Waldbrandgefahr in Mitteleuropa: Möglichkeiten für Anpassung und Prävention
in Europa sind bereits bis Mitte Juli 2026 fast 170.000 Hektar Land verbrannt und damit mehr als im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre
auch in Deutschland werden Bedingungen für Feuerwetter durch den Klimawandel wahrscheinlicher; alte Munitionsbestände in Wäldern verschärfen hierzulande das Problem
laut Fachleuten braucht es eine ganzheitliche Betrachtung von Bränden in der Kulturlandschaft statt eines ausschließlichen Fokus auf Waldbrände; zudem weisen sie auf Zielkonflikte beim langfristigen Waldumbau hin
In Süd- und Westeuropa wüten im Juli 2026 große Waldbrände. Auch in Deutschland führen das trockene Frühjahr und die historische Hitzewelle in der zweiten Junihälfte des Jahres 2026 [I] [II] dazu, dass die Gefahr für Vegetationsbrände von Wald- und Grasland hoch ist. Einen mehrere hundert Hektar großen Waldbrand im Nationalpark Müritz konnten die Einsatzkräfte erst nach Tagen unter Kontrolle bringen. Die auf den betroffenen Feldern vergrabene Altmunition stellte die Einsatzkräfte dabei vor besondere Herausforderungen.
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) geht auch in den kommenden Tagen von einer erhöhten Brandgefahr in Teilen Deutschlands aus (Stand: 23.07.2026). Dies geht sowohl aus dem Waldbrandgefahrenindex als auch aus dem Graslandfeuerindex hervor. Beide Indizes bewerten die witterungsbedingte Brandgefährdung anhand meteorologischer Daten wie Lufttemperatur, Windgeschwindigkeit und der Feuchte der Vegetation. Sie geben an, wie günstig die Wetterbedingungen für die Entstehung und Ausbreitung eines Feuers sind.
Professorin für Landscape Geoscience, Institut für Geographie, Georg-August-Universität Göttingen
Auf die Frage, inwiefern die derzeit ausgewiesenen Risikogebiete in Deutschland noch den aktuellen Gegebenheiten entsprechen :
„Die Waldbrandgefährdung ist eng an sogenannte Feuerwetterlagen geknüpft, die über Trockenheit und Wind dafür sorgen, dass Vegetation brennbar wird. Im Klimawandel erleben wir längere und intensivere Dürren, wie derzeit in großen Teilen Deutschlands beispielsweise im Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) sichtbar. Dabei erfahren auch Regionen, die bisher nicht als Risikogebiete ausgewiesen sind, starke Vegetationsaustrocknung, was dann nur noch eine Entzündung benötigt.“
Ausblick auf die weitere Waldbrandsaison 2026
„Die Wettervorhersagen der nächsten zwei Wochen zeigen derzeit keine Entspannung. Weitere Hitzewellen im Verlauf des Sommers sind zu erwarten und damit eine steigende Brandgefahr.“
Kurzfristige Maßnahmen für Waldbesitzende
„Es braucht eine Vorbereitung und Sensibilisierung, wie mit Wald- und Offenlandbränden umzugehen ist, sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Brandprävention und Brandbekämpfung. Gerade in den Regionen, die bisher wenig größere Vegetationsbrände erlebt haben, könnte das Bewusstsein, dass menschverursachte Entzündung vielfältig, oft auch fahrlässig sein kann und Brände mit zunehmender Vegetationsaustrocknung wahrscheinlicher werden, gestärkt werden.“
„Kurzfristig gilt es daher zunächst Brände effizient zu verhindern und effizient zu bekämpfen. Langfristig bedarf es dringend mehr Wissen zu Brandfolgen zusätzlich zu den regionalen Szenarien zu Klimawandelauswirkungen und Waldbrandwahrscheinlichkeiten. Diese sollte auch die jeweilige Landschaftsstruktur und Landschaftsgeschichte mit einbeziehen. So bestehen beispielsweise andere Rahmenbedingungen in Tieflandregionen als in durch Bergbau beeinflussten Mittelgebirgen.“
„Die Waldbesitzenden könnten kurzfristig und je nach Möglichkeiten Brandschutzstreifen und Zugänge für die Brandbekämpfung instand setzen. Die Feuerwehren sind bereits in Alarmbereitschaft, es mangelt es jedoch an geeigneter Ausrüstung und an lokalem Wissen, wie Vegetationsbrände – im Gegensatz zu Siedlungsbränden – effizient bekämpft werden können.“
Wissensaustausch wird entscheidend werden
„Mitteleuropa ist eine ‚neue‘ Feuerregion, in der es weniger Erfahrung mit Vegetationsbränden gibt als in klassischen Feuerregionen wie beispielsweise dem Mittelmeerraum oder den borealen Nadelwäldern. Hier bedarf es eines breiten überregionalen Wissensaustauschs, aber nicht alles Wissen ist immer Eins-zu-eins übertragbar. Klimatisch lassen sich Feuerwetterlagen gut vorhersagen, aber wir haben in Mitteleuropa andere Rahmenbedingungen, die lokal die Brennbarkeit der Vegetation und die Brandbekämpfung beeinflussen. Hier spielt die Waldstruktur und Landschaftsgeschichte eine große Rolle: Ein Beispiel sind die durch Trockenheit und Borkenkäferbefall vorgeschädigten Fichtenmonokulturen, die anders austrocknen als ein ‚gesunder‘ Fichtenforst; ein anderes ‚Erbe der Vergangenheit‘ ist die Munitionsbelastung in den Böden, die die Brandbekämpfung herausfordert.“
„Dieses Wissen sollte in einen zielgerichteten Austausch zwischen allen relevanten gesellschaftlichen Akteuren einfließen. Damit kann gemeinsam ein wenig brennbarer Wald der Zukunft entwickelt werden, der langfristig vielfältige Funktionen auch unter Klimawandel erfüllen kann.“
Nachwirkungen von Waldbränden oft übersehen
„Bisher kaum bis gar nicht berücksichtigt sind die Folgen von Waldbränden für den Wasserhaushalt und die Nähr- und Schadstoffkreisläufe in mitteleuropäischen Landschaften. Durch Vegetationsverbrennung können gesundheitsgefährdende Stoffe entstehen oder verfügbar werden, die unter anderem sowohl die Luft- als auch die Wasserqualität beeinflussen können. Dies ist besonders relevant für die Brandnachsorge und in Trinkwasserschutzgebieten. Auch die Abflussdynamik auf Waldbrandflächen verändert sich, was nach großen Bränden in Mittelgebirgen den Hochwasserschutz beeinflussen kann.“
Leiterin Arbeitsbereich Ökologie und Walddynamik, Institut für Waldökosysteme, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, Eberswalde
Auf die Frage, inwiefern die derzeit ausgewiesenen Risikogebiete in Deutschland noch den aktuellen Gegebenheiten entsprechen :
„Die Liste der Risikogebiete ist von 1994 und bildet daher nicht mehr den aktuellen Stand ab. Die Brandereignisse der vergangenen Jahre zeigen, dass es in allen Bundesländern Waldbrände gibt. Nach Flächen sind am stärksten betroffen Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern [1]. In Brandenburg ist die Anzahl der Feuer am höchsten. Es folgt Niedersachsen an zweiter Position [1].“
