Zusammenhang von Klimaschwankungen und bewaffneten Konflikten
Studie: klimatische Schwankungen beeinflussen Risiko für Ausbruch bewaffneter Konflikte relativ stark
fortschreitender Klimawandel könnte Klimaschwankungen verstärken und somit bewaffnete Konflikte wahrscheinlicher machen
Forschende halten Studie für methodisch solide und erläutern, was sich für zukünftige Risiken durch den Klimawandel lernen lässt
Klimaschwankungen durch die El Niño-Southern Oscillation (ENSO) oder den Indischen Ozean Dipol (IOD) beeinflussen das Risiko für bewaffnete Konflikte mit hoher Wahrscheinlichkeit vergleichsweise stark. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die im Fachjournal „PNAS“ veröffentlicht wurde und die Daten zu insgesamt 555 Konfliktausbrüchen zwischen 1950 und 2023 ausgewertet hat (siehe Primärquelle).
Da sich im Zuge des Klimawandels verändern könnte, wie stark Regionen von ENSO und IOD beeinflusst werden, und klimatische Schwankungen möglicherweise zunehmen könnten, erlauben die Ergebnisse auch Rückschlüsse auf den Einfluss des Klimawandels auf Konfliktrisiken. Die Arbeit gehört damit zu einer wachsenden Zahl von Untersuchungen, die auf Basis vergangener Zusammenhänge von Klima und Konflikten zeigen, dass der Klimawandel künftig das Risiko bewaffneter Konflikte erhöhen könnte [I].
Professor für Integrative Geographie, Fachbereich Erdsystemwissenschaften, Universität Hamburg
Zentrale Studienergebnisse
„Die Studie knüpft an die inzwischen umfangreiche Literatur der zurückliegenden zwei Jahrzehnte über statistische Zusammenhänge von Daten zu Klimawandel und Konflikten an und entwickelt bisherige Erkenntnisse weiter. Insbesondere geht es hier weniger um den Einfluss des menschgemachten Klimawandels, sondern vielmehr der natürlichen Klimavariabilität auf das Risiko bewaffneter Konflikte, konkret durch die El Niño-Southern Oscillation (ENSO) und den Indischen Ozean-Dipol (IOD).“
„Daraus werden Erkenntnisse über die Konfliktsensibilität gegenüber klimatischen Variablen wie Temperatur, Niederschläge oder Wetterextreme gewonnen – sowohl länderbasiert als auch gerastert. Die Ergebnisse zeigen, dass El Niño das Konfliktrisiko erhöht. Doch seine Wirkung nimmt nicht einfach linear mit der klimatischen Verbindung einer Region zu ENSO zu, sondern legt ein nichtlineares Schwellenwertverhalten nahe. Das Konfliktrisiko steigt vor allem durch die trockenen und weniger durch die feuchten Fernwirkungen – sogenannte ‚teleconnections‘ – von El Niño. Zudem wird ein bislang nicht so bekannter regionaler und vergleichsweise kurzfristiger Konflikteinfluss durch den IOD belegt, was Implikationen für das Management von Klimarisiken hat.“
„In dieser wie in früheren Forschungen sind klimatische Variablen im Kontext vieler anderer – ökologischer, geographischer, sozialer, wirtschaftlicher, politischer – Konfliktfaktoren zu sehen, die meist wirksamer sind. So sind Länder im Globalen Süden, die von der Landwirtschaft abhängen und schon durch Konflikte geprägt sind, meist anfälliger für Klimakonflikte als Industriestaaten im Globalen Norden. Das entspricht auch in etwa der Grenze zwischen Regionen, die von der ENSO betroffen sind oder nicht.“
Ursachen für den Einfluss des Klimawandels auf Konflikte
„Der Einfluss des Klimawandels auf Konflikte erfolgt über bestimmte Koppelmechanismen oder Pfade, die klimasensibel und konfliktrelevant sind. Hierzu gehören etwa Wasserversorgung, Ernährungssicherheit, Wetterextreme, Migration, ökonomische Schocks und politische Stabilität.“
„Anhaltende Trockenheit hat in der Regel stärkere Auswirkungen auf die Landwirtschaft und damit verbundene Konflikte als erhöhte Niederschläge. Letztere können eher kurzfristig und auch positiv wirken, wenn sie nicht so extrem sind, dass sie destabilisierende Katastrophenwirkungen entfalten, wie etwa Überschwemmungen. Dies wird auch durch die Ergebnisse der aktuellen Studie bestätigt.“
„Dennoch sind die Mechanismen, die Klimavariabilität mit bewaffneten Konflikten verknüpfen, nach wie vor umstritten, insbesondere im Hinblick auf die Vielzahl gesellschaftspolitischer und wirtschaftlicher Konfliktdeterminanten. Auch diese Studie verweist auf die Komplexität der Zusammenhänge, was einfache Aussagen erschwert beziehungsweise relativiert.“
