Vermögensungleichheit von Familien in Deutschland
Vermögensungleichheit zwischen westdeutschen Familienhaushalten ist von 1988 bis 2017 etwa gleich geblieben, zugrundeliegende demografische Trends gehen in unterschiedliche Richtungen
Ungleichheit des elterlichen Vermögens ist potenziell relevant für die Chancengleichheit von Kindern
Forschende halten die Studie für methodisch gut gemacht, sehen politische Relevanz in weiter bestehender Ungleichheit von Vermögen zwischen verschiedenen Familienformen
Im Jahr 2017 war die Vermögensungleichheit für westdeutsche Haushalte mit Kindern ungefähr so hoch wie 1988. Zu diesem Ergebnis kommen deutsche Forschende in einer Studie, die in der Fachzeitschrift „Demography“ erschienen ist (siehe Primärquelle). Doch dahinter verbergen sich verschiedene demografische Entwicklungen, die die Verteilung von Vermögen teils gegenläufig beeinflusst haben könnten.
Für ihre Studie verwendeten die Forschenden Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer Zufallsstichprobe aus der gesamten deutschen Bevölkerung – in der allerdings sehr vermögende Haushalte in den Untersuchungsjahren unterrepräsentiert sind . Insgesamt umfasst der Datensatz etwa 46.000 Haushaltsbefragungen aus den Jahren 1988, 2002, 2007, 2012 und 2017. Ungleichheit im Nettovermögen wurde über den Gini-Koeffizienten gemessen. Ein Gini-Koeffizient von null bedeutet, es gibt keine Unterschiede, bei eins sind die Unterschiede maximal. Verglichen mit anderen Kennzahlen reagiert dieser Koeffizient stärker auf Änderungen in der Mitte der Verteilung als an deren Rändern. Das erhobene Nettovermögen umfasste Geld- und Betriebsvermögen, Immobilien, private Versicherungen und private Altersvorsorge, abzüglich der Schulden und ohne gesetzliche Rentenansprüche. Um die Bedeutung der demografischen Zusammensetzung – etwa eines höheren Anteils von Familien mit zugewanderten Eltern – innerhalb der Gruppe der Familien abzuschätzen, nutzten die Forschenden die sogenannte RIF-Dekomposition. Kausale Schlussfolgerungen lassen sich mit dieser Methode allerdings nicht ziehen. Da die zugrundeliegenden Daten zu Familienhaushalten nur für Westdeutschland hinreichend weit zurückreichten, wurde die Analyse räumlich entsprechend beschränkt.
wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)
Wichtigste Ergebnisse
„Die Studie liefert zwei zentrale Erkenntnisse. Erstens: Eine insgesamt weitgehend stabile Vermögensungleichheit kann unterschiedliche Entwicklungen nach Haushaltstyp verdecken. Vermögensungleichheiten unter Haushalten mit Kindern blieben in Westdeutschland anhaltend hoch, während sie unter Haushalten mit älteren Menschen im Untersuchungszeitraum deutlich zurückgingen.“
„Zweitens: Die Studie zeigt, dass demografische Veränderungen mit gegenläufigen Entwicklungen der Vermögensungleichheit verbunden waren (Mehr Familien mit Migrationshintergrund gingen zum Beispiel mit höherer, mehr hohe Bildungsabschlüsse mit niedrigerer Ungleichheit einher; Anm. d. Red.). Einer Stabilität in der Gesamtentwicklung können somit gleichzeitig deutlich veränderte gesellschaftliche Bedingungen der Vermögensverteilung zugrunde liegen.“
Einordnung in den Forschungsstand
„In der Forschung ist bereits länger bekannt, dass sich Ehen und deren Dauer positiv auf die Vermögensentwicklung eines Haushalts auswirken. Und dass wiederum deutliche ethnische beziehungsweise migrationsbezogene Vermögensnachteile vorliegen.“
„Die aktuelle Studie geht über diese bekannten Befunde hinaus. Sie zeigt auf, dass demografische Veränderungen über Kompositionseffekte (Also über die demografische Zusammensetzung der Bevölkerung, wenn zum Beispiel Gruppen mit niedrigerem Vermögen anteilig größer werden; Anm. d. Red.) das Potenzial haben, Vermögensungleichheiten zu verstärken, insbesondere unter Haushalten mit Kindern. Dies lenkt somit den Blick auf institutionell geprägte Vermögensunterschiede zwischen Familienformen. Es unterstreicht die Frage, wie materielle Sicherheit für vielfältige Familienkonzepte gewährleistet werden kann, wenn privates Vermögen für die Absicherung zunehmend an Bedeutung gewinnt.“
