Umwelt- und Klimarelevanz der Wahlen in Brasilien
Präsidentschaftswahl in Brasilien könnte gravierende Folgen für Klima und Umwelt haben
Regierung da Silva stärkte Umweltbehörden und verschärfte Strafen bei Verstößen, unter Herausforderer Bolsonaro junior würde sich der Kurs womöglich komplett verändern
Experten sehen unter Regierung von Bolsonaro junior das Risiko, dass Brasilien als wichtiger Klima- und Umweltakteur an Einfluss verlieren könnte
Am kommenden Sonntag, den 04. Oktober 2026, findet in Brasilien die erste Runde der Präsidentschaftswahl statt. Erneut scheint es auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Lula- und dem Bolsonaro-Lager hinauszulaufen. Je nach Wahlausgang könnte die Klima- und Umweltpolitik in den kommenden vier Jahren in vielen Bereichen grundsätzlich unterschiedliche Richtungen einschlagen.
Zwölf Kandidatinnen und Kandidaten stellen sich zur Wahl, die in Brasilien für alle 18- bis 69-Jährigen verpflichtend ist. Erreicht niemand mehr als 50 Prozent der abgegebenen Stimmen, folgt am 25. Oktober 2026 eine Stichwahl zwischen den beiden Bewerbern mit den meisten Stimmen im ersten Wahlgang. Die neue Amtszeit beginnt dann im Januar 2027. Der amtierende Präsident Lula da Silva strebt eine vierte Amtszeit an, nachdem er bereits von 2003 bis 2011 und aktuell seit 2023 das höchste politische Amt Brasiliens bekleidete. Sein wahrscheinlich härtester Konkurrent wird Flávio Bolsonaro, Sohn von Lula da Silvas Amtsvorgänger Jair Bolsonaro, der nicht kandidieren durfte, weil er wegen eines versuchten Staatsstreichs im Nachgang der Wahlen von 2022 zu einer Haftstrafe von mehr als 27 Jahren verurteilt wurde. Wie sein Vater, gehört auch Flávio Bolsonaro zum rechten, manche sagen auch rechtsextremen Lager in der brasilianischen Parteienlandschaft.
außerordentlicher Professor für Soziologie, soziale Dynamik des ökologischen Wandels, Fakultät für Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg
Veränderungen unter der aktuellen da Silva-Regierung
„Unter der dritten Regierung von Präsident Lula von 2022 bis 2026 sind drei wichtige, beispiellose Entwicklungen zu verzeichnen, die sich im Vergleich zu der vorangegangenen Regierung von Jair Bolsonaro von 2018 bis 2022 deutlich abheben: Erstens hat sich die wirtschaftliche Lage deutlich verbessert, dank einer Kombination aus Wirtschaftswachstum und einem starken Rückgang der Arbeitslosigkeit , die im Dezember 2025 den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen erreichte. Zweitens zeigte die erneute Fokussierung auf die Bekämpfung von Hunger und Armut als zentrale Ziele der Regierung Wirkung. Nach einer Phase schwerer Krisen gelang es innerhalb kurzer Zeit, Millionen von Menschen aus der extremen Armut zu befreien und Brasilien von der Hungerkarte der UNO zu streichen. Drittens führte die Wiedereinführung und Verschärfung ambitionierter Umweltpolitik und Kontrollmaßnahmen zu einem erheblichen Rückgang der Entwaldung , vor allem im Amazonasgebiet und im Cerrado, den artenreichsten Feuchtsavannen der Welt. Trotz anhaltender struktureller Herausforderungen – insbesondere der ausgeprägten sozialen Ungleichheit, des hohen Ausmaßes an Unsicherheit und Gewalt sowie der fortschreitenden Umweltzerstörung – verdienen diese Entwicklungen besondere Beachtung, da es Brasilien gelungen ist, sowohl im sozioökonomischen als auch im ökologischen Bereich erhebliche Fortschritte zu erzielen.“
Denkbare Folgen eines möglichen Regierungswechsels
„Ein Regierungswechsel, insbesondere wenn Jair Bolsonaros Sohn Flávio, der stärkste Herausforderer gegen Lula, ins Amt kommt, würde ein erhebliches Risiko bedeuten: Nicht nur für die bisherigen Fortschritte, sondern auch für den Schutz demokratischer Institutionen und die Sicherung der Rechtsstaatlichkeit. Eine neue Bolsonaro-Regierung wäre in ihrer Grunddynamik vergleichbar mit ‚Trump II‘. Sie wäre jedoch noch weitaus gefährlicher, weil das Oberste Bundesgericht Supremo Tribunal Federal (STF) derzeit durch einen schweren Korruptionsskandal , den sogenannten Banco-Master-Skandal , geschwächt ist, in den einige seiner Mitglieder verwickelt sind. Es ist zu erwarten, dass die Bolsonaros eine Politik der Rache verfolgen, insbesondere gegenüber dem STF. Das Bundesgericht hat entscheidend dazu beigetragen, Brasilien gegen einen Putschversuch abzusichern. In dessen Folge wurden Jair Bolsonaro sowie zahlreiche politische Verbündete strafrechtlich verfolgt und inhaftiert. Auch in der Umweltpolitik ist erneut mit einem beispiellosen Backlash zu rechnen. Jair Bolsonaro hat bereits umfangreiche Schritte gegen Umwelt- und Klimapolitik eingeleitet, deren Folgen katastrophal waren. Unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen würde sich diese Entwicklung voraussichtlich verschärfen.“
„Wichtig ist festzuhalten, dass sich die brasilianische Gesellschaft und Politik unabhängig vom Ausgang der Wahl noch längere Zeit mit dem als ‚Banco-Master-Skandal‘ bekannten Korruptionsskandal beschäftigen werden. Gemessen an der Höhe der finanziellen Verluste handelt es sich um einen der größten Korruptionsskandale in der brasilianischen Geschichte. Besonders relevant ist dabei, dass sowohl Flávio Bolsonaro und andere rechtsextreme Politiker aus seinem politischen Umfeld als auch der STF-Minister Alexandre de Moraes mit dem Fall in Verbindung gebracht werden (Die elf Richter des STF werden Minister genannt.; Anm. d. Red.). Zwar werden auch andere STF-Minister, darunter auch von Jair Bolsonaro nominierte Richter, mit dem Skandal in Verbindung gebracht. Die Verbindung zu Moraes ist jedoch politisch besonders relevant, da er eine zentrale Rolle in den Gerichtsverfahren gegen Flávio Bolsonaros Vater gespielt hat.“
Bolsonaro-Agenda zum Umwelt- und Klimaschutz
„Eine Regierung unter der Führung von Flávio Bolsonaro wäre zweifellos eine enorme Bedrohung, nicht nur für den Schutz des Regenwaldes, sondern für den gesamten Umwelt- und Klimaschutz. Die vierjährige Amtszeit seines Vaters Jair Bolsonaro hat deutlich gemacht, wie eng Teile der brasilianischen extremen Rechten mit den Interessen von Akteuren verflochten sind, die Verbindungen zum organisierten Verbrechen aufweisen und an der rücksichtslosen und zerstörerischen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen Brasiliens beteiligt sind. Die Familie Bolsonaro scheint stärker darauf ausgerichtet zu sein, eigene Interessen zu verfolgen, als die Interessen des Landes und seiner pluralen Gesellschaft zu vertreten. Eine besondere Priorität liegt auf die Freilassung des inhaftierten ehemaligen Präsidenten hinzuwirken und eine reaktionäre politische Agenda voranzutreiben. Die bedingungslose Annäherung an Trump und andere einflussreiche Akteure der internationalen extremen Rechten birgt zusätzliche Risiken für die politische Souveränität Brasiliens und den Schutz seiner natürlichen Ressourcen.“
