Folgen der Hitze für Tiere und Pflanzen in urbanen Räumen
Hitzewelle wie die aktuelle stellen Wildtiere und Pflanzen in Städten vor extreme, oft lebensbedrohliche Herausforderungen
Bedingungen ändern sich dort durch den Klimawandel wegen des Hitzeinseleffektes stärker als in nicht-urbanen Regionen
Expertinnen und Experten zeigen auf, welche Arten besonders betroffen sind und welche Anpassungsmöglichkeiten es gibt, so dass auch Tiere und Pflanzen Hitzewellen überstehen
Akute Hitzewellen bringen auch Tiere und Pflanze in unseren Städten an ihre Grenzen. Hohe Temperaturen treffen dort oft auf bereits geschwächte Ökosysteme – meist begleitet von ausgeprägter und anhaltender Trockenheit. Schon während der jüngsten Hitzewelle Mitte Juli fanden sich viele Berichte über Pflanzen und Tiere, die stark von den Bedingungen betroffen waren: Komplette Baumkronen vertrockneten innerhalb weniger Tage, Küken von Mauerseglern und Schwalben sprangen aus überhitzten Nestern, fast verdurstete Fledermäuse mussten mit Spritzenzylindern mit Wasser versorgt werden. In den kommenden Tagen sind nun in weiten Teilen Deutschland erneut hohe Temperaturen zu erwarten, so dass auch Tiere und Pflanzen in den Städten wieder massiv unter Druck geraten werden.
Städte stehen durch den fortschreitenden Klimawandel vor besonderen Herausforderungen. Versiegelte Flächen, dunkle Dächer, Asphalt und Beton speichern Sonnenenergie, fehlende Vegetation verringert Schatten und Verdunstungskühlung, menschliche Wärmequellen heizen die Umgebungsluft zusätzlich auf, Gebäude schränken die Windzirkulation ein. Das führt in der Summe zum so genannten Hitzeinseleffekt. Die Temperaturen liegen in dicht bebauten Städten oft sehr deutlich über denen des Umlandes. Die gleichen Faktoren führen zusätzlich noch schneller zu Wasserknappheit. Regnet es dann doch, läuft das Wasser vor allem wegen der Versiegelung häufig einfach ab und steht somit Pflanzen und Tieren nicht zur Verfügung. Beim Menschen erhöht Hitzestress die gesundheitlichen Risiken, besonders Ältere und Vorerkrankte sind häufig in akuter Lebensgefahr. Dazu kann sich die Luftqualität bei Hitze durch hohe Ozon‑ und Feinstaubbelastung verschlechtern.
Stadt- und Landschaftsökologin, Geographisches Institut, Humboldt-Universität zu Berlin, und Gastwissenschaftlerin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Leipzig
Unmittelbare Effekte
„Extreme Hitzedome oder Hitzewellen in Städten, wie wir sie Ende Juni erlebt haben, führen binnen Stunden zu Dehydrierung, Hitzestress und akutem Welken. Amphibien und Jungvögel sterben am schnellsten durch austrocknende Gewässer und überhitzte Nester. Flachwurzler und Insekten kollabieren akut durch vertrocknete Böden und fehlenden Blütennektar. Altbäume reagieren verzögert mit vorzeitigem Laubabwurf und unvorhersehbarem Grünastbruch, der für StadtbewohnerInnen zur Gefahr werden kann.“
„Hauptursache aller dieser Effekte ist die Kombination aus fehlender Bodenfeuchte, starker Insolation (Sonneneinstrahlung auf eine Fläche, angegeben in Watt pro Quadratmeter; Anm. d. Red.) und ununterbrochener nächtlicher Hitzeabstrahlung.“
Indirekte Folgen für Nahrungsnetze und für Interaktionen zwischen Arten
„Phänologische Mismatches (zeitliche Fehlanpassungen zwischen biologischen Ereignissen verschiedener Arten; Anm. d. Red.) entkoppeln die Flugzeiten von Bestäubern von den Blühphasen gestresster Pflanzen. Leere Nektarquellen und dörre Blätter führen zu akutem Nahrungsmangel – bis hin zum Absterben der Insektenbrut. Unerreichbare Beute wie tiefsitzende Würmer treibt Stadtvögel und Igel in den Hungerstress.“
„Gedränge an Restgewässern beschleunigt die Ausbreitung tödlicher Viren und Parasiten unter Wildtieren in den Städten. Das kann letztlich eine Gefahr für Menschen neben der Hitze selbst werden. Halten die wiederkehrenden Hitzedome an, brechen hochspezialisierte Symbiosen und Amphibien wahrscheinlich dauerhaft weg, während Generalisten die urbane Natur dominieren werden.“
Geeignete Stadtbaumarten und mögliche unerwünschte Effekte
„Klimaresistente Bäume wie Silber-Linden, Feldahorne, Elsbeere und Zerreichen bieten eine erhöhte Hitzetoleranz gegenüber klassischen Eichen oder Linden bei gleichzeitig hohem Insektennutzen.“
„Ungünstige Bepflanzung in engen Straßenschluchten und Tunneleffekte durch zuwachsende Kronen in der Straßenmitte blockieren den Wind und erzeugen durch Verdunstung drückende, gesundheitsschädliche Schwüle, bei der Menschen nicht mehr schwitzen können.“
„Hitzeangepasste Monokulturen von zum Beispiel Robinie oder Ginkgo gefährden allerdings die Biodiversität. Denn sie bieten heimischen Insektenlarven oft keinerlei Nahrungsgrundlage. Übermäßige Oberflächenbewässerung verweichlicht Wurzeln, weshalb das Schwammstadt-Prinzip mit effektiven Sickerstrecken und trockenresistente Magerwiesen nötig sind.“
„Die Risikominimierung gelingt durch strikte Artenmischung – gemäß der 10-20-30-Regel: Maximal 10 Prozent einer Art, 20 Prozent einer Gattung und 30 Prozent einer Familie im Stadtbestand pflanzen, um Monokulturen zu vermeiden und heimische Gehölze einzubinden – und gezielte Unterpflanzung mit heimischen Wildstauden.“
Mögliche kurz,- mittel- und langfristige Maßnahmen
„Akuthilfe erfolgt durch tägliche Wassertränken für Tiere, tiefenwirksames Wässern von Jungbäumen und einen strikten Rasenmähstopp. ‚Atempausen‘ zwischen zwei Hitzewellen müssen zum Aufhaken verkrusteter Böden vor dem Regen und zum anschließenden Mulchen genutzt werden. Langfristige Resilienz erfordert den konsequenten Umbau zur Schwammstadt, um Regenwasser lokal im Boden zu speichern. Fassaden- und Dachbegrünungen sowie freigehaltene Kaltluftschneisen senken die gefährliche nächtliche Hitzeabstrahlung versiegelter und bebauter Oberflächen im Quartier. Stadtplanung muss auf großflächige Entsiegelung (‚Abpflastern‘), Mikro-Oasen, Miniwälder und hitzeresistente Zukunftsbäume mit großen Wurzelräumen wie Silber-Linde oder Feldahorn setzen.“
Leiterin der Arbeitsgruppe Makroökologie und Vegetationskunde, Co-Leiterin des Departments Biozönoseforschung, Themenbereich Ökosysteme der Zukunft, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Halle
Unmittelbare Effekte
„Pflanzen sind in Städten einer Vielzahl von Stressoren ausgesetzt. Das lässt sich am Beispiel von Straßenbäumen gut illustrieren: Der ihnen zur Verfügung stehende Wurzelraum ist klein und die Baumscheibe (Boden um das untere Ende eines Baumstamms; Anm. d. Red.) ist klein und von versiegelter Fläche umgeben. So kann relativ wenig Niederschlag eindringen. Es kommt vor, dass Menschen über die Baumscheibe laufen oder etwas darauf abstellen – zum Beispiel Fahrzeuge –, was zur Verdichtung der Erde im Wurzelraum beiträgt. Schadstoffe schlagen sich am Baum nieder und gelangen in den Wurzelraum, ebenso wie ein Übermaß an Nährstoffen – Abgase enthalten Stickoxide, so dass in Städten eine Stickstoffdüngung aus der Luft stattfindet. Zudem urinieren immer wieder Hunde an die Bäume. Im Winter kommt gegebenenfalls noch Streusalz dazu.“
„Eine zunehmende Anzahl an Baumarten hat zudem mit Schädlingen oder Erregern zu kämpfen – beispielsweise die Esche mit Eschentriebsterben. Eine trockene Hitzeperiode ist ein weiterer Stressor, der zu den bereits bestehenden Stressoren dazukommt. Je häufiger und in je engerer Taktung trockene Hitzeperioden auftreten, desto weniger Zeit bleibt Pflanzen, um sich davon zu erholen. Das ist umso schwieriger, wenn die Pflanzen bereits unter den genannten Stressoren leiden. Wenn sie sich nicht mehr erholen können, sterben sie ab. Besonders stark auf trockene Hitzeperioden reagieren Pflanzenarten, die an feuchte Standortbedingungen angepasst sind, beispielsweise Pflanzenarten der Auenwälder und Feuchtwiesen.“
Indirekte Folgen für Nahrungsnetze und für Interaktionen zwischen Arten
„Pflanzenarten, die von Trockenheit und Hitze profitieren, breiten sich aufgrund der Klimaerwärmung verstärkt aus. Das heißt nicht nur, dass sie ihre Vorkommen auf Regionen ausdehnen können, in denen sie zuvor nicht vorhanden waren – zum Beispiel, weil es dort früher für sie zu kalt und/oder zu feucht war -, sondern auch, dass ihre Individuenzahlen steigen. Ein Beispiel ist die Beifuß-Ambrosie [1], die in Nordamerika heimisch ist und unbeabsichtigt in verschiedene Regionen der Welt eingeschleppt wurde, auch nach Deutschland, wo sie sich ausbreitet. Der Pollen der Beifuß-Ambrosie ist hoch allergen und belastet dadurch die menschlichen Atemwege, bis hin zu schweren allergischen Reaktionen.“
„Pflanzenarten, die sich stark ausbreiten, können zudem andere Pflanzenarten verdrängen, wenn sie konkurrenzstärker sind. Gleichzeitig können sie Tierarten als neue Nahrungsquellen dienen, insbesondere Generalisten – zum Beispiel Insektenarten, die sich von vielen verschiedenen Pflanzenarten ernähren [2]. Umgekehrt werden die Pflanzenarten, die besonders stark unter Trockenheit und Hitze leiden, seltener oder sie wandern in Regionen ab, an die sie besser angepasst sind. Das kann gerade für stark spezialisierte Interaktionspartner den Verlust der lebenswichtigen Nahrungsquelle bedeuten – zum Beispiel für Insektenarten, die sich von einer einzigen oder einer kleinen Zahl an Pflanzenarten ernähren. Ebenso kann der Verlust oder das Abwandern einer bestäubenden oder samenausbreitenden Tierart zu Rückgängen des pflanzlichen Interaktionspartners führen [2]. Es ist aber nicht so, dass Pflanzenarten, die sich aufgrund ihrer Anpassung an Trockenheit und Hitze ausbreiten, generell negative Auswirkungen auf andere Arten oder Menschen haben.“
Geeignete Stadtbaumarten und mögliche unerwünschte Effekte
„In der Finanzwelt spricht man davon, das Risiko zu streuen, also nicht alles auf das gleiche Pferd zu setzen. Hier gilt dasselbe: Städte sollten nicht auf ein paar wenige Baumarten setzen, die als besonders gut angepasst gelten. Stattdessen sollten sie möglichst viele verschiedene Baumarten pflanzen. Als Leitschnur kann dienen, dass eine Baumart im Bestand nicht mehr als 10 Prozent der Individuen, eine Gattung nicht mehr als 20 Prozent und eine Familie nicht mehr als 30 Prozent ausmachen sollte [3 und darin genannte Referenzen].“
„Wenn aufgrund der oben skizzierten Gemengelage verschiedener Stressoren oder auch aufgrund einzelner Stressoren – zum Beispiel Krankheitserreger – einzelne Baumarten ausfallen, sind immer noch andere Baumarten da. Zudem bietet ein vielfältiger Baumbestand mehr Tieren Nahrung und Lebensraum als ein einseitiger Baumbestand [3]. Ökologische Risiken für die Biodiversität etwa durch aus anderen Weltregionen eingeführte Baumarten, die nur wenigen Tieren als Nahrungsquelle dienen, werden dadurch klein gehalten. Das gleiche gilt für Grünflächen – auch sie sollten vielfältig gestaltet werden.“
„In engen Straßenschluchten sollten Bäume nicht so dicht gepflanzt werden, dass keine Luft mehr durch die Kronen nach oben abziehen kann, weil sich dann darunter Hitze und Schadstoffe stauen können. Das heißt, dass Bäume dort eher mit größeren Abständen gepflanzt und Baumarten mit lockeren Kronen genutzt werden sollten [4].“
Mögliche kurz,- mittel- und langfristige Maßnahmen
„Kurzfristige Maßnahmen, um Pflanzen in Hitzeperioden zu helfen, speziell, wenn es trockene Hitzeperioden sind: Bewässern, vor allem in den Bereichen, die sowieso von Menschen gepflegt werden – zum Beispiel Gärten, Parks, Friedhöfe. Im Garten oder auf dem Balkon empfindliche Arten beschatten, zum Beispiel mit Tüchern oder Schirmen. Die Stämme von Bäumen mit Weißanstrich vor Sonnenbrand schützen, der sich durch Schäden an der Rinde zeigt, die durch starke Sonneneinstrahlung entstehen.“
„Mittel- und langfristige Maßnahmen sind: vorhandene Grünflächen erhalten. Neue Grünflächen schaffen, wo immer möglich, damit ein grünes Netzwerk entsteht. Grünflächen vielfältig gestalten, zum Beispiel partielle Mahd anwenden, Blühstreifen einführen oder Gehölzgruppen pflanzen. Bäume pflanzen, wo möglich. Baumbestand vielfältig gestalten. Flächen entsiegeln, wo möglich. Auch die Vegetation akzeptieren, die von selbst wächst, zum Beispiel auf Brachflächen. Hier wachsen viele Pflanzenarten, die relativ gut mit Hitze und Trockenheit zurechtkommen, beispielsweise Echtes Johanniskraut, Natternkopf, Wegwarte und Wilde Möhre. Einige dieser Arten dienen einer Vielzahl an Insekten als Nahrungsquelle. Sie können auch in Gärten angesiedelt werden. Da sie relativ wenig Wasser brauchen, muss dann weniger bewässert werden.“
Inhaber des Lehrstuhls für terrestrische Ökologie, Department für Ökologie und Ökosystemmanagement, Technische Universität München (TUM)
Unmittelbare Effekte
„Ich habe selbst keine Messungen gemacht, bis auf die Beobachtung, dass die Städte ihren Mahd-Rhythmus nicht an das Klima anpassen und Wiesen und Straßenränder trotz Trockenheit mähen. Es ist dann alles braun und es gibt keine Nahrung für Insekten mehr. Dort wo nicht gemäht wird, sieht man kaum oder geringere Trockenschäden, da die Gräser und Kräuter oft recht tief wurzeln. Eine Kollegin hat mir von einem Nest von Hausrotschwänzen berichtet, in dem die Nestlinge sehr verkümmert waren und dann gestorben sind.“
Geeignete Stadtbaumarten und mögliche unerwünschte Effekte
„Viele Bäume und Sträucher kommen mit der Trockenheit in Städten allgemein und auch mit Dürreperioden grundsätzlich gut zu recht. Allerdings gibt es zu wenige systematische Untersuchungen über die Eignung südeuropäischer und südosteuropäischer Arten für unsere Städte, an die unsere einheimischen Tiere eher angepasst sind. Stattdessen werden in der Straßenbaumliste der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz (GALK) auffällig viele nordamerikanische und asiatische Bäume empfohlen. Diese Liste wird von allen Städten in Deutschland genutzt. Das Ergebnis ist, dass im Moment viele solche Bäume gepflanzt werden, wie zum Beispiel die Robinie. Sie ist invasiv und breitet sich in Flächen immer weiter aus, in denen die Vegetation stark beschnitten wurde. Diese wie auch andere fremdländische Bäume bieten wenigen pflanzenfressenden Insekten Nahrung. Diese Faktoren werden in der GALK-Liste, die auch nicht auf systematischen wissenschaftlichen Untersuchungen beruht, nicht berücksichtigt.“
„Ein Hauptproblem für die Bäume in der Stadt ist das sehr schlechte städtische Management. Im Gegensatz zu Ländern wie Australien wird bei der Pflanzung nicht darauf geachtet, dass die Bäume ausreichend Wurzelraum zur Verfügung haben. Die Baumscheibe – der Bereich um die Bäume, der nicht gepflastert ist – wird oft abgedeckt und es wird auch kein Regenwasser zu den Bäumen geleitet, in dem zum Beispiel der Bordstein in Höhe der Bäume abgesenkt wird. Das Argument, dass dann Streusalz die Bäume schädigen würde, trifft kaum noch zu. Schließlich nehmen Leitungsbauer für Gas, Strom und Telefon oder Straßenbauer keinerlei Rücksicht auf Bäume und kappen die Wurzeln bei ihren Arbeiten. Oberirdisch wird auch zu stark zurückgeschnitten. Das Problem, dass die Vegetation in der Stadt unter einer fehlenden Priorisierung leidet, hat mein Kollege Thami Croeser von der RMIT University in Melbourne kürzlich diskutiert [5].“
„Als Ergebnis fehlen Bäume in der Stadt. Der Forstwissenschaftler Cecil Konijnendijk hat die 3-30-300-Faustregel entwickelt. Gemäß dieser sollte jedes Haus, jede Schule und jeder Arbeitsplatz einen Blick auf mindestens drei Bäume haben, sich in einem Viertel mit mindestens 30 Prozent Baumkronenbedeckung befinden und nicht mehr als 300 Meter von einem Park entfernt sein. Wir haben für mehrere Weltstädte analysiert, inwieweit die Städte diesem Ziel nahekommen: Die allermeisten Stadtviertel in den allermeisten Städten schaffen es nicht, die 30 Prozent Kronenbedeckung zu erreichen, auch wenn das Ziel, drei Bäume aus einem Fenster zu sehen, oft erreicht wird [6]. Aber es werden nicht genug Bäume gepflanzt und insbesondere werden die Bäume nicht groß genug.“
Mögliche kurz,- mittel- und langfristige Maßnahmen
„Langfristige Planungen sind unbedingt notwendig. Wir haben kürzlich durch eine Simulation gezeigt, dass die hohe Fällrate alter Bäume dazu führt, dass ein Ziel von 30 Prozent Überschirmung nie erreicht wird, weil die Bäume nie alt und damit groß genug werden, um eine große Krone zu entwickeln [7] [8]. Da die Krone exponentiell wächst, kann man alte Bäume nicht einfach durch junge ersetzen. Eine 110-jährige Winterlinde hat zum Beispiel mehr als das 330-fache Kronenvolumen einer 10-jährigen Winterlinde. Man müsste also 330 Bäume pflanzen, um einen alten Baum zu ersetzen. Das passiert aber nicht, oft wird eins zu eins ersetzt. Städte müssten langfristig planen, wie sie ihre Vegetation erhalten können und nicht nur kurzfristig entscheiden, ob ein Baum gefällt werden soll oder nicht.“
„Auch wenn Städte weltweit Probleme haben, ihre Kronenbedeckung zu erhöhen, ist in Deutschland das Baummanagement leider besonders rückständig. Die einzige Anpassung an den Klimawandel ist die Wahl der Baumarten, dabei werden die Chancen von europäischen Arten nicht genutzt. Andererseits ist aber das Management bisher nicht angepasst. Bäume in der Stadt könnten deutlich älter und größer werden, wenn sie besser gemanagt würden. Im Endeffekt reden wir zwar über die Klimaanpassung in der Stadt, haben aber unsere Abläufe im Vegetationsmanagement bisher nicht angepasst.“
Professorin für Naturraum und Wildtiermanagement, Fakultät Wald und Forstwirtschaft, Hochschule Weihenstephan-Triesdorf
Unmittelbare Effekte
„Unmittelbare Effekte sind bei manchen Stadttieren schnell sichtbar, bei anderen zeigen sie sich erst mit Verzögerung. Hitzestress kann für einige Tiergruppen unmittelbar tödlich sein. Ein bekanntes Beispiel sind die Flughunde in Australien, da sie tagsüber in den Stadtparks exponiert in den Bäumen hängen. Bei mehrtägigen Hitzeperioden mit Temperaturen über 40 Grad Celsius versuchen die Tiere zunächst, sich zu kühlen, indem sie mit ihren Flügeln Luft über ihren Körper fächeln. Reicht das nicht aus, klettern sie immer weiter nach unten in Bäumen oder Büschen, bevor sie schließlich kollabieren und sterben. Diese Massensterben lassen sich direkt beobachten – ich habe dies in meiner Zeit in Australien erschreckenderweise auch selbst miterlebt.“
„Auch bei unseren Fledermäusen in Europa kann Extremhitze problematisch werden. Wochenstuben (trächtige Fledermäuse finden sich hier zusammen und bringen die Jungtiere zur Welt; Anm. d. Red.) in Dachböden können sich stark aufheizen und dort sind selten kühlere Mikroklimata als Rückzugsorte vorhanden – anders als beispielsweise in Höhlen. Eine Studie aus Italien zeigte, dass städtische Fledermäuse bereits ab Temperaturen von über 30 Grad Celsius betroffen sind und zwar nicht nur Jungtiere, wie zunächst angenommen, sondern auch adulte Tiere [9]. Die Folgen für die Populationen werden jedoch oft erst später sichtbar. Fledermäuse erfüllen wichtige Ökosystemfunktionen, etwa bei der Schädlingsbekämpfung – da die meisten insektivor sind –In manchen Regionen zeigt es sich auch bei der Bestäubung oder Samenverbreitung. Ein Rückgang ihrer Bestände kann sich daher langfristig auf ganze Ökosysteme auswirken. Dazu dann später etwas im Abschnitt ‚Indirekte Folgen‘.“
„Studien zeigen außerdem, dass Amphibien besonders empfindlich auf Hitze und Trockenheit reagieren [10]. Bei Insekten gibt es dagegen Gewinner und Verlierer. Wärmeliebende Arten können profitieren, während andere – beispielsweise Heuschrecken – langfristig eher zu den Verliererarten gehören [11]. Eine Studie zeigte, dass Nachtfalterarten in Städten häufig besser an hohe Temperaturen angepasst sind als ihre Verwandten im ländlichen Raum [11]. Aufgrund ihrer kurzen Generationszeiten können sich einige Insekten vergleichsweise schnell an neue Umweltbedingungen anpassen.“
„Auch größere Säugetiere sind betroffen, insbesondere in heißen, trockenen und wenig begrünten Städten, wie Studien aus den USA zeigen. Dennoch lässt sich mit unserem heutigen Wissensstand nur begrenzt sagen, welche Tiergruppen am stärksten betroffen sein werden, da hier viele Faktoren zusammenspielen. Es wird weiterhin angenommen, dass Hitze nicht nur das Überleben beeinflusst, sondern auch kognitive Fähigkeiten wie Lernen, Gedächtnis und Entscheidungsfindung bei Wildtieren beeinträchtigen kann [12].“
„Entscheidend ist dabei nicht ein einzelner Faktor, sondern das Zusammenspiel verschiedener physikalischer Einflüsse. Hohe Temperaturen, Trockenheit, geringe Luft- und Bodenfeuchte sowie fehlendes Wasser verstärken sich gegenseitig. Heiße und trockene Tage wirken sich beispielsweise auf Amphibien oder viele Insekten deutlich negativer aus als heiße und gleichzeitig feuchte Tage. In Städten kommen weitere Faktoren hinzu: Versiegelte Flächen speichern Wärme und verstärken den städtischen Wärmeinseleffekt. Dieser ist vor allem im Sommer und Winter stark bemerkbar, hat also auch im Winter Auswirkungen auf Stadtwildtiere. Dadurch ist Hitze in stark versiegelten Städten deutlich belastender als in grünen Städten. Besonders problematisch ist zudem, dass erhitzte Flächen nachts kaum abkühlen. Diese fehlende nächtliche Erholung kann für viele Tierarten entscheidend sein.“
Indirekte Folgen für Nahrungsnetze und für Interaktionen zwischen Arten
„Die Frage nach den indirekten Effekten ist eine sehr spannende. Ich denke hier vor allem an drei indirekte Folgen. Erstens: phänologische Fehlabstimmungen. Das bedeutet eine zeitliche Entkopplung zwischen voneinander abhängigen Arten. Arten, die durch biotische Interaktionen wie Prädation (Räuber-Beute-Beziehungen; Anm. d. Red.) oder Mutualismus (Wechselbeziehung zwischen zwei Arten, bei der beide Partner einen Vorteil haben; Anm. d. Red.) miteinander verbunden sind, können unterschiedlich schnell auf den Klimawandel reagieren.“
„Dadurch passen Interaktionen zwischen beispielsweise verschiedenen trophischen Ebenen (Ernährungsstufen innerhalb des Nahrungsnetzes eines Ökosystems; Anm. d. Red.) zeitlich nicht mehr zusammen. Ein bekanntes Beispiel sind Singvögel. Eine Langzeitstudie in den Niederlanden zeigte, dass sich der Biomasse-Peak der Raupen durch den Klimawandel schneller nach vorne verschoben hatte als die Schlupfdaten der Jungvögel. Dadurch nimmt die Synchronität zwischen Nahrungsangebot und Nahrungsbedarf ab, sodass während der Jungenaufzucht weniger Nahrung zur Verfügung steht [13]. Ähnliches sehen wir auch bei Pflanzen und Bestäubern. Studien zeigen, dass sich Blühzeiten zunehmend nach vorne verschieben – insbesondere in Städten [14]. Reagieren Bestäuber-Populationen nicht im gleichen Tempo, kann es zu zeitlichen Entkopplungen kommen.“
„Ein Räuber-Beute-System, das mich in meiner eigenen Forschung beschäftigt, sind Fledermäuse und ihre Insektenbeute im Winter. Durch mildere Winter werden Fledermäuse an warmen Tagen häufiger aktiv und benötigen Nahrung. Auch Insekten reagieren auf diese Temperaturen, allerdings nicht unbedingt im gleichen Ausmaß oder zur gleichen Zeit. Wie sich diese veränderten Interaktionen langfristig entwickeln, ist noch nicht vollständig verstanden. Es zeigt aber, dass der Klimawandel auch die Winteraktivität von Wildtieren in Städten beeinflusst.“
„Zweitens: Der Wegfall wichtiger Interaktionspartner. Ein eindrückliches Beispiel sind wieder die Flughunde in Australien, die durch extreme Hitzetage immer wieder Massensterben erleiden. Gleichzeitig sind sie wichtige Bestäuber vieler Eukalyptusarten. Welche Folgen ihr Rückgang langfristig für diese Ökosysteme haben wird, wissen wir noch nicht vollständig. Ob sich vergleichbare Auswirkungen auch bei unseren heimischen Fledermäusen zeigen werden, wenn Hitzewellen zunehmend Jungtiere und adulte Tiere betreffen, ist bislang unklar. Bestandsrückgänge wären jedoch nicht nur für die Fledermäuse selbst problematisch, sondern könnten auch weitreichende ökologische Folgen haben. Denn Fledermäuse spielen eine wichtige Rolle bei der natürlichen Regulation von Insektenpopulationen, darunter auch tierische Überträger von Krankheiten (Krankheitsvektoren) wie Stechmücken. Gleichzeitig erholen sich Populationen von Flughunden und Fledermäusen aufgrund ihrer geringen Fortpflanzungsrate nur langsam, da die meisten Arten pro Jahr lediglich ein, selten zwei Jungtiere zur Welt bringen. “
„Drittens: Die Ausbreitung wärmebegünstigter Arten und Krankheitsvektoren wie Stechmücken. Dazu gehören beispielsweise Tigermücken (Aedes), deren Verbreitung durch steigende Temperaturen begünstigt wird. Damit steigt auch das Risiko, dass Krankheiten wie Dengue-, Zika- oder Chikungunya-Fieber künftig häufiger übertragen werden [15].“
„Langfristig werden wahrscheinlich vor allem Spezialisten unter den neuen klimatischen Bedingungen leiden. Das betrifft Arten, die auf bestimmte Lebensräume oder wenige Nahrungsquellen spezialisiert sind, wenig mobil sind oder ihre Physiologie und ihr Verhalten nur begrenzt anpassen können – Stichwort phänotypische Plastizität (genotypisch gleiche Organismen bilden aufgrund von Umweltbedingungen unterschiedliche Merkmale aus; Anm. d. Red.). Hinzu kommen Arten mit langen Generationszeiten und geringer evolutionärer Anpassungsgeschwindigkeit sowie Arten, bei denen Nahrung und Fortpflanzung durch phänologische Verschiebungen nicht mehr zeitlich zusammenpassen. Flughunde in Australien zeigen allerdings auch, dass selbst sehr mobile Arten an ihre Grenzen stoßen können. Wenn der Lebensraum die Stadt ist, dort extreme Hitze herrscht und kein weiterer Lebensraum verfügbar ist, hilft Mobilität allein nicht mehr.“
Geeignete Stadtbaumarten und mögliche unerwünschte Effekte
„Wir haben in einer kürzlich erschienenen Übersichtsarbeit gezeigt, dass für die Förderung der Kohlenstoffspeicherung und der städtischen Biodiversität weniger die Baumart selbst entscheidend ist als vielmehr die funktionellen Merkmale der Bäume. So tragen beispielsweise unterschiedliche Blütezeiten und Fruchttypen dazu bei, vielfältige Tiergemeinschaften zu unterstützen. Eine besondere Bedeutung kommt zudem alten Bäumen zu, da sie wertvolle Quartier- und Habitatstrukturen bereitstellen [3]. Insgesamt zeigen zahlreiche Studien übereinstimmend, dass Bäume – insbesondere alte Bäume –, sowie Grünflächen für Wildtiere in Städten von zentraler Bedeutung sind. Dies gilt vor allem für stark versiegelte und vegetationsarme Stadtbereiche, in denen sie wichtige Lebensräume und Rückzugsorte schaffen.“
Mögliche kurz,- mittel- und langfristige Maßnahmen
„Kurzfristig ist es aus meiner Sicht besonders wichtig, Wildtieren in der Stadt Ressourcen bereitzustellen, welche sie durch die Hitzeperioden benötigen. Hier voran: Wasser. Wenn Quartiere bekannt sind, sollten diese regelmäßig von außen (!) kontrolliert werden, um hitzegestresste oder geschwächte Tiere frühzeitig zu finden und bei Bedarf in geeignete Wildtierpflegestationen zu bringen. Bei Quartieren von Fledermäusen wäre es zudem besonders sinnvoll, Bedingungen zu schaffen, die unterschiedliche Mikroklimata ermöglichen. Ähnlich wie in natürlichen Höhlen, sodass die Tiere je nach Temperatur geeignete Bereiche aufsuchen können.“
„Mittel- und langfristig sind vor allem stadtplanerische Maßnahmen erforderlich, die die Auswirkungen extremer Hitze grundsätzlich verringern. Dazu gehören die Entsiegelung von Flächen, der Erhalt und die Neuanlage von Grünflächen sowie deren bessere Vernetzung durch ökologische Korridore, als auch den Erhalt alter Baumbestände. Ebenso wichtig ist die Vernetzung und der Schutz von Gewässern, denn diese tragen nicht nur zur Kühlung des Stadtklimas bei, sondern stellen auch essenzielle Lebensräume und Ressourcen für zahlreiche Tiere auch in Städten bereit.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte bei meinen Angaben.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Bundesamt für Naturschutz: Klimawandel. Webseite des BfN.
[2] Schleuning M et al. (2020): Trait-Based Assessments of Climate-Change Impacts on Interacting Species. Trends in Ecology & Evolution. DOI: 10.1016/j.tree.2019.12.010.
[3] Ramke L et al. (2025): How does the choice of trees in favour of high carbon storage benefit faunistic biodiversity in urban areas? A systematic review. Landscape and Urban Planning. DOI: 10.1016/j.landurbplan.2025.105404.
[4] Hertel D et al. (2019): Decomposition of urban temperatures for targeted climate change adaptation. Environmental Modelling & Software. DOI: 10.1016/j.envsoft.2018.11.015.
[5] Croeser T et al. (2026): Urban forestry for cooler cities faces three critical hurdles. Nature Communications. DOI: 10.1038/s41467-026-70723-6.
[6] Croeser T et al. (2024): Acute canopy deficits in global cities exposed by the 3-30-300 benchmark for urban nature. Nature Communications. DOI: 10.1038/s41467-024-53402-2.
[7] Croeser T et al. (2025): Defining ‘adequate’ tree protection: Meeting urban canopy targets requires careful retention of mature trees. Landscape and Urban Planning. DOI: 10.1016/j.landurbplan.2025.105484.
[8] Technische Universität München: Der hohe Wert alter Bäume für die Stadt. Pressemitteilung zur Veröffentlichung von [7]. Webseite des Lehrstuhls für Terrestrische Ökologie.
[9] Salinas-Ramos V et al. (2023): Admittance to Wildlife Rehabilitation Centres Points to Adverse Effects of Climate Change on Insectivorous Bats. Biology. DOI: 10.3390/biology12040543.
[10] Dietzel A et al. (2025): Urban heat exacerbates climatic risks to urban biodiversity. npj Urban Sustainability. DOI: 10.1038/s42949-025-00309-6.
[11] Merckx T et al. (2023): Continent‐wide parallel urban evolution of increased heat tolerance in a common moth. Evolutionary Applications. DOI: 10.1111/eva.13636.
[12] Soravia C et al. (2021): The impacts of heat stress on animal cognition: Implications for adaptation to a changing climate. WIREs Climate Change. DOI: 10.1002/wcc.713.
[13] Both C et al. (2008): Climate change and unequal phenological changes across four trophic levels: constraints or adaptations?. Journal of Animal Ecology. DOI: 10.1111/j.1365-2656.2008.01458.x.
[14] Knapp S et al. (2020): A Research Agenda for Urban Biodiversity in the Global Extinction Crisis. BioScience. DOI: 10.1093/biosci/biaa141.
[15] Ryan SJ et al. (2019): Global expansion and redistribution of Aedes-borne virus transmission risk with climate change. PLOS Neglected Tropical Diseases. DOI: 10.1371/journal.pntd.0007213.
Prof. Dr. Dagmar Haase
Stadt- und Landschaftsökologin, Geographisches Institut, Humboldt-Universität zu Berlin, und Gastwissenschaftlerin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Leipzig
Dr. Sonja Knapp
Leiterin der Arbeitsgruppe Makroökologie und Vegetationskunde, Co-Leiterin des Departments Biozönoseforschung, Themenbereich Ökosysteme der Zukunft, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Halle
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Wolfgang Weisser
Inhaber des Lehrstuhls für terrestrische Ökologie, Department für Ökologie und Ökosystemmanagement, Technische Universität München (TUM)
Prof. Dr. Tanja Straka
Professorin für Naturraum und Wildtiermanagement, Fakultät Wald und Forstwirtschaft, Hochschule Weihenstephan-Triesdorf
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte bei meinen Angaben.“