Neuer Igel-Monitor: Nutzen von Osteopathie bei Kreuzschmerzen unklar
bei akuten und chronischen Schmerzen im unteren Rücken lassen sich viele Betroffene mittlerweile osteopathisch behandeln
der Medizinische Dienst der Krankenkassen sieht jedoch keinen klaren Nutzen dieser Selbstzahlerleistung
belastbare, solide Evidenz gebe es für die Osteopathie nicht, betonen auch weitere Forschende; die Schlussfolgerungen unterscheiden sich allerdings
Unspezifische Kreuzschmerzen, also Schmerzen im unteren Rücken ohne eindeutigen Grund, machen rund 85 Prozent aller Rückenschmerzen aus. Millionen Menschen sind jährlich neu oder wiederkehrend betroffen. Es ist ein Volksleiden mit hoher Krankheitslast. Auf der Suche nach einer wirksamen Behandlung setzen viele Menschen mittlerweile auf die Osteopathie. Doch inwieweit diese Alternativmedizin tatsächlich wirkt, ist nicht eindeutig belegt. Zu diesem Ergebnis kommt nun auch erneut ein Evidenzbericht des Igel-Monitors des Medizinischen Dienstes Bund (siehe Primärquelle). Demnach zeigen Studien keinen überzeugenden Nutzen der Osteopathie bei unspezifischen Kreuzschmerzen. Da aber auch Schäden nicht zu erwarten sind, lautet die Bewertung aufgrund mangelnder Evidenz „unklar“.
Die Osteopathie versteht sich als eine sanfte und ganzheitliche Behandlungsform. Sie ist eine individuelle Gesundheitsleistung (Igel). Ihre Kosten werden in der Regel nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Patientinnen und Patienten müssen also selbst zahlen – pro Sitzung zwischen 80 und 150 Euro. Mitunter werben die Kassen aber mit Zuschüssen, die sie freiwillig anbieten können. Der Medizinische Dienst bewertet regelmäßig den Nutzen solcher Gesundheitsleistungen auf Basis evidenzmedizinscher Kriterien. Die Osteopathie bei Schmerzen ist eine der umsatzstärksten Selbstzahlerleistungen [I].
Professor, Studienbereich Physiotherapie, Fachbereich Pflege-, Hebammen- und Therapiewissenschaften, Gesundheitscampus, Hochschule Bochum – University of Applied Sciences
Grundsätzliche Bewertung des aktuellen Igel-Monitors
„Der Bericht des Igel-Monitors ist insgesamt eine sehr gut strukturierte und methodisch angemessene Übersichtsarbeit der Literatur zu diesem Thema. Die Auswahl eines einzigen Leitreviews, um daraus die Hauptaussagen zu ziehen, ist als Arbeitsentlastung verständlich, entspricht jedoch nicht der wissenschaftlichen ‚Best Practice‘. Diese Vorgehensweise, mit der Fokussierung auf das Review von Dal Farra, hat zu einer Schlussfolgerung geführt, die die Osteopathie im Vergleich zur Gesamtevidenz zu positiv darstellt.“
„Durch die Wahl dieses Leitreviews kommt der Bericht des Igel-Monitors zu dem Schluss, dass die Wirksamkeit der Osteopathie unklar sei. Im Gegensatz dazu würde ein Fokus auf die Gesamtevidenz, genauer gesagt auf geeignetere Evidenz – zum Beispiel das Cochrane-Review und das Review von Ceballos-Laita, die im Bericht des Igel-Monitors ebenfalls aufgeführt sind –, zu dem Schluss führen müssen, dass Osteopathie im Vergleich zu Schein- oder Placebobehandlungen nicht wirksamer ist. Oder bestenfalls, dass sie im Vergleich zu einem Placebo einen kleinen, aber klinisch nicht bedeutsamen Effekt hat.“
Spezifische Anmerkungen zum Leitreview von Dal Farra et al.
„Das Review von Dal Farra verglich Osteopathie mit vielen verschiedenen Behandlungsformen wie der Standardversorgung (Usual Care), Scheinbehandlungen (Sham) oder Massagen. Dies widerspricht den Best-Practice-Ansätzen für Metaanalysen; es ist gewissermaßen ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Die Autor:innen des Igel-Monitor-Berichts weisen selbst auf eine Reihe weiterer Probleme im Review von Dal Farra hin. Die im Review gezogenen Schlussfolgerungen sind meines Erachtens nicht valide.“
Wirksamkeit über Placeboeffekt hinaus?