„Die Agrarlobby ist keineswegs ein homogener Akteur, da nicht alle ihre Vertreter Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen ablehnen oder blockieren. Als politisch und wirtschaftlich sehr mächtige Interessengruppe verfügt sie jedoch unabhängig von der jeweiligen Regierung über erheblichen Einfluss in Brasilien. Unter einer Regierung Flávio Bolsonaros dürfte insbesondere der reaktionäre und anti-ökologische Teil der Agrarlobby an Einfluss gewinnen; nicht nur im Kongress, in dem agrarwirtschaftliche Interessen bereits seit Langem stark vertreten sind, sondern auch bei der Ausgestaltung der Regierungsagenda und der politischen Entscheidungsprozesse.“
Stabilität nationaler und internationaler Programme bei einem Regierungswechsel
„Die erneute Stärkung des Umweltschutzes, der bäuerlichen Familienlandwirtschaft und der agrarökologischen Produktion, die Verabschiedung ambitionierter Klimapläne sowie eines Plans für die ökologische Transformation und nicht zuletzt Erfolge wie der deutliche Rückgang der Entwaldungsraten während der dritten Regierung Lula da Silvas waren nur durch eine enge Ministerien-übergreifende Zusammenarbeit und die konsequente Umsetzung entsprechender Politiken möglich. Und dies trotz fehlender parlamentarischer Mehrheit im Kongress. Diese Fortschritte könnten jedoch von einer neuen Regierung, deren politische Agenda in die entgegengesetzte Richtung weist, relativ schnell zurückgenommen oder zumindest erheblich geschwächt werden. Ein solcher politischer Kurswechsel hat sich bereits in der Vergangenheit gezeigt, insbesondere während der Regierung Jair Bolsonaros, und könnte sich wiederholen, sollte dessen Sohn die Wahl gewinnen – zumal eine umweltpolitisch ablehnende Mehrheit im Kongress wahrscheinlich ist.“
„Internationale Mechanismen wie der Tropical Forest Forever Facility-Fonds (TFFF) (der auf dem Klimagipfel 2025 in Belém beschlossen wurde; Anm. d. Red.) würden dadurch nicht zwangsläufig abgeschafft oder beendet. So trat Brasilien beispielsweise während der Regierung Jair Bolsonaros nicht aus dem Pariser Klimaabkommen aus. Die Politik der extremen Rechten hat jedoch die Umsetzung internationaler Vereinbarungen, die Erreichung nationaler umweltpolitischer Ziele und die Einhaltung internationaler Klimaverpflichtungen erheblich erschwert. Eine Fortsetzung dieses politischen Kurses würde entsprechende Fortschritte erneut gefährden, selbst wenn die formale Mitgliedschaft in internationalen Abkommen und die bestehenden internationalen Mechanismen bestehen blieben. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass eine erneute rechtsextreme Regierung die Rolle Brasiliens in der nationalen und internationalen Umwelt- und Klimapolitik noch stärker beziehungsweise radikaler in Richtung einer umwelt- und klimapolitisch ablehnenden Politik verschieben könnte, unter anderem auch durch einen Austritt aus dem Pariser Abkommen.“
„Sollten die Bolsonaros an die Macht zurückkehren, ist mit einer Politik der Revanche sowie mit einem beispiellosen Rückschlag für die Umweltpolitik und die Demokratie insgesamt zu rechnen. Anders als 2022, als Joe Biden Präsident der USA war und es weder zu einer Einmischung in die brasilianische Wahl und deren Ergebnis noch in die Versuche eines Staatsstreichs kam, dürfte Präsident Trump diesmal nicht zögern, den Aufstieg einer rechtsextremen Regierung zu unterstützen, sofern diese seine politischen Interessen bedingungslos unterstützt. Darüber hinaus ist es wahrscheinlich, dass sich eine reaktionäre, demokratiefeindliche Allianz zwischen den von der extremen Rechten regierten Ländern Lateinamerikas herausbilden wird. Auch wenn die brasilianische Gesellschaft weitaus vielfältiger und weniger polarisiert ist, als es vielfach den Anschein hat, zeichnet sich die diesjährige Wahl erneut als ein politischer Konflikt zwischen einem demokratischen Bündnis und einem noch stärker nach rechtsaußen tendierenden Bündnis ab, das sich zugleich bemüht, ein moderateres Erscheinungsbild zu vermitteln.“
Professor bei der Professur für Waldbau, Institut für Forstwissenschaften, Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Brasilien unter Jair Bolsonaro
„Während der Präsidentschaft von Bolsonaro – und bereits unter Michael Temer (brasilianischer Präsident von 2016 bis 2019; Anm. d. Red.) – wurden die Umweltbehörden systematisch geschwächt aber vor allem auch die Sozialprogramme von Lula und Dilma Rousseff massiv zurückgefahren. Das Budget der Programme aber auch der relevanten Behörden wurde massiv gekürzt, eingefroren oder gar ganz gestrichen. Ministerien wurden nicht nur neu besetzt, sondern umgebaut oder ganz abgeschafft, wie im Falle des Ministeriums für Agrarentwicklung und Familienlandwirtschaft. Internationale Umweltvereinbarungen und Finanzierungsprogramme wurden gestoppt. Beispielsweise weigerte sich das Umweltministerium, bereits vereinbarte bilaterale Programme zum Schutz der Wälder und Waldgemeinschaften vor allem in Amazonien umzusetzen, und die Arbeit des Amazonien Fonds für Wald- und Klimaschutz (Fundo Amazônia) wurde handlungsunfähig gemacht.“
„Gleichzeitig wurden Investoren durch die Bereitstellung von Subventionen, neue gesetzliche Regelungen, laszive Kontrolle und fehlende Strafverfolgung ermutigt, in die Ausbeutung und Umwandlung von Naturwald und die Erschließung von Bodenschätzen zu investieren, einschließlich in Schutzgebieten. Die Korruption erreichte Höchstwerte, und die ökonomischen und politischen Eliten, einschließlich der Präsidentenfamilie, konnten sich systematisch bereichern. Auch wenn am Ende der Präsidentschaft von Bolsonaro die gesamtwirtschaftliche Leistung trotz der Covid-Pandemie und einer globalen Wirtschaftskrise im Vergleich zu anderen Ländern gehalten werden konnte, führte das zu einem signifikanten Anstieg der Entwaldungs- aber auch Armutsindizes.“
Lulas dritte Präsidentschaft ab 2023 und seine Umwelt-, Sozial- und Wirtschaftspolitik
„Zu Beginn seiner Präsidentschaft ging es Lula vor allem darum, die alten Sozialprogramme zu revitalisieren und neue zu initiieren. Dabei versuchte die Regierung kontinuierlich, diese Programme, die traditionell auf Familien in Städten und den ländlichen Gebieten des Südens, Südwestens und Nordosten ausgerichtet sind, auch an die spezifischen Bedingungen und Kapazitäten von indigenen und traditionellen Gemeinschaften und Kleinbauern in den Naturwaldgebieten anzupassen. Diese Bemühungen, den Zugang von Waldgemeinschaften in Amazonien zu diesen Politiken zu ermöglichen, sind auch für die Entwaldungsbekämpfung relevant – ein Thema, das ebenfalls hoch auf der Agenda stand.“
„Neben dem Schutzgedanken lässt sich dieses Interesse auch dadurch begründen, dass die Entwaldung in Brasilien für den Großteil der CO2-Emissionen verantwortlich ist, und Lula über die Verringerung der Entwaldung seine Klimaschutzziele erreichen kann. Dadurch sollen die unter Bolsonaro gestörten internationalen Beziehungen insbesondere zu den westlichen Industriestaaten wiederhergestellt werden. Mit Marina Silva konnte Lula die Galionsfigur für den Schutz Amazoniens als Ministerin für das Umweltministerium (wieder)gewinnen, und dadurch Glaubwürdigkeit für diesen Prozess erlangen.“