„Aktuell sind die Erfassungsstandards zwischen den Bundesländern unterschiedlich. Daher kann es vorkommen, dass kleine oder schnell gelöschte Brände nicht oder nur unzureichend erfasst werden.“
Auf die Frage, inwiefern es in der öffentlichen Debatte verbreitete Fehlannahmen über Waldbrände gibt:
„Eine hartnäckige Fehlannahme ist, dass Blitzschlag eine bedeutende Ursache für Waldbrände in Deutschland ist. Tatsächlich liegt der Anteil in der amtlichen Statistik nur bei etwa ein bis fünf Prozent, weil Gewitter hierzulande meist mit Niederschlag einhergehen, der einzelne Einschläge direkt löscht. Das unterscheidet sich fundamental von Ländern mit häufigen ‚trockenen‘ Gewittern.“
„Häufig wird unterschätzt, dass die weit überwiegende Zahl der Waldbrände hierzulande menschengemacht sind, unmittelbar etwa durch Brandstiftung, oder mittelbar und fahrlässig beispielsweise durch Grillen im Wald mit dem Hintergedanken: ‚Ich bin doch direkt am See‘. Speziell in munitionsbelasteten Kiefernforsten Brandenburgs ist eine häufige Ursache zudem die Selbstentzündung von Altmunition bei Hitze.“
Langfristiger Waldumbau
„Der entscheidende Faktor ist die Erhöhung des Laubholzanteils in den reinen, lichten Nadelholz-Monokulturen, um die Wälder zu strukturreichen Mischwäldern zu entwickeln. Laubbäume beschatten den Boden, unterdrücken so den leicht brennbaren Grasunterwuchs und wirken beim Abbrennen selbst deutlich feuerhemmender als Kiefernstreu [2]. Ergänzt werden sollte dieser Waldumbau um gezielt angelegte Feuerschutzstreifen aus Laubholz oder Sand, die zusammenhängende Nadelholzflächen unterbrechen. In Brandenburg wird dies bereits praktiziert.“
„Die Streuauflage brennt sehr unterschiedlich: Kiefernstreu verbrennt sehr schnell und setzt dabei viel Wärme frei. Laubstreu setzt zwar ähnlich viel Wärme frei, jedoch über einen längeren Zeitraum. Kurze Nadelstreu hingegen verbrennt langsam und hat eine geringere Wärmefreisetzungsrate [3]. Insbesondere in reinen Kiefernbeständen erreicht die langnadelige Streuauflage eine verglichen mit anderen Bestandstypen und Mischungen besonders hohe Mächtigkeit. Diese Brenneigenschaften und die standortkundlichen Verhältnisse sowie das besondere Trockenstresspotenzial an typischen Kiefernstandorten erklären, warum Bundesländer mit hohem Kiefernanteil stärker von Waldbränden betroffen sind [4].“
Weitere Möglichkeiten, die Waldbrandgefahr zu senken
„Durch Beweidung lässt sich die Brandlast am Boden reduzieren. In Deutschland gibt es bisher nur Pilotprojekte, in Spanien oder den Vereinigten Staaten von Amerika ist die Beweidung verbreitet.“
„Feinreisig (dünne Zweige und Äste; Anm. d. Red.) sollte beräumt werden. Liegende Stämme sollten konsequenten Bodenkontakt haben. Ein ‚Mikado‘ aus aufgeschichtetem Sturmholz, wie es nach Windwurfereignissen entsteht, ist dagegen hochgefährlich. Die ausgetrockneten Stämme sorgen dafür, dass sich das Feuer schnell und mit hoher Intensität ausbreitet.“
„Das Waldbrandrisiko sollte schon bei der Standortwahl neuer Bestände mitgedacht werden, besonders in siedlungsnahen Lagen: Da die weit überwiegende Zahl der Waldbrände anthropogen verursacht wird, entscheidet gerade der nah an potenzielle Zündquellen herangerückte Wald wesentlich über das tatsächliche Risiko.“
„Des Weiteren zählen der Ausbau von Frühwarnsystemen (Fire Watch Brandenburg und Dryad Silvanet) zu den wichtigen Maßnahmen. Ebenso erforderlich sind ein spezifisches taktisches Feuerwehrtraining und geeignete Schutzausrüstung für Waldbrand- und Vegetationsbrandlagen anstelle einer ausschließlichen Ausrichtung auf die klassische Gebäudebrandausrüstung. Darüber hinaus sind eine laufende Vernetzung von Feuerwehren, Förstern und Wissenschaft sowie Handreichungen für die forstliche Praxis, unter anderem zum Umgang mit Totholz (Projekt ErWiN), von Bedeutung. Weitere Handlungsfelder sind eine konsequentere Sanktionierung von Brandstiftung und grober Fahrlässigkeit sowie eine bessere öffentliche Aufklärung, eine bessere nationale Koordination der zersplitterten Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Kreisen beziehungsweise Kommunen sowie die Finanzierung der Kampfmittelberäumung in waldbrandgefährdeten Regionen.“
Auf die Frage, wo Zielkonflikte zwischen Klimaanpassung, Naturschutz und wirtschaftlicher Waldbewirtschaftung liegen:
„Der deutlichste Zielkonflikt betrifft Totholz: Aus Naturschutzsicht ist liegendes und stehendes Totholz wertvoll für Biodiversität, Bodenaufbau und Wasserspeicherung. Gleichzeitig kann es die Brandlast erhöhen [5], besonders als aufgeschichtetes, unaufgearbeitetes Sturmholz nach Windwurfereignissen, das es dem Feuer ermöglicht, sich schnell und intensiv auszubreiten. Waldbrandprävention und klassischer Naturschutz ziehen hier also in unterschiedliche Richtungen. Eine pauschale Lösung gibt es nicht. Wir brauchen differenzierte Konzepte, etwa gezielte Teilräumung an besonders exponierten Stellen bei gleichzeitigem Erhalt von Totholzinseln andernorts.“
„Ein zweiter Zielkonflikt liegt bei der Kiefer selbst: Sie ist wirtschaftlich nach wie vor eine der wichtigsten Baumarten Deutschlands, genügsam auf armen, sandigen Standorten und wichtig für die Rohholzversorgung. Gleichzeitig gehört sie mit ihrer besonders brennbaren Streu zu den brandanfälligsten Baumarten überhaupt [2]. Ein rascher, großflächiger Ersatz der Kiefer würde die Waldbrandgefahr spürbar senken, ist aber weder ökonomisch noch auf vielen Standorten ökologisch kurzfristig leistbar, da geeignete Alternativbaumarten für trockene, nährstoffarme Sandböden begrenzt sind.“
„Drittens konkurriert Waldbrandprävention teils auch mit Klimaschutzzielen: Dichte, geschlossene Wälder speichern mehr Kohlenstoff. Stärker aufgelichtete, mit Feuerschutzstreifen durchzogene Bestände sind zwar brandsicherer, bauen aber tendenziell weniger Biomasse pro Hektar auf. Auch die Standortwahl neuer Bestände im siedlungsnahen Raum (Wildland-Urban-Interface) steht im Spannungsfeld: Aus Klimaschutz- und Erholungssicht ist mehr Wald nah an Siedlungen wünschenswert. Aus Brandschutzsicht erhöht genau das das Risiko, da die meisten Brände anthropogen, das heißt durch den Menschen, verursacht werden.“
Leiter der Arbeitsgruppe Feuerökologie und des Global Fire Monitoring Center (GFMC), Max-Planck-Institut für Chemie, Mainz, und Universität Freiburg, Freiburg i.Br.
