Niedrige Geburtenrate hatte keinen Effekt auf das Wirtschaftswachstum
Studie findet höhere Produktivität und Löhne in Regionen mit niedrigen Geburtenraten sowie keinen Effekt auf das Bruttoinlandsprodukt
bisher werden niedrige Geburtenraten dagegen häufig als Belastung für Wirtschaftswachstum und Wohlstand diskutiert
Experten sind uneins, wie überzeugend die Auswertung der historischen Daten ist, halten Übertragbarkeit auf momentane demografische Entwicklung für unsicher; Studie zeige aber, dass niedrige Geburtenraten nicht notwendigerweise wirtschaftliche Einbußen bedeuteten
Niedrige Geburtenraten gingen historisch nicht mit einem geringeren Bruttoinlandsprodukt (BIP) einher. Stattdessen deuten die Daten darauf hin, dass sie zu einer gesteigerten Produktivität der arbeitsfähigen Bevölkerung und höheren Löhnen führten. Zu diesem Ergebnis kommt ein neues Preprint, das vor kurzem beim National Bureau of Economic Research (NBER) veröffentlicht wurde (siehe Primärquelle). An der Arbeit war auch Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoglu beteiligt.
In vielen Staaten lassen niedrige Geburtenraten die Bevölkerung altern und künftig teilweise schrumpfen. Häufig wird erwartet, dass dadurch künftig unausweichlich Arbeitskräfte fehlen, Innovationen zurückgehen und das Wirtschaftswachstum gebremst wird. Die Autorinnen und Autoren des aktuellen Preprints werteten historische Daten verschiedener Länder und Arbeitsmärkte der USA aus den Jahren 1950 bis 2020 aus. Das Ergebnis: In Regionen mit niedrigen Geburtenraten gab es mit der Zeit zwar weniger junge Arbeitskräfte. Dafür aber war die Wirtschaft pro Kopf produktiver als jene in Regionen mit hohen Geburtenraten. Außerdem wurde in Regionen, in denen Geburtenraten niedriger waren und Arbeitskräfte fehlten, mehr in technologischen Fortschritt investiert.
Professor für Makroökonomie und Digitalisierung am Department of Economics, Wirtschaftsuniversität Wien, Österreich
Bewertung der Methodik
„Methodisch ist die Studie auf einem sehr hohen Niveau und äußerst sorgfältig durchgeführt. Die Autoren kombinieren Paneldaten aus unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen US-Regionen zu pro Person in erwerbsfähigem Alter und dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Und sie setzen die Entwicklung dieser Variablen in Beziehung zum demografischen Wandel. Um auszuschließen, dass die umgekehrte Kausalität von einem höheren Einkommen zu einer niedrigeren Geburtenrate ihre Ergebnisse verzerrt und damit die Identifikation des demografischen Einflusses auf das Wirtschaftswachstum verunmöglicht, wenden die Autoren zwei zentrale Strategien an. Erstens analysieren sie den Einfluss vergangener demografischer Entwicklungen – mit einem zeitlichen Abstand von 20 Jahren – auf das spätere Wachstum. Zweitens nutzen sie die Veränderung der Bevölkerungsstruktur durch Kriegstote im Zweiten Weltkrieg, um die wirtschaftlichen Effekte einer Verringerung der Erwerbsbevölkerung, welche unabhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung ist, statistisch zu untersuchen.“
„Mit diesen Methoden können die Autoren plausibel zeigen, dass der Rückgang der Geburtenraten in der Vergangenheit die wirtschaftliche Entwicklung nicht behinderte, sondern, ganz im Gegenteil, manche ihrer Faktoren sogar förderte.“
„Als Mechanismus, der dieses Resultat erklärt, weisen die Autoren auf den endogenen technischen Fortschritt hin. Gemäß diesem führt Arbeitskräfteknappheit dazu, dass sich die Anreize für Innovation in arbeitssparenden Technologien wie Industrierobotern erhöhen. Dadurch beschleunigt sich der technologische Fortschritt und die wirtschaftliche Entwicklung wird vorangetrieben.“
Relevanz der Ergebnisse
„Die Studie findet keine negativen Effekte eines Rückgangs der Geburtenrate auf die wirtschaftliche Entwicklung. Sie widerspricht damit der weitverbreiteten Befürchtung, dass die gegenwärtigen demografischen Dynamiken notwendigerweise zu wirtschaftlichen Problemen führen werden. Zu nennende Dynamiken sind niedrige Geburtenraten, schrumpfende Erwerbsbevölkerung und damit einhergehend alternde Bevölkerung.“
