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Wissen von Journalisten
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17.11.2021

Was bei der Bewertung von Maßnahmen gegen die Pandemie beachtet werden muss

Kernaussage

  • Die Wahl der notwendigen Maßnahmen hängt von den gesetzten Zielen ab
  • Für eine dauerhafte Entspannung auf den Intensivstationen kann die Konzentration der Maßnahmen auf Ungeimpfte zu wenig sein

Im Blick auf die morgen anstehende Konferenz der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten werden weitere Maßnahmen zur Bekämpfung der aktuellen vierten Welle der Corona-Pandemie erwartet. Zugleich verschärfen viele Bundesländer schon jetzt ihre Maßnahmen. Um besser einschätzen zu können, wie einzelne Maßnahmen zu bewerten sind, fasst dieser Report einige Aspekte zusammen.

Die aktuelle Lage

Die Inzidenz in Deutschland hat (inklusive Nachmeldungen) wieder einen Wert über 320 erreicht. In der Altersgruppe der ab 60-Jährigen, bei denen das Risiko einer schweren Erkrankung besonders hoch ist, liegt die Inzidenz bei über 180. Das wöchentliche Wachstum lag zuletzt bei über 50 Prozent (40 Prozent bei den ab 60-Jährigen). Eine Trendumkehr des Wachstums zeichnet sich aktuell nicht ab. Eine Einschätzung der aktuellen Lage auf den Intensivstationen liefert auch das tagesaktuelle Press Briefing zum Thema.

Auf den Intensivstationen in Deutschland sind am 17.11.2021 3360 Betten mit COVID-19-Fällen belegt. Das wöchentliche Wachstum liegt bei über 20 Prozent. Mit diesem Wachstum ist ein neuer bundesweiter Höchststand in der gesamten Pandemie in zwei bis drei Wochen erreicht. Abwendbar ist dies vermutlich nicht mehr, da sich die intensivpflichtigen Fälle der nächsten Tage bereits jetzt infiziert haben.

Ein Blick auf die Intensivstationen in einzelnen Bundesländern zeigt die ungleiche Verteilung der Fälle in Deutschland. In Thüringen sind fast 30 Prozent der Intensivbetten mit COVID-19-Fällen belegt, in Bayern und Sachsen sind es fast 27 Prozent. Eine Verlegung der Fälle in weniger stark betroffene Gebiete ist bereits angelaufen. Dabei ist aber darauf zu achten, dass die Kapazitäten der einzelnen Bundesländer aufgrund ihrer unterschiedlichen Bevölkerungszahl unterschiedlich groß ist. Viele Bundesländer würden bereits mit dem aktuellen Fallzuwachs in Bayern innerhalb weniger Tage selbst überlastet sein. Da die Situation der Intensivstationen in den Bundesländern in den nächsten Wochen ein zentraler Faktor sein wird, wird diese Grafik auch in den wöchentlichen Corona Report des SMC aufgenommen.

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Welche Maßzahl soll durch die Maßnahmen gesenkt werden?

Das Alter bleibt Hauptrisikofaktor für einen schweren Krankheitsverlauf bei COVID-19. Je nachdem, welches Ziel erreicht werden soll, rücken somit verschiedene Bevölkerungsgruppen in den Fokus. Soll die vierte Infektionswelle gebrochen und damit die Inzidenzen stark reduziert werden, muss die Zahl der Infektionen reduziert werden. Da die unteren Altersgruppen besonders hohe Inzidenzen aufweisen, können diese hier einen besonders hohen Beitrag leisten, indem Kontakte dort reduziert werden. Soll in erster Linie das Gesundheitssystem geschützt werden, müssen Infektionen in erster Linie in den Altersgruppen ab 50 Jahren unterbunden werden, da diese Altersgruppe laut Intensivregister fast 85 Prozent der mit COVID-19-Fällen belegten Intensivbetten ausmacht.

Maßnahmen für Geimpfte oder Ungeimpfte?

Aktuell stehen insbesondere Maßnahmen für Ungeimpfte zur Debatte. Zusätzliche Maßnahmen für diese Bevölkerungsgruppe versprechen grundsätzlich hohe Effekte, da das Risiko zu erkranken oder auch einen schweren Verlauf mit späterer Intensivpflichtigkeit zu erleiden in dieser Gruppe besonders hoch ist. Laut aktuellem Wochenbericht des RKI macht die Gruppe der vollständig Geimpften auf den Intensivstationen nur einen Anteil von 36 Prozent aller COVID-19-Fälle mit einem Alter ab 60 Jahren aus, obwohl in dieser Altersgruppe etwa 85 Prozent vollständig geimpft sind. Die Anteile sind mit Unsicherheit belastet, da nicht für alle Fälle der Impfstatus bekannt ist und die Impfquote andererseits wahrscheinlich unterschätzt wird.

Maßnahmen, die sich auf Ungeimpfte beziehen, treffen also eine kleine Gruppe, die aber einen Großteil der Intensivbetten belegt. Die Frage ist, ob Maßnahmen für diese Personengruppe ausreichend wären, um die Gesundheitssysteme dauerhaft zu entlasten. Auch wenn diese Gruppe etwa 65 Prozent der COVID-19-Intensivbetten und etwa 55 Prozent der COVID-19-Krankenhausbetten belegen, steigt auch die Zahl der vollständig geimpften Fälle.

Unter der hypothetischen Annahme, dass aufgrund von Maßnahmen alle Ungeimpften geschützt wären und ab morgen nicht mehr auf den Intensivstationen liegen würden, würde die aktuellen Wachstumsraten bei den Geimpften ausreichen, um die gewonnenen freien Betten in wenigen Wochen zu füllen. Die folgende Grafik beschreibt das erste Szenario, dass ab morgen alle mit ungeimpften belegten COVID-19-Intensivbetten frei werden und nur noch bei den Geimpften Intensivfälle auftreten würden. Für diese Fälle wird ein wöchentliches Wachstum von 20 Prozent angenommen. Ein neuer Höchststand würde in diesem Szenario bereits im Januar des kommenden Jahres also deutlich vor Ende des Winters eintreten.

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Natürlich ist dieses Szenario unrealistisch. Maßnahmen, die auf die Vermeidung von Infektionen unter Ungeimpften abzielen, werden nicht alle Infektionen verhindern. Außerdem verschwinden nicht die Fälle, die bereits jetzt auf der Intensivstation liegen.

Im zweiten Szenario wird angenommen, dass die Maßnahmen die Infektionszahlen von Ungeimpften so verändern, dass deren Fallzahl auf den Intensivstationen wöchentlich um 20 Prozent sinkt. Bei den Geimpften würden die Fallzahlen weiterhin wöchentlich um 20 Prozent wachsen. Der mathematische Zusammenhang hier verläuft analog zur Verbreitung der Alpha- und Delta-Varianten von SARS-CoV-2 und wurde bereits im ersten Extra-Report beschrieben. Eine nennenswerte Entlastung auf den Intensivstationen wäre also nicht zu spüren, sondern der Aufwärtstrend würde nur kurzfristig gebremst.

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Auch dieses Szenario ist noch vereinfacht, da jegliche Maßnahmen immer erst zeitverzögert wirken. Außerdem sind Geimpfte und Ungeimpfte keine isolierten Populationen, sodass ein Senken des Infektionsdrucks bei den Ungeimpften auch positive Effekte auf das Infektionsgeschehen bei den Geimpften haben kann.

Trotz dieser Einschränkungen verdeutlicht das Szenario, dass alleinige Maßnahmen für Ungeimpfte vermutlich nicht dazu ausreichen, die Situation auf den Intensivstationen in den nächsten Wochen zu verbessern. Um die Intensivstationen spürbar zu entlasten, müsste auch bei den Geimpften in den Altersgruppen ab 50 Jahren ein Rückgang der Fallzahlen erreicht werden. Die Gruppe der Geimpften unter 50 Jahren trägt zwar durchaus zur Infektionswelle bei, belegt aber einen so kleinen Teil der Intensivbetten, dass der direkte Einfluss trotz längerer Liegezeiten bei jüngeren Fällen vernachlässigbar sein dürfte. 18- bis 49-Jährige belegen derzeit nur 15 Prozent der mit COVID-19-Fällen belegten Intensivbetten. Die Impfdurchbrüche werden nur für die 18-59-Jährigen angegeben, der Anteil liegt bei 12,9 Prozent. Übertragen auf die kleinere Altersgruppe der 18- bis 49-Jährigen würden Impfdurchbrüche in dieser Altersgruppe weniger als zwei Prozent der belegten COVID-19-Intensivbetten ausmachen.

(Booster-)Impfungen

Wie bereits mehrfach im wöchentlichen Corona-Report und im Fact Sheet zum Thema festgehalten, ist die Zahl der durchgeführten Boosterimpfungen deutlich zu klein, um kurzfristig einen nennenswerten Effekt beitragen zu können. Da die Zahl der täglich durchgeführten Boosterimpfungen langsam steigt, kann dies aber mittelfristig helfen, wie auch Forschende bei einem Press Briefing als Strategie betonten. Das gleiche gilt für die Grundimmunisierung.

Ihre Ansprechpartner in Redaktion und SMC Lab

Marleen Halbach, Redaktionsleiterin

Lars Koppers, Gastwissenschaftler am SMC Lab

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