Notwendigkeit umfassender Bewertung von Landschaftsbränden in Deutschland
„Die Arbeitsgruppe Feuerökologie und Global Fire Monitoring Center (GFMC) befasst sich mit Bränden in den Natur- und Kulturlandschaften weltweit. Da Brände sehr häufig über verschiedene Landschaftselemente hinweg brennen, hat das GFMC den Begriff ‚Landschaftsbrand‘ – im Englischen landscape fire – eingeführt. Landschaftsbrände betreffen nicht nur Wälder, sondern vor allem auch Offenland-Ökosysteme – darunter insbesondere waldfreie beziehungsweise nur teilweise bewaldete Naturschutzgebiete einschließlich Feuchtgebiete, landwirtschaftliche Flächen und Randlagen von Ortschaften und kritischen Infrastrukturen.“
„Diese umfassendere Betrachtung von Bränden ist notwendig, da die Landfläche Deutschlands zu etwa 30 Prozent mit Wald, 50 Prozent landwirtschaftliche Flächen und weitere etwa 4 Prozent sonstiger Offenlandflächen, unter anderem Moore und Heide, bedeckt ist, die ebenfalls von Bränden betroffen sind.“
„Hierzu hat das GFMC am 23.07.2026 auf der Webseite des Deutschen Komitees für Katastrophenvorsorge (DKKV) eine Neubewertung der Landschaftsbrände in Deutschland veröffentlicht [6]. Zusammenfassend steht der Inhalt auch in [8] zur Verfügung.“
„Es wird festgestellt, dass für Deutschland statistische Datensätze ausschließlich für Waldbrände vorliegen. Für Brände im Offenland gibt es keine statistischen Erfassungen. Eine erste Auswertung von Satellitendaten zeigt, dass die Flächen von Bränden außerhalb der Waldgebiete in einigen Jahren erheblich über den erfassten Waldbrandflächen liegen. Andererseits enthalten Datensätze zu Waldbrandflächen auch Flächen von Offenlandökosystemen, die teilweise unter Naturschutz stehen und auf Grundlage des Schutz-Status sowohl nach nationalem als auch nach EU-Recht dem Erhaltungsgebot als artenreiche Offenlandökosysteme unterliegen. Diese können wiederum unter anderem durch kontrolliertes Brennen oder durch Brennen Lassen von Wildfeuern erhalten werden.“
„In der Bewertung wird auch auf volkswirtschaftliche Schäden verwiesen, die durch Brände im Offenland und an Ortsrandlagen entstehen und die erfassten Schäden an Waldbeständen übersteigen können. Darüber hinaus verweist der Bericht auf die bislang nicht erhobenen Kosten für den Verdienstausfall von Einsatzkräften der Freiwilligen Feuerwehren, die durch die Gemeinden zu tragen sind, und vor allem bei anhaltenden Großbrandlagen die direkten Schäden übersteigen können.“
„Das Global Fire Monitoring Center weist in diesem Zusammenhang, auf den auf der Webseite veröffentlichen Global Landscape Fire Damages Report 2025 [7] hin, der die Auswirkungen von Landschaftsbränden auf der Basis von Erhebungen des GFMC und anderer internationaler Einrichtungen weltweit zusammenfasst. Hierbei wird vor allem auch auf Schäden an der Umwelt und der Sicherheit beziehungsweise Gesundheit der Bevölkerung verwiesen.“
Mittelfristig zu erwartende Risiken von Landschaftsbränden
„Bedingt durch den Klimawandel stellen sich seit einigen Jahren vermehrt Großwetterlagen ein, die warme und trockene Luftmassen von Nordafrika über Südwesteuropa bis nach Mitteleuropa und damit Hitzewellen und anhaltende Trockenheit bringen. Anhaltende Hochdruckgebiete blockieren die Westwinddrift und damit das Nachrücken von Tiefdruckgebieten mit Niederschlägen. Das meteorologisch bedingte Risiko von Wildfeuern in Deutschland hängt von diesen Wetterlagen ab. Die mittel- bis langfristigen Vorhersagen der Entwicklung des Feuerwetterindex für Mitte Juli bis Mitte August sind für Südwestdeutschland und Nordostdeutschland extrem, für ganz Deutschland im Folgemonat bis Mitte September mäßig und von Mitte September bis Mitte Oktober wieder extrem [8].“
Langfristige strategische Anpassung der Kulturlandschaft an das steigende Risiko von Bränden
„Aus der Analyse des GFMC ergibt sich: Auch wenn sich bislang das öffentliche und politische Interesse in Deutschland auf Waldbrände fokussiert, ist es notwendig, die Anfälligkeit, das heißt die Vulnerabilität der facettenreichen Kulturlandschaft in einem ganzheitlichen Ansatz beziehungsweise als eine Querschnittsaufgabe zwischen sektoralen, administrativen Verantwortlichkeiten zu adressieren. Neben den ‚klassischen Akteuren‘ von Waldeigentümern einerseits und Feuerwehren andererseits sind es Kommunen und vor allem auch die Landwirtschaft und der Naturschutz, die gefordert sind.“
„Prinzipien des ‚Integrierten Feuer-Managements‘, wie sie international zunehmend priorisiert und angewendet werden, haben in der hochgradig fragmentierten administrativen Landschaft von Zuständigkeiten in Deutschlands noch keinen Eingang gefunden. Fokus des Integrierten Feuer-Managements ist die Schaffung von Resilienz vulnerabler Ökosysteme gegen Wildfeuer – unter anderem mit der Folge, Aufwendungen für die Feuerbekämpfung zu reduzieren.“
Waldumbau
„Die Anpassung der Wälder beziehungsweise der Waldbewirtschaftung an den Klimawandel ist mit großen Unsicherheiten behaftet. Dies ist vor dem Hintergrund der Anforderungen an den Wald in Hinblick auf die umfangreichen Ökosystemleistungen kurz- bis mittelfristig nicht zu erreichen. Derzeit können keine sicheren Empfehlungen gegeben werden, wie Waldgebiete auf der Fläche resilient gegenüber Wetterextremen wie Trockenheit, Sturm und Starkniederschläge einerseits und Feuer andererseits gestaltet werden können.“
„Hingegen werden Maßnahmen empfohlen, Standorte beziehungsweise Landschaftselemente mit einem hohen Risiko für Brände räumlich so zu gestalten, dass Brände sich nicht großflächig ausbreiten und Feuer sicher und effizient unter Kontrolle gebracht werden können. Prinzipien der Schaffung von strategisch positionierten Waldbrandschutzkorridoren werden in ersten Ansätzen getestet, die nicht nur den Schutz des Waldes vorsehen, sondern auch den Zivilschutz.“
Kampfmittelbelastete Standorte
„Im Umgang mit Problemstandorten wie kampfmittelbelastete Flächen werden Empfehlungen aus der Wissenschaft beziehungsweise den Erfahrungen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Anwendung unzureichend beachtet. Das betrifft vor allem Problemstandorte mit Kampfmittelbelastung, die als Naturschutzgebiete ausgewiesen sind und nicht nach den Empfehlungen von Forschungs- und Entwicklungsprojekten beziehungsweise einschlägigen Studien als biodiversitätsreiche Offenlandstandorte bewirtschaftet werden. Zielkonflikte zwischen Naturschutz und Sicherheit sind insbesondere bei der Ausweisung von Wildnisflächen auf kampfmittelbelasteten Standorten vorhanden.“
Notwendigkeit der Schaffung von Kompetenz, Effektivität und Effizienz bei der Bekämpfung von Landschaftsbränden
„Seit dem sichtbaren Einsetzen der Auswirkungen des Klimawandels auf die Vulnerabilität und das Vorkommen von Landschaftsbränden in Deutschland – das Stichjahr ist 2018 – mangelt es in der hochgradig fragmentierten Landschaft des Feuerwehrwesens immer noch am Verständnis über Grundlagen, Verfahren und Techniken der Bekämpfung von Landschaftsbränden.“
„Während sich einerseits eine Vielzahl von Initiativen von Feuerwehren und privaten Organisationen an internationalen Standards und Verfahren der Bekämpfung von Landschaftsbränden orientiert, ist dies bei der Bewältigung von Bränden auf kampfmittelbelasteten Standorten nicht der Fall. Die Brände in Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen Jahren und in diesem Jahr zeigen beispielsweise das unveränderte Vorgehen, Vegetation prophylaktisch zu benässen – sowohl am Boden als auch durch Wasserabwurf von Hubschraubern. Diese Verfahren sind nicht zielführend und stellen eine unverantwortbare Verschwendung von Trinkwasser und Kosten für Einsatzkräfte und Luftfahrzeuge dar.“
Professor für Waldbau, Institut für Forstwissenschaften, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Freiburg i.Br.
Veränderung der Waldbrandgefahr in Mitteleuropa
„In Mitteleuropa hat sich mit dem Klima auch die Waldbrandgefahr geändert. Die Treiber der Waldbrandgefahr sind auf der einen Seite die Zunahme trockener und heißer Tage und auf der anderen Seite die zunehmenden klimawandelbedingten Schäden der Wälder. Durch den Verlust von Blättern und das Absterben von Bäumen dringt mehr Strahlung und Wind in die Bestände. Dies führt zu einer Anhäufung und schnelleren Austrocknung von leicht brennbarem Material im Wald. Dazu gehört die Streuschicht, Laub und Nadeln, und auch die bodennahe Vegetation, Gras-, Kraut- und Strauchschicht.“
„Für Deutschland zeigen die Daten des Deutschen Wetterdienstes, dass seit den 90er Jahren die Anzahl der Tage mit hoher Waldbrandgefahr deutlich zunimmt. Die Zahl der Tage mit einer hohen Waldbrandgefahr (Stufe 4 des Waldbrandgefahrenindex auf einer Skala von 1= sehr geringe Gefahr bis 5 = sehr hohe Gefahr) hat sich im Mittel von sechs Tagen pro Jahr im Referenzzeitraum von 1961 bis 1990 auf 11,3 Tage pro Jahr im Zeitraum von 1991 bis 2020 nahezu verdoppelt. Dieser Trend spiegelt sich auch in einer hohen Anzahl an Waldbränden beziehungsweise einer großen Waldbrandfläche wider, die wir insbesondere in den vergangenen zehn Jahren beobachten konnten.“
Veränderung der Waldbrandgefahr auch im Jahresverlauf
„Ebenfalls ist eine größere zeitliche Variabilität der Waldbrände festzustellen. Traditionell gab es zwei Peaks der Waldbrandgefahr im Jahresverlauf. Ein Peak liegt im zeitigen und trockenen Frühjahr, wenn nach dem Winter sehr viel abgestorbene Bodenvegetation als brennbares Material vorlag, insbesondere trockene Grasdecken, und bevor sich diese wieder begrünt hatte. Der zweite Peak liegt im Spätsommer, wenn durch die Transpiration der Vegetation und die hohen Temperaturen die Böden, die Streu und Bodenvegetation ausgetrocknet sind. Mittlerweile, so auch in diesem Jahr, kann man beobachten, dass sich aus einer relativ entspannten Waldbrandsituation, beispielsweise im späten Frühjahr, wenn die Böden noch relativ feucht sind, aufgrund extremer Witterung, schnell eine Situation hoher Waldbrandgefahr entwickeln kann.“
Auf die Frage, inwiefern die derzeit ausgewiesenen Risikogebiete in Deutschland noch den aktuellen Gegebenheiten entsprechen :
„Die für Deutschland ausgewiesenen Waldbrandrisikogebiete stammen von 1994. Die dort nach Bundesländern aufgeführten Landkreise gehören sicherlich immer noch in diese Kategorie. Gleichzeitig vermisst man in dieser Aufstellung einige Landkreise, die sehr wahrscheinlich mittlerweile auch ein hohes Waldbrandrisiko haben. Es ist erstaunlich, dass beispielsweise weder Rheinland-Pfalz, wo es in diesem Jahr bereits einen großen Waldbrand gab, noch Bayern hier mit Landkreisen aufgeführt sind. Eine Dynamisierung der Einschätzung dieser Gebiete wäre sicherlich nötig. Dazu gehört nicht nur eine Berücksichtigung der klimatischen Veränderungen, sondern auch der Veränderungen in der Struktur und Zusammensetzung der Wälder.“
Ausblick auf den weiteren Verlauf der Waldbrandsaison
„Das Waldbrandrisiko hängt neben der Witterung ganz wesentlich davon ab, wie trocken die Vegetation und damit zusammenhängend das brennbare Feinmaterial in den Wäldern ist. Das hängt sehr stark von der Bodenfeuchte und dem pflanzenverfügbaren Wasser ab. Hier zeigt der Dürremonitor für Deutschland, dass wir bereits jetzt in vielen Regionen, insbesondere auch im Süden und Westen, sehr stark und tiefgründig ausgetrocknete Böden haben. Einzelne Sommerregen werden an dieser Situation in den kommenden Wochen wenig ändern.“
„Gleichzeitig weisen aufgrund der bisherigen Trockenheit und Hitze in den betroffenen Regionen viele Bäume schon einen erheblichen Blatt- oder Nadelverlust auf. Wir sehen vielerorts den Abwurf grüner Blätter. Dies führt zu mehr brennbarem Material am Boden und durch die erhöhte Einstrahlung durch ein lichteres Kronendach zu einer starken beziehungsweise beschleunigten Austrocknung des brennbaren Materials. Viele Wälder sind bereits rappeltrocken. Der Zustand der Böden und des Waldes lässt sich für diese sommerliche Waldbrandsaison relativ gut vorhersagen, die Witterung verändert sich aber kurzfristig. Wenn vor diesem Hintergrund die Temperaturen und/oder die Windgeschwindigkeiten zunehmen, bekommen wir schnell wieder Situationen mit einem hohen Waldbrandrisiko, so auch am kommenden Wochenende (25. bis 26.07.2026).“
Faktor Mensch als Zündquelle
„Neben dem Vorhandensein von brennbarem Material und der Zufuhr von Luft, hängt Feuer vor allem von einer Zündquelle ab und diese stellt in den allermeisten Fällen der Faktor Mensch bereit. Daher ist Aufklärung, überregional und vor Ort, über die Waldbrandgefahr und ein entsprechend angepasstes Verhalten sehr wichtig. Dazu gehört ein Verbot von offenen Feuern und des Rauchens im Wald, erhöhte Vorsicht bei der Getreideernte oder der Verzicht des Einsatzes von Schienenschleifzügen, wo durch Funkenflug Feuer entstehen, die auf Wälder übergehen können. Gleichzeitig sind in Phasen erhöhter Waldbrandgefahr die Überwachung zu intensivieren und die Bereitschaft von Einsatzkräften der Feuerwehren zu erhöhen.“
Was Waldbesitzende präventiv tun können
„Waldbesitzende können das Waldbrandrisiko in trocken-heißen Sommern dadurch reduzieren, dass man auf alle Maßnahmen verzichtet, die zu einer Erhöhung des leicht brennbaren Materials führen. Das sind vor allem die Ernte, Durchforstung und Ästung in Nadelholzbeständen, die zu einer Anhäufung von Feinreisig mit Nadeln am Boden führen.“
„Gleichzeitig können Waldbesitzende das Eindringen von Feuer von außerhalb in den Wald, beispielsweise von Straßen, durch sogenannte Brandschutzstreifen verhindern. Durch Pflügen oder Grubbern (Bodenbearbeitung, bei der Boden gelockert, aber nicht gewendet wird; Anm. d. Red.) werden hier drei bis vier Meter breite Streifen mit nacktem Boden hergestellt, also ohne brennbares Material, so dass sich Bodenfeuer hier auslaufen.“
Maßnahmen für den langfristigen Waldumbau
„Die Waldbrandgefahr ist in der Regel am höchsten in Nadelwäldern, vor allem in Kiefern, geringer in Mischwäldern und am geringsten in Laubwäldern. In Kiefernwäldern trägt nicht nur die leicht entflammbare Nadelstreu, sondern auch das lichte Kronendach, unter dem sich eine üppige Gras- und Krautschicht entwickeln kann, zu einer hohen Waldbrandgefahr bei. Langfristig kann das Waldbrandrisiko daher durch die Entwicklung von Nadelwäldern hin zu Misch- und Laubwäldern deutlich reduziert werden. Auch der sogenannte Unterbau von Kiefernbeständen mit Laubbaumarten zwecks Beschattung des Bodens und Herstellung eines feuchteren und kühleren Mikroklimas in den Waldbeständen ist eine wichtige Maßnahme. Dieser Waldumbau fördert gleichzeitig Naturschutzziele.“
„In größeren Waldkomplexen mit viel Nadelholzbeständen ist auch die Anlage von Laubholzstreifen, sogenannten Waldbrandriegeln, am besten parallel zu Straßen und Forstwegen, eine wichtige Maßnahme, um die Ausbreitung von Feuern zu kontrollieren und Ansatzmöglichkeiten für die Bekämpfung von Bränden zu bieten. In geschlossenen Laubholzstreifen findet ein Feuer in der Regel wenig brennbares Material und läuft sich entweder aus, oder aber kann leichter gestoppt werden.“
„Auf den extremen, sehr trockenen Standorten vieler Kieferngebiete, wird es zunehmend schwierig, solche ‚grünen Feuerschutzgürtel‘ mit heimischen Baumarten zu entwickeln, so zum Beispiel im Oberrhein-Gebiet. Zu diesem Zweck wurden bereits in der Vergangenheit aus Nordamerika eingeführte Baumarten wie Roteiche oder Robinie verwendet. In solchen Fällen kann es durch die Verwendung nicht heimischer Baumarten wie der Roteiche für den Waldumbau beziehungsweise den Walderhalt auch zu Konflikten zwischen Waldbrandprävention und Naturschutzzielen kommen.“
Waldbrand-Klima-Resilienz-Initiative und unabhängiger internationaler Berater für Feuermanagement, Aschau im Chiemgau
Immer häufiger auch frühe Waldbrände …
„Jüngste Studien haben eine Verschiebung der Brandsaison bestätigt; aus verschiedenen Gründen treten in Mitteleuropa im März und April häufig größere und intensivere Brände auf. In Laubwäldern ohne Laub kommt die Sonneneinstrahlung direkt auf die Streuschicht, wodurch diese innerhalb weniger Tage und das feine Brennmaterial innerhalb weniger Stunden entflammbar wird. Darüber hinaus treten diese ‚Winterbrände‘ immer häufiger auf, da die Oberflächenvegetation – Gras, Kräuter, leichtes Gestrüpp und so weiter – abgestorben und sehr trocken ist, manchmal über längere Zeiträume hinweg.“
… insbesondere im Alpenraum
„Dies lässt sich zunehmend im alpinen Raum beobachten, wo auch die Schneedecke immer unvorhersehbarer und zeitweise spärlicher ausfällt. In den Voralpen ist zudem zu beobachten, dass die Schneedecke in den Tälern, die weniger Sonneneinstrahlung und niedrigere Tagestemperaturen aufweisen, bestehen bleiben kann, während viele Hänge, die längerer Sonneneinstrahlung und Wind ausgesetzt sind, teilweise oder weitgehend schneefrei werden, austrocknen und insbesondere das feine, abgestorbene Brennmaterial hochentzündlich wird. Dies war bei vielen der jüngsten ‚Winterbrände‘ der Fall, die tendenziell früher im Jahr auftreten und nun bereits im Februar beginnen. Diese Brände stellen die Feuerwehren vor eine Situation, für die sie historisch gesehen weder ausgerüstet noch ausgebildet sind.“
Situation im Sommer
„In ganz Deutschland ist generell ein Anstieg der jährlichen großen Sommerbrände zu verzeichnen, der mit vermehrten Hitzewellen und Trockenperioden zusammenhängt, von denen Mittel- und Nordwesteuropa insgesamt betroffen sind, zum Beispiel auch die Nachbarländer Niederlande, Polen und Tschechien.“
„In den Alpen hat sich zudem im Juli und August ein zweiter Höhepunkt etabliert, der durch blitzbedingte Brände während sommerlicher Dürreperioden verursacht wird. In den Ostalpen wurde im Laufe von vier Jahrzehnten eine Verdopplung der Blitzeinschläge dokumentiert. Und durch Blitze ausgelöste Brände können Schwierigkeiten bereiten, da sie in sehr unzugänglichem Gelände auftreten und stunden- oder tagelang im Humus, im Unterholz oder in Baumstämmen schwelen können, bevor sie bei Rückkehr trockener Bedingungen und Wind offen ausbrechen – was in beiden Fällen zu längeren Reaktionszeiten der Einsatzkräfte führen.“
„Für die Schweiz gilt mittlerweile als gesichert, dass die Anzahl solcher Ereignisse auf der Alpennordseite zwischen 2000 und 2023 in ihrer Größenordnung, mit der auf der Alpensüdseite vergleichbar war, die traditionell anfällig für Waldbrände ist. Klimaprognosen deuten darauf hin, dass die Bedingungen, die zu einem erhöhten Brandrisiko führen, bis zum Ende des Jahrhunderts dramatisch zunehmen könnten.“
Datenerhebung zu Waldbränden
„Eine grundlegende Herausforderung in neu von Bränden bedrohten Gebieten und Ländern sind Lücken und Inkonsistenzen in den Daten. Open-Source-Satellitensysteme wie EFFIS erfassen für nationale Daten zur Brandfläche (‚burned area‘) nur Brände mit einer Größe von mehr als 30 Hektar. Viele kleine Brände in dicht besiedelten Gebieten werden oft gelöscht, bevor sie in den Satellitendaten erscheinen. Um diesen Punkt zu verdeutlichen: Es könnte zu einer Vervierfachung der Anzahl bedeutender Brände im Jahresvergleich kommen, wobei jeder einzelne weniger als 30 Hektar groß wäre und somit niemals in den Statistiken zur Brandfläche erscheinen würde.“
„Auch die nationalen Berichtskriterien weisen erhebliche Diskrepanzen auf, wie am Beispiel Deutschlands deutlich wird. Trotz der Einschränkungen bei der Kartierung der Brandflächen durch Satelliten erfassen diese immer noch deutlich größere Brandflächen, da die nationalen Waldbrandstatistiken nur ‚Waldbrände‘ im Sinne des Forstgesetzes zählen und nicht die Gesamtfläche der verbrannten Vegetation, einschließlich Heideflächen, offenem Gelände, Getreidefeldbrände, und Brände in militärischen Übungsgebieten.“
Auf die Frage, inwiefern die derzeit ausgewiesenen Risikogebiete in Deutschland noch den aktuellen Gegebenheiten entsprechen :
„Das bestehende Klassifizierungssystem spiegelt offenbar historische Brandmuster wider, insbesondere in den von Kiefern dominierten Regionen im Nordosten mit ihren sandigen, nährstoffarmen Böden. Die äußerst schwierigen Waldbrände der letzten Jahre beispielsweise im Harz und im Alpenvorland scheinen in diesen aufgeführten Hochrisikogebieten völlig außer Acht gelassen zu werden. Der Landkreis Goslar fehlt. Der gesamte Freistaat Bayern fehlt. In diesen Gebieten kam es zu zahlreichen großen und schwer zu bekämpfenden Bränden, die zu den kostspieligsten und langwierigsten in der Geschichte Deutschlands zählten und bei denen teilweise internationale Hilfe erforderlich war.“
Auf die Frage, inwiefern es in der öffentlichen Debatte verbreitete Fehlannahmen über Waldbrände gibt:
„Die verbreitetste Fehlannahme ist, dass mehr Technik das Problem löst. Bei extremen Bedingungen erreichen Feuer einen Zustand jenseits der Kontrollschwelle, in dem zusätzliche Kräfte, Fahrzeuge und Flugzeuge das Brandverhalten schlicht nicht mehr beeinflussen. Solche Feuer enden, wenn das Wetter umschlägt oder ihnen das Brennmaterial ausgeht. Alles, was die Wirkung entscheidet, passiert Monate oder Jahre vorher in der Landschaft.“
„Zweitens die Vorstellung, ein naturnaher Wald sei automatisch ein feuersicherer Wald. Ein strukturreicher Laubmischbestand mit geschlossenem Kronendach und feuchtem Innenklima ist tatsächlich deutlich widerstandsfähiger. Ein aufgelichteter Bestand mit dichter, trockener Krautschicht ist es nicht, unabhängig von der Baumartenzusammensetzung.“
„Drittens die Annahme, dass Feuer per se eine Katastrophe ist. In vielen Ökosystemen ist Feuer eine prägende Kraft, und es gibt Feuer, die ökologisch nützlich sind. Für Mitteleuropa ist die realistische Zielsetzung nicht die vollständige Verhinderung von Bränden, sondern die Vermeidung großer, unkontrollierbarer Ereignisse. Wer null Feuer verspricht, verspricht etwas, das er nicht halten kann, und lenkt Mittel in Richtungen, die wenig bewirken. Wir müssen die Tatsache akzeptieren, dass zum Beispiel Deutschland zu einem brandgefährdeten Klima geworden ist – und Brände geringer Intensität wie die meisten gehören zunehmend zur Landschaft dazu. Wer damit nicht einverstanden ist, kann ja versuchen den Klimawandel rückgängig zu machen. Wir können und müssen natürlich daran arbeiten, unsere Landschaften widerstandsfähiger gegen Brände zu machen – in erster Linie durch eine bessere Bewirtschaftung der Brandlast in Gebieten mit erhöhtem Risiko mittels Weidewirtschaft (Schafe und Ziegen) und mechanischer Entfernung –, doch auch der gezielte Einsatz von kontrolliertem Feuer in der Landschaft wird in Zukunft dort, wo dies angemessen ist, eine Notwendigkeit darstellen.“
„Ein weiterer zu berücksichtigender Aspekt ist ein weniger aggressiver Ansatz bei der Brandbekämpfung. Manchmal ist es nicht nur der sicherste und kostengünstigste Ansatz, Brände geringer Intensität so lange brennen zu lassen, bis verteidigungsfähige, vorab festgelegte Brandschneisen und Wegen erreicht sind oder bis sich die Wetterlage in naher Zukunft ändert – es könnte auch der klügste Ansatz sein.“
„Und schließlich die Gleichsetzung von Waldbrandemissionen mit fossilen Emissionen. Nach einem Brand wird ein erheblicher Teil des freigesetzten Kohlenstoffs durch Nachwuchs wieder gebunden. Bei fossilen Brennstoffen findet dieser Kreislauf nicht statt. Diese Unterscheidung zu verwischen, nützt vor allem denjenigen, die von einer Ablenkung der Klimadebatte profitieren.“