„Die zentrale Einsicht ist vor allem wirtschaftspolitisch sehr relevant, wenn auch nicht ganz neu. In der Vergangenheit haben bereits verschiedene Studien festgestellt, dass es unterschiedliche wirtschaftliche Mechanismen gibt, durch die etwaige negative Effekte eines Geburtenrückganges auf das Wirtschaftswachstum kompensiert werden [1]. Diese Mechanismen umfassen beispielsweise eine höhere Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung in alternden Gesellschaften, eine bessere durchschnittliche Bildung geburtenschwacher Jahrgänge, mehr Investitionen in wachstumsfördernde Infrastruktur, wenn private und staatlichen Ressourcen nicht so stark durch Bevölkerungswachstum beansprucht werden und eben auch eine schnellere technologische Entwicklung, wie sie in diesem Artikel als Haupterklärungsgrund identifiziert wird.“
„Insgesamt fügt die aktuelle Studie der bereits existierenden Literatur eine sehr breite und langfristige empirische Evidenzbasis über sieben Jahrzehnte hinzu, von 1950 bis 2020. Das erhöht die Überzeugungskraft der bisherigen Literatur deutlich. Die Kernaussage des Artikels, dass es in der Vergangenheit einen positiven wirtschaftlichen Impuls von sinkenden Geburtenraten gab, ist wissenschaftlich jedenfalls gut abgesichert.“
Übertragbarkeit auf Deutschland, Österreich und die Schweiz
„In der aktuellen Studie wird die Liste der einfließenden Länder nicht explizit angeführt, aber Deutschland, Österreich und die Schweiz erfüllen die erwähnten Kriterien für eine Aufnahme in den Datensatz. Daher gehe ich davon aus, dass diese Länder auch in der Studie enthalten sind und dadurch in die Ergebnisse einfließen. Selbst wenn dies nicht der Fall wäre, sind die zentralen Erkenntnisse der Studie meines Erachtens gut auf Deutschland, Österreich und die Schweiz übertragbar. Denn diese Länder haben ähnliche demografische und technologische Entwicklungen wie die USA und andere Industrieländer durchlebt.“
„Allerdings beruht der dokumentierte Anpassungsmechanismus über verstärkte Automatisierung und Produktivitätswachstum auf gut funktionierenden Innovationssystemen, ausreichenden Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen sowie einer gewissen Flexibilität der Arbeitsmärkte. Hier ist fraglich, ob diese Voraussetzungen in den drei erwähnten Ländern immer im selben Maße erfüllt sind wie in den USA.“
„Zudem betonen die Autoren selbst, dass das Tempo und das Ausmaß des künftigen demografischen Wandels historisch beispiellos sein dürften. Das dürfte die Übertragbarkeit vergangener Anpassungsmuster in die Zukunft einschränken. Dies ist insbesondere für Deutschland, Österreich und die Schweiz relevant, wo in den kommenden Jahren geburtenstarke Jahrgänge in großer Zahl in den Ruhestand treten werden.“
Implikationen der Studie
„Die Studie liefert ein wichtiges Gegengewicht zu pauschal alarmistischen Debatten, die eine alternde und schrumpfende Bevölkerung automatisch mit wirtschaftlichem Niedergang gleichsetzen. Historisch betrachtet haben die positiven Effekte eines Geburtenrückganges die negativen Effekte überwogen und zu mehr Wohlstand geführt. Basierend auf den Ergebnissen der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung sind die Sorgen vor negativen gesamtwirtschaftlichen Effekten einer alternden oder sogar schrumpfenden Bevölkerung daher etwas überzogen.“
„Hierbei sind jedoch zwei Punkte entscheidend. Erstens: Die historische Anpassung erfolgte über mehrere Jahrzehnte, während die aktuelle Alterung in vielen Ländern deutlich schneller verläuft. So bleiben kurz- und mittelfristige Herausforderungen für Rentensysteme, die Pflege und die Verfügbarkeit von Fachkräften bestehen – selbst dann, wenn sich langfristig positive Produktivitätseffekte einstellen sollten. Zweitens stellen die in der Literatur dokumentierten positiven Effekte über die erwähnten Mechanismen keinen Automatismus dar. Sondern sie hängen von aktiven Investitionen in Bildung, Forschung, Infrastruktur und Innovationsfähigkeit ab. Wirtschaftlicher Wohlstand trotz Alterung ist somit eine Herausforderung für die Politik und keinesfalls ein Selbstläufer.“
