Frühe Social-Media-Nutzung und schlechtere Schulleistung
laut Studie schneiden italienische Jugendliche in standardisierten Schultests in einigen Fächern schlechter ab, wenn sie früh ihren ersten Social-Media-Account hatten
Altersgrenze für Social-Media-Nutzung wird aktuell viel diskutiert, wobei Auswirkung auf schulische Leistung neben psychischer Gesundheit ein wichtiger Punkt ist
Forschende ordnen Ergebnisse in Forschungskontext ein und leiten Handlungsempfehlungen ab
Italienische Jugendliche, die bereits in der sechsten, siebten oder achten Klasse einen Social-Media-Account hatten, schnitten in späteren schulischen Leistungstests teilweise schlechter ab als Jugendliche, die mindestens bis zur neunten Klasse mit einem Account warteten. Effekte zeigten sich für die Fächer Italienisch und Mathematik, aber nicht für Englisch. Dies ist das Ergebnis einer groß angelegten Untersuchung, die im Fachjournal „Nature Human Behaviour“ veröffentlicht wurde (siehe Primärquelle).
Welche Regulierung inklusive Mindestalter angemessen für die Nutzung sozialer Medien ist, wird aktuell weltweit diskutiert. Hauptsächlich im Zusammenhang mit den Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das Suchtpotenzial. Daneben wirken sich soziale Medien laut wissenschaftlichen Untersuchungen allerdings vermutlich auch auf die Konzentrationsfähigkeit und schulische Leistung von Kindern und Jugendlichen aus.
Ordinarius für Schulpädagogik, Universität Augsburg
Einordnung der Methodik und Aussagekraft
„Die vorliegende Studie gehört methodisch zu den interessantesten, die bislang in diesem Kontext veröffentlicht wurden. Das Design umfasst Testergebnisse über mehrere Jahre hinweg und vergleicht geschickt über einen Difference-in-Difference-Ansatz (Methode, um kausale Effekte nachzuweisen: Es werden eine Kontroll- und eine Testgruppe betrachtet. Daten beider Gruppen müssen zu mindestens zwei Zeitpunkten vorliegen, nämlich vor und nach einer Parameteränderung für die Testgruppe. In der aktuellen Studie ist die Parameteränderung die Einrichtung eines Social-Media-Accounts; Anm. d. Red.). Auch die Robustheit der Ergebnisse wird mit verschiedenen Verfahren überprüft. Unterm Strich also ein gelungenes Forschungsdesign.“
Kausalität zwischen gemessenen Effekten und Einrichtung des Social-Media-Accounts
„Wie immer bei solcher Forschung lassen sich nicht alle Effekte ausschließlich auf das Alter der Jugendlichen beim Anlegen des ersten Social-Media-Accounts zurückführen. Es werden keine Kausalitäten untersucht. Allerdings muss man hinzufügen, dass wir in diesem Bereich nie Kausalitäten haben werden. Zu unterschiedlich zeigen sich die Persönlichkeit und Lebenswelt der Nutzer sowie die Art und Weise der Nutzung sozialer Medien, als dass man einfach einen Schluss vom Alter der Jugendlichen beim Anlegen eines Accounts auf Lerndefizite ziehen könnte. Das ist aus meiner Sicht der falsche Anspruch und führt die Debatte seit Jahren in die Irre.“
„Wir haben es immerzu mit Korrelationen zu tun, also mit Zusammenhängen, die nicht zufällig sind. Genau an dieser Stelle zeigt sich die vorliegende Studie überzeugend und reiht sich ein in einen mittlerweile schon längeren Forschungsprozess.“
Einordnung der Ergebnisse