„Zwei Ereignisse waren in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung: Zum einen die brasilianische G20-Präsidentschaft, zum anderen die Klima COP in Belém im November 2025. Im Rahmen der G20-Präsidentschaft profilierte sich Brasilien vor allem über die G20 ‚Initiative on Bioeconomy‘ mit der Verabschiedung der G20 ‚High-Level Principle on Bioeconomy‘, einen Meilenstein für die Förderung und Generierung internationaler Finanzierungen zur Nutzung der wirtschaftlichen Potenziale von Bioökonomie – vor allem zur Produktion von Biomasse, um fossile Energieträger und Materialien zu ersetzen, der Entwicklung von smarten Bio-Technologien und neuen Produkten, aber auch für die sogenannte Sozio-Bioökonomie oder auch Bioökonomie der Wälder. Letztere zielt darauf ab, mit Hilfe von privatwirtschaftlichen Investitionen faire Wertschöpfungsketten mit lokalen Waldgemeinschaften für Produkte vor allem aus Naturwäldern zu entwickeln. Die Rolle einer Bioökonomie der Wälder für den Erhalt von (Natur-)Wäldern, sowie die Möglichkeit, degradierte Flächen wiederherzustellen, um Biomasse und innovative Produkte herzustellen, die fossile Materialien und Energieträger ersetzen, und die Sozio-Bioökonomie für eine nachhaltige, wirtschaftliche Nutzung von Naturwäldern, waren entsprechend auch zentrale Narrative der COP in Belém. Immanenter Teil dieser Narrative sind auf der einen Seite die Stärkung indigener und traditioneller Waldgemeinschaften und ihrer zentralen Rolle für den Erhalt der verbliebenen Naturwälder. Und zum anderen die Mobilisierung der Privatwirtschaft für Investitionen in die Wertschöpfung der Bioökonomie. Diese beiden Zielsetzungen manifestierten sich auch in der zentralen Rolle Brasiliens bei der Initiierung des Tropical Forest Forever Facility Fonds (TFFF) zur Generierung signifikanter internationaler Finanzierungen auf der Grundlage verringerter Entwaldung und der Bioeconomy Challenge zur Umsetzung der G20 High-Level Bioeconomy Principles in konkrete Aktionen.“
„Trotz dieser großen Erfolge von Lula bei der Re-Etablierung und Weiterentwicklung seiner Sozial- und auch Umweltagenda sollte nicht vergessen werden, dass Lula, wie bereits in den früheren Präsidentschaften gezeigt, vor allem ein pragmatischer Wirtschaftspolitiker ist, der vor allem an Wirtschaftswachstum, der Schaffung von Arbeitsplätzen, der Entwicklung von Export- und Expansionspotenzialen für die brasilianische Wirtschaft, und an der Sicherung von kostengünstigen Produktion-Inputs durch die systematische Erschließung eigener Rohstoffpotenziale interessiert ist. Auch die Pflege pragmatischer Handelsbeziehungen zu allen wirtschaftlich relevanten Nationen – unabhängig ihrer politischen Ausrichtung – ist ein zentraler Aspekt der politischen Arbeit von Lula, unter anderem auch sichtbar in dessen BRICS-Engagement. Diese durchaus ambivalente politische Agenda von Lula in Bezug auf den Umweltschutz einerseits und harten wirtschaftlichen Interessen andererseits zeigt sich auch bei TFFF und der Bioeconomy Challenge, in deren Zentrum eine ausgeprägte wirtschaftliche Dimension steht. Diese Ambivalenz Lulas hat – im Vergleich zu seinen früheren Präsidentschaften – in der aktuellen eine noch stärkere opportunistische Dimension erhalten, weil sowohl der Kongress als auch viele Bundesstaaten vom rechten politischen Lager (bolsonaristas) dominiert werden. So musste Lula neben der ambivalenten eigenen Agenda auch Wege finden, um mit den zum Teil stark adversen politischen Mehrheiten effektiv agieren zu können.“
„Gerade vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse von Lula beim Waldschutz und der Armutsbekämpfung durchaus beeindruckend. Andererseits musste er auch schwere Schlappen einstecken, etwa in Bezug auf die Unversehrtheit von Schutzgebieten und bei der Ausweisung indigener Schutzgebiete. Nüchtern betrachtet, stehen die Naturwaldgebiete und die dort lebende Bevölkerung auch weiterhin unter latentem Druck. Weiterhin werden große Infrastrukturprojekte in Waldgebieten im Rahmen von regionalen Entwicklungskorridoren systematisch vorangetrieben. Auch fehlt es immer noch an den notwendigen personellen und finanziellen Kapazitäten um illegale Waldnutzung, Landnahme und Entwaldung vor Ort zu bekämpfen und strafrechtlich zu verfolgen – obwohl die entsprechenden Behörden wiederaufgebaut wurden und die mittlerweile installierten satellitengestützten Technologien ein Livemonitoring der Entwaldung erlauben.“
„Auch Subventionen und öffentliche Programme fördern weiterhin überwiegend den agroindustriellen Sektor. Selbst das sehr gut finanzierte Programm für kleinbäuerliche Kredite ‚Programa Nacional de Fortalecimento da Agricultura Familiar‘ (PRONAF), wird – zum Beispiel in Amazonien – immer noch zu über 95 Prozent für die Förderung der Viehwirtschaft verwendet und nicht für Investitionen in Bioökonomie, Agroforstsysteme oder andere nachhaltige Produktionssysteme.“
„Tatsächlich haben die Folgen des Klimawandels die schwierige Situation für den Wald und dessen Bewohner sogar weiter verschärft. So nimmt das Ausmaß der durch Feuer zerstörten Wälder durch die aufgrund des Klimawandels immer ausgeprägteren Trockenzeiten dramatisch zu und verändern und bedrohen die Lebensgrundlage der indigenen und traditionellen Bevölkerung. Aber auch tausende Kleinbauerfamilien, die seit den 1970er Jahren in den Waldgebieten angesiedelt wurden – und immer noch werden –, sind durch den Wassermangel einerseits und Überschwemmungen andererseits in ihrer Existenz gefährdet.“
„Eine weitreichende Veränderung während der Präsidentschaft von Lula ist vor allem im Hinblick auf den Umgang mit den großen bereits entwaldeten und durch nicht-nachhaltige Landnutzungen zum Teil stark degradierten Flächen zu erkennen. So wurde das wirtschaftliche Potenzial einer Wiederherstellung dieser Flächen erkannt, aber auch die Tatsache, dass dies hilfreich ist, um die ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen, und unabdingbar, um die Wasserversorgung für die land- und forstwirtschaftliche Produktion langfristig zu sichern. Entsprechend gibt es nun vielfache Initiativen, die Produktivität dieser Flächen wiederherzustellen. Mit Wald- und Biodiversitätsschutz hat dies allerdings weniger zu tun, da es sich zum weit überwiegenden Teil um Aufforstungen und die Anlage von Agroforstsystemen mit wenigen Baumarten handelt, sowie um die Optimierung klassischer Landnutzungen einschließlich der Viehwirtschaft, dem Sojaanbau und der Produktion von Biomasse. Es wird erhofft, dass die verbesserten Rahmenbedingungen für die Wiederherstellung degradierter Flächen den Fokus von Investoren verschieben könnte und dadurch der Druck auf die Naturwälder sinkt, zumindest temporär. Allerdings ist es wahrscheinlicher, dass die Zahl der Wirtschaftsakteure, die Investitionen in die Ausbeutung und Umwandlung von Naturwäldern präferieren, davon kaum geringer werden wird.“
Entwaldung als strukturelles Problem
„Um die Nachhaltigkeit der oben aufgeführten umweltpolitischen Erfolge während der Präsidentschaft Lulas zu bewerten, ist unbedingt zu bedenken, dass Entwaldung in Brasilien ein strukturelles Phänomen ist, wie auch im Rest der Welt. Auch in Brasilien werden kurzfristige wirtschaftliche Zielsetzungen gegenüber Umweltzielen priorisiert und die Interessen und Rechte marginalisierter Gruppen vernachlässigt, wenn es konkrete Wirtschaftsinteressen gibt. In Brasilien ist dieses Phänomen vor allem deswegen sichtbarer und auch global relevanter, weil das Land, wie kaum ein anderes, noch große Naturwälder besitzt, die global relevante Umweltleistungen generieren. Insbesondere beherbergt das Land den Großteil des verbliebenen Amazonaswaldes, sowie zahlreiche indigene und traditionelle Gruppen, einschließlich einiger der letzten sogenannten nicht-kontaktierten Völker.“
„Die Brasilianer blicken durchaus mit einem gewissen Stolz auf diese Fakten, obwohl das Gros der Bevölkerung, die in den Städten und anderen Teilen des Landes lebt, keinen Bezug zu Amazonien haben. Sogar in Amazonien liegt die Urbanisierungsrate bei fast 80 Prozent. So besteht die gleichzeitige Erwartung, dass der Wald und die dort lebende Bevölkerung zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes beitragen, und zwar im Sinne einer messbaren monetären Wertschöpfung, und nicht ‚nur‘ indirekt über Umweltleistungen oder ökologische und ethische Belange. Derzeit entspricht der Beitrag der gesamten Amazonasregion mit seinen kontinentalen Ausmaßen zum nationalen Bruttosozialprodukt jedoch nur etwa ein Drittel des Bruttosozialproduktes des vergleichsweise kleinen Bundesstaates São Paulo. Daher besteht in Politik und Gesellschaft die grundsätzliche Überzeugung, dass das wirtschaftliche Potenzial von Naturwäldern erschlossen werden muss, weil ansonsten andere ‚produktivere‘ Landnutzungen gerechtfertigt wären und ‚kompetente‘ Wirtschaftsakteure die Ressourcen nutzen sollten. Selbst vielen Nicht-Regierungs-Organisationen, die sich für den Schutz von Wald und indigenen Rechten einsetzen, haben diese Sichtweise assimiliert, und fördern Strategien, um das wirtschaftliche Potenzial von Wald in Wert zu setzen, und die lokalen Waldgemeinschaften als effektive Teilnehmer in kommerziell signifikanten Wertschöpfungsketten zu integrieren.“
Denkbare Folgen eines möglichen Regierungswechsels
„Ein Wahlsieg von Flávio Bolsonaro hätte ohne Frage katastrophale Folgen, ähnlich denen der Temer/Jair Bolsonaro-Jahre. Geldmittel für soziale Projekte und Waldschutz würden umgehend gekürzt beziehungsweise nicht ausgezahlt. Ministerien und Behörden, die Waldschutz, Minderheiten und soziale Belange vertreten, würden geschwächt oder ganz aufgelöst. Gleichzeitig würden Ministerien, Behörden und Programme, die den Interessen der Agrarlobby, von Investoren und großen Wirtschaftsbetriebe dienen, gefördert werden, bis hin zur persönlichen Bereicherung der politischen und wirtschaftlichen Eliten. Die Ausbeutung von Ressourcen würde sich ebenso wie illegale Waldnutzung, Waldzerstörung und illegale Landnahme verstärken. Internationale Abkommen würden aufgekündigt oder einfach nicht umgesetzt werden. Aufgrund dann steigender Entwaldungsraten wäre auch die Relevanz von TFFF obsolet. Lediglich bei der Entwicklung der Bioökonomie ist eine sehr selektive Fortführung der Politik Lulas denkbar, unter Umständen, aufgrund der Klimarelevanz, sogar mit internationaler Unterstützung. Jedoch nur, soweit diese lukrativ ist, etwa bei Investitionen in die Wiederherstellung degradierter Flächen, vor allem im Besitz größerer Landbesitzer zur Produktion von Biomasse.“
„Angesichts der Diskurse von Flávio Bolsonaro und seiner Anhänger und den dahinterstehenden Machtstrukturen ist zu erwarten, dass die sich eröffnenden Möglichkeiten zur Aggregierung von Macht und Reichtum von den ökonomischen und politischen Eliten systematisch ausgenutzt werden. Zudem sind in den USA, China, Russland, aber auch in vielen Nachbarländern, politische Kräfte etabliert, die diese Politiken mittragen. Dies könnte zu einer, im Vergleich zur Präsidentschaft von Jair Bolsonaro, noch effektiveren politischen und wirtschaftlichen Transformation führen. Darüber hinaus wurden die Mechanismen zur Mobilisierung von internationalem Kapital, etwa aus China, für Investitionen in den Ausbau von Infrastruktur auch in Waldgebieten schon von Lula etabliert und können leicht weiter ausgebaut werden. Diese Investitionen werden Zugang zu bisher entlegenen Naturwaldgebieten ermöglichen, und damit unmittelbar und irreversibel zu deren Zerstörung beitragen. Dazu kommt, dass die bereits dramatischen Folgen des Klimawandel weiter zunehmen werden, sei es durch Überflutungen, aber insbesondere auch durch ausgedehnte Trockenheit und den damit einhergehenden Feuern.“
Stabilität nationaler und internationaler Programme bei einem Regierungswechsel
„Die zu erwartenden Proteste gegen die oben beschriebenen Politiken durch die betroffenen Bevölkerungsgruppen, der Opposition, NGOs und auch Teilen der internationalen Gemeinschaft werden voraussichtlich zunächst nur geringe Resonanz beim Großteil der Gesellschaft finden, und zudem durch die Behörden soweit möglich unterdrückt werden. Ob und inwieweit dieses düstere Szenario verhindert oder abgemildert werden kann, wird dennoch vor allem von der Zivilgesellschaft abhängen. Zu den traditionellen Gegnern gehören sicherlich die Umweltorganisationen, sowie die Organisationen, die indigene und traditionellen Gemeinschaften sowie Kleinbauern repräsentieren. Diese Organisationen sowie ihre Beteiligung an der politischen Diskussion und partizipativen Entscheidungsfindungsprozesse wurden während der Präsidentschaft von Lula, oft mit Hilfe der internationalen Kooperation, gestärkt beziehungsweise wieder etabliert.“
„Die Arbeit dieser Organisationen basiert aber auf demokratischen Mitwirkungsprozessen, die zeitaufwendig und kostspielig sind. Letzteres bedeutet eine Abhängigkeit von Finanzierungen, auch und vor allem durch internationale Kooperation, die ihre Unterstützung dafür jedoch schon in den vergangenen Jahren drastisch verringert hat. Dies trifft leider auch auf Deutschland zu, das, wie oben beschrieben, direkte Wirtschaftsinteressen auch bei der Entwicklungszusammenarbeit priorisiert. Die Möglichkeiten, dass diese Organisationen einer neuen Bolsonaro-Regierung effektiv entgegentreten, wird vor allem davon abhängen, ob diese Unterstützung weiter beziehungsweise wieder gewährt wird.“
„Da die Landnutzungsdynamik sich aber letztendlich auf lokaler Ebene kristallisiert, weit weg von den politischen Machtzentren, wird es vor allem darum gehen, ob und inwieweit die dort lebenden Gemeinschaften selbst Widerstand organisieren und durchsetzen können. Die soziale Organisation auf lokaler Ebene, etwa über die Stärkung von Kooperativen, wurde während Lula systematisch vorangetrieben. Aber der Aufbau lokaler Organisationen bedarf einer kontinuierlichen Arbeit über Jahrzehnte. Dieses lokale Empowerment wurde bereits durch Jair Bolsonaro empfindlich unterbrochen und würde bei einer neuen Bolsonaro-Präsidentschaft erneut zurückgefahren werden, so dass diese Arbeit, noch stärker als bisher, von NGOs abhängen würde, die bisher schon nicht die Kapazität hatten, den immensen Unterstützungsbedarf zu befriedigen. Hoffnung gibt, dass, wie bei der Präsidentschaft von Jair Bolsonaro auch, Personen in der Exekutive verbleiben, die versuchen würden, etwaig verbleibende Spielräume für soziales und ökologischen Handeln zu nutzen. Diese Personen gilt es zu identifizieren, um sie dabei zu unterstützten.“
