Studie: Kühlwirkung von Waldbrandflächen nimmt ab
schneebedeckten Waldbrandflächen im borealen Nadelwald können eine klimakühlende Wirkung entfalten, der Effekt ist infolge rückläufiger Schneebedeckung seit den 1960er Jahren aber schwächer geworden
Nadelwälder im Norden der Nordhemisphäre binden große Mengen Kohlenstoff und sind zugleich ein empfindliches Element des Klimasystems
laut Expertin und Experte ist der Kühleffekt von Waldbrandflächen durch erhöhte Schneealbedo in der Forschung nicht neu; Studie liefert jedoch großräumige Quantifizierung des Effekts auf Grundlage der Waldbrandsaison 2023 in Kanada
Von Waldbrandflächen in der borealen Zone kann eine klimakühlende Wirkung ausgehen. Was paradox klingen mag, liegt daran, dass auf den abgebrannten Flächen im Winter und bis in den darauffolgenden Frühling eine geschlossene Schneedecke liegen kann. Diese reflektiert die Sonneneinstrahlung stark und trägt so zu einer geringeren Erwärmung bei. Allerdings ist es im Vergleich zu früheren Jahrzehnten mittlerweile weniger wahrscheinlich, dass von den schneebedeckten Waldbrandflächen durch Reflexion eine klimakühlende Wirkung ausgeht. Zu dieser Erkenntnis kommen Forschende in einem aktuellen Beitrag im Fachjournal „PNAS“, der am 01.06.2026 erschienen ist (siehe Primärquelle).
Großflächige Waldbrände entfalten über verschiedene Mechanismen Klimawirkung. Das bei den Bränden freigesetzte CO2 wirkt in der Atmosphäre als Treibhausgas, zudem geht die verbrannte Vegetation als Kohlenstoffspeicher verloren – ehemalige Waldflächen werden so für Jahre von Kohlenstoffsenken zu Kohlenstoffquellen [VI]. Gleichzeitig erwärmt sich die Fläche häufig stärker, weil Schatten und Verdunstungskühlung verloren gehen. Ebenso verändert sich die Albedo der Fläche – also der Anteil der von der Fläche reflektierten Sonneneinstrahlung. Ist der zurückbleibende Boden nach dem Brand dunkler als vorher die Waldfläche, wird weniger Sonnenlicht reflektiert, so wird auch weniger Wärmestrahlung ins All abgegeben. Weißer Schnee hat eine hohe Albedo, grüne Flächen wie Wälder hingegen eine geringere [I].
Leiter der Arbeitsgruppen Ökosystem-Ökologie und Walddynamik, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), Birmsdorf, Schweiz, und Dozent am Departement Umweltsystemwissenschaften, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), Zürich, Schweiz
Der „paradoxe" Kühleffekt – Einordnung und Qualität der Studie
„Der Kühleffekt von Waldbrandflächen durch erhöhte Schneealbedo ist in der Forschung nicht neu. Studien, die im aktuellen Artikel zitiert werden [1] [2], haben gezeigt, dass der Verlust der dunklen, strahlungsabsorbierenden Nadelwaldvegetation, die Rückstrahlung durch den hellen Schnee im Frühjahr erhöht und dadurch einen regional bedeutsamen Kühleffekt erzeugen kann, der die Klimawirkung des durch Waldbrände emittierten CO2 teilweise oder vollständig kompensiert.“
Langfristigkeit, Dynamik und methodische Unsicherheiten
„Was die vorliegende Studie leistet, ist eine großräumige, satellitengestützte Quantifizierung dieses Effekts für die Rekordbrandsaison 2023 in Kanada – und das mit einem methodisch robusten Ansatz auf Basis von Fernerkundungsdaten und maschinellem Lernen. Der ermittelte Kühleffekt von minus 3,41 Watt pro Quadratmeter verbrannter Fläche über 70 Jahre liegt im Bereich früherer Feldstudien und ist damit plausibel. Insgesamt handelt es sich um eine methodisch solide Arbeit, die auf einen etablierten methodischen Rahmen aufbaut und den Effekt auf großer räumlicher Skala erstmals in dieser Breite erfasst.“
„Die 70-Jahres-Prognose basiert auf einem sogenannten ‚Space-for-Time‘-Ansatz: Räumliche Unterschiede in der Veränderung der Albedo zwischen Brandflächen verschiedenen Alters werden genutzt, um zeitliche Verläufe zu modellieren. Das ist methodisch gängig, birgt aber Unsicherheiten, die von den Autoren aber angesprochen werden – insbesondere, wenn zukünftige Klimabedingungen außerhalb des Trainingsbereichs des Modells liegen, was nahe der Baumgrenze besonders relevant ist. Zudem wird der Permafrost als statische Größe behandelt, obwohl sein Auftauen die Vegetationserholung und damit die Albedo-Dynamik erheblich verändern kann.“