„Wieder einmal wurde gezeigt, dass eine frühe Social-Media-Nutzung zu negativen Effekten bei den Lernleistungen führen kann. In diesem Fall ist besonders aufschlussreich, dass in der Tat folgender Zusammenhang nachgewiesen werden konnte: Je früher sich Kinder einen Social-Media-Account anlegen, desto schlechter sind in der späteren Schullaufbahn die Lernleistungen, hier gemessen an der Muttersprache Italienisch und Mathematik. Es gibt hierzu andere Studien, mit einem weniger anspruchsvollen Design, die ähnliche Effekte berichten, vor allem im US-amerikanischen Raum – siehe die Arbeiten von Jonathan Haidt in ‚Generation Angst‘.“
„Die Einordnung der Effekte wird von den Autoren nach gängigen Standards vorgenommen. Unterm Strich kann man sagen, dass ein halbes Schuljahr an Lernfortschritt verloren geht (gemeint sind Leistungsunterschiede bei Tests in der achten oder zehnten Klasse zwischen Jugendlichen, die einen Account in der sechsten oder ab der neunten Klasse erstellten; Anm. d. Red.). Das ist angesichts der Datenlage der empirischen Bildungsforschung, wie sie zum Beispiel in John Hatties ‚Visible Learning‘ zusammengefasst ist, als dramatisch einzustufen.“
„In der Studie werden standardisierte Regressionskoeffizienten (messen Beziehung zwischen Variablen; Anm. d. Red.) von −0,07 bis −0,27 Standardabweichungen berichtet. Auch wenn diese aufgrund des Difference-in-Difference-Modells nicht klassische Cohen-d-Effektstärken (gängiges Maß für die Stärke einer Beziehung zwischen Variablen; Anm. d. Red.) darstellen, ist es möglich, die Testergebnisse vergleichbar zu interpretieren. Mit Werten von etwa 0,2 Standardabweichungen liegen die Effekte nach Cohen im kleinen Bereich. Aber Cohen selbst betont immer, dass der Kontext der Erhebung zu berücksichtigen ist. Im Bildungsbereich wissen wir aus PISA und anderen Studien, dass ein Schuljahr einem Cohen's d von etwa 0,3 bis 0,4 entspricht. Das bestätigt auch John Hattie in der Analyse von über 3000 Meta-Analysen. Insofern lassen sich die berichteten Effektstärken bis zu einem Lernrückgang eines halben Schuljahres anschaulich interpretieren.“
Mögliche Gründe für die beobachteten Effekte
„Die Autoren argumentieren, dass die permanente Verfügbarkeit des Smartphones negative Effekte nach sich zieht. Als Beispiele sind zu nennen: vor dem Einschlafen, nach dem Aufwachen, bei den Hausaufgaben und in vielen anderen Alltagssituationen. Daraus resultiert ein Ablenkungspotenzial einerseits und eine Belastung des Arbeitsgedächtnisses andererseits. Diese Gründe werden auch in anderen Forschungskontexten genannt und sind plausibel, wie im Brain-Drain-Effekt [3] (Präsenz des Handys sorgt für geringere Konzentrationsfähigkeit; Anm. d. Red.). Weitere Analysen sind hier wünschenswert.“
Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Länder
„Auch wenn die Autoren, wie immer in empirischen Studien, vorsichtig bei der Übertragbarkeit ihrer Daten sind, ist für mich die Übertragbarkeit für alle westlichen Länder gegeben. In diesen wachsen Kinder und Jugendliche unter ähnlichen Umständen auf.“
Auf die Frage, welche plausiblen Erklärungen es dafür gibt, dass sich die Effekte in Mathematik und Italienisch, nicht aber in Englisch zeigten:
„Die Besonderheit für Englisch wird damit begründet, dass viele Angebote auf Social Media auf Englisch sind und dadurch sowohl Hörverstehen als auch Leseverstehen in Englisch eine Förderung erfährt. Auch das ist plausibel, obschon hier durchaus weitere Analysen notwendig erscheinen.“
Implikationen der Studienergebnisse
