Mögliche Hantavirusinfektionen auf einem Kreuzfahrtschiff
sieben erkrankte Personen, drei Personen starben, bei zweien wurde Infektion mit Hantavirus bestätigt
weitere Passagiere könnten betroffen sein
laut Experten muss nun diagnostisch geklärt werden, ob und wenn ja, um welches Virus es sich handelt
Die WHO hat am 4. Mai in einer Pressmitteilung bekannt gegeben, dass die Anzahl der Personen, die sich auf dem niederländischen Kreuzfahrtschiff MV Hondius womöglich mit dem Hantavirus infiziert haben, auf sieben gestiegen ist. Bei zwei Personen wurde eine Infektion mit dem Hantavirus nachgewiesen [I]. Drei Personen sind verstorben. Das Schiff startete vor etwa drei Wochen in Argentinien und liegt aktuell vor der Hauptstadt von Kap Verde vor Westafrika.
Aktuell wird intensiv untersucht, wie und wo sich die Betroffenen infiziert haben, ob eventuell Übertragungen unter den Betroffenen stattgefunden haben und um welche Art des Hantavirus es sich handelt.
Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Hamburg
Situation auf dem Kreuzfahrtschiff
„Das ist ein außergewöhnliches Infektionsgeschehen, das man in dieser Form auf einem Kreuzfahrtschiff nicht erwarten würde. Wichtig ist zunächst: Nach den bisher öffentlich verfügbaren Informationen handelt es sich bei mehreren Fällen noch um Verdachtsfälle. Entscheidend wird daher die virologische Bestätigung und Sequenzierung sein.“
„Hantaviren werden normalerweise durch infizierte Nagetiere übertragen. Die Infektion des Menschen erfolgt typischerweise durch Einatmen von erregerhaltigem Staub, der mit Urin, Kot oder Speichel infizierter Nagetiere kontaminiert ist, oder durch direkten Kontakt mit solchen Ausscheidungen. Der Mensch ist bei den meisten Hantaviren ein Fehl- beziehungsweise Endwirt, sodass keine relevante Mensch-zu-Mensch-Übertragung stattfindet. Eine wichtige Ausnahme ist jedoch das südamerikanische Andes-Virus. Für dieses Hantavirus ist eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung bei engem Kontakt beschrieben. Da das Schiff aus Südargentinien kam, muss diese Möglichkeit differenzialdiagnostisch ernst genommen werden.“
Mögliche Infektionswege
„Grundsätzlich kommen daher zwei Szenarien infrage: Erstens könnten sich eine oder mehrere Personen bereits in Argentinien oder im südamerikanischen Expositionsgebiet infiziert und das Virus an Bord gebracht haben. Sollte es sich um das Andes-Virus handeln, wäre anschließend bei engem Kontakt eine Weiterübertragung an Bord denkbar. Zweitens wäre auch eine Infektion durch Nagetiere an Bord oder durch kontaminierte Lebensmittel, Lagerbereiche, Kabinen, Oberflächen oder Staub denkbar – etwa wenn Mäuse oder Ratten das Schiff beziehungsweise Vorratsbereiche besiedelt haben. Beide Möglichkeiten müssen durch epidemiologische Untersuchung, Umweltinspektion, Nagetierkontrolle und virologische Diagnostik abgeklärt werden.“
Möglichkeit weiterer Übertragung
„Man kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass noch weitere Personen an Bord betroffen sein könnten. Hantavirus-Erkrankungen haben eine Inkubationszeit, die je nach Virus und Exposition mehrere Tage bis Wochen betragen kann. Deshalb können weitere Fälle auch zeitverzögert auftreten. Das Risiko für die Allgemeinbevölkerung wird von der WHO nach aktueller Berichterstattung als niedrig eingeschätzt. Für Personen an Bord oder enge Kontaktpersonen ist die Situation jedoch anders zu bewerten, weil sie möglicherweise dieselbe Expositionsquelle oder engen Kontakt zu Erkrankten hatten. Besonders wichtig ist die Unterscheidung, ob es sich tatsächlich um das Andes-Virus handelt. Falls ja, sollten erkrankte Personen konsequent isoliert werden, und bei engem Kontakt sollte ein strukturiertes Kontaktpersonenmanagement erfolgen. In diesem Fall sind Barrier-Nursing-Maßnahmen (Maßnahmen mit dem Ziel, die Übertragung zwischen infizierten Patienten und dem medizinischen Personal und anderen Patienten zu verhindern; Anm. d. Red.) sinnvoll, insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit respiratorischer Symptomatik oder bei aerosolbildenden medizinischen Maßnahmen.“
Was sollte nun geschehen?
„Zunächst sollten alle Passagiere und Crewmitglieder medizinisch gescreent und nach Symptomen, Expositionen und engen Kontakten befragt werden. Personen mit Fieber, Myalgien, Kopfschmerzen, gastrointestinalen Beschwerden, Husten, Luftnot, Thrombozytopenie oder Zeichen einer schweren pulmonalen Erkrankung sollten umgehend medizinisch untersucht und isoliert werden. Bei symptomatischen Personen sollte eine gezielte Hantavirus-Diagnostik erfolgen: idealerweise mit PCR (Polymerase-Kettenreaktion) beziehungsweise Nukleinsäurenachweis und anschließender Sequenzierung. Damit kann man klären, ob es sich um Andes-Virus oder ein anderes Hantavirus handelt.“
„Eine spezifische Standardtherapie gegen das Virus gibt es nicht. Die Behandlung ist vor allem supportive Medizin: engmaschige Überwachung, Sauerstoffgabe, intensivmedizinische Versorgung bei respiratorischer Insuffizienz oder Schock und gegebenenfalls invasive Beatmung oder ECMO (Extrakorporale Membranoxygenierung; intensivmedizinische Technik, bei der eine Maschine teilweise oder vollständig die Atemfunktion von Patienten übernimmt; Anm. d. Red.) in schweren Fällen. Gerade bei Verdacht auf Hantavirus Cardiopulmonary Syndrome (HCPS) ist eine frühe intensivmedizinische Anbindung entscheidend. Falls das Andes-Virus bestätigt oder hochgradig wahrscheinlich ist, sollten Erkrankte isoliert und enge Kontaktpersonen aktiv überwacht werden, und medizinisches Personal sollte mit entsprechender persönlicher Schutzausrüstung arbeiten. Bei unklarer Hantavirus-Spezies und schwerer respiratorischer Erkrankung nach Aufenthalt in Südargentinien würde ich zunächst vorsorglich so vorgehen, bis das Andes-Virus ausgeschlossen ist.“
Oberstarzt und Leiter, Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, München, und Außerplanmäßiger Professor, Technische Universität München
Zur Situation
„Nach meinem derzeitigen Kenntnisstand wurde die Erstdiagnose der Hantavirus-Infektionen am National Institute for Communicable Diseases (NICD) in Johannesburg gestellt. Die dortigen Kolleginnen und Kollegen verfügen über große Erfahrung in der Diagnostik auch seltener und importierter viraler Erreger. Nach den mir vorliegenden Informationen erfolgte die initiale Diagnostik mittels einer genus-spezifischen PCR (‚Pan-Hanta-PCR‘), sodass zunächst lediglich der Nachweis auf Genus-Ebene möglich war. Für eine weitergehende Differenzierung der spezifischen Hantavirus-Spezies sind nun zusätzliche Analysen erforderlich, entweder spezifische PCR-Verfahren oder Genomsequenzierungen, die derzeit durchgeführt werden.“
„Ergänzend dazu wurden Proben an das Institut Pasteur in Dakar im Senegal versandt, sodass aktuell zwei der leistungsfähigsten virologischen Referenzzentren Afrikas in die weitere Diagnostik eingebunden sind. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass in absehbarer Zeit genauere virologische Daten, insbesondere zum Virusgenom, vorliegen werden.“
Epidemiologie
„Die bislang öffentlich zugänglichen epidemiologischen Daten sprechen dafür, dass zumindest die ersten Fälle ihre Infektion sehr wahrscheinlich nicht an Bord des Schiffes, sondern bereits vor Reiseantritt oder im Rahmen früher Reiseabschnitte erworben haben könnten. Vor diesem Hintergrund wäre das in Südamerika verbreitete Andesvirus ein naheliegender Kandidat. Allerdings lässt sich dies erst nach abgeschlossener Sequenzierung belastbar bestätigen. Menschliche Hantavirus-Infektionen werden primär zoonotisch übertragen und Mensch-zu-Mensch-Übertragungen wurden nur selten und bislang im Wesentlichen im Zusammenhang mit dem Andesvirus beschrieben.“
„Gerade dieser Aspekt ist in der aktuellen Situation von besonderem Interesse: Die bislang dokumentierten Mensch-zu-Mensch-Übertragungen des Andesvirus traten überwiegend bei sehr engem und längerdauerndem Kontakt auf, etwa im familiären Umfeld oder in der medizinischen Versorgung. Inwieweit eine solche Konstellation bei den weiteren Fällen auf dem Kreuzfahrtschiff vorgelegen haben könnte, lässt sich derzeit aus der Ferne nicht valide beurteilen.“
Klinische Ausprägung
„Bemerkenswert ist zudem die klinische Ausprägung der Fälle mit teils rascher Progression zu schwerer respiratorischer Insuffizienz bis hin zum akuten Lungenversagen, was gut zum Bild eines Hantavirus-induzierten kardiopulmonalen Syndroms (HPS/HCPS) passt, wie es insbesondere für Hantavirus-Spezies in Nord- und Südamerika beschrieben ist. Die Letalität kann dabei, je nach Region und Virusspezies, bis zu 50 Prozenet erreichen.“
„Zum besseren Kontext: Wir beschäftigen uns am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr seit vielen Jahren mit Hantavirus-Infektionen, allerdings mit Fokus auf europäische Spezies. Diese unterscheiden sich klinisch deutlich von den hier diskutierten Verläufen. In Europa stehen typischerweise renale Manifestationen (Nierenerkrankungen oder -schäden, als Folge von beispielsweise Infektionen; Anm. d. Red.) im Vordergrund (hämorrhagisches Fieber mit renalem Syndrom), während schwere pulmonale Verläufe, wie sie hier beschrieben werden, nicht charakteristisch sind.“
„Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der vorliegende Fall epidemiologisch und virologisch weiterhin ungewöhnlich ist und eine abschließende Bewertung erst nach Vorliegen detaillierter molekularer Daten möglich sein wird. Die laufenden internationalen Untersuchungen unter Einbindung der WHO lassen jedoch erwarten, dass hierzu zeitnah belastbarere Erkenntnisse vorliegen werden.“
Alle: Keine Angaben erhalten.
Weiterführende Recherchequellen
Science Media Centre UK (2026): expert reaction to hantavirus situation on cruise ship heading from Argentina to Cape Verde. Statements. roundup. Stand: 04.05.2026.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] WHO (04.05.2026): Hantavirus cluster linked to cruise ship travel, Multi-country. Disease Outbreak News.
[II] Robert-Koch-Institut: Hantavirus-Erkrankung. Stand: 13.11.2020.
Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit
Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Hamburg
Prof. Dr. Roman Wölfel
Oberstarzt und Leiter, Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, München, und Außerplanmäßiger Professor, Technische Universität München