Moderator [00:00:01] Herzlich willkommen, liebe Kolleginnen und Kollegen. Ich freue mich, dass Sie bei unserem Press Briefing heute dabei sein möchten. Etwas ganz Wichtiges gleich am Anfang. Alles, was jetzt hier gesagt wird, steht noch unter einer Sperrfrist. Bis kommenden Freitag, den 11.11.2022 nachts um 1:01 Uhr. Vorher darf bitte nichts von dem, was jetzt hier gesagt wird, publiziert werden oder auf anderen Wegen an die Öffentlichkeit kommen. Vorgestern hat der Weltklimagipfel, die COP, begonnen und wie jedes Jahr erscheint auch genau dann das Global Carbon Budget - inzwischen nun schon zum 17. Mal. Nachdem das Treibhausgas Bulletin der WMO vor kurzem jeweils historische Höchststände für die atmosphärischen Konzentrationen der drei wichtigsten Treibhausgase berichtet hat, was ja noch nicht überraschend war, denn mit Ausnahme des Pandemiejahres sind die Emissionen immer weiter gestiegen, so dass sich das eben auch in den Konzentrationen der Atmosphäre zeigt, präsentiert das Global Carbon Budget nun neueste Trends der Kohlendioxidemissionen. Wie steht es um den Ausstoß aus Nutzung von Kohle, Öl und Gas, welche Auswirkungen haben Entwaldung und Wiederaufforstung und andere Landnutzungsänderungen und in welchem Zustand sind die natürlichen Senken an Land und in den Ozeanen. Im vergangenen Jahr hat das Global Carbon Budget schon wieder einen massiven Rebound bei den Emissionen nach den Einbrüchen des ersten Pandemiejahres berichtet. Nun dürfen wir also gespannt sein, was heute zu berichten ist. Ich freue mich, dass wir zwei Expertinnen, beide sind auch Autorinnen des aktuellen Global Carbon Budgets, und einen Experten begrüßen können. Danke, liebe Kolleginnen und Kollegen, auch für Ihre Voranmeldung und auch, dass Sie jetzt da sind. Danke für Ihr großes Interesse und nutzen Sie dieses Press Briefing bitte, um Ihre Fragen an die drei Expert*innen zu stellen. Sie können Ihre Fragen unten bei "Fragen und Antworten" eintragen und wir werden uns dann im Teamwork darum kümmern und versuchen, so viele dieser Fragen wie möglich auch einbringen zu können. Kurz zum Ablauf: Ich stelle Ihnen jetzt die drei Expert*innen vor. Anschließend werden Frau Hauck und Frau Pongratz kurz in einer Präsentation die aktuellen Zahlen vorstellen und dann eröffnen wir nach wenigen Minuten schon den Raum für Ihre Fragen. Also bitte fangen Sie gerne auch gleich an, fleißig zu tippen. Beginnen möchte ich mit Ihnen, Herr Minx. Professor Dr. Jan Christoph Minx ist Leiter der Forschungsgruppe Angewandte Nachhaltigkeitsforschung am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change MCC in Berlin. Er ist kein Autor des aktuellen Global Carbon Budgets, aber ich freue mich, dass wir ihn trotzdem für diese Veranstaltung gewinnen konnten, weil er ausgesprochene Expertise zu den Trends bei den Emissionen von fossilen Energieträgern hat. So war er auch koordinierender Leitautor im Kapitel 2 der Arbeitsgruppe III des aktuellen Sachstandsbericht des IPCC, dessen Überschrift "Emissionstrends und -treiber" war. Dann möchte ich ihn Frau Dr. Judith Hauck vorstellen. Sie ist stellvertretende Leiterin der Sektion Marine Biogeowissenschaften und Leiterin der Helmholtz-Nachwuchsgruppe Marine Carbon and Ecosystem Feedbacks in the Earth System im Fachbereich Biowissenschaften am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Die Runde komplett mache ich mit Frau Professorin Dr. ulia Pongratz. Sie ist Inhaberin des Lehrstuhls für Physische Geografie und Landnutzungsysteme und Direktorin des Departments für Geografie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sie ist auch Autorin des aktuellen Sachstandsberichts und auch meines Wissens des 5. Sachstandsberichts 2014 gewesen. Frau Pongratz, bevor Sie einsteigen mit Ihrer Präsentation habe ich eine kurze Frage. Sie sind ja jetzt nicht zum ersten Mal Autorin des Global Carbon Budgets. Wie "gespannt" sind Sie denn immer, ob es im aktuellen Jahr wirklich die Trendwende gab oder ist das so ein bisschen wie bei einer Steuererklärung, wo man ja immer das Gefühl hat, es gibt was wieder oder ich muss was hinterher zahlen oder gibt es tatsächlich auch Momente, wo Sie sagen: Ach guck, damit habe ich jetzt nicht gerechnet.
Julia Pongratz [00:04:18] Die aktuellen Zahlen wirklich auf dem Tisch zu haben, das ist dann doch immer erstaunlich, teils erschreckend, aber insgesamt erstaunlich. Dieses Jahr kam noch dazu, dass wir uns in einem Jahr voller Chaos befinden mit dem Krieg gegen die Ukraine, mit der COVID-Pandemie, die weitergeht und von daher war es wirklich extrem spannend dieses Jahr zu sehen, wie sich die Zahlen dann ergeben.
Moderator [00:04:37] Sie hatten angeboten, dass wir eine Präsentation zeigen, so dass wir alle wissen, was Sie dann ermittelt haben.
Julia Pongratz [00:04:47] Das mache ich gerne. Frau Hauck und ich stellen Ihnen jetzt die neuesten Ergebnisse aus dem Global Carbon Budget 2022 vor. Das ist eine echte Gemeinschaftsanstrengung der internationalen Forschenden. 105 Personen aus 80 Organisationen aus 18 Ländern sind daran beteiligt. Die Folien, die wir Ihnen zeigen und sehr viel Zusatzmaterial finden Sie auf den Webseiten und dem Material, was Herr Wenzel Ihnen sehr gerne zur Verfügung stellt. Was ist besonders am Global Carbon Budget? Dass wir alle Terme quantifizieren, die zum Kohlenstoff-Budget dazukommen. Nicht nur die fossilen Emissionen und die Landnutzungsemissionen, sondern auch noch die drei Senken in der terrestrischen Biosphäre, im Ozean und dem, was in der Atmosphäre verbleibt. Und diese projizieren wir bis zum Ende des aktuellen Jahres. Damit können wir den Fortschritt der Nationen hinsichtlich des Erreichens der Ziele des Paris- Abkommens verfolgen.