Zur Methodik
„Die Studie nutzt erstmals neue harmonisierte Umfragedaten, um die Entwicklung der Vermögensungleichheit zwischen 1988 und 2017 in Westdeutschland zu analysieren. Das ist ein wichtiger Zeitraum, in dem die Vermögensungleichheit in Deutschland angestiegen ist, wie zum Beispiel die Daten des World Inequality Labs zeigen.“
„Der Neuigkeitswert der Studie besteht darin, dass sie gegenläufige Zusammenhänge zwischen demografischen Veränderungen und der Entwicklung der Vermögensungleichheit herausstellt und nach Haushaltstypen genauer quantifiziert. Dafür werden etablierte statistische Verfahren verwendet.“
„Eine wichtige methodische Einschränkung liegt in dem Fokus auf Westdeutschland. Zudem sind sehr vermögende Haushalte in der Datenbasis unterrepräsentiert. Dadurch wird die Vermögensungleichheit in dieser Studie tendenziell unterschätzt. Ob auch der Einfluss demografischer Veränderungen unter- oder überschätzt wird, bleibt hingegen offen.“
Gründe veränderter Vermögensungleichheit
„Die deskriptiven Analysen erlauben keine kausalen Aussagen über einzelne demografische Entwicklungen als Ursachen von Veränderungen der Vermögensungleichheit. Auch kann die Analyse nicht zeigen, welchen Stellenwert Demografie im Vergleich zu Kapitalmarkt-, Steuer-, Erbschafts-, Wohnungsmarkt- oder Arbeitsmarktentwicklungen hat. Daher lassen sich politische Handlungsempfehlungen aus den Ergebnissen der Studie nicht unmittelbar ableiten.“
Übertragbarkeit auf Ostdeutschland
„Die Autor:innen sind hinsichtlich der Übertragbarkeit auf Ostdeutschland zurückhaltend. Die durchgeführten Zusatzanalysen zeigten bei ostdeutschen Haushalten mit Kindern überwiegend ähnliche Zusammenhänge wie in den Hauptanalysen für Westdeutschland. Die geschätzten Beiträge der demografischen Entwicklungen zur Vermögensungleichheit waren in dieser Region aber gering oder statistisch unpräzise. Vor dem Hintergrund der historisch bedingten und fortbestehenden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland in Vermögensniveaus sowie demografischen und familiären Strukturen, rechtfertigt die Studie keine pauschale Übertragung der westdeutschen Befunde auf Ostdeutschland.“
Aktualität der Studienergebnisse
„Die Studie endet mit dem Jahr 2017 und bildet damit weder die Corona-Pandemie noch die Inflation und Zinswende seit 2022 oder die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt ab. Neuere Daten der Bundesbank und des World Inequality Lab deuten allerdings darauf hin, dass die Vermögenskonzentration seit 2017 insgesamt stabil geblieben ist. Der Befund einer insgesamt stabilen Ungleichheit ist damit nicht überholt. Ob dies auch für Haushalte mit Kindern gilt, lässt sich ohne neue Auswertungen nicht sagen. Die zugrundeliegenden demografischen Trends setzen sich fort, ein ähnliches Zusammenspiel gegenläufiger Effekte ist daher plausibel. Ob Stärke und Richtung der einzelnen Beiträge unverändert geblieben sind, ist jedoch offen.“
Implikationen für Debatte um Vermögensungleichheit
„Der Beitrag der Studie liegt vor allem darin, zu zeigen, dass sich hinter einer stabilen Gesamtungleichheit im Vermögen gegenläufige Entwicklungen nach Haushaltstyp verbergen, und damit den Blick auf die Vermögenslage von Familien zu lenken.“
„In der aktuellen Debatte zu Vermögensungleichheiten in Deutschland stehen die ausgesetzte Vermögensteuer sowie die unterschiedliche Behandlung von Vermögensarten bei der Erbschaftsteuer im Vordergrund. Dazu trifft die Studie keine Aussagen. Diskutiert werden zudem Generationenunterschiede im Vermögensaufbau, also ob es für jüngere Haushalte schwerer geworden ist, Vermögen aufzubauen. Und es wird debattiert, ob sich soziale Ungleichheiten verstärken, wenn Erbschaften und Schenkungen an Bedeutung gewinnen. Auch dazu kann die Studie nicht unmittelbar beitragen: Sie untersucht nicht, ob heutige Familien weniger Vermögen aufbauen als frühere Kohorten im gleichen Alter. Da die Studie Haushalte anstatt Personen betrachtet, konnten die deutlichen Geschlechterunterschiede im Vermögen nicht direkt adressiert werden, die sowohl innerhalb von Paarhaushalten bestehen als auch alleinerziehende Haushalte besonders betreffen.“
