Therapie bei Narkolepsie – Ergebnisse aus Phase-III-Studien
Wirkstoff Oveporexton hilft gegen krankhafte Einschlafneigung
bisher erstes Medikament, das bei der Krankheitsursache ansetzt
Forschende bestärken die Bedeutung der positiven Ergebnisse
Die Ergebnisse von zwei Phase-III-Studien zeigen, dass die Schlafkrankheit Narkolepsie Typ 1 mit dem Medikament Oveporexton erfolgreich behandelt werden kann. Sie wurden im Fachjournal „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht (siehe Primärquelle). Das Medikament der Pharmafirma Takeda erhielt basierend auf den Studienergebnissen im Juli und August bereits eine Zulassung in China, Japan und den Vereinigten Staaten von Amerika [I][II][III]. Eine Zulassung in der Europäischen Union steht noch aus.
Narkolepsie ist eine neurologische Erkrankung mit gestörter Schlaf-Wach-Regulation. Etwa 80 bis 90 Prozent der Betroffenen leiden an Typ 1. Die Symptome sind eine ungewöhnlich starke, oft kaum kontrollierbare Tagesschläfrigkeit und eine Kataplexie: Dabei erschlafft die Muskulatur bei vollem Bewusstsein plötzlich, oft ausgelöst durch emotionale Trigger. Auch Schlaflähmungen, gestörter Nachtschlaf sowie sehr lebhafte traumartige Wahrnehmungen beim Einschlafen oder Aufwachen können zum Krankheitsbild gehören.
Geschäftsführende Oberärztin der Neurologie am Neurozentrum, Universitätsklinikum Bergmannsheil, Bochum
Einordnung der Studienergebnisse
„Die Studienergebnisse sind wirklich sensationell. Die Verbesserung der Einschlaflatenz in dem hier durchgeführten Wachbleibetest reduziert sich unter der niedrigen Dosis um 12,5 Minuten und unter der höheren Dosierung um 15,9 Minuten. Das ist wirklich eine massive Verbesserung.“
Untersuchungszeitraum von zwölf Wochen
„Das ist eine extrem wichtige Einschränkung. Auch wenn die Studienergebnisse große Hoffnung versprechen, fehlen uns bisher Langzeitdaten, die natürlich wahnsinnig wichtig sind. Vor allem müssen Langzeitdaten zeigen, ob die Wirksamkeit nach einer über dreimonatigen Einnahme nachlässt, ob andere, bisher nicht berichtete, Nebenwirkungen auftreten und Weiteres. Die jetzt publizierten Daten erlauben noch nicht, darauf eine Antwort zu geben. Es wird auch interessant sein, welchen Einfluss das Medikament auf andere Symptome der Narkolepsie haben wird.“
Einordnung der Nebenwirkungen
„Die bisher berichteten Nebenwirkungen sind in den Studien moderat oder mild gewesen und waren oft nur vorübergehend. Am häufigsten traten eine Ein- und Durchschlafstörung, Harndrang und erhöhte Frequenz nötiger Toilettengänge auf. Therapieabbrüche waren äußerst selten. Die meisten Proband:innen (95 Prozent) haben die Möglichkeit genutzt, in eine ‚Extension-Studie‘ zu switchen. Das könnte darauf hinweisen, dass das Medikament nicht nur zu einer guten Symptomverbesserung geführt hat, sondern auch gut vertragen wurde.“
Relevanz der Ergebnisse für andere Erkrankungen
„Das bleibt bisher unbeantwortet und ist spekulativ. Aus den Vorstudien zeigt sich, dass Ovoporexton auch bei Menschen mit Narkolepsie Typ 2 wirken kann. Man kann sich also auch vorstellen, dass andere Erkrankungen, die mit einer Tagesschläfrigkeit verbunden sind, profitieren könnten.“
„Orexin ist ein Neuropeptid, das multiple Funktionen hat. Es könnte gegebenenfalls auch in anderen Bereichen eingesetzt werden, die über die Beeinflussung von Schläfrigkeit hinaus gehen. Die weiteren auch langfristigen Studienergebnisse und den dabei sicherlich auch untersuchten Einsatz bei anderen Erkrankungen sind sicherlich wahnsinnig spannend zu verfolgen.“
Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums, Charité – Universitätsmedizin Berlin, und Gast-Professor Southwest Medical University Affiliated Zigong Hospital, China
Einordnung der Studienergebnisse
„Der Orexin-Agonist Oveporexton hat in zwei klinischen Phase-III-Studien eindeutig seine Effektivität nachgewiesen. Narkolepsie-Patienten mit bekannten Kataplexien profitieren hinsichtlich der Tagesschläfrigkeit als auch des Auftretens der kataplektischen Attacken.“
Wirkweise
„Die bisherigen wenigen Medikamente haben meist entweder die Tagesschläfrigkeit oder die Kataplexien bessern können. Oveporexton wirkt, indem es den körpereigenen Orexin-Zyklus wiederherstellt und die Wirkung des natürlichen Botenstoffs im Gehirn nachahmt. Der Wirkstoff setzt damit an der Ursache der Erkrankung an, einem Orexin-Mangel. Es kann somit ein sogenannter ‚Game Changer‘ werden: besser und nachhaltiger wirken als bisherige Therapien.“
Einordnung der Nebenwirkungen
„Die häufige Nebenwirkung eines zeitweise schlechteren Nachtschlafs, einer Insomnie, ist dabei zu berücksichtigen.“
Inhaber der Stiftungsprofessur für Narkolepsie- und Hypersomnolenzforschung, Institut für Immunologie, Private Universität Witten/Herdecke gGmbH