Judith Hauck [00:05:54] Ich würde Ihnen die globalen fossilen CO2-Emissionen vorstellen. Auch im Jahr 2022 wird vom Global Carbon Budget projiziert, dass die Emissionen weiter steigen - um etwa 1 Prozent im Jahr 2022. Das ist in gewisser Weise eine Verlangsamung des Anstiegs der Emissionen, denn die Anstiegsrate war 3 Prozent pro Jahr in den 2000er Jahren und ungefähr 0,5 Prozent in der letzten Dekade. Es liegt aber mit einem Prozent auch über dem Durchschnitt der letzten Dekade und die Emissionen im Jahr 2022 sind leicht höher als die Emissionen in den Jahren 2019, also vor der Pandemie und auch im vergangenen Kalenderjahr 2021. Die Emissionen werden hier nach den Quellen aufgeschlüsselt, aus welchen Erzeugungswegen kommen die Emissionen. Hier gucken wir Kohle, Öl, Gas und Zement an und die Emissionen aus Kohle und Ölverbrennung sind im Jahr 2022 gestiegen und der größte Treiber ist hier tatsächlich die Zunahme in den Ölemissionen. Das wird hauptsächlich mit dem Wiedererstarken des internationalen Flugverkehrs in Verbindung gebracht. Diese Emissionen aus Öl sind aber immer noch niedriger als die Emissionen im Jahr 2019. Da Sie nach überraschenden Erkenntnissen gefragt: Eine sieht man hier in den Kohleemissionen. Es wurde lange davon ausgegangen, dass wir den den Peak, den Höchststand der CO2-Emissionen aus Kohleverbrennung tatsächlich schon überschritten hätten. Aber das Jahr 2022 könnte tatsächlich ein neuer Höchststand der CO2-Emissionen aus Kohle sein. Die Emissionen aus Gas, Verbrennung und Zementproduktion sind leicht gesunken. Wenn wir das nach den CO2-Emissionen pro Land aufschlüsseln, dann sieht man einen Anstieg der Emissionen in Indien, in den USA. Einen leichten Rückgang, in China und in der Europäischen Union und auch einen Anstieg in dem, was wir hier den Rest der Welt nennen und das beinhaltet auch den internationalen Flugverkehr, der dort zugeordnet ist. Das ist tatsächlich auch ein großer Treiber dieses Anstiegs, dass der internationale Flugverkehr sich nach der Corona-Pandemie jetzt langsam wieder erholt oder wieder erstarkt. In Indien sehen wir eine relativ starke Zunahme der Emissionen. In der letzten Dekade waren es etwa 3 Prozent pro Jahr und dieses Jahr wären es anhand dieser aktuellen Daten 6 Prozent. Die Emissionen aus Indien liegen damit dieses Jahr über den Emissionen aus der Europäischen Union. Allerdings wären die Emissionen pro Kopf in Indien immer noch nur ein Drittel dessen, was die Pro-Kopf-Emissionen in Europa sind. Das liegt in Indien hauptsächlich an der weiterhin starken Zunahme der Kohleverbrennung und auch durch ein Wiedererstarken des Transports, also der Öl-Emissionen. In China ist weiterhin die COVID-Pandemie noch ein starkes Thema und dadurch gibt es dort Einschränkungen, insbesondere auch im Bauwesen. In den USA sehen wir die Zunahme hauptsächlich auch durch ein Erstarken des domestischen Flugverkehrs und in der Europäischen Union sehen wir hauptsächlich, dass weniger Gas verbrannt wird, weil einfach weniger Gas zur Verfügung steht. Das führt in der EU zu einem Rückgang der CO2-Emissionen aus Gasverbrennung um 10 Prozent, das wird aber teilweise wieder kompensiert durch eine Zunahme der Kohleemissionen um 6,7 Prozent.
Julia Pongratz [00:09:55] Kommen wir zu den Landnutzungsemissionen, also der anderen Quelle der anthropogenen CO2-Emissionen. Die Daten zeigen einen leichten Abwärtstrend in den letzten zwei Jahrzehnten, der aber unsicher ist. Sie sehen hier die große Spannbreite. Landnutzungsemissionen sind ungleich schwerer zu bestimmen als fossile, für die gute ökonomische Daten vorliegen. Eine haltbare Aussage ist, dass die Emissionen seit Jahrzehnten hoch liegen, derzeit bei etwa 10 Prozent der Gesamtemissionen, wenn sie fossile und Landnutzung zusammenrechnen Die Projektion für 2022 sind 3,9 Milliarden Tonnen CO2. Dabei ist vor allem die fortschreitende Entwaldung ein Problem. Sie sehen hier die Landnutzungemissionen noch mal aufgesplittet in einzelne Terme. Da stecken viele Quellen dahinter - also CO2-Emissionen in die Atmosphäre, aber auch Senken-Terme. Wenn wir jetzt nur die Entwaldung herausholen, dann sehen wir, dass die übers letzte Jahrzehnt bei 6,7 Milliarden Tonnen CO2 lag. Diese Emissionen stammen vor allem aus den Tropen. Die Entwaldung bleibt also trotz aller Versprechungen auch der Glasgow Declaration letztes Jahr hoch. Gut die Hälfte der Emissionen aus Entwaldung wird wettgemacht durch Landnutzungsmaßnahmen im Wald. Das sehen Sie hier in Grün. Auch hier entstehen zwar Emissionen, etwa durch Forstwirtschaft, aber die CO2-Aufnahme durch den Aufwuchs der Wälder kreiert eine deutliche Senke von etwa 3,5 Milliarden Tonnen CO2. Teilweise geschieht das mit der Intention des Carbon Dioxide Removal, also des aktiven Entziehens von CO2 aus der Atmosphäre. Kleinere Terme, aus denen Emissionen entstehen, sind auch noch die Entwässerung und das Abbrennen von Torfböden und auch noch andere landwirtschaftliche Übergänge. Das regionale Bild der Landnutzungsemission ist sehr divers. Hier zeige ich Ihnen die Top-3-Emittenten über das letzte Jahrzehnt ausgewählt. Das sind Indonesien, Brasilien und die Demokratische Republik Kongo. Die drei zusammengenommen verursachen 58 Prozent der Landnutzungsemissionen; teils aber, das muss man dazu sagen, für den Export in den globalen Norden. Dem stehen aber auch Senken gegenüber. Beispielsweise in Teilen von Europa sieht man eine CO2-Aufnahme durch die Landnutzung. Die Gesamtemissionen, wenn wir fossile und Landnutzungsemissionen zusammenrechnen, liegen bei 40,6 Milliarden Tonnen CO2 projiziert für das Jahr 2022. Man sieht Erfolge der Dekarbonisierung, den Ausbau der Erneuerbaren. Die Entwaldung in Brasilien liegt deutlich unter den Werten Anfang der 2000er Jahre. Dennoch: Wir haben den zweithöchsten Wert der Emissionen in der Geschichte der Menschheit erreicht. Um sicherzustellen, dass die Länder ihre Versprechen einhalten, müssen also unsere Ambitionen verschärft werden und der Schwerpunkt erneut auf die Umsetzung und Durchführung unserer Versprechungen gelegt werden. Wir haben ja nur ein begrenztes Budget zur Verfügung, wenn wir uns an bestimmte Klimaziele halten wollen. Wir haben hier die relativ schwache Grenze von einer Wahrscheinlichkeit von nur 50 Prozent gewählt und sehen da, dass wir für das 1,5-Grad-Ziel nur noch 380 Gigatonnen, Milliarden Tonnen CO2 zur Verfügung haben. Das bedeutet, dass wir von jetzt ab einen Einschnitt von ungefähr 1,4 Milliarden Tonnen CO2 unserer Emissionen pro Jahr bräuchten. Das entspricht dem, was wir im ersten COVID-Jahr im Zuge der Lockdowns hatten. Das zeigt uns die Skala der Ambitionen, die wir jetzt benötigen.
