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01.08.2022

Werden extreme Klimaszenarien zu wenig erforscht?

     

  • Forschende warnen: extreme Klimaszenarien könnten zum Aussterben der Menschheit führen, seien aber zu wenig erforscht und verstanden
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  • durch den Klimawandel ausgelöste Veränderungen könnten ganze Gesellschaften destabilsieren
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  • kommentierende Wissenschaftler: wichtig, die Extreme nicht aus dem Blick zu verlieren, im Fokus sollten dennoch die wahrscheinlicheren Szenarien stehen
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Eine globale Erwärmung durch den fortschreitenden Klimawandel um drei Grad könnte katastrophale Folgen haben, die allerdings bisher unzureichend verstanden sind und bei der auch das Überleben der Menschheit gefährdet sein könnte. Zu dieser Schlussfolgerung kommt ein Team namhafter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dem mit Johan Rockström und Hans Joachim Schellnhuber auch der aktuelle und der vorherige Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung angehören. Die Arbeit ist am 02.08.2022 im Fachjournal ‚PNAS‘ erschienen (siehe Primärquelle).

Sie warnen in ihrem Perspective-Artikel davor, dass gerade die Szenarien mit den massivsten Konsequenzen am wenigsten verstanden wären und zudem unzureichend beforscht würden. Sie fordern, auch bad-to-worst-case-Szenarien stärker in der Forschung und bei den Anpassungsmaßnahmen zu berücksichtigen. Dabei sehen sie bisher zu wenig Aufmerksamkeit für die Szenarien, in denen der Klimawandel zu einer Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um 3 Grad oder mehr führt. Sie argumentieren, dass diese Szenarien zwar unwahrscheinlicher, aber nicht ausgeschlossen seien, dann aber so verheerend sein könnten, dass sie zum weltweiten gesellschaftlichen Zusammenbruch oder gar zum Aussterben der Menschheit führen könnten.

Auch der Anfang 2022 veröffentlichte „Global Risk Report 2022“ des World Economic Forums [I] beschreibt den Klimawandel als die größte Bedrohung für die Menschheit – nicht nur durch häufigere Extremwetter und Umweltschäden, sondern auch durch eine fortschreitende gesellschaftliche Destabilisierung in Folge einer „Erosion des sozialen Zusammenhalts“.

Vor diesen Zusammenhängen warnen auch die Autorinnen und Autoren der nun erscheinenden aktuellen Veröffentlichung. Sie kritisieren, dass sich die aktuellen IPCC-Berichte vor allem auf Szenarien mit vergleichsweise geringen Temperaturanstiegen bis um zwei Grad konzentrieren. Zudem geben sie zu bedenken, dass ein Klimawandel mit mehr als 3 Grad Temperaturerhöhung andere „interagierende Bedrohungen“ verschärfen würde: zunehmende Ungleichheit, Desinformation, Zusammenbruch der Demokratie und kriegerische Auseinandersetzungen. Beispielhaft zeigen sie auf, dass bis zum Jahr 2070 zwei Milliarden Menschen in Gebieten mit extremer Hitze – eine jährliche Durchschnittstemperatur von über 29 Grad Celsius – leben könnten, statt aktuell 30 Millionen. Diese Regionen gehören zu den am dichtesten besiedelten und gleichzeitig den politisch instabilsten.

Sie schlagen eine Forschungsagenda vor, mit der die drohenden Folgen für Klima, Umwelt und Gesellschaften besser verstanden werden könnten, um dann mit entsprechenden Anpassungsmaßnahmen reagieren zu können. Zudem fordern sie einen Sonderbericht des Weltklimarats IPCC zu den Folgen eine katastrophalen Klimawandels.

Wir haben uns bei unserer Anfrage vor allem auf drei Facetten konzentriert: die Risikowahrnehmung und -kommunikation, die Klimakommunikation und die Frage, inwiefern tatsächlich Anpassungsmaßnahmen an mögliche Szenarien mit niedriger Eintrittswahrscheinlichkeit möglich und notwendig sind.

Übersicht

     

  • Dr. Carl-Friedrich Schleussner, Leiter der Forschungsgruppe Zeitliche Entwicklung von Anpassungshindernissen und ihre Bedeutung für klimabedingte Verluste und Schäden, Integratives Forschungsinstitut zum Wandel von Mensch-Umwelt-Systemen (IRI THESys), Humboldt-Universität zu Berlin, und Leiter des Bereiches Klimawissenschaft und Auswirkungen, Climate Analytics, Berlin
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  • Prof. Dr. Michael Brüggemann, Professor für Kommunikationswissenschaft, Klima- und Wissenschaftskommunikation, Universität Hamburg
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  • Dr. Reinhard Mechler, Leiter der Forschungsgruppe für systemische Risiken und Resilienz– Programm Fortschreitende Systemanalyse, Internationales Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA), Laxenburg, Österreich
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  • Philipp Schrögel, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Wissenschaftlicher Koordinator und Leiter der Wissenschaftskommunikation am Käte Hamburger Centre for Apocalyptic and Post-Apocalyptic Studies (CAPAS), Universität Heidelberg
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Statements

Dr. Carl-Friedrich Schleussner

Leiter der Forschungsgruppe Zeitliche Entwicklung von Anpassungshindernissen und ihre Bedeutung für klimabedingte Verluste und Schäden, Integratives Forschungsinstitut zum Wandel von Mensch-Umwelt-Systemen (IRI THESys), Humboldt-Universität zu Berlin, und Leiter des Bereiches Klimawissenschaft und Auswirkungen, Climate Analytics, Berlin

„Die Autor:innen mischen verschiedene Perspektiven in ihrem Perspektiv-Artikel zu Extremszenarien. Zum Einen ist da die Frage nach dem Risikodenken bezüglich gesellschaftlicher Stabilität, Konflikten und extremen Disruptionen. Das ist eine wichtige Frage, bei der wir sicherlich beim Fokus der Forschung – und insbesondere der Szenarienentwicklung – deutlich weitere Perspektiven aufmachen müssen. Wir betrachten im Moment meist die Risiken von Klimawandel in einer sonst idealisierten und konfliktfreien Welt. Die Realität ist eine andere. Im Jahr 2022 und leider vermutlich auch über lange Zeit im 21. Jahrhundert.“

„Die Autor:innen behaupten aber auch, die Klimaforschung würde sich auf Risiken bei einer Erwärmung um 1,5 Grad und 2 Grad fokussieren und hohe Risikoszenarien vernachlässigen. Diese Behauptung können sie aber nicht überzeugend belegen. In der Tat ist das Gegenteil der Fall. Die mit großem Abstand meisten wissenschaftlichen Studien untersuchen Klimafolgen bei extremen Erwärmungsszenarien, zum Beispiel dem RCP8.5 (RCP: Representative Concentration Pathway; eines der vier für den 5. IPCC-Bericht 2014 vorgestellten Szenarien zur künftigen Entwicklung des Treibhauseffektes; RCP8.5 ist das Szenario mit den höchsten CO2-Emissionen und einem Temperaturanstieg von 4,8 Grad; Anm. d. Red.) oder SSP5-8.5 Szenario (SSP: Shared Socioeconomic Pathway; Weiterentwicklung der RCPs für den 6.IPCC-Bericht 2022, die sozioökonomische Entwicklungen berücksichtigen; SSP5 betrachtet dabei eine weiter verstärkte Nutzung fossiler Energieträger; Anm. d. Red.). Ein Beispiel ist eine Überblicksstudie im Fachjournal Nature Climate Change [I]. Zudem sind Studien zu den Klimafolgen in 1,5-Grad-Szenarien, wie zum Beispiel dem SSP1-1.9 (SSP1 betrachtet eine grüne und nachhaltige Entwicklung; Anm. d. Red.) nach wie vor in der Studienlandschaft unterrepräsentiert.“

„In diesem zentralen Punkt kann ich die Argumentation der Autor:innen nicht nachvollziehen und halte einige der Behauptungen und darauf aufbauenden Forderungen für irreführend.“

„Die große Mehrheit der Studien beziehen auch Worst-Case-Szenarien wie das RCP8.5-Szenario ein. Das trifft ebenso auf die meisten Studien zu Anpassungsstrategien zu. Dazu ist zu erwähnen, dass extreme Emissionsszenarien mit einer Erwärmung von bis zu 6 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zum Glück nicht mehr als realistisch anzusehen sind. Wir steuern eher auf eine um die 3 Grad wärmere Welt zu. Trotzdem sollte man mögliche extreme Erwärmungen unter solchen Szenarien in den Blick nehmen – das ganz gewiss. Aber dazu brauchen wir keine extremen Emissionsszenarien, sondern eher einen Fokus auf ‚low likelihood – high impact outcomes‘ unter besser fokussierten Szenarien. Und eine Perspektive, die andere gesellschaftliche Risikofaktoren systematischer integriert.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob eine ‚Climate Endgame‘-Agenda – wie sie die Autor:innen dieser Studie ausrufen – Klimaschutzbemühungen Vorschub leisten wird. Vielmehr scheint mir, es spiegelt eine gewissen Weltsicht des Autor:innen-Teams wieder. Aus der Sicht vieler besonders vulnerabler Staaten der Welt hat deren ‚Climate Endgame‘ längst begonnen. Und wie der Weltklimarat IPCC klar festgestellt hat, ist ‚deren‘ Endgame fast unmöglich bei 1,5 Grad Erwärmung und sogar verloren, wenn die 2 Grad überschritten werden sollten. Die Perspektive der Hauptbetroffenen aus dem globalen Süden scheint in der ‚Agenda‘ der Autor:innen jedoch kaum eine Rolle zu spielen. Die Bedeutung des 1,5-Grad-Ziels in der politischen Agenda hat mit der klaren wissenschaftlichen Erkenntnis zu tun, dass bei stärkerer Erwärmung die Folgen insbesondere für die besonders betroffenen Länder katastrophal sein werden.“

„Meines Erachtens sind wir außerdem über den Punkt hinaus, an dem die Frage nach der Bedeutung von Klimaschutzbemühungen unsere Hauptherausforderung ist. Vielmehr haben sich Staaten mit mehr als 90 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen ein Netto-Null-Ziel für ihre Emissionen gesetzt. Das zentrale Problem der Klimaschutzbemühungen ist nicht mehr, dass nichts passiert. Sondern, dass es zu langsam geht und insbesondere in dieser kritischen Dekade bis 2030 die Reduktionsbemühungen völlig unzureichend sind. Das ist der Fokus, auf den wir uns mit allen wissenschaftlichen, kommunikativen und politischen Mitteln konzentrieren sollten.“

Prof. Dr. Michael Brüggemann

Professor für Kommunikationswissenschaft, Klima- und Wissenschaftskommunikation, Universität Hamburg

„Natürlich sollen sich Forschende auch mit den extremen Szenarien auseinandersetzen, aber für die öffentliche Debatte ist es wichtiger, sich auf die wahrscheinlichen Risiken zu konzentrieren. Diese sind schon gravierend genug und fordern Politik und Bürger:innen genug heraus. Mit der russischen Invasion in der Ukraine und der andauernden COVID-Pandemie, plus diversen ökologischen Krisen, sind die Menschen überfordert und wenden sich bereits zum Teil von den Nachrichtenmedien ab. Wir brauchen eine konstruktive Debatte, was wir jetzt tun können gegen die Klimakrise, so wie sie jetzt schon existiert und vor der Tür steht. Was die Menschen mental eher überfordert, sind Spekulation über noch extremere Gefahren, die uns auch noch drohen könnten.“

Dr. Reinhard Mechler

Leiter der Forschungsgruppe für systemische Risiken und Resilienz– Programm Fortschreitende Systemanalyse, Internationales Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA), Laxenburg, Österreich

„Die PNAS-Perspektive namhafter Klimaforscher stellt einen wichtigen Beitrag dar, da sie den Fokus auf existentielle Risiken und Kippunkte (Tipping-Points) in sozialen Systemen – ausgelöst durch starken Klimawandel – lenkt.“

„Derzeit sind Kipppunkte in physischen – Störungen der thermohalinen Zirkulation, Schmelzen der Antarktis-Gletscher – und ökologischen Systemen – Absterben der tropischen Korallenriffe – relativ gut verstanden. Auch beschäftigt sich die Klimarisikoforschung und -praxis zunehmend mit Anpassungsoptionen und -potenzial zum heute schon eingetretenen Klimawandel, fokussiert die Arbeiten aber eher auf Szenarien bis etwa ins Jahr 2050. Auch waren in letzter Zeit Szenarien bei einer Erwärmung um 1,5 Grad und 2 Grad im IPCC stark von Interesse, um Klimarisiken und Nutzen der Vermeidung von Treibhausgasemissionen und Anpassung im Rahmen von Paris-Abkommen-Szenarien zu ermitteln. Eine bessere Integration der langen Sicht mit Fokus auf existentielle Risiken in sozialen Systemen erscheint notwendig und möglich.“

„Im Sinne der Autoren der aktuellen Arbeit ergeben sich gute Anknüpfungspunkte zu einer umfangreicheren Klimarisikoanalyse und Identifizierung von Anpassungsgrenzen, wie sie vor allem von der Arbeitsgruppe II im letzten IPCC Sachstandsbericht von Februar 2022 dargelegt wurden.“

„Wenn Risikoanalyse als Ermittlung aller möglichen Auswirkungen in kurzer und langer Frist verstanden wird, ergibt sich die Notwendigkeit, die Extreme zu erfassen und auch die Auswirkungen mit geringerem Schadenspotenzial zu bewerten. Die Risikowissenschaft und -kommunikation stellt hier Instrumente und Tools bereit, die einen evidenz-getriebenen Umgang mit ‚worst-case‘-Szenarien jenseits von Doomsday Szenarien erlaubt – zum Beispiel die Ermittlung von Auswirkungen entlang einer Risikoverteilungskurve, die Auswirkungen von ‚häufig und gering‘ bis ‚selten und massiv‘ visualisiert. Extreme sind dann in der Tat besonders relevant, da hier aufgrund des hohen Risikopotenzials die Handlungsoptionen von Risiko-Aversion geleitet werden sollten – also Vermeidung statt Akzeptanz des Risikos. Dies würde dann die Notwendigkeit zu massiver Treibhausgasvermeidung untermauern.“

„Grenzen der Klimaanpassung und negative sozial Kipppunkte rücken zunehmend in den Vordergrund der Forschung, Politik und auch Praxis. Im aktuellen Beitrag der Arbeitsgruppe II zum Sechsten Sachstandsbericht des IPPC wurde aufgezeigt, dass sich einige menschliche und natürliche Systeme schon heute nahe ihrer Anpassungsgrenzen befinden, wobei zusätzliche entstehen bei zunehmender globaler Erwärmung. Beispiele hierfür sind etwa küstennahe Siedlungen und die Subsistenzlandwirtschaft in Afrika und Asien, aber auch Korallenriffe, Küstenfeuchtgebiete, einige Regenwälder, einige Gletscher und Gebirgsökosysteme, wobei wichtige Ökosystemdienstleistungen verloren gehen, von denen oft die Existenz der betroffenen Gemeinden abhängt.“

„Zu den Anpassungsgrenzen entwickelt sich derzeit ein recht dynamischer Forschungsstrang, wobei ein Interesse ist, konkret und mit ‚mixed methods‘-Ansätzen – Risikomodellierung, partizipativen Methoden, Analyse vergangener Ereignisse – zu verstehen, auf welchen räumlichen und geographischen Skalen diese Grenzen heute und in naher Zukunft schon erreicht werden, etwa in kleinen Inselstaaten und tiefliegende Regionen.“

„Hier ergibt sich die Notwendigkeit – und viele Synergien – der besseren Integration mit der sogenannten Erdsystemwissenschaft, die oft über längere Zeitskalen und global eher grob aufgelösten Szenarien arbeitet. Auch das Verständnis der sozialen Determinanten von Risiko – Exposition von Leib und Leben, Vulnerabilität – kann hier im Schulterschluss mit Katastrophen-Risikoforschung verbessert werden.“

Philipp Schrögel

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Wissenschaftlicher Koordinator und Leiter der Wissenschaftskommunikation am Käte Hamburger Centre for Apocalyptic and Post-Apocalyptic Studies (CAPAS), Universität Heidelberg

„Die aktuelle Arbeit liefert einen Impuls, der ein wichtiger Beitrag für die aktuelle wissenschaftliche, aber auch für die gesellschaftliche und politische Debatte ist. Wie die vergangenen Jahre leider gezeigt haben, scheinen die bisherigen politischen Maßnahmen gegen den Klimawandel kaum geeignet, die nötigen hoch gesteckten Ziele zur Reduzierung der CO2-Emissionen zu erreichen. Eine Vielzahl an Extremwetterereignissen und Naturkatastrophen in jüngster Vergangenheit weltweit zeigen immer deutlicher Auswirkungen der Klimakrise auf.“

„Geprägt durch die starke Politisierung des Themenfeldes richten die Klimaforschung und Klimakommunikation in der letzten Zeit ihren Blick besonders auf kleine Schritte und seltener auf Extremszenarien, um den Vorwurf als Untergangspropheten zu vermeiden [II], wie im aktuellen Artikel ausgeführt. Da es sich um Szenarien mit großen Auswirkungen aber geringen Wahrscheinlichkeiten handelt, ist andersherum die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man am Ende als überängstlicher Mahner erscheint. Gleichzeitig ist es als weitere Herausforderung auch keine statische Situation. Vermeidungs- und Anpassungsmaßnahmen verändern die Grundlage und damit auch potenzielle Wirkung der Szenarien fortlaufend – ein Phänomen vergleichbar zum Vorsorgeparadoxon in der Corona-Pandemie.“

„Auch wenn es absolut richtig ist, gerade bei extremen Szenarien ein hohes Maß an Vorsicht in der Kommunikation walten zu lassen und klar die Ausgangsbasis und Unsicherheiten aufzuzeigen, so spricht das nicht gegen eine intensivere wissenschaftliche Betrachtung des Themas. Gerade durch die Komplexität und Vernetzung der möglichen drastischen Folgen ist ein tiefergehendes Verständnis nötig.“

„Generell sollten wissenschaftliche Szenarien zur Risikobewertung die Bandbreite möglicher Entwicklungen abdecken. Dazu gehören auch weniger wahrscheinliche, katastrophale Szenarien, die eben doch auch eintreten können. Wissenschaft kann nicht die Zukunft vorhersagen, aber Modelle für verschiedene mögliche Zukünfte aufstellen, darunter auch solche, die wir vielleicht lieber gar nicht so genau wissen wollen. Es hilft nicht, die Augen vor einer möglichen Katastrophe zu verschließen, wie es satirisch im Film mit dem dazu passenden Titel ‚Don‘t Look Up‘ auf die Spitze getrieben wurde.“

„Leider ist die wissenschaftliche Erkenntnis zur Wirkung von apokalyptischen Szenarien nicht eindeutig [III], wie auch die Autor*innen des Artikels feststellen. Einerseits können eindringliche Szenarien in der öffentlichen und politischen Aufmerksamkeitsökonomie durchdringen, ein Bewusstsein für das Thema schaffen und Dringlichkeit vermitteln. Andererseits kann es gleichermaßen vorkommen, dass Einzelne davon überwältig werden, keine individuellen Handlungsperspektiven sehen und die Szenarien ignorieren. Der psychologische Effekt der ‚Begrenzten Kapazität an Sorgen‘ (‚Finite Pool of Worry‘) kann dazu führen, dass verständlicherweise die unmittelbaren Alltagsherausforderungen im Vordergrund stehen und der Rest ausgeblendet wird [IV].“

„Diese Mehrdeutigkeit in der Wirkung von katastrophalen Szenarien spiegelt sich auch in den Verzögerungstaktiken von Klimawandelleugnern wider [V][VI]. Einerseits wird gezielt der Effekt genutzt, mit Verweis auf die apokalyptische Dimension die Vermeidung aufzugeben und eher an Anpassung zu denken. Andererseits werden in Verleugnung der potenziell katastrophalen Dimension kleinteilige, langsame und auf den Einzelnen abgewälzte Maßnahmen vorgeschlagen.“

„Eine zentrale Herausforderung in der Klimakommunikation ist die statistische, langfristig angelegte und global ungleich verteilte Natur der zu erwartenden negativen Auswirkungen, die zudem mit teils großen Unsicherheiten versehen ist. Konkrete Auswirkungen sind oft nur regional spürbar, wie zum Beispiel bei Extremwetterereignissen, und werden in der öffentlichen Wahrnehmung schnell wieder vergessen. Gleichzeitig sind Maßnahmen gegen die Klimakrise oft direkt im Lebensalltag spürbar, wenn sie beispielsweise Veränderungen im Mobilitätsverhalten bedeuten.“

„Fundierte Szenarien, die auch katastrophale Entwicklungen mit abdecken, sind eine Grundlage für die Vermittlung des Gesamtbildes und des steigenden Handlungsdrucks. In der praktischen Kommunikation mit Öffentlichkeiten müssen aber diese für den Einzelnen abstrakten und entfernten Szenarien auf konkrete und zugängliche Aspekte heruntergebrochen werden. Eine große Herausforderung ist dabei, in dem bereits stark politisierten und emotionalisierten Feld eine Basis für eine inhaltliche Auseinandersetzung zu finden, wie auch die Autor*innen des Artikels schreiben.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Kemp L et al. (2022): Climate Endgame: Exploring catastrophic climate change scenarios. PNAS. DOI: 10.1073/pnas.2108146119. (URL erst nach Ablauf des Embargos aktiv.)

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[I] O'Neill BC et al. (2020): Achievements and needs for the climate change scenario framework. Nature Climate Change. DOI: 10.1038/s41558-020-00952-0.

[II] Brysse K et al. (2013): Climate change prediction: Erring on the side of least drama? Global environmental change. DOI: 10.1016/j.gloenvcha.2012.10.008.

[III] Reser JP et al. (2017): Fear appeals in climate change communication. Oxford research encyclopedia of climate science. DOI: 10.1093/acrefore(9780190228620.013.386.

[IV] Weber EU (2010): What shapes perceptions of climate change? Wiley Interdisciplinary Reviews: Climate Change. DOI: 10.1002/wcc.41.

[V] Lamb WF et al. (2020): Discourses of climate delay. Global Sustainability. DOI: 10.1017/sus.2020.13.

[VI] Schulzki-Haddouti C (2020). Nicht ich. Nicht jetzt. Nicht so. Zu spät: Mit welchen Argumentationsmustern Klimaschutz gebremst wird. klimafakten.de.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] World Economic Forum (2022): The Global Risks Report 2022.