Küken schlüpfen aus künstlichem Ei
Colossal Biosciences präsentiert künstliches Ei und will ausgestorbene Vögel züchten
das Inkubationssystem könnte auch in der Biotechnologie breiteren Einsatz finden
laut Experten braucht es für den Artenschutz aber andere Ansätze und der Fortschritt der Technik ist bisher ungewiss
Die US-amerikanische Firma Colossal Biosciences stellte am 19.05.2026 eine neue Technologie vor, die bei der Züchtung bereits ausgestorbener Vogelarten helfen soll: ein künstliches Vogelei. Das langfristige Ziel der Firma ist es, in diesem Ei Vögel zu züchten, die zum Heranwachsen ein Ei benötigen, das etwa achtmal so groß ist wie das eines Emus.
In einer Pressemitteilung verkündet die Firma, dass aus ihren künstlichen Eiern in der Größe von gewöhnlichen Hühnereiern erfolgreich Hühnerküken geschlüpft seien. Um wie viele Tiere es sich dabei handelt, lässt die Meldung allerdings offen.
Naturschutzgenetiker, Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Künstliche Inkubation und Artenschutz
„Die Ankündigungen von Colossal zum Beitrag des künstlichen Eis zum Vogelschutz halte ich für eine überhöhte Interpretation. Im internationalen Vogelschutz spielen Ex-situ-Programme (Erhaltungszucht; Anm. d. Red.) für wenige Arten eine gewisse Rolle, aber die Haupttreiber sind Habitatverlust, invasive Arten (vor allem auf Inseln) und mangelnde Nahrung oder direkte Verfolgung. Da helfen uns auch keine künstlichen Inkubationen. Auch wenn wir im großen Stil züchten würden, beseitigen wir ja nicht die Ursachen für Rückgang und für das Aussterben der Arten.“
Realistische Anwendung bei bedrohten Arten wie Waldrapp, Auerhuhn oder Großtrappe
„Das Zuchtprogramm und die Wiederansiedlung des Waldrapps sehe ich zum Beispiel überaus kritisch. Da wird sehr viel Geld in ein paar Vögel investiert, die dann zufällig irgendwo brüten. Eine selbsterhaltende Population sehe ich auch in naher Zukunft nicht. Da würden auch neue Inkubationstechnologien nicht helfen. Beim Auerhuhn wird meines Wissens im Moment in Deutschland und Europa primär auf Wildvögel gesetzt, da hier das Mikrobiom der Vögel eine entscheidende Rolle für das Überleben zu spielen scheint. Daher wird das nicht weiterverfolgt (und würde auch den IUCN-Richtlinien zur Translokation widersprechen). Zur Großtrappe kann ich nichts im Detail sagen.“
Genetische Mindestvielfalt
„Es gibt nicht die eine genetische Mindestvielfalt als Messwert. Das kann von Art zu Art aufgrund der Demografie etwas unterschiedlich sein. Entscheidend ist aber die langfristige Populationsgröße für den Erhalt einer Population. Hier sprechen wir von einer effektiven Populationsgröße von 500 (entspricht bei vielen Arten mindestens 5000 Individuen), damit ein mittelfristiger Erhalt der Population aus genetischer Sicht erfolgreich sein kann. Damit ist aber schon klar, dass einzelne Individuen eher ein Einzelfall sind. Eine Ausnahme könnten Arten sein, bei denen wir wissen, dass einzelne Mutationen zum Aussterben oder zu starkem Rückgang geführt haben. Hier würde durch einen sogenannten Genetic Rescue eine Möglichkeit bestehen, auch bedrohten Arten zu helfen. Auch hier sind wir aber von einer konkreten Anwendung noch weit entfernt. Das könnte aber in den nächsten zehn Jahren relevant werden.“
Aufmerksamkeit für De-Extinction-Projekte
„Die ganzen De-Extinktion-Ansätze zielen viel auf Aufmerksamkeit und Technologie und lenken von den tatsächlichen Problemen ab. Ehrlicherweise müssten wir uns eingestehen, dass wir besser an den relevanten Schaltstellen Einsatz und finanziellen Input bringen müssen, um Arten zu retten. Da kann man viel machen, auch wenn das manchmal eher unbequem ist. Vermutlich sind aber die Geldgeber von Colossal nicht diejenigen, die Schutzprojekte anderweitig finanzieren würden. Ich sehe daher weniger eine Umverteilung von Mitteln als Problem. Allerdings ist der Ansatz ,Wir können ja im Nachhinein alles lösen und Arten stützen oder wiederbeleben‘ meines Erachtens fatal.“
Professur für Krankheiten der Vögel und Hygiene der Geflügelhaltung sowie Direktor der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische, Justus-Liebig-Universität Gießen
Neuigkeit des Ansatzes
„Der Ansatz von Colossal ist nicht neu. Bisherige Systeme, die auch funktionieren, sind Plastikbecher mit Plastikfolie als Schalenersatz oder die Verwendung von Fremdeischalen. Diese Systeme gibt es schon länger.“
„Eischalenersatz wird in der Forschung verwendet, wenn ein Vogelembryo manipuliert werden soll. Dafür wird zum Beispiel das Dotter mit der Keimscheibe darauf aus dem Ei herausgenommen, genetisch verändert und dann wieder zurück in eine eiähnliche Struktur zum Ausbrüten gebracht.“
„Die Erfolgsquoten künstlicher Ei-Systeme sind relativ gering. Es schlüpfen etwa 10 bis 20 Prozent der Küken, andere Arbeitsgruppen beschreiben bis zu 50 Prozent, wenn Hühnerembryonen beispielsweise in Puteneiern ausgebrütet werden. Nun ist die Frage, wie die Quoten von Colossal sind und ob sie bessere Brutergebnisse erzielen können. Wenn durch ihr Ei-System mehr Küken schlüpfen oder Vogelarten schlüpfen können, die andere Systeme nicht erlauben, dann kann man hier von einem Fortschritt sprechen.“
De-Extinction-Ansatz
„Colossal arbeitet an einem Ei-System, weil sie bestimmte Vogelarten wie den Dodo, die Wandertaube oder einen Riesenmoa zurückzüchten wollen. Allerdings brauchen sie dafür erst einmal einen Vogelembryo. Sie produzieren ja keinen Riesenmoa, sondern sie erschaffen auf Basis eines Emus einen genetisch modifizierten Vogel, der einem Riesenmoa nahekommt, den es so aber nicht gibt. Man könnte diesen Embryo auch in einem Straußen-Ei ausbrüten, aber ich vermute, sie haben die Befürchtung, dass diese Größe nicht ausreichen könnte.“
„Ich sehe den Ansatz von Colossal kritisch, bestimmte ausgestorbene Arten wieder zurückbringen zu wollen. Die Habitate und ökologischen Nischen, die diese Tiere einst besiedelt haben, gibt es so gar nicht mehr, und es bleibt offen, ob sie die Tiere erfolgreich wieder ansiedeln könnten.“
„Colossal neigt dazu, seine Ergebnisse sehr überladen zu präsentieren. Wie sie es verkaufen, wird im Feld manchmal als wenig seriös wahrgenommen. Aber die Aufmerksamkeit, die Colossal für das Thema Artenschutz erzeugt, und wie man dort die Technologie verbessert, bringen auch das Forschungsfeld insgesamt voran. Das Technologie-Know-how der Firma ist extrem groß.“
„Ich habe dazu keine Interessenkonflikte.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Weiterführende Recherchequellen
Science Media Center Germany (2025): Mäuse mit Mammut-Fell durch Geneditierung erzeugt. Statements. Stand: 04.03.2025.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Tahara Y et al. (2021): Ex Ovo Culture System for Avian Embryos and its Application. The Journal of Poultry Science. DOI: 10.2141/jpsa.02000016.
Prof. Dr. Gernot Segelbacher
Naturschutzgenetiker, Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe dazu keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Michael Lierz
Professur für Krankheiten der Vögel und Hygiene der Geflügelhaltung sowie Direktor der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische, Justus-Liebig-Universität Gießen