Judith Hauck [00:13:43] Da wir weiter CO2 emittieren, steigt auch die atmosphärische CO2-Konzentration weiter an. Im Jahr 2022 haben wir eine atmosphärische CO2-Konzentrationen von 417,2 Parts pro Million, ppm erreicht. Das ist 51 Prozent über dem vorindustriellen Wert von etwa 277 ppm im Jahr 1750. Das entspricht einer Wachstumsrate von plus 2,5 ppm im laufenden Kalenderjahr 2022 und ist damit genauso hoch wie im vergangenen Kalenderjahr 2021. Nicht alle Emissionen bleiben in der Atmosphäre. Das sieht man hier noch mal schön. Der Anstieg von 2,5 ppm CO2- Konzentration in der Atmosphäre, das spiegelt sich hier in der atmosphärischen Wachstumsrate wieder, die man auf der linken Seite sieht. Aber auch Ozean- und Landbiosphäre nehmen CO2 auf und nehmen weiter zu, da atmosphärisches CO2 weiter ansteigt. Die nehmen weiter etwa die Hälfte unserer Emissionen auf. In der letzten Dekade waren das ganz genau 29 Prozent für die Landsenke innerhalb der angegebenen Unsicherheiten und 26 Prozent für die Ozeansenke. Obwohl die Senken weiter steigen, in etwa so, wie wir das erwarten anhand der zunehmenden atmosphärischen CO2-Konzentration, können wir mit Modell-Simulationen auch bestimmen, dass der Klimawandel diese Senken schon beeinträchtigt. Die Ozeansenke ist um 4 Prozent kleiner durch den Klimawandel, also eine allgemeine Erwärmung und auch Veränderung der atmosphärischen Zirkulation und Ozeanzirkulation. Und die Landsenke ist sogar um 17 Prozent geringer durch Erwärmung und durch Dürren und Extremereignisse.
Moderator [00:15:45] Ja, vielen Dank dafür und ich sehe auch direkt bei Fragen und Antworten den Batch "2" aufploppen. Ich wollte nämlich gerade noch mal aufrufen: Liebe Kolleginnen und Kollegen, nicht schüchtern, schreiben Sie Ihre Fragen rein. Wir werden versuchen, Sie im Panel aufzugreifen. Frau Pongratz, Frau Hauck, danke erstmal für diese Präsentation. Irgendwie schluckt man ja immer, wenn man diese Zahlen dann zum ersten Mal sieht. Herr Minx, meine Frage an Sie: Die Emissionen steigen weiter, sie steigen langsamer weiter und deswegen fragt man sich, sind das jetzt gute oder schlechte Nachrichten oder können Sie mit Ihrem Expertenblick vielleicht sogar auch Tendenzen bei bestimmten Treibern der Emissionen sehen, bei denen Sie sagen: Ach, das ist doch ein Strohhalm.
Jan Christoph Minx [00:16:29] Ich würde sagen, den Strohhalm haben wir schon im 6. Sachstandsbericht herausgestrichen und der ist ja auch im Global Carbon Project noch mal betont. Wir haben jetzt eine wachsende Zahl von Ländern, die auch nachhaltige Emissionsreduktionen hinbekommen haben. Dennoch würde ich sagen, diese Zahlen sind tatsächlich schockierend, weil die große Nachricht ist natürlich: Wir stecken immer noch im fossilen Zeitalter fest. Und diese Nachricht hat sich natürlich nicht geändert, obwohl es eine krisengeschüttelte Zeit jetzt war. Es gab den Rebound. Wir werden die Höchststände von 2019 im nächsten Jahr wahrscheinlich wieder einholen und das ist natürlich keine gute Nachricht. Aber was mich besonders besorgt jetzt auch noch mal mit Blick auf die Klimaschutz-Szenarien, ist wirklich die Kohle, wie das hier schon betont wurde. Wenn man sich die Klimaschutz-Szenarien anguckt, die im IPCC ausgewertet wurden, dann gibt es ein starkes Signal von den Modellen, das wirklich in allen Modellen vorkommt, nämlich dass die Modelle als erstes aus der Kohle rausgehen. Das ist das Einfache. Aber auch beim Einfachen ist die neue Nachricht, dass wir auch da das Zeitalter der Kohle noch nicht verlassen haben und wir müssen eigentlich bis 2030 laut der Modelle für das 1,5-Grad-Ziel beim Kohleausstieg schon sehr weit fortgeschritten sein. Und da sind wir wirklich auf dem falschen Weg und deswegen würde ich sagen, dieses Global Carbon Budget ist ein weiterer starker Call an die Politik, dass hier umgelenkt werden muss, uns schwimmen die Felle weg.
Moderator [00:18:30] Frau Pongratz, eine Frage eines Kollegen an Sie und es ist eine ganz grundsätzliche Frage: Die Daten betreffen allein die CO2-Emissionen, nicht CO2-Äquivalente oder sind noch andere Treibhausgase drin. Carbon Budget könnte ja auch Methan mit verbergen.
Julia Pongratz [00:18:47] Wir bringen auch ein Methan- oder Lachgas-Budget raus in regelmäßigen Abständen. Aber hier geht es jetzt nur um das CO2-Budget, es ist wirklich nur CO2, es sind keine Äquivalente.
Moderator [00:18:56] Gut, und die nächste Frage eines anderen Kollegen, ich zitiere: Ich erinnere mich an das Resümee des 5. IPCC Sachstandsberichts von 2014: "Die Emissionen wachsen, wachsen, wachsen". Jetzt die Frage des Kollegen: Ist dem acht Jahre später nichts hinzuzufügen und gibt es Abschätzungen, wo wir ohne Erneuerbare oder Aufforstung stehen würden?
Julia Pongratz [00:19:22] Zur Aufforstung kann man klar sagen: Wir sehen diese Flüsse, die sich im Wald ergeben. Da steckt Forstwirtschaft mit drin, die ein Aufwuchs ist, auch eine Emission in die Atmosphäre. Wir haben aber auch Aufforstung: China forstet auf, in Europa haben wir viele Regionen, wo wir schon seit langem aufforsten. Da geschieht schon was. Trotzdem: Wir haben 3,5 Milliarden Tonnen CO2, die wir da aufnehmen. Das ist sehr wenig im Vergleich zu den 40 Milliarden Tonnen, die wir in die Atmosphäre entlassen. Aber das ist natürlich etwas, was wir ausbauen können und müssen. Da liegt auch gerade Potenzial im globalen Süden. Sich dort einzubringen, kann also vielleicht geopolitisch die Wichtigkeit etwas verschieben.