„Schließlich ist noch der Privatsektor zu nennen, der, beispielsweise auch im Rahmen der Bioökonomie-Debatte, durchaus Verständnis und Bereitschaft gezeigt hat, die Aspekte von Waldschutz, Nachhaltigkeit, Respekt und Fairness in ihren Geschäftsmodellen zu berücksichtigen. Auch viele Start-ups zur Entwicklung von Wertschöpfung aus Produkten der Naturwälder, die in den vergangenen Jahren in großer Zahl gegründet wurden, könnten einen Gegenpol zur politischen Destabilisierung ländlicher Gebiete darstellen. Sie sind finanziell unabhängig von der Regierung und würden mit ihren wirtschaftsorientierten Ansätzen teilweise sogar in Kohärenz mit den Interessen der neuen Regierung handeln. Allerdings ist unklar, ob Unternehmen letztendlich nicht doch kurzfristige finanzielle Belange priorisieren würden, weil das Selbstverständnis und Know-How gegebenenfalls (noch) nicht ausreicht, um diese Rolle auszufüllen.“
Resümee
„Zusammenfassend ist festzuhalten, dass von einem Präsidenten Flávio Bolsonaro ein ähnliches Szenario zu erwarten ist, wie während der Präsidentschaft seines Vaters Jair Bolsonaro. Die durchaus eindrucksvollen Erfolge von Lula bei Waldschutz, Armutsbekämpfung und der Wiederherstellung demokratischer Mechanismen haben kaum zu einer größeren Resilienz gegenüber einer erneuten politischen Transformation geführt. Zudem ist zu berücksichtigen, dass Lula kein ausgeprägter Umweltschützer ist, sondern vor allem wirtschafts- und machtpolitische Zielsetzung verfolgt. Die schwindende internationale Unterstützung für Waldschutz und der Stärkung von indigenen und traditionellen Gemeinschaften, in Kombination mit den gravierenden Folgen des Klimawandels machen es sogar wahrscheinlich, dass die Zerstörung der Naturwälder dieses Mal noch massiver sein würde. Dafür wären aber nicht nur Bolsonaro und seine Anhänger verantwortlich, sondern auch die generelle Priorisierung kurzfristiger wirtschaftlicher Zielsetzung gegenüber sozialer, ethischer und ökologischer Prinzipien durch fast alle Länder dieser Erde. Insofern hängt das Ausmaß der Waldzerstörung auch von der internationalen Gemeinschaft ab. Es gilt die relevanten Gegenkräfte in Brasilien gezielt zu unterstützen, aber auch langfristig muss kontinuierlich und massiv in die Stärkung von indigenen und traditionellen Gemeinschaften, Umweltbehörden, zivilgesellschaftlichen Organisationen, und demokratische Strukturen investiert werden. Brasilien allein wird diese Aufgabe nicht bewältigen können.“
„Für noch detailliertere Ausführungen möchte ich die Studien und empfehlen.“
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Regionalinstitut Institut für Lateinamerika-Studien, GIGA German Institute of Global and Area Studies / Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (GIGA), Hamburg
Veränderungen unter der aktuellen da Silva-Regierung
„Während der laufenden Amtszeit Lulas von 2023 bis 2026 wurden erhebliche Fortschritte erzielt, die Schäden für Umwelt und Klimapolitik rückgängig zu machen, die unter der Vorgängerregierung von Jair Bolsonaro entstanden waren. Die Entwaldungsrate ist im Vergleich zu Bolsonaros letztem Amtsjahr 2022 um mehr als die Hälfte gesunken und liegt nun auf dem niedrigsten Stand seit über einem Jahrzehnt. Lulas Regierung hat den Amazonienfonds sowie einen zentralen Aktionsplan gegen die Entwaldung (PPCDAm) wiederbelebt, mit dem Ziel, die illegale Entwaldung bis 2030 zu beenden. All dies steht bei der bevorstehenden Präsidentschaftswahl auf dem Spiel. Denn diese Fortschritte hängen von dauerhafter institutioneller Handlungsfähigkeit, kontinuierlicher Finanzierung und konsequenter Durchsetzung ab und könnten leicht wieder zunichtegemacht werden, sollte ein Präsident gewählt werden, der der Umweltagenda feindlich gegenübersteht – und Senator Flávio Bolsonaro hat bereits signalisiert, dass er dieser Beschreibung entspricht.“
„Senator Flávio Bolsonaro hat nicht angedeutet, dass er Umwelt- und Klimapolitik im Falle seiner Wahl ernst nehmen würde: Er erkennt die Existenz eines Klimanotstands nicht an, und sein Wahlprogramm widmet Umweltthemen keinerlei Aufmerksamkeit. Bolsonaro würde höchstwahrscheinlich in die Fußstapfen seines Vaters treten, der die Aufweichung der brasilianischen Umweltvorschriften aktiv vorantrieb und in dessen Amtszeit die Entwaldungsrate des Landes deutlich anstieg. Diesmal könnte die Lage zusätzlich verschärft werden – durch eine selbstbewusster auftretende Trump-Regierung, die offen erklärt hat, ihren Einfluss auf die westliche Hemisphäre und insbesondere deren Ressourcen auszuweiten, sowie durch den jüngsten Rechtsruck in Lateinamerika. Der brasilianische Kongress, der von den Interessen der Agrarlobby geprägt ist und dies voraussichtlich bleiben wird (der Kongress wird am gleichen Tag gewählt.; Anm. d. Red.), sieht sich widersprüchlichen Anreizen gegenüber. Einerseits unterstützt er Maßnahmen, die die Ausbeutung von Rohstoffen begünstigen. Andererseits könnte er die weitreichendsten Vorstöße der Familie Bolsonaro erneut zügeln, um den Marktzugang für brasilianische Rohstoffexporte nicht zu gefährden. Im Falle eines Wahlsiegs Bolsonaros wird internationaler Druck – von der EU und vor allem von China – eine entscheidende Rolle spielen.“
Stabilität nationaler und internationaler Programme bei einem Regierungswechsel
„Senator Flávio Bolsonaro hat bislang wenig Sympathie für multilaterale Abkommen gezeigt, insbesondere für solche im Bereich der Klima- und Umweltpolitik. Sein Wahlprogramm geht mit keinem Wort auf die Erfüllung von Brasiliens nationalem Klimabeitrag (NDC) im Rahmen des Pariser Abkommens ein und enthält keinerlei Hinweis darauf, dass er beabsichtigt, den ökologischen Fußabdruck des Landes zu verringern. Im Falle seiner Wahl hat Bolsonaro angekündigt, die Beziehungen zur Trump-Regierung und zur von den USA angeführten Koalition ‚Shield of the Americas‘ zu stärken. Dazu könnte auch gehören, Washingtons strategische Ziele zu unterstützen – etwa indem den USA nahezu uneingeschränkter Zugang zu Brasiliens umfangreichen Rohstoffvorkommen gewährt wird. Um den Verlust internationaler Absatzmärkte für brasilianische Exporte zu vermeiden, könnte der Kongress – und insbesondere die Agrarfraktion (‚bancada ruralista‘) – Bolsonaros extremste Vorhaben bremsen, wie dies bereits während der Präsidentschaft seines Vaters der Fall war. Dies würde jedoch ausreichenden Druck seitens der EU und vor allem Chinas voraussetzen, das Brasiliens wichtigster Handelspartner ist."
wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Umwelt-Governance, Fachrichtung Politikwissenschaft, German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Bonn
„Der Ausgang der brasilianischen Präsidentschaftswahlen 2026 dürfte weitreichende Folgen für die zukünftige Umwelt-, Waldschutz- und Klimapolitik in Brasilien, wie auch für die internationale Klima- und Biodiversitätspolitik sowie Brasiliens Verhältnis zur Europäischen Union haben. Alle Umfragen deuten auf eine enge Wahlentscheidung und eine Stichwahl zwischen Amtsinhaber Lula und seinem rechtspopulistischen Herausforderer Flavio Bolsonaro hin, dem Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro. In beiden Fällen wird der Wahlsieger auf die Zusammenarbeit mit dem Kongress angewiesen sein und voraussichtlich mangels eigener Mehrheiten Kompromisse eingehen müssen. Dennoch kommt die Wahl zwischen Lula und Bolsonaro einer fundamentalen Richtungsentscheidung gleich.“
Denkbare Folgen eines möglichen Regierungswechsels
„Eine Wiederwahl Lulas ließe insbesondere eine Fortsetzung und weitere institutionelle Konsolidierung der brasilianischen Waldschutzpolitik erwarten, deren Verdienste weithin anerkannt sind und die in den vergangenen Jahren zu einer starken Verringerung der Entwaldungsrate geführt hat. Zudem ist es das erklärte Ziel der Regierung Lula bis zum Jahr 2030 ‚Nullentwaldung‘ zu erreichen. Unter der Regierung Bolsonaro senior war die Waldschutzpolitik der früheren Lula-Regierungen außer Kraft gesetzt worden und die Entwaldungsraten binnen kurzer Zeit auf Rekordniveau angestiegen. Es ist anzunehmen, dass eine Regierung unter Flávio Bolsonaro an die Interessenpolitik von Bolsonaro senior anknüpfen und entsprechende Regulierungen wieder beschneiden würden. Zwar kann der sektorübergreifende Waldschutzansatz der Regierung Lula heute als institutionell relativ gefestigt gelten, ohne aber vor politischen Maßnahmen wie etwa Haushaltskürzungen, Personalwechseln und präsidialen Weisungen gefeit zu sein. Ein ‚Rollback‘ muss daher als wahrscheinlich gelten.“
Bolsonaro-Agenda zum Umwelt- und Klimaschutz
„Auch der Einfluss der Wirtschafts- und speziell der Agrarlobby sind in diesem Zusammenhang schwer zu unterschätzen, wie eine wachsende Zahl empirischer Studien zu gezielt gegen klimapolitische Politiken und Institutionen gerichtetem ‚Obstruktivismus‘ in Brasilien belegt. Es ist davon auszugehen, dass der Einfluss entsprechender Lobbyisten unter einer Regierung Bolsonaro weiter zunehmen dürfte. Zwar hat Bolsonaro angekündigt, die illegale Entwaldung bis 2029 beenden zu wollen. Dies schließt aber nicht aus, die Möglichkeiten zur legalen Entwaldung auszuweiten. Darauf deuten auch Teile von Bolsonaros Wahlprogramm hin, in denen die menschengemachten Ursachen des Klimawandels relativiert und unter anderem Lockerungen bezüglich der Genehmigung von Umweltlizenzen und zur Rohstoffgewinnung in Aussicht gestellt werden. Zugleich gibt es aber auch exportorientierte Unternehmen und Verbände, die das rechtspopulistische Programm Bolsonaros kritisch sehen und dessen negative Auswirkungen auf internationale Märkte und die Handelsbeziehungen, etwa mit der EU, fürchten.“
Stabilität nationaler und internationaler Programme bei einem Regierungswechsel
„Weit über die Fragen der Handelspolitik hinaus wäre die internationale Signalwirkung eines Richtungswechsels in Brasilien potenziell verheerend. Die Positionierung und Profilierung Brasiliens als gewichtige Stimme der internationalen Klima- und Umweltpolitik, wie sie nicht zuletzt durch die Ausrichtung der UN-Klimakonferenz COP30 im Jahr 2025 im brasilianischen Amazonasgebiet in Bélem geschärft wurde, würde konterkariert. Auch wenn eine brasilianische Regierung unter einem Präsidenten Flávio Bolsonaro nicht notwendigerweise im Stile eines Donald Trump von internationalen Vertragswerken wie dem Pariser Abkommen zurücktreten würde, wäre doch zu erwarten, dass eigene Umsetzungsanstrengungen und die Unterstützung ambitionierter internationaler Klimaschutzbemühungen und klimafreundlicher Süd-Süd-Kooperationen depriorisiert würden und sich Brasilien aus der unter Lula erreichten internationalen Führungsrolle zurückziehen würde. Für die ohnehin angespannten Nord-Süd-Beziehungen in der internationalen Klima- und Biodiversitätspolitik wäre dies ein empfindlicher Rückschlag und, je nach Verhandlungsstrategie zukünftiger brasilianischer Delegationen, potenziell eine zusätzliche Belastung.“
wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Umwelt-Governance, Fachrichtung Ökologische Ökonomie, German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Bonn
Veränderungen unter der aktuellen da Silva-Regierung
„Unter Lula haben sich drei Bereiche am deutlichsten verändert: die Entwaldung, die Durchsetzung des Umweltrechts und das internationale Ansehen Brasiliens. Seine Regierung hat die Kapazitäten der Vollzugsbehörden wiederhergestellt, den Amazonas-Fonds wiederbelebt und die Entwaldung bereits im ersten Jahr um die Hälfte verringert. In der ersten Hälfte des Jahres 2026 erreichte die Entwaldungsrate ihren tiefsten Stand seit einem Jahrzehnt. Im Vergleich dazu verlief der Trend in den Bolsonaro-Jahren völlig in die entgegengesetzte Richtung. Eine Analyse des Observatório do Clima (zivilgesellschaftliches Netzwerk zum Thema Klimawandel; Anm. d. Red.) ergab, dass die Abholzung im Amazonasgebiet während der Amtszeit Jair Bolonaros von 2019 bis 2022 im Vergleich zum vorangegangenen Vierjahreszeitraum um fast sechzig Prozent zunahm, während die vom IBAMA (zentrale Umweltbehörde Brasiliens; Anm. d. Red.) wegen Umweltverstößen verhängten Bußgelder um rund vierzig Prozent zurückgingen. Dies zeigt, wie sehr das Ergebnis davon abhängt, wer die Umweltbehörden leitet, und nicht nur von den zugrunde liegenden Gesetzen.“
Denkbare Folgen eines möglichen Regierungswechsels
