Zum Hauptinhalt springen
02.03.2020

Fake News Webseiten vor US-Wahl 2016 wenig besucht

Anlass

Wenn Bürger sich vor der US-Präsidentschaftswahl 2016 im Netz informieren wollten, dann machten Besuche auf Webseiten mit fragwürdigem Wahrheitsgehalt durchschnittlich nur einen sehr geringen Teil ihres Nachrichtenkonsums aus. Am häufigsten besuchten diese dubiosen Webseiten Trump-Unterstützer. Bei der Verbreitung spielte Facebook eine große Rolle.
Zu diesen Schlüssen kommen die Politikwissenschaftler Andrew M. Guess, Brendan Nyhan und Jason Reifler in einer Studie, die in „Nature Human Behaviour“ erschienen ist (siehe Primärquelle). Laut den Autoren sind Spekulationen, dass allzu viele Leute diesen Seiten ausgesetzt gewesen waren, übertrieben.

Die Autoren präsentieren fünf Hauptbefunde:

  1. Gut 44 Prozent der US-Amerikaner haben zwischen dem 07.10. und dem 14.11.2016 solche dubiosen Webseiten besucht. Der Anteil dieser Seiten am Nachrichtenkonsum machte ungefähr sechs Prozent aus.
  2. 62 Prozent der Seitenaufrufe kamen von den 20 Prozent der Amerikaner, die die konservativsten Nachrichten konsumieren.
  3. Facebook spielte bei der Verbreitung dieser Seiten eine zentrale Rolle.
  4. Faktenchecks erreichen kaum ihr Zielpublikum. Nur grob ein Viertel der Nutzer besuchte überhaupt Faktencheck-Webseiten und nur 2,7 Prozent hatten den Faktencheck zu einem von ihnen betrachteten Artikel mit falschen Informationen gelesen.
  5. Der Konsum solch dubioser Webseiten schließt den Konsum legitimer Nachrichtenseiten nicht aus. Die Nutzer, die am meisten verlässliche Nachrichtenseiten auswählten, besuchten meist auch die dubiosen Seiten am häufigsten.

Die Autoren haben dazu die Daten von 2525 Teilnehmern an einer Umfrage mit deren freiwillig zur Verfügung gestelltem Internetverlauf zwischen dem 07.10. und dem 14.11.2016 und Daten zur Wahlbeteiligung dieser Probanden verglichen.

 

Übersicht

     

  • Dr. Lena Frischlich, Kommunikations- und Medienpsychologin, Institut für Kommunikationswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
  •  

  • Prof. Dr. Axel Bruns, Professor für Medien- und Kommunikationsforschung, Digital Media Research Centre, Queensland University of Technology, Australien
  •  

  • Prof. Dr. Klaus Kamps, Professor für Kommunikationswissenschaft, Hochschule der Medien, Stuttgart
  •  

  • Dr. Philipp Müller, Akademischer Rat, Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Universität Mannheim
  •  

Statements

Dr. Lena Frischlich

Kommunikations- und Medienpsychologin, Institut für Kommunikationswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

„Die Studie kombiniert auf innovative Art und Weise Befragungsdaten eines großen Online-Panels mit Web Browsing Daten der Befragten zum Besuch nicht vertrauenswürdiger Seiten – ‚Pseudo-Presse‘ Angebote, wie wir es nennen würden. Nicht jeder Artikel auf solchen Seiten ist tatsächlich ‚fake‘, in der Gesamtbetrachtung liefern sie ihren Lesenden aber eben keine vertrauenswürdigen Informationen.“

„Der Fokus der Studie liegt auf den Browsing-Daten stationärer Geräte (Laptop/Desktop), mobile Nachrichtennutzung wurde nicht berücksichtigt. Das ist etwas schade, auch 2016 waren Smartphones schon eine wichtige Nachrichtenquelle [1].“

„Obwohl die Stichprobe aufgrund des Panels etwas anders als die Gesamtbevölkerung aussieht (etwas demokratischer, etwas gebildeter), bietet sie doch eine gute Schätzung der Gesamtpopulation der ‚Onliner‘. Insbesondere, wenn es um Online-Desinformationen geht, ist die Stichprobe also geeignet.“

„Besonders lobenswert: Die Autoren stellen (soweit das aus datenschutzrechtlichen Gründen möglich ist) ihre Daten und Skripte zur Verfügung. Damit wird eine unabhängige Überprüfung der Ergebnisse ermöglicht und zukünftige Studien können auf den Ergebnissen aufbauen.“

„Die Ergebnisse sind größtenteils sauber diskutiert und bringen das Forschungsfeld voran. Die Schlussfolgerung, dass Facebook ein ‚key vector‘ für Desinformation ist, ist jedoch meines Erachtens nach etwas stark. Hierfür gibt es zwei Gründe: 1.) Die Autoren finden, dass die Konsumenten von Pseudo-Presse Angeboten auch traditionelle Nachrichtenmedien vermehrt nutzen und auch besonders oft zu den aktivsten Facebook Nutzenden gehören. Eine alternative Erklärung wäre also, dass es sich schlicht um hyperaktive Mediennutzende handelt. Diese Alternativerklärung kann durch die Korrelation hier nicht ausgeschlossen werden. 2.) Zwar finden die Autoren auch, dass bei 15 Prozent der Teilnehmenden Facebook zu den letzten drei Webseiten vor dem Besuch eines Pseudo-Presse Angebotes gehörte, während das nur bei sechs Prozent der traditionellen Nachrichtenseiten der Fall war. Das ist aber nur ein Unterschied von neun Prozent, kein wahnsinnig großer Effekt.“

„Die Erkenntnisse passen gut zu anderen Studien, die ebenfalls zeigen, dass der Konsum von Pseudo-Presse Angeboten in den USA kein Massenphänomen ist. Beispielsweise zeigte der Reuters Digital News Report [2], dass nur sieben Prozent der US-Amerikaner Breitbart auch tatsächlich gelesen hatten – obwohl 45 Prozent die Webseite kannten. Auch in Deutschland ist der ‚Mainzer Vertrauensstudie‘ zufolge der Anteil der häufigen Konsumenten solcher Angebote eher gering. Hier sind es nur sechs Prozent, die solche Inhalte 2017 täglich konsumierten, auch wenn der gelegentliche Konsum deutlich höher ist [3].“

„Außerdem wissen wir schon lange, dass Menschen Medieninhalte bevorzugen, die zu ihren Einstellungen passen, diese wählen sie auch aktiv lieber aus. Diese ‚selektive Exposition‘ gilt eben auch für erkennbar verzerrte Nachrichteninhalte, vor allem dann, wenn man auf der Ebene von Webseiten schaut. Menschen sind gar nicht so schlecht, Webseiten einzuschätzen. Eine Studie von Pennycook und Rand [4] zeigt, dass sowohl Demokraten als auch Republikaner die Vertrauenswürdigkeit von Nachrichtenseiten relativ gut einschätzen können, es macht also Sinn, dass sehr wenig vertrauenswürdige Seiten nur einen kleinen Teil der Nutzenden anziehen.“

„Dass nur ein kleiner Teil der Nutzenden den Großteil des Engagements ausmacht, sehen wir – zum Beispiel auch bei anderen Aspekten der Informationsunordnung wie Claire Wardle es nennt. Nur ein winziger Teil der Facebook-Nutzenden ist Daten von #Ichbinhier und des ‚Institute for Strategic Dialogue‘ zufolge für den Großteil der Likes bei Hasskommentaren verantwortlich [5].“

„Auch diese Studie zeigt, dass einzelne Kampagnen Wahlverhalten nur wenig beeinflussen. Das wussten wir auch schon für zum Beispiel politische Fernsehwerbung. Die Autoren erweitern diese Erkenntnis hin zu nicht-vertrauenswürdigen Inhalten. Politische Kampagnen sind kein Zaubertrank und eben schon gar nicht, wenn sie über wenig vertrauenswürdige Seiten verbreitet werden.“

„Insgesamt sind Pseudo-Presse Angebote eben keine ‚hypodermale Nadel‘ und kein Zauberstab, mit dem man direkt Massen von Wählenden manipulieren könnte – ähnlich wie bei Propaganda handelt es sich bei der Wirkung stark verzerrender Inhalte um ein Zusammenspiel aus Merkmalen der Nachricht und aus Empfänglichkeitsfaktoren des Publikums.“

„Insgesamt muss man bei der Studie beachten, dass es sich um Beobachtungsdaten und korrelative Zusammenhänge handelt, wenn auch über einen Zeitverlauf von fünf Wochen. Im Gegensatz zu experimentell kontrollierten Studien mit einer Kontrollgruppe ermöglichen diese keine finalen Kausalschlüsse. Es könnte zum Beispiel sein, dass dritte Variablen, die nicht berücksichtigt wurden, die Zusammenhänge beeinflussen. Dennoch häufen sich Erkenntnisse aus unterschiedlichen Quellen und verschiedenen Methoden, dass der Konsum von Pseudo-Presse Angeboten allein keine Wahlerfolge erklärt. Spannender ist doch die Frage, warum Wählende sich zu solchen Inhalten hingezogen fühlen, was sie motiviert, ihre (wie bei uns allen begrenzte) Lebenszeit mit nicht vertrauenswürdigen Inhalten zu verbringen und – unter anderem – wenig demokratische oder populistische Akteure zu wählen.“

Prof. Dr. Axel Bruns

Professor für Medien- und Kommunikationsforschung, Digital Media Research Centre, Queensland University of Technology, Australien

„Der relativ geringe Anteil der Problemseiten am gesamten Nachrichtenkonsum, den diese Studie belegt, sowie die Konzentration des Konsums unter stark ideologisierten Nutzern besonders auf der konservativen Seite des amerikanischen Politikspektrums, sollte uns nicht mehr überraschen. Was diese Punkte angeht, zeigt diese Studie ähnliche Ergebnisse, wie sie auch schon in früheren Projekten belegt wurden – teilweise auch von denselben Forschern. Der Tenor solcher Studien bleibt, dass ‚Fake News‘ in den USA vor allem von bereits sehr marginalisierten Gruppen besonders am rechten Rand genutzt wird.“

„Neu sind dagegen die Beobachtungen zu den Wegen, über die die Nutzer solche dubiosen Inhalte erreichen. Hier ist die Rolle Facebooks als Wegbereiter für diese Inhalte besonders bemerkenswert – besonders auch im Vergleich zu anderen Plattformen wie Google und Twitter. Die spezielle Struktur von Facebook, wo öffentliche Seiten ebenso wie geschlossene Gruppen die Verbreitung von marginalen Inhalten unter Gleichgesinnten fördern können, mag hier eine besondere Rolle spielen.“

„Diese Beobachtungen sollten übrigens auch deshalb als besonders wichtig angesehen werden, weil die Studie nur wirkliche Besuche solcher dubiosen Nachrichtenportale nachweisen kann. Viele weitere Nutzer werden wahrscheinlich deren ‚Fake News‘-Stories nur (im Ganzen oder als Headlines) direkt auf Facebook konsumieren – Facebooks Rolle als Plattform für die Verbreitung solcher Inhalte kann also durchaus sogar noch größer sein, als hier schon belegt wurde.“

„Das sollte allerdings auf keinen Fall als Unterstützung für unsinnige Thesen über ‚Echo Chambers‘ oder ‚Filter Bubbles‘ angesehen werden, die leider immer noch weit verbreitet sind. Schließlich zeigt die vorliegende Studie selbst ja auch wieder einmal ganz deutlich, dass der Konsum solcher dubiosen Inhalte nicht notwendigerweise die Nutzung von Mainstream-Nachrichtenportalen ersetzt oder ausschließt.“

„Das sollte uns nicht wundern: Stark ideologisierte Nutzer befassen sich oft besonders intensiv mit dem Mainstream, weil sie die in ihr Weltbild passenden Antworten auf Mainstream-Nachrichten finden müssen – selbst wenn solche Antworten eventuell nur aus Angriffen gegen die sogenannte ‚Lügenpresse‘ bestehen mögen. Ideologische Randgruppen definieren sich ja ganz besonders stark durch ihre Opposition gegen Andersdenkende – und um zu wissen, wofür die Anderen eigentlich stehen, muss man sich auch mit deren Nachrichtenmedien befassen.“