Moderator [00:20:05] Uns hat im Vorfeld auch eine Mail eines Kollegen erreicht, die hier ganz gut passt. Er fragt nämlich, welche Maßnahmen zur CO2-Reduktion wären die wichtigsten und müssten global am schnellsten umgesetzt werden? Das waren jetzt ja schon zwei Beispiele, gibt es da noch etwas zu ergänzen?
Julia Pongratz [00:20:22] Die Emissionsreduktion muss getrieben werden durch die Umstellung im Energiesektor. Das ist die oberste Transformation, die nötig ist und sehr schnell der Anstieg der Erneuerbaren. Die Erneuerbaren steigen an, um auf die Frage zurückzukommen. Aber ein Problem ist auch immer das Abschalten einer alten Technologie. Man muss auch aufpassen, dass das nicht nur obendrauf kommt. Dann gibt es natürlich verschiedene Maßnahmen, die man neben der Emissionsreduktion durchführen kann. Nicht, um uns der Emmissionsreduktion zu entledigen, sondern weil wir schwer vermeidbare Emissionen haben. Wenn wir den Paris-Zielen folgen, dann müssen wir netto null werden in einigen Jahrzehnten. Und diese schwer vermeidbaren Restemissionen aus der Landwirtschaft beispielsweise müssen dann durch aktive CO2-Aufnahme der Atmosphäre entnommen werden. Und da spielen Aufforstung, Biomasseplantagen mit Kohlenstoffspeicherung in den geologischen Reservoirs etwa und auch viele andere Möglichkeiten, die dann aber erst über die Zeit hochskaliert werden können, eine Rolle. Da können wir gerne noch mehr Details nennen, auch Herr Minx kann da viel zu anfügen.
Moderator [00:21:28] Ja bitte, Herr Minx.
Jan Christoph Minx [00:21:30] Noch mal konkret. Natürlich, wo stünden wir ohne die Erneuerbaren? Das ist klar. Also ohne Klimapolitik generell wären die Emissionen stärker gestiegen. Das ist völlig klar, dass die Maßnahmen, die die Politik bisher ergriffen hat, waren nicht wirkungslos, aber sie waren halt viel zu schwach. Und da muss man sich nur vor Augen führen, dass wir wirklich jedes Jahr mehr als eine Milliarde Tonnen CO2 tatsächlich einsparen müssen. Und der Kohleausstieg, den globalen Kohleausstieg zu organisieren, in einer Phase, wo das international schwierig ist, also in einer internationalen Krisensituation, ist eine Riesenherausforderung. Aber das ist das Zentrale, weil die Kohle besonders CO2-intensiv ist und und da muss ein Haufen Fokus hin. Aber die andere große Nachricht ist: Es geht nicht um eine Maßnahme, wir müssen alles tun. Das ist auch etwas, was die Modelle uns zeigen. Wir müssen alles tun und wir können jetzt nicht hingehen und sagen: Ach ja, wir machen ein bisschen was hier, das ist besonders wichtig und wir machen ein bisschen was da. Die Zeiten, wo wir uns hätten herauspicken können, jetzt eins nach dem anderen ganz langsam zu machen, die sind schon lange vorbei.
Moderator [00:22:58] Frau Hauck, Sie hatten gerade in der Präsentation kurz erwähnt, in welchen Regionen welche Emissionsentwicklungen zu sehen sind. Da passt eine Frage eines Kollegen sehr gut hin. Können Sie aus den Entwicklungen der verschiedenen Weltregionen - und er führt beispielhaft China, die USA, die Europäische Union auf - ablesen, welche Regierungen sich gerade aktiv für den Klimaschutz engagieren? Anders gefragt: Kann man Regionen sehen, die sich auf den Weg Richtung Klimaschutz gemacht haben und Regionen, bei denen das noch nicht passiert?
Judith Hauck [00:23:31] Es ist schwierig, das zu beurteilen anhand von einem Jahr. Aber was wir jetzt sehen, ist, dass die Emissionen sich wieder auf die gleichen Trendlinien begeben, die eben vor der COVID-Pandemie schon sichtbar waren. Und da sieht man durchaus, dass die Emissionen in der EU, aber auch in den USA seit mehreren Jahren sinken und in den Datensätzen und in den Papern listen wir ja auch 24 Länder, in denen jetzt schon seit mehreren Jahren die Emissionen sinken und gleichzeitig aber die Wirtschaft auch weiter wächst. Ich denke aus den Daten, wie sie hier aufgelistet sind, ist das die Europäische Union und die USA, in denen man das hier sieht.
Moderator [00:24:17] Es häufen sich ein paar Fragen, zum Beispiel: Welche Länder stoßen prozentual am meisten CO2 aus? Oder, ob es auch Aufstellungen von Pro-Kopf-Emissionen pro Land gibt und auch die Frage, ob die Veröffentlichung unter Sperrfrist zu bekommen ist. Ich sag ganz am Ende noch mal was dazu. Es gibt die Möglichkeit, wenn Sie uns eine Email schicken, aber das packe ich dann einfach nachher hinten ran. Die nächste Frage von einer Kollegin stelle ich jetzt mal offen in die Runde. Vor zwei Jahren bei der Vorstellung des Global Carbon Projects wurde von der Green Recovery nach der Pandemie gesprochen. Was ist aus dieser Green Recovery geworden, gibt es da ein konkretes Beispiel, wo etwas Vorgeschlagenes aber nicht umgesetzt wurde und ich würde das gerne noch ergänzen: Gibt es denn Fehler, die wir jetzt vielleicht doch noch korrigieren können?
Judith Hauck [00:25:08] Ich würde einfach anfangen und sagen: Es ist ganz klar, dass wir hier eine Chance verpasst haben. Man sieht eben, dass es keine Green Recovery gab, sondern dass eben wieder die Gelder und die Mittel in den Status Quo gesteckt wurden, um die Wirtschaft zu stärken und tatsächlich die fossile Abhängigkeit der Wirtschaft auch weiter zu stärken. Vielleicht können Herr Minx oder Frau Pongratz konkrete Beispiele ergänzen, wenn sie was im Kopf haben.
