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26.01.2021

Wirksamkeit von AstraZeneca-Impfstoff in der Diskussion

Anlass

Medien berichteten kürzlich über eine möglicherweise geringere Wirksamkeit des Vektorimpfstoffes von AstraZeneca bei über 65-Jährigen, also der Risikogruppe, die am stärksten von einem weiteren zugelassenen Impfstoff profitieren würde. Einerseits schlagen sich in der Berichterstattung Insider-Informationen aus der Politik nieder, andererseits aber auch Kritik an den eigentlichen wissenschaftlichen Daten des Pharmaunternehmens. Die dabei häufig zitierten acht Prozent Wirksamkeit in hohen Altersgruppen fußen allerdings offensichtlich auf einem Missverständnis und wurden von dem Unternehmen schnell als falsch deklariert.

Am 29.01.2021 soll die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) eine Empfehlung über einen Antrag auf bedingte Zulassung des Impfstoffes in der EU abgeben. Generell waren die Daten aus den klinischen Studien nicht als so eindeutig positiv bewertetet worden wie die zu den RNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna (SMC-Statements dazu [I]), auch aufgrund von Fehlern in der Dosierung in den klinischen Studien. Das SMC konnte drei kurze aktuelle Einschätzungen zu den rasanten Entwicklungen einholen.

Übersicht

     

  • Prof. Dr. Carlos A. Guzman, Leiter der Abteilung Vakzinologie und Angewandte Mikrobiologie, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Braunschweig
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  • Prof. Dr. Stephan Becker, Leiter des Instituts für Virologie, Philipps-Universität Marburg
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  • Prof. Dr. Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin, Eberhard Karls Universität Tübingen
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Statements

Prof. Dr. Carlos A. Guzman

Leiter der Abteilung Vakzinologie und Angewandte Mikrobiologie, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Braunschweig

„Es ist unklug zu spekulieren – wir müssen die Empfehlung der EMA abwarten. Möglicherweise wurden den Aufsichtsbehörden zusätzliche Informationen zur Verfügung gestellt, die nicht öffentlich zugänglich sind. Die Analyse der Studien von AstraZeneca ist nicht so einfach wie bei den beiden Impfstoffen, die schon eine bedingte Marktzulassung in Europa erhalten haben. Die Anzahl der teilnehmenden Probanden war geringer und die Analyse wird durch Unterschiede im Studiendesign erschwert, wie zum Beispiel die Verwendung unterschiedlicher Placebos, Immunisierungsschemata und die Altersspanne der Probanden. Die Tatsache, dass das Protokoll mit der niedrigen ersten Dosierung auf einem sachlichen Fehler beruhte, gab ebenfalls Anlass zu Bedenken, und es ist schwierig, die vermeintlich höhere Wirksamkeit aufgrund der Altersspanne der Probanden zu extrapolieren.“

Prof. Dr. Stephan Becker

Leiter des Instituts für Virologie, Philipps-Universität Marburg

„In der klinischen Phase-II-Studie von Astra Zeneca und der Universität Oxford wurden auch Menschen älter als 70 Jahre getestet, allerdings nur wenige Personen über 80 [1]. In dieser Untersuchung zeigt die Vakzine, eine tendenziell etwas schwächere Immunantwort in den älteren Personen, die aber durchaus vergleichbar war mit den jüngeren Probanden.“

„In der Phase-III-Studie mit dem gleichen Impfstoff, waren zu wenige alte Menschen eingeschlossen, sodass spezifisch für die Altersgruppen über 70 keine statistisch relevante Aussage gemacht werden kann, wie an dieser Stelle zu lesen ist: ‚Five cases included in the primary analysis occurred in those participants older than 55 years of age. Vaccine efficacy in older age groups could not be assessed but will be determined, if sufficient data are available, in a future analysis after more cases have accrued‘ [2]. Es wird allerdings nicht gesagt, wie sich die fünf Fälle auf die Impfstoff- und Kontrollgruppe verteilen.“

„Die Ergebnisse der Phase-II-Studie würden dafür sprechen, dass auch bei alten Personen durch den AstraZeneca-Impfstoff eine effiziente Immunantwort generiert werden kann.“

Prof. Dr. Peter Kremsner

Direktor des Instituts für Tropenmedizin, Eberhard Karls Universität Tübingen

„Die Wirksamkeitsdaten von AstraZeneca sehen gut aus, aber klar schlechter als die der beiden bereits zugelassenen Impfungen.

„Die halbierte Dosis in den klinischen Studien war ein Versehen und die Probandenzahlen sind deshalb einfach viel zu gering, als dass man jetzt Schlüsse daraus ziehen könnte. Die Standarddosis ergab eine Protektion von etwa 60 Prozent, also deutlich unter den bisher veröffentlichten Schutzraten anderer Impfungen.“

„Die Datenlage für die Zulassung des Impfstoffes bei über 65-Jährigen halte ich nicht für aussagekräftig.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Stephan Becker: „Ich bin an der Entwicklung eines SARS-CoV-2 Impfstoff basierend auf der MVA Plattform zusammen mit der Firma IDT beteiligt. Die Entwicklung dieses Impfstoffes (Präklinik und Klinik) wurde im DZIF durchgeführt.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Ramasamy MN et al. (2020): Safety and immunogenicity of ChAdOx1 nCoV-19 vaccine administered in a prime-boost regimen in young and old adults (COV002): a single-blind, randomised, controlled, phase 2/3 trial. The Lancet; 396 (10267): 1979-1993. DOI: 10.1016/S0140-6736(20)32466-1.

[2] Voysey M et al. (2021): Safety and efficacy of the ChAdOx1 nCoV-19 vaccine (AZD1222) against SARS-CoV-2: an interim analysis of four randomised controlled trials in Brazil, South Africa, and the UK. The Lancet; 397 (10269): 99-111. DOI: 10.1016/S0140-6736(20)32661-1.

Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Science Media Center (2020):70 Prozent Effektivität des Vektor-Impfstoffs von AstraZeneca und Universität Oxford. Rapid Reaction. Stand: 23.11.2020.