Erdgasversorgung im Winter 26/27: Stabil, aber eingeschränkt resilient
Gasversorgung im Winter 26/27 kann trotz historisch niedrigem Gasspeicher-Füllstand stabil laufen, zeigen Winterausblick der europäischen Gasnetzbetreiber und Bundesnetzagentur
unerwartet hoher Verbrauch oder Unterbrechung des Imports könnte jedoch Lage ändern
Forschende: Plausible Zahlen – Abhängigkeit von Importen könnte im Notfall Verbrauchsminderung nötig machen – Haushalte könnten dabei wichtige Rolle spielen – langfristig sollte Gasbedarf durch Elektrifizierung gesenkt werden
Die Zeit im Jahr, in der aller Erfahrung nach große Mengen Gas eingespeichert werden, geht zu Ende. In den zurückliegenden Jahren flachten die Zuwachsraten der Speicherfüllstände in den ersten Oktoberwochen deutlich ab, bevor diese etwa ab Mitte November wieder zu fallen begannen. Energieministerin Katherian Reiche hat noch am 30. September das staatseigene Unternehmen Sefe anwiesen, zusätzlich etwas Gas einzukaufen und drängte drei Tage später einem Bericht des Spiegels zufolge alle Betreiber von Gasspeichern, ihre Vorräte rasch aufzustocken. Deutschland dürfte trotzdem mit einem historisch niedrigen Speicherstand von wenig mehr als 60 Prozent in den Winter gehen.
Das könnte tatsächlich gut gehen, zeigt der in diesen Tagen veröffentlichte Winterausblick der Europäischen Gasnetzbetreiberverband ENTSOG . Der rechnet mit den Speicherständen vom 1. Oktober und berechnet, ob im April 2027 noch ein Füllgrad von 30 Prozent in den europäischen Speichern vorzufinden ist. Ergebnis: Für das Szenario eines Durchschnittswinters mit durchschnittlichen LNG-Lieferungen ist die Gasversorgung gesichert. Aber resilient ist sie unter Umständen nicht: Höherer Gasverbrauch zum Beispiel durch tiefere Temperaturen führt in den Szenarien zur Notwendigkeit, entweder mehr LNG importieren oder den Verbrauch reduzieren zu müssen. Das gleiche gilt für den Ausfall norwegischer, algerischer oder der letzten russischen Gaslieferungen nach Europa. Nur das Szenario mit einer europaweiten Verbrauchsreduktion um 15 Prozent gegenüber dem durchschnittlichen Verbrauch zwischen 2017 und 2021 zeigt keine Probleme: In den meisten Fällen sind Anfang April die europäischen Speicher sogar noch zu rund 30 Prozent gefüllt.
Professor of Energy and Climate Policy and Leader of the Energy Programme, Environmental Change Institute, University of Oxford
„Die Zahlen der Bundesnetzagentur sind plausibel, sie lenken aber den Blick auf das falsche Problem. Das eigentliche Risiko sind nicht die Speicherstände, sondern die Importabhängigkeit. Deutschland importiert nahezu sein gesamtes Erdgas. Seit 2022 hat sich diese Abhängigkeit nur verlagert: weg von Russland, hin zu Norwegen und zum globalen LNG-Markt.“
Abhängigkeit von Gasimporten ist größtes Problem für Winter
„Gerade LNG ist kein Vorrat, sondern ein Marktzugang. Europa konkurriert dort mit Asien um dieselben Ladungen, und geopolitische Störungen von Lieferrouten schlagen unmittelbar auf Preise und Verfügbarkeit durch. Speicher können solche Schocks nur abfedern, nicht verhindern.“
Verbrauchssenkung langfristig sinnvollste Lösung
„Staatliche Zusatzkäufe ändern an dieser Abhängigkeit nichts. Sie verschieben das Problem nur und treiben die Preise. Die einzige strukturelle Antwort ist, weniger Gas zu verbrauchen. Jede Wärmepumpe und jeder elektrifizierte Industrieprozess macht Deutschland unabhängiger von Gasimporten, deren Preis und Verfügbarkeit es nicht kontrolliert.“
Professorin am Department of Industrial Economics and Technology Management, Norwegian University of Science and Technology (NTNU)
Szenerien der Europäischen Gasversorger: LNG-Flexibilität gut für Winter
„Ich verweise gern auf die Einschätzung im europäischen Kontext: Deutschland ist Teil des europäischen Binnenmarktes für Erdgas. Der Verband der europäischen Erdgasübertragungsnetzbetreiber (ENTSOG) sieht sich im aktuellen ‚Winter Supply Outlook‘ – trotz derzeit niedriger Speicherfüllstände – sehr gut für den Winter gewappnet. Die Argumentation folgt im Wesentlich der der Bundesnetzagentur: Die Flexibilität des Gesamtsystems ist – unter anderem auch durch hinzugekommene LNG-Importoptionen – größer im Vergleich zum Winter 2021/2022.“
Szenarien zeigen auch: Bei Störungen wird Gasverbrauch gesenkt werden müssen
„Der Report selbst zeigt die Ergebnisse für verschiedene Szenarien, unter anderem für einen kalten Winter, keine Lieferungen aus Russland und Schwierigkeiten bei der Versorgungssicherheit. Hier sind die Szenarien ‚Ausfall der größten europäischen offshore Infrastruktur‘ in der Nordsee sowie ‚Komplettausfall der Lieferungen aus Algerien‘ relevant. Für alle Szenarien zeigt sich, dass eine Anpassung der Nachfrage – demand response – notwendig sein würde, also eine Verminderung des Gasverbrauchs.“
Wichtige Rolle von Privathaushalten für mögliche Gasverbrauch-Senkung
„Die Erfahrungen aus dem Jahr 2022 haben gezeigt, dass private Haushaltskunden sowohl auf gestiegene Preise als auch auf Appelle und Aufrufe zur Senkung des Verbrauches wirkungsvoll reagiert haben. Das Bewusstsein der Endkunden, Teil der Lösung durch Verhaltensanpassung zu sein oder zu werden, ist ein wesentlicher Wirkungskanal .“
Ausblick: Winter 2027/28 wird vor dem gleichen Problem stehen wie dieser Winter
„Die meisten Szenarien zeigen auch: Die Füllstände der Speicher zum Ende des Gasjahres werden niedrig sein und zum Teil deutlich unter 30 Prozent liegen. Das bedeutet, dass es eine intertemporale Verschiebung der Einspeisung auf den kommenden Sommer geben wird. Wie sich die Preise auf dem Weltmarkt bis dahin entwickeln, ist jedoch unklar. Das heißt, wir werden die gleichen Fragen in einem Jahr erneut erörtern.“
Stellvertretende Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin
Gasversorgung im Winter wahrscheinlich stabil
„Ich bin für die Gasversorgung für den Winter 2026/27 weiterhin optimistisch. Bei entsprechender Zahlungsbereitschaft werden sich Europa und Deutschland weiterhin gut aus den laufenden Importen aus Norwegen und mit Flüssiggas (LNG) versorgen können und bei Bedarf auch auf die mittlerweile zu knapp 60 Prozent gefüllten Speicher zurückgreifen können. Wichtig ist dabei, dass weiterhin Gas aus Norwegen zur Verfügung steht, dessen Ausfall nur aufgrund von Sabotage denkbar wäre. Für LNG-Lieferungen vom Weltmarkt steht Europa in Konkurrenz mit Importeuren in Asien, die weiterhin mit dem Ausfall der LNG-Lieferungen aus Katar umgehen müssen.“
LNG-Lieferungen nach Europa wegen Einsparungen in Asien wahrscheinlich stabil
„Asiatische Länder haben aber in den vergangenen Monaten mit einer Mischung aus Nachfragerückgang – insbesondere in Indien – und dem Hochfahren einheimischer Produktion – insbesondere in China – den LNG-Ausfall aus dem Mittleren Osten auffangen können. Bei den stabilen, wenn auch anhaltend hohen Gaspreisen in Europa, die mittlerweile auch in den Winter-Future-Preisen sichtbar sind – höher als 80 Euro pro Megawattstunde bis einschließlich März 2027 – ist zu erwarten, dass die LNG-Lieferungen nach Europa in einem ähnlich hohen Umfang wie bisher bleiben und damit die laufende Versorgung mit Erdgas im Winter 2026/27 sichern werden. Ich sehe keine Notwendigkeit für staatliche Eingriffe wie staatliche Gaseinkäufe.“
Leiter der Abteilung Integrierte Infrastruktur am Institute of Climate and Energy Systems – Jülicher Systemanalyse (ICE-2), Forschungszentrum Jülich GmbH (FZJ)
„Unter der Annahme eines nicht gestörten europäischen und internationalen Gashandels sowie ausbleibender extremer Wetterbedingungen kann die Gasversorgungslage in Deutschland trotz geringerer Speicherfüllstände derzeit als stabil angesehen werden.“
Eckdaten der Gasversorgung
„Die in Betrieb befindlichen LNG-Terminals in Deutschland ermöglichen eine durchschnittliche Versorgung mit LNG von circa 330 Gigawattstunden pro Tag im Jahr 2026 . Dies entspricht einer mittleren Auslastung der LNG-Importterminals inklusive Regasifizierung von gut 50 Prozent der installierten Kapazität. Die Schiffstransporte von flüssigem Erdgas werden durch stabile, hohe Pipeline-Importe aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden wesentlich ergänzt. Mittelwerte im Jahr 2026: Norwegen: 1.220 Gigawattstunden pro Tag, Belgien: 630 Gigawattstunden pro Tag und die Niederlande: 605 Gigawattstunden pro Tag.“
„Angemerkt werden muss, dass die Pipeline-Importe aus den Niederlanden und Belgien zu knapp der Hälfte ebenfalls durch LNG-Importe gestützt werden . Die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten haben gezeigt, dass der Handel mit LNG durch die Schließung von Seewegpassagen global empfindlich gestört werden kann, obwohl die Lieferländer für Deutschland und Europa nicht direkt betroffen sind.“
Bedeutung des geringeren Gasverbrauchs seit 2022 für die Versorgungslage
„Für eine stabile Gasversorgung ist ebenfalls ein niedriger Gasverbrauch wichtig, der sich seit der Gaskrise im Jahr 2022 auf einem geringeren Niveau als vor der Krise hält. Der Gasverbrauch in der Industrie sowie in Haushalten und Gewerbe ist im Jahr 2025 um 12 Prozent beziehungsweise 14 Prozent niedriger ausgefallen als in den Jahren 2018 bis 2021. Aufgrund der sehr kalten Witterung im Januar 2026 wird die Verbrauchseinsparung im Jahr 2026 geringer ausfallen. Im Januar 2026 lag der Tagesbedarf an Gas bei circa 4.300 Gigawattstunden pro Tag bei konjunkturell schwacher Wirtschaftslage.“
Höherer Gasverbrauch müsste durch Speicher gestützt werden
„Ein Winter mit langanhaltenden kalten Temperaturen, gepaart mit einem konjunkturellen Aufschwung, könnte den Gasbedarf signifikant erhöhen. Solche möglichen hohen Verbräuche lassen sich nicht allein durch gesteigerte Pipeline- und LNG-Importe kompensieren und benötigen eine zusätzliche Stützung durch die Gasspeicherung.“
„Anfang Oktober 2026 waren die Gasspeicher in Europa zu knapp 74 Prozent gefüllt . Deutschlands gemittelte Speicherfüllstände liegen mit circa 60 Prozent deutlich unter dem EU-Durchschnitt sowie den Füllständen der vergangenen beiden Jahre. Einerseits sind die niedrigeren Speicherfüllstände durch die Absenkung der gesetzlichen Vorgaben für die Speicherfüllstände von Kavernen- und Porenspeichern in Deutschland und der EU zu erklären.“
„Andererseits sind derzeit die Arbitrage-Effekte zwischen Sommer und Winter gering ausgeprägt, wodurch es keine wirtschaftlichen Anreize zur Befüllung der Speicher gibt. Eine Befüllung der Gasspeicher auf das nationale Speicherziel von 80 Prozent – 45 Prozent für ausgewählte Poren- beziehungsweise Aquiferspeicher – würde bei den hohen Großhandelspreisen von durchschnittlich 75 Euro je Megawattstunde im Oktober 2026 Kosten von über 7 Milliarden Euro verursachen.“
Fazit: Gasversorgung stabil, aber eingeschränkt resilient gegen Störungen
„Die Gasversorgung ist im ungestörten Zustand stabil. Die Resilienz gegenüber signifikanten Störungen, beispielsweise weiter eskalierenden kriegerischen Auseinandersetzungen mit Schließungen von weiteren Seewegpassagen, Handelskonflikten oder Zollbeschränkungen sowie extremen Wetterlagen, muss jedoch als eingeschränkt angesehen werden. Treten mehrere Effekte zusammen auf – beispielsweise ein sehr kalter Winter gepaart mit einer belebten konjunkturellen Lage – kann dies zu einer Verschärfung der Versorgungslage führen. Die Kombination dieser Effekte gilt es in den kommenden Monaten zu beobachten.“
„Ich berate Regierungen und internationale Organisationen zu Energie- und Klimapolitik und bin Geschäftsführer der EnPolicy Consulting Ltd. In Bezug auf dieses Thema bestehen keine Interessenkonflikte.“
„Ich bestätige, dass keine Interessenkonflikte bestehen.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Weiterführende Recherchequellen
Science Media Center: Gasspeicher-Dashboard.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[] Jarmissen D et al. (2024): The price elasticity of natural gas demand of small consumers in Germany during the energy crisis 2022. Energy Efficiency. DOI: 10.1007/s12053-024-10284-z.
[] Bundesnetzagentur: Aktuelle Lage der Gasversorgung in Deutschland. Abgerufen am 14.10.2026
[] European Network of Transmission System Operators for Gas ENTSOG: Dash Board Cross-Border Gas Flows. Abgerufen am 14.10.2026
[] Gas Infrastructure Europe (GIE): Aggregated Gas Storage Inventory. Abgerufen am 14.10.2026
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[] European Network of Transmission System Operators for Gas ENTSOG (2026): Winter Supply Outlook 2026/2027.
[] European Union Agency for the Cooperation of Energy Regulators (13.05.2026): Analysis of the European LNG market developments. 2026 Monitoring Report.
Prof. Jan Rosenow, Ph.D.
Professor of Energy and Climate Policy and Leader of the Energy Programme, Environmental Change Institute, University of Oxford
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich berate Regierungen und internationale Organisationen zu Energie- und Klimapolitik und bin Geschäftsführer der EnPolicy Consulting Ltd. In Bezug auf dieses Thema bestehen keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Anne Neumann
Professorin am Department of Industrial Economics and Technology Management, Norwegian University of Science and Technology (NTNU)
Prof. Dr. Franziska Holz
Stellvertretende Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin
Prof. Dr. Jochen Linßen
Leiter der Abteilung Integrierte Infrastruktur am Institute of Climate and Energy Systems – Jülicher Systemanalyse (ICE-2), Forschungszentrum Jülich GmbH (FZJ)
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich bestätige, dass keine Interessenkonflikte bestehen.“