„Im Model nicht explizit berücksichtigt ist auch die zunehmende Dominanz von Laubgehölzen wie etwa Birke und Zitterpappel nach Bränden, die die Albedo-Signatur gegenüber Nadelbäumen verändert. Schwere Waldbrände, die tief in organische Böden einbrennen, legen Mineralboden frei und begünstigen dadurch die Etablierung von Laubbäumen, die für Jahrzehnte dominieren können. Da Laubaumbestände eine höhere Oberflächenreflektivität aufweisen als immergrüne Nadelbäume und im Frühjahr – bei noch vorhandener Schneebedeckung und geringer oder noch ganz fehlender Blattmasse – besonders viel Sonnenstrahlung reflektieren, erzeugen von Laubbäumen dominierte Sukzessionsstadien (natürliche, schrittweise Abfolge von verschiedenen Lebensgemeinschaften auf einer Fläche im Laufe der Zeit; Anm. d. Red.) einen stärkeren Kühleffekt als Nadelwaldbestände. Mit zunehmendem Klimawandel und häufigeren Bränden könnte die klassische Sukzession zurück zu Schwarzfichte oder Kiefer seltener werden, sodass die Persistenz von Laubwaldbeständen verlängert werden könnte.“
„Die Autoren nehmen stattdessen eine deterministische Vegetationserholung an. Allerdings quantifizieren sie den Effekt einer Laubholzsukzession als Unsicherheitsquelle: Eine erhöhte Laubholzdominanz würde zu einem zusätzlichen Kühlsignal von minus 0,038 ± 0,006 Watt pro Quadratmeter führen, was einer relativen Unsicherheit von etwa 1,12 Prozent auf den Gesamteffekt entspricht. Insgesamt ist diese Unsicherheit im Vergleich zum Gesamtsignal also gering.“
Übertragbarkeit auf andere boreale Regionen und globale Bedeutung
„Das Modell wurde auf nordamerikanische Verhältnisse, das heißt Kanada und Alaska kalibriert und ist nicht direkt auf Sibirien oder Skandinavien übertragbar. Zwar gilt das physikalische Grundprinzip – Schnee-Exposition nach Waldbränden hat einen Kühlungseffekt durch erhöhte Rückstrahlung – auch dort, doch unterscheiden sich Schneeregime, Vegetationstypen, Permafrostverbreitung und Klimadynamik erheblich. Insbesondere in Sibirien, wo laubwerfende Lärchen dominieren und die Schneebedeckung andere saisonale Muster aufweist, könnten die Effekte quantitativ abweichen.“
„Die zentrale Botschaft der Studie – dass der Kühleffekt durch den Klimawandel schwindet – dürfte jedoch für die gesamte boreale Zone Gültigkeit haben: Kürzere Perioden mit Schneebedeckung und frühere Schneeschmelze verrringern überall den Albedo-Kühleffekt nach Bränden. Das ist klimatisch bedeutsam, weil boreale Wälder damit einen wichtigen negativen Rückkopplungsmechanismus verlieren und Waldbrände zunehmend zu einem positiven Klimarückkopplungskreislauf beitragen.“
Leiterin der Arbeitsgruppe Modellierung Globaler Landökosysteme und Leiterin der Abteilung Ökosystem-Atmosphäre Interaktionen, Institut für Meteorologie und Klimaforschung Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Campus Alpin, Garmisch-Partenkirchen
Die Bedeutung von Feuer für Ökosysteme
„Feuer ist ein integraler Bestandteil vieler Ökosysteme, auch in der borealen Zone. Es trägt zur Verjüngung von Wäldern bei und ist für manche Arten sogar essenziell für die Samenverbreitung. Allerdings werden durch den Klimawandel heiße und trockene Perioden häufiger, und damit steigt natürlich auch das Brandrisiko. Auch kann durch Hitze beziehungsweise Trockenheit mehr Totholz vorliegen, wenn Bäume direkt oder aber auch durch Insektenbefall absterben. Feuer, Wälder und Klimawandel stehen in einem komplexen Verhältnis. Projektionen, wie sich diese mittel- und langfristig verändern und welchen Rückkopplungseffekt dies auf den Klimawandel hat, ist ein sehr aktives Forschungsfeld.“
Der „paradoxe" Kühleffekt – Einordnung und Qualität der Studie
„Generell unterscheiden wir – was den Land-Atmosphären-Austausch hinsichtlich des Klimawandels anbelangt – die biogeochemischen Prozesse, wie beispielsweise CO2-Emissionen und Aufnahme von Pflanzen und Boden, und biophysikalische Prozesse, wie etwa Änderung der Oberflächenalbedo oder Änderungen in der Transpiration. Beides gegeneinander zu verrechnen ist nicht wirklich einfach und hängt auch davon ab, welche räumliche Perspektive man einnimmt: CO2 ist ein in der Atmosphäre langlebiges Gas, und wird in der Atmosphäre transportiert, so dass es für den Klimawandel zunächst mal keine Rolle spielt, wo genau das CO2 emittiert wird.“
„Albedo- oder Transpirationsänderungen wirken vorwiegend auf das lokale oder regionale Klima. Gerade im borealen Wald werden die biogeochemischen gegenüber den biophysikalischen Prozesse schon seit langem untersucht und diskutiert. Der Klimaeffekt der CO2-Aufnahme und -Speicherung in Wald und Boden wird im Vergleich zum wärmenden Effekt der geringen Albedo des Waldes, wenn beispielsweise im Frühjahr der Schnee schneller von den Wipfeln abschmilzt, diskutiert. Die aktuelle Studie, die sich auf CO2-Emissionen und Albedo von Brandflächen bezieht, bringt somit eine neue Komponente in diese Diskussion ein.“
Langfristigkeit, Dynamik und methodische Unsicherheiten
„Mir persönlich scheint die Annahme, dass erst nach 70 Jahren kein Unterschied zwischen post-Feuer-Albedo und Albedo des Waldes ohne Feuereinfluss mehr vorhanden ist, recht lang. Auch weil wärmere Temperaturen und CO2 im Rahmen des Klimawandels Vegetationswachstum in der borealen Zone fördern. Allerdings sind häufig die nachwachsenden Pionierarten wechselgrün und haben im Winter keine Blätter. Sprich: Die Albedo kann länger höher bleiben als bisher vielleicht vermutet.“
„Dass mit der Erwärmung kürzere Schneebedeckung einhergeht, die den hier berechneten Kühlungseffekt verringern, ist sicher ein robustes Ergebnis und erstmal nicht überraschend, wobei es natürlich immer ein wichtiger Beitrag ist, diese tatsächlich auch quantitativ zu berechnen. Was mir aber an der Studie fehlt, ist eine Betrachtung anderer biophysikalischer Effekte, wie Evapotranspiration durch Pflanzen und Böden (Gesamtverdunstung einer bewachsenen Landoberfläche; Anm. d. Red.) in der Vegetationsperiode oder auch der sogenannten Oberflächen-Rauigkeit. In meinen Augen wäre dies schon wichtig, um eine vollständige Aussage zu den biophysikalischen post-Feuereffekten zu erzielen. Letztlich hebt die Studie aber sicherlich einen Prozess hervor, der bisher vielleicht nicht ausführlich genug in Analysen – auch in gekoppelten Modellexperimenten nicht – einbezogen wurde.“
Übertragbarkeit auf andere boreale Regionen und globale Bedeutung
„Die hier untersuchten Prozesse sind sicherlich auch für andere Regionen der borealen Zone relevant, wobei die Zahlenwerte sicherlich je nach Vegetationstyp, Breiten- und Längengrad, Feuerregime variieren. Aussagen, wie sich die biophysikalischen Klimaeffekte gegenüber biogeochemischen global auswirken, sind extrem komplex – auch weil die biophysikalischen Effekte in den gemäßigten Breiten und vor allem in den Tropen von anderen Prozessen dominiert sind. Hinzu kommt, dass eben CO2-Emissionen und -Aufnahme immer einen globalen Klima-Impact haben, während biophysikalische Effekte eher regional wirken. Allerdings kann es auch hier komplexe ‚Telekopplungen‘ geben. Von daher sind diese biophysikalischen Wechselwirkungen vielleicht auch eher ein Thema für die lokale beziehungsweise regionale Anpassung an den Klimawandel. Wichtig sind hier auch nicht nur Waldbrände, sondern eben auch Aufforstung oder Abholzung.“
„Keine.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Primärquelle
van Gerrevink MJ et sl (2026): Canadian wildfires are losing their climate-cooling influence from postfire snow albedo. PNAS. DOI: 10.1073/pnas.2600434123.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Randerson JT et al. (2006): The impact of boreal forest fire on climate warming. Science. DOI: 10.1126/science.1132075.
[2] O’Halloran TL et al. (2012): Radiative forcing of natural forest disturbances. Global Change Biology. DOI: 10.1111/j.1365-2486.2011.02577.x.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Schneeweiß U: Der Albedo Effekt. Helmholtz Klimawissen. Website. Stand: 08.02.2023.
[II] Government of Canada: Canada’s record-breaking wildfires in 2023: A fiery wake-up call. Website. Stand: 21.04.2026.
[III] Hanes CC et al (2025): Fire regime changes in Canada: an update. Canadian Journal of Forest Research. DOI: 10.1139/cjfr-2025-0209.
[IV] Flannigen M: Canada fire weather outlook: May 30 – June 4, 2026. Thompspn Rivers University. Website. Stand: 29.05.2026.
[V] Canadian Interagency Forest Fire Sentre (CIFFC): Actives Fire Map. Website. Stand: 29.05.2026.
[VI] Science Media Center (2023): Nachwachsende Regenwälder sind keine Kohlenstoffsenke. Statements. Stand: 09.01.2023.
Prof. Dr. Arthur Gessler
Leiter der Arbeitsgruppen Ökosystem-Ökologie und Walddynamik, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), Birmsdorf, Schweiz, und Dozent am Departement Umweltsystemwissenschaften, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), Zürich, Schweiz
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Keine.“
Prof. Dr. Almut Arneth
Leiterin der Arbeitsgruppe Modellierung Globaler Landökosysteme und Leiterin der Abteilung Ökosystem-Atmosphäre Interaktionen, Institut für Meteorologie und Klimaforschung Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Campus Alpin, Garmisch-Partenkirchen