Klimaanpassung: Wo stehen wir, was sind effektive Maßnahmen, gibt es unerwünschte Nebeneffekte?
„Woche der Klimaanpassung“ stellt das Thema bundesweit in den Mittelpunkt
bisherige Klimaanpassung oft zu kleinteilig und isoliert betrachtet; fortschreitender Klimawandel erhöht rasant den Handlungsdruck
Expertinnen und Experten machen deutlich: Anpassung hinkt auf politischer, kommunaler und individueller Ebene dem Notwendigen weit hinterher; grundlegende Transformation unerlässlich und dringlich
In der Woche vom 14. bis zum 20. September 2026 findet in Deutschland die „Woche der Klimaanpassung“ statt. Im ganzen Land gibt es dann mehrere hundert Veranstaltungen – Vorträge, Workshops, Exkursionen, Pflanzaktionen, Ausstellungen, Fachdialoge oder Mitmach-Aktionen in Kitas, Schulen, Betrieben und Kommunen –, in denen Wissen über die Anpassung an den fortschreitenden Klimawandel vermittelt, konkrete Maßnahmen präsentiert und bereits bestehendes Engagement gewürdigt werden.
Die Anpassung an den Klimawandel wird ein immer wichtigeres und drängenderes Thema. Der zu Ende gehende Sommer hat erneut einen Eindruck vermittelt, vor welche Herausforderungen der fortschreitende Klimawandel viele Menschen stellen wird. Das 1,5-Grad-Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen wird nur noch erreichbar sein, wenn es gelingt, nach einer zeitweisen Überschreitung dieser Schwelle die Temperatur durch CO2-Entnahme aus der Atmosphäre wieder abzusenken – das gilt inzwischen als so gut wie sicher [I]. Aktuell befindet sich die Welt auf einem Pfad, der bis ins Jahr 2100 zu 2,6-Grad Temperaturanstieg im Vergleich zur vorindustriellen Zeit führen würde [II] – und auch danach würden die Temperaturen weiter steigen.
Professorin für Entwicklungsgeographie, Geographisches Institut, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Aktueller Stand der Anpassung
„Generell ist die Anpassung in Deutschland, Österreich und der Schweiz vorwiegend ein reaktiver Prozess. Allerdings wird den Regierungen auf verschiedenen Ebenen sowie der Bevölkerung zunehmend bewusst, wie wichtig Vorsorge und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen sind.“
„Die Anpassung an den Klimawandel ist nicht immer einfach oder möglich. Die beste Form der Anpassung bleibt die Verringerung der Treibhausgasemissionen. Wenn das Problem des Klimawandels gar nicht erst entsteht, müssen wir uns auch keine Gedanken über Anpassung machen.“
„Bei der Anpassung geht es nicht nur um Technologie und Infrastruktur. Im Vordergrund stehen vor allem die Veränderungen der menschlichen Lebensweise sowie die Institutionen und politischen Maßnahmen, die diese Veränderungen unterstützen sollen. Leider wird Anpassung weltweit oft nur als bloße Ergänzung zum gewohnten Weiter-so (Business as usual) betrachtet – ein Ansatz, der jedoch nicht zukunftsfähig ist.“
„Ein konkretes Beispiel für notwendige Veränderungen ist unser Umgang mit Hitzeperioden: Wie wir im Sommer 2026 feststellen mussten, starben in Europa mindestens 35.000 Menschen an den Folgen der Hitze. Dennoch gaben die Regierungen erst Warnungen an gefährdete Bevölkerungsgruppen heraus – etwa mit der Aufforderung, tagsüber im Haus zu bleiben oder Wohnräume kühl zu halten – als die Lage bereits äußerst kritisch war.“
Künftige Anpassungsbemühungen
„Die Grenzen der Anpassung anzuerkennen ist für die Zukunft wahrscheinlich der wichtigste Aspekt.“
„Leider haben die Regierungen so langsam auf den Klimawandel reagiert, dass wir uns nun der Realität stellen müssen: Die meisten Gesellschaften werden nicht in der Lage sein, sich vollständig an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen. Das bedeutet nicht, dass wir es nicht versuchen sollten. Wir dürfen uns jedoch keinesfalls eine Welt vorstellen, in der es im Durchschnitt zwei Grad wärmer ist und wir unser Leben einfach so weiterführen können, als hätte sich nichts geändert. Die Botschaft zu vermitteln, dass ‚schon alles gut gehen wird und wir uns einfach anpassen können‘ ist nicht nur irreführend, sondern kann auch sehr gefährlich sein.“
