Erste menschliche Infektion mit dem Shamonda-Virus
übertragen wird der Erreger durch kleine Stechinsekten, die sogenannten Gnitzen
bislang traten Infektionen nur im Tierreich auf, vor allem bei Rindern; auch deutsche Betriebe waren jüngst vermehrt betroffen
eine ernst zu nehmende Gefahr besteht Forschenden zufolge nicht, gleichwohl müsse der Fall genau untersucht werden
In Frankreich ist erstmals das Shamonda-Virus bei einem Menschen nachgewiesen worden. Der zuvor bereits stark immungeschwächte infizierte Patient verstarb laut Angaben der französischen Behörden Anfang Oktober in einem Krankenhaus in Lyon. Nach aktuellem Stand gehen die Fachleute vor Ort davon aus, dass er sich in Ostfrankreich durch einen Insektenstich infizierte, vermutlich durch eine Gnitze. Diese kleinen Stechinsekten gelten als Überträger (Vektor) des Shamonda-Virus. Der Erreger gehört zur „Simbu-Gruppe“ der sogenannten Orthobunyaviren. Diese Virusgruppe gilt in der Regel nicht als Zoonoseerreger und stellt nach bisherigem Kenntnisstand kein relevantes Infektionsrisiko für den Menschen dar.
Bislang traten Infektionen ausschließlich im Tierreich auf, vor allem bei Rindern. Die Tiere bekommen Fieber und Durchfall, Milchkühe geben zudem weniger Milch. Hierzulande waren ab Ende August erstmals Rinderbetriebe unter anderem in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen betroffen. Zunächst hatten die Schweiz und Frankreich im Sommer über ungewöhnliche Krankheitsfälle bei Rindern berichtet. Der Zeitpunkt der Einschleppung des Shamonda-Virus nach Europa ist nach wie vor unklar, Untersuchungen dazu laufen. Ursprünglich stammt das Virus aus Nigeria. Mit weiteren Fällen bei Tieren, auch in anderen Bundesländern, sei zu rechnen, so das Friedrich-Loeffler-Institut.
Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Hamburg
Bedeutung des Falls
„Der erste dokumentierte menschliche Nachweis zeigt, dass das Shamonda-Virus grundsätzlich auch Menschen infizieren kann. Aus meiner Sicht sollte es deshalb bei ungeklärten Gehirnentzündungen als mögliche Ursache berücksichtigt werden – und insbesondere bei immunsupprimierten Patienten in Regionen, in denen das Virus im Tierbestand zirkuliert. Die bislang vor allem veterinärmedizinisch eingesetzten Nachweisverfahren müssen für menschliche Proben geprüft, gegebenenfalls angepasst und validiert werden. Darüber hinaus brauchen wir zuverlässige Antikörpertests für Seroprävalenzstudien, beispielsweise bei beruflich exponierten Personen in der Landwirtschaft und Tiermedizin. Damit ließe sich untersuchen, ob Menschen bereits unbemerkt Kontakt mit dem Virus hatten. Die entscheidende Frage lautet: Handelt es sich tatsächlich um die erste menschliche Infektion oder um die erste, die wir entdeckt haben? Mit unserer Forschung am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin wollen wir dazu beitragen, diese Fragen zu beantworten.“
Immungeschwächte Menschen
„Eine ausgeprägte Immunsuppression könnte in diesem Fall sowohl die Infektion als auch den schweren Verlauf begünstigt haben. Entscheidend ist dabei die eingeschränkte Fähigkeit des Körpers, das Virus nach der Übertragung zu kontrollieren. Eine geschwächte Immunabwehr kann eine länger anhaltende Virusvermehrung und die Ausbreitung in verschiedene Organe, einschließlich des Nervensystems, ermöglichen. Beim West-Nil-Virus haben wir beispielsweise gut belegt, dass immunsupprimierte Menschen ein erhöhtes Risiko für schwere neurologische Erkrankungen haben. Für das Shamonda-Virus ist bislang offen, ob die Immunsuppression die menschliche Infektion überhaupt erst ermöglicht oder vor allem ihren schweren Verlauf begünstigt hat. Ebenso wissen wir noch nicht, ob und mit welchen Symptomen sich immungesunde Menschen infizieren können. Hinzu kommt ein möglicher diagnostischer Effekt: Bei schwer erkrankten, immunsupprimierten Patienten wird häufig besonders umfassend nach ungewöhnlichen Erregern gesucht. Das kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, eine solche Infektion überhaupt zu entdecken.“
Bedeutung von Gnitzen als Überträger
„In der Tiermedizin sind Gnitzen seit Langem bedeutende Virusüberträger, etwa für das Schmallenberg-Virus und das Virus der Blauzungenkrankheit. Relevant ist insbesondere die Gattung Culicoides mit weltweit mehr als 1300 Arten. Viele der in Europa wichtigen Überträgerarten nehmen ihre Blutmahlzeit bevorzugt an Tieren auf, aber bestimmte Arten stechen auch Menschen. Als Überträger menschlicher Viruserkrankungen haben Gnitzen in Deutschland bislang keine etablierte epidemiologische Bedeutung. Der aktuelle Fall begründet deshalb vor allem weiteren Forschungsbedarf: Welche Arten könnten das Virus zwischen Tieren und Menschen übertragen, und wie häufig geschieht das tatsächlich? Eine allgemeine Gefährdung der Bevölkerung lässt sich aus diesem Einzelfall derzeit nicht ableiten. Auch die französischen Behörden sehen nach aktuellem Kenntnisstand kein identifiziertes Gesundheitsrisiko für die Allgemeinbevölkerung.“
„Viele der für die Tiergesundheit relevanten Gnitzenarten sind in Deutschland heimisch. Veränderte klimatische Bedingungen können ihre Aktivitätszeiten und die Möglichkeiten der Virusübertragung beeinflussen. Mildere Winter können die Saison verlängern und die Zeit mit geringer oder fehlender Vektoraktivität verkürzen. Innerhalb geeigneter Temperaturbereiche kann Wärme außerdem die Virusvermehrung in der Gnitze beschleunigen. Dadurch verkürzt sich die Zeit zwischen der Aufnahme eines Virus und der Fähigkeit, es beim nächsten Stich weiterzugeben. Wie stark diese Zusammenhänge speziell die Übertragung des Shamonda-Virus beeinflussen, muss noch untersucht werden.“
„Gleichzeitig bestehen bei der Überwachung und experimentellen Untersuchung von Gnitzen erhebliche Forschungslücken. Am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin haben wir über viele Jahre umfangreiche Kapazitäten zur Untersuchung von Stechmücken aufgebaut. Vergleichbare Möglichkeiten müssen wir für Gnitzen weiterentwickeln. Eine wesentliche Hürde ist, dass für viele epidemiologisch relevante Arten bislang keine dauerhaft etablierten Laborzuchten verfügbar sind. Das erschwert die Untersuchung ihrer Fähigkeit, bestimmte Viren aufzunehmen und weiterzugeben.“
Verwandte Erreger
„Das Oropouche-Virus gehört zum Beispiel ebenfalls zu den Orthobunyaviren und verursacht in Lateinamerika große Ausbrüche beim Menschen. Es wird vor allem durch Gnitzen übertragen und inzwischen sind auch Übertragungen von der Mutter auf das ungeborene Kind dokumentiert. Diese Beobachtungen zeigen, welche humanmedizinische Bedeutung ein durch Gnitzen übertragenes Virus grundsätzlich entwickeln kann. Sie lassen sich jedoch nicht unmittelbar auf das Shamonda-Virus übertragen. Das eng verwandte Schmallenberg-Virus liefert ein anderes Bild: Nach seinem Auftreten in Europa wurden auch stark exponierte Personen untersucht, darunter Schäfer in Deutschland. Dabei fanden sich weder serologische noch molekulare Hinweise auf menschliche Infektionen. Die Verwandtschaft allein erlaubt somit keine verlässliche Aussage über das Risiko für den Menschen.“
Krankheitslast bei Tierherden
„Bei Rindern kann die akute Shamonda-Infektion mit Fieber, Durchfall, Abgeschlagenheit und einem deutlichen Rückgang der Milchleistung einhergehen. In betroffenen Herden können viele Tiere gleichzeitig erkranken. Besonders relevant sind jedoch mögliche Folgen einer Infektion während der Trächtigkeit: Das Virus kann auf den Fetus übergehen. In Frankreich wurde Virus-RNA auch im Gehirngewebe abortierter Feten nachgewiesen. Aus Japan sind angeborene Fehlbildungen bei Kälbern nach einer Infektion im Mutterleib beschrieben, darunter Gelenkversteifungen und Veränderungen des zentralen Nervensystems. Neben den akuten Erkrankungen müssen wir deshalb insbesondere Fehlgeburten und Fehlbildungen sowie die damit verbundenen wirtschaftlichen Schäden im Blick behalten.“
Leiter des Instituts für Virusdiagnostik und Vizepräsident, Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, Greifswald-Insel Riems
Bedeutung des Falls
„Es ist weltweit der erste und bislang einzige bekannte Fall einer menschlichen Infektion mit diesem Virus, das seit den 1960er-Jahren aus Afrika bekannt ist. Wichtig ist, dass es sich um eine Person mit schwerer Immunsuppression gehandelt hat und damit um einen Sonderfall. Bisher gibt es keine Hinweise auf weitere klinische Infektionen bei Menschen oder eine Gesundheitsgefährdung der Allgemeinbevölkerung. Allerdings sind weitere Untersuchungen sinnvoll, um das Risiko noch besser abschätzen zu können. In Deutschland laufen daher gerade erste Untersuchungen an, um festzustellen, ob auch Menschen Antikörper gegen das Shamonda-Virus aufweisen.“
Immungeschwächte Menschen
„Bei einem stark geschwächten Immunsystem ist die Abwehr von Infektionserregern erheblich beeinträchtigt, was dann auch deutlich leichter zu einer Infektion und effizienten Virusvermehrung führen kann als bei einem intakten Immunsystem. Es ist ein erheblicher Faktor und ist auch bei vielen anderen Virusinfektionen zu berücksichtigen. Das ist bei der Bewertung des Falls daher von großer Bedeutung.“
Bedeutung von Gnitzen als Überträger
„Bisher gibt es wie gesagt keine weiteren Hinweise auf eine Gesundheitsgefährdung der Allgemeinbevölkerung. Für die Situation beim Tier gilt, dass mit den sinkenden Temperaturen ab Mitte November die Zirkulation bei Gnitzen und die Infektion von empfänglichen Tieren stoppt und erst im Frühjahr/Sommer des Folgejahres wieder startet. Nach einer sehr starken ersten Welle sind die Infektionszahlen bei Tieren aufgrund der Herdenimmunität dann aber vermutlich sehr deutlich reduziert.“
„Gnitzen sind in Mitteleuropa heimisch und allgemein von April bis November aktiv, die höchste Aktivität wird üblicherweise zwischen Juli und Oktober beobachtet. Optimal vermehren sie sich bei 25 bis 35 Grad Celsius und stellen ihre Aktivität erst ab etwa vier Grad Celsius ein. Für die Virusvermehrung in den Gnitzen sind Temperaturen von mehr als 12 bis 15 Grad Celsius notwendig, und höhere Temperaturen steigern die Virusvermehrung deutlich. Entsprechend können höhere Umgebungstemperaturen einen deutlichen Einfluss auf die Viruszirkulation haben.“
Verwandte Erreger
„Aus Südamerika sind Humaninfektionen mit dem Oropouche-Virus bekannt, einem mit dem Shamonda-Virus verwandten Virus der Simbu-Serogruppe innerhalb der Orthobunyaviren. Ein weiteres verwandtes Virus ist das Shuni-Virus, das bei Wiederkäuern in Afrika vorkommt und für das zumindest vereinzelte Antikörpernachweise bei Menschen in Afrika berichtet wurden. Inwieweit sich Erkenntnisse zu diesen Viren auf die europäischen Shamonda-Viren übertragen lassen, wird sich erst im Rahmen weiterer Untersuchungen abschätzen lassen.“
Krankheitslast bei Tierherden
„Bei Schafen und Ziegen verlaufen die Infektionen mit dem Shamonda-Virus meist sehr mild und häufig sogar unauffällig. Akut infizierte Rinder zeigen in der Regel milde bis moderate und vorübergehende Symptome. Dazu gehören insbesondere Fieber, Durchfall und ein Rückgang der Milchleistung. Von besonderer Bedeutung bei empfänglichen Wiederkäuern ist jedoch eine Infektion eines zuvor nicht immunen Muttertieres während einer empfindlichen Phase der Trächtigkeit. Das Virus kann die Plazenta passieren und den Fetus infizieren. Dadurch können Aborte, Totgeburten oder schwere angeborene Fehlbildungen wie Veränderungen des Bewegungsapparats und schwere Veränderungen des zentralen Nervensystems entstehen.“
„Bei Pferden kam es sehr vereinzelt zu tödlichen Verläufen mit Infektionen des Gehirns und Gehirnentzündungen. Diese wurden in Europa bisher im Zusammenhang mit Shamonda-Virus-Europe-1-(SHAV-EU1)-Infektionen der Pferde beobachtet. In Europa treten zwei Kladen beziehungsweise Varianten des Virus auf: SHAV-EU1 und SHAV-EU2.“
„Es können folgende Interessenkonflikte bestehen, die sich aus einem Beschäftigungsverhältnis, einer Teilhabe, einer Beratertätigkeit oder Zuwendungen für Forschungsvorhaben, Vorträge oder andere Tätigkeiten ergeben oder in den letzten fünf Jahren ergeben haben: EUROIMMUN - a PerkinElmer company, BASF, Siemens, Roche, Diasorin, Sanofi, Mahidol Universität, Vietnam Military Medical University, Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), Bundesministerium für Gesundheit (BMG), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Instand e.V., Takeda, AstraZeneca, Pfizer, Chulalongkorn University, Valneva, Bavarian Nordic, Hermes Arzneimittel, CRM - Centrum für Reisemedizin, Johnson & Johnson.“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit
Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Hamburg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es können folgende Interessenkonflikte bestehen, die sich aus einem Beschäftigungsverhältnis, einer Teilhabe, einer Beratertätigkeit oder Zuwendungen für Forschungsvorhaben, Vorträge oder andere Tätigkeiten ergeben oder in den letzten fünf Jahren ergeben haben: EUROIMMUN - a PerkinElmer company, BASF, Siemens, Roche, Diasorin, Sanofi, Mahidol Universität, Vietnam Military Medical University, Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), Bundesministerium für Gesundheit (BMG), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Instand e.V., Takeda, AstraZeneca, Pfizer, Chulalongkorn University, Valneva, Bavarian Nordic, Hermes Arzneimittel, CRM - Centrum für Reisemedizin, Johnson & Johnson.“
Prof. Dr. Martin Beer
Leiter des Instituts für Virusdiagnostik und Vizepräsident, Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, Greifswald-Insel Riems
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte.“