Meeresschutzgebiete ökologisch weniger effektiv als angenommen
Modellierungen zufolge ist höchstens ein Viertel der Riff-Ökosysteme innerhalb von Meeresschutzgebieten auch tatsächlich ökologisch effektiv geschützt; Fischerei habe großen Einfluss
bis 2030 sollen laut internationalem Abkommen mindestens 30 Prozent der weltweiten Landes- und Meeresfläche wirksam geschützt sein
an Modellierungen unbeteiligte Forschende sprechen von einem innovativen Ansatz der Studie, auch wenn die Ergebnisse nicht neu seien; entscheidend sei neben der Ausweisung von Schutzgebieten auch die Kontrolle zur Einhaltung der Schutzauflagen
Die derzeit ausgewiesenen Meeresschutzgebiete, insbesondere in flachen Stein- und Korallenriffen, könnten weniger messbare Vorteile für den Artenschutz liefern als angenommen. Zu dieser Schlussfolgerung kommt eine Modellierungsstudie, die am 07.09.26 im Fachjournal PNAS veröffentlicht wurde (siehe Primärquelle). Den Autorinnen und Autoren zufolge ist höchstens ein Viertel der derzeitigen Meeresschutzgebiete als ökologisch effektiv zu bezeichnen, bietet also einen wirksamen Schutz.
Für ihre Analyse nutzten Ella Clausius von der Universität Tasmanien und weitere Forschende die Fischbiomasse als Indikator für effektiven Schutz. Dafür untersuchten sie empirische Daten zur Anzahl und Größe von Fischen und Haien in 552 Meeresschutzgebietszonen in flachen Riffen weltweit. Korallen- und Steinriffe in tropischen und temperierten Ozeanen gelten als Hotspots biologischer Diversität, geraten durch die wärmer werdenden Meerestemperaturen aber zunehmend unter Druck [I]. Aus den Daten berechneten die Forschenden die Fischbiomasse. Ebenjene wird laut der Autorinnen und Autoren in Riff-Ökosystemen besonders durch die Fischerei gemindert. Auch wenn ein Meeresgebiet als Meeresschutzgebiet (Marine Protected Area, MPA) ausgewiesen ist, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass die Fischerei dort vollständig untersagt ist [II] [III]. In die vorliegende Untersuchung flossen daher Meeresschutzgebiete mit unterschiedlichen Beschränkungen der Fischerei sowie unterschiedlichen Maßnahmen zu deren lokaler Einhaltung ein.
Leiter der Arbeitsgruppe Marine Ökologie, Universität Bremen
Fokus auf der Biomasse der Fische
„Die dargestellte Datengrundlage und Modellierung erscheint robust und nachvollziehbar. Das haben offensichtlich auch die strengen wissenschaftlichen Qualitätssicherungsverfahren der renommierten Fachzeitschrift PNAS ergeben. Die Idee dieser Studie ist innovativ, neu und global, aber sie fokussiert sich allein und exemplarisch auf die Biomasse der Fische, wenngleich dies ein sehr wichtiger Parameter ist. Es ist allerdings fraglich, ob dies Rückschlüsse auf andere Schutzziele wie die Erhaltung oder Erhöhung der Biodiversität zulässt.“
Auf die Frage, inwiefern die Extrapolation der Ergebnisse für flache Riff-Ökosysteme auch auf andere marine Ökosysteme zulässig ist:
„Die Extrapolation der Fischbiomasse-Daten von flachen Riff-Ökosystemen auf andere marine Ökosysteme ist meiner Meinung nach zulässig, denn Korallenriffe sind komplexer als die meisten anderen marinen Ökosysteme.“
Wirksamer Meeresschutz nicht nur durch die Ausweisung von Schutzgebieten
„Die Ergebnisse dieser Studie bestätigen andere Studien, die zeigen, dass wirksamer Meeresschutz nicht allein durch die Ausweisung von Schutzgebieten erreicht werden kann, sondern vor allem durch die Kontrolle und Einhaltung des Schutzes unter starker Einbindung der Nutzer.“
„Spannend sind vor allem die beeindruckenden Zahlen: Nur zwei Prozent statt der bisher angenommenen zehn Prozent der Fläche der ausgewiesenen marinen Schutzgebiete liefert potenziell mindestens die doppelte Fischbiomasse, erreicht also ein wichtiges Schutzziel. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir in unseren bisherigen Annahmen um etwa 80 Prozent falsch liegen könnten, beziehungsweise die Qualität des Schutzes um das Fünffache überschätzt haben könnten.“
Das Flächenziel 30x30 ist nicht gleichbedeutend mit effektivem Meeresschutz
„Die wichtigste Botschaft der Studie ist meiner Meinung nach, dass nicht die Quantität, sondern die Qualität des Meeresschutzes entscheidend ist. Wir könnten also das ehrgeizige Hauptziel, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Fläche des Weltozeans zu schützen, erreichen, aber dennoch keinen wirksamen Schutz gewährleisten. Unsere Hauptaufgabe ist es also, den Schutz der Meere so zu konzeptionieren, dass die Kontrolle und Einhaltung des Schutzes hochprioritär verbessert wird, neben der Ausweisung von mehr Meeresfläche.“
Direktor des Instituts für Seefischerei, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, Bremerhaven
Innovativer Ansatz und aktuelle Relevanz…
„Vor dem Hintergrund aktuell auf EU- und nationaler Ebene laufender, politischer Prozesse zur Umsetzung der EU-Biodiversitätsstrategie und der Wiederherstellungsverordnung adressiert die Studie mit der Effektivität bestehender Schutzgebiete ein extrem relevantes Thema. Am Beispiel des globalen Netzwerks von Schutzgebieten für Riffe in flachen Meeresgebieten wird herausgearbeitet, dass allein die Betrachtung der geschützten Fläche und der formal ergriffenen Schutzmaßnahmen nicht geeignet ist, um deren Erfolg zu beschreiben. Nur wenn festgesetzte Regeln, wie Beschränkungen der Fischerei, auch streng eingehalten werden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Schutzgebiet seine Ziele, wie beispielsweise die Erholung der Fischbiomasse, erreicht.“
… auch wenn die Ergebnisse erwartbar sind
„Diese Erkenntnis ist erwartbar und nicht wirklich neu, aber die Studie versucht mit Hilfe von Modellen und empirischen Daten über die Anzahlen und die Biomasse von Fischen in flachen Riffgebieten zu quantifizieren, wie groß die Diskrepanz global zwischen formal geschützten und ökologisch wirksam geschützten Gebieten tatsächlich ist. Das ist ein neuer und interessanter Ansatz. Allerdings müssen für die Modellierung viele Annahmen getroffen werden, unter anderem darüber, was denn überhaupt ein signifikanter Schutzgebietseffekt ist. Es wird nur die Zunahme der Fischbiomasse als Indikator für die Effektivität der Schutzgebiete herangezogen und es wird nur ein spezieller Schutzgebietstyp – flache Riffe – betrachtet.“
Größenordnung plausibel, konkrete Zahlen unsicher
„Insbesondere die vielen Annahmen, die für die Modellierung getroffen werden mussten, und die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die globale Gesamtheit an Meeresschutzgebieten jenseits des betrachten Typs ‚flache Riffe‘ wecken Zweifel an den konkreten Zahlen, die das finale Model ausgibt. Dies sind auch die größten Schwächen der Studie. Ich bin dennoch überzeugt, dass die Studie in der Dimension des Problems richtig liegt, aber ob die Effektivitätslücke nun beim fünffachen, beim doppelten oder siebenfachen liegt, bleibt sicher eine offene Frage.“
Implikationen für den Meeresschutz in Deutschland und Europa
„In der aktuellen Debatte über den Meeresschutz in Deutschland und Europa geht es häufig nur darum, dass zusätzliche Flächen für den Meeresschutz ausgewiesen werden müssen. Eine der wichtigsten Lehren, die aus der Studie gezogen werden kann, ist aber sicherlich, dass eine effektive Implementierung der bestehenden Schutzgebiete und Schutzmaßnahmen inklusive Fragen von Compliance, Kontrolle und Sanktionierung von Verstößen in den Fokus der politischen Entscheider und der für die Umsetzung zuständigen Behörden rücken sollte, bevor man nach einer Ausweitung bestehender Schutzgebiete ruft, wenn deren Erfolg ausbleibt.“
„Dies gilt auch oder gerade für Europa, wo wir mit der Energiewende und dem Ausbau der Offshore Energiegewinnung vor extremen Flächenknappheiten in den nationalen Hoheitsgewässern stehen. Ein essenzieller Baustein für erfolgreiche Schutzgebiete ist zudem ein funktionierendes wissenschaftliches Monitoring der Schutzgebietseffektivität und ein Prozess, der erlaubt, im Lichte der Monitoringergebnisse, Maßnahmen schnell und effizient nachzusteuern.“
Senior Scientist, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung GmbH (ZMT), Bremen
„Die Studie ist methodisch solide und beruht auf einem sehr großen Datensatz. Der Ansatz, die erwartete Fischbiomasse an den verschiedenen Schutzgebietsstandorten auf Grundlage beobachteter Zusammenhänge an anderen Standorten zu modellieren und mit der tatsächlichen Biomasse zu vergleichen, wurde bereits in mehreren größeren Studien zu Fischgemeinschaften angewandt und hat sich bewährt. Er hat den Vorteil, dass sich in den Modellen einzelne Parameter wie Befolgung von Regeln variieren lassen und deren jeweilige Einflüsse isoliert untersucht werden können. Unsicherheit besteht in dem gewählten Ansatz vor allem darin, dass von einer Auswahl an Standorten, von denen Daten vorliegen, auf Schutzgebiete weltweit extrapoliert wird, also eine Übertragbarkeit auf andere Gebiete angenommen wird. Die Forschenden gehen mit diesen Einschränkungen offen um und beschreiben sie in meinen Augen überwiegend adäquat.“
Viele Schutzgebiete sind „Papiertiger“
„Die Ergebnisse sind auf der einen Seite nicht sonderlich überraschend und unterstreichen, was andere Studien vorher schon gezeigt haben: viele Schutzgebiete sind ‚Papiertiger‘, bestehen also hauptsächlich auf dem Papier, und werden in der Praxis nicht sonderlich befolgt. Dass die (nicht-)Befolgung von Regeln einen der wesentlichen Faktoren in der Wirksamkeit von Schutzgebieten darstellt, wurde bereits mehrfach empirisch gezeigt – unter anderem von einigen der Autoren der vorliegenden Studie. Die Auswirkung dieses einen Faktors wird aber in dieser Studie noch einmal besonders eindrücklich hervorgehoben.“
Hochrechnung der Ergebnisse auf den gesamten Ozean
„Die Unterschiede und mögliche Vergleichbarkeit von Küsten- und Riffgebieten (die in der Studie untersucht wurden) und Hochseebereichen hätten explizit herausgestellt werden können – auf der einen Seite sind Küstenbereiche einem stärkeren lokalen Nutzungsdruck ausgesetzt, auf der anderen Seite lassen sich Gebiete in Landnähe allerdings auch besser beobachten, so dass die Durchsetzung von Regeln dort einfacher ist als auf hoher See. Der jeweilige Einfluss dieser beiden Faktoren sollte abgeschätzt werden, um die Gültigkeit der zugrundeliegenden Annahmen besser beurteilen zu können.“
Wichtig ist die Durchsetzung von Regeln in den Schutzgebieten
„Die Studie zeigt einmal mehr, dass sich Länder und Behörden viel stärker um die tatsächliche Durchsetzung von Regeln und deren Anerkennung – zum Beispiel durch eine bessere Einbindung lokaler Küstengemeinschaften in die Entwicklung und Umsetzung von Schutzgebieten – als lediglich um die Ausweisung immer neuer und größerer Schutzgebiete kümmern sollten. Für den Meeresschutz wäre mehr erreicht, wenn die bereits bestehenden Schutzgebiete wirkungsvoll wären und deren Regeln befolgt würden, als wenn das Ziel von 30 Prozent der Meeresfläche in Schutzgebieten formal erreicht würde, diese aber ohne Wirkung blieben.“
Auf die Frage, inwiefern sich die aktuell hohen Meeresoberflächentemperaturen im September 2026 unabhängig vom Fischfang mittelfristig negativ auf die Artenvielfalt auswirken:
„Habitatqualität – vor allem Korallenbedeckung – wurde in der aktuellen Studie nicht als Parameter einbezogen, insofern ist die Auswirkung des Verlusts von Korallen relativ zu den untersuchten Faktoren nicht eindeutig zu quantifizieren. Viele andere Studien zeigen jedoch die Bedeutung von lebenden Korallen und einer hohen Diversität an Arten und Wuchsformen für den Fischreichtum in Korallenriffen. Insofern ist absehbar, dass die aktuell hohen Meerestemperaturen, welche in Zukunft noch häufiger und extremer ausfallen werden und dadurch langfristig zu einem Rückgang an Korallenbedeckung und -vielfalt führen, die Biomasse und Diversität von Riff-Fischen auch unabhängig von Fischfang beeinträchtigen werden. ‚Gesunde‘ Fischbestände in Korallenriffen benötigen daher neben verbessertem Fischereimanagement unbedingt auch wirksamen Klimaschutz.“
„Ich habe keinerlei Interessenkonflikte im Zusammenhang mit der Kommentierung der Studie.“
„Es liegen keine Interessenkonflikte vor.“
„Ich kenne mehrere der Autoren aus vorherigen Projekten (Edgar, Cinner, Maire, Mouillot, Stuart-Smith) und habe auch bereits mit ihnen veröffentlicht, war aber an dem aktuellen Projekt nicht beteiligt und denke, dass ich eine unvoreingenommene Einschätzung der Studie abgeben kann.“
Primärquelle
Clausius E et al. (2026): At least a fivefold gap in effective global marine protection. PNAS. DOI: 10.1073/pnas.2611733123.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] González-Rivero M et al. (2026): Status of Coral Reefs of the World: 2025. DOI: 10.59387/LFPR6347.
[II] Day J et al. (2019): Guidelines for applying the IUCN protected area management categories to marine protected areas.
[III] Horta e Costa B et al. (2016): A regulation-based classification system for Marine Protected Areas (MPAs). Marine Policy. DOI: 10.1016/j.marpol.2016.06.021.
[IV] Convention on Biological Diversity (19.12.2022): Nations Adopt Four Goals, 23 Targets for 2030 In Landmark UN Biodiversity Agreement.
Dazu auch: Science Media Center (2022): Nach Abschluss der Weltnaturkonferenz COP15. Statements. Stand: 20.12.2022.
Prof. Dr. Christian Wild
Leiter der Arbeitsgruppe Marine Ökologie, Universität Bremen
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keinerlei Interessenkonflikte im Zusammenhang mit der Kommentierung der Studie.“
Dr. Gerd Kraus
Direktor des Instituts für Seefischerei, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, Bremerhaven
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es liegen keine Interessenkonflikte vor.“
Dr. Sebastian Ferse
Senior Scientist, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung GmbH (ZMT), Bremen
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich kenne mehrere der Autoren aus vorherigen Projekten (Edgar, Cinner, Maire, Mouillot, Stuart-Smith) und habe auch bereits mit ihnen veröffentlicht, war aber an dem aktuellen Projekt nicht beteiligt und denke, dass ich eine unvoreingenommene Einschätzung der Studie abgeben kann.“