„Die Frage ist nicht, ob es möglich ist, zu zeigen, dass Osteopathie wirksamer als ein Placebo ist. Vielmehr ist es bereits belegt, dass die Osteopathie auf Basis der bereits in der Literatur vorhandenen Evidenz im Vergleich zu einem Placebo nicht in klinisch bedeutsamer Weise wirksamer ist. Ich sehe keine Grundlage, speziell für die Osteopathie zwischen Efficacy und Effectiveness (Nutzen im Versorgungsalltag) unterscheiden zu müssen. Wir brauchen nicht mehr ineffektive Behandlungen im deutschen Gesundheitssystem, sondern weniger. Und wir benötigen auch eigentlich keine weiteren Studien.“
Umsatzstarke Leistung trotz mangelnder Evidenz
„Basierend auf der verfügbaren Evidenz sollten die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen die Osteopathie aus meiner Sicht nicht finanziell unterstützen. Im deutschen Gesundheitssystem werden jedoch viele unnötige Behandlungen bezahlt, oft sogar vollständig.“
„Um Kosten im deutschen Gesundheitssystem zu sparen, könnten viele Behandlungen oder diagnostische Ansätze aus der finanziellen Förderung gestrichen werden. Hiergegen wird es Widerstand geben, beispielsweise vonseiten der Leistungserbringer, die ihren Lebensunterhalt mit der Durchführung solcher Behandlungen von geringem klinischem Nutzen (Low-Value Care) verdienen. Dies ist natürlich ein viel breiteres Thema.“
„Es kann sein, dass Osteopathie Menschen anspricht, die sich von konventionelleren Ansätzen möglicherweise nicht gehört oder verstanden fühlen oder die anderweitig mit der Versorgung in anderen Teilen des Gesundheitssystems unzufrieden sind. Eine Notwendigkeit für Osteopathie besteht jedoch nicht. Wenn Menschen die Osteopathie komplett aus eigener Tasche bezahlen möchten, sollte dies möglich sein. Aber auf Basis der Evidenz sollte die Osteopathie nicht von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen GKV oder PKV unterstützt werden.“
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und NIHR Development and Skills Enhancement (DSE) Fellow an der Imperial Clinical Trials Unit (ICTU), Imperial College London, Großbritannien
Grundsätzliche Bewertung des aktuellen Igel-Monitors
„Der Evidenzbericht und die darauf basierenden Schlussfolgerungen des Igel-Monitors zur Osteopathie bei Kreuzschmerzen stellen eine umfassende und faire Einschätzung der aktuellen Studienlage dar. Die verfügbaren Studien werden breit berücksichtigt und ihre Aussagekraft insgesamt nachvollziehbar bewertet.“
„Die Schlussfolgerung, dass aufgrund der begrenzten Aussagekraft der Evidenz kein belastbarer Hinweis auf einen Nutzen der Osteopathie abgeleitet werden kann, deckt sich weitgehend mit anderen Evidenzbewertungen zur Osteopathie und zu manualtherapeutischen Verfahren bei Beschwerden des Bewegungsapparates. Grund für diese Einschätzung ist vor allem ein Mangel an großen, qualitativ hochwertigen Studien, die einen klaren Nutzen (oder Schaden) belegen.“
„Die Einschätzung des Igel-Monitors bedeutet nicht, dass osteopathische Behandlungen bei unspezifischen Rückenschmerzen wirkungslos sind. Ein Mangel an belastbaren Belegen ist nicht gleichbedeutend mit einem Beleg für fehlende Wirksamkeit. Die beiden größten und methodisch stärksten Studien zu diesem Thema lieferten Hinweise auf Vorteile osteopathischer Behandlungen hinsichtlich körperlicher Einschränkungen von Menschen mit Rückenschmerzen. Allerdings bleibt unklar, ob diese Effekte groß genug sind, um für PatientInnen klinisch bedeutsam zu sein. Zudem weist die übrige Studienlage erhebliche methodische Einschränkungen auf und ist von Studien mit geringen Teilnehmerzahlen geprägt. Vor diesem Hintergrund ist die Einstufung des Igel-Monitors als ‚unklar‘ wissenschaftlich vertretbar, sie stellt jedoch eher eine vorsichtige Interpretation der verfügbaren Evidenz dar.“