Prof. Dr. Klaus Kamps

Professor für Kommunikationswissenschaft, Hochschule der Medien, Stuttgart

„Die Methode ist einwandfrei, umfassend beschrieben, auch in ihrer Abgrenzung zu bisherigen Studien in diesem Bereich. Die Autoren halten sich auch statistisch an das, was ihr Datensatz erlaubt. Natürlich sind aber Einschränkungen zu machen – wie bei so ziemlich allen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, die sich auf ein großes Aggregat (zum Beispiel die Wählerschaft) beziehen wollen und daher mit Samples vorliebnehmen. Wichtig hier: Die Autoren legen das penibel dar; sie stellen keine unseriösen Allgemeinfloskeln auf, sondern zeigen deutlich die Limitationen ihres Designs. Journalisten sollten das wirklich sorgfältig lesen. Zum Beispiel wurden hier keine mobilen Daten verarbeitet, was vielleicht zukünftig eingeplant werden müsste.“

„Die Erkenntnisse sind eigentlich nicht überraschend. Aber sie sind hilfreich, weil sie auf eine andere Erhebungsart ein weiteres Mosaiksteinchen zum Verständnis des Phänomens beitragen. Ein derart facettenreiches Unterfangen – die Rolle von Misinformationen in einem US-Wahlkampf – nachzeichnen zu wollen, verlangt eben eine Reihe von Untersuchungen. Was die Autoren hier berichten, ist zuvor aber eher qualitativ untersucht worden oder aber anhand von Exit-Polls. Diese Studie trägt also zum Gesamtbild bei, auch indem sie bisherige plausible Annahmen im Grunde bestätigt. Recht neu, aber wenig überraschend, sind die Zahlen, die gemeldet werden zur Nutzung sogenannter Fact Checker.“

Zur Frage, inwiefern die Studie zum besseren Verständnis der Wirkung von Falschnachrichten auf Wahlen beiträgt:
„Siehe meine Anmerkung im vorherigen Absatz.Einzelne Segmente eines Wahlkampfes auf ihre Wirksamkeit zu isolieren, ist recht schwer. Wenn man konkret die US-Wahl im Kopf hat und noch konkreter: ‚Wie konnte es dazu kommen?‘, dann sind unbedingt auch auf der Ebene der Staaten Untersuchungen nötig. Aber Misinformationen sind ja ein relativ neues Phänomen, und sie zum Beispiel in den Kontext zu setzen und auch beispielsweise ihre Auswirkungen auf die Nutzung anderer Informationsarten zu sehen, ist sicher hilfreich für Gesamtbeurteilungen. Aber – was dem Gegenstand geschuldet ist – es verbieten sich in der Regel größere Verallgemeinerungen. Da sind Einzelfälle in der Regel interessanter, stehen aber eben nicht für eine Regel: zum Beispiel der Mensch, der in Washington in einer Pizza-Bude um sich geschossen hat, weil er glaubte, da würde unter Federführung von Hillary Clinton ein Kinderschänder-Ring sein Unwesen treiben. Das bringt mich zu einem weiteren Punkt: Weiterführende Studien würden einem solchen Design womöglich psychologische Indikatoren wie die Big Five heranziehen, also mehr Persönlichkeitsmerkmale unterscheiden.“

Zur Frage, wie nach aktuellem Stand der Wissenschaft der Einfluss von Falschnachrichten auf Wahlen zu beurteilen ist:
„Sie geben einem Teil der Wählerschaft Platz in einer Art Filter-Bubble (die nicht wirklich für viele existiert, aber für die extremen politischen Meinungen schon ein Stück weit, wenn auch löchrig). Kurz: Die politischen Ränder mögen das für ihre Ingroup-Kommunikation nutzen. Ein anderer Teil der Wählerschaft nimmt sie kaum wahr. Wiederum ein Teil, glaubt man zumindest für die USA (und das wird in dieser Studie nicht berücksichtigt, soweit ich das sehe), lässt sich aber womöglich irritieren und geht nicht zur Wahl. Die ‚Nicht-Wählerschaft‘ so oder so zu bearbeiten, gehört zum strategischen Wahlkampf der USA dazu, und hier vermute ich für einen geringen Prozentsatz durchaus Wirkungen.“

Dr. Philipp Müller

Akademischer Rat, Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Universität Mannheim

„In methodischer Hinsicht sind der Studie keinerlei Vorwürfe zu machen. Tatsächlich handelt es sich aus meiner Sicht um die bisher gelungenste empirische Annäherung an die Nutzung nicht-vertrauenswürdiger politischer Internetinhalte in der internationalen Forschungslandschaft. Die Studie dokumentiert mittels Trackingdaten die tatsächliche Internetnutzung einer großen und heterogenen Stichprobe von US-Bürgern im Wahlkampf 2016. Die Autoren dokumentieren ihre Auswertungen vorbildlich und sind sehr sorgsam bei der Ergebnisinterpretation. Die Daten werden keinesfalls überstrapaziert.“

„Wichtig ist jedoch, dass man sich die methodischen Einschränkungen der Studie klarmacht: Den Auswertungen liegt ausschließlich die stationäre Internetnutzung, also über Laptops und Desktop-PCs zu Grunde, nicht jedoch die mobile über Smartphones und Tablets. Wir wissen, dass inzwischen ein großer Anteil des Online-Nachrichtenkonsums über mobile Geräte erfolgt, in der jüngeren Nutzergruppen sogar der überwiegende. Insofern fehlt bei den Analysen ein gewichtiger Teil der Internetnutzung. Außerdem messen die Autoren nur den Besuch nicht-vertrauenswürdiger Websites. Inzwischen fällt aber ein Großteil der Nachrichtennutzung direkt in den Newsstreams der Social-Media-Kanäle wie Facebook und Twitter an. Dabei müssen nicht unbedingt die Websites der Ursprungsquellen besucht werden, sondern die Nachrichteninhalte werden direkt auf den Plattformen konsumiert. Auch diesen Teil der Online-Nachrichtennutzung können die vorhandenen Daten nicht erfassen, da sie keinen Aufschluss darüber geben, welche Inhalte Nutzer*innen in ihren Social-Media-Newsfeeds sehen. Daher kann vermutet werden, dass der wahre Anteil der sogenannten ‚Fake-News‘-Nutzung im Wahlkampf doch höher gelegen hat, als die Studienergebnisse zeigen. All dies wird von den Autoren aber transparent gemacht – daher: kein Vorwurf.“

„Die Autoren hatten ihre Erkenntnisse der Wissenschaftscommunity zum Teil bereits in einer früheren Preprint-Version des Artikels zugänglich gemacht. Insofern waren sie für Experten auf dem Gebiet nicht unbedingt überraschend. Sie bestätigen weitestgehend, was auch andere seriöse Forschung im Bereich Online-Desinformation in den vergangenen Jahren ergeben hat; nämlich dass Desinformationsquellen zwar inzwischen ein Faktor in Wahlkämpfen sind, dass sie aber, selbst in den USA, weit davon entfernt sind, Bevölkerungsmehrheiten zu manipulieren, sondern einen eingeschränkten Nutzer*innenkreis aufweisen. Ein Befund, der in der öffentlichen Debatte zu Online-Desinformation und auch von einigen Wissenschaftler*innen in dem Themenfeld leider nicht immer ausreichend gewürdigt wird.“

„Gleichzeitig weisen die Studienergebnisse noch auf zwei weitere bemerkenswerte Sachverhalte hin, die oft falsch eingeordnet werden: 1.) Sogenannte ‚Debunking‘-Angebote, die Falschmeldungen richtigstellen, haben eine äußerst begrenzte Reichweite und erreichen selten wirklich diejenigen Nutzer*innen, die entsprechende Falschmeldungen gesehen haben. Ihren demokratischen Wert und Nutzen kann man daher in Frage stellen – zumal Wirkungsstudien zeigen, dass Debunking oft unerwünschte Effekte erzielt. 2.) Zweifelhafte Nachrichtenseiten werden nicht als Ersatz für seriöse Quellen genutzt, sondern in Ergänzung zu den klassischen Nachrichtenmedien und vor allem durch Nutzer*innen, die ein hohes politisches Interesse an den Tag legen. Diese Nutzer*innen sind also keineswegs für den seriösen Diskurs ‚verloren‘. Es besteht durchaus die Chance, sie zurückzugewinnen – aber eben nicht, indem man ihnen die Dubiosität der von ihnen genutzten zweifelhaften Quellen unter die Nase reibt, sondern indem ihnen die traditionellen Nachrichtenmedien ein Angebot machen, das sie anspricht und verloren gegangenes Vertrauen wiederherstellt.“

