Krankenkassen-Umfrage: Mehrheit der Jugendlichen für Social-Media-Verbot
eine Online-Umfrage der Techniker Krankenkasse beleuchtet die Haltung und den Umgang von Jugendlichen mit sozialen Netzwerken
55 Prozent der Befragten befürworten ein Social-Media-Verbot, wie es aktuell vielerorts diskutiert wird
Erhebung liefert Fachleuten zufolge wichtige Perspektive, die sich teils aber nicht mit der Forschung deckt
mehr als die Hälfte der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland spricht sich für ein Social-Media-Verbot aus, obwohl der Großteil von ihnen die Nutzung selbst positiv erlebt. Das ist das Ergebnis einer Online-Befragung der Techniker Krankenkasse (TK). Für den Report „Jugend zwischen Like und Limit“ hat das Meinungsforschungsinstitut eye square von Ende April bis Anfang Mai 2026 im Auftrag der TK bundesweit 1400 Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren online zu ihrer Social-Media-Nutzung befragt (siehe Primärquelle). 55 Prozent von ihnen befürworten ein Verbot: acht Prozent generell, 47 Prozent bis zu einem bestimmten Alter. 14 Jahre ist die durchschnittliche Wunsch-Altersgrenze. 39 Prozent lehnen ein Verbot ab. Mädchen sprechen sich laut Bericht häufiger dafür aus als Jungen, und je älter die Befragten sind, desto eher stimmen sie einem Verbot zu.
Die Ergebnisse fallen in eine Debatte über strengere Social-Media-Regeln für junge Nutzerinnen und Nutzer. Australien hat als erstes Land eine Altersgrenze für Social Media eingeführt, und auch in Deutschland wird derzeit über ein mögliches Verbot diskutiert. In Frankreich wiederum hat der Verfassungsrat das im Juli vom Parlament beschlossene Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige vorerst gestoppt.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Methodik und Aussagekraft der Befragung
„Grundsätzlich denke ich, dass der wichtigste Faktor in der Untersuchung das Empfinden der Kinder und Jugendlichen selbst ist. Allerdings muss man bei der Interpretation solcher querschnittlicher Studien vorsichtig sein, keine Fehlschlüsse zu ziehen. In der Umfrage gibt es einen Fokus auf unterschiedliche Nutzungsgruppen mit niedriger oder hoher Nutzungszeit. Es zeigt sich konsistent, dass eine hohe Nutzung mit schlechteren psychischen und physischen Faktoren zusammenhängt. Solche drastischen Unterschiede finden sich in der Forschung mit dem Anspruch auf Identifikation ursächlicher Zusammenhänge jedoch meist nicht. Die Umfrage erkennt im Text zwar an, dass kein ursächlicher Zusammenhang daraus interpretiert werden kann, teilweise werden diese Ergebnisse aber dennoch so interpretiert und Menschen tendieren dazu, solche Zusammenhänge als kausal zu interpretieren. Wir sehen also, dass eine Gruppe schlechtere Ergebnisse sieht als andere und nehmen ganz automatisch an, dass es an diesem Faktor liegt.“
„Was allerdings in der Studie nicht angesprochen wird, ist, dass es wahrscheinlich ist, dass diese Unterschiede aufgrund von anderen grundlegenden Faktoren entstehen: Beispielsweise dürften Personen mit niedrigerem sozioökonomischem Status sowohl eine höhere Social-Media-Nutzung als auch eine schlechtere psychische Gesundheit haben. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Personen mit schlechterer psychischer Gesundheit mehr Social Media nutzen. Der ursächliche Zusammenhang könnte also genauso gut andersherum verlaufen. Interpretationen wie ‚intensive Nutzung von Social Media ist schlecht‘ lassen sich aufgrund dieser Daten also nicht treffen.“
„Sogenannte Digital-Detox-Experimente geben Hinweise darauf, dass der Verzicht auf Social Media hilfreich für manche Aspekte der psychischen Gesundheit sein kann, jedoch sind die Effekte solcher experimentellen Studien deutlich kleiner als die drastischen Unterschiede zwischen den Nutzer:innengruppen in der TK-Befragung vermuten lassen. Auch wenn Rückschlüsse aufgrund dieser Befragungsdaten stark limitiert sind, geben die Einschätzungen von Kindern und Jugendlichen dieser Technologien wichtige Hinweise auf die Perspektiven und Wünsche dieser Personengruppe, die von Verboten und Regulierungen betroffen ist. Und diese sollten wir für den Umgang mit und der Regulierung von Social Media ernst nehmen.“
„Bei Meinungen zur Regulierung insgesamt finden wir hier ebenfalls einen Effekt, den wir in vielen Aspekten von Medienwirkungen sehen: Den Third-Person-Effekt, welcher besagt, dass wir die Auswirkungen von Medien auf andere stärker einschätzen als auf uns selbst. Auch in der Umfrage zeigt sich, dass die meisten Befragten finden, dass Social Media ihnen selbst guttun, aber dennoch ist ein großer Anteil für ein Verbot oder Altersgrenzen.“
Wünsche der Jugendlichen versus Expert:innen-Empfehlung
„Das ist ein wichtiger Punkt. Ich glaube, Expert:innen sind sich immer noch nicht einig über die Regulierung von Social Media. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die Mechanismen der Effekte der Social-Media-Nutzung noch weniger gut erforscht sind, als wir uns das für eine effektive Regulierung wünschen würden. Es gibt problematische Mechanismen auf Social Media, etwa soziale Vergleiche, aber auch positive, beispielsweise soziale Unterstützung oder soziale Ressourcen. Da es noch keinen klaren Konsens über die Effekte der Social-Media-Nutzung gibt oder dieser sehr vielschichtig ist, fallen Empfehlungen häufig unterschiedlich aus. Grundsätzlich findet sich aber in den Ergebnissen rund um ein Social-Media-Verbot die Debatte wieder, dass eine gewisse Altersgrenze gesetzt wird, was einer Perspektive gegenübersteht, die fordert, dass Kinder und Jugendliche sicher an das Thema herangeführt werden sollten und eine sichere Nutzung unter Anleitung möglicherweise besser ist als das Umgehen von Verboten ohne Aufsicht.“
Selbstangaben zu Gefahren
„Ich denke, die angegebenen Gefahren spiegeln gut die zentralen negativen Aspekte von Social Media wider, und diese Elemente finden sich auch häufig in der Forschung. Eine Gefahr, die ich noch zusätzlich nennen würde, ist die Werbung und Einbindung von Glücksspiel: Sport- und anderen Wetten, Lootboxen (virtueller Behälter in Videospielen, der verschiedene Objekte enthält, die käuflich erworben werden können; Anm. d. Red.), und so weiter. Diese stellen ein wichtiges Problem dar.“
„Auch die Perspektive auf die Plattformen an sich halte ich für zentral. So findet sich die Kontrolle über Plattformen, Algorithmen und Inhalte in den Händen von immer weniger Menschen. Für das Design von Social Media, die mit den Interessen und dem Schutz von Kindern und Jugendlichen übereinstimmen, könnte ein besserer Ansatz eine demokratischere, unabhängige Kontrolle über Plattformen sein.“
Unterstützungsangebote
„Ich denke, Unterstützung, Aufklärung und Kompetenzen sind sehr wichtig und sollten auch Kindern und Jugendlichen unabhängig vom Einkommen- und Bildungsstand der Eltern zur Verfügung stehen. Schulen sind wahrscheinlich daher ein guter und wichtiger Ansatzpunkt. Ich würde die Effektivität von Videos zu den Gefahren von Social Media allein tendenziell eher skeptisch betrachten, da reine Informationsangebote – insbesondere mit Fokus auf Gefahren – zu anderen Themen tendenziell nicht sehr erfolgreich waren. Daher sollten solche Informationsangebote mit Trainings, Ressourcen und Angeboten für das Umfeld der Kinder, wie Lehrer:innen, Eltern, und so weiter, gestärkt werden. Nicht zu vergessen ist aber auch die Angebotsseite: Ich halte es für zentral, dass Technologiekonzerne in die Verantwortung für ihre Plattformen genommen werden. Ich würde mir wünschen, dass Privacy by Design und Safety by Design als Prinzipien verpflichtend werden – für alle Nutzer:innen, aber insbesondere für Kinder und Jugendliche. Damit müssten Nutzende und Eltern nicht gegen das Design der Plattformen ankämpfen und wären nicht in der alleinigen Verantwortung, negative Konsequenzen zu vermeiden.“
Hürden eines möglichen Social-Media-Verbots
„Das Recht von Kindern und Jugendlichen sich zu informieren, ist einer der wichtigsten Gründe, die gegen Verbote sprechen. Ein großer Teil politischer und gesellschaftlicher Informationen findet sich bei Social Media, und ein Verbot nimmt Kindern und Jugendlichen auch den Zugang und die Autonomie, sich diese Informationen eigenständig anzueignen. Auch halte ich es für wichtig, dass junge Menschen auf das Leben in unserer Informationsgesellschaft vorbereitet werden und sich entsprechende Kompetenzen in der Nutzung sicher aneignen können. Diese Aspekte auszubalancieren, ist eine zentrale Herausforderung.“
Leiterin der Forschungsgruppe Internetnutzungsstörungen, Universitätsklinikum Tübingen
Methodik und Aussagekraft der Befragung
„Ich halte die Methodik für gut. Es wurde eine repräsentative Stichprobe aus 1400 Jugendlichen in Deutschland gezogen. Natürlich hätte man auch Eltern-Kind-Beziehungen oder jüngere Kinder einbeziehen können und natürlich sind subjektive Befragungen mit nicht-standardisierten einzelnen Fragen nicht so valide wie der Einsatz von psychometrisch evaluierten Fragebögen oder objektiven Messungen. Aber für einen groben und schnellen Überblick über die aktuellen Meinungen der Jugendlichen ist die Methodik passend gewählt.“
Auf die Frage, inwieweit Kinder und Jugendliche beurteilen können, ob ihnen Social Media guttut:
„Natürlich kann es sein, dass Kinder und Jugendliche die längerfristigen Folgen unterschätzen. Sie haben nicht die Lebenserfahrung, die sie brauchen, um zum Beispiel die negativen Folgen eines fehlenden oder schlechteren Schulabschlusses für die berufliche Situation einzuschätzen. Aber sie können ihr Empfinden im Hier und Jetzt, die Relevanz von Social Media oder die Folgen einer Altersbeschränkung in ihrer Peer-Group besser beurteilen als viele andere. Ich halte die Befragung daher für eine sehr wichtige Ergänzung zu anderen wichtigen Forschungsarbeiten, die objektive Daten oder das subjektive Erleben von Erwachsenen aus verschiedenen Perspektiven – wie von Eltern, Lehrkräften oder Therapeut/innen – berücksichtigen.“
„Ob jüngere Jugendliche wirklich gut beurteilen können, ob Social Media für ihr Alter verboten sein sollte, sehe ich eher kritisch. Ich glaube, dass die Angst vor Veränderung hier größer ist als die Vernunft. Außerdem meine ich, dass Jüngere schwerer abschätzen können, welche Auswirkungen es hat, wenn sie andere wichtige Entwicklungs- und Lebensbereiche durch eine übermäßige Social-Media-Nutzung vernachlässigen – beispielsweise Bewegung, Sport, soziale Interaktion oder alternative Regulation von unangenehmen Gefühlen wie Langeweile. Ihnen fehlt hier schlicht die Lebenserfahrung und die langfristige Perspektive in die Zukunft.“
Wünsche der Jugendlichen versus Expert:innen-Empfehlung
„Es gibt eine hohe Übereinstimmung zwischen den Wünschen der Jugendlichen aus der Befragung mit den Empfehlungen von Expertinnen und Experten. Die Mehrheit der Jugendlichen befürwortet ein Verbot, ältere eher als Jüngere. Das stimmt mit anderen internationalen Erhebungen überein. Die Frage ist, warum die Älteren eher ein Verbot befürworten – weil es sie nicht mehr betreffen würde oder weil sie rückblickend lieber darauf verzichtet hätten?“
„Die Altersgrenze von durchschnittlich 14 Jahren deckt sich mit der Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie und weiteren Fachverbänden, und liegt knapp höher als die Empfehlungen der Expertenkommission der Bundesregierung oder der EU-Kommission oder den Anbietern selbst (in der Regel mindestens 13 Jahre).“
Selbstangaben zu Gefahren
„Meinem Eindruck nach sind hier viele relevante Auswirkungen genannt. Aus klinisch-psychologischer Sicht deuten die Beeinträchtigungen in Richtung depressive Symptomatik, Ängste und Selbstzweifel. Was aus meiner Perspektive fehlt, sind negative Auswirkungen auf die Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen oder Leben und das Suchtrisiko. Möglicherweise wurden diese Fragen nicht gestellt. Außerdem wundere ich mich, dass Auswirkungen auf Konzentration oder Lese- und Lernkompetenz, zum Beispiel mit Büchern oder längeren Texten, nicht genannt werden. Wir starten gerade unsere STARTphone Studie, in der wir Kinder mit und ohne Smartphone über 18 Monate begleiten und genau diese Aspekte untersuchen.“
Unterstützungsangebote
„Es braucht Veränderungen und Angebote auf mehreren Ebenen. In den genannten Stellungnahmen und Empfehlungen wurden bereits ausführlich Empfehlungen ausgesprochen. Um nur wenige zu wiederholen: Jugendliche brauchen Grenzen an den Stellen, an denen sie sich die Grenzen nicht selbst setzen können. Dies kann durch eine Veränderung der Angebote umgesetzt werden, aber auch durch Altersbeschränkungen und eine Stärkung von Eltern, damit sich diese in der Lage fühlen, den Gerätebesitz zu verzögern oder die Nutzung altersinadäquater Inhalte zu limitieren – zum Beispiel durch das digitale Elterntraining ISES! Kids – Elternstärken & Medienerziehung meistern. Es braucht aber auch einen systematischen, kontinuierlichen und flächendeckenden Aufbau von Medienkompetenz von Anfang an. Da reichen zwei bis drei Projekttage in der siebten Klasse einfach nicht aus. Kinder- und Jugendliche wollen den Umgang mit digitalen Medien erlernen, wir müssen ihnen den notwendigen Rahmen dazu liefern.“
Hürden eines möglichen Social-Media-Verbots
„Es braucht eine praktikable und datensparsame technische Umsetzung. Außerdem braucht es eine gute Kommunikation mit den Jugendlichen. Denn wenn der Widerstand unter Kindern und Jugendlichen groß ist und eine kritische Masse weiterhin Social Media nutzt – beispielsweise durch Umgehen der Altersverifikation oder VPN-Verbindungen –, dann wird die Altersbeschränkung nicht ausreichend wirksam sein. Eine Herausforderung besteht außerdem in der Definition dessen, was nun genau verboten werden soll. ‚Social Media‘ ist ein nicht definierter Begriff. Es gibt problematische und unproblematische Designmerkmale. Vor was genau die Kinder und jüngeren Jugendlichen geschützt werden müssen, ist selbst unter Fachleuten oft unklar. Das Recht auf digitale Teilhabe ist wichtig, aber nicht wichtiger als das Recht auf digitalen Schutz. Wir haben schließlich auch Altersbeschränkungen für brutale Filme oder digitale Spiele.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte in Bezug auf das Thema.“
Primärquelle
Techniker Krankenkasse (27.08.2026): Social-Media-Report: Jugend zwischen Like und Limit.
Julius Klingelhoefer
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
Dr. Isabel Brandhorst
Leiterin der Forschungsgruppe Internetnutzungsstörungen, Universitätsklinikum Tübingen
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte in Bezug auf das Thema.“