„Bei Narkolepsie Typ 1 liegt ein Verlust von Orexin- (synonym Hypokretin-) produzierenden Neuronen vor. Der Orexinmangel wird als zentrale Ursache für sämtliche Symptome der Narkolepsie angesehen.“
„Bisherige Behandlungen sind nur symptomatisch und wirken über einzelne Neurotransmitter wie Noradrenalin, Histamin oder Dopamin. Diese Medikamente zielen darauf ab, die Tagesschläfrigkeit beziehungsweise die Kataplexien zu verringern und/oder den Nachtschlaf zu verbessern. Sie greifen jedoch alle nicht in das Orexinsystem ein.“
Einordnung der Studienergebnisse
„In zwei im ‚New England Journal of Medicine‘ vorgestellten Phase-III-Studien wurde der Orexin-Rezeptor-Agonist Oveporexton klinisch evaluiert. In beiden Studien führte die Therapie bei Tests zu einer Normalisierung der Werte, die dem Niveau gesunder Personen entsprach. Die Daten zeigten eine signifikante Verlängerung der Einschlaflatenz im Maintenance of Wakefulness Test (MWT) sowie eine sehr deutliche Reduktion der exzessiven Tagesschläfrigkeit (ESS-Score) und der wöchentlichen Kataplexie-Rate. Aus diesen Studiendaten leitet sich für die betroffenen Patienten die Perspektive einer weitgehend normalen Alltagsbewältigung ab.“
„Ein direkter Vergleich mit bestehenden Therapien fehlt zwar; die ausgeprägte Effektstärke und die erreichte Normalisierung der Parameter deuten jedoch auf eine klinische Überlegenheit von Oveporexton hin.“
Einordnung der Nebenwirkungen
„Die Nebenwirkungen waren eher mild und vorübergehend, schwerwiegende Ereignisse traten nicht auf. Daten zur Langzeitsicherheit sowie zur Anwendung im Alltag bei Patienten mit Begleiterkrankungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten müssen jedoch noch abgewartet werden.“
Relevanz der Ergebnisse für andere Erkrankungen
„Die Ergebnisse sind auch für andere Erkrankungen mit ausgeprägter Tagesschläfrigkeit relevant. Da Orexin als zentrales neuronales Steuerungselement fungiert, ist sein therapeutisches Potenzial bei Indikationen wie ADHS, Depressionen oder der Appetitregulation derzeit auch Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Forschung.“
„Ich habe Vorträge gehalten und Beratertätigkeiten ausgeübt für folgende Firmen: Idorsia, Inspire, Löwenstein Medical, Vanda, Takeda, Bioprojet.“
„Ich war Vortragender für Bioprojet und Takeda sowie Berater für Takeda.“
„Aufgrund der Seltenheit der Narkolepsie ist der Kreis der ausgewiesenen Experten auf diesem Fachgebiet naturgemäß begrenzt. Die Teilnahme an wissenschaftlichen Beiräten (Advisory Boards) für die Firmen Bioprojet, Takeda, Alkermes und Pharmanovia sowie meine Beteiligung an weiteren Publikationen gemeinsam mit einzelnen Autoren der aktuellen NEJM-Studie begründen keinen Interessenkonflikt. Die wissenschaftliche Bewertung der Studienergebnisse erfolgt unabhängig und unbefangen.“
Primärquelle
Dauvilliers Y et al. (2026): Oveporexton for Narcolepsy Type 1 — Results from Two Phase 3 Trials. NEJM. DOI: 10.1056/NEJMoa2601598.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Takeda (22.07.2026): Takeda’s ORZEYFUL (oveporexton) Approved in China as First Orexin Agonist and Only Medicine to Treat Narcolepsy Type 1. Pressemitteilung.
[II] Business Wire (24.08.2026): ORZEYFUL (oveporexton) Approved in Japan as the First and Only Medicine to Treat the Underlying Cause of Narcolepsy Type 1.
[III] US Food und Drug Administration (05.08.2026): FDA Approves First Drug to Treat the Full Range of Narcolepsy Type 1 Symptoms. Pressemitteilung.
PD Dr. Anna Heidbreder
Geschäftsführende Oberärztin der Neurologie am Neurozentrum, Universitätsklinikum Bergmannsheil, Bochum
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe Vorträge gehalten und Beratertätigkeiten ausgeübt für folgende Firmen: Idorsia, Inspire, Löwenstein Medical, Vanda, Takeda, Bioprojet.“
Prof. Dr. Ingo Fietze
Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums, Charité – Universitätsmedizin Berlin, und Gast-Professor Southwest Medical University Affiliated Zigong Hospital, China
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich war Vortragender für Bioprojet und Takeda sowie Berater für Takeda.“
Prof. Dr. Ulf Kallweit
Inhaber der Stiftungsprofessur für Narkolepsie- und Hypersomnolenzforschung, Institut für Immunologie, Private Universität Witten/Herdecke gGmbH
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Aufgrund der Seltenheit der Narkolepsie ist der Kreis der ausgewiesenen Experten auf diesem Fachgebiet naturgemäß begrenzt. Die Teilnahme an wissenschaftlichen Beiräten (Advisory Boards) für die Firmen Bioprojet, Takeda, Alkermes und Pharmanovia sowie meine Beteiligung an weiteren Publikationen gemeinsam mit einzelnen Autoren der aktuellen NEJM-Studie begründen keinen Interessenkonflikt. Die wissenschaftliche Bewertung der Studienergebnisse erfolgt unabhängig und unbefangen.“