„Im Gegensatz zu seinem Vater formuliert Flávio Bolsonaro seine Standpunkte in einer versöhnlichen Sprache, die sich eher an Investoren und die Agrarindustrie richtet und nicht als an offene Angriffe auf den Umweltschutz. Er verfolgt dabei jedoch Ziele, die inhaltlich eng an die seines Vaters angelehnt sind. In Altamira (Gemeinde im Bundesstaat Pará; Anm. d. Red.) erklärte er Vertretern der Agrarindustrie, er werde irreguläre Landtitel legalisieren und die Umweltaufsicht lockern. Auf der COP 2025 in Belém sprach er von einem ‚agilen‘ und ‚modernen‘ Genehmigungsverfahren mit ‚Rechtssicherheit‘, und bei einem weiteren Auftritt im Juni 2026 im Bundesstaat Pará plädierte er ausdrücklich für Gesetzesänderungen, um die Ausweitung von Ackerbau, Viehzucht und Bergbau im Amazonasgebiet zu erleichtern. Die von mehreren Umweltmedien zitierte Untersuchung der Zeitung ‚Folha de São Paulo‘ kam zu dem Schluss, dass von den sechs führenden Präsidentschaftskandidaten nur Lula ein Regierungsprogramm vorlegt, das dem Ausmaß der Klima- und Umweltkrise gerecht wird, während die anderen fünf das Thema vage behandeln und zentrale Punkte wie Emissionsminderungsziele ausklammern.“
„Ebenso wichtig wie die Wahlkampfrhetorik ist der anhaltende Einfluss der Agrarindustrie-Lobby im Kongress, unabhängig vom Wahlergebnis. Nur wenige Tage nach Abschluss der COP30 in Belém hob der Kongress, der von rechtsgerichteten und der Agrarindustrie nahestehenden Fraktionen dominiert wird, 52 von Lulas 63 Vetos gegen das Allgemeine Umweltgenehmigungsgesetz auf, das auf dem weithin als ‚Verwüstungsgesetz‘ bekannten Gesetzentwurf basierte. Das Observatório do Clima bezeichnete die Abstimmung als den schlimmsten Rückschlag für die Umweltgesetzgebung in Brasilien seit der Nationalen Umweltpolitik von 1981. Unter anderem weil das Gesetz die Beteiligung zuständiger Behörden an Projekten, die indigene und traditionelle Gebiete betreffen, einschränkt und die automatische Genehmigung für mittelgroße Projekte ausweitet. Dies zeigt, dass die strukturelle Macht der Agrarindustrie-Lobby im Kongress bereits während Lulas Amtszeit zum Tragen kommt und ein Regierungswechsel diese Dynamik wahrscheinlich eher verstärken als erst auslösen würde.“
Entwaldung und Bergbau
„Der Rückgang der Entwaldung in Brasilien unter Lula ist vor allem auf die wiederhergestellte Durchsetzung der Vorschriften und die Satellitenüberwachung zurückzuführen – Maßnahmen, die eine künftige Regierung schnell rückgängig machen könnte, wie es bereits nach 2019 geschehen ist. Diese Anfälligkeit zeigt sich bereits an anderer Stelle. Die brasilianische Kartellbehörde setzte im August 2025 die Durchsetzung des seit neunzehn Jahren bestehenden Amazonas-Soja-Moratoriums aus, und mehrere vom Agrarsektor dominierte Bundesstaaten haben seitdem Gesetze verabschiedet, die Unternehmen, die sich weiterhin daran halten, Steueranreize entziehen – ein Beleg dafür, wie weit die Agrarlobby bereits vor einem Regierungswechsel bei der Aushöhlung einer wegweisenden Schutzmaßnahme gegen die Entwaldung vorangekommen ist.“
„Ein weiterer Druckpunkt liegt unter der Erde: Brasilien verfügt über die zweitgrößten Vorkommen Seltener Erden der Welt, von denen ein Großteil im Amazonasgebiet liegt. Internationale Bergbauunternehmen wetteifern um die Sicherung ihrer Versorgung – ein Wettlauf, der bereits zu einem starken Anstieg der Explorationsanträge geführt und neue Umweltbedenken im Regenwald hervorgerufen hat, selbst unter einer Regierung, die sich nominell zu dessen Schutz verpflichtet hat. Eine Bolsonaro-Regierung, die weniger geneigt ist, Genehmigungsverfahren sowie Umwelt-, Territorial- und Menschenrechtsschutzmaßnahmen durchzusetzen, könnte diesen Wettlauf weiter beschleunigen und unter dem Banner der strategischen Mineralienunabhängigkeit weitere Teile des Amazonasgebiets für den Bergbau öffnen.“
Resilienz des Tropical Forest Forever Facility Fonds bei einem Regierungswechsel
„Die auf der COP30 ins Leben gerufene Tropical Forest Forever Facility (TFFF) zielt darauf ab, die Waldzuwächse Brasiliens nicht mehr vom Durchsetzungswillen einer einzelnen Regierung abhängig zu machen, und strebt Zahlungen in Höhe von 125 Milliarden Dollar an. Die Fortschritte verliefen schneller als erwartet: Die Weltbank fungiert nun als Treuhänder, Norwegen ist gemeinsam mit Brasilien federführend und hat 3 Milliarden Dollar zugesagt. Deutschland, Indonesien, Frankreich, Luxemburg und das Vereinigte Königreich sind inzwischen als Geldgeber hinzugekommen, wodurch sich die zugesagten Mittel bis Anfang September 2026 auf rund 7,4 Milliarden Dollar beliefen – etwa 2,6 Milliarden Dollar weniger als der für das Jahresende festgelegte Meilenstein von 10 Milliarden Dollar. Das ist zwar eine echte Dynamik, aber immer noch nur ein Bruchteil des 125-Milliarden-Dollar-Ziels, und da der Fonds auf Kredite und Anleihen statt auf Zuschüsse setzt, stehen die Renditen für Investoren weiterhin im Mittelpunkt ihres Konzepts, was zu einem Konflikt mit den Naturschutzzielen führen könnte, sofern sie nicht begrenzt und mit Zuschüssen sowie Zahlungen kombiniert werden, die den tatsächlichen Wert der Wälder widerspiegeln. Die Mindestquote von 20 Prozent für indigene Völker und lokale Gemeinschaften ist nur dann von Bedeutung, wenn sie mit direktem Zugang und transparenter Rechnungslegung einhergeht – ein Punkt, auf den Gruppen wie die ‚Global Alliance for Territorial Communities‘ nach wie vor drängen. Da Brasilien das diplomatisch konzipiert hat und weiterhin federführend ist, hängt ein Großteil der verbleibenden Dynamik davon ab, dass Brasília am Verhandlungstisch bleibt.“
„Eine der Naturschutzpolitik skeptisch gegenüberstehende Bolsonaro-Regierung könnte einfach aufhören, um neue Zusagen und Verpflichtungen zur gemeinsamen Leitung zu werben, sodass der Fonds auf seine anderen zugesagten Geldgeber – Norwegen, Deutschland, Indonesien, Frankreich, Luxemburg und das Vereinigte Königreich – angewiesen wäre, deren gemeinsame Zusagen das Projekt zwar am Leben erhalten würden, jedoch wahrscheinlich in geringerem Umfang und mit langsamerem Tempo bei der Schließung der verbleibenden Finanzierungslücke. Kurz gesagt: Der TFFF hat zwar echtes institutionelles Gewicht gewonnen, doch seine Fähigkeit, die Erfolge Brasiliens vor einer weniger engagierten Regierung zu schützen, hängt vom Governance-Kontext und ungelösten Gestaltungsfragen ab – nicht von den viel beachteten Zusagen. Die weitere Entwicklung des Fonds bleibt davon abhängig, ob Brasília weiterhin diplomatisches Kapital in ihn investiert.“
Rechtsruck in vielen Ländern Südamerikas führt zu weniger Klima- und Umweltschutz