„Für die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland, Österreich und der Schweiz bedeutet dies, dass Investitionen in Forschung, Entwicklung, Innovationsförderung sowie Aus- und Weiterbildung enorm wichtig sind. Sie sollten durch Reformen der Renten-, Pflege- und Gesundheitssysteme flankiert werden. Sowie von Maßnahmen zur Erhöhung des Arbeitskräfteangebots – etwa über die Erwerbstätigkeit von Frauen und älteren Menschen und die Immigration von gesuchten Fachkräften.“
Forschungsgruppenleiter „Economic Demography“, Vienna Institute of Demography, Wien, Österreich
Bewertung der Methodik und Limitationen der Studie
„Die Studie ist methodisch innovativ angelegt und exzellent durchgeführt. Um die Wirkung veränderter Geburtenraten auf das Wirtschaftswachstum zu schätzen, muss sichergestellt werden, dass die Geburtenrate selbst nicht von zeitgleichen oder nachfolgenden ökonomischen Effekten beeinflusst wird. Den Autoren gelingt dies, indem sie die demografische Entwicklung über den Betrachtungszeitraum 1970 bis 2020 plausibel auf die Geburtenrate im Jahr 1950 zurückführen. Denn diese hing nur vom Einkommen und der Struktur der Arbeitsbevölkerung in dem Jahr ab und ist damit unabhängig von der Entwicklung im Betrachtungszeitraum.“
„Ungeklärt bleibt allerdings, ob eine niedrige Geburtenrate womöglich von unbeobachtbaren Faktoren abhängt. Co-Autor Daron Acemoglu selbst stellt in weiterer Forschung häufig den unbeobachtbaren Faktor ‚gute Institutionen‘ (bezeichnet hier nicht nur Organisationen, sondern die Gesamtheit der politischen und wirtschaftlichen Regelungen und Machtstrukturen eines Landes; Anm. d. Red.) in den Mittelpunkt. Die befeuern für sich genommen die Innovationsrate, sodass zwischen Geburtenrate und Wirtschaftswachstum nur eine Scheinkorrelation bestehen könnte.“
„Offen bleibt auch, wie weit die elegante und für die empirische Analyse hilfreiche Verknappung der demografischen Entwicklung auf die historische Geburtenrate tatsächlich alle relevanten Aspekte des jetzigen demografischen Wandels widerspiegelt. Zwar untermauern die Autoren ihre Kernergebnisse mit verschiedenen Robustheitsanalysen und zeigen zum Beispiel, dass es egal ist, ob die Geburtenrate steigt (Babyboom) oder fällt (Babybust). Sie zeigen aber auch, dass eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung mit einem niedrigeren Produktivitätswachstum einhergeht und der Anreiz, in arbeitssparende Technologien zu investieren, vor allem in einer Verknappung der jungen Arbeitskräfte liegt. Für den Betrachtungszeitraum 1970 bis 2020 ist die Erwerbsbevölkerung trotz des Rückgangs der Geburtenrate größtenteils gestiegen, sodass der demografische Wandel hier insgesamt positiv gewirkt hat. Die Befürchtungen im Hinblick auf die aktuelle demografische Entwicklung beziehen sich aber eben nicht nur auf die Bevölkerungsalterung, sondern vor allem auch auf eine Abnahme der Bevölkerung [2], was ein großes Fragezeichen hinterlässt.“
Relevanz der Ergebnisse
„Die Idee ist nicht neu, dass arbeitssparender technischer Fortschritt eine wesentliche Rolle bei der Transmission demografischer Alterung spielt und über eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität – Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro erwerbsfähiger Person – den negativen Effekt eines Rückgangs der Erwerbsbevölkerung sowie ihrer Alterung neutralisieren kann [3] [4]. Die Idee wird hier aber in theoretisch wie empirisch stringenter Form untermauert.“
„Mit dieser relevanten Einsicht ist die Debatte aber letztlich erst eröffnet. Denn aus der aktuellen Studie geht nicht hervor, unter welchen Bedingungen, über welche Mechanismen und mit welchen Neben- und Folgewirkungen technischer Fortschritt die Auswirkungen zurückgehender Geburtenraten kompensiert. Die Autoren zeigen, dass ein Rückgang der Geburtenraten nicht zu vermehrten Bildungsanstrengungen führt. Dies lässt aber die Frage unbeantwortet, ob ein hinreichend hohes Bildungsniveau nicht dennoch eine Voraussetzung für die Umsetzung des Strukturwandels zu einer höher technisierten Ökonomie ist.“
Übertragbarkeit auf Deutschland, Österreich und die Schweiz
„Der empirisch herausgearbeitete Mechanismus zwischen demografischer Alterung, Innovationen in arbeitssparenden Technologien und dem daraus entstehenden Produktivitätswachstum kann als allgemeingültig betrachtet werden. Was unklar bleibt ist, in welcher Form die länderspezifischen Gegebenheiten den Innovationsprozess prägen. Länderspezifisch können zum Beispiel Industriestruktur, allgemeines Innovationsklima, Transfersystem, aber eben auch die Frage, ob die Erwerbsbevölkerung insgesamt wächst oder schrumpft, sein. Damit bleibt auch das Ausmaß unklar, in dem technischer Fortschritt einen Geburtenrückgang kompensieren kann.“
Implikationen der Studie
„Auch wenn sie mit Vorsicht zu genießen sind, setzen die Ergebnisse einen willkommenen Kontrapunkt zur häufig sehr pessimistischen Sicht auf die Fertilitätskrise.“
„Die Resultate sind auch von hoher Politikrelevanz. Zum einen zeigen sie auf, dass das häufig geforderte Gegensteuern zurück zu höheren Geburtenraten wirtschaftlich womöglich kontraproduktiv ist. Zum anderen verdeutlichen sie, dass Demografie kein Schicksal ist, sondern Volkswirtschaften das Potenzial und den Anreiz haben, einer Verknappung von Arbeitskräften mit technischem Fortschritt zu begegnen. Damit besteht politischer Gestaltungsspielraum, den es bestmöglich zu nutzen gilt.“
Professor für Makroökonomie, European University Institute, Fiesole, Italien
Beschreibung der Studie
„Die Studie besteht aus zwei Teilen: einem theoretischen Rahmen und einer empirischen Analyse – beides sehr transparent durchgeführt. Jedoch werden sowohl im theoretischen wie auch im empirischen Teil Annahmen getroffen, die die Ergebnisse zugunsten eines positiven Zusammenhangs zwischen einer schrumpfenden Bevölkerung und Wirtschaftswachstum verzerren. Die Ergebnisse legen eine sehr starke Beziehung nahe, die in dieser Stärke wahrscheinlich nicht vorhanden ist. Darauf gehe ich weiter unten im Detail ein.“
Neuigkeit der theoretischen Ergebnisse
„Die zentralen theoretischen Ergebnisse sind nicht neu. Auf Daron Acemoglus Arbeiten aus 2010 [5] aufbauend haben die beiden deutschen Wissenschaftler Burkhard Heer und Andreas Irmen in einem 2017 publizierten Aufsatz [6] ähnliche modelgestützte Analysen durchgeführt, um die Auswirkungen des demographischen Wandels auf Wirtschaftswachstum zu untersuchen, wenn es wegen der Verknappung des Faktors Arbeit zu mehr Innovationstätigkeit kommen kann. Gleiches gilt für Arbeiten von einem Team von Ko-Autoren und mir aus dem Jahr 2012 [7] mit einem verwandten Mechanismus. Die in der aktuellen Studie zitierten Arbeiten von Acemoglu und Restrepo sind hingegen erst einige Jahre später erschienen.“
„Die theoretische Analyse macht starke Annahmen: Dass es keine ergänzende, komplementäre Beziehung zwischen neuen Technologien und gut ausgebildeten jungen Arbeitskräften gibt – nur für ältere Arbeitnehmer wird dies postuliert –, und auch eine Komplementarität zwischen jung und alt im Produktionsprozess wird nicht berücksichtigt (komplementäre Technologien sind solche, die menschliche Arbeit nicht ersetzen oder einsparen, sondern ihre Produktivität steigern; Anm. d. Red.). Ferner werden Technologien in ihrem Modell einfach so erzeugt; es braucht keine Personen, keine Erfinder, keine Unternehmer, die Technologien entwickeln und verbreiten.“
Neuigkeit und Limitationen der empirischen Ergebnisse
„Neu sind der empirische Ansatz und die empirischen Ergebnisse. Doch diese sind verzerrt. Das Ziel ist, empirisch zu überprüfen, ob es einen Zusammenhang zwischen hohen Geburtenraten in der Vergangenheit und niedriger Innovationstätigkeit heute gibt, der zu weniger Output morgen führt. Und es soll die Stärke dieses Zusammenhangs gemessen werden.”