Munitionsbelastete Flächen: das vernachlässigte Thema der deutschen Waldbranddebatte
„Wenn wir in Deutschland über Waldbrände sprechen, meinen wir eigentlich oft eine sehr spezifische Teilmenge von Bränden. Die meisten Waldbrände werden schnell und ohne größere Schwierigkeiten gelöscht. Abgesehen von alpinen Bränden in unzugänglichem Gelände konzentrieren sich jene Ereignisse, die tagelang brennen, hunderte Einsatzkräfte binden, die Evakuierung von Dörfern erzwingen und die Jahresstatistik dominieren, auf eine bestimmte Flächenkategorie: Munitionsverdachtsflächen. In Brandenburg gelten rund 575.000 Hektar als munitionsverdächtig, darunter 300.000 Hektar Wald, was etwa einem Drittel der gesamten Waldfläche des Landes entspricht. Nach Angaben des Thünen-Instituts lagen die zehn größten Waldbrände Brandenburgs seit 2002 sämtlich auf solchen Flächen. 2019 gingen rund 851 Hektar auf Brände zurück, an denen die Selbstentzündung alter Munition beteiligt war, was knapp zwei Dritteln der gesamten Waldbrandfläche des Landes in jenem Jahr entsprach. Der aktuelle Brand im Müritz-Nationalpark mit knapp 400 Hektar fügt sich exakt in dieses Muster ein.“
„Im Kern bedeuten diese Zahlen Folgendes: Deutschlands Problem mit Großbränden ist zu einem erheblichen Teil kein Waldproblem, sondern ein Altlastenproblem, und die Brände, die dort ausbrechen (mitunter als Folge der Selbstentzündung alter Munition), lassen sich mit konventionellen Mitteln nicht bekämpfen. Bei einem erforderlichen Sicherheitsabstand von 1000 Metern (oder laut Feuerwehr-Dienstvorschrift-500, ‚mit ausreichender Deckung‘, 500 Metern) ist ein Direktangehen ausgeschlossen. Das heißt, die Feuer werden in den ersten Stunden nicht angegangen, und die betroffene Fläche wächst Tag für Tag, bis das Wetter umschlägt oder das Feuer in einen munitionsfreien Bereich läuft, in dem die Einsatzkräfte es direkt bekämpfen können.“
„Das ist ein wiederkehrendes Problem, und wir wissen seit Jahrzehnten, wo diese Flächen liegen. Sie sind kartiert, sie sind bekannt, sie brennen wiederholt, teilweise mehrfach an denselben Stellen. Trotzdem beginnt bei jedem Ereignis dieselbe Improvisation von vorne. Darin zeigt sich eine strukturelle Lücke zwischen Kampfmittelbeseitigung, Forstwirtschaft, Naturschutz und Gefahrenabwehr. Offenbar eine Lücke, für die sich niemand zuständig fühlt und für die es dementsprechend keine belastbaren Verfahren gibt.“
Maßnahmen zu Minderung der Brandlast
„Das Frustrierende daran ist, dass die Werkzeuge existieren. Entscheidend sind mindernde Maßnahmen wie die vorbereitete Anlage und Pflege von Kontrolllinien, Schneisen und Riegeln, an denen ein Feuer (aus sicherer Entfernung) gestoppt werden kann. Naturbasierte Lösungen könnten geprüft werden, um die Landschaft insgesamt weniger brennbar zu gestalten. Weitere Möglichkeiten zur Minderung der Brandlast sind die gezielte Beweidung – beispielsweise durch Ziegen und Schafe – und das kontrollierte Brennen. Das sind beides Lösungen, die auf offenen und teil-offenen munitionsbelasteten Heideflächen in Brandenburg und anderen Bundesländern seit über einem Jahrzehnt zu Naturschutzzwecken praktiziert werden und dabei gleichzeitig die Brandlast senken. Der Einsatz ferngesteuerter Technik eröffnet ein weiteres Spektrum an Management- und Kontrolloptionen. Aus der Minenräumung abgeleitete unbemannte Geräte können Schneisen auch durch kontaminiertes Gelände schlagen und ganzjährig zur Brandlastreduktion eingesetzt werden.“
Eindämmung von Bränden auf munitionsbelasteten Flächen
„In der akuten Lage, wenn ein Feuer bereits ausgebrochen ist, lassen sich mit diesen Maschinen munitionsfrei geräumte Kontrolllinien anlegen, um die Ausbreitung einzudämmen, oder sichere Verteidigungspositionen zu schaffen, ohne dass sich Einsatzkräfte im Gefahrenbereich aufhalten müssen. Brandenburg hat die entsprechende Technik beschafft. Schließlich lässt sich die indirekte Brandbekämpfung mit taktischem Feuer von vordefinierten Haltelinien aus (durch Robotik geräumt) einsetzen, bei Bedarf per Drohne gezündet: gezielt, präzise und durch GPS steuerbar.“
„Die entscheidende Stärke der genannten Ansätze liegt darin, dass sie auf die Reduktion und Entnahme der brennbaren Vegetation zielen, um sie dem Feuer aus dem Weg zu räumen (‚berauben‘). Die in Deutschland traditionellen wasserbasierten Taktiken können ein Feuer verlangsamen, aber sie entziehen ihm nicht seine Brennstoffgrundlage. Taktisch betrachtet dient Wasser häufig dazu, den Einsatzkräften Zeit zu verschaffen, um Kontrolllinien bis auf den Mineralboden anzulegen, und nicht als abschließendes Löschmittel. Das gilt in Sperrbereichen doppelt, denn auch Wasserabwürfe aus der Luft werden durch dieselben Sicherheitsabstände behindert, und die Einsatzkräfte am Boden haben keine Möglichkeit, diese Flächen anzugehen, sobald Wasser zum Kühlen der Flammen eingesetzt wurde. Hinzu kommt, dass der erforderliche Sicherheitsabstand auch vertikal gilt und ein erheblicher Teil des abgeworfenen Wassers den Boden nie erreicht, weil es verdunstet oder das Kronendach nicht durchdringt.“
Präventive Bewässerung taktisch nicht sinnvoll
„Die verbreitete Strategie der großflächigen vorsorglichen Bewässerung von Wäldern, etwa durch Kreisregnersysteme, ist taktisch nicht sinnvoll und international weder üblich noch anerkannt. Und in einem Sommer mit ausgeprägter Wasserknappheit ist sie umso schwerer zu rechtfertigen.“
„Der Kostenvergleich ist ernüchternd. Nur ein Beispiel: Für zwei Brände im Jahr 2022 entstanden allein bei der Bundeswehr und Bundespolizei Kosten von rund 22 Millionen Euro für etwa zwölf Tage Hubschraubereinsatz, überwiegend für Nachlöscharbeiten aus der Luft. Gerade das Nachlöschen gehört zu den Aufgaben, für die Luftfahrzeuge am wenigsten geeignet sind. Es geht dabei um einzelne Glutnester in Streu und Boden, die aufgespürt und gezielt abgelöscht werden müssen, was generell Personal am Boden voraussetzt. Der überwiegende Teil dieser 22 Millionen Euro floss damit in eine Maßnahme, die den Einsatzerfolg fast kaum beeinflusst hat. Mit vergleichbaren Summen ließe sich bundesweit auf den bekannten Risikoflächen ein deutlich wirksameres dauerhaftes System aus Kontrolllinien, naturbasierten Lösungen, Beweidungsverträgen und einsatzbereiter ferngesteuerter Technik aufbauen. Investitionen in die Prävention sind gegenüber der Reaktion nicht nur erheblich wirksamer, sondern auch deutlich günstiger.“
Ein bundesweiter Risikorahmen ist nötig
„Konkret braucht es aus meiner Sicht mehrere Dinge: einen bundesweiten Risikorahmen, der die Munitionsbelastung als eigenständigen Risikofaktor ausweist und nicht nur die Waldbrandgefahrenklassen abbildet; die konsequente Umsetzung der bereits vorliegenden Empfehlungen zur Vegetationsbrandausbildung der Feuerwehren, die von der Bund-Länder-offenen Arbeitsgruppe nationaler Waldbrandschutz (WKR) erarbeitet wurden; ein unabhängiges nationales Kompetenzzentrum für Vegetationsbrandmanagement, das Verfahren entwickelt, erprobt und über Ländergrenzen hinweg verfügbar macht; sowie die Umschichtung eines Bruchteils der Mittel, die in die Reaktion fließen, hin zu Prävention, Kapazitätsaufbau, Ausbildung und internationalem Wissensaustausch zu bewährten Verfahren.“
„Für das Thema Brände auf kontaminierten Flächen wurden im Rahmen unserer laufenden Arbeit in der WKR-Initiative technische Lösungen entwickelt: eine Toolbox, zuletzt ergänzt um Handlungsempfehlungen, die frei verfügbar ist. Eine zentrale Herausforderung bleibt die Verbreitung und Anwendung des vorhandenen Wissens, der bewährten Verfahren und der bestehenden Innovationen.“
„Einen echten Interessenkonflikt habe ich nicht.“
„Es besteht kein möglicher Interessenkonflikt.“
„Es besteht kein Interessenkonflikt.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Weiterführende Recherchequellen
Deutsches Komitee Katastrophenvorsorge (DKKV) (2026): Landschaftsbrände. Themenseite. Webseite. Stand: 23.07.2026.
Global Fire Monitoring Center (GFMC) (2026): Landschaftsbrände in Deutschland 2026 – Bewertung und Hintergrundinformation. Stand: 23.07.2026.
Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH): Waldbrandstatistik. Webseite. Stand: 21.07.2026.
Deutscher Wetterdienst (DWD): Waldbrandgefahrenindex.
Rasterdaten, die zur Ermittlung des Waldbrandgefahrenindex herangezogen werden.
Welling M et al. (29.06.2026): Es brennt im Wald! Was tun? Thünen-Dossier.
Science Media Center (2023): Wie gelingt der klimaresiliente Umbau der Wälder? Statements. Stand: 27.06.2023.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Gnilke A et al. (2021): Waldbrandhistorie in Deutschland (2001-2020). Project brief. Thünen-Institut für Waldökosysteme. DOI: 10.3220/PB1636642797000.
[2] Gnilke A et al. (2022): Waldbrandprävention durch waldbauliche Maßnahmen – Eine Analyse von Waldbrandschäden in Kiefernwäldern. Project brief. Thünen-Institut für Waldökosysteme. DOI: 10.3220/PB1658237571000.
[3] Ewald M et al. (2023): Leaf litter combustion properties of Central European tree species. Forestry: An International Journal of Forest Research. DOI: 10.1093/forestry/cpad026.
[4] Gnilke A et al. (2024): Waldbrände in Deutschland und die besondere Gefahrenlage in Brandenburg. In: Lozán JL et al.: Warnsignal Klima: Herausforderung Wetterextreme - Ursachen, Auswirkungen & Handlungsoptionen. Wissenschaftliche Auswertungen. DOI: 10.25592/warnsignal.klima.wetterextreme.37.
[5] Larjavaara M et al. (2023): Deadwood and fire risk in Europe: knowledge synthesis for policy. Publications Office of the European Union. DOI: 10.2760/553875, JRC134562.
[6] Deutsches Komitee Katastrophenvorsorge (DKKV) (2026): Landschaftsbrände. Themenseite. Webseite. Stand: 23.07.2026.
[7] Global Fire Monitoring Center (GFMC) (2026): Global Landscape Fire Fatalities and Damages Report 2025. Stand: 11.06.2026.
[8] Global Fire Monitoring Center (GFMC) (2026): Landschaftsbrände in Deutschland 2026 – Bewertung und Hintergrundinformation. Stand: 23.07.2026.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Deutscher Wetterdienst (DWD) (29.05.2026): Deutschlandwetter im Frühjahr 2026.
[II] Niermann D et al. (13.07.2026): Hitzewelle wie zuvor im Mittelmeerraum beobachtet trifft Deutschland im Juni 2026. Deutscher Wetterdienst (DWD).
[III] Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH): Einteilung der Bundesrepublik in Risikogebiete.
[IV] Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH): Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2025. Stand: 19.05.2026
Prof. Dr. Elisabeth Dietze
Professorin für Landscape Geoscience, Institut für Geographie, Georg-August-Universität Göttingen
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Einen echten Interessenkonflikt habe ich nicht.“
Dr. Tanja Sanders
Leiterin Arbeitsbereich Ökologie und Walddynamik, Institut für Waldökosysteme, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, Eberswalde
Prof. Dr. Johann Georg Goldammer
Leiter der Arbeitsgruppe Feuerökologie und des Global Fire Monitoring Center (GFMC), Max-Planck-Institut für Chemie, Mainz, und Universität Freiburg, Freiburg i.Br.
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es besteht kein möglicher Interessenkonflikt.“
Prof. Dr. Jürgen Bauhus
Professor für Waldbau, Institut für Forstwissenschaften, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Freiburg i.Br.
Lindon Pronto
Waldbrand-Klima-Resilienz-Initiative und unabhängiger internationaler Berater für Feuermanagement, Aschau im Chiemgau
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es besteht kein Interessenkonflikt.“