„Mit einer größeren Perspektive betrachtet wird die Wahl in Brasilien am 4. Oktober darüber entscheiden, ob sich der Rechtsruck, der bereits den größten Teil Südamerikas prägt, auch auf das größte Land der Region ausweitet. Milei regiert Argentinien seit 2023, Noboa übernahm im selben Jahr die Macht in Ecuador, Rodrigo Paz beendete 2025 fast zwei Jahrzehnte linker Herrschaft in Bolivien, Kast gewann im Dezember desselben Jahres mit 58 Prozent der Stimmen die Wahl in Chile, Keiko Fujimori gewann im Juni knapp die Präsidentschaftswahlen in Peru, , und de la Espriella Otero gewann in Kolumbien mit weniger als einem Prozentpunkt Vorsprung, bevor er im August vereidigt wurde.“
„Seit seinem Amtsantritt hat Milei in Argentinien steuerliche Anreize ausgeweitet, um die Schiefergasförderung in Vaca Muerta zu beschleunigen, wodurch die argentinische Ölproduktion auf ein in diesem Jahrhundert noch nie dagewesenes Niveau stieg, während er gleichzeitig das Umweltministerium herabstufte und vorzeitig aus der COP29 im Jahr 2024 in Baku ausstieg – Maßnahmen, die dem Land eine Bewertung als ‚kritisch unzureichend‘ seitens des Climate Action Tracker einbrachten.“
„Kolumbien hat einen noch drastischeren Kurswechsel vollzogen, da de la Espriella Otero daran arbeitet, das Fracking-Verbot seines Vorgängers Gustavo Petro und den Genehmigungsstopp rückgängig zu machen. Er verspricht Verordnungen zur Wiederaufnahme der Exploration und zur fast doppelten Steigerung der Produktion und beharrt darauf, dass eine Energiewende hin zu sauberer Energie nur im Zuge eines wiederbelebten Ölsektors erfolgen könne. Seine Regierung hat zudem signalisiert, offen für eine Wiederbelebung des Goldprojekts ‚Soto Norte‘ im Santurbán-Páramo zu sein – einer Wasserquelle für rund zwei Millionen Menschen, die Gustavo Petro bisher unter Schutz gestellt hatte. De la Espriella Oteros Umweltminister hat das Projekt öffentlich unterstützt, was seine Verbindungen zu dem dahinterstehenden Bergbauunternehmen in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt hat.“
„In Peru hat Fujimori in Bezug auf die Rohstoffgewinnung einen ähnlichen Kurs eingeschlagen, allerdings im Bergbau statt im Ölsektor: Sie hat ein beschleunigtes Genehmigungsverfahren und steuerliche Anreize versprochen, um Bergbauinvestitionen in Höhe von 64 Milliarden Dollar voranzutreiben, darunter auch das seit 2012 ins Stocken geratene Conga-Projekt – obwohl eine Regierungsstudie davor warnt, dass dieser Vorstoß Unruhen auslösen könnte, da die umliegenden Gemeinden, die nach früheren Wasserstreitigkeiten misstrauisch sind, größtenteils gegen sie gestimmt haben.“
„Boliviens Paz und Chiles Kast haben jeweils ähnliche Prioritäten signalisiert und die Genehmigungsverfahren für den Lithium-Abbau in der Atacama-Salzwüste vereinfacht, wo Verdunstungsbecken an einem der trockensten Orte der Erde das Grundwasser absenken.“
„In der gesamten Region wird die Rohstoffgewinnung als Frage der Energie- oder wirtschaftlichen Sicherheit dargestellt – ein Druck, der angesichts der finanziellen Belastungen, denen viele dieser Regierungen ausgesetzt sind, durchaus real ist. Doch der Zusammenhang zwischen der Ausweitung der Rohstoffgewinnung und den extremen Wetterereignissen, die mittlerweile auf dem gesamten Kontinent immer wieder auftreten und durch einen bereits jetzt heftig wütenden Super-El-Niño noch verstärkt werden, hat sich nicht abgeschwächt, auch wenn die Politik in die entgegengesetzte Richtung gelenkt wurde.“
„Die Wahl in Brasilien wird entscheiden, ob Lulas Klimabilanz und die Institutionen, die so aufgebaut wurden, dass sie jede einzelne Regierung überdauern, dieser Strömung standhalten können – oder ob sich die größte Volkswirtschaft der Region ihren Nachbarn anschließt und auf die Rohstoffgewinnung als Antwort auf wirtschaftliche Ängste setzt.“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[] Brasilianisches Institut für Geografie und Statistik: Bruttoinlandsprodukt 1996 bis 2026. Webseite.
[] Brasilianisches Institut für Geografie und Statistik: Arbeitslosenquote 2012 bis 2026. Webseite.
[] Santos M (03.12.2025): Brasil chega aos menores níveis de pobreza e extrema pobreza da série histórica do IBGE. Nachrichtenportal G1 – Globo. Artikel auf Portugiesisch.
[] Resende T (28.07.2025): Brasil sai novamente do Mapa da Fome, segundo relatório da ONU. Nachrichtenportal G1 – Globo. Artikel auf Portugiesisch.
[] Peixoto R (07.08.2025): Alertas de desmatamento na Amazônia caem 36,9% e atingem menor nível da série do Inpe; Cerrado tem queda de 7,8%. Nachrichtenportal G1 – Globo. Artikel auf Portugiesisch.
[] Struck JP (11.09.2026): Moraes, Toffoli, Flávio: As 3 grandes frentes do caso Master. Deutsche Welle. Artikel auf Portugiesisch.
[] Ehringfeld K (24.09.2026): Banken-Skandal mischt Wahlkampf in Brasilien auf. Frankfurter Rundschau.
[] Pokorny B et al. (2021): Forest frontiers out of control: The long-term effects of discourses, policies, and markets on conservation and development of the Brazilian Amazon. Ambio. DOI: 10.1007/s13280-021-01637-4.
[] Ziegert RF (2027). When governments shift, do policies follow?Tracing policy change in Brazil’s land use regulatory framework. Land Use Policy. DOI: 10.1016/j.landusepol.2026.108326.
Prof. Dr. Eduardo Gonçalves Gresse
außerordentlicher Professor für Soziologie, soziale Dynamik des ökologischen Wandels, Fakultät für Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Benno Pokorny
Professor bei der Professur für Waldbau, Institut für Forstwissenschaften, Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Dr. Samuel Siewers
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Regionalinstitut Institut für Lateinamerika-Studien, GIGA German Institute of Global and Area Studies / Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (GIGA), Hamburg
Dr. Steffen Bauer
wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Umwelt-Governance, Fachrichtung Politikwissenschaft, German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Bonn
Dr. Jean Carlo Rodriguez
wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Umwelt-Governance, Fachrichtung Ökologische Ökonomie, German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Bonn