„Bei der Betrachtung der momentanen Studienlage ist es korrekt, von unsicherer Evidenzlage zu sprechen: Es ist sowohl möglich, dass neue Studien die derzeitigen Hinweise auf einen kleinen Effekt bestätigen, als auch, dass sie zeigen, dass kein relevanter Nutzen besteht. Jedenfalls zeigt sich, dass weitere große und hochwertige Studien mit längeren Beobachtungszeiträumen notwendig sind. Was wir nicht benötigen, sind noch mehr kleine und unprofessionell durchgeführte Studien, denn diese sind wenig aussagekräftig.“
Osteopathie als Berufsbild
„Unter dem Begriff und Beruf der Osteopathie werden verschiedene, überwiegend manualtherapeutische Ansätze zusammengefasst. Viele der verwendeten Techniken teilt sich die Osteopathie mit anderen Formen der Manualtherapie. Einige Verfahren, insbesondere die sogenannten kraniosakralen und viszeralen Techniken, sind stärker mit der Osteopathie verbunden; für diese liegen bislang jedoch nur wenige belastbare wissenschaftliche Untersuchungen vor. Über die Anwendung manueller Techniken hinaus unterstützen OsteopathInnen ihre PatientInnen idealerweise personenzentriert beim Umgang mit ihren Beschwerden – etwa durch Bewegungsanleitung, Förderung von Selbstmanagement, Stressbewältigung oder evidenzbasierte Aufklärung. Wie konsequent solche Ansätze umgesetzt werden, unterscheidet sich jedoch erheblich zwischen BehandlerInnen. Ein Grund hierfür ist die fehlende gesetzliche Regulierung des Berufsstandes in Deutschland, die zu beträchtlichen Unterschieden in der Ausbildung führt.“
Vergleich mit anderen Behandlungsmethoden
„Die AutorInnen des Igel-Monitors fordern den Vergleich der Osteopathie mit anderen aktiven Behandlungen wie der Physio- und Bewegungstherapie. Solche Studien untersuchen die Frage, ob Osteopathie so gut wie oder besser als diese Vergleichstherapien wirkt. Dabei gibt es jedoch Schwierigkeiten: Erstens haben Vergleiche mit anderen Therapien zwar eine hohe praktische Relevanz, sie beantworten aber nicht, ob Osteopathie so wirkt, wie viele OsteopathInnen dies annehmen und anpreisen. Solche Vergleichsstudien sagen also wenig über Behandlungsmechanismen aus. Nur placebo-kontrollierte Studien können untersuchen, ob es die der Osteopathie eigenen therapeutischen Komponenten und Techniken sind, die zum Effekt beitragen, oder ob solche Effekte eher der sorgenvollen Aufmerksamkeit von TherapeutInnen und der positiven Erwartungshaltung von PatientInnen zu verdanken sind.“
„Zweitens ist auch die Beweislage für viele andere nicht-medikamentöse Therapieformen eher unsicher, einschließlich der Physio-, Bewegungs- oder Verhaltenstherapie. Ein Vergleich würde nur untersuchen, ob die Osteopathie genauso gut oder besser wirkt als etwas anderes, von dem wir nicht sicher wissen können, ob es wirkt. Daher benötigen solche Studien eine dritte Vergleichsgruppe, der nur eine leitliniengerechte Minimaltherapie zukommt. Dazu gehören Edukation und Ermutigung von PatientInnen, trotz Schmerzen weiterhin aktiv zu bleiben. Mit diesem Vergleich würde man sehen, ob innerhalb der Studie Osteopathie oder Physiotherapie mehr bringt als ein minimaler Ansatz.“
„Um die Rolle der Osteopathie im Gesundheitssystem besser einschätzen zu können, benötigen wir sowohl vergleichende Studien mit empfohlenen ‚Best-Practice‘-Managementansätzen für Menschen mit akutem und chronischem unspezifischem Kreuzschmerz als auch placebo-kontrollierte Studien. Qualitative Studien wie Interviews mit PatientInnen können darüber hinaus beleuchten, warum Osteopathie für viele so attraktiv ist.“
Mehr Evidenz für die Osteopathie
„Wie bei vielen anderen nichtmedikamentösen Therapien ist die Forschungskapazität in der Osteopathie sehr eingeschränkt. Es gibt kaum gut ausgebildete WissenschaftlerInnen, kaum Zugang zu etablierten Forschungseinrichtungen, keine speziellen Fördertöpfe und keine Anreize und Strukturen, hochwertige Studien durchzuführen. Randomisiert kontrollierte Studien, die zu gesicherten Ergebnissen des Igel-Monitors hätten führen können, sind jedoch teuer und langwierig.“
