Iran-Krieg: Was kann die Politik tun, wenn Öl und Gas länger knapp und teuer bleiben?
Iran-Krieg führt selbst im besten Szenario zu monatelang hohen Energiepreisen, könnte sich schlimmstenfalls noch drastischer und länger auswirken
private und industrielle Verbraucher in Deutschland müssen somit mittel- bis langfristig mehr zahlen, die Politik diskutiert über unterstützende Maßnahmen
Forschende warnen vor allgemeinen Eingriffen in die Preisbildung und den Emissionshandel, sprechen sich dafür aus, frühzeitig gezielte Entlastungen vorzubereiten
Gas und Öl wird auf dem Weltmarkt monatelang knapp und teuer bleiben, selbst wenn die Straße von Hormus rasch geöffnet würde. Der Grund: Schäden müssen repariert, Anlagen hochgefahren und Lieferungen nachgeholt werden. Wie der Economist berichtet, gehen die Energiemärkte derzeit in ihren Preiserwartungen noch von diesem bestmöglichen Kriegsszenario aus, was zu den jetzigen Preissteigerungen führt [I]. Ob das eintritt, ist offen. Der Krieg ist nun in der vierten Woche, ein schnelles Ende ist nicht sicher. Stattdessen drohen sich die Konfliktparteien aktuell, weitere Energieinfrastruktur zu zerstören und die USA verlegen Marines für eventuelle Bodenoperationen in die Region [II] [III].
Insgesamt scheint ein Szenario monatelang erhöhter Preise also sehr plausibel, ein noch längerer Ausfall der Lieferungen wegen eines noch längeren Krieges zumindest möglich. Das SMC hat daher Energieökonominnen und Energieökonomen gefragt, was sie der Politik in so einem Szenario langfristig hoher Preise raten würden. Inwiefern sollten Markteingriffe in Erwägung gezogen werden, inwiefern gezielt entlastet werden?
Leiterin des ifo Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen, ifo Institut - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V.
„Bereits nach dem Energiepreis-Schock zu Beginn des Ukrainekrieges waren Preisdeckelungen hoch umstritten. Auf globaler Marktebene könnte ein europäischer Preisdeckel dazu führen, dass Exportländer ihre Lieferungen nach Europa reduzieren, weil sie auf dem Weltmarkt höhere Preise erzielen können. Dadurch würde eine Versorgungskrise wahrscheinlicher. Der Gaspreis-Deckel in der letzten Krise wurde zudem in einer Situation diskutiert, in der die europäischen Importpreise – auch aufgrund damals geringerer Infrastrukturen für Flüssiggasimporte – über denen auf dem Weltmarkt lagen und man anstrebte, diese Preisdifferenz zu reduzieren.“
„Ein Energiepreis-Deckel auf Verbraucherebene hätte keinen Einfluss auf die Weltmarktpreise, würde die höheren Kosten von Energieimporten lediglich umverteilen und die Anreize für einen geringeren Energieverbrauch verringern. Würde ein solcher Deckel durch staatliche Zahlungen zur Deckung der Differenz zwischen Marktpreisen und Preisdeckel finanziert, könnte dies zudem sehr hohe Kosten für den Staat verursachen. Werden Energieversorgern Preisdeckel vorgegeben, kann dies zu einer reduzierten Versorgung und einer ineffizienten Verteilung der Energie führen, da die Preissignale fehlen.“
„Maßnahmen wie eine Absenkung der Stromsteuer können grundsätzlich sinnvoll sein, um langfristige Anreize zu setzen, den Umstieg auf strombasierte Technologien zu fördern. Als temporäre Reaktion auf die gestiegenen Energiepreise sollten sie jedoch nicht eingesetzt werden.“
„Für gezielte Entlastungen ist frühzeitige Vorbereitung entscheidend. In der letzten Krise wurden Instrumente teilweise unter immensem Zeitdruck entwickelt, was vermeidbar gewesen wäre. Wenn die Öl- und Gaslieferungen über die Straße von Hormus längerfristig ausfallen, könnten so geeignete Maßnahmen rechtzeitig umgesetzt werden.“
„Grundsätzlich sollten Maßnahmen möglichst so ausgestaltet werden, dass sie nicht mit der Gießkanne entlasten. Sollten die Energiepreise über längere Zeit auf hohem Niveau bleiben, gilt es vor allem, die zu entlasten, die am stärksten unter ihnen leiden. In der letzten Krise wurden zu diesem Zweck zunächst pauschale Einmalzahlungen an vulnerable Haushaltsgruppen geleistet. Ergänzt wurden diese später durch die sogenannte Gaspreis-Bremse, die allen Haushalten eine pauschale Zahlung unabhängig vom aktuellen Verbrauch zukommen ließ. Ein solches Instrument entlastet alle Haushalte, ohne die Anreize zu einem geringeren Energieverbrauch zu mindern. Eine gezielte Staffelung der Entlastung nach Einkommen war damals aufgrund der Datenverfügbarkeit nicht möglich. Hier wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Politik die vergangenen Jahre genutzt hätte, Möglichkeiten für einkommens- und belastungsabhängige Zahlungen zu entwickeln. Sie würden im Vergleich zu Maßnahmen, die allen zugutekommen, die Staatskassen entlasten und Mitnahmeeffekte reduzieren.“
„Auch die Industrie leidet unter den höheren Energiepreisen. Da die Energiepreise jedoch auch für viele internationale Wettbewerber gestiegen sind, hängen Änderungen der Wettbewerbsposition davon ab, wo die jeweiligen Konkurrenten beheimatet sind und ob die Energiepreise in diesen Ländern gegebenenfalls staatlich reguliert werden. Entlastungsmaßnahmen sollten auch hier gezielt auf besonders betroffene Branchen fokussiert werden, ohne die Anreize zur Reduktion des Verbrauchs zu mindern.“
Professor am Lehrstuhl für Umwelt-/ Ressourcenökonomik und Nachhaltigkeit, Ruhr-Universität Bochum, und Mitarbeit am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Essen
„In den letzten Tagen hat sich der Blick auf die Öl- und Gasmärkte verändert. Nicht nur die Energiepreise für kurzfristige Lieferungen sind gestiegen, sondern auch die Kontrakte für den Winter 2026/27. Die Marktteilnehmer gehen also davon aus, dass die Krise auch im Winter noch andauern wird. Spritpreise sind um etwa 40 Cent pro Liter Super beziehungsweise 55 Cent pro Liter Diesel gestiegen. Die Belastung durch den höheren Benzinpreis bewegt sich bei durchschnittlicher Fahrleistung und Verbrauch augenblicklich bei rund 30 bis 40 Euro pro Monat. Das ist schmerzhaft, aber wohl für viele Haushalte und auch etliche Unternehmen noch verkraftbar, auch wenn die Belastungen für Pendler weit höher liegen können und auch für ärmere Haushalte besonders schwer zu tragen sind.“
„Der politische Druck ist hoch. Spritpreise an der Tankstelle sind besonders: Sie sind sehr sichtbar und häufig Gegenstand von Alltagsgesprächen und Medienberichten. Steigende Preise an der Zapfsäule gehen häufig mit höheren Inflationserwartungen einher. Benzin und Diesel sind in absoluten Preisen tatsächlich immer teurer geworden. Im Vergleich zu anderen Gütern waren diese Preissteigerungen aber nicht ungewöhnlich. Wären die Benzinpreise in den letzten 20 Jahren wie der Verbraucherpreisindex gestiegen, dann wären Preise von etwa 1,90 Euro je Liter zu erwarten gewesen. Jetzt sind viele kalt erwischt worden. Das Problem ist: An höhere Preise kann man sich in den meisten Fällen langfristig anpassen. Wenn es unvorbereitet zu kurzfristigen Energiepreisschocks kommt, dann wird es ganz schwer.“
„Trotzdem: Zu Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat sich gezeigt, dass hohe Preise auch zu substantiellen Nachfragerückgängen führen können. Es gibt Einsparpotentiale. Wenn der Sprit teurer wird, sollte sich jeder einzelne fragen, ob die nächste Fahrt tatsächlich notwendig ist und ob mit angepasstem Fahrstil der Verbrauch gemindert werden kann, etwa durch das Vermeiden hoher Geschwindigkeit. Alle Vorschläge zur Reduzierung des Gasverbrauchs sollten wieder stärker ins Bewusstsein gebracht werden. In der längeren Frist gibt es mit Wärmepumpe und E-Mobilität häufig sinnvolle Möglichkeiten, den Gas- oder Spritverbrauch durch Elektrifizierung zu senken. Bei hohen fossilen Preisen lohnt sich das und macht auch resilienter gegen zukünftige Schocks.“
„Mit weiterführenden Eingriffen wäre ich vorsichtig. Energiepreise staatlich zu senken, hilft in der Sache erstmal nicht. Es gibt ja Knappheiten auf den Märkten, die sich in hohen Preisen ausdrücken. Diese sind notwendig, um die Nachfrage herunterzubringen und Nachfrage und Angebot – letzteres ist ja auch praktisch unveränderbar in der kurzen Frist – wieder zusammenzubringen. Zudem zeigen erste Abschätzungen, dass eine staatliche Reduktion der Spritpreise etwa durch einen Tankrabatt ärmere Haushalte absolut gesehen weit weniger entlastet als erhofft beziehungsweise absolut gesehen den hohen Einkommensbeziehern am meisten hilft. Die Senkung etwa der Energiesteuer ist einfach nicht zielgerichtet.“
„Ganz falsch wäre es, nun am CO2-Preis herumzudoktern. Dadurch wird das sinnvollste Instrument für marktwirtschaftlichen Klimaschutz zerstört, welches wir nach der Krise dringend brauchen werden – für den Klimaschutz, aber auch für die Reduzierung von Abhängigkeiten. Wenn die Leute denken: ‚Wenn es hart auf hart kommt, wird der Staat schon eingreifen und fossile Energien wieder günstig machen‘ – dann kommen wir gar nicht weg von Öl und Gas. Vielleicht ist das auch das grundlegendste Problem im Umgang mit der Energiekrise 2022 und in der augenblicklichen Diskussion.“
Stellvertretende Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin
„Die mögliche Reduktion des LNG-Angebots kommt für Deutschland und Europa in einer herausfordernden Zeit, in der die sehr leeren Erdgasspeicher befüllt werden müssen. Die Speicher sind im EU-Durchschnitt zu 28,5 Prozent und in Deutschland im Durchschnitt zu 22 Prozent befüllt. Das sind ungewöhnlich niedrige Füllstände; nur Anfang 2018 waren die Füllstände noch niedriger.“
„Die Diskussionen zu Preisdeckeln sind noch am Anfang. Preisdeckel sollten, wenn überhaupt, nur zielgerichtet für einige Verbrauchsgruppen erwogen werden. Prinzipiell ist der verbrauchsreduzierende Effekt durch einen hohen Preis erwünscht, um knappe Energie effizient zu verteilen.“
„Einige Forschung seit der Energiekrise 2022 gibt Aufschluss über mögliche Wirkungen. So wurde mit Schätzungen von Preiselastizitäten gezeigt, dass private Verbraucher in Deutschland bisher kaum auf Preiserhöhungen von Gas oder Wärme mit einer Verbrauchsreduktion reagieren können. Das ist ein Anhaltspunkt, dass für diese Verbrauchergruppe ein Preisdeckel helfen kann, die Ausgabenerhöhung zu beschränken, ohne gleichzeitig den Gasspareffekt zu verwässern.“
„Weniger Klarheit besteht über die Reaktion von industriellen Verbrauchern. 2022 wurde sowohl mit kurzfristigen Verbrauchsreduzierungen als auch mit langfristigen reagiert. Die langfristigen sind sowohl auf die Umstellung auf andere Energieträger als auch auf die dauerhafte Schließung von Industrieanlagen zurückzuführen. Während die Umstellung auf energiefreundliche Energieträger gewünscht ist, ist der Rückgang von Industrieproduktion volkswirtschaftlich problematischer.“
„Deutschland bezieht quasi kein Erdgas aus der Golfregion und auch für den Rest Europas machen Öl- und Gaslieferungen aus dem Persischen Golf nur einen kleinen Teil der Importe aus. Dennoch sind Auswirkungen auf die europäischen Importe möglich, weil sich Handelsflüsse verschieben. So werden die asiatischen Importeure, die normalerweise den Großteil der Öl- und Gasexporte des Nahen Ostens beziehen, versuchen, zumindest einen Teil davon durch Lieferungen aus anderen Quellen zu beziehen.“
„Neben Russland sind die USA ein großer und gleichzeitig flexibler Anbieter von Erdöl und LNG. US-LNG konnte flexibel einspringen, als in Europa ab 2021 die russischen Pipeline-Lieferungen größtenteils wegfielen. Da die meisten US-LNG-Lieferungen nicht in Langfristverträgen gebunden sind, können sie aber auch flexibel in andere Märkte geschickt werden, zum Beispiel nach Asien. Durch diesen Wettbewerb mit den asiatischen Importeuren um (US-)LNG sind auch Deutschland und Europa von den ausbleibenden Gaslieferungen aus dem Nahen Osten betroffen, denn er führt zu höheren Preisen in allen Weltregionen. Die Region mit den höchsten Preisen zieht die flexiblen Mengen auf den Märkten an. Gleiches gilt für den Ölmarkt.“
„Die Gaspreise in Europa werden gut durch den TTF-Preis abgebildet, der innerhalb Europas der liquideste Gashandelspunkt ist. Mittlerweile ist der TTF-Preis bei circa 60 Euro pro Megawattstunde, also gut doppelt so hoch wie im vergangenen Jahr. Es gibt kein Äquivalent zum TTF-Preis im asiatischen Raum, da es dort keine Handelsplätze (Hubs) für Erdgas gibt. Insofern kann man im Moment nur behelfsmäßig abschätzen, wie hoch die Zahlungsbereitschaft für mehr US-LNG-Exporte dort ist.“
„Da die Nachfrage, insbesondere in China, in den vergangenen Monaten und Jahren nicht so hoch war, wie noch vor einigen Jahren erwartet, wird ein kürzere Minderung der LNG-Exporte aus der Golfregion wahrscheinlich kaum Auswirkungen auf die dortige Nachfrage und Preise haben. Ein längerer Ausfall der Exporte aus der Golfregion, wie er sich derzeit durch die Angriffe auf die LNG-Anlagen in Qatar andeutet, würde aber deutlichere Auswirkungen haben. So ist zu erwarten, dass nicht vertraglich gebundenes LNG, insbesondere aus den USA und aus Russland, vermehrt in den asiatischen Raum anstatt nach Europa geliefert wird.“
„Interessenkonflikte liegen nicht vor.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Economist (22.03.2026): Even the best-case scenario for energy markets is disastrous.
[II] Kühntopp C (22.03.2026): Trump stellt Iran Ultimatum zur Straße von Hormus. Tagesschau.de.
[III] Deutschlandfunk (20.03.2026): Iran-Krieg – USA verlegen Medienberichten zufolge tausende Soldaten in den Nahen Osten.
Prof. Dr. Karen Pittel
Leiterin des ifo Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen, ifo Institut - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V.
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Interessenkonflikte liegen nicht vor.“
Prof. Dr. Andreas Löschel
Professor am Lehrstuhl für Umwelt-/ Ressourcenökonomik und Nachhaltigkeit, Ruhr-Universität Bochum, und Mitarbeit am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Essen
Prof. Dr. Franziska Holz
Stellvertretende Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin