Mäuse mit Großhirn aus menschlichen Stammzellen
Forschende haben Mäuse mit menschlichem Hirngewebe gezüchtet
dieses Tiermodell soll bei der Erforschung des menschlichen Gehirns helfen
der technische Fortschritt ist bedeutend, so Forschende, aber der Mehrwert für Hirnforschung bleibt vorerst unklar
Forschende der US-Universität Stanford haben Mäuse gezüchtet, denen ein Teil ihrer Großhirnrinde und des Hippocampus fehlt – sogenannte „apallische Mäuse“. In diese „Lücke“ transplantierten sie ein Hirnorganoid aus menschlichen Stammzellen, welches über mehrere Monate selbstorganisierend heranwuchs und den größten Teil des Raums einnahm. Sie differenzieren sich zu einer Vielzahl menschlicher Gehirnzellen, organisieren sich zu neuronalen Schaltkreisen und bilden komplexe Strukturen, die dem neokortikalen Gewebe ähneln. Die Forschenden erhoffen sich, mithilfe solcher xenocortikaler Mäuse bisher unbeantwortbaren Forschungsfragen der Neurowissenschaften nachgehen zu können. Ihre Ergebnisse haben sie im Fachjournal „Nature“ veröffentlicht (siehe Primärquelle).
Es ist bereits aus der Wissenschaft bekannt, dass apallische Mäuse atmen können, Schlaf-Wach-Rhythmen zeigen, sich fortbewegen, paaren und fortpflanzen. Allerdings fehlen ihnen Fähigkeiten zum komplexen Lernen, ein Gedächtnis und eine koordinierte Feinmotorik [I] [II]. In den drei Monaten nach der Transplantation wuchs das Volumen des menschlichen Organoids im Mausgehirn um das 4,7-fache. Es machte zu diesem Zeitpunkt rund 92 Prozent des kombinierten kortikalen Volumens der Nager aus mit 32.000 Neuronen pro Millimeter.
stellvertretender wissenschaftlicher Direktor und leitender Wissenschaftler, Institut für Molekulare Biotechnologie, Wien, Österreich
Mehrwert für das Forschungsfeld
„Die Bedeutung der Arbeit liegt am ehesten in der Technik. Die Autoren zeigen, dass das gesamte Großhirn einer Maus durch menschliche Organoide ersetzt werden kann. Während in allen früheren Chimärenversuchen nur kleine Teile des Gehirns ersetzt wurden, wurde nun durch die Zerstörung der Maus-Nervenzellen der nötige Platz geschaffen, um eine komplette Kolonisierung des Großhirnes durch menschliche Nervenzellen zu ermöglichen.“
„Allerdings ist die Vorstellung, dass es sich hier um eine Maus mit Menschengehirn handelt, nicht ganz richtig. Erstens entwickeln sich die menschlichen Zellen mit ihrem artenspezifischen Tempo weiter, also viel langsamer als das Mausgehirn. Auch am Ende der Versuche entsprechen diese Zellen einem Embryo im zweiten Trimester der Schwangerschaft. Und zweitens sind die Ergebnisse, was die kognitiven Aspekte betrifft, eher überraschend. Zum einen ist es erstaunlich, wie wenig fundamental sich das Verhalten einer Maus ändert, wenn das Großhirn zerstört wird. Und zweitens können kognitive Prozesse durch die menschlichen Zellen nur zu einem kleinen Teil gerettet werden. Die entstehenden Chimären eignen sich also wenig zur Untersuchung menschlicher kognitiver Prozesse und es ist zu bezweifeln, dass das neue Modell im Forschungsprozess eine große Rolle spielen wird.“
Integration der humanen Nervenzellen in das Mausgehirn
„Ja, die Arbeit zeigt klar und überzeugend, dass die menschlichen Zellen sich vollständig in das Nervensystem der Maus integrieren. Das ist an sich keine Überraschung. Schon vorher wurde gezeigt, dass einzelne menschliche Nervenzellen oder auch menschliche Organoide sich mit dem Nervensystem einer Maus oder einer Ratte verbinden und sogar aktiv an der Informationsverarbeitung teilnehmen.“
Einsatz des Mausmodells in der Forschung
„Die Relevanz der neuen Arbeiten muss sich erst zeigen. Solche Transplantationsexperimente sind sehr arbeitsaufwendig, ethisch problematisch und dienen vor allem nicht dem Hauptziel der Organoidforschung, nämlich Ersatzmethoden für Tierversuche zu schaffen. Ja, sie erzeugen sogar zusätzliche ethische Bedenken.“
„Es muss allerdings betont werden, dass die Arbeiten nach strengen, eigentlich vorbildlichen Kriterien ethisch begutachtet und durch mehrere Kommissionen – sowohl innerhalb als auch außerhalb der beteiligten Institution – ethisch begleitet wurden. Forschung dieser Art unterliegt strengen ethischen Richtlinien, bei denen vor und auch während der Experimente die potenziellen ethischen Probleme mit dem möglichen Nutzen für die Heilung von Krankheiten abgewogen werden.“
Übertragbarkeit auf Affe oder Mensch
„Ähnliche Transplantationsexperimente bei Primaten wären derzeit nur extrem schwer zu rechtfertigen. Die Forschung mit Stammzellen unterliegt weltweit den sogenannten ‚Guidelines‘ der International Society for Stem Cell Research [IV]. Die meisten wissenschaftlichen Zeitschriften haben sich verpflichtet, diese zur Grundlage für die Veröffentlichung solcher Arbeiten zu machen. In diesen Guidelines wird zum Beispiel jeder Eingriff in die Keimbahn von Menschen untersagt. Mensch-Primaten-Chimären herzustellen, fällt danach unter Kategorie 2, das heißt sie müssten durch einen strengen ethischen Reviewprozess begleitet werden. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Arbeiten dieser Art genehmigt würden, denn der medizinische Nutzen ist nicht erkennbar. Außerdem wäre die gleiche Technik bei Primaten nicht anwendbar und jede andere Technologie würde Prozeduren beinhalten, die jeden vertretbaren ethischen Rahmen komplett sprengen.“
„Mensch-Mensch-Transplantationen, bei denen ein so großer Teil des Gehirns ersetzt würde, sind gänzlich unvorstellbar. Mensch-Mensch-Transplantationen von wenigen Nervenzellen finden allerdings zu therapeutischen Zwecken bereits statt, zum Beispiel zur Behandlung der Parkinson’schen Krankheit.“
Direktor der Abteilung Konnektomik, Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main
Einordnung der Studie
„Diese Arbeit berichtet von einer hoch artifiziellen Konstruktion: von Mäusen, bei denen die Nervenzellen der Hirnrinde genetisch entfernt wurden, um danach auf menschlichen Stammzellen basierende Nervenzell-Organoide in den Bereich der nun entleerten Hirnrinde einwachsen zu lassen. Die Arbeit zeigt dann, dass diese auf menschlichen Zellen basierenden Nervenzellen sich in gewissem Maße in das Mausgehirn integrieren, und funktionelle Aktivität zeigen.“
Mehrwert für das Forschungsfeld
„Das Säugetiergehirn ist ein hochkomplexes Gebilde, in dem die Wechselwirkung von Nerven-, Glia-, und weiteren Zellen, die Ausbildung weitreichender synaptischer Verbindungen, aber auch die räumlichen Gegebenheiten, die Erreichbarkeit anderer Nervenzellen und die Einwirkung des Immunsystems eine wichtige Funktion haben. Viele der hier relevanten Prozesse sind bisher nicht verstanden. Es ist daher nach heutigem Wissensstand nicht möglich, einzuschätzen, ob die hier konstruierte Gewebskombination aus Maus und Mensch tatsächliche menschliche Gehirneigenschaften nachbildet, oder nur nach oberflächlichen Kriterien gewisse Ähnlichkeiten aufzeigt. Die Bedeutung für die Grundlagenforschung ist daher als moderat einzuschätzen.“
Professor für Advanced Organoid Systems for Mental Health Research, Technische Universität München (TUM)
Mehrwert der Studie und Vergleich zu vorangegangener Arbeit
„Die Studie von 2022 (SMC-Aussendung ‚Transplantierte Gehirn-Organoide beeinflussen Verhalten von Ratten‘ dazu, [1]; Anm. d. Red.) transplantierte in neugeborene Ratten, weil die thalamokortikale und kortikokortikale Verschaltung (ersteres meint die Verschaltung vom Thalamus zur Großhirnrinde, zweiteres die Verschaltung zwischen verschiedenen Bereichen der Großhirnrinde; Anm. d. Red) dort noch nicht abgeschlossen ist, und zeigte bereits funktionelle Integration. Der konzeptionelle Unterschied der neuen Arbeit ist, dass sie eine Entwicklungsnische schafft, statt in einen bereits angelegten Kortex zu transplantieren. Die Entwicklung des Mauskortex wird genetisch weitgehend unterbunden, während subkortikale Strukturen erhalten bleiben. Damit entfällt die Konkurrenz um Anschluss, die sonst entsteht, weil menschliche Nervenzellen langsam reifen und die Wirtsneurone längst verschaltet sind, wenn die menschlichen Zellen Synapsen zu bilden beginnen. Der Fortschritt liegt damit im Maßstab, in dem das gelingt, und weniger im Prinzip, denn die Studie baut konsequent auf Arbeiten zahlreicher Gruppen auf, etwa aus den Laboren von Fred Gage, Pierre Vanderhaeghen sowie Magdalena Götz und Mark Hübener.“
Integration der humanen Nervenzellen in das Mausgehirn
„In dieser Arbeit ist die Integration zellulär und anatomisch gut belegt, funktionell nicht. Fasern aus dem Transplantat ziehen in subkortikale Strukturen, umgekehrt bilden Mausneurone Verbindungen zum Transplantat, und im menschlichen Gewebe finden sich Maus-Interneurone. Solche Verbindungen sind eine Voraussetzung für funktionelle Integration, aber noch kein Nachweis, zumal das Transplantat unreif bleibt und seine Netzwerkaktivität der von sich entwickelndem Nervengewebe ähnelt und nicht der eines ausgereiften Kortex. Relevant für die Forschung ist vor allem, dass menschliche Nervenzellen hier über Monate in einem durchbluteten Gewebeverband reifen und zugänglich bleiben, was Entwicklung und Schädigungsreaktionen in vivo untersuchbar macht.“
Einsatz des Mausmodells in der Forschung
„Ich sehe das als Ergänzung zu bestehenden In-vitro-Modellen. Organoide und Assembloide in der Kulturschale bleiben für mechanistische Fragen, Durchsatz und experimentelle Zugänglichkeit das Mittel der Wahl. Das Transplantationsmodell ergänzt sie dort, wo Reifung, Vaskularisierung und die Einbettung in ein lebendes Nervensystem erforderlich sind, etwa bei Fragen zur Schädigungsantwort menschlichen Nervengewebes.“
Ethische Aspekte
„Der Umgang mit den ethischen Fragen ist in dieser Arbeit dokumentiert, einschließlich vorab eingeholter bioethischer Beratung und eines eigens einberufenen externen Komitees mit Patientenvertretung. Etablierte Bezugsrahmen gibt es, vor allem die Leitlinien der International Society for Stem Cell Research (ISSCR) [IV] sowie den Bericht einer eigens eingesetzten Arbeitsgruppe der National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine aus dem Jahr 2021. Hier wird in postnatale Tiere transplantiert, und dafür sehen die ISSCR-Leitlinien eine zusätzliche fachliche Begutachtung und ein fortlaufendes Monitoring der Tiere vor. Für nichtmenschliche Primaten ist der Rahmen eng, denn sie sollen nach den ISSCR-Leitlinien nur dann eingesetzt werden, wenn evolutionär entferntere Arten für die Fragestellung nicht ausreichen. Menschenaffen dürfen nach der Richtlinie 2010/63/EU grundsätzlich nicht in Tierversuchen eingesetzt werden.“
„Ich bin Erfinder auf mehreren Patenten, die die ‚cerebral organoid‘-Technologie schützen, eine Technologie, die der in diesen Experimenten verwendeten Zellkulturtechnik ähnlich ist. Ich bin Teilhaber an einer Biotech-Firma, die diese Technologie zur Medikamentenentwicklung verwendet.“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
„Mein Labor am Center for Organoid Systems der TUM arbeitet sowohl in vitro mit humanen iPSC-basierten Hirnorganoiden und Assembloiden als auch mit Transplantationsansätzen für stammzellbasiertes Nervengewebe und Immunzellen.“
Primärquelle
Kaganovsky K et al. (2026): Developmental xenocortication using human-derived organoids in mice. Nature. DOI: 10.1038/s41586-026-11032-2.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Revah O et al. (2022): Maturation and circuit integration of transplanted human cortical organoids. Nature. DOI: 10.1038/s41586-022-05277-w.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Levy RJ et al. (2025): From Organoids to Assembloids: Experimental Approaches to Study Human Neuropsychiatric Disorders. Annual Review of Neuroscience. DOI: 10.1146/annurev-neuro-112723-023232.
[II] Zhou L et al. (2010): Maturation of "neocortex isole" in vivo in mice. Journal of Neusoscience. DOI: 10.1523/JNEUROSCI.6005-09.2010.
[III] Roze E et al. (2025): Corticospinal Tract Development, Evolution, and Skilled Movements. Movement Disorders. DOI: 10.1002/mds.
[IV] ISSCR – International Society for Stem Cell Research (2025): ISSCR Guidelines for Stem Cell Research and Clinical Translation. Version 1.2; August 2025.
Prof. Dr. Jürgen Knoblich
stellvertretender wissenschaftlicher Direktor und leitender Wissenschaftler, Institut für Molekulare Biotechnologie, Wien, Österreich
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich bin Erfinder auf mehreren Patenten, die die ‚cerebral organoid‘-Technologie schützen, eine Technologie, die der in diesen Experimenten verwendeten Zellkulturtechnik ähnlich ist. Ich bin Teilhaber an einer Biotech-Firma, die diese Technologie zur Medikamentenentwicklung verwendet.“
Prof. Dr. Moritz Helmstaedter
Direktor der Abteilung Konnektomik, Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Simon Schäfer
Professor für Advanced Organoid Systems for Mental Health Research, Technische Universität München (TUM)
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Mein Labor am Center for Organoid Systems der TUM arbeitet sowohl in vitro mit humanen iPSC-basierten Hirnorganoiden und Assembloiden als auch mit Transplantationsansätzen für stammzellbasiertes Nervengewebe und Immunzellen.“