„Hierzu wird die Geburtenrate in der Vergangenheit in Bezug zum Wirtschaftswachstum pro Arbeiter gesetzt. Die Autoren geben sich dabei große Mühe, weitere Einflussfaktoren im Griff zu halten, darauf ‚zu kontrollieren‘. Links in der Gleichung steht also Output pro Arbeiter in der Zukunft und rechts die Geburtenrate vor einigen Dekaden. Da Geburtenraten sehr persistent sind, ist die Geburtenrate in einem Jahr zugleich ein Maß der Geburten über mehrere Jahre. Diese Neugeborenen aus der Vergangenheit sind morgige ältere Arbeiter oder Rentner.“
„Während die Autoren zwar für die Größe der heutigen Bevölkerungsgruppen kontrollieren, fehlt eine entsprechende Kontrolle für die Generosität von Transfersystemen: Morgige Rentner sind Transferbeziehende, was die Steuerlast steigen lässt, die Wirtschaftsleistung belastet und somit zu fallendem Output führt. So wird ein negativer Zusammenhang zwischen hohen Geburten in der Vergangenheit und niedriger zukünftiger Wirtschaftsleistung pro Arbeiter gemessen, was aber nichts mit weniger Innovationstätigkeit zu tun hat.“
„Die weiterführende Analyse stellt einen Zusammenhang zwischen niedrigen Geburtenraten und höheren direkten Maßen der Innovationstätigkeit wie beispielsweise Patentierungen her – dies ist überzeugender. Das heißt, der untersuchte Mechanismus der Innovation besteht durchaus und lässt sich auf andere Länder übertragen. Jedoch kann die empirische Analyse so nicht glaubhaft belegen, dass dieser Mechanismus stark genug ist, um die negativen Konsequenzen der alternden Bevölkerung überzukompensieren.“
„Auch ist das verwendete Maß von eingeschränkter Aussagekraft: Output pro Kopf, nicht pro Arbeiter, ist relevant, da das Pro-Kopf-Maß widerspiegelt, dass im Zuge des demographischen Wandels immer mehr Passive von einer aktiven Bevölkerung versorgt werden müssen. Spezifisch für Deutschland, Österreich und die Schweiz gilt: Diese Länder haben weit ausgeprägtere soziale Sicherungssysteme als andere. Somit führt eine Verknappung des Faktors Arbeit zu einer stärkeren Beitragsbelastung in der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung , was zusätzlich Sand ins Getriebe der Wirtschaft wirft. Nicht die Brutto- sondern die Nettolöhne sind letztlich relevant.“
Implikationen der Studie
„Die Sorgen vor den negativen Auswirkungen des demographischen Wandels sind keinesfalls überzogen. Die Arbeit sendet, neu ausgeführt, eine alte Botschaft: Es bestehen durch Innovationstätigkeit Möglichkeiten, die negativen Auswirkungen des demographischen Wandels abzudämpfen. Dies gilt es in allen Bereichen zu stützen. Das kann nur unter vielen flankierenden Maßnahmen gelingen, unter anderem dadurch, dass soziale Sicherungssysteme so reformiert werden, dass die Beitragsbelastung nicht zu stark steigt.“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Primärquelle
Acemoglu D et al. (2026): Baby Busts and Growth Booms: Demographic Change and the Macroeconomy. NBER. DOI: 10.3386/w35401.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Bloom DE et al. (2024): Fertility in High-Income Countries: Trends, Patterns, Determinants, and Consequences. Annual Review of Economics. DOI: 10.1146/annurev-economics-081523-013750.
[2] Jones CI (2022): The End of Economic Growth? Unintended Consequences of a Declining Population. American Economic Review. DOI: 10.1257/aer.20201605.
[3] Acemoglu D et al. (2022): Demographics and Automation. The Review of Economic Studies. DOI: 10.1093/restud/rdab031.
[4] Abeliansky AL et al. (2023): Automation and population growth: Theory and cross-country evidence. Journal of Economic Behavior & Organization. DOI: 10.1016/j.jebo.2023.02.006.
[5] Acemoglu D (2010): When Does Labor Scarcity Encourage Innovation?. Journal of Political Economy. DOI: 10.1086/658160.
[6] Heer B et al. (2014): Population, pensions, and endogenous economic growth. Journal of Economic Dynamics and Control. DOI: 10.1016/j.jedc.2014.06.012.
[7] Ludwig A et al. (2012): Demographic change, human capital and welfare. Review of Economic Dynamics. DOI: 10.1016/j.red.2011.07.001.
Prof. Dr. Klaus Prettner
Professor für Makroökonomie und Digitalisierung am Department of Economics, Wirtschaftsuniversität Wien, Österreich
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Michael Kuhn
Forschungsgruppenleiter „Economic Demography“, Vienna Institute of Demography, Wien, Österreich
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Alexander Ludwig
Professor für Makroökonomie, European University Institute, Fiesole, Italien