Jan Christoph Minx [00:25:43] Zum einen muss man ja sagen, bei Investitionen, die wirken natürlich auch immer eher langfristig. Wenn wir in der Europäischen Union das tun, was wir uns vorgenommen haben, in 'Fit for 55', dann würde das natürlich schon helfen. Aber grundsätzlich ist es natürlich so, dass das im Moment nicht wahrnehmbar ist, wie Frau Hauck gesagt hat, dass es hier wirklich zu einem großen Umschwenken gekommen ist. Das heißt, eigentlich sind ja solche Krisenzeiten, gerade wo wir dann in Infrastruktur investieren, dann immer eine Chance, weil da auch Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, finanzielle Ressourcen für so etwas. Aber das hat man ja nicht gesehen. Und von daher, ja, wird es jetzt auch nicht leichter vor dem Hintergrund, dass wir natürlich in Europa und auch in Deutschland mitunter ja gerade wieder anfangen, auch fossile Emissionen oder fossile Energieträger zumindest kurzfristig zu subventionieren.
Moderator [00:26:52] Frau Pongratz, diese Frage würde ich gerne an Sie stellen. Ein Kollege fragt: Wie genau sind die Angaben, die Sie gerade präsentiert haben? Mit wie viel Prozent Schwankungsbreiten muss gerechnet werden? Könnte die Lage real schlimmer oder besser sein? Ich erinnere mich, dass die Schwankungsbreite vor allem bei den Landsenken-Leistungen sehr, sehr breit war. Aber vielleicht können Sie dazu etwas sagen.
Julia Pongratz [00:27:16] Also alle Aussagen, die wir gemacht haben, die sind robust gegenüber den Unsicherheiten, die außen rum sind. Aber die Unsicherheiten bestehen natürlich. Die quantifizieren wir auch in der Publikation noch viel ausführlicher als jetzt in den Folien, die wir Ihnen gezeigt haben. Beispielsweise der Anstieg, den wir haben bei den Fossilen um 1 Prozent jetzt für 2022, das ist eine Spannbreite von 0,1 bis 1,9 Prozent. Vielleicht ist der Anstieg nicht sehr groß, aber wir sind zuversichtlich, oder in dem Fall ist es eher eine negative Botschaft, dass der Anstieg eben ein wirklicher Anstieg ist. Bei den Landnutzungsemissionen können wir das nicht sagen. Der Trend sieht aus, als ging er abwärts. Aber da würde ich mich nicht aus dem Fenster lehnen, um zu sagen, das sei robust. Da denke ich eher: Die sind einfach immer noch sehr hoch, die Emissionen. Wie genau der Trend aussieht, muss man dann sehen. Und so ist das dann auch, [das] finden Sie dann auch in der Publikation, für viele einzelne Länder dargestellt, die Unsicherheiten um die herum. Grundsätzlich muss man sagen, die Fossilen kennt man deutlich besser, weil da die Daten einfach auf ökonomischen Daten liegen, die man gut kennt. Da steckt Geld dahinter, da ist echtes Interesse, die gut zu quantifizieren. Das ist natürlich bei den Senkentermen oder bei der Landnutzung nicht der Fall.
Moderator [00:28:22] Und weil Sie gerade die Länder erwähnten, eine Frage des Kollegen: Was ist denn der Grund, dass Chinas Emissionen gesunken sind? Frau Hauck hat, glaube ich gesagt, es liegt vor allem noch an den Nachwirkungen der Pandemie. Aber gibt es da auch andere Faktoren, die eine Rolle spielen?
Julia Pongratz [00:28:37] Das hat mit dem Bausektor zu tun in China, dass dort dann auch die Zement-Emissionen runtergegangen sind, weil man einfach im Immobilienmarkt noch im Zuge der Lockdowns von COVID Rückgang sieht. Ich glaube, auch die Elektrizitätsnachfrage war verringert. […] Auch der Energiekonsum war insgesamt geringer noch in dem Jahr in China.
Moderator [00:29:05] Gut. Frau Hauck, ich schaue auf Sie, denn es kamen zwei, drei Fragen zur Frage der Rolle der Ozeane als Senke tatsächlich. Die Senkenleistung der Ozeane ist zurückgegangen, haben Sie erklärt. In meinem Chemiestudium hätte man mir immer gesagt, okay, mehr CO2 in der Gasphase, dann wird auch mehr im Wasser gelöst. Jetzt haben wir ja mehr CO2 in der Gasphase. Warum nimmt die Senkenleistung der Ozeane ab? Und gibt es eine Idee, wie sich das künftig weiterentwickelt bei fortschreitendem Klimawandel?
Judith Hauck [00:29:39] Ja, also wichtig ist erst mal zu verstehen: Die Senken, die CO2-Aufnahme der Ozeane nimmt nicht ab, aber sie wäre ohne den Klimawandel noch größer. Der Ozean nimmt weiter kontinuierlich etwa 26 Prozent der CO2-Emissionen auf. Ohne den Klimawandel wäre das eben noch 4 Prozent mehr. CO2 löst sich in Meerwasser, weil Ozeane und Atmosphäre, wie Sie schon gesagt haben, genau richtig, ein chemisches Gleichgewicht erreichen wollen. Der Ozean enthält deshalb so viel mehr CO2 als zum Beispiel andere Gase wie Sauerstoff oder Stickstoff, weil das CO2 auch mit dem Wasser reagiert und sich in verschiedene chemische Formen dann zersetzt und aufspaltet. Wenn man in die Zukunft guckt, dann haben wir das schon im IPCC-Bericht gesehen, wo verschiedene Szenarien verglichen werden, dass dieser Klimaeffekt, also die Dämpfung der CO2-Aufnahme von Ozeanen und auch von Land, dass der natürlich sehr viel größer ist, wenn wir in Hochemissionsszenarien sind. Die natürlichen Senken Ozean und Land können uns sehr viel mehr helfen, eben auch, wenn wir in Niedrigemissionsszenarien bleiben. Je weniger CO2 wir ausstoßen, umso weniger wird der Klimawandel diese Senken reduzieren.
Moderator [00:30:53] Wie mache ich das eigentlich, die Senkenleistung des Ozeans zu messen? Ich kann mir jetzt vorstellen bei Frau Pongratz, ich kann mit Satellitenbildern gucken, wo sind Wälder verschwunden, wo kommen neue Wälder hinzu? Beim Ozean stelle ich mir das ein bisschen schwieriger vor.
Judith Hauck [00:31:06] Es ist eigentlich tatsächlich so – Frau Pongratz mag widersprechen –, dass wir vom Ozean tatsächlich Beobachtungsdaten haben. Also die Landsenke wird berechnet anhand von Modellsimulationen. Das machen wir für den Ozean auch. Aber zusätzlich haben wir eben auch Messungen, wo der CO2-Gehalt im Oberflächenmeerwasser gemessen wird, und aus dem kann dann eben der Gasaustausch berechnet werden. Und da ist es jetzt einmal dann ein Vorteil, dass der Ozean nicht ganz so sehr schwankt von Jahr zu Jahr und auch räumlich, wie das eben mit der CO2-Aufnahme an Land ist, sodass man dann anhand von diesen Messungen, die aber tatsächlich immer noch nur etwa 2 Prozent des Oberflächenozeans bedecken, dann anhand von statistischen Modellen aufskalieren kann: Wie viel CO2 wird im gesamten Ozean aufgenommen?
Moderator [00:31:52] Frau Pongratz, bei den Senken an Land ist da einfach der Effekt das, was Sie erwähnt haben gerade, Entwaldung und deutlich weniger Aufforstung und Trockenlegung von Mooren? Oder gibt es auch noch andere Faktoren, die da reinspielen?
Julia Pongratz [00:32:04] Auf der Landseite ist immer die Komplikation, dass da wirklich zwei Terme sind, die da gegeneinander spielen. Das eine sind die Landnutzungsemissionen, also alles, was direkt durch den Menschen verursacht ist, das sind Emissionen oder Aufnahmen in Landnutzung, Hauptsache Landnutzungsprozesse. Und dann gibt es die natürliche Landsenke. Das ist also, dass alle, seien sie gemanagte oder ungemanagte Ökosysteme, CO2 aufnehmen. Global gesehen derzeit zumindest, weil die CO2-Konzentration in ihrer Erhöhung wie ein Düngeeffekt wirkt. Die Pflanzen können dann effizienter arbeiten. Das ist der gleiche Effekt, warum man in Treibhäusern, wo wir unsere Tomaten herkriegen, das CO2 künstlich erhöht. Warum da jetzt der Klimawandel dem gegenspielt, dieser natürlichen Senke, [sind] Extremwetterereignisse wie Dürren beispielsweise jetzt in den letzten Jahren verstärkt, Verschiebung der Niederschlagsverhältnisse. Diese Landsenke könnte noch stärker sein, wenn wir den Klimawandel nicht hätten.
Moderator [00:32:56] Und wenn die Senken nicht mehr Senken sein können wie bisher, dann würde sich das eins zu eins so in den Emissionsdaten widerspiegeln?
Julia Pongratz [00:33:07] Die Atmosphärenkonzentration wäre dann betroffen, wir haben dann die Emissionen und gleichzeitig nicht mehr die natürlichen Senken. Das wäre ja geradezu fatal, weil ja etwa die Hälfte unserer Emissionen von diesen natürlichen Senken aufgenommen wird. Das machen wir uns oft nicht bewusst, welche fantastische und kostenlose Ökosystemdienstleistung wir erhalten von der terrestrischen Biosphäre, vom Ozean, dass die Hälfte unserer Emissionen von denen direkt wieder weggespeichert wird. Sonst wäre der Klimawandel doppelt so stark.
Moderator [00:33:36] Ein Kollege bezieht sich auf einen, wie soll ich sagen, auf einen Termin, den die UN für nächste Woche festgelegt hat, nämlich: Die Weltbevölkerung erreicht offiziell die Zahl 8 Milliarden. Der Kollege fragt: Bis 2080 sollen es insgesamt 10,4 Milliarden sein, welche Auswirkungen auf die Emissionen erwarten Sie?
Julia Pongratz [00:33:59] Natürlich hängen die Emissionen mit der Weltbevölkerung zusammen, aber nicht so linear, wie man sich das vielleicht vorstellt. Der Grund ist der, dass ja der Anstieg der Bevölkerung überwiegend in den Ländern voranschreitet, die pro Kopf gesehen die allerwenigsten Emissionen haben. Nur mal ein Beispiel, wenn man sich die Pro-Kopf-Emissionen anschaut, die Sie ja dann als Zusatzmaterial auch selber sehen können: Bangladesch liegt da irgendwo um eine Tonne CO2 pro Kopf herum, während USA bei knapp 15 steht. Und deswegen fällt dieses Bevölkerungswachstum zunächst nicht so ins Gewicht. Außerdem gibt es viele Co-Benefits, die man erzeugen kann: Nummer eins, um das Bevölkerungswachstum einzuschränken, ist die Bildung der Frau, was ja aus vielerlei Gründen ganz wesentlich wäre, und insofern kann man da auch sehr leicht über den Klima-Gedanken hinaus sehr viele Effekte aufzählen.
Moderator [00:34:59] Herr Minx, wir haben bei den Grafiken, die Frau Hauck gerade gezeigt hat, auch gesehen, dass in der EU die Emissionen tatsächlich sinken. Da frage ich mich doch, wie groß ist denn die Vorbildwirkung, die aus diesen Entwicklungen hervorgeht? Oder tatsächlich einfach der ökonomische Sog, weil Techniken entstehen, die dann zu Weltmarktpreisen gut zu halten sind? Also welche Veränderung könnte das für den Rest der Welt haben? Und vor allem in welchen Zeiträumen?
Jan Christoph Minx [00:35:29] Um zunächst einmal den Rückgang selbst zu konkretisieren: Das ist tatsächlich ein bisschen ein Trade-off zwischen Emissionsrückgängen im Gasbereich und das wird halt teilweise kompensiert durch zusätzlichen Kohlekonsum. Ein bisschen mehr Öl wird verbraucht, aber das summiert sich so. Grundsätzlich ist es so, natürlich kann das eine Sogwirkung haben, wenn Europa es jetzt tatsächlich schafft, den Ausbau der Erneuerbaren sehr stark und sehr schnell voranzutreiben. Aber da würde ich nur sagen, das erfordert noch eine klare politische Anstrengung. Und genau da müssen wir hin, auch in Deutschland. Aber im Moment ist es ja tatsächlich so, dass hohe Energiepreise auch wieder die Exploration – das macht man sich ja auch häufig nicht bewusst … hohe Energiepreise, wie wir sie haben, bedeuten, dass wir jetzt auch nach neuen Gas- und Ölvorkommen suchen. Wir haben eine Fracking-Diskussion, bei der Leute versuchen, diese Diskussion anzustoßen, und auch die Exploration auch wieder in der Nordsee. Wir müssen aus den Fossilen raus, und ich glaube, da ist mir noch nicht klar, wie sich das Ganze ausspielt. Aber das Pferd, auf das man setzen muss, das sind die Erneuerbaren und die müssen schnell ausgebaut werden, sonst gelangen die Klimaziele außer Reichweite.
Moderator [00:37:06] Bei den aktuell hohen Emissionen würde das Budget noch für etwa neun Jahre reichen, um das 1,5-Grad-Ziel irgendwie noch schaffen zu können. Ich glaube, ich habe die Frage beim IPCC Press Briefing auch gestellt: Also ehrlich, müssen wir jetzt überhaupt noch über das 1,5-Grad- Ziel sprechen oder muss man einfach konstatieren: Die Zeit ist zu kurz, die wir noch haben?
Judith Hauck [00:37:33] Ich denke, diese neun Jahre, das berechnet sich ja eben daran, wenn die Emissionen konstant auf diesem Wert liegen würden. Wenn wir tatsächlich anfangen, drastisch Emissionen zu reduzieren, dann streckt sich natürlich die Zeitspanne, die man zur Verfügung hat, auch in die Länge. Aber es ist ganz klar: Das 1,5-Grad-Ziel werden wir nicht erreichen, wenn wir nicht drastisch was ändern. Und das muss vom Gesetzgeber ausgehen mit Vorgaben und Regeln.
Moderator [00:38:03] Frau Pongratz, Sie wollten auch was sagen und trotzdem noch: Aber in der Kürze der Zeit, die wir jetzt noch haben bis 2030? So rabiate Einsparungen finde ich schwer vorzustellen tatsächlich?
Julia Pongratz [00:38:15] Das ist es. Derzeit sind wir nicht on track, wir können aber das 1,5-Grad-Ziel erreichen. Wir haben die Technologie, wir haben die finanziellen Möglichkeiten. Auch in der Kürze der Zeit … Es ist vorrangig eine Frage des Willens der Regierungen, der Staaten und ihrer Bürger. Ich denke auch persönlich, auch wenn wir es erreichen können, wir werden das 1,5-Grad-Ziel wahrscheinlich nicht einhalten können, aber dennoch: Jedes Zehntel Grad zählt. Es zählt auch, ob wir uns nur kurz über das 1,5-Grad-Ziel hinausbewegen oder sehr lange. Das macht auch große Unterschiede bezüglich der Klimafolgen. Also jede Tonne CO2 einzusparen, zählt unabhängig davon, ob wir das 1,5-Grad-Ziel jetzt wirklich als eine goldene Marke sehen oder nicht.
Moderator [00:38:59] Gerne, Herr Minx.
Jan Christoph Minx [00:39:00] Nur eine kleine Ergänzung: Wir haben das im AR5 ( Fünfter Sachstandsbericht des IPCC aus dem Jahr 2014; Anm. d. Red.) schon versucht, sehr stark zu kommunizieren, dass wir diese langfristigen Ziele, über die haben wir sehr, sehr viel diskutiert, aber worüber wir sehr wenig diskutieren und was vielleicht auch viel unangenehmer ist, tatsächlich […] kurzfristig von einem Emissionswachstum in eine Emissionsreduktion, in eine nachhaltige Emissionsreduktion zu kommen. Ich glaube, wenn wir das schaffen als globale Gesellschaft, dann haben wir auch wieder viele neue Optionen, viele neue Dynamiken, das hat man ja auch bei Solar gesehen. Solche Dinge können dann auch schneller gehen, als das Modelle voraussagen. Aber ich glaube, was wir tatsächlich brauchen, ist ein schneller Wandel hin zu einer globalen Emissionsreduktionsgesellschaft. Und wir müssen raus aus dem Zeitalter der Fossilen. Und da sind aus meiner Sicht diese Langfristziele, über die wir immer und immer wieder reden, gar nicht so hilfreich. Ich glaube, das muss das primäre Ziel sein und das ist das, was die Staaten vornehmen müssten, also die globale Gemeinschaft aus der COP, dass man sich Jahr für Jahr in die Pflicht nimmt, tatsächlich zu einer Emissionsreduktion zu kommen. Das wäre aus meiner Sicht total zentral.
Moderator [00:40:25] Frau Pongratz, jetzt ist noch mal eine Frage gekommen, die an die Senken-Frage andockt. Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach neue technische Senken zukünftig, also Technologien zur CO2-Filterung aus der Luft, CCS und so weiter. Ich höre Sie nicht. Sie sind noch stumm geschaltet.
Julia Pongratz [00:40:42] Dankeschön. Wir haben vegetationsbasierte Senken, die haben wir auch schon angesprochen. Hier geht es jetzt mehr um die, die wirklich rein technologisch funktionieren wie Direct Air Capture beispielsweise, wo man das CO2 rausholt und dann langfristig wegpackt in geologische Reservoirs, idealerweise dann permanent. Die spielen in den globalen Zukunftsszenarien durchaus eine Rolle. Derzeit sind sie vernachlässigbar. DACCS hat keine nennenswerte Größe derzeit im Vergleich zu den Emissionen, die wir haben. Aber die Hoffnung ist natürlich, dass die Technologie fortschreitet, dass die hohen Kosten, die damit verbunden sind auch, dass das runtergeht. Auch der Energieeinsatz, man braucht viel Energie für DACCS, dass das auf Erneuerbaren basieren kann und dass das dann hochzuskalieren ist. Also man geht davon aus, dass DACCS eine ähnliche Größenordnung wie Aufforstung und andere Landnutzungsmaßnahmen […] dann Ende des Jahrhunderts erreichen kann. Aber bis Mitte des Jahrhunderts sieht man da eher noch geringe Potenziale, weil einfach die Skalierungsfrage noch eine ganz offene ist bei diesen rein technologischen Lösungen.
Moderator [00:41:47] Nur fürs Protokoll, weil Sie es mehrfach gesagt haben: DACCS steht meinem Verständnis nach für Direct Air Capture and Storage, also für die direkte Entnahme von CO2 aus der Luft. Ich bin mir nicht sicher, ob die Frage gut aufgehoben ist. Ich finde sie trotzdem interessant und möchte sie deswegen nicht unter den Tisch fallen lassen. Kann man eine Korrelation der Emissionszahlen zur Divestment-Bewegung feststellen? Gibt es dazu Untersuchungen? Gerne, Herr Minx, ja.
Jan Christoph Minx [00:42:15] Die schnelle Antwort ist, erst einmal auf globaler Ebene natürlich nicht. Divestment hat natürlich im Vergleich zu früheren Zeiten insgesamt zugenommen, aber die Emissionen sind trotzdem gestiegen. Viel Schlaueres kann ich dazu nicht sagen. Mein Kollege Nico Bauer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat dazu eine Studie gemacht. Die kann ich gerne mal zirkulieren. Wie passgenau die für diese Frage ist – ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern.
Moderator [00:42:47] Eine Kollegin fragt, sie ist auch beim Eingangsvortrag hängengeblieben und war ein bisschen überrascht aus der Präsentation zu entnehmen, dass der Anstieg der Emissionen aus Öl vor allem auf den wieder stärkeren Flugverkehr auf der Welt zurückzuführen ist. Und sie fragt: Welchen Anteil machen die Emissionen von den Flügen insgesamt aus? Und ist es wirklich der Faktor, der wirklich vielleicht andere Trends einfach überdeckt?
Judith Hauck [00:43:16] Ja. Also die Zahl, die ich im Kopf habe, ist, dass die Emissionen aus dem Flugverkehr zwei Prozent der globalen Emissionen ausmachen, in der Größenordnung. Der Gesamtklimaeffekt ist größer, weil es ja eben auch noch die weißen Streifen dann am Horizont gibt, die auf die Strahlungen Einfluss haben. Aber es ist einfach so, dass wir in den Zahlen, die uns jetzt vorliegen, sehen wir eben auch sehr viel Kompensation. Und das, was aber den klarsten, deutlichsten Trend zeigt und dann eben das Zünglein an der Waage sein kann, ist tatsächlich der Anstieg der Öl-Emissionen in diesem Jahr.
Moderator [00:43:57] Mit Blick auf die Uhr müssen wir jetzt schon langsam abbinden und wir sind auch eigentlich komplett durch die Fragen durchgekommen. Da wir die Punkte meiner eigentlichen Abschlussfrage schon auch alle aufgegriffen haben, möchte ich mich jetzt bei der Frage eines Kollegen bedienen, der es mir hoffentlich nachsieht, dass ich die Frage jetzt einfach klaue. Ich lese die Frage mal vor: Ihre Zahlen sind dramatisch, aber Sie liegen im Trend der Zahlen der letzten Jahre. Mit diesen Daten und den daraus zu ziehenden Erkenntnissen lässt sich offenbar kein politischer Umschwung erreichen. Erst recht nicht, wenn ein Krieg und eine Energiekrise dazwischenkommen. Wo sehen Sie Defizite bei der Umsetzung? Sind die Medien deutlich genug? Braucht es mehr junge Menschen, die sich auf Straßen kleben oder mehr Kartoffelbrei auf Gemälde werfen? Was wünschen Sie sich? Und ich würde, weil wir beim Abschluss sind, jetzt hier gerne noch mal die Runde machen. Frau Pongratz, was würden Sie dem Kollegen antworten?
Julia Pongratz [00:44:49] Dass er sicherlich mit dem Punkt der Kommunikation einen guten hat. Ich glaube, die Zahlen liegen sehr gut auf dem Tisch. Die sind bekannt. Wir bemühen uns auch um bessere Kommunikation aus der Wissenschaftsgemeinde hinaus. Es ist ein Wicked Problem, ein sehr komplexes Problem, die ganze Klimaschutzproblematik. Wir haben aber auch gesehen in der COVID-Krise, dass mit transparenter Kommunikation aus der Wissenschaft hinaus sehr viel erreicht werden kann und vielleicht auch der Bevölkerung im Bereich des Klimaschutzes mehr zugemutet werden kann, als wir das derzeit tun. Darüber hinaus müssen wir uns im globalen Norden der Verantwortung bewusst werden, die wir tragen für den historischen Klimawandel, für die derzeitigen Emissionen, auch über Finanzausgleich und Ähnliches sprechen, wie es ja auch jetzt in Ägypten getan wird. Wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass viele der Emissionen, die in anderen Ländern entstehen, auf unseren Konsum zurückzuführen sind, hier im globalen Norden. Und wir müssen uns wirklich an die Umsetzung machen. Die Verpflichtungen sind teils sehr gut in den Ländern, konform mit dem Pariser Abkommen. Aber diese Umsetzungsfrage, das ist eine, die wir wirklich mit viel mehr Nachdruck angehen müssen.
Moderator [00:45:48] Frau Hauck, mich würde auch Ihr Resümee interessieren und auch nochmal an den Teil der Frage gerne blicken: Sind die Medien deutlich genug? Braucht es mehr junge Menschen? Was wünschen sie sich? Aber eben auch die Defizite, die hat ja Frau Pongratz auch gerade schon angesprochen.
Judith Hauck [00:46:02] Ich würde mir durchaus auch wünschen, dass die Medien deutlicher sind und auch nicht nur zu einer Zeit, während die COP gerade stattfindet, sondern dass es das ganze Jahr über ein Thema bleibt und deutlich in den Medien ausgesprochen wird. Braucht es mehr junge Menschen? Ich würde sagen, es braucht gesamtgesellschaftlich mehr Menschen. Es braucht nicht nur die jungen Menschen, sondern es braucht die ganze Gesellschaft, die daran mitarbeitet und mitzieht. Und es braucht eine Politik, die erklärt, warum gewisse Richtlinien und Vorgaben notwendig sind. Und ich denke, dann kann man das den Menschen durchaus zumuten. Und dann gibt es da ein Verständnis, und dann ziehen die Menschen auch mit.
Moderator [00:46:40] Dankeschön. Und zum Schluss Herr Minx, gerne noch Ihren Output, hätte ich fast gesagt, aber ich meine Ihren Input zu dieser Frage.
Jan Christoph Minx [00:46:51] Wenn wir von den jungen Menschen sprechen, würde ich mir insbesondere wünschen, dass sie wieder auf die Straße gehen, weil das hat wirklich wahnsinnig viel bewegt. Wir erinnern uns alle in Deutschland, 2019, auch der CO2-Preis, all das wäre sonst nicht möglich gewesen aus meiner Sicht. Und das wäre mit Sicherheit hilfreich. Ich wünsche mir, wie man ja schon in der Frage durchhören kann, Defizite werden jetzt in der Politik eine große Rolle spielen. Und ich wünsche mir, dass wir die Klimafrage bei der ganzen defizitären Haushaltssituation nicht vergessen. Und ansonsten: Für die Klimapolitik an sich wünsche ich mir, dass man sich vielleicht daran messen lässt, wie schnell man jetzt wirklich die Trendwende hinbekommt, weil das ist [es], was wir schaffen müssen. Wir können uns nicht eine weitere Dekade von steigenden Emissionen leisten. Sonst sind wir nämlich beim Zwei-Grad-Ziel, da, wo wir in zehn Jahren, wo wir jetzt beim 1,5 Grad stehen. Und das ist etwas, was wir uns nicht zumuten wollen und können und das wollen wir vor allem auch unseren Kindern und Kindeskindern nicht zumuten.
Moderator [00:48:10] Vielen Dank dafür. Wir kommen dann jetzt gleich zum Ende und versprochen, zum letzten Mal, aber ich möchte trotzdem noch mal darauf hinweisen: Alles, was hier gesagt wurde, steht unter Embargo bis Freitag, 11.11.2022 um 1:01 Uhr nachts. Ich hatte auch angekündigt, dass wir Ihnen einen Link schicken können, in dem Sie diverses Material finden. Die Präsentation von Frau Pongratz und Frau Hauck. Sie finden das Global Carbon Budget und auch die Key Facts dort zusammengestellt. Schreiben Sie uns eine Mail an redaktion@sciencemediacenter.de, wenn Sie das wollen, und wir schicken Ihnen gerne diesen Link. Schreiben Sie uns auch gerne eine Mail, wenn Sie einen Video- oder Audiomitschnitt wollen. Wir werden das Transkript nach Ablauf der Sperrfrist auf die Homepage stellen. Und wenn Sie das vorher brauchen, schreiben Sie uns gerne. Noch heute könnten Sie eine Rohfassung haben und dann am Donnerstagvormittag auch die finale, überarbeitete und korrigierte bei den lustigen Übersetzungen. Frau Pongratz, Frau Hauck, Herr Minx, ich danke Ihnen sehr, dass Sie sich die Zeit genommen haben in Ihren vollen Tagen, hier uns a) das zu präsentieren und b) auch auf die Fragen der Kolleginnen und Kollegen einzugehen. Und an Sie da draußen vielen Dank für Ihr großes Interesse, für Ihre Fragen und gutes Gelingen bei der Berichterstattung. Bis zum nächsten Mal. Tschüss!