„Eine Verbesserung der Evidenzlage wird nur möglich sein, wenn Interessenvertreter der Osteopathie, Krankenkassen und öffentlichen Förderer gemeinsam Bedingungen schaffen, unter denen hochwertige Forschung durchgeführt werden kann.“
„Darüber hinaus trägt die mangelnde Regulierung des Berufsstandes in Deutschland zu großen Unterschieden in der Ausbildung und mangelnder Qualitätskontrolle in der Praxis bei. Dazu gehört die Fähigkeit, wissenschaftliche Studien durchzuführen und adäquat einzuschätzen.“
Umsatzstarke Leistung trotz mangelnder Evidenz
„Seit der letzten Version des Igel-Monitors zur Osteopathie aus dem Jahr 2018 sind einige neue Studien zum Thema veröffentlicht worden. Viele davon sind weiterhin zu klein, um die Evidenzlage insgesamt zu verbessern. Allerdings gibt es auch eine neue Studie eines französischen Teams, die mit fast 400 TeilnehmerInnen vergleichsweise groß ist und sogar im renommierten Fachjournal ‚Jama Internal Medicine‘ veröffentlicht wurde [1]. Die Studie zeigte zwar statistisch signifikante Effekte; diese waren jedoch nicht groß genug, um für PatientInnen wirklich relevant zu sein. Auch fanden sich Hinweise auf Nutzen nur bezüglich körperlicher Funktion, nicht aber für die Schmerzintensität. Darüber hinaus bemängeln die AutorInnen des Igel-Monitors einige methodologische Aspekte, was in der Summe die Einschätzung ‚unklar‘ weiterhin rechtfertigt.“
„Die unklare Beweislage für die Osteopathie steht im Kontrast zur hohen Nachfrage in Deutschland und dem daraus generierten Einkommen von OsteopathInnen, ÄrztInnen und Ausbildungseinrichtungen. Ein Teil davon sollte in die Verbesserung der Studienlage investiert werden. Auch Krankenkassen nutzen die nachfragestarke Osteopathie als Werbemittel, um BeitragszahlerInnen an sich zu binden. Auch sie könnten Forschungsprogramme finanzieren.“
„Die teilweise Erstattung osteopathischer Leistungen durch Krankenkassen sollte nicht mit einem wissenschaftlichen Nachweis ihrer Wirksamkeit gleichgesetzt werden. Erstattungsentscheidungen beruhen häufig auch auf gesundheitspolitischen und wettbewerblichen Erwägungen.“
Osteopathie als Ergänzung der Versorgung?
„Die Nachfrage nach der Osteopathie ist nachvollziehbar, da viele PatientInnen das Bedürfnis nach intensiverer Therapie und einem langfristigen Therapieverhältnis haben. OsteopathInnen behandeln oft auch Beschwerden, für die die Schulmedizin aus Sicht von PatientInnen keine ausreichenden Antworten gefunden hat.“
„Dazu gehört, dass Leitlinien für PatientInnen mit geringen oder sich selbst regulierenden Beschwerden oft keine Therapie vorsehen. Bei unspezifischen – also nicht gefährlichen – Rückenschmerzen werden hauptsächlich Aufklärung und Ermutigung zu Bewegung empfohlen oder niedrigschwellige Bewegungs- und Physiotherapie. Selbst wenn dies ein evidenzbasierter Ansatz ist, suchen PatientInnen oft nach mehr oder nach einer Therapie ohne lange Wartezeit, insbesondere wenn sie es sich leisten können oder der Leidensdruck hoch ist.“
„Gesundheitssysteme müssen jedoch Ressourcen gerecht verteilen und nutzen dazu Kosten-Nutzen-Abwägungen und Evidenzstandards, weshalb osteopathische Leistungen nicht standardmäßig übernommen werden. Dies dient auch dazu, die Verschwendung von Ressourcen durch nicht hilfreiche oder gar schadhafte Interventionen zu verhindern. Durch ihre Sonderrolle als Privatleistung entgeht die Osteopathie in Deutschland und vielen anderen Ländern Europas dem Druck, höheren Evidenzstandards gerecht werden zu müssen.“
„Neben der Frage der Wirksamkeit bleibt die Osteopathie auch Studien zu Wirkmechanismen schuldig. Zwar verwenden OsteopathInnen auch manuelle Techniken, die sie mit vielen anderen Manualtherapien gemein hat, wie Massagetechniken und Gelenksmobilisierungen und -manipulationen. Wie diese wirken, verstehen wir recht gut. Manche, speziell die sogenannten kraniosakralen und viszeralen Techniken, sind der Osteopathie eigen und zu diesen gibt es kaum belastbare Studien. Für viele der speziell in der Osteopathie gelehrten Erklärungsmodelle und Techniken fehlt eine überzeugende wissenschaftliche Grundlage. Zum Beispiel entbehren die von OsteopathInnen oft verwendeten Begriffe der Fehlstellungen oder Dysfunktionen in den meisten Fällen wissenschaftlicher Grundlage und liegen keinen Erkrankungen zugrunde.“