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER), Luxemburg
Zur Methodik der Studie
„Die Studie nutzt eine etablierte Dekompositionsmethode (Methode, um Bedeutung der demografischen Zusammensetzung der Bevölkerung für Änderungen der Vermögensungleichheit zu beziffern; Anm. d. Red.), um den Beitrag demografischer Veränderungen zur Vermögensungleichheit in Deutschland über einen Zeitraum von fast drei Jahrzehnten zu untersuchen. Der lange Beobachtungszeitraum ist eine Stärke, und die Autoren führen mehrere Robustheitsprüfungen durch. Dennoch gibt es Einschränkungen. Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) erfasst Haushalte am obersten Ende der Vermögensverteilung nicht ausreichend, und der Vergleich von Vermögensdaten über einen so langen Zeitraum bleibt trotz Harmonisierung (Methoden, unterschiedliche Daten miteinander vergleichbar und gemeinsam analysierbar zu machen; Anm. d. Red.) eine Herausforderung.“
„Diese Punkte sollten bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden. Die Ergebnisse sollten daher eher als aufschlussreich über allgemeine Verteilungsmuster denn als vollständiges Bild der Vermögensungleichheit interpretiert werden.“
Ursachen hinter den Ergebnissen
„Die Dekompositionsanalyse zeigt, wie Veränderungen in der demografischen Zusammensetzung mit Veränderungen der Vermögensungleichheit zusammenhängen, identifiziert jedoch keine kausalen Effekte. So trägt beispielsweise der steigende Anteil von Haushalten Alleinerziehender zu einer höheren Ungleichheit bei. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Alleinerziehen an sich eine größere Ungleichheit verursacht.“
„Alleinerziehende sind bei der Vermögensbildung mit Nachteilen konfrontiert, die auf Unterschiede bei Einkommen, Wohnmöglichkeiten und früheren familiären Verhältnissen zurückzuführen sein können. Die Analyse identifiziert nicht die Mechanismen, die diesen Unterschieden zugrunde liegen. Daher ist es wichtig, Veränderungen in der Bevölkerungszusammensetzung von den strukturellen und wirtschaftlichen Faktoren zu unterscheiden, die den Vermögensaufbau prägen.“
Wichtigste Ergebnisse
„Ein interessantes Ergebnis ist, dass die Vermögensungleichheit insgesamt trotz erheblicher demografischer Veränderungen relativ stabil blieb. Die Autoren zeigen, dass diese Veränderungen in unterschiedliche Richtungen wirkten: Veränderungen im Partnerschaftsstatus und in der Migrationszusammensetzung waren mit höherer Ungleichheit verbunden, während die Bevölkerungsalterung, der Ausbau des Bildungswesens und die gestiegene Erwerbsbeteiligung von Frauen mit geringerer Ungleichheit einhergingen. Diese Muster sind bei Haushalten mit Kindern besonders ausgeprägt.“
„Der Beitrag der Studie besteht darin, aufzuzeigen, wie demografische Veränderungen mit der Ungleichheit innerhalb dieser Gruppe zusammenhängen, anstatt lediglich Unterschiede im durchschnittlichen Vermögen verschiedener Haushaltstypen zu untersuchen. Dies ist relevant, da das Vermögen der Eltern die Chancen der Kinder und deren zukünftige Vermögensbildung beeinflussen kann.“
Übertragbarkeit auf Ostdeutschland
„Ich wäre vorsichtig bei einer Verallgemeinerung dieser Ergebnisse auf Ostdeutschland. Ost- und Westdeutschland weisen unterschiedliche Entwicklungen hinsichtlich Vermögensbildung, Wohneigentum, Erwerbsbeteiligung und Familienstrukturen auf, und einige dieser Unterschiede bestehen bis heute fort. Die Autoren liefern ergänzende Ergebnisse für Ostdeutschland, doch die Schätzungen sind weniger präzise, und der Beitrag der Bildung unterscheidet sich laut Text. Für die ostdeutsche Gesamtbevölkerung sind die meisten Schätzungen gering oder ungenau.“
„Ich halte die verfügbaren Belege nicht für ausreichend, um zu dem Schluss zu kommen, dass für beide Regionen dieselben Muster gelten. Eine weitere Analyse der zugrunde liegenden wirtschaftlichen und institutionellen Unterschiede wäre erforderlich.“
Implikationen der Ergebnisse
„Die Ergebnisse sind nach wie vor relevant, insbesondere weil Unterschiede im elterlichen Vermögen Ungleichheiten bei den Chancen für Kinder verstärken können. Die Daten reichen jedoch nur bis ins Jahr 2017, und Entwicklungen auf den Wohnungsmärkten, bei der Inflation und in den Haushaltsfinanzen seitdem könnten Zusammenhänge verändert haben.“
„Ein wichtiger Punkt ist, dass der demografische Wandel an sich nicht als das Problem angesehen werden sollte. Vielmehr müssen wir verstehen, warum manche Haushalte, insbesondere Alleinerziehende und Migrantenhaushalte, weniger Möglichkeiten haben, Vermögen aufzubauen. Hier sehe ich die Hauptrelevanz für die Politik.“
Bedeutung demografischer Veränderungen verglichen mit anderen Ursachen für Ungleichheit
„Dies ist eine wichtige Frage, die die Studie nicht vollständig beantworten kann. Bei Haushalten mit Kindern sind Effekte der demografischen Zusammensetzung mit einer geringeren Ungleichheit verbunden, während der Renditeeffekt (Der Renditeeffekt bezeichnet, wie bestimmte demografische Eigenschaften mit dem Vermögen zusammenhängen; etwa könnte hohe Bildung mit der Zeit stärker oder weniger stark mit hohem Vermögen zusammenhängen; Anm. d. Red.) positiv und statistisch signifikant ist. Beide Effekte gleichen sich teilweise gegenseitig aus. Der Renditeeffekt erfasst jedoch auch unbeobachtete Faktoren. Die Autoren untersuchen keine anderen wichtigen Treiber der Vermögensungleichheit wie Immobilienmärkte, Erbschaften, Besteuerung oder Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt. Wir können daher nicht feststellen, wie wichtig demografische Veränderungen im Vergleich zu diesen anderen Faktoren sind. Die Studie zeigt, dass die demografische Zusammensetzung eine Rolle spielt, liefert jedoch keine umfassende Erklärung für Veränderungen in der Vermögensungleichheit.“
„Im Zusammenhang mit dieser Studie bestehen keine Interessenkonflikte.“
„Ich habe zuvor mit einem der Autoren zusammengearbeitet. Ich betrachte dies jedoch nicht als Interessenkonflikt und kann die Studie unvoreingenommen beurteilen.“
Primärquelle
Klein L et al. (2026): Wealth Inequality Among Families in a Changing Demographic Landscape: Evidence From Germany, 1988–2017. Demography. DOI: 10.1215/00703370-12877885.
Weiterführende Recherchequellen
Lersch P (2017): The marriage wealth premium revisited: Gender disparities and within-individual changes in personal wealth in Germany. Demography. DOI: 10.1007/s13524-017-0572-4.
Killewald A et al. (2018): Falling Behind: The Role of Inter- and Intragenerational Processes in Widening Racial and Ethnic Wealth Gaps through Early and Middle Adulthood. Social Forces. DOI: 10.1093/sf/soy060.
Nutz T (2022): In sole or joint names? The role of employment and marriage biographies for married women’s asset ownership in later life. Research in Social Stratification and Mobility. DOI: 10.1016/j.rssm.2022.100690.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[] Westermeier C et al. (2015): Significant Statistical Uncertainty over Share of High Net Worth Households. DIW Economic Bulletin.
[] Schröder C et al. (2020): MillionärInnen unter dem Mikroskop: Datenlücke bei sehr hohen Vermögen geschlossen – Konzentration höher als bisher ausgewiesen. DIW Wochenbericht.
Dr. Agnieszka Althaber
wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Im Zusammenhang mit dieser Studie bestehen keine Interessenkonflikte.“
Eva Sierminska, Ph.D.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER), Luxemburg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe zuvor mit einem der Autoren zusammengearbeitet. Ich betrachte dies jedoch nicht als Interessenkonflikt und kann die Studie unvoreingenommen beurteilen.“