Stärke des Effekts des Klimawandels auf Konfliktrisiken
„Die Größenordnung des Einflusses des Klimawandels auf Konflikte ist bislang umstritten und schwankt von Fall zu Fall. Nach einer in Nature erschienenen umfassenden Experteneinschätzung hatte der Klimawandel in der Vergangenheit unter den verschiedenen Konflikttreibern einen vergleichsweise kleinen Einfluss [1]. Wichtiger waren niedrige sozio-ökonomische Entwicklung, geringer staatlicher Einfluss, gesellschaftliche Ungleichheit, bisherige Gewaltkonflikte – vor allem in der Nachbarschaft –, externe Interventionen, ökonomische und politische Schocks, Ressourcenabhängigkeit, illiberale Demokratien, Bevölkerungsdruck und weitere Faktoren.“
„Allerdings kann der Klimawandel diese Faktoren indirekt beeinflussen und in ihrer Konfliktwirkung verstärken. Aus Sicht der in der erwähnten Nature-Studie [1] involvierten Expert:innen haben Klimaschwankungen und Klimawandel bislang im Mittel das Risiko in rund 5 Prozent aller Konflikte erheblich erhöht, während ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um etwa 2 Grad mit einer Wahrscheinlichkeit von 13 Prozent das Konfliktrisiko substanziell erhöht – bei 4 Grad Erwärmung steigt diese Wahrscheinlichkeit auf 26 Prozent."
„In der vorliegenden Studie steigt das absolute Konfliktrisiko um einige Prozentpunkte pro Grad Temperaturabweichung (der Ozeantemperaturen im Zuge von ENSO und IOD, Anm.d.Red.), je nach Modelldesign. Bemerkenswert ist, dass selbst ein regional begrenzter Klimamodus wie der IOD erhebliche Auswirkungen auf das Konfliktrisiko haben kann, wobei sowohl die positive als auch die negative Phase des IOD mit einem höheren Konfliktrisiko verbunden sind.“
Besonders betroffene Regionen
„Generell sind ärmere Länder, in denen gesellschaftliche Instabilität und Konflikte bestehen, besonders anfällig gegenüber Klimavariation und -wandel. Diese können als Konfliktverstärker wirken, vor allem in Subsahara-Afrika bedingt durch Trockenheit, Wassermangel und Hitze, in Nahost durch Trockenheit, Dürre, Wassermangel – was im Syrienkonflikt kontrovers diskutiert wurde –, im südlichen und südöstlichen Asien durch Trockenheit, Überschwemmungen, Gletschereinfluss auf Flüsse aus dem Himalaya, Stürme und in Teilen Südamerikas über die Landwirtschaft, Flüsse, Regenwälder, Biodiversität.“
„Diese Konflikteinflüsse werden meist in qualitativen Feldstudien untersucht. Dabei muss berücksichtig werden, dass Konflikte die Verwundbarkeit gegenüber dem Klimawandel erhöhen und Kriege Umweltzerstörung und Klimawandel verschärfen können, was zu einem Teufelskreis führt.“
„Auch in der Arktis steigt die Konfliktwahrscheinlichkeit, hier allerdings aufgrund wachsender Interessen von Großmächten an der Region und ihren Ressourcen, die durch Klimawandel leichter zugänglich werden – zum Beispiel auf Grönland. An Küsten spielen Meeresspiegelanstieg und Überfischung eine Rolle, die auch durch andere Faktoren bedingt ist als Klimawandel.“
Gemeinsame Ursachen für Klimawandel und Konflikte
„Die Ausbeutung von Öl- und Gasressourcen wirkt ebenfalls oft konfliktverschärfend, etwa in Nigeria, Kenia, Sudan oder Mosambik sowie auch in Nahost. Generell ist zu berücksichtigen, dass die Destabilisierung der internationalen Weltlage und damit verbundene Krisen bislang nicht primär auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Sondern ausschlaggebend sind expansives Wachstum, Ressourcenausbeutung und geopolitische Rivalitäten, die die Umwelt belasten und auch den Klimawandel verschärfen – durch CO2-Emissionen durch fossile Energien oder Landwirtschaft. Klimawandel und Konflikte gehen so letztlich auf die gleichen Ursachen zurück.“
„Europa ist hier bislang ein Problemverursacher und zunehmend auch von den Folgen betroffen. Dazu zählen Konflikte in Arktis und Mittelmeer, Fluchtbewegungen, eigene Klimaschäden und damit verbundene soziale Konflikte, Aufrüstung. Europa kann aber zur Problemvermeidung beitragen, etwa durch die Energiewende, Zusammenarbeit mit dem Globalem Süden und friedliche Konfliktlösung.“
Professorin für internationale Politik in der Forschungsgruppe Internationale Politik und Konfliktforschung, Universität Konstanz, und außerplanmäßige Forschungsprofessorin am Peace Research Institute Oslo, Norwegen