„Zweifelsfrei sind aus meiner Sicht aus den Ergebnissen direkte Handlungsbedarfe abzuleiten. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern Europas wird über die Frage diskutiert, ob und gegebenenfalls ab welchem Alter Social-Media-Accounts für Kinder und Jugendliche zugänglich sein sollen. Die Ergebnisse der aktuellen Studie liefern für die Befürworter einer Regulierung wichtige Daten. Denn es kann nicht im Interesse einer Bildungspolitik sein, den schon massiv um sich greifenden Bildungsnotstand bei den Lernleistungen, durch einen unregulierten Social-Media-Konsum weiter zu befeuern.“
„Auch bei der Frage des Mindestalters liefert die Studie Hinweise, obschon sie nicht explizit dieser Frage nachgeht. Aber die Ergebnisse weisen darauf hin, dass ein früher Social-Media-Konsum schädlicher wirkt als ein späterer. Auch wenn die Studie hier viel vorsichtiger ist, erscheint mir aus schulpädagogischer Sicht dieser Aspekt der wesentliche aus der Studie zu sein.“
„Dass zusätzlich eine Medienbildung, die Unterstützung der Eltern und die Inpflichtnahme der Anbieter betont werden, ist richtig, unstrittig und bekannt. Angesichts der psychologischen Entwicklung ist es aber nicht das Entscheidende.“
Professor für Kognitions- und Neurowissenschaften und stellvertretender Direktor des Instituts für Kollaborative Innovation an der Universität Macau, Macau SAR, China
Mögliche Gründe für die schlechteren Testergebnisse
„Ich denke, dass vor allen Dingen die Unterbrechungen durch Social Media auf dem Smartphone die Effekte erklären. Dadurch werden die Zeitspannen möglicher Konzentration kürzer. Wir sehen in einer eigenen Studie mit objektiven Smartphone-Daten, dass der Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der Smartphonenutzung und selbstberichteter Smartphone-Sucht durch Social-Media-Sessions erklärt werden kann [1].“
Übertragbarkeit der Ergebnisse
„Die Autoren schreiben selbst, dass dies eine offene Frage ist. In einer eigenen Arbeit mit Studierenden haben wir aber beispielweise einen Zusammenhang zwischen längerer Social-Media-Nutzung und schlechteren GPA-Scores (standardisiertes Bewertungssystem in Schulen in den USA; Anm. d. Red.) gesehen, in denen sich die Leistungen aus unterschiedlichen Bereichen widerspiegeln. Und wir schrieben zusätzlich: ‚Time spent on social networking negatively correlated with having a sense of accomplishment from school, feeling things got done at school, and sense of accomplishment at school.’ [2]. Ich denke, dass ergänzt die neuen Studienergebnisse in plausibler Art und Weise.“
Mindestalter-Debatte
„Die Mindestalter-Debatte wird nach wie vor kontrovers geführt. Ich bleibe bei meiner Haltung, dass die aktuellen Social-Media-Produkte nicht in Kinderhände gehören. Richtig ist aber, dass wir mehr Einzelplattform-Analysen benötigen. Zusätzlich bleibt die Evidenzlage bezüglich des richtigen Alterseintritts dürftig.“
Professorin für Psychologie mit dem Schwerpunkt Bildung und Entwicklung, Leibniz-Institut für Bildungsforschung und -information (DIPF), Frankfurt am Main
Relevanz und Aussagekraft der Studie
„Längsschnittliche Studien zu dem Einfluss sozialer Medien auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sind zu begrüßen. Die aktuelle Studie stellt vor diesem Hintergrund eine relevante Untersuchung dar, die einen Zusammenhang zwischen dem Alter des Eröffnens eines eigenen Accounts in sozialen Medien und späteren schulischen Leistungen belegt.“
„Die Kausalitätsannahme ist jedoch mit Vorsicht zu beurteilen. So kontrollieren die Autor/innen zwar diverse strukturelle Hintergrundmerkmale der Familien und den Erziehungsstil mit Blick auf digitale Medien. Zentrale Einflussfaktoren und eine schädliche Wirkung sozialer Medien auf die schulische Entwicklung bleiben aber unberücksichtigt. Dazu zählen etwa wichtige Eigenschaften der (analogen) familialen Lernumwelt sowie die kindlichen selbstregulatorischen Fähigkeiten und deren Förderung.“
Regulierung sozialer Medien
„Die Studie weist auf die Vulnerabilität von Kindern und Jugendlichen bei einer frühen uneingeschränkten Nutzung sozialer Medien hin. Ein verantwortungsbewusster und ressourcenorientierter Umgang mit sozialen Medien lässt sich allerdings nicht allein mit Altersgrenzen herbeiführen. Wichtig ist der Dreiklang aus Schutz, Befähigung und Teilhabe.“
„Die Befähigung setzt dabei sowohl bei den Kindern selbst als auch bei Eltern und Fach- beziehungsweise Lehrkräften an. Nachhaltige Prävention sollte dabei schon vorgeburtlich und in den ersten Lebensmonaten beginnen. Eine wichtige Rolle kann später die Kita spielen. Etwa als Ort für eine frühe Stärkung selbstregulatorischer Fähigkeiten der Kinder, eine ressourcenorientierte digitale Medienbildung und Beratung von Eltern.“
„Keine Interessenkonflikte.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte, was die Beurteilung der Studie angeht. Aus Gründen der Transparenz möchte ich angeben, dass ich Mitglied der unabhängigen Expertenkommission ‚Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt‘ und dem Aktionsrat Bildung bin. Im Rahmen der Mitgliedschaften habe ich bei der Erarbeitung einer Bestandsaufnahme, Handlungsempfehlungen und eines Gutachtens zum Umgang sozialer Medien bei Kindern und Jugendlichen mitgewirkt.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Primärquelle
Gui M et al. (2026): Social science: Earlier social media use may lead to lower standardised test scores. Nature Human Behaviour. DOI: 10.1038/s41562-026-02522-4.
Weiterführende Recherchequellen
Science Media Centre Spain (2026): A study links early use of social media with lower scores in standardised tests. Reactions. Stand: 03.08.2026.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Marengo D et al. (2021): Exploring the Associations Between Self-reported Tendencies Toward Smartphone Use Disorder and Objective Recordings of Smartphone, Instant Messaging, and Social Networking App Usage: Correlational Study. Journal of Medical Internet Research. DOI: 10.2196/27093.
[2] Sapci O et al. (2021): The relationship between smartphone use and students` academic performance. Learning and Individual Differences. DOI: 10.1016/j.lindif.2021.102035.
[3] Ward AF et al. (2017): Brain Drain: The Mere Presence of One’s Own Smartphone Reduces Available Cognitive Capacity. Journal of the Association for Consumer Research. DOI: 10.1086/691462.
Prof. Dr. Klaus Zierer
Ordinarius für Schulpädagogik, Universität Augsburg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Christian Montag
Professor für Kognitions- und Neurowissenschaften und stellvertretender Direktor des Instituts für Kollaborative Innovation an der Universität Macau, Macau SAR, China
Prof. Dr. Yvonne Anders
Professorin für Psychologie mit dem Schwerpunkt Bildung und Entwicklung, Leibniz-Institut für Bildungsforschung und -information (DIPF), Frankfurt am Main
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte, was die Beurteilung der Studie angeht. Aus Gründen der Transparenz möchte ich angeben, dass ich Mitglied der unabhängigen Expertenkommission ‚Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt‘ und dem Aktionsrat Bildung bin. Im Rahmen der Mitgliedschaften habe ich bei der Erarbeitung einer Bestandsaufnahme, Handlungsempfehlungen und eines Gutachtens zum Umgang sozialer Medien bei Kindern und Jugendlichen mitgewirkt.“