„Die unkritische Kommunikation wissenschaftlich nicht belegter diagnostischer Konzepte birgt unter Umständen das Risiko, Fehlwahrnehmungen von PatientInnen entstehen zu lassen oder zu verstärken. Dies kann wiederum zu Krankheitsverhalten oder zur Inanspruchnahme unnötiger oder wenig hilfreicher Behandlungen führen. Dennoch sind solche Erklärungen oft intuitiv und scheinen in dem Bedürfnis der PatientInnen nach einer klaren Erklärung für ihre Symptome begründet zu sein. Sie können damit für PatientInnen befriedigender sein als die Tatsache, dass es für viele alltägliche Leiden keine eindeutige medizinische Erklärung gibt; zu diesen sogenannten medically unexplained symptoms gehört der unspezifische Kreuzschmerz.“
„Zum Glück gibt es innerhalb der Osteopathie eine rege Debatte um Wirkmechanismen und diverse Versuche, Erklärungsmodelle und Therapieansätze auf den Stand der Moderne zu bringen.“
Verblindete Studien bei der Osteopathie
„In verblindeten Studien wird StudienteilnehmerInnen die Information vorenthalten, in welcher der Untersuchungsgruppen sie sind. Oft werden sogenannte Placebos, also Scheinmedikamente oder Scheinbehandlungen, verwendet, um diese Verblindung zu gewährleisten. Verblindete Studien sind in der Osteopathie wie auch in anderen sogenannten komplexen Interventionen durchaus möglich. Zwar ist die Verwendung einer hochwertigen Placebokontrolle sicherlich nicht einfach, aber es gibt eine methodologische Leitlinie dafür und viele Beispiele erfolgreicher Durchführung. Es ist lobenswert, dass es solche Versuche verblindeter Studien in der Osteopathie gibt und diese auch in Leitlinien wie auch dem Igel-Monitor berücksichtigt werden können. Damit hat die Osteopathie manchen anderen Interventionen wie der Psychotherapie oder Bewegungstherapie etwas voraus, wo es kaum verblindete Studien gibt, obwohl sie auch dort möglich sind.“
Fazit
„Wie eine Therapie wirkt und ob sie im Versorgungsalltag dem Vergleich mit anderen Therapien standhält, sind unterschiedliche Forschungsfragen. Beide haben ihre Bewandtnis und sollten untersucht werden.“
„PatientInnen – aber auch BerufsanwärterInnen – haben ein Recht darauf, zu erfahren, ob die Effekte einer Behandlung hauptsächlich durch positive Erwartungen und den Behandlungsrahmen entstehen – also durch Placeboeffekte. Darüber hinaus stellt sich aber auch die Frage, ob osteopathische Ansätze besser wirken als nichts tun oder mit anderen anerkannten Therapieformen mithalten können.“
„Nur mit Antworten auf alle diese Fragen können Nutzen, Kosten, und womöglich unerwünschte Effekte abgewogen werden. Kostenträger können dann evidenzbasierte Entscheidungen treffen und PatientInnen individuell die vorhandene Evidenz mit ihren persönlichen Präferenzen abgleichen.“
Senior Researcher, Sportwissenschaft & Biomedical Engineering, Austrian Institute for Health Technology Assessment, Wien, Österreich
Grundsätzliche Bewertung des aktuellen Igel-Monitors
„Der Fokus auf unspezifische Kreuzschmerzen ist sinnvoll und erhöht die Vergleichbarkeit der eingeschlossenen Studien. Die Beschränkung auf randomisierte kontrollierte Studien (RCT) und Übersichtsarbeiten auf RCT-Basis ist vertretbar und die AMSTAR-2-Schwelle (Einstufung der Vertrauenswürdigkeit systematischer Reviews und Metaanalysen; Anm. d. Red.) ‚moderat oder hoch‘ ist ein üblicher Qualitätsfilter. Die Definition der Intervention ist weit gefasst und schließt spinale Manipulationstherapie ein, auch wenn sie nicht ausschließlich osteopathisch ist. Das ist inhaltlich vertretbar, macht jedoch die Zuschreibung von Effekten zur Osteopathie als Disziplin schwieriger.“
„Der Einschluss aktiver Komparatoren (Vergleichstherapien; Anm. d. Red.) wie der Physiotherapie ist für Effectiveness-Fragen korrekt. Für die Frage nach der spezifischen Wirksamkeit über Placebo hinaus – also Efficacy – wären Sham-kontrollierte Studien entscheidend (Studien mit Scheinbehandlung; Anm. d. Red.). Der Igel-Monitor trennt diese beiden Fragen in seinen Einschlusskriterien nicht explizit, was die Interpretation der Schlussfolgerung beeinflusst. Bei der Literaturrecherche wurden nur zwei Datenbanken durchsucht – Medline via PubMed und Epistemonikos. Das Fazit ist aufgrund der geringen Evidenz plausibel. Es reflektiert eine Evidenzlücke, keine Negativaussage.“
Wirksamkeit über Placeboeffekt hinaus?
„Das Verblindungsproblem ist bei manuellen Therapien ein strukturelles, kein zufälliges Problem. Weder die/der Patient:in noch die/der Behandler:in können ‚blind‘ sein – das ist keine Forschungsschwäche, die sich durch ein besseres Studiendesign vollständig beheben lässt. In unserem AIHTA-Bericht von 2022 verwendeten fünf der 15 eingeschlossenen Studien Double-Blind-Designs mit Sham-Behandlungen [2]. Aber auch dort bleibt offen, ob das Sham glaubwürdig genug war, um den Therapeutic-Alliance-Effekt (Effekte, die auf die Patient:in-Behandler:in-Beziehung zurückzuführen sind; Anm. d. Red.) zu kontrollieren. Die Unterscheidung zwischen Efficacy und Effectiveness ist deshalb methodisch sinnvoll. Ein Metaanalyse-Update [3], das auch im Diskussionsteil unseres Papers von 2026 zitiert wird [4], fand keine statistisch signifikante Überlegenheit von orthopädischer manueller Therapie (OMT) gegenüber Sham/Placebo – was die Frage aufwirft, inwieweit spezifische Wirkmechanismen über Placebo hinaus bestehen. Die Autor:innen der Metaanalyse schlussfolgern selbst, dass die beobachteten Effekte von OMT gegenüber Nicht-Behandlung wahrscheinlich eher auf Placebo-Effekte als auf spezifische Wirkungen zurückzuführen sind.“
„Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass Osteopathie im Versorgungsalltag nutzlos ist: Zuwendung, therapeutische Beziehung und Erwartungseffekte können für Patient:innen realen Nutzen haben – und der Sicherheitsnachweis in unseren Arbeiten ist durchgehend positiv. Aus HTA-Perspektive (Bewertung von Gesundheitstechnologien; Anm. d. Red.) verschiebt sich die relevante Frage daher von ‚Wirkt Osteopathie?‘ hin zu ‚Für welche Indikationen ist ein klinisch bedeutsamer Zusatznutzen gegenüber Sham oder aktiven Komparatoren belegt – und rechtfertigt dieser eine Erstattungsempfehlung?‘“
Umsatzstarke Leistung trotz mangelnder Evidenz
„‚Unklar‘ ist nicht dasselbe wie ‚unwirksam‘ – das ist für die journalistische Einordnung entscheidend. Das Fazit reflektiert eine Evidenzlücke, keine Negativaussage. Das ist eine gesundheitspolitisch unbequeme Konstellation. Die Gesamtsicherheit der Evidenz wird als gering bewertet – und dennoch geben rund 100 Kassen Zuschüsse. Das lässt sich auf zwei Arten lesen: als Anerkennung von Patientenpräferenzen und eines wahrgenommenen Nutzens, der sich in Studien schwer erfassen lässt – und als Nachfragedruck, dem Kassen nachgeben, ohne dass die Evidenz das trägt. Beides dürfte eine Rolle spielen.“
„Chronischer Rückenschmerz ist eine der kostspieligsten Volkskrankheiten, etwa durch Arbeitsausfall, Frühpensionierung und Überversorgung mit Bildgebung und Operationen. Die hohe Inanspruchnahme von Osteopathie kann verschiedene Ursachen haben: einen ungedeckten Bedarf seitens der Patient:innen, Trends und Patient:innen-Präferenzen, die auch durch Anbieter gesteuert werden können, und so weiter. Für die Finanzierung von Leistungen spielen immer auch andere Faktoren als die reine Evidenz eine Rolle. Das eigentliche Problem ist strukturell: Wenn Erstattungsbereitschaft nicht mit Qualitäts- und Ausbildungsanforderungen verknüpft ist, subventioniert man einen heterogen qualifizierten Markt ohne Steuerungswirkung. Die Kernempfehlung des AIHTA-Berichts von 2022 lautet daher: Regulierung vor Erstattung [2].“
Fazit
„Studienarchitektonisch braucht es beides: Sham-kontrollierte Studien, um die spezifische Wirksamkeit über Placebo hinaus zu klären, und pragmatische Effectiveness-Trials mit aktiven Komparatoren – etwa Physiotherapie oder Standardversorgung –, um versorgungsrelevante Entscheidungen zu unterstützen. Erstere beantworten die Efficacy-Frage, letztere die für Erstattungsentscheidungen oft relevantere Frage: Ist Osteopathie gegenüber einer verfügbaren Alternative gleichwertig oder überlegen? Beides setzt längere Follow-up-Zeiträume, standardisierte Outcome-Instrumente und vereinheitlichte Interventionsprotokolle voraus – ohne diese Grundlagen bleibt jede Metaanalyse klinisch schwer interpretierbar.“
„Das Finanzierungsproblem ist strukturell: Anders als in der Pharmaindustrie gibt es bei manuellen Therapien keinen kommerziellen Akteur, der Interesse und Kapazität hat, teure randomisierte kontrollierte Studien mit langen Follow-ups zu finanzieren. Verbände und Berufsorganisationen verfügen dafür weder über die Mittel noch über die Infrastruktur. Deshalb ist öffentlich geförderte, industrieunabhängige Forschung unabdingbar.“
„Berufsregulatorisch ist der internationale Befund eindeutig: Laut unserem AIHTA-Bericht von 2022 haben von zehn analysierten europäischen Ländern sieben eine gesetzliche Regulierung, sechs schützen den Titel ‚Osteopath‘ vollständig – Deutschland und Österreich gehören nicht dazu. Solange Regulierung und Forschungsfinanzierung fehlen, bleibt die Evidenzlage strukturell unterfinanziert und institutionell nicht verankerbar.“
„Ich habe hier keine relevanten Interessenkonflikte. Ich verfüge über aktive, kompetitiv eingeworbene öffentliche Forschungsgelder des DLR, BMBF und der DFG, um Forschung im Bereich der Rückenschmerzen zu betreiben. Ich habe eine Professur für Physiotherapie inne, bin Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaft und Editorial Board Member des British Journal of Sports Medicine sowie des Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy sowie ehemaliger (2021-2026) Senior Associate Editor für Übersichtsarbeiten des BMJ Open Sport & Exercise Medicine.“
„In den vergangenen drei Jahren habe ich Einkünfte aus privater osteopathischer Praxis sowie von der Osteopathie Schule Deutschland, der Haute école de santé Fribourg (CH) und REFLEX OSTEO (FR) erhalten. Ich war angestellt bei der Health Sciences University (UCO School of Osteopathy) und Imperial College London und erhielt Beratungshonorare von Altern Health Ltd. Ich bin Vorstandsmitglied der Society for Back Pain Research (SBPR, UK), Mitglied des World Congress Scientific Committee 2026 der International Association for the Study of Pain (IASP), Editor bei BMC Medical Research Methodology, sowie Mitglied des Trial Steering und Data and Ethics Monitoring Committee (DEMC) der AIDE-BC-Studie. Ich erhielt Forschungsförderungen von The Osteopathic Foundation, dem Alan and Sheila Diamond Charitable Trust, dem britischen National Institute for Health and Care Research (NIHR305077) sowie dem Joint Research Council des Chelsea and Westminster Hospital. Persönliche Unterstützung erhielt ich in Form von Preisen oder Reisestipendien von der IASP, SBPR, BritSpine, EFIC, SOPATE, der Deutschen Schmerzgesellschaft und der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Zudem erhielt ich persönliche Honorare für Forschungstätigkeiten von Analgesic, Anesthetic, and Addiction Clinical Trial Translations, Innovations, Opportunities, and Networks (ACTTION).“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Primärquelle
Medizinischer Dienst Bund (2026): Igel-Monitor: Osteopathie bei unspezifischen Kreuzschmerzen. Evidenzbericht.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Nguyen C et al. (2021): Effect of Osteopathic Manipulative Treatment vs Sham Treatment on Activity Limitations in Patients With Nonspecific Subacute and Chronic Low Back Pain. A Randomized Clinical Trial. Jama Internal Medicine. DOI: 10.1001/jamainternmed.2021.0005.
[2] Austrian Institute for Health Technology Assessment (2022): Jahresbericht.
[3] Ceballos-Laita L et al. (2024): Is Osteopathic Manipulative Treatment Clinically Superior to Sham or Placebo for Patients with Neck or Low-Back Pain? A Systematic Review with Meta-Analysis. Diseases. DOI: 10.3390/diseases12110287.
[4] Gassner L et al. (2026): Osteopathy for Musculoskeletal Pain: A Systematic and Umbrella Review of Effectiveness and Safety. Healthcare. DOI: 10.3390/healthcare14070928.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Medizinischer Dienst Bund (2024): Igel-Gesamtumsatz Deutschland – Versichertenbefragung 2024 im Auftrag des Medizinischen Dienstes Bund.
[II] Dal Farra F et al. (2021): Effectiveness of osteopathic interventions in chronic non-specific low back pain: A systematic review and meta-analysis. Complementary Therapies in Medicine. DOI: 10.1016/j.ctim.2020.102616.
Prof. Dr. Daniel Belavy
Professor, Studienbereich Physiotherapie, Fachbereich Pflege-, Hebammen- und Therapiewissenschaften, Gesundheitscampus, Hochschule Bochum – University of Applied Sciences
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe hier keine relevanten Interessenkonflikte. Ich verfüge über aktive, kompetitiv eingeworbene öffentliche Forschungsgelder des DLR, BMBF und der DFG, um Forschung im Bereich der Rückenschmerzen zu betreiben. Ich habe eine Professur für Physiotherapie inne, bin Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaft und Editorial Board Member des British Journal of Sports Medicine sowie des Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy sowie ehemaliger (2021-2026) Senior Associate Editor für Übersichtsarbeiten des BMJ Open Sport & Exercise Medicine.“
David Hohenschurz-Schmidt, Ph.D.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und NIHR Development and Skills Enhancement (DSE) Fellow an der Imperial Clinical Trials Unit (ICTU), Imperial College London, Großbritannien
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„In den vergangenen drei Jahren habe ich Einkünfte aus privater osteopathischer Praxis sowie von der Osteopathie Schule Deutschland, der Haute école de santé Fribourg (CH) und REFLEX OSTEO (FR) erhalten. Ich war angestellt bei der Health Sciences University (UCO School of Osteopathy) und Imperial College London und erhielt Beratungshonorare von Altern Health Ltd. Ich bin Vorstandsmitglied der Society for Back Pain Research (SBPR, UK), Mitglied des World Congress Scientific Committee 2026 der International Association for the Study of Pain (IASP), Editor bei BMC Medical Research Methodology, sowie Mitglied des Trial Steering und Data and Ethics Monitoring Committee (DEMC) der AIDE-BC-Studie. Ich erhielt Forschungsförderungen von The Osteopathic Foundation, dem Alan and Sheila Diamond Charitable Trust, dem britischen National Institute for Health and Care Research (NIHR305077) sowie dem Joint Research Council des Chelsea and Westminster Hospital. Persönliche Unterstützung erhielt ich in Form von Preisen oder Reisestipendien von der IASP, SBPR, BritSpine, EFIC, SOPATE, der Deutschen Schmerzgesellschaft und der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Zudem erhielt ich persönliche Honorare für Forschungstätigkeiten von Analgesic, Anesthetic, and Addiction Clinical Trial Translations, Innovations, Opportunities, and Networks (ACTTION).“
Dr. Lucia Gassner
Senior Researcher, Sportwissenschaft & Biomedical Engineering, Austrian Institute for Health Technology Assessment, Wien, Österreich
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“