Im Boden würde einem da der Regenwurm einfallen. Es gibt tatsächlich in vielen Ökosystemen solche Schlüsselarten. Die sind natürlich nicht unbedingt besonders cosy, um damit bei Schulkindern so einen Kuscheleffekt hervorzurufen. Biber vielleicht noch, Regenwurm vielleicht weniger. Es macht sicherlich Sinn, dass man solche Arten, die wirklich jeder kennt ... Da gehört tatsächlich, und Alex wird jetzt die Stirn runzeln, auch die Honigbiene dazu, die ja auch das Wappentier war für "Schützt die Bienen". Es muss uns aber immer klar sein, dass das wirklich nur Vehikel sind, um damit dann beispielsweise auch die anderen 600 Bienenarten, die wir in Deutschland haben, mitzunehmen. Es muss dann immer auch das Vehikel sein zu sagen: "Aber es gibt ja noch viel mehr!" Und das ist ein Problem, was Journalisten häufig haben, dass sie dann sagen, ja, wir haben so ein Kuscheltier und da schreiben wir jetzt drüber. Aber dann den Sprung zu machen, dass es da noch viel mehr gibt -- es gibt auch noch viel mehr Regenwurmarten, man müsste sich die auch mal genauer ansehen -- da liegt, glaube ich, die Schwierigkeit.
Moderator [00:47:56] Okay, ich sehe gerade, dass es 15 Uhr ist. Aber ich habe mit den Expertinnen und Experten vorher gesprochen, und alle sind bereit, noch ein paar Minuten zu überziehen, falls wir interessante Fragen haben. Und da dem so ist, nehme ich dieses Angebot jetzt einfach an. Und ich hoffe, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass Sie auch noch Lust haben, ein paar Minuten länger da zu bleiben. Frau Klein, Sie hatten sich gemeldet und in dem Moment, als Herr Bruelheide "Kuscheltiere" sagte, dachte ich wahrscheinlich haben Sie mit vielen Tieren zu tun, die jetzt nicht zwingend in die Kategorie fallen. Und trotzdem gibt es da wohl Schlüsselarten, die für Journalist:innen vielleicht interessant sein könnten.
Alexandra-Maria Klein [00:48:25] Also wenn Sie sich mit Bienen beschäftigen und die einmal durch ein Binokular angeschaut haben, dann finden Sie, das ist ein Kuscheltier. Und deswegen ist es extrem wichtig, dass wir uns damit beschäftigen und dass wir Bildung betreiben und dass die Menschen diese Tiere mal wirklich so richtig sehen. Und da wollte ich nur sagen, vielleicht war mit der Frage nach der Indikatorart einfach nur gemeint: Wer ist der Verlierer? Wer ist der Gewinner? Und da würde ich sagen, da haben wir schon sehr, sehr viele aus meinem Bereich. Bei den Bienen, könnte ich sagen, die Holzbienen sind die Klimawandelgewinner momentan. Die Hummeln sind die Klimawandelverlierer. Wenn ich auf die Landnutzung gucke, habe ich die langrüsseligen Hummeln. Da gibt es viele Arten drunter, das sind die Verlierer. Die kurzrüsseliegen, vor allen Dingen zwei Arten, sind die Landnutzungsgewinner. Nur sind bei den Gewinnern momentan viel weniger Arten als bei den Verlierern. Vielleicht wird sich das ändern, wenn ganz neue Arten zu uns kommen durch den Klimawandel. Aber da können wir schon ganz konkret aus allen Bereichen, auch bei den Vögeln, Namen nennen. Und da können die Journalisten uns ja auch gern noch mal anschreiben.
Moderator [00:49:30] Genau, dann noch mal vielleicht der Hinweis, nachher kommt eine Mail, da steht ein Kontakt drin, an den Sie sich wenden können, wenn Sie noch konkrete Nachfragen haben oder auch noch Interviews wünschen. Frau Mehring, ich versuche mal, Sie mit reinzuholen. Im Oktober ist ja die UN-Biodiversitätskonferenz in Kolumbien. Kann man denn auf Basis dieser Forschungsergebnisse für Deutschland jetzt Erwartungen oder Forderungen an diese Konferenz formulieren?
Marion Mehring [00:49:58] Ja, das ist eine große Frage, eine gute und wichtige Frage. Ich sehe da einerseits den Punkt der Dringlichkeit. Und das ist ja auch ein Ergebnis aus unserer Arbeit im Faktencheck. Und Christian, du hast es auf einer deiner Folien ja auch als "Deutschlandtempo" bezeichnet. Das heißt, dass die Ergebnisse insgesamt eigentlich zeigen, es ist jetzt notwendig, zeitlich dringend notwendig, etwas zu tun. Einerseits auf politischer Ebene, auf gesellschaftlicher Ebene, aber auch auf wirtschaftlicher Ebene. Und unsere Ergebnisse zeigen aber auch, dass es möglich ist. In unserem Transformationskapitel legen wir ja dar, wie ein Wandel in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft angestoßen und unterstützt werden kann. Und in dem Sinne erhoffe ich mir für die Verhandlungen im Herbst in Kolumbien, dass unsere Ergebnisse dann über die deutsche Delegation dort auch eingebracht werden. Und ich denke, dass die Positivbeispiele, die wir gesehen haben, dort auch mit aufgenommen werden können sowie die Dringlichkeit für das Handeln und auch den politischen Rahmen und die Verbindlichkeit entsprechend zu setzen, dort auch mit aufgenommen und addressiert werden kann.
Moderator [00:51:50] Herr Wirth, Frau Mehring sagte, Sie hätten dazu wahrscheinlich was in ihrer Folie gesagt ... Mit der Bitte um eine kurze Antwort, wenn möglich.
Christian Wirth [00:51:59] Also die kurze Antwort wäre: Es braucht unbedingt eine Verbindlichkeit der Umsetzung der Ziele, die wir uns ja schon bereits gesetzt haben. Wir wissen, dass wir versprochen haben, bis 2030 30 Prozent unserer Fläche in Deutschland unter Schutz zu stellen, 10 Prozent davon unter strikten Schutz. Da muss man sich dann natürlich auch ehrlich machen und sagen, wie weit sind wir dort? Und wir haben noch einiges an Strecke vor uns. Und es hängt sehr viel auch an der Finanzierung von den entsprechenden Umsetzungen. Und es hängt auch sehr viel davon ab, dass wir sektorübergreifend die unterschiedlichen Richtlinien und Gesetzgebungen so anpassen, dass sie aufhören, miteinander zu konkurrieren. Hochwasserschutz versus Naturschutz, Bioenergie versus Naturschutz etc. Das ist ganz dringend zu machen. Aber es gibt auch sehr positive Beispiele. Ich habe schon das Programm für den natürlichen Klimaschutz erwähnt. Also das ist wirklich ein kleiner Game Changer, wenn das realisiert werden kann.
Moderator [00:53:01] Und weil Sie es gerade von sich aus angesprochen haben und die Frage ja auch über den Chat kam, das Montreal-Kunming-Abkommen mit dem 30x30-Ziel, sieht man denn da schon etwas, dass sich das positiv bemerkbar macht?
Christian Wirth [00:53:14] Also die Fläche der Naturschutzgebiete in Deutschland ist in der Größenordnung von, ich glaube, 3,5 auf 4,6 angestiegen. Also da ist durchaus noch Luft nach oben. Eine Ausweisung neuer Nationalparke wäre sicherlich eine gute Idee dafür. Da hat es in der Vergangenheit auch immer wieder mal Schwierigkeiten gegeben. Diese neuen Gebiete, die jetzt dazukommen, bei der Renaturierung und Wiedervernässung beispielsweise, werden einen größeren Gewinn abwerfen. Also da gibt es verschiedenste Programme. Aber die Zahlen, die wir vorlegen können, da ist Luft nach oben.
Moderator [00:53:55] Herr Bruelheide, Sie hatten sich auch gemeldet. Möchten Sie auch noch kurz ergänzen?
Helge Bruelheide [00:53:58] Ja, ich möchte noch ganz kurz auf Kunming zurückkommen. Wir müssen ja auch sehen, dass Deutschland hier vielleicht eine Vorreiterrolle spielen könnte. Als drittgrößte Volkswirtschaft der Erde mit dem drittgrößten Bruttoinlandsprodukt wären doch wir es, die zeigen könnten, dass man ein Wirtschaftswachstum hinkriegt, aber gleichzeitig dabei nicht die Natur kaputt machen muss. Und dieses Wirtschaften mit Natur, mit Biodiversität, das ist ja eine auch der Hauptaussagen des Faktenchecks und auch die einzige Möglichkeit, wirklich die 30 Prozent Vorrangflächen für Biodiversität hinzubekommen, indem wir auf einem Großteil dieser Flächen auch wirtschaften. Das wäre etwas, was man wirklich in Kunming [er meint in der kommenden COP in Kolumbien; Anm. d. Red] auch transportieren müsste. Auf der anderen Seite, das ist auch noch ein wichtiger Punkt, glaube ich, muss man dafür sorgen, dass es nicht zu diesen Leakage-Effekten kommt, die ja im Moment wirklich auch katastrophale Folgen haben. Wenn wir umstellen auf Biokraftstoffe, die aber aus Palmöl produzieren, die wiederum dann aus Indonesien bezogen werden, dann vernichten wir dort Biodiversität dafür, dass wir unsere Energiewende schaffen. Und das muss auf der nächsten COP ganz klar gemacht werden, dass wir das unter allen Umständen in Deutschland verhindern werden.
Moderator [00:55:18] Bevor ich jetzt gleich zur Schlussrunde komme, wo ich sie alle noch mal einbinden möchte, noch eine Frage, die total wichtig ist für das Verständnis von all dem. Eine Kollegin fragt: Der Rückgang von Arten muss sich ja immer auf einen bestimmten Zeitpunkt beziehen. Welcher wird da bei der Biodiversität angenommen? Und gibt es da Verzerrungen, weil zum Beispiel schon vorher, möglicherweise durch menschliches Handeln, die Artenvielfalt abgenommen hat? Ich sehe Nicken und Lächeln.
Christian Wirth [00:55:44] Also das ist eigentlich eine Frage für dich, Helge. Aber ich sage mal, bei der Erholung der Biodiversität in den Fließgewässern profitiert die Statistik davon, dass man bei einem sehr, sehr schlechten Zustand angefangen hat. In den 19 70er Jahren waren in Westdeutschland viele Gewässer biologisch fast tot. Sie kennen die Thematik auch in den ostdeutschen Flüssen. Da ist es leicht, sich davon zu erholen. Aber die Referenzthematik ist eine wichtige. Also ich würde sagen für die terrestrischen Gebiete: vor der großen Flurbereinigung und vor der starken Intensivierung der Landwirtschaft mit starken Düngergaben und Einsetzen von Pflanzenschutzmitteln. Das wäre die Referenz.
Moderator [00:56:35] Herr Bruelheide, kurze Ergänzung?
Helge Bruelheide [00:56:36] Ja, wir haben im Faktencheck im Grunde des Jahr 1990 genommen, weil wir ab da so was haben wie ein systematisches Monitoring, also beispielsweise im Bereich der Vögel. Die opportunistischen Zeitreihen, die schon erwähnt wurden, reichen teilweise weiter zurück. Also wir haben Zeitreihen, die bis 1920 zurückreichen, und da können wir das tatsächlich sehen. Also da gibt es für die Pflanzen, und ich als Botaniker habe dazu vielleicht am meisten Hintergrund, den Befund, dass wir in den 1970er und 1980er Jahren tatsächlich dieses Auseinanderdriften hatten in der Biodiversität. Das war zu der Zeit, als noch großräumig Flurbereinigung gemacht wurde, als die Flächen intensiviert wurden, als die Feuchtgebiete entwässert wurden. Da haben wir ein Großteil der Biodiversität verloren. Also wir wissen das, das ist ein Baseline-Problem. Deswegen würden wir gerne bei 1950 ansetzen, haben aber dafür nicht die Daten. Und, wenn ich das auch noch sagen darf, was immer wir jetzt machen, es werden neue Monitoringprojekte gerade überlegt, auch von dem Nationalen Zentrum fürs Monitoring der Biodiversität, dem Bundesamt für Naturschutz. Was immer gerade geplant ist, das wird jetzt anfangen. Also wir werden all das, was wir jetzt monitoren, nur auf dem Niveau weitermachen können, auf dem wir gerade sind. Deswegen sind diese alten Daten, die wir hier mobilisiert haben, auch von höchster Wichtigkeit.
Moderator [00:58:00] Okay, ich komme jetzt zur Schlussrunde. Und da möchte ich Sie alle gerne noch mal mit einem kurzen Statement zu ein und derselben Frage haben. Und ich gestehe ein, dass die Idee zu dieser Frage, Herr Wirth, aus einer frühen Version Ihrer Präsentation kommt und ich nicht weiß, ob sie immer noch drin ist. Aber dort gab es eine Folie, da stand drauf: Es gibt viele Wege, aber es gibt nicht den einen Weg. Wenn ich mal bei dieser Metapher bleibe, Wege können sich schlängeln, sie können sich gabeln, sie können auf Hindernisse stoßen. Was ist denn aus Ihrer ganz persönlichen Sicht das wesentliche Element, damit der Weg, für den wir uns entscheiden, immer in die Richtung führt, in die wir wollen? Ich würde gern die gleiche Reihenfolge wie vorhin machen und deswegen mit Ihnen beginnen, Frau Klein.
Alexandra-Maria Klein [00:58:41] Es geht nicht, dass wir nur einen Weg gehen. Es ist ganz klar, wir wollen Biodiversität fördern. Wir können nicht nur einen gehen. Aber einen wichtigen Weg, den ich jetzt nennen werde, und die anderen können dann wahrscheinlich andere Wege nennen, ist für mich der Zugang durch die Bildung. Das habe ich vorhin auch schon gesagt, nur das, was wir kennen, das schützen wir. Wir haben Studien, wo wir Jugendliche verglichen haben, die in intensiven Weinbergen großgeworden sind oder in traditionellen. Die haben ein ganz anderes Verständnis von Biodiversität. Und dieses Verständnis, also dass es überhaupt Biodiversität gibt und was das für Arten sind, das müssen wir in unser Bildungssystem rein bekommen. Und das funktioniert noch nicht. Wir wissen ja, dass die Schulen da ganz, ganz stark abgebaut haben. Und ich sehe jetzt auch nicht, dass sich das verändern wird. Und das halte ich für einen ganz zentralen, einen zentralen Weg von vielen.
Moderator [00:59:32] Frau Mehring, wie würden Sie den beschreiben?
Marion Mehring [00:59:36] Ich teile das Bild, dass es viele Wege braucht für eine Trendwende zum Erhalt der Artenvielfalt. Und was ich aus der Arbeit an unserem Kapital mitgenommen habe und als einen weiteren möglichen Weg sehe, dass Naturschutz eigentlich nicht länger als das Gegenteil von Naturnutzung verstanden werden sollte. Das wünsche ich mir eigentlich auch für die Zukunft. Und das bedeutet dann, dass wir nicht nur einen anderen Naturschutz brauchen, sondern dass wir vor allem auch eine andere Naturnutzung brauchen. Und wir haben jetzt in der letzten Stunde ja auch schon darüber gesprochen, dass wir eben Biodiversitätsschutz viel stärker in das wirtschaftliche Handeln, aber auch in das individuelle Handeln, in die eigenen Praktiken des Alltagshandelns integrieren müssen.
Moderator [01:00:37] Herr Bruelheide?
Helge Bruelheide [01:00:38] Ja, ich glaube, das Bild der verschiedenen Wege ist auch eine Antwort auf die Frage, die wir im Chat hatten. Also was kann man tun, um den Leuten Biodiversität nahezubringen? Im Grunde hat wahrscheinlich jeder Mensch seine eigene, ihre eigene Motivation, warum man sich für Biodiversität einsetzt. Man möchte Natur Natur sein lassen wie in Nationalparks. Man möchte vielleicht davon profitieren, indem wir ein sicheres Wirtschaften haben, in dem saubere Luft produziert wird. Oder man hat relationale Werte. Man liebt es, unter diesen Linden zu laufen und man hat diese Bäume schon sein Leben lang gekannt. Jeder von uns hat, glaube ich, einen ganz besonderen Bezug in dieser oder der anderen Art und Weise. Und wenn wir auf Diversität setzen, dann ist es auch die Diversität der Motivationen, die am Ende alle das Gleiche bewirken, dass tatsächlich Biodiversität geschützt wird, gefördert wird und auch renaturiert wird. Aus welchen Beweggründen auch immer. Das sind die verschiedenen Wege, die wir hier haben.
Moderator [01:01:42] Herr Wirth,jetzt bin ich gespannt, wie Sie das abbinden wollen.
Christian Wirth [01:01:45] Ja, die gesellschaftlichen Prozesse sind meines Erachtens die wichtigen. Wir müssen es irgendwie schaffen, gemeinsam mit sehr viel Kreativität und Energie einen attraktiven, neuen Lebensstil zu entwickeln. Und die Politik muss das fördern, muss uns dabei helfen, das zu ermöglichen. Dazu gehört sehr viel. Zum Beispiel kann man aufhören, irgendwelche naturschädlichen Subventionen auszuzahlen. Aber sehr viel wichtiger ist es noch, wirklich einen neuen Umgang mit uns selber, mit der Natur in der Gesellschaft zu schaffen, der kompatibel ist mit Biodiversität und vor allen Dingen die Biodiversität nutzt. Und als eine Facette davon ist es meines Erachtens notwendig, eine neue Form der Landnutzung zu entwickeln, mit Forschung. Wo also tatsächlich mit Biodiversität gewirtschaftet wird und mit Biodiversität am Ende auch Geld verdient wird. Und wo Erfolge in der Biodiversität belohnt werden, auch finanziell, so dass sich das für die Waldbauern und für die Landwirtinnen und Landwirte am Ende auch tatsächlich rechnet.
Moderator [01:02:56] Ja, vielen Dank. Jetzt haben wir ordentlich überzogen. Aber ich finde, es war jede Minute wert. Ich fand es total spannend. Und ich möchte jetzt und zum letzten Mal darauf hinweisen, dass das Embargo ein bisschen nach vorne gerutscht ist. Es liegt jetzt kommende Woche Montag, den 30.09.2024 um 18 Uhr. Ab da können Ihre Berichte raus. Alle die, die jetzt hier waren, bekommen eine Mail von uns, in der auch eine E-Mail-Adresse drinsteht, nämlich von der wissenschaftlichen Koordinatorin des Projekts "Faktencheck Artenvielfalt". Und an diese Dame können Sie sich wenden, wenn Sie wissen wollen, zu welchem Thema Sie mit welcher Wissenschaftlerin oder welchem Wissenschaftler am besten in Kontakt treten können, wenn Sie sehen, für mich hier unten im Bayerischen Wald ist aber ein anderes Thema interessant als für die Kollegin oben an der Ostsee. Ich glaube, da werden Sie in den kommenden Tagen sicherlich auch noch Ihre lokalen Andockpunkte finden. In dieser E-Mail wird auch die Präsentation mit drin sein. Wir werden den Video- und den Audio-Mitschnitt schicken. Und das Transkript kommt dann in der überarbeiteten Version morgen Nachmittag. Nach Ablauf der Sperrfrist finden Sie das alles wie gewohnt auf unserer Homepage. Und ich danke Ihnen, liebe Expertinnen, liebe Experten, sehr für Ihre Zeit und für Ihre Mühe. Ich danke Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass Sie so lange durchgehalten haben. Ich sehe, die Zahl ist kaum runtergegangen. Das finde ich ganz, ganz toll. Ich freue mich sehr. Ich war sehr gespannt auf diese Veranstaltung und bin sehr zufrieden und wünsche Ihnen allen noch einen schönen Tag und verabschiede mich bis zum nächsten Mal. Auf Wiedersehen. Tschüss!