Qualität der Studie und Einordnung in den Forschungsstand
„Die Studie fügt sich in den bisherigen Forschungsstand ein und ist methodisch solide.“
„Generell zeigt die Studie, wie viele andere auch, dass Schwankungen im Klima, die sich mit dem Klimawandel verstärken werden, negative Auswirkungen haben und dass die Bekämpfung des Klimawandels und die Hilfe bei der Anpassung in besonders betroffenen Regionen wichtig sind.“
„Der aktuelle Konsens in der Klimasicherheitsforschung besagt, dass Klimaereignisse nicht direkt Konflikte auslösen, sondern über indirekte, kontextabhängige Transmissionsmechanismen wirken, darunter Einkommensverluste, Spitzen bei den Nahrungsmittelpreisen und verschärfte Ressourcenkonkurrenz. Ein Befund der aktuellen Studie, dass Trockenheit stärker Konflikte begünstigt als mehr Niederschläge, ist mit diesem Forschungsstand vereinbar, da Trockenheit vor allem über die Landwirtschaft wirkt. Sie trifft Länder besonders, in denen viele Menschen von Landwirtschaft direkt abhängig sind.“
„Dabei zeigen andere Studien, dass strukturelle Verwundbarkeiten wie Armut, Ungleichheit und fragile Regierungsführung in der Regel bedeutsamer für das Konfliktrisiko sind als das Klimaereignis selbst. Entscheidend ist also nicht der Klimastressor allein, sondern sein Zusammenwirken mit bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen.“
Übertragbarkeit der Ergebnisse auf Effekte durch den zukünftigen Klimawandel
„Aus historischen Zusammenhängen wie in dieser Studie lässt sich die Zukunft nur begrenzt ableiten. Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Beziehungen zwischen Klima und Konflikt sind nicht-linear. Der Klimawandel wird sich verstärken und kann Anpassungsfähigkeiten überfordern. Zudem wirkt Konflikt auf Verwundbarkeit zurück: Gewalt zerstört wirtschaftliche Kapazität, institutionelle Qualität und sozialen Zusammenhalt. Das macht Gesellschaften anfälliger für den nächsten Klimaschock, was aufgrund der derzeitig steigenden Anzahl von Konflikten besonders bedenklich ist. Seit 2010 hat sich die Zahl staatsbasierter bewaffneter Konflikte nahezu verdoppelt; 2024 wurde mit 61 aktiven Konflikten der höchste Stand seit 1946 erreicht [2]. Daher geht die Forschung davon aus, dass Effekte – wie die in der Studie gefundenen – sich in Zukunft noch verstärken werden.“
Besonders betroffene Regionen
„Der Einfluss des Klimawandels auf bewaffnete Konflikte ist am stärksten in Regionen, die bereits von hoher Verwundbarkeit, schwacher Governance und bestehenden Konflikten geprägt sind. Das subsaharische Afrika steht im Zentrum der empirischen Forschung. Dort wirken Trockenheit, Einkommensverluste in der Landwirtschaft gekoppelt mit politischer Exklusion als zentrale Mechanismen zusammen. Problembereiche wie Küstenfischerei oder Gletscherschmelze im Himalaya sind plausibel, aber empirisch weniger gut erforscht.“
„Für Deutschland und Europa sind die Ergebnisse zum Beispiel über Kaskadeneffekte relevant: Dürren in wichtigen Anbauregionen können über Lieferketten und Preisvolatilität importabhängige Staaten beeinflussen. Konflikte lösen zudem humanitäre Krisen und Fluchtbewegungen aus.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte. Ich kenne die Autoren nicht.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Primärquelle
Bagwell TE et al. (2026): Global and regional climate modes modulate armed conflict risk. PNAS. DOI: 10.1073/pnas.2532935123.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Mach KJ et al. (2019): Climate as a risk factor for armed conflict. Nature. DOI: 10.1038/s41586-019-1300-6.
[2] Rustad SA (2025): Conflict Trends: A Global Overview. Peace Research Institute Oslo.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
Krampe F (2022): Klimawandel und internationale Sicherheit. Aus Politik und Zeitgeschichte.
Prof. Dr. Jürgen Scheffran
Professor für Integrative Geographie, Fachbereich Erdsystemwissenschaften, Universität Hamburg
Prof. Dr. Nina von Uexkull
Professorin für internationale Politik in der Forschungsgruppe Internationale Politik und Konfliktforschung, Universität Konstanz, und außerplanmäßige Forschungsprofessorin am Peace Research Institute Oslo, Norwegen
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte. Ich kenne die Autoren nicht.“