Leere Gasspeicher: Risiken und Handlungsoptionen
Füllstände der Gasspeicher sind sehr niedrig
damit sichern sie nur eingeschränkt die Gasversorgung im Winter gegen Preis- und Versorgungsrisiken ab
Forscher sieht große Wahrscheinlichkeit für hohe Preise im Winter, physische Knappheiten könnten in zwei Szenarien auftreten
Am 08.09.2026 veröffentlicht der Verband der deutschen Gasspeicherbetreiber INES das nächste Update seiner Gas-Szenarien. Schon jetzt ist klar: Mit knapp über 50 Prozent liegen die Füllstände deutlich unter den Werten der vergangenen Jahre. Angesichts geopolitischer Spannungen und eines derzeit knappen Angebots auf den Weltmärkten stellt sich die Frage, ob die Speicher so Preis- und Versorgungsrisiken ausreichend absichern.
Der Stopp der Pipeline-Lieferungen aus Russland hat die Versorgungssituation mit Erdgas grundlegend geändert. Vor 2022 floss das ganze Jahr über eine vergleichsweise stetige Menge Gas von Russland nach Deutschland – die Nachfrage ist im Winter jedoch deutlich höher als im Sommer. Das führte zu einer Preisdifferenz zwischen Sommer und Winter und erzeugte den Anreiz, das günstige Gas einzuspeichern und mit dem Verkauf im Winter trotz der Speichergebühren Gewinne zu erzielen.
Professor an der Staatswissenschaftlichen Fakultät und Direktor der Willy Brand School of Public Policy, Universität Erfurt, Universität Erfurt
Einschätzung der Versorgungssicherheit
„Es ist wichtig in Szenarien zu denken, um die Versorgungssicherheit mit Erdgas zu beurteilen. Fest steht: Wir sind aktuell in keiner guten Situation. Die Füllstände der Gasspeicher sind auf einem historischen Tief und werden die Vorgaben zum 01. November voraussichtlich nicht erreichen. Gleichzeitig steht mit der faktisch weiterhin geschlossenen Straße von Hormus dem Weltmarkt deutlich weniger flüssiges Erdgas (LNG) zur Verfügung, als im vergangenen Winter. Diesen Winter sollte besser nichts dazwischenkommen.“
Physische Knappheiten
„Physische Knappheiten halte ich nur in zwei Szenarien für möglich. Falls die Pipeline-Lieferungen aus Norwegen aus irgendeinem Grund ausfallen würden, könnten wir das nicht ersetzen. Das andere problematische Szenario wäre, wenn die USA ihre LNG-Lieferungen stoppen. Es gibt weltweit drei große LNG-Produzenten: Die USA, Katar und Australien fördern normalerweise zusammen über 60 Prozent der weltweiten Kapazitäten. Solange Katar für den Weltmarkt wegfällt, fehlen etwa 20 Prozent des global gehandelten LNG. Der Markt ist also deutlich weniger versorgt. Trump wäre prinzipiell in der Lage, Lieferungen zu stoppen. Denn Exporte in Länder ohne Freihandelsabkommen – dazu gehören auch die Mitgliedsstaaten der EU – benötigen Exporterlaubnisse. Sie werden vom Energieministerium unter der Annahme vergeben, dass ein Export im öffentlichen Interesse der USA ist. Bisher wurden diese Erlaubnisse noch nie widerrufen. Theoretisch ist es aber möglich, wenn die Regierung die Exporte nicht mehr im öffentlichen Interesse sehen sollte. Falls dann ein Großteil der Lieferungen gestoppt werden, wären die Auswirkungen auf den Weltmarkt so groß, dass es auch in Europa zu physischen Knappheiten kommen könnte. Wehtun würde es jedoch schon, ohne dass die Verfügbarkeit sich real ändert. Denn allein die Ankündigung der US-Regierung, Exportgenehmigungen möglicherweise zu widerrufen, würde den Preis in Europa scharf nach oben treiben.“
Risiko für hohe Preise im Winter
„Deutlich wahrscheinlicher als das Auftreten von physischen Knappheiten in der EU ist der Fall, dass wir im Winter zwar eine stabile Versorgung haben, die Gaspreise aber sehr hoch sein werden. Inzwischen ist unsere Versorgung strukturell auf LNG ausgerichtet. Das bedeutet: Wir spüren direkt, wenn sich etwas auf den Weltmärkten ändert. Ich gehe nicht davon aus, dass zeitnah relevante Mengen LNG den Golf verlassen können. Aktuell verlassen die Region nur etwa ein Zehntel der vor dem Krieg üblichen Anzahl von Schiffen, darunter nur wenige LNG-Tanker. In der angespannten Situation können einzelne regionale Ereignisse große Auswirkungen auf die Preise am Weltmarkt haben. Vorstellbar ist, dass eine der großen LNG-Exportstätten in Louisiana oder Texas wegen einer harten Hurricane-Saison ausfällt, dass in Australien an einem LNG-Terminal gestreikt wird oder dass Norwegen eine der Pipelines länger als geplant warten muss und Deutschland mehr Gas auf dem LNG-Markt kaufen muss. In Summe halte ich die Wahrscheinlichkeit für hoch, dass irgendeine kleinere Störung auftritt und zu sehr hohen Preisen im Winter führt.“
Ausbleibendes Befüllen der Speicher
„Meiner Einschätzung nach sind viele der bestehenden Risiken momentan nicht in den Preiserwartungen an der Börse enthalten. Normalerweise werden die Speicher deshalb befüllt, weil Händler das Gas im Sommer günstig kaufen und davon ausgehen, dass sie es im Winter teurer verkaufen können. Nun ist die Forward-Preiskurve schon seit langem flach. Wenn ich jetzt einen Vertrag zum Verkauf einer Megawattstunde Gas im Januar kommenden Jahres schließe, bekomme ich nicht mehr, als wenn ich diese Megawattstunde diesen September verkaufe. Ich nehme das wie eine Art Schockstarre der Händler war. Es gibt sehr viel Unsicherheit im Markt – keiner weiß, wo es mit den Preisen hingeht. Und weil keiner in die falsche Richtung laufen möchte, bleiben alle stehen. Das Interessante: Üblicherweise führt hohe Unsicherheit im Markt zu einer großen Bandbreite unterschiedlichen Verhaltens. Manche setzen auf höhere Preise im Winter und speichern ein, andere erwarten niedrige Preise.“
Folgen möglicher hoher Preise im Winter
„Falls die Preise im Winter sehr hoch sein sollten, hat das unterschiedliche Auswirkungen auf Marktteilnehmer. Haushalte spüren die Folgen nicht sofort, die höheren Heizkostenabrechnungen werden nachgelagert relevant. Die verarbeitende Industrie hat wegen hoher Gaspreise – aktuell liegen sie um die 70 Euro pro Megawattstunde – bereits einen Wettbewerbsnachteil im Vergleich zu Ländern wie den USA. Sollte der Preis länger über 90 Euro oder darüber liegen, wird es für viele Industrien schwierig. Auch für Gashändler können Probleme entstehen, wenn die Preise im Winter hoch werden und sie nicht ausreichend Gas eingespeichert haben. Sie müssen dann hektisch Gas auf dem Spotmarkt kaufen und es teils zu geringeren – vorher zugesicherten – Preisen verkaufen. Ob Händler die dann entstehenden Verluste ausgleichen könnten, hängt von ihrem Portfolio an Verträgen ab. Nicht zu vergessen sind auch Auswirkungen auf andere Weltregionen. Die EU hat eine hohe Kaufkraft und kann im Zweifel das benötigte Gas anderen ‚wegkaufen‘. Das ist bereits in den Jahren 2022 und 2023 passiert – mit dramatischen Folgen für Länder wie Pakistan und Bangladesch.“
Akute politische Handlungsoptionen
„Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es kaum mehr gute Option für politische Maßnahmen. Kurzfristig könnte man noch einmal versuchen, finanzielle Anreize für die Einspeicherung zu setzen. Wie die Initiative Energie Speichern (INES) in ihrem Aktionsplan vorschlägt, könnte dies beispielsweise über staatliche Zuschüsse oder eine Absenkung der Transportgebühren geschehen. Ob dies angesichts des Marktumfeldes reichen würde, bliebe abzuwarten. Zudem ist die Heizperiode weniger als einen Monat entfernt. Zum anderen könnte von staatlicher Seite Gas über die Trading Hub Europe (THE) gekauft und eingespeichert werden. Dies würde die Preise allerdings stark in die Höhe treiben, da der Markt dies zurecht als ein Krisensignal interpretieren würde. Um dieses Signal zu vermeiden, betont das Wirtschaftsministerium daher gegenwärtig, dass es die Unternehmen in der Pflicht sieht und erst zu einem sehr späten Zeitpunkt eingreifen würde – etwa, wenn eine dramatische Gasmangellage herrschen sollte, in der entschieden werden muss, wer überhaupt noch mit Gas versorgt wird.“
Mögliche langfristige Maßnahmen
„In anderen Ländern sehen wir funktionierende Modelle zur Vorsorge. In Italien gibt es etwa eine Pflicht zum Einspeichern, die auch regulatorisch umgesetzt wird. Unternehmen, die zu wenig einspeichern, werden sanktioniert. In den Niederlanden wird die Einspeicherung subventioniert, wenn die Preisdifferenz zwischen Sommer und Winter nicht für Marktanreize ausreicht.“
„Die in Deutschland geplante Gasreserve stellt im Ernstfall, also bei Versorgungskrisen, eine Rückversicherung dar. Damit sichert die Bundesregierung die Energiesicherheit von Verbrauchern und Industrie, wenn der Markt versagt. Sie wäre damit nicht die erste – Italien beispielsweise hat bereits eine. Die strategische Reserve steht jedoch diesen Winter noch nicht zur Verfügung, und soll erst im Sommer 2027 angelegt werden. Um nicht die falschen Marktanreize zu setzen, müssen Befüllung und Ausspeicherung jedoch adäquat reguliert werden.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Andreas Goldthau
Professor an der Staatswissenschaftlichen Fakultät und Direktor der Willy Brand School of Public Policy, Universität Erfurt, Universität Erfurt
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“