Zur Frage, inwiefern die Studie zum besseren Verständnis der Wirkung von Falschnachrichten auf Wahlen beiträgt:
„Als erste in diesem großen Umfang durchgeführte Tracking-Nutzungsstudie stellt die Untersuchung einen äußerst wichtigen Baustein dar, um die Reichweite und Nutzung von Online-Desinformation besser beurteilen zu können. Ihre Aussagekraft hinsichtlich der Wirkung von ‚Fake News‘ bei denjenigen Nutzer*innen, die sie zu sehen bekommen, ist hingegen gering, wie die Autoren auch mehrfach betonen. Dies ist aber auch nicht Hauptziel der Untersuchung gewesen.“

„Leider verfügen wir derzeit noch nicht über vergleichbare Erkenntnisse zur tatsächlichen Nutzung von zweifelhaften Nachrichtenangeboten in anderen Ländern als den USA. Aus Deutschland (und anderen europäischen Ländern) wurden bisher nur verzerrungsanfällige Befragungsdaten veröffentlicht. Das muss sich in Zukunft dringend ändern. Zudem wäre es wichtig, auch die Inhalte zu dokumentieren, die Nutzer*innen in ihren Social-Media-Newsfeeds angezeigt bekommen. Dies ist bisher aus verschiedenen forschungspraktischen und -ethischen Gründen noch weitestgehend eine Blackbox.“

Zur Frage, wie nach aktuellem Stand der Wissenschaft der Einfluss von Falschnachrichten auf Wahlen zu beurteilen ist:
„Ein Gesamturteil, noch dazu verallgemeinernd über konkrete Wahlen und Wahlkämpfe hinweg, fällt hier sehr schwer. Es hat in der Vergangenheit sicherlich in einzelnen Wahlkämpfen massive Beeinflussungsversuche über Social-Media-Kanäle gegeben, die sicherlich auch Teile von Elektoraten erreicht haben. Dass dies Wahlen, zumindest in westlichen Demokratien, in denen Informations- und Wahlfreiheit herrscht, in erheblichem Maße beeinflusst hat, halte ich für eher unwahrscheinlich. Wir sollten nicht vergessen, dass die menschliche Urteilsbildung ein komplexer von vielerlei Einflüssen geprägter Prozess ist und dass Menschen für Botschaften besonders dann empfänglich sind, wenn sie ihre bestehenden Überzeugungen bestätigen. Insofern tendiere ich zu dem Gesamturteil, dass wie auch immer geartete Online-Kampagnen gesellschaftliche Stimmungen und Trends im Wahlverhalten zwar befördern und verstärken können, aber eher nicht aus sich heraus auslösen oder neu erschaffen.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Klaus Kamps: „Ich habe keinen Interessenkonflikt.“

Dr. Philipp Müller: „Es bestehen keinerlei Interessenkonflikte mit Blick auf die zu beurteilende Studie.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Nyhan B et al. (2020): Exposure to untrustworthy websites in the 2016 US election. Nature Human Behaviour; DOI: 10.1038/s41562-020-0833-x.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Newman N et al. (2017): Reuters Institute Digital News Report 2017. Reuters Institute for the Study of Journalism.

[2] Newman N et al. (2019): Reuters Institute Digital News Report 2019. Reuters Institute for the Study of Journalism.

[3] Schultz T et al. (2017): Erosion des Vertrauens zwischen Medien und Publikum? Media Perspektiven, 5, 246–259.

[4] Pennycook G et al. (2019): Fighting misinformation on social media using crowdsourced judgments of news source quality. Proceedings of the National Academy of Sciences, 116(7), 2521–2526. DOI: 10.1073/pnas.1806781116.

[5] Kreißel P et al. (2018): Hass auf Knopfdruck – Rechtsextreme Trollfabriken und das Ökosystem koordinierter Hasskampagnen im Netz. Institute for Strategic Dialogue.

Weitere Recherchequellen

Science Media Center Germany (2019): Fake News auf Twitter bei der US-Präsidentschaftswahl 2016. Research in Context.

Science Media Center Germany (2019): Beeinflussung politischer Meinung durch die IRA auf Twitter Ende 2017. Research in Context.