Übertragung des Andes-Virus
Passagiere der MV Hondius werden in ihren Heimatländern quarantänisiert und untersucht
WHO und ECDC empfehlen Schutzmaßnahmen, die einigen Forschenden nicht weit genug gehen
laut Expertin und Experte sollten höchste Schutzmaßnahmen umgesetzt werden, aber Luft ist anhand bestehender Evidenz nicht der primäre Übertragungsweg
Das Kreuzfahrtschiff MV Hondius, auf dem es einen Ausbruch mit dem Andes-Virus gab, erreichte am 18.05.2026 den Hafen von Rotterdam, wo die verbliebenen 27 Passagiere von Bord und direkt in Quarantäne gehen werden. Bis zum 17. Mai wurden insgesamt zwölf Infektionsfälle gemeldet, darunter neun bestätigte, zwei wahrscheinliche und ein unklarer Fall. Drei Personen starben infolge der Infektion, die von Mensch zu Mensch übertragen werden kann [I].
Bereits in den Tagen zuvor verließen Passagiere das Schiff und wurden von Gesundheitsbehörden in ihre Heimatländer und in medizinische Beobachtung gegeben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) veröffentlichen eine Empfehlung, wie die Quarantäne gestaltet werden sollte und wie weitere Übertragungen durch Schutzausrüstung verhindert werden können [II] [III].
Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Hamburg
Maßnahmen zur Verhinderung einer Andes-Virus-Übertragung
„Maßnahmen sollten einen möglichen Luftweg unbedingt mitbedenken. Das spielt insbesondere in Innenräumen, bei längerem engem Kontakt und im medizinischen Bereich eine Rolle. Beim Andes-Virus sind Mensch-zu-Mensch-Übertragungen beschrieben, besonders bei Haushaltskontakten, Partnern, Pflegekontakten und anderen Situationen mit enger und längerer Exposition. Aus früheren Ausbrüchen lässt sich ableiten, dass respiratorische Körperflüssigkeiten eine Rolle spielen können. Ob man dies im Einzelfall als Tröpfchen-, Kurzstrecken-Aerosol- oder Mischform beschreibt, ist nicht immer scharf zu trennen. Das ist auch bei anderen Erregern oft schwierig, weil ‚Tröpfchen‘ und ‚Aerosole‘ kein biologisch sauber getrenntes Entweder-oder sind, sondern ein Partikelspektrum. Für das praktische Management heißt das: In der Nähe von Erkrankten, besonders in schlecht belüfteten Innenräumen und bei medizinischer Versorgung, sollte man vorsorglich auch die Luftübertragung mitdenken.“
„Für den medizinischen Bereich halte ich einen reinen ‚Tröpfchen‘-Schutz mit einfacher medizinischer Maske für nicht ausreichend, wenn ein bestätigter oder hochverdächtiger Andes-Virus-Fall versorgt wird. Die Kombination aus Handschuhen, Schutzkittel, Augenschutz und FFP2-Atemschutz ist aus meiner Sicht angemessen, weil sie nicht nur klassische Tröpfchen, sondern auch kleinere respiratorische Partikel im Nahbereich deutlich besser berücksichtigt. Für Passagiere und Kontaktpersonen ist die Lage aber anders! Eine medizinische Maske dient dort vor allem der Quellkontrolle und als pragmatische Zusatzmaßnahme, etwa bei Transport, Screening oder Situationen, in denen Abstand nicht immer sicher einzuhalten ist. Sie ersetzt aber nicht Maßnahmen wie Quarantäne, Kontaktmanagement, Symptommonitoring, Lüftung, Abstand und sofortige Isolation bei Symptomen. Strenge Schutzmaßnahmen bedeuten eben nicht automatisch, dass ein Erreger effizient ‚airborne‘ im Sinne von Masern oder SARS-CoV-2 übertragen wird. Sie sind im aktuellen Fall Ausdruck des Vorsorgeprinzips, weil das Krankheitsbild schwer sein kann, die Datenlage begrenzt ist und medizinisches Personal besonders geschützt werden muss.“
Direktorin des Zentrums für Neuartige Viruskrankheiten, Universitätskliniken Genf, Schweiz
Diskussion über Übertragung über den Luftweg
„Die Autorinnen und Autoren des BMJ-Beitrags schreiben: ‚Biological plausibility is also strong. Andes virus RNA and antigen have been detected in saliva and respiratory associated specimens, and infectious virus has been recovered from patient derived materials’. Hier wird unterschlagen, dass diese Detektion nur bei einem kleineren Teil der Patienten stattfand. Und von einem nochmals kleineren Teil konnte nur Virus isoliert werden – die Hauptviruslast wird im Blut gefunden. Es ist kein respiratorisches Virus, und auch die pulmonale Symptomatik entsteht nicht durch eine Viruspneumonie sondern durch die Flüssigkeitsverschiebungen. Es gibt eine sehr gute Studie zur Virusausscheidung [1].“
„Es gibt auch weitere Literatur, die eine relevante Luftübertragung unwahrscheinlich erscheinen lässt [2]. Dieser Bericht beschreibt eine mit dem Andes-Virus infizierte Patientin, die im Flugzeug 53 Kontakte hatte und keinen angesteckt hat. Ebenso gibt es eine Haushaltsstudie, in der sich nur 3,4 Prozent der Kontakte angesteckt haben, mit einem erhöhten Risiko für Sexualpartner und Partner mit engem Kontakt (ohne Sex) wie Küssen oder im gleichen Bett schlafen [3].“
„Ich glaube man kann sagen, auch wenn es noch Wissenslücken zur Übertragung des Andes-Virus gibt, so geben diese epidemiologischen Daten keinen Hinweis für eine effiziente oder relevante Rolle von Luftübertragung. Es ist kein Virus, dass über lange Zeit in der Luft bleibt, wie beispielsweise Masern oder SARS-CoV-2, sonst würden wir deutlich mehr Übertragungen in den Endemiegebieten sehen.“
„Ich habe das Gefühl, dass die Übertragung über die Luft oft mit ‚besonders ansteckend und Pandemie-Gefahr‘ gleichgesetzt wird, was ich für ungeschickt halte. Wir haben es hier mit keinem neuen Virus zu tun, sondern mit einem Erreger, der seit Jahrzehnten bekannt ist. Man sollte es deswegen nicht auf die leichte Schulter nehmen, aber es ist eben kein respiratorisches Virus mit hohem Übertragungspotenzial.“
Alle: Keine Angaben erhalten.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Ferrés M et al. (2024): Viral shedding and viraemia of Andes virus during acute hantavirus infection: a prospective study. The Lancet Infectious Diseases. DOI: 10.1016/S1473-3099(24)00142-7.
[2] Kofman A et al. (2018): Contact Tracing Investigation after First Case of Andes Virus in the United States — Delaware, February 2018. Morbidity and Mortality Weekly Report.
[3] Ferrés M et al. (2007): Prospective Evaluation of Household Contacts of Persons with Hantavirus Cardiopulmonary Syndrome in Chile. The Journal of Infectious Diseases. DOI: 10.1086/516786.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] European Centre for Disease Prevention and Control (17.05.2026): Andes hantavirus outbreak in cruise ship, 17 May 2026.
[II] European Centre for Disease Prevention and Control (09.05.2026): Rapid scientific advice on the management of passengers - In the context of the Andes virus outbreak on the cruise ship MV Hondius.
[III] World Health Organization (13.06.2026): Hantavirus cluster linked to cruise ship travel, Multi-country.
Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit
Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Hamburg
Prof. Dr. Isabella Eckerle
Direktorin des Zentrums für Neuartige Viruskrankheiten, Universitätskliniken Genf, Schweiz