„Wir müssen daher beginnen, die Zivilgesellschaft zu sensibilisieren, damit sie versteht, welche Tätigkeiten und Berufe voraussichtlich schwieriger werden, welche Wohngebiete zu riskant sind und welche Veränderungen im eigenen Leben nötig sind, um weniger stark betroffen zu sein.“
„Entscheidend ist die Erkenntnis, dass Anpassung nicht bloß eine zusätzliche Aufgabe, sondern ein umfassender Transformationsprozess ist.“
Defizite bei der Anpassung
„Die meisten Anpassungsstrategien sind entweder sehr kurzfristig angelegt, bewirken nichts oder verschlechtern die Situation der Menschen sogar noch. Es gibt nur sehr wenige Maßnahmen, die man tatsächlich als ‚erfolgreich‘ bezeichnen kann.“
„Es geht nicht um einzelne Maßnahmen, sondern darum, Anpassungsstrategien im größeren Zusammenhang zu sehen. Als der Rhein diesen Sommer extremes Niedrigwasser führte, musste der Gütertransport auf die Schiene verlagert werden. Doch die Bahninfrastruktur ist darauf nicht ausgelegt – und wie wir in Deutschland wissen, weist das Bahnnetz massive Mängel auf. Dennoch muss dieser Punkt im Rahmen einer umfassenden Verkehrsstrategie Priorität erhalten, die den sommerlichen Wassermangel in den Flüssen berücksichtigt. Zudem zeigt sich hier, dass Anpassung und die Minderung von Treibhausgasemissionen keine getrennten Themenbereiche sind. Auch Energie, Verkehr und Infrastruktur müssen Teil der umfassenderen Debatte über Anpassungsmaßnahmen sein.“
Leicht umzusetzende Maßnahmen mit relevanter Wirkung
„Eine bessere Aufklärung der Bevölkerung über die Risiken von Hitzestress wäre eine der am einfachsten umzusetzenden Maßnahmen.“
Identifizierung wirksamer Maßnahmen vor Ort
„Es sollte Diskussionen auf allen Ebenen geben, damit alle Bürger*innen das Gefühl haben, sich einbringen zu können. Maßnahmen auf einer Ebene sollten jedoch keine Risiken für andere Ebenen mit sich bringen – daher ist ein koordiniertes Vorgehen erforderlich.“
Leiterin des Forschungsbereichs Gebaute Umwelt - Ressourcen und Umweltrisiken, Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Dresden
Defizite bei der Anpassung
„Beim Hitzeschutz in Wohnungen unterschätzen wir den Faktor Verhalten: Konsequentes Nachtlüften und tagsüber geschlossene Fenster bewirken oft genauso viel wie teure bauliche Maßnahmen. Äußere Verschattung ist der effektivste bauliche Hebel vor allem an der Ostseite [1] (der flache Einstrahlwinkel der Sonne sorgt für deutliche Wärmeeinträge in die Gebäude, die dann den ganzen Tag in diesen verblieben; Anm. d. Red.), wobei innenliegende, reflektierende Rollos eine schnelle und kostengünstige Sofortmaßnahme darstellen. Im Freiraum lassen sich Menschen am effektivsten schützen, indem Bänke gezielt im Baumschatten platziert und Kita- oder Schulhöfe mit Sonnensegeln versehen werden.“
Identifizierung wirksamer Maßnahmen vor Ort
„Um auf Ebene von Gebäuden, Quartieren und Kommunen herauszufinden, welche Anpassungsmaßnahmen lokal sinnvoll sind, braucht es praxisnahe Orientierungshilfen. Das im Projekt ‚HeatResilientCity‘ [2] entwickelte HRC-Hitzetool [3] zeigt beispielsweise über ein einfaches Ampelsystem, wie sich konkrete Maßnahmen in Gebäuden und im Freiraum auf die Hitzebelastung auswirken, und unterstützt so fundierte Entscheidungen.“
Grenzen der Anpassung
„Passive Hitzeanpassung stößt bei anhaltenden Tropennächten an physikalische Grenzen, weil Gebäude nachts nicht mehr ausreichend auskühlen. Dann führt kein Weg an aktiver Kühlung vorbei, was jedoch durch die Abwärme der Geräte den Straßenraum zusätzlich belastet. Um bei der Kühlung zumindest zusätzliche CO₂-Emissionen zu vermeiden, sollte sie direkt mit Photovoltaik gekoppelt werden, da der Ertrag zeitlich gut zum Kühlbedarf bei Sonnenschein passt. Klar ist aber: Anpassung kann Klimaschutz nur zeitweise überbrücken, nicht ersetzen.“
Leiter des Instituts für Raumordnung und Entwicklungsplanung (IREUS), Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwissenschaften, Universität Stuttgart
Aktueller Stand der Anpassung
„Über 15.000 hitzebedingte Todesfälle im Sommer 2026 in Deutschland machen deutlich, dass die Anpassung an den Klimawandel noch erhebliche Anstrengungen erfordert. Angesichts neuer Dimensionen von sogenannten Extremwetterereignissen, zum Beispiel Starkregen und Hitzestress, sowie vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft nehmen Risiken für Menschen und Infrastrukturen deutlich zu. Auch in Österreich und der Schweiz sind Starkniederschläge, neue Herausforderungen bei Hangrutschungen in den Alpen und Hitzestress – insbesondere in Städten – ein zunehmendes Problem.“
„Die Anpassung an den Klimawandel hat in Deutschland und den meisten Bundesländern bereits an Bedeutung gewonnen, wie das neue Bundes-Klimaanpassungsgesetz und einige Ländergesetze zeigen. Jedoch müssen Fragen der Klimaanpassung noch stärker in aktuelle Planungen und Projekte und Investitionsentscheidungen integriert werden – zum Beispiel im Straßenbau, bei der Bahn, in Krankenhäusern, bei Brücken, bezüglich digitaler Systeme/Techniken, Wohnraumbereitstellung.“
Defizite bei der Anpassung
„Vielfach fehlt es an einer integrativen Klimaanpassungsstrategie, die sowohl die steigenden physischen Klimaveränderungen und Gefahren – Hitze, Starkregen, Hochwasser – berücksichtigt, als auch die unterschiedliche Exposition für Bevölkerung und Infrastrukturen sowie die unterschiedliche Vulnerabilität beziehungsweise Anfälligkeit von Menschen, Infrastrukturen und Ökosystemen.“
„Einige Beschleunigungsprozesse im Baurecht können auch zu Fehlentwicklungen führen.“
„Zudem wird es durch die Zunahme von Hitzestress – zum Beispiel durch heiße Tage und Tropennächte – auch im privaten Bereich vermehrt zum Kauf und Einbau von Klimaanlagen kommen. Dies ist eine logische Anpassungsstrategie, aber gleichzeitig muss die Wirkung der Maßnahme auf den Außenraum und bezüglich des Klimaschutzes berücksichtigt werden. Das heißt, Synergien zwischen Klimaanpassung und Klimaschutz sollten ein wichtiges Kriterium für die Priorisierung von Maßnahmen sein.“
„Des Weiteren zeigen die massiven Schäden von klimabedingten Extremereignissen, dass die Klimaanpassung keine alleinige kommunale Aufgabe sein kann, sondern als Gemeinschaftsaufgabe konzipiert werden muss. Beispiele für solche Schäden ist die extreme Hitze im Sommer 2026 mit unter anderem hitzebedingten Todesfällen, Schäden an Infrastrukturen, Bäumen und die extremen Starkregen oder auch Hochwasserereignisse insbesondere an kleinen Flüssen – etwa die Ahrtal-Flut mit Schäden im Wert von 16 Milliarden Euro. Der Klimawandel ist kein singuläres Ereignis, sondern ein tiefgreifender Strukturwandel.“
Identifizierung wirksamer Maßnahmen vor Ort
„Konkrete Maßnahmen sollten wissenschaftlich und von der Bevölkerung vor Ort begleitet werden. Dabei ist sowohl die Effektivität und Wirkungskraft der Maßnahme zu berücksichtigen als auch die Akzeptanz.“
„Gelder für die Anpassung sollten einerseits durch eine neue ‚Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung‘ zielgerichtet bereitgestellt werden, andererseits gibt es für unterschiedliche Sektoren auch verschiedene Finanzierungsoptionen, zum Beispiel für die Wasserwirtschaft oder den Schutz kritischer Infrastrukturen.“
Grenzen der Anpassung
„Menschen und Ökosysteme, aber auch zahlreiche Infrastrukturen können nur bis zu einem bestimmten Grad angepasst werden. Das heißt, der Klimaschutz muss weiterhin eine wichtige prioritäre Aufgabe sein. Positiv ist aber sicherlich, dass die Wirkungen von Anpassungsmaßnahmen vielfach direkt erfahrbar sind – zum Beispiel kühlere und verschattete öffentliche Plätze bei Hitzestress.“
Grundlage für gelungene Anpassung
„Anpassungsmaßnahmen sollten so ausgestaltet werden, dass die Option für weitergehende Veränderungen und Anpassungen besteht. Nebeneffekte sollten beachtet werden, wie zum Beispiel bei Klimaanlagen die Abgabe von Wärme in den Außenraum. Es wäre aber schon viel gewonnen, wenn bei wichtigen privaten und öffentlichen Investitionsentscheidungen überhaupt das Thema Klimaanpassung systematisch berücksichtig werden würde. Aktuell werden größere Krankenhäuser teilweise auf Grundstücken neu errichtet, die eine erhebliche Exposition gegenüber Starkregengefahren aufweisen. Karten für Starkregengefahren haben bisher keine rechtliche Wirkung. Dachgeschosswohnungen werden ohne Dämmung und Klimaanlage vermietet, Straßenbauprojekte berücksichtigen Temperaturen, die die aktuelle Zunahme von Hitze im Sommer nicht abbilden. Das heißt, wir müssen auch unsere Normen und Prüfstandards dringend weiterentwickeln.“
leitende Wissenschaftlerin und Dozentin, Lehrstuhl für Datenwissenschaft in der Erdbeobachtung, Fakultät für Ingenieurwesen und Design, Technische Universität München (TUM)
Künftige Anpassungsbemühungen
„Aus meiner Sicht müssen wir Klimaanpassung künftig stärker als integrierte Aufgabe verstehen. Statt isolierter Einzelmaßnahmen braucht es einen ganzheitlichen Ansatz, der technische, ökologische und gesellschaftliche Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. Für ein resilientes urbanes Wassermanagement bedeutet das beispielsweise das Zusammenspiel innovativer Technologien, belastbarer Daten und einer aktiven Einbindung der Bevölkerung.“
Grenzen der Anpassung
„Ein häufig unterschätzter Punkt ist, dass Klimaanpassung in der Praxis deutlich langsamer voranschreitet als der Klimawandels selbst. Viele Maßnahmen benötigen von der Planung bis zur vollständigen Wirkung Jahre oder sogar Jahrzehnte. Stadtbäume sind ein gutes Beispiel: Sie können durch Schatten und Verdunstung die Hitzebelastung wirksam verringern und durch Regenwasserversickerung Überflutungen mindern. Jedoch dauert es viele Jahre, bis frisch gepflanzte Bäume ihre volle Größe und damit Wirkung erreichen. Gleichzeitig fehlt in dicht besiedelten Städten oft der Raum, da der Ober- und Untergrund bereits massiv genutzt werden. Hinzu kommt, dass die Kosten für Pflege, Bewässerung, Instandhaltung und gegebenenfalls Ersatz über die gesamte Lebensdauer berücksichtigt werden müssen. Deshalb bleibt Klimaschutz unverzichtbar, um die Grenzen der Anpassungsfähigkeit nicht zu überschreiten.“
Leiterin der Arbeitsgruppe Umwelt- und Geoinformatik, Institut für Photogrammetrie und Fernerkundung, Forschungszentrum Informatik (FZI) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Aktueller Stand der Anpassung
„Der jetzt zu Ende gehende Sommer hat die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Klimaanpassung in den Städten weiter verdeutlicht. Manches wurde schon angegangen, Weiteres ist in Planung. Allerdings müssen diese Maßnahmen zielorientiert und effektiv gesteuert sein. Dies lässt sich nur auf Basis von verlässlichen Daten nachhaltig realisieren. Fernerkundungsdaten und Künstliche Intelligenz (KI) sind dabei unverzichtbare Instrumente.“
Potenziale für die Klimaanpassung sichtbar machen
„Mit Künstlicher Intelligenz und der Fernerkundung können wir große, zusammenhängende Bereiche flächig analysieren und gleichzeitig kleinräumig zeigen, wo konkrete Potenziale für die Klimaanpassung liegen und welche Maßnahmen jeweils sinnvoll sind.“
„Uns stehen heute umfangreiche und regelmäßig aktualisierte Fernerkundungsdaten zur Verfügung. Das transformative Potenzial für eine Klimaanpassung liegt darin, diese Daten mithilfe von KI-Methoden automatisiert auszuwerten und daraus konkrete Informationen für Klimaanpassungs-Maßnahmen abzuleiten. Aus räumlich hochaufgelösten Luft- und Satellitenbildern können wir beispielsweise sehr detaillierte Informationen zur Landbedeckung gewinnen: Wo befinden sich stark versiegelte Flächen (graue Infrastruktur), wo niedrige oder hohe Vegetation, wo Dächer oder Gewässer? Darauf aufbauend lassen sich weitere Indikatoren wie die Vitalität der Vegetation, das vorhandene Grünvolumen oder kühlwirksame Freiflächen präzise ermitteln. In einem weiteren Schritt werden diese Indikatoren mit weiteren Geodaten – etwa zu Gebäuden, zur Bevölkerungsverteilung oder zur kritischen Infrastruktur – verschnitten. Denn für wirksame Maßnahmen genügt es nicht, zu wissen, wo urbane Hitzeschwerpunkte zu finden sind. Ebenso wichtig sind das genaue thermische Verhalten dieser Zonen im Tages- und Nachtverlauf sowie die Betroffenheit der Bevölkerung. So lassen sich insbesondere Hotspots identifizieren, die sich tagsüber und nachts stark erwärmen, aber auch kühlende Bereiche und Entstehungsgebiete für Kaltluft, deren Klimafunktion gezielt erhalten werden sollte. Letztendlich können wir räumlich differenziert herausfinden, wo bereits klimaaktive Strukturen vorhanden sind, erhalten werden sollten und wo Potenziale für zusätzliche Maßnahmen liegen.“
„Ein konkretes Beispiel hierfür ist unser umfangreiches Forschungsprojekt für das Land Hessen [4], in dem wir diesen Ansatz von der Landes- bis zur kommunalen und örtlichen Ebene umgesetzt haben. Als Beispiel wurden hier stark versiegelte und thermisch belastete Bereiche präzise identifiziert und gleichzeitig Flächen sichtbar gemacht, deren bestehende Grünstrukturen eine essenzielle Klimafunktion erfüllen. Für die konkrete Planung von Klimaanpassungsmaßnahmen ermöglicht dies eine gezielte räumliche Priorisierung von Handlungs- und Erhaltungsbedarfen.“
Mit KI und Fernerkundung Veränderungen sichtbar machen
„Fernerkundungsdaten werden regelmäßig durch Befliegungen (regelmäßige, systematische Überfliegen eines Gebiets; Anm. d. Red.) und Satelliten erhoben und bilden damit die notwendige Grundlage, um Veränderungen im Zeitverlauf zu beobachten. Die Herausforderung liegt jedoch in der enormen Datenmenge. Erst durch automatisierte, KI‑gestützte Auswertungsverfahren ist es möglich, diese Daten wiederkehrend und großflächig nach vergleichbaren Kriterien zu analysieren. So können wir Versiegelung, Vegetationsstrukturen oder Grünvolumen zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfassen und deren Veränderungen räumlich sichtbar machen. Aus einer einmaligen Bestandsaufnahme entsteht ein kontinuierliches, KI-gestütztes Monitoring. Für Kommunen und Länder bedeutet das, dass nicht nur aktuelle Informationen bereitgestellt werden können, sondern langfristig nachvollziehbar wird, wie sich klimarelevante Strukturen in der Fläche entwickeln.“
Validierung der Ergebnisse der Künstlichen Intelligenz
„Bei allen Möglichkeiten ist es wichtig, dass KI-Modelle nicht immer fehlerfreie Ergebnisse (Daten oder Karten) erzeugen. Ein Modell bildet prinzipiell das ab, was es aus seinen Trainingsdatensatz gelernt hat, und kann bei neuen und unbekannten Landschaftsräumen, unter anderen Aufnahmebedingungen oder bei schwer unterscheidbaren Landbedeckungsklassen Fehler machen. Deshalb gehören für mich eine unabhängige Validierung mit transparenten Qualitätskennzahlen zwingend zu einer KI-basierten Planungshilfe. Besonders wertvoll ist dabei, dass man als Ergebnis auch die Unsicherheiten des Modells erhält. Gerade wenn solche Daten als Grundlage für planerische Entscheidungen dienen sollen, müssen wir wissen, wie zuverlässig die Ergebnisse sind und wo Unsicherheiten liegen. KI kann die Planung sehr wirkungsvoll unterstützen, ersetzt jedoch weder die fachliche Prüfung noch die planerische Entscheidung durch Experten:innen.“
KI-Potenziale neben Anpassung auch für Klimaschutz nutzen
„Neben Fragen der Klimaanpassung lassen sich ähnliche, datengestützte Methoden auch für den Klimaschutz gewinnbringend einsetzen. Ein prägnantes Beispiel ist der Ausbau der Photovoltaik: Mit tiefen neuronalen Netzen (Deep Learning) können wir bestehende Photovoltaikanlagen in hochauflösenden Fernerkundungsdaten automatisiert erfassen [5] und zugleich weitere, bisher ungenutzte Potenziale aufspüren. In Hessen haben wir insbesondere große Parkplatzflächen analysiert [6] und mit Hilfe von Machine Learning bewertet, welche davon sich für die Nutzung von Photovoltaik eignen. Auf diese Weise lassen sich Flächen priorisieren, die bereits versiegelt sind, bevor neue Freiflächen in Anspruch genommen werden. Sonnenlicht wird so in Strom und nicht in Wärme transformiert.“
Von großen Datenmengen zu konkreten Planungshilfen
„Entscheidend ist für mich deshalb nicht allein, dass immer mehr Daten zur Verfügung stehen. Der eigentliche Mehrwert entsteht, wenn wir diese Daten mithilfe geeigneter Methoden in verlässliche und verständliche Informationen übersetzen, die in der Planung tatsächlich genutzt werden können. Künstliche Intelligenz und Fernerkundung ermöglichen uns dabei eine räumliche und zeitliche Betrachtung in einer Größenordnung, die mit rein manuellen Verfahren kaum möglich sind. Gleichzeitig müssen die Ergebnisse validiert, regelmäßig aktualisiert und gemeinsam mit weiteren fachlichen Informationen betrachtet werden.“
„Entscheidungen zu Maßnahmen der Klimaanpassung müssen regional und lokal in der Kommune sehr differenziert getroffen werden. Wo sollten bestehende Strukturen erhalten werden? Wo bestehen Potenziale für zusätzliche Maßnahmen? Und wie verändern sich diese Räume im Laufe der Zeit? Die Entscheidung darüber, was tatsächlich umgesetzt wird, bleibt eine planerische und gesellschaftliche Aufgabe, aber wir können dafür eine deutlich bessere Informationsgrundlage schaffen.“
„Die Kombination von KI, Fernerkundung und unserer Forschung schafft es, dass wir die enorme Menge bereits verfügbarer Daten erschließen und daraus konkretes Wissen über lokale klimatische Verhältnisse schaffen können. Dadurch werden sowohl bestehende Maßnahmen zur Klimaanpassung als auch zum Klimaschutz räumlich ersichtlich und weitere notwendige Maßnahmen können konkretisiert werden. Mit der Kenntnis über wirksame bestehende Maßnahmen und den zusätzlich notwendigen Bedarfen sind weitere fundierte Entscheidungen in der Planung möglich.“
Leiter des Departments Systemische Umweltbiotechnologie, Themenbereich Nachhaltige Technologien für die Umwelt, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Leipzig
Aktueller Stand der Anpassung
„Die Städte sind bei der Klimaanpassung unterschiedlich weit, insgesamt hinken wir der Geschwindigkeit des Klimawandels aber hinterher. Die hohen Zahlen hitzebedingter Erkrankungen und Todesfälle zeigen, dass es längst auch um den Schutz von Gesundheit und Leben geht. Deshalb muss Klimaanpassung aus meiner Sicht Teil der kommunalen Daseinsvorsorge werden, ähnlich wie die Siedlungswasserwirtschaft. Positiv ist, dass inzwischen viele Maßnahmen wie Stadtgrün, Gründächer, Entsiegelung oder Regenwasserrückhalt umgesetzt werden. Vernachlässigt wird noch zu häufig die gesamtstädtische Perspektive und damit die Frage, welche Wirkung wir tatsächlich erreichen müssen, um Städte gegenüber Hitze, Dürre und Starkregen resilienter zu machen.“
Künftige Anpassungsbemühungen
„Wir müssen unsere Städte resilient gegenüber Hitze, Dürre und Starkregen machen. Dafür stehen uns mit der blau-grünen Stadtentwicklung (Planungsansatz, der Wasser und Vegetation systematisch in die Stadtplanung integriert; Anm. d. Red.) bereits viele Instrumente zur Verfügung: etwa Gründächer, Fassadenbegrünung, optimierte Baumstandorte und Regenwasserspeicherung. Wasser sollte in regenreichen Zeiten möglichst in der Stadt gehalten werden, damit es in Trockenperioden für Stadtgrün und Kühlung zur Verfügung steht. In Leipzig haben wir dafür als deutsche Modellstadt modellbasierte Szenarien und konkrete Lösungen für unterschiedliche Stadtquartiere entwickelt. Entscheidend ist nun, diese Ansätze gemeinsam mit Stadtplanung, Umweltverwaltung, Wasserwirtschaft und weiteren Akteuren in die breite Umsetzung zu bringen.“
Defizite bei der Anpassung
„Zu kurz kommt aus meiner Sicht vor allem die strategische Betrachtung der gesamten Stadt. Die Frage ist nicht, wie viele Gründächer oder grüne Innenhöfe wir finanzieren können, sondern wie viele wir brauchen, um tatsächlich relevante Kühlung, Wasserrückhalt oder zusätzliches Bewässerungswasser zu erreichen. Ebenso werden Finanzierung, Betrieb und langfristige Pflege häufig noch zu wenig berücksichtigt. Einfache Maßnahmen liegen dort, wo ohnehin gebaut oder saniert wird, etwa bei der Entsiegelung, besseren Baumstandorten oder der Speicherung und Nutzung von Regenwasser. Solche Einzelmaßnahmen sollten aber immer Teil eines gesamtstädtischen Konzeptes sein.“
Identifizierung wirksamer Maßnahmen vor Ort
„Am Anfang steht eine einfache Frage: Wie viel Wasser brauchen wir künftig wofür und wie viel Wasser wird uns zur Verfügung stehen? Mit modellbasierten Szenarien lassen sich Wasserflüsse, Wasserbedarf, Hitze und Starkregenrisiken für unterschiedliche Stadtgebiete untersuchen. Daraus kann abgeleitet werden, welche Maßnahmen an welchem Ort tatsächlich sinnvoll sind. Wasser ist dabei gleichzeitig Teil des Problems und ein wesentlicher Teil der Lösung für die Klimaanpassung. Das UFZ Stadtbüro unterstützt Kommunen deshalb bei der Standortbestimmung und bei der Entwicklung und Vorbereitung geeigneter Maßnahmen, unter anderem im Coaching mit zunächst zehn deutschen Städten.“
Finanzierung der Maßnahmen
„Klimaanpassung kostet Geld, aber fehlende Anpassung kann langfristig wesentlich teurer werden. Deshalb müssen neben den Investitionen auch vermiedene Schäden durch Starkregen, gesundheitliche Folgen von Hitze und mögliche Einsparungen bei konventioneller Infrastruktur berücksichtigt werden. Besonders sinnvoll ist es, Klimaanpassung mit ohnehin anstehenden Investitionen in Straßen, Gebäude und Quartiere zu verbinden. Zusätzlich brauchen Kommunen langfristige Finanzierungsmodelle und gezielte Anreizsysteme für Investitionen in Klimaanpassung. Dabei müssen auch Wohnungsunternehmen, Grundstückseigentümer und Versorger stärker einbezogen werden.“
Grenzen der Anpassung
„Klimaanpassung kann den Klimaschutz nicht ersetzen. Wir müssen uns an Veränderungen anpassen, die bereits heute auftreten und sich weiter verstärken werden. Aber Anpassung hat physikalische und technische Grenzen, beispielsweise wenn Hitze und Dürre so stark werden, dass auch das Stadtgrün nicht mehr ausreichend mit Wasser versorgt werden kann. Die Vorstellung, wir könnten uns an jede beliebige Erwärmung anpassen, ist deshalb falsch. Je stärker wir den Klimawandel begrenzen, desto größer bleibt unser Handlungsspielraum für wirksame Anpassung.“
Mögliche unerwünschte Nebeneffekte von Anpassungsmaßnahmen
„Nahezu jede Maßnahme muss in ihren unterschiedlichen Wirkungen betrachtet werden. Mehr Stadtgrün kann beispielsweise die Stadt kühlen, benötigt in Trockenperioden aber zusätzliches Wasser. Auch Entsiegelung kann gesellschaftliche Konflikte auslösen, wenn dafür beispielsweise Parkplätze oder andere Nutzungen entfallen. Deshalb müssen wir Wirkungen und Zielkonflikte möglichst früh untersuchen und die Betroffenen in die Planung einbeziehen. Entscheidend ist die richtige Kombination von Wasser, Grün und gebauter Infrastruktur für den jeweiligen Standort im Sinne einer integrierten Stadtentwicklung.“
„Es liegen keine Interessenkonflikte vor.“
„Es liegen keine Interessenkonflikte vor.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Weiterführende Recherchequellen
Science Media Center (2026): Gesundheitliche Auswirkungen von Hitze. Statements. Stand: 15.06.2026.
Science Media Center (2026): Hitzesommer 2026 im Rückblick: Hitzebedingte Sterblichkeit und Schutzmaßnahmen. Statements. Stand: 07.09.2026.
Science Media Center (2026): Hitzeschutz in Deutschland: Stand und Herausforderungen. Statements. Stand: 03.07.2026.
Science Media Center (2026): Hitzewellen: Wie können Gebäude effizient gekühlt werden?. Statements. Stand: 18.06.2026.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Schiela D et al. (2022): Wissenschaftliches Konzept zur Optimierung des sommerlichen Wärmeschutzes im Gebäudebestand der Eisenbahner-Wohnungsbaugenossenschaft Dresden eG. HeatResilientCity. dort ab Seite 31
[2] HeatResilientCity: Hitzeanpassung urbaner Gebäude- und Siedlungsstrukturtypen – Akteursorientierte Umsetzungsbegleitung zur Stärkung der Klimaresilienz und Gesundheitsvorsorge. Webseite.
[3] Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung: HRC – Hitzetool. Online-Tool zur Bewertung von Hitzeanpassungsmaßnahmen in Städten.
[4] Keller S et al. (2025). Entwicklung von Planungshilfen für Klimaschutz und Klimaanpassung in der räumlichen Gesamtplanung mittels Fernerkundung - Abschlussbericht. Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum. DOI:10.5445/IR/1000182412.
[5] Krikau S et al. (2025): Deep Learning Framework for Multiclass Segmentation of Photovoltaic Systems. IEEE Transactions on Geoscience and Remote Sensing. DOI: 10.1109/tgrs.2025.3640268.
[6] Kistner F et al. (2025): Machine Learning for Identifying Potential Photovoltaic Installations on Parking Areas. Proceedings of the 11th International Conference on Geographical Information Systems Theory, Applications and Management. DOI: 10.5220/0013476300003935.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] United Nations Environment Programme (2026). Limiting Overshoot: Navigating exceedance of 1.5°C and pathways towards return.
dazu: Science Media Center (2026): UNEP-Overshoot-Report: Umgang mit Überschreitung der 1,5-Grad-Grenze und Wege zur Rückkehr. Statements. Stand: 02.09.2026.
[II] Climate Action Tracker: CAT Thermometer.
[III] IPCC (2022): Klimawandel 2022 – Folgen, Anpassung und Verwundbarkeit. Summary for Policymakers. DOI: 10.1017/9781009325844.001.
[IV] Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit: Das Klimaanpassungsgesetz (KAnG). Webseite des Ministeriums.
Prof. Dr. Lisa Schipper
Professorin für Entwicklungsgeographie, Geographisches Institut, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Dr. Regine Ortlepp
Leiterin des Forschungsbereichs Gebaute Umwelt - Ressourcen und Umweltrisiken, Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Dresden
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es liegen keine Interessenkonflikte vor.“
Prof. Dr. Jörn Birkmann
Leiter des Instituts für Raumordnung und Entwicklungsplanung (IREUS), Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwissenschaften, Universität Stuttgart
Dr. Andrea Reimuth
leitende Wissenschaftlerin und Dozentin, Lehrstuhl für Datenwissenschaft in der Erdbeobachtung, Fakultät für Ingenieurwesen und Design, Technische Universität München (TUM)
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es liegen keine Interessenkonflikte vor.“
Prof. Dr. Sina Keller
Leiterin der Arbeitsgruppe Umwelt- und Geoinformatik, Institut für Photogrammetrie und Fernerkundung, Forschungszentrum Informatik (FZI) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Prof. Dr. Roland-A. Müller
Leiter des Departments Systemische Umweltbiotechnologie, Themenbereich Nachhaltige Technologien